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[An Felice Bauer]
[Prag, Nacht von 4. zum 5. Dezember 1912]

Ach Liebste, unendlich Geliebte, für meine kleine Geschichte ist nun wirklich schon zu spät, so wie ich es mit Furcht geahnt habe, unvollendet wird sie bis morgen nacht zum Himmel starren, für Dich aber, Felice, kindische Dame, ist gerade jetzt und immer gerade jetzt die einzig richtige Zeit. Ich nehme das Telegramm als Kuß und da schmeckt es gut, macht froh, stolz und hochmütig, aber als Glückwunsch, Liebste? Jeder andere Abend ist wichtiger als der heutige, der doch nur meinem Vergnügen galt, während die andern Abende für meine Befreiung bestimmt sind. Liebste, ich lese nämlich höllisch gerne vor, in vorbereitete und aufmerksame Ohren der Zuhörer zu brüllen, tut dem armen Herzen so wohl. Ich habe sie aber auch tüchtig angebrüllt und die Musik, die von den Nebensälen her mir die Mühe des Vorlesens abnehmen wollte, habe ich einfach fortgeblasen. Weißt Du, Menschen kommandieren oder wenigstens an sein Kommando zu glauben - es gibt kein größeres Wohlbehagen für den Körper. Als Kind - vor paar Jahren war ich es noch - träumte ich gern davon, in einem großen mit Menschen angefüllten Saal - allerdings ausgestattet mit einer etwas größern Herz-, Stimm- und Geisteskraft als ich sie augenblicklich hatte - die ganze "Éducation sentimentale" ohne Unterbrechung so viel Tage und Nächte lang, als sich für notwendig ergeben würde, natürlich französisch (o du meine liebe Aussprache!) vorzulesen und die Wände sollten widerhallen. Wann immer ich gesprochen habe, reden ist wohl noch besser als vorlesen (selten genug ist es gewesen) habe ich diese Erhebung gefühlt und auch heute habe ich es nicht bereut. Es ist - und darin soll die Verzeihung liegen - das einzige gewissermaßen öffentliche Vergnügen, das ich mir seit einem Vierteljahr fast gegönnt habe. Mit fremden Menschen habe ich wirklich seit dieser Zeit fast gar nicht gesprochen. Nur mit dem einzigen Stoessl; Deinen Schmitz, mit dem ich vor etwa 14 Tagen hätte zusammenkommen sollen - es war fast ausschließlich die Beziehung zu Dir, die mich an ihm lockte - habe ich im Bett verschlafen. Kennst Du Stoessl? Das ist ein prachtvoller Mensch, das Menschenschöpferische schaut ihm wahrhaftig aus dem Gesicht, das sonst mit seiner Blutfülle und seiner Hakennase auch einem jüdischen Schlächter gehören könnte. (Warte, ich habe ja da in einem Katalog sein Bild und lege es gleich bei.) Ich rede da ein wenig ungeordnet herum, aber wenn ich es vor Dir, Liebste, nicht dürfte, vor wem denn sonst? Es kommt übrigens gewiß noch von dem Vorlesen her, von dem mir noch ‹berbleibsel in den Fingerspitzen stecken. Um nichts Auffälliges, aber doch unbedingt etwas von Dir bei der Hand zu haben, hatte ich mir Deine Festansichtskarte mitgenommen und hatte mir vorgenommen, während des Vorlesens die Hand ruhig auf ihr liegen zu lassen und auf diese Weise mittels einfachster Zauberei von Dir gehalten zu werden. Aber als mir dann die Geschichte ins Blut ging, fing ich mit der Karte zuerst zu spielen an, dann aber drückte und bog ich sie schon ohne Besinnung, gut dass an Stelle der Karte nicht Deine liebe Hand gewesen ist, Du könntest mir sonst morgen gewiß keinen Brief schreiben und es wäre ein viel zu teuerer Abend für mich gewesen. Aber Du kennst ja noch gar nicht Deine kleine Geschichte. Sie ist ein wenig wild und sinnlos und hätte sie nicht innere Wahrheit (was sich niemals allgemein feststellen läßt, sondern immer wieder von jedem Leser oder Hörer von neuem zugegeben oder geleugnet werden muß) sie wäre nichts. Auch hat sie, was bei ihrer Kleinheit (17 Schreibmaschinenseiten) schwer vorstellbar ist, eine große Menge von Fehlern und ich weiß gar nicht, wie ich dazu komme, Dir eine solche zumindest sehr zweifelhafte Geburt zu verehren. Aber jeder gibt eben, was er hat, ich die kleine Geschichte mit mir als Anhängsel, Du das ungeheure Geschenk Deiner Liebe. Ach Liebste, wie glücklich bin ich durch Dich; in die eine Träne, die mir am Schluß Deine Geschichte in die Augen trieb, mischten sich auch Tränen dieses Glücks.
Sag, wie mache ich mich nur würdig z.B. Deines heutigen Briefes, etwa seines zweiten Bogens, den nur von mir verbrecherisch erpreßte Qual erfüllt? Wie habe ich aufgeatmet, als mit dem dritten Bogen mit den Erinnerungen an jene von mir noch nicht verdunkelte Reise ein wenig Ruhe über Dich kam. Sieh doch, wie man mit uns Menschen spielt, Du klagst, dass Du von Prag weggefahren bist, ohne dass jemand für Dich auf die Bahn kam, und ich - ich glaube es wenigstens heute in der Rückerinnerung - ich hätte auf dem Laufbrett Deines Waggons die Fahrt mitmachen wollen, um in Dein Coupé sehn zu können. (Aber das ist doch verrückt, ich hätte ja ruhig einsteigen können - aber in der bedenklich tiefen Nacht, die jetzt schon ist, scheint einem das Schwierigste - für die Liebste getan - nicht schwierig genug.) Es fällt mir gerade ein: in einem Deiner letzten Briefe hast Du einmal "Dir" statt "mir" geschrieben, wenn der Schreibfehler einmal Wirklichkeit werden könnte! (Ruhe, Ruhe! Ich halte schon den Mund.) - Also mit der Filiale habe ich Dich einmal ertappt - kein Leugnen! kein Leugnen! - eine eigentliche Filiale habt Ihr also in Prag nicht. Die Fa Adler habe ich natürlich längst entdeckt und jedesmal, wenn ich vorüberging, habe ich ausgespien, denn ich dachte, es wäre eine Konkurrenz von Euch, ebenso wie ich es vor dem Geschäft einer gewissen Gramophone Company tue. Wird übrigens mein Rat befolgt und ein Grammophon Salon in der Friedrichstraße eröffnet? Wenn sich der rentiert, könnte dann noch einer irgendwo im Westen aufgemacht werden. In Paris saß in der Mitte des Raumes auf sehr erhöhtem Sitz eine bedeutende Dame und hatte nichts zu tun, als mit einer Hand den Besuchern Geld in Spielmarken umzutauschen. Wie wäre es, wenn Du als Anregerin der Sache in Berlin diesen Posten bekämest. Ich sage es nur deshalb, weil Du dann mit der andern für den Dienst unnötigen Hand den ganzen Tag Briefe an mich schreiben könntest. Liebste, was für Narrheiten erfindet das Verlangen nach Dir. Liebste, ich werde ganz traurig über mich. Hätte ich die Zeit, während welcher ich Briefe an Dich geschrieben habe, zusammengeschlagen und zu einer Reise nach Berlin verwendet, ich wäre längst bei Dir und könnte in Deine Augen sehn. Und da fülle ich Briefe mit Dummheiten, als dauerte das Leben ewig und um keinen Augenblick weniger lang.
Nein, jetzt schreibe ich nicht mehr weiter, die Lust ist mir ganz und gar vergangen, ich gehe ins Bett und werde vor mich hin Deinen Namen, Felice! Felice! sagen, der alles kann, aufregen und beruhigen. Gute Nacht und träume süß, wie man bei uns sagt. Nur eine Frage noch. Wie schreibst Du im Bett? Wo ist das Tintenfaß? Das Papier hältst Du auf Deinen Knien? Ich könnte es nicht und Deine Schrift ist sicherer dabei, als meine wenn ich beim Schreibtisch sitze. Und bekommt die Bettdecke keine Tintenkleckse ab? Und der arme, arme Rücken! Und die lieben Augen verdirbt man sich unweigerlich. Und umgekehrt wie in China ist es hier der Mann, welcher der Freundin das Licht wegnehmen will. Deshalb ist er aber nicht vernünftiger als der chinesische Stubengelehrte (immer findet man in der chinesischen Literatur diesen Spott und Respekt vor dem "Stubengelehrten") denn dass die Geliebte in der Nacht Briefe schreibt, will er nicht, die Nachtbriefe selbst aber reißt er dem Briefträger gierig aus der Hand.
Nun leb wohl, Liebste, einen letzten Kuß. Ich setze meine Unterschrift her

