Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

Max Brod an Franz Kafka

N 1- 4. X. [1917] - Prag, Postdirektion


Lieber Franz - Ich beginne also zu numerieren, hoffe aber, dass du meinen vorigen Brief mit der "Jenufa" erhalten hast.

    Ich habe dir für 2 Briefe und ein eben einlangendes Paket zu danken, das sich sehr angenehm anfühlt und wohl die Rebhühner enthält. Ich werde es erst zu Hause öffnen. Vielen Dank. Du bist sehr brav zu mir.

    Auch zu dir selbst? - Aus deinem letzten Brief ist die Krankheit schon ganz verschwunden und das sehe ich nicht so gern wie eine ausdrückliche Bemerkung von dir, dass dir gut ist und dass du nicht hustest (?). - Die Hauptsache war mir, dass du also versprichst, bald nach Prag zu kommen. Der Monat ist ja nahezu abgelaufen und ich bitte dich nun, lieber Franz, mir als Antwort auf diesen Brief zu schreiben, wann ich dich von der Bahn abholen soll. -

    Felix sieht schon besser aus und es scheint, dass er diese Krise wieder einmal hinter sich hat. Sein Rundfuttern besorgt die Frau ganz gut und so, als ob es nur darauf und auf nichts anderes ankäme. Eine schon zu abgedroschene Hinterlist vieler jüdischer Ehefrauen.

    Von mir schreibe ich ungern, denn es ist zu viel, es ist unübersehbar. Mein Elend hat einen guten Einfall gehabt, um Abwechslung in die Sache zu bringen. Es hat sich eines Tages mit rapidem Anlauf ungeheuer gesteigert und ist dann, aus äußerlichen Gründen, auf das vorige Mittel-Niveau zurückgesunken. Und das hat sich mir als Erleichterung und Wohltat äußersten Grades kundgegeben. Seither lebe ich wieder einigermaßen. Ich lebe eigentlich nur von Gnaden der beiden Frauen, die jetzt beide, als hätten sie es vereinbart, sehr gut zu mir sind. So ist der Konflikt zwar nicht aufgehoben (auch hier scheint auf lebenslängliche Strafe erkannt worden zu sein), auch nicht in den Hintergrund gedrängt, aber er hat sich wenigstens für die nächste Zeit gefestigt und läßt mir Zeit zur Arbeit.

    Ich habe Sonntag ein Stück vorgelesen, das ich ganz neu in den Roman (der noch keinen Titel hat) einfüge. - Ich habe keine Angst, dass der Anfang nicht zum Ganzen passen wird. Die "Schlacht" habe ich ohnedies aus Zensurgründen weggelassen. Das erste Kapitel ist nun eine Milieuschilderung, deren Bizarrerie durch all das Merkwürdige, das dann in Liberia geschieht, gut gestützt ist. So scheint es mir wenigstens. - Übrigens ist das eine Frage zweiten Ranges, den Problemen gegenüber, die ich jetzt vor mir sehe. Ich zweifle sehr daran, dass mir das Weitere gelingen wird.

    Zufällig erhielt ich vorgestern zwei Bücher, die mir helfen könnten. Beide von Hans Blüher "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" und "Volk und Führer in der Jugendbewegung". - Es ist eine Hymne auf die Päderastie, von der aller Kulturfortschritt erwartet wird. - Ich las die Bücher, ohne aufhören zu können. Heute aber bin ich doch schon etwas ernüchtert und sehe in ihnen mehr die Deskription des deutschen Mannes als des Mannes überhaupt. Blüher findet, dass nur der Eros zwischen Männern wahre soziale Arbeit schaffen kann, dass dagegen der Mann, der von Natur aus zur Frauenliebe neigt, nicht an der Gesellschaft, sondern nur im Kreise der Familie schaffen kann, also ein niedrigerer Typ ist. - Wenn du nach Prag kommst, gebe ich dir die Bücher. Du mußt sie unbedingt lesen. - Hast du übrigens das Buch von Scheler, das ich dir durch F. gesandt habe, schon gelesen??? Ich bin jetzt so weit beruhigt, dass ich dich bitten kann, mir über deine Lektüre zu berichten. Schreibst du etwas?

    Nichtwahr, du schreibst mir hin und wieder so, dass ich deinen Brief auch zu Hause zeigen kann.

Servus!                 Max        
 



Quelle: Franz Kafka ; Max Brod: Eine Freundschaft (II). Briefwechsel. Hrsg. von Malcolm Pasley. Frankfurt am Main 1989.


"Jenufa": Siehe Anm. 20 oben.


den Roman: "Das große Wagnis" (siehe Anm. 6 oben). Der utopische Staat Liberia ist der Hauptschauplatz dieses Romans.


Buch von Scheler: Vermutlich Max Scheler, Die Ursachen des Deutschenhasses, Leipzig: Neuer Geist Verlag 1917. Brod hatte sich früher mit Schelers Der Genius des Krieges auseinandergesetzt (in: Das Ziel, hrsg. Kurt Hiller, München und Berlin 1916, S. 71-79). Vgl. SL 100 f.


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at