Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Gewölbeformen in Oberösterreichs Kirchen


Fototafel

Kreuzrippengewölbe mit Schlußstein

Enns, Minoritenkirche, Chorgewölbe mit Schlußstein

Enns, ehemalige Minoritenkirche, Chorgewölbe

Das vierteilige Kreuzrippengewölbe ist die einfachste Form des gotischen Gewölbes. Die Raumwirkung wird im wesentlichen von der Form der Wölbeschale und der Dimensionierung der Rippenprofile bestimmt. Das Kreuzrippengewölbe bildet die Grundstruktur für viele jochgebundene Sterngewölbe, wie zB für die Rautensternfigurationen. Es wird jedoch durch die späteren Stern-, Netz- oder Schlingrippengewölbe nicht vollkommen verdrängt, sondern besteht in untergeordneten Räumen weiter. Einen wichtigen Gestaltungsfaktor bilden die Schlußsteine, welche in der Frühzeit oft weit ausladend und tellerförmig sind und in der späteren Gotik bis unter Rippenbreite schrumpfen können, wenn sie nicht durch Schildchen ersetzt werden.

Vierteiliges Rautensterngewölbe

Hallstatt, Pfarrkirche, Grundriß

Hallstatt, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt, Grundriß

Die als Typus interessante Einstützenkirche mit Doppelchor wurde um 1510 vollendet. Der quadratische Hauptraum wird von vier einfachen Rautensternen gewölbt. Der vierteilige Rautenstern gehört zu den älteren Sternfigurationen und entsteht gleichsam durch Auffächern der Diagonalrippen eines Kreuzrippengewölbes. Er wird meist zur Überwölbung von Kleinräumen verwendet.

Lit.: Buchowiecki 1952, S. 371. Damrich 1990, S. 16 - 36.

Zweiparallerippengewölbe

Schöndorf, Filialkirche, Langhaus gegen Westen

Schöndorf, Filialkirche Mariä Himmelfahrt, Langhaus

Schöndorf, Filialkirche, Grundriß
Schöndorf, Filialkirche, Grundriß

Die um 1476 geweihte Kirche gehört zu einer Gruppe von zweischiffigen Bauten, welche die Zweiparallelrippenfiguration mit zentralisierenden Gewölbesternen vor dem Chorbogen kombinieren. Die Zweiparallerippenfiguration wurde erstmals durch Peter Parler am Prager Veitsdom als Chorwölbung verwirklicht, wobei dort die Scheitelrauten noch im rhythmischen Wechsel angeordnet sind. Die Figuration wird dann rasch Allgemeingut, wobei eine regelmäßige Abfolge von Scheitelrauten angestrebt wird. Sie wird sowohl auf Tonnengewölbe appliziert, als auch auf leicht kuppelige Gewölbeschalen, sodaß der ursprünglich jochverschleifende Charakter der Figuration teilweise aufgehoben scheint. Dies wird fallweise durch die Einführung von Gurtrippen noch verstärkt.

Lit.: Buchowiecki 1952, S. 320.

Netzrippengewölbe

Steyr, Stadtpfarrkirche, Grundriß    Steyr, Stadtpfarrkirche, Gewölbe des Mittelschiffs
Steyr, Stadtpfarrkirche, St. Ägid und Koloman, Grundriß und Gewölbe des Chormittelschiffs

Die Wölbung des Mittelschiffs entspricht dem Entwurf auf den originalen Grundrißvisierungen, wurde aber erst in den 70er-Jahren des 15. Jahrhunderts verwirklicht. In der Grundrißprojektion erscheint die Rippenfiguration als ein fast regelmäßiges Netz im Sinne einer Vierparallelrippenwölbung, bei der das diagonale mittlere Rippenpaar auf eine Vorlage zusammengeführt wird. Man erwartet also eine jochverschleifende Wölbung. In der Raumansicht jedoch bildet sich durch die leicht kuppelige Wölbeschale über den Jochen optisch eine Folge von Knickrippenringen aus, wie sie bei der "geknickten Reihung" der Langhauswölbung von St. Stephan auch im Grundriß zu erkennen ist. Sie hat ihren Ursprung in den Knickrippensternen im älteren Langhaus von Maria am Gestade in Wien.

Lit.: Koch 1993, S. 26 - 35, Nußbaum 1989, S. 244 f.