Franz


und bin allein. Aber ich bin nicht allein, denn ich darf Dich ja auch noch hinter der Unterschrift küssen, denke ich. Liebste, wenn ich mich bei unserer wirklichen Zusammenkunft einmal auch so schwer von Dir verabschieden werde wie jetzt, wirst Du einsehn, dass das Leid, das ich Dir mit meinen Briefen angetan habe, eine Kleinigkeit war gegen die Beschwerden des wirklichen Verkehrs mit mir. Adieu, Liebste. Der neue Brief von meiner letzten Unterschrift an verlangt neue Küsse und nimmt sie in Gedanken.

[Am Rand]
Heute kommt also kein Brief mehr.


Stoessl: Der österreichische Erzähler und Essayist Otto Stoeßl (1875 - 1936). Vlg. Max Brod: Franz Kafka, eine Biographie: "Am 14. Oktober war der große Wiener Erzähler Otto Stoessl, den Kafka und ich außerordentlich schätzten, bei mir zu Besuch, und wir spazierten zu dritt durch die Gassen der Prager Kleinseite". Kafka legte dem Brief einen Ausschnitt aus dem Verleger-Katalog Das Buch des Jahres 1912 mit einem Bild Stoeßls bei. Neben dem Bild ist eine Besprechung von Stoeßls Roman Morgenrot zitiert: "Man wird an keinen Geringeren als an Raabe und seinen "Hungerpastor" gemahnt." Dazu schrieb Kafka an den Rand: "Ach was, der Hungerpastor! Wie will der mit dem Morgenrot verglichen werden!"
Geschichte: Das Urteil.
Mann: Bezieht sich auf das Gedicht "In tiefer Nacht" von Yan-Tsen-Tsai.

Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at