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[An Felice Bauer]
[Prag, 6. Dezember 1912; Freitag]

6. XII. 12

So bin ich, Liebste, wieder ein großer, prächtiger Dummkopf gewesen, als ich mir wegen meiner Photographie Sorgen machte. Du mußt Dich entschieden an sie gewöhnt haben, als Du den Spaziergang längs der Stadtbahn machtest, sonst hättest Du nicht so lieb an mich gedacht. Nur die Kopfschmerzen waren vielleicht ein ‹berbleibsel des ersten Schreckens. Oder des zu langen Briefes, den Du mir vorher geschrieben hattest. Merke: Ich verdiene im besten Falle häufige Briefe von Dir, langer Briefe fühle ich mich wahrhaftig unwürdig, ich kann mir nicht helfen. Ich sehe mich in der Welt um, was ich tun könnte, um einen so langen Brief wie jenen mit der Reisebeschreibung zu verdienen und finde nichts. Es bleibt mir nichts übrig, als ihn zitternd wieder und wieder zu lesen.
Wegen meines Briefes, in dem ich mein Aussehn bedauere, habe ich noch jetzt Angst. Gott weiß, wie Du mich auslachen wirst! Und jeden Augenblick fürchte ich, ein Telegramm zu bekommen: "Franz, Du bist wunderschön". Dann hätte ich nichts zu tun, als unter den Tisch zu kriechen.
Sieh mal, glückliches Mädchen, wie man in dem beigelegten Zeitungsausschnitt, trotzdem es doch nur eine private Veranstaltung war, Deine kleine Geschichte öffentlich und übertrieben lobt. Und es ist kein gleichgültiger Mensch, der das geschrieben hat, sondern Paul Wiegler. Kennst Du ihn? Er hat ein paar schöne Bücher geschrieben und ein paar französische noch schöner übersetzt. Das Beneidenswerte an ihm ist, dass er schon im Februar nach Berlin kommt, und ich? Allerdings kommt er als Theaterkritiker zur Berl. Morgenpost und das ist wieder nicht beneidenswert. Jeder hat sein Leid.
Ach, Liebste, es ist höchste Zeit zu schließen und zu küssen, sonst tritt mein Chef zwischen uns und das muß verhindert werden. Liebste, Liebste! Noch diese zwei Schreie.

Dein Franz

Gestern war der letzte zweite Tagesbrief, heute ist es der allerletzte.

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Gerade unterschreibe ich einen Brief an den Mann Deiner Reisebegleiterin, die Dich Engelchen nannte, Du Engelchen.

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‹ber die Photographie, die für mich riesig wichtig und belehrend ist, schreibe ich Dir in der Nacht.

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Montag muß ich nach Leitmeritz. Was hat denn die kleine Brühl zu meiner Ansichtskarte gesagt? Hast Du meine beiden Karten bekommen?

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Jetzt fällt mir aber noch ein, dass Dein Brief vom 4. ist, wie kommt das, er wurde Mittwoch - aber Dummheiten, ich irre mich im Datum, jetzt dachte ich schon wieder, Du hättest damals meine Photographie noch nicht gehabt.


Paul Wiegler: Der Schriftsteller, Kritiker und ‹bersetzer Paul Wiegler (1878 - 1949). In seiner Rezension (Bohemia, 6. Dezember 1912, S. 12) heißt es über Kafka: "Seine Novelle 'Das Urteil' ist der Durchbruch eines großen, überraschend großen, leidenschaftlichen und disziplinierten Talentes, das schon jetzt die Kraft hat, allein seinen Weg zu gehen."

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at