Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

 

An Milena Jesenská

[Prag, September 1920]
 


Warum Milena schreibst Du von der gemeinsamen Zukunft, die doch niemals sein wird, oder schreibst Du deshalb davon? Schon als wir einmal abend in Wien flüchtig davon sprachen, hatte ich das Gefühl, als suchten wir jemanden, den wir genau kannten und sehr entbehrten und den wir deshalb mit den schönsten Namen riefen, aber es kam keine Antwort; wie konnte er denn antworten, da er doch nicht da war, im weitesten Umkreis nicht.

Es gibt wenig sicheres, aber das gehört dazu, dass wir niemals zusammenleben werden, in gemeinsamer Wohnung, Körper an Körper, bei gemeinsamem Tisch, niemals, nicht einmal in der gleichen Stadt. Fast hätte ich jetzt gesagt, es scheine mir das so gewiß, wie die Gewißheit, dass ich morgen früh nicht aufstehn (ich allein soll mich heben! Ich sehe mich dann unter mir wie unter einem schweren Kreuz, bäuchlings niedergedrückt, schwer habe ich zu arbeiten, ehe ich mich wenigstens ducken kann und der Leichnam über mir sich ein wenig hebt) und nicht ins Bureau gehen werde. Das ist auch richtig, ich werde gewiß nicht aufstehn, doch reicht das Aufstehn nur ein kleines Stück über Menschenkraft hinaus, das erreiche ich noch, soweit über Menschenkraft erhebe ich mich noch knapp.

Doch nimm das über das Aufstehn nicht zu wörtlich, so schlimm ist es nicht; dass ich morgen aufstehn werde, ist immerhin gewisser als die fernste Möglichkeit unseres Zusammenlebens. Übrigens meinst auch Du Milena es gewiß nicht anders, wenn Du Dich prüfst und mich und das "Meere zwischen "Wien" und "Prag" mit seinen unüberblickbar hohen Wellen.

Und was den Schmutz betrifft, warum soll ich ihn, meinen einzigen Besitz (aller Menschen einziger Besitz, nur weiß ich das nicht so genau) nicht immer wieder ausbreiten? Aus Bescheidenheit etwa? Nun das wäre der einzige berechtigte Einwand.

Dir wird ängstlich beim Gedanken an den Tod? Ich habe nur entsetzliche Angst vor Schmerzen. Das ist ein schlechtes Zeichen. Den Tod wollen, die Schmerzen aber nicht, das ist ein schlechtes Zeichen. Sonst aber kann man den Tod wagen. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden, hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche.


----------


Die Prospekte der zwei Sanatorien habe ich bekommen, Überraschungen konnten ja keine darin stehn, nur höchstens hinsichtlich der Preise und der Entfernungen von Wien. Darin sind beide Sanatorien etwa gleich. Unmäßig teuer, über 400 K täglich, wohl 500 K und dies auch noch unverbindlich. Von Wien etwa 3 Stunden Eisenbahnfahrt und eine halbe Stunde Wagenfahrt, also auch sehr weit, etwa so wie Gmünd, allerdings mit Personenzug. Übrigens scheint Grimmenstein doch um eine Kleinigkeit billiger zu sein und so würde es im Notfall, aber erst im Notfall gewählt.


----------


Siehst Du Milena wie ich nur an mich denke, immerfort, oder richtiger an den schmalen, uns gemeinsamen, nach meinem Gefühl und Willen für uns entscheidenden Boden und wie ich alles andere ringsherum vernachlässige, nicht einmal für Kmen und Tribuna habe ich Dir noch gedankt, so schön Du es wieder gemacht hast. Ich werde Dir mein Exemplar schicken, das ich hier im Tisch habe, aber vielleicht willst Du auch dazu paar Bemerkungen, dann muß ich es noch einmal lesen und das ist nicht leicht. Wie gern lese ich Deine Übersetzungen fremder Schriften. War das Tolstoi-Gespräch aus dem Russischen übersetzt? (. . . ) [ ca. 40 Wörter unleserlich gemacht ]


----------


Die Beilage. Damit Du auch einmal etwas zum Lachen von mir bekommst. "Je, ona neví, co je biják? Kindásek." ["Oh, sie weiß nicht, was Kino ist? Kintopp."]




1] zwei Sanatorien: Grimmenstein und Wiener Wald.


2] Kmen und Tribuna: Milenas Übersetzungen: Lev Tolstoj, "Cizinec a mužik" [Der Fremde und der Bauer] in: "Kmen", IV Jg., Nr. 25 (2. September 1920), S. 289-292, und "Franz Kafka: Z knihy průsy" [Aus einem Prosaband] in: "Kmen", IV, Jg., Nr. 26 (9. September 1920), S. 308-310. (Der Beitrag bietet die Übersetzung folgender Stücke aus Kafkas "Betrachtung": "Der plötzliche Spaziergang", "Der Ausflug ins Gebirge", "Das Unglück des Junggesellen", "Der Kaufmann", "Der Nachhauseweg" und "Die Vorüberlaufenden".)


3] Dir noch gedankt: Er "dankt" für ihre Beiträge: das E r s c h e i n e n ihrer Beiträge, denn g e s c h i c k t hat sie sie nicht.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at