Voriger Eintrag Jahresübersicht | IndexseiteNächster Eintrag

 

An Hedwig W.

[Prag, Mitte April 1909]
 

Liebes Fräulein,

Sie sind, als Sie jenen Brief geschrieben haben, in einem schlechten, aber keinem dauerhaften Zustand gewesen. Sie sind allein, schreiben Sie, vielleicht sind Sie es nicht ganz ohne Absicht - solche Absichten haben natürlich keinen Anfang und kein Ende - und Alleinsein ist arg von außen gesehn, wenn man so manchmal vor sich sitzt, aber es hat gewissermaßen auf der Innenwand seinen Trost. Lernenmüssen allerdings sollte es nicht ausfüllen, das ist schrecklich, wenn man gar sonst noch zittert, das weiß ich. Man glaubt dann, ich kann mich gut erinnern, man stolpere unaufhörlich durch unvollendete Selbstmorde, jeden Augenblick ist man fertig und muß gleich wieder anfangen und hat in diesem Lernen den Mittelpunkt der traurigen Welt. Für mich ist es aber im Winter immer schlimmer gewesen. Wenn man so im Winter schon nach dem Essen die Lampe anzünden mußte, die Vorhänge heruntergab, bedingungslos sich zum Tisch setzte, von Unglück schwarz durch und durch, doch aufstand, schreien mußte und als Signal zum Wegfliegen stehend noch die Arme hob. Mein Gott. Damit einem ja nichts entging, kam dann noch ein gutgelaunter Bekannter, vom Eisplatz meinetwegen, erzählte ein bischen, und als er einen ließ, machte sich die Türe zehnmal zu. Im Frühjahr und Sommer ist es doch anders, Fenster und Türen sind offen und die gleiche Sonne und Luft ist in dem Zimmer, in dem man lernt und in dem Garten, wo andere Tennis spielen, man fliegt nicht mehr in seinem Zimmer mit den vier Wänden in der Hölle herum, sondern beschäftigt sich als lebendiger Mensch zwischen zwei Wänden. Das ist ein großer Unterschied, was aber noch an Verfluchtem bleibt, das maß man doch durchreißen können. Und Sie werden es sicher können, wenn ich es konnte, ich, der förmlich alles nur im Fallen machen kann. - Wenn Sie etwas von mir wissen wollen: das vom Fräulein Kral ist ein Märchen, ob schön, weiß ich nicht, meine Mutter wird nächste Woche operiert, mit meinem Vater geht es immer mehr herunter, mein Großvater ist heute schwer ohnmächtig geworden, auch ich bin nicht gesund.

Dein Franz


Letzte Änderung: 17.4.2009werner.haas@univie.ac.at