Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Bauhütten und Bauorganisation - Wolfgang Tenk, ein Baumeister der Spätgotik in Steyr


Epitaph des Baumeisters von Steyr, Wolfgang Tenk

Abguß, H 2, 4 m, B 1,14 m
Roter, weiß geäderter Marmor
Steyr, Stadtpfarrkirche, südliches Seitenschiff

Das früher an der nördlichen Außenwand der Stadtpfarrkirche rechts neben der Vorhalle angebrachte Grabdenkmal nennt den am 20. September 1513 verstorbenen Wolfgang Tenk, der von 1483 bis zu seinem Tode als Werkmeister der Kirche tätig war. Tenk war schon vor 1480 Mitglied der Admonter Steinmetzbruderschaft, der er schließlich auch vorstand. Die in gotischer Minuskel ausgeführte Grabinschrift lautet:

Hie leit begraben der erbar Maister Wolfgang / tenc schtainmez der paumaister ist gebesen / hie pei diser ckirichen dem got genadig sei / der gestorben ist an erchtag nach des heilige(n) / ckreiz tag erhebum Anno domini 1 . 5 . 13 .

Über der Inschrift befindet sich im Zentrum der gekreuzigte Christus, umgeben von Blattornamenten, in welchen die Brustbilder der Quattuor Coronati (Vier Gekrönten) erscheinen. Sie waren der Legende nach vier christliche Steinmetzen (Claudius, Nicostratus, Simpronianus und Castorius), die unter dem römischen Kaiser Diokletian den Märtyrertod fanden. Am Grabstein werden die vier Heiligen mit typischen Werkzeugen des Steinmetzhandwerks wiedergegeben. Links oben ist der Anreißvorgang mit dem Stechzirkel dargestellt, rechts oben die Bearbeitung mit einem beidhändig geführten Doppelspitz, links unten die Tätigkeit mit Klüpfel und Scharriereisen, das führende gotische Steinmetz-Werkzeug für die Flächenbearbeitung. Rechts unten wird das Anzeichnen mit der Reißnadel gezeigt. Die Quattuor Coronati repräsentieren somit in jeweils diagonal angeordneten Paaren die Tätigkeiten des Meisters: Konstruieren und Bearbeiten der Werkstücke nach den Regeln der Steinmetzkunst

 

Siegel der Steinmetzen von Wien (bezeichnet 1651)
DER * PVRGERLICHEN * STEINMEZEN * VNNDT * MAVRER* SIGILL* DER HAVPTHITTEN * PEV * S . STEFFAN : IN WIEN *

S [igillum] FRATERNITA [tis]  LAPIG [! recte C]IDARVM VIENENSIV [m] AVSTRIAE
( = "Siegel der Bruderschaft der Wiener Steinmetzen in Österreich")

Zu Füßen des Gekreuzigten kniet der Verstorbene, dessen Gesichtszüge Portraitcharakter haben. Die Bekleidung mit Schaube und Birett kann als Repräsentationstracht der Wende vom 15. zum 16. Jh. nachgewiesen werden. Das vom Verstorbenen ausgehende, das Kreuz Christi umschlingende Schriftband trägt die Devise "amor meus crucifixus est". Unter dem Kreuzesstamm ist Wolfgang Tenks Wappen (Meisterzeichen) angebracht, das auch 1480 im Admonter Hüttenbuch aufscheint. Rechts neben dem Kreuz steht ein Schildhalter mit Kittel und Schurz, wohl ein Steinmetz. Der Wappenschild zeigt einen gerüsteten rechten Arm mit einer Doppelfläche (Steinhacke). Ähnliche Wappen sind im Buch der Admonter Steinmetzbruderschaft (1480) sowie für die Wiener Bauhütte (1651) überliefert.

Über die Lebensdaten Wolfgang Tenks wurden zahlreiche zum Teil unhaltbare Vermutungen angestellt. Weder seine Herkunft aus Wiener Neustadt noch aus Braunau ist gesichert. Behauptungen, Tenk wäre in Blaubeuren und an der Pfarrkirche von Perchtoldsdorf durch sein Steinmetzzeichen nachweisbar, sind falsch. Konkretes erfahren wir von Tenk erst 1475, wo "Meister Wolfgang der Steinmetz" im Überschlag der Stiftsauslagen von Admont für "Sold, Speis und Notturfft" einen täglichen Bezug von 16 Pfennigen erhält und finanziell dem Stiftszimmermeister gleichgestellt wird. Im Admonter Hüttenbuch erscheint Tenk bereits mit Wappen und Zeichen als Hüttenmeister an vornehmster Stelle.

Lit.: Gerhard Jaritz. in: Tausend Jahre Oberösterreich. Das Werden eines Landes, Katalogteil, Linz 1983, 183f., Koch 1993, S. 47ff. Rainer F. Schramml, Katalog der Grabdenkmäler, ebenda, 221f.
 

 

[weiter ...]


Startseite     Inhalt: Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich


© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005