Kirchenbaukunst der Gotik in Oberösterreich

Baubetrieb und Bautechnik - Beispiele der Steinmetzkunst



Gotikausstellung 2002: Nachbau eines Reißbodens
mit gotischen Werkstücken und originaler Steinzange.

Die begehbare Plattform symbolisiert die Praxis des mittelalterlichen Bauhüttenbetriebes mit Architekturteilen oberösterreichischer Kirchenbauten. Die Auswahl zeigt neben den verschiedenen Formaufgaben die Vielfalt an verwendeten bodenständigen Materialien, wie Bauteile aus Granit, Kalkstein, Rotkalk ("Roter Marmor") und als Beispiel frei formbarer künstlicher Baumaterialien gebrannten Ton. Auf der Plattform ist die Funktion eines Reißbodens angedeutet, der bei der Herstellung von Bauteilgruppen eine bedeutende Rolle spielte.

 

Funktion der Steinzange

Ein wichtiges Hilfsmittel beim Versatz der profilierten Steinteile und Mauerquader ist die Steinzange, ein Hebezeug, welches zusammen mit den Aufzugsvorrichtungen oft noch nach dem Abschluß des Bauprojektes am Dachboden oder in der Nähe der Kirche verwahrt wurde, um für die immer wieder notwendigen Reparaturmaßnahmen oder zukünftigen Erweiterungen zur Hand zu sein. 

 

Reißboden

Rekonstruktion

 

Hörsching, Reißboden aus B. Ulm (Abb. 38)

Reißboden in der Pfarrkirche von Hörsching, Rekonstruktion G. Kleinhanns

Die Herstellung der komplexen gotischen Bauteilgruppen, wie Maßwerkfenster, Pfeiler, Gewölbeteile, Bogenaustragungen und die im Spätmittelalter immer komplizierter werdenden Portale erforderten für die Zurichtung der Werkstücke bereits vor dem Versetzen der Bauteile ins Mauerwerk eine Möglichkeit zur Anpassung und Abgleichung. Dazu diente der Reißboden, auf dem im Maßstab 1 : 1 die fertige Form von den Visierungen übertragen oder direkt konstruiert wurde.

Aus Urkunden und Anweisungen ist zu entnehmen, daß diese Reißböden als Holzplattformen ausgeführt waren, fallweise direkt auf bereits bestehende Bauteile wie Estriche und Zwischenböden aufgetragen wurden oder sogar auf senkrechte Wände. Dabei legte man die Bauzeichnungen oft mehrfach übereinander wie ein Palimpsest. Ein dadurch leider kaum mehr deutbarer senkrechter Reißboden wurde an der Turmwand der Pfarrkirche von Hörsching entdeckt. Die teils nur mehr undeutlich erkennbaren Linien geben Bogenaustragungen, Profile sowie Grundrisse von Werkstücken wieder. Beispiele weiterer Reißböden haben sich in England, Frankreich, Italien und in Jugoslawien erhalten.

Lit. Benno Ulm, Ein spätgotischer "Reißboden" in der Pfarrkirche zu Hörsching, in: Ulm- Kleinhans- Prokisch 1983, S. 121 - 132.
 

Beispiele gotischer Bauteile

Gewölbeanfänger aus der ehemaligen St.-Gangolfs-Kapelle im Linzer Schloß

Gotikausstellung 2002: Gewölbeanfänger aus der ehemaligen St.-Gangolfs-Kapelle im Linzer Schloß

Gotikausstellung 2002: Gewölbeanfänger aus der ehemaligen St.-Gangolfs-Kapelle im Linzer Schloß

2. Hälfte 15. Jahrhundert
Polychromierter Granit
Linz, OÖ Landesmuseum

Der Gewölbeanfänger bildet den Übergang zwischen der Wand und der frei den Raum überspannenden Gewölbekonstruktion. In ihm sammeln sich die einzelnen Rippenprofile. Bautechnisch werden im Normalfall zunächst die Umfassungsmauern bis zur Traufe hochgezogen, eine Dachkonstruktion aufgesetzt und erst dann die Gewölbe über Lehrgerüsten oder freitragend "eingehängt". Zwischen dem Versetzen der wandgebundenen Gewölbeanfänger und der eigentlichen Schließung des Gewölbe liegt unter Umständen ein größerer Zeitraum, wobei nicht selten ein zeitstilistisch bedingter Profilwechsel stattfinden kann. Mitunter kommt es auch zu einem Materialwechsel zwischen der sorgfältigen Steinmetzarbeit des Gewölbeanfängers und der leichteren Gewölbekonstruktion mit Rippen aus gebranntem Ton.
 

Gewölbeanfänger aus der ehemaligen St.-Gangolfs-Kapelle im Linzer Schloß mit Dübel- und Zangenlöchern.