Geknickte Reihung

St. Georgen im Attergau, Pfarrkirche, Chor

St. Georgen im Attergau, Chor

St. Georgen im Attergau, Pfarrkirche, Chor, geknickte Reihung
St. Georgen i. A., Chorgewölbe, geknickte Reihung

Der Chor der Pfarrkirche von St. Georgen dürfte nach der Mitte des 15. Jahrhunderts erbaut worden sein und erhielt sein Langhaus erst nach 1480. Die sogenannte "geknickte Reihung" im Chor ist eigentlich eine Leitform der Wiener Bauhütte. Sie entstand unter Hans Puchspaum durch Umwandlung der Knickrippensterne (Maria am Gestade, Langhaus) zu einer Rautennetzfiguration. Sie wird außerhalb der Wiener Hütte selten verwendet und wurde vermutlich durch Stephan Krumenauer von Wien nach Ostbayern gebracht. Von hier aus scheint sie zurück in den Mondsee-Attergau-Bezirk transferiert worden zu sein. Ein Einfluß aus Wien über die Steyrer Bauhütte dürfte auszuschließen sein, da die Mittelschiffswölbung des Chores von Steyr kaum noch Charakteristika der geknickten Reihung aufweist.

Lit.: Ulm 1973. Ulm 1981.

Wechselberger-Figuration

Mondsee, ehem. Stiftskirche, Gewölbe

Mondsee, ehemalige Stiftskirche, hl. Michael, Mittelschiffswölbung

Mondsee, ehem. Stiftskirche, Grundriß  
Mondsee, Grundriß

Der terminus technicus für diesen Gewölbetyp ist eigentlich irreführend. Die sogenannte Wechselberger-Figuration geht nämlich nicht auf den Burghausener Baumeister Hans Wechselberger zurück, der sie 1477 in Heiligenkreuz bei Burghausen verwendete, sondern findet sich erstmals im Langhaus der von Peter Harperger errichteten Kirche von St. Leonhard bei Tamsweg. Diese wurde schon 1434, also mehr als 40 Jahre vor dem Bau Wechselbergers, geweiht. Die Figuration stellt eine Modifikation der Chorwölbung von St. Martin in Landshut dar und strahlte nach ihrer Umformung in Salzburg in den Bayrisch-Innviertler Raum aus, wo sie zu einer Art Leitform wurde.

Lit.: Nußbaum 1989, S. 238f.

Kassetten und Bogenquadrate

Steyr, Stadtpfarrkirche, hl. Ägid und Koloman, rechtes Seitenschiff

Steyr, Stadtpfarrkirche, hl. Ägid und Koloman, rechtes Seitenschiff

Steyr, Stadtpfarrkirche, hl. Ägid und Koloman, Seitenschiffsgewölbe

Die von Hans Puchspaum geplante Wölbung des 1443 begonnen Hallenchores wurde nur im Mittelschiff ausgeführt, während die Seitenschiffswölbungen von Puchspaums Nachfolger Mert Kranschach um 1470 in ihrer Form abgewandelt wurden. Die Wölbung des südlichen Seitenschiffs beruht auf zwei gekreuzten und um 45 Grad gegeneinander verdrehten Rippenzügen, die im Gewölbescheitel zu kleinen wandparallelen Quadraten aufgespalten sind, während an den Jochgrenzen die Gurtbögen durch Rautenquadrate aufgelöst erscheinen. In die kassettenartige Scheitelfigur ist ein Bogenquadrat eingeschrieben. Kennzeichnend für die Entstehungszeit in den 70er-Jahren des 15. Jahrhunderts ist die Konzentration kleinteiliger untektonischer Motive im Gewölbescheitel. Die Bogenquadrate und die Kassettenformen bilden in der Folge ein Leitmotiv der Steyrer Bauhütte.

Lit.: Koch 1993, S. 35 - 37.

Bogenrippen und Maßwerkgewölbe

Hirschbach, Pfarrkirche, Chorgewölbe Hirschbach (?), Langhausgewölbe

Hirschbach i. M., Gewölbe, links Chor, rechts Langhaus

Hirschbach, Pfarrkirche, original Baualterplan von B.Ulm
Hirschbach im Mühlkreis, Grundriß

Hirschbach im Mühlkreis, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt. Der Chor wurde gegen Ende des 15. Jahrhunderts begonnen, das Langhaus um 1500 gewölbt. Die ältere Chorwölbung zeigt eine Verbindung von geraden rautensternartigen Rippenzügen, die im Scheitel durch kurvige Rippenbahnen dynamisiert werden. Dieser Figuration ist eine freie Maßwerkverzierung vorgeblendet. Die Betonung der Chorwölbung liegt auf der dekorativen Dynamisierung. Wesentlich anders ist die Mittelschiffswölbung ausgeführt. Ihr Grundgerüst ist ein gurtbogenloses Kreuzrippengewölbe, in das großzügig dimensionierte halbkreisförmige Bögen eingeschrieben sind, welche jochübergreifende Bogenquadrate ausbilden. Auch beim Chorgewölbe sitzen die dekorativen Maßwerkformen an den Jochgrenzen.

Lit.: Ulm 1962, S. 84f. Ulm 1976, S. 100.

