Politische Biographie Otto Neuraths


Als 'Universalgenie' bezeichnete William Johnston in seinem Buch Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte Otto Neurath im Jahr 1972. Doch von der internationalen Forschung war er bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend ignoriert worden. Erst in den späten 1970er Jahren begannen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im internationalen Kontext verschiedene mit Neurath verbundene Fragestellungen aufzugreifen: die Sozialisierungsdebatte in der Zeit rund um den 1. Weltkrieg, die Gründung des Wiener Kreises, die Entstehung der Bildstatistik oder die Entwicklung der internationalen einheitswissenschaftlichen Bewegung. Obwohl dieses Interesse an Neurath zu einer ganze Reihe qualitativ hoch stehender Forschungspublikationen geführt hat, gibt es bis heute keine intellektuellen und politische Biographie Neuraths.


 


Wer aber war Otto Neurath? 1882 in Wien geboren, schlug er in seiner Laufbahn viele verschiedene Wege ein: Er war unter anderem Initiator und Organisator des Wiener Kreises, Leiter des Zentralwirtschaftsamtes in München 1919 und Gründer des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums in Wien. Doch er repräsentierte nicht nur eine Reihe innovativer Institutionen, sondern veröffentlichte auch zwischen 350 und 400 wissenschaftliche und politische Aufsätze, Rezensionen und Bücher. Als Sozialist emigrierte er 1934 von Österreich nach Holland, wo er das Mundaneum Museum in Den Haag leitete. Im Jahr 1940 musste er vor den deutschen Truppen nach England fliehen. In Oxford gründete er gemeinsam mit seiner dritten Frau Marie Reidemeister das Isotype Institut. Nicht nur seine engagierten wissenschaftlichen und politischen Aktivitäten, sondern auch seine berufliche Flexibilität und die zahlreichen internationalen Kontakte ermöglichten, dass diese Jahre in der Emigration für ihn relativ erfolgreich verliefen. Bis zu seinem unerwarteten Tod im Dezember 1945 blieb Neurath in England.


Die intellektuelle und politische Biographie wird zunächst das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik in Neuraths Werk und Leben diskutieren sowie der Frage nachgehen, ob er ein politischer Intellektueller oder ein apolitischer Experte war. Im Anschluss daran werden die Entwicklungen (aber auch die Unterbrechungen) bestimmter kontinuierlicher Fragestellungen und Themen (beispielsweise Utopie oder Einheitswissenschaft) während seiner Laufbahn analysiert. In diesem Kontext soll auch das Problem von Emigration und Wissenschaftswandel angesprochen werden. Schließlich wird die Rolle von (alternativer) Institutionalisierung, intellektuellen Netzwerken und der scientific community ins Blickfeld gerückt. Die erste intellektuelle und politische Biographie Neuraths soll sich am aktuellen Stand der wissenschaftlichen biographischen Debatte bewegen. Sie wird nicht nur bereits bekannte Fakten präsentieren, sondern auch unveröffentlichte Dokumente und Schriften verarbeiten (wie etwa seine Arbeiten zum deutschen 'Klima' und zum Nationalsozialismus), die Otto Neurath in einem neuen Licht präsentieren werden.


 

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