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Verehrter Herr Direktor!

Ich schreibe diesen Brief im Bett. Am 19. des Monats wollte ich nach Prag kommen, aber ich fürchte, dass das nicht möglich sein wird. Einige Monate hindurch war ich fast fieberfrei, am Sonntag aber wachte ich mit Fieber auf, das bis über 38 stieg und noch heute andauert. Das wird wahrscheinlich nicht die Folge einer Erkältung sein, sondern einer der Anfälle, die bei Lungenleiden üblich sind und gegen die man sich nicht wehren kann. Der Arzt, der mich untersucht hat und meine Lungen bis auf einen kleinen hartnäckigen Rest in der linken Spitze in gutem Zustand befand, hält dieses akute Fieber für wenig bedeutsam. Trotzdem muß ich natürlich, solange das Fieber andauert, im Bett bleiben. Vielleicht verliert sich das Fieber bis Freitag, dann würde ich mich doch noch auf den Weg begeben, andernfalls müßte ich noch einige Tage bleiben und würde dann das ärztliche Attest bringen.

Das Fieber, durch das ich übrigens auch an einem beträchtlichen Verlust an Körpergewicht Leide, ist für mich um so betrüblicher, als es mir unmöglich macht, nach so einem Langen Urlaub wenigstens jene kleine Pflicht des rechtzeitigen Dienstantritts zu erfüllen.


16. August 21

In Ehrfurcht ergebener Dr. Kafka
 


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at