Schlingrippengewölbe

Freistadt, Stadtpfarrkirche, hl. Katharina, Chorgewölbe

Freistadt, Stadtpfarrkirche, hl. Katharina, Chorgewölbe

Freistadt, Stadtpfarrkirche, Grundriß
Freistadt, Stadtpfarrkirche, Grundriß

Die Freistädter Chorwölbung wird von Benno Ulm als eine Schöpfung des Freistädter Baumeisters Mathes Klayndl angesehen, dessen Tätigkeit durch mehrfache Urkunden gesichert ist. Die Wölbung wurde unmittelbar vor der von Benedikt Ried ausgeführten Wölbung des Wladislaw-Saals begonnen und wäre somit als erste monumentale Schlingrippenwölbung anzusehen. Die starke stilistische Verwandtschaft der beiden Wölbungen in Freistadt und Prag und vor allem die hohe Ausführungsqualität wurde schon früh erkannt und mit einer gemeinsamen künstlerischen Wurzel von Ried und Klayndl erklärt (B. Ulm). Doch hat jüngst Arthur Saliger (mündl. Mitteilung) vorgeschlagen, die Autorschaft der Freistädter Chorwölbung Benedikt Ried und lediglich die urkundlich nicht von der Hand zu weisende Ausführung Mathes Klayndl zuzuschreiben. Eine Zuschreibung an Anton Pilgram, der an der Entwicklung der monumentalen Schlingrippenwölbungen Anteil hatte, in Verbindung mit einer Spätdatierung um 1507 (R. Feuchtmüller) wird heute allgemein abgelehnt.

Lit.: Feuchtmüller 1951. Ulm 1962, S. 84. Ulm 1976 S. 75 - 77. Brucher 1990, S. 206 - 209

Schlingrippengewölbe

Königswiesen, Pfarrkirche Ma. Himmelfahrt, Gewölbedetail

Königswiesen, Pfarrkirche, Mariä Himmelfahrt, Detail aus dem Gewölbe des Langhauses

Königswiesen, Pfarrkirche, Original-Baualterplan B. Ulm
Königswiesen, Pfarrkirche, Mariä Himmelfahrt
Baualterplan, Original B. Ulm

An das im Kern romanische Langhaus schließt ein im 14. Jahrhundert errichteter Polygonchor mit Kreuzrippengewölbe an. Um 1520 wurde das Langhaus nach Süden zweischiffig erweitert und erhielt ein Schlingrippengewölbe, das in seiner technischen Ausführung zu den Spitzenwerken der sogenannten "zweiten Barockgotik" zählt. Der Raum wird vollständig von den aus den Pfeilern sich entwindenden Rippenverschlingungen bestimmt, wobei die Gewölbeschale in ein dichtes, kaum zu entwirrendes Ornament von 480 Gewölbefeldern aufgeteilt wird. Einzelne Rippenzüge beschränken sich nicht auf das Joch, sondern greifen über die Schiffsgrenzen hinaus. Vorstufen zu diesem Meisterwerk sind unter anderem die Chorwölbung in Freistadt und die Schlingrippengewölbe Benedikt Rieds.

Lit.: Ulm 1962, S. 83 f. Ulm 1976, S. 119f. Nußbaum 1989, S. 261. Brucher 1990, S. 209 f.

Bogenrippen und freie Verstäbung

St. Martin im Mühlkreis, Pfarrkirche, Grundriß

St. Martin im Mühlkreis, Pfarrkirche, Grundriß

Der Chor der Pfarrkirche von St. Martin im Mühlkreis (Mitte 15. Jahrhundert), das Langhaus (im Kern romanisch, 2. Hälfte 15. Jahrhundert gewölbt) und die im Süden angebaute Marienkapelle (bezeichnet 1519) weisen entsprechend dem Stilwandel völlig unterschiedliche Wölbesysteme auf. Der Chor zeigt eine Verbindung von Stern- und Netzrippen mit starker Betonung der Joche durch die Wölbeschale. Das zweischiffige Langhaus trägt eine jochverschleifende Zweiparallelrippenfiguration, die letztlich ihre Wurzeln in der Parlerarchitektur hat, jedoch vor dem Triumphbogen durch zusätzliche Rippenzüge betont wird. Völlig anders zeigt sich die Figuration der Marienkapelle, eine Art Netzrippengewölbe, dessen Rippen sich Ästen gleich verkrümmen und überschneiden und somit die ursprüngliche Stern- und Netzfigur in extremer Form dynamisieren. Die Marienkapelle, Hauptwerk einer volkstümlichen Donaukunst, gehört in einen größeren Zusammenhang mit Bauten in Ottau, Haslach und Kalsching (Böhmen).

Lit.: Ulm 1976, S. 186 f., Ulm 1988, S. 379.

 

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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005