Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

 

An Felice Bauer

20. IV. 13
 


Also jetzt Sonntag abend vor dem Schlafengehn und wirklich noch nichts für die Aussiger Verhandlung vorbereitet, trotzdem ich morgen kaum Zeit dazu haben werde und trotzdem ich für diese komplicierte Verhandlung tausend Dinge geordnet im Kopfe haben sollte, wenn ich nur mit einer kleinen Hoffnung auf Erfolg oder wenigstens mit einiger Sicherheit, mich nicht zu blamieren, hinfahren will. Aber ich kann nicht, ich kann nicht. Ja wenn es nur darauf ankäme, die Akten zu studieren, aber vor dieser Arbeit liegen, um meinen Widerwillen zu markieren, Felsen, die ich erst wegräumen müßte. Ich kann nicht. Fällt Dir, Felice, nicht auf, dass ich Dich in meinen Briefen nicht eigentlich liebe, denn dann müßte ich doch nur an Dich denken und von Dir schreiben, sondern dass ich Dich eigentlich anbete und irgendwie Hilfe und Segen in den unsinnigsten Dingen von Dir erwarte. Was könnte es sonst für einen Grund haben, dass ich von der Aussiger Reise z.B. schreibe.

Mein heutiger Brief vom Nachmittag wird angerissen ankommen, ich habe ihn auf dem Weg zum Bahnhof angerissen aus ohnmächtiger Wut darüber, dass ich Dir nicht wahr und deutlich schreiben kann, nicht wahr und deutlich, wie ich es auch versuche, dass es mir also nicht einmal im Schreiben gelingt, Dich festzuhalten und irgendwie Dir meinen Herzschlag mitzuteilen und dass ich dann also auch über das Schreiben hinaus nichts erwarten darf. So habe ich z. B. nachmittag geschrieben, dass ich nur unter den innern Gestalten wach werde oder ähnlich. Das ist natürlich falsch und übertrieben und doch wahr und einzig wahr. Aber so mache ich es Dir nie begreiflich, mir dagegen widerlich. Und doch darf ich nicht die Feder weglegen, was das beste wäre, sondern muß es immer wieder versuchen und immer wieder muß es mißlingen und auf mich zurückfallen. Darum habe ich den Brief angerissen und hätte ihn ganz zerreißen sollen und sollte es mit jedem Briefe tun, denn wenn Du bloß die Fetzen meiner Briefe in die Hand bekämest, es wäre dasselbe oder vielmehr es wäre besser.

Nun bist Du wohl schon in Berlin, das sich mir wieder füllt und in meiner Vorstellung wieder jenen würdigen und fast erhabenen Platz einnimmt, den es dort seit einem ½ Jahre hat.

Franz


[Auf der ersten Seite am Rande links] Im Berliner Tageblatt soll Mittwoch etwas ganz Hübsches über "Betrachtung" gewesen sein, ich habe es nicht gelesen, ich habe es erst heute erfahren




ganz Hübsches über "Betrachtung": Albert Ehrensteins Rezension von Kafkas Betrachtung im Berliner Tageblatt vom 16. April 1913, Beiblatt 4. Wiederabgedruckt in Kafka-Symposion, S. 135f.


Letzte Änderung: 8.6.2016werner.haas@univie.ac.at