Dr. Ljiljana Radonić
ljiljana.radonic@univie.ac.at

Lehrveranstaltungen

WS 2016/17

Gespaltene Erinnerung in Zentraleuropa: Gedenkmuseen, Mahnmale, Schulbücher, Familiengedächtnis

Mittwochs 16:45-18:15, Hörsaal 2, NIG, 2. Stock


Nach 1989 entstanden in den postsozialistischen Ländern aus Gründen der Abgrenzung zur real-sozialistischen Vergangenheit neue Geschichtsnarrative. Insbesondere vergangene Phasen vorgeblicher nationaler Unabhängigkeit rückten in den Blick der neuen Geschichtsschreibung. Während "Satellitenstaaten" NS-Deutschlands als Meilensteine auf dem Weg zur nationalen Unabhängigkeit verharmlost wurden, erinnerte man die kommunistische Ära vielerorts pauschal als fremdbestimmt und verbrecherisch. Dieser Entwicklung wird die Aufarbeitung der Vergangenheit in Österreich nach dem Ende des Opfermythos von Österreich als dem ersten Opfer des Nationalsozialismus gegenübergestellt. Gedächtnistheorien ermöglichen es, Erinnerungen nicht als "authentisch", sondern als auf die identitätsstiftenden Bedürfnisse der Gegenwart zugeschnitten zu begreifen. Einzelne, gruppenspezifische Formen des kollektiven Gedächtnisses inszenieren sich als DIE Geschichte, was notwendigerweise zu symbolischer und politischer Marginalisierung von anderen Erinnerungen führt. Im Kurs soll der Frage nach dem Verhältnis zwischen partikularen (im Real-Sozialismus unterdrückten) Erinnerungskulturen und der jeweiligen neuen staatlichen Vergangenheitspolitik, also dem politischen, justiziellen und kulturellen Umgang einer demokratischen Gesellschaft mit ihrer diktatorischen Vergangenheit (dem Zweiten Weltkrieg und dem Real-Sozialismus), nachgegangen werden. Gegenstand des Kurses ist der Niederschlag dieser Vergangenheitsnarrative in der Praxis: in Schulbüchern, Gedenkmuseen, Mahnmalinitiativen usw.

Nach einer theoretischen und methodischen Einführung durch die Lehrveranstaltungsleiterin stehen praxisnahe Primärquellen wie Schulbücher, Ausstellungskataloge von Gedenkmuseen oder Online-Ausstellungen im Fokus des Seminars. Jede Woche ich ein Pflichttext zu lesen. Anstelle langer Referate werden die Ergebnisse auf Handouts und in kurzen Impulsen präsentiert, zur Diskussion gestellt und mit Foto- und Filmmaterial begleitet. Die Kenntnis einer ost- oder südosteuropäischen Sprache ist erwünscht, aber natürlich keine Voraussetzung.

Beurteilungskriterien: Aufbereitung und kritische Diskussion ausgewählter Materialien inkl. Handout, Seminararbeit, regelmäßige, aktive Teilnahme.