Gewölbeanfänger mit Dübel- und Zangenlöchern.

Der Gewölbeanfänger aus der ehemaligen Schloßkapelle weist die für den Transport und die Justierung am Bau notwendigen Zangenlöcher auf. Steinmetzzeichen finden sich an der Mittelrippe. Zur Kennzeichnung zusammengehöriger Rippenteile sind auf den Stoßflächen, also im Fugenschnitt, Versatzzeichen angebracht. In Lorenz Lachers Unterweisungen und Lehrungen für seinen Sohn Moritz von 1516 steht über den Gebrauch dieser oft mit Steinmetzzeichen verwechselten Versatzmarken: "Am Anfengen [Gewölbeanfänger], schloßstein [Schlußstein] vnd Creutzbogen [Diagonalbogen], darumb verzeichen ein jede Fugen sonderlich mit einem Dadzeichen [Versatzzeichen], auf daß du nit Ihr [irre] werdest in den Fuegen ...".

Die erste Erwähnung der Gangolfkapelle ist durch eine Urkunde Herzog Albrecht I. von Österreich aus dem Jahre 1286 überliefert, in der die ursprünglichen Pfarrechte der Schloßkapelle erwähnt werden. Die alte Schloßkapelle St. Gangolf war von einem Friedhof umgeben und befand sich zwischen der hochmittelalterlichen Burg im Bereich des oberen Schloßhofes in der Gegend des Rudolfstores. Die Pfarrechte wurden nach der Stadterweiterung auf die Marienkirche (heute Stadtpfarrkirche) übertragen.

Lit.: Benno Ulm, Das Schloßmuseum zu Linz, In: H. Kohl (Hsg.) 150 Jahre Oberösterreichisches Landesmuseum, Linz 1983, S. 56. Friederich 1932; Benno Ulm, Das gotische Steinmetzzeichen. In: Ulm- Kleinhans- Prokisch 1983, S. 89. Bernhard Prokisch, In: Hannes Etzelsdorfer (Hsg.), Granit. Stein für die Ewigkeit. Katalog, Schlägl 1993, S. 20f.

Spolien (Fundstücke) aus der Pfarrkirche von Waizenkirchen, Bezirk Grieskirchen

Spolien des ehemaligen Portals der Pfarrkirche von Waitzenkirchen

Spolien des ehemaligen Portals der Pfarrkirche von Waitzenkirchen

Ende 15./frühes 16. Jahrhundert
Kalkstein
Privat

Anläßlich von Restaurierungsarbeiten an der Pfarrkirche von Waizenkirchen wurden bei einem Teilabbruch zahlreiche Architekturspolien des spätgotischen Kirchenbaus geborgen. Sie werden seither privat verwahrt (Hr. Peschke, Waizenkirchen).

Teile eines Spitzbogenportals

H ca. 175 cm, lichte Weite (rekonstr.) ca. 100 cm

Die Spolien stammen vom rechten Gewände eines einfach abgefasten Portals mit gekehlter Archivolte. Von der ursprünglichen gotischen Bemalung haben sich mehrere Farbschichten erhalten, die belegen, daß die Portalarchitektur nicht steinsichtig war, sondern kräftige Rot- und Weißtöne zeigte.
 

Teile eines Rippendreistrahls

Rippendreistrahl
Gotikausstellung 2002: Spolien eines Rippendreistrahls (ehem. Waizenkirchen)

Profilhöhe 23 cm

Die Profilstücke sind als Gewölberippen mit einfachem Profil zu identifizieren. Das Mittelstück ist gleichsam als Schlußstein oder Knotenpunkt einer Dreistrahlfiguration aufzufassen. Bemerkenswert ist der sorgfältig trapezförmig ausgearbeitete Steg am Bogenrücken, da dieser meist nur grob ausgearbeitet und in der Gewölbeschale eingemauert wird. Hier setzten die Gewölbekappen an.

Rippenprofil

Rippenprofil mit Paßmarke ("Dadzeichen" und Dübelloch)

Rippenprofil mit Paßmarke ("Dadzeichen") und Dübelloch

H 31 cm, B 20 cm

Das relativ breit angelegte Rippenprofil hat ein für die ausgehende Gotik des 15. oder frühen 16. Jahrhunderts typisch schmales Profil mit dreieckiger Profilspitze. Auf der Stoßfläche sind die regelmäßig gesetzten Hiebspuren einer Fläche (Breitmeißel ?) zu erkennen, sowie eine kreuzförmige Paßmarke. Am mauerseitigen Profilende befindet sich ein asymmetrisch gesetztes, rechteckiges Dübelloch zur Absicherung des Werkstückes gegen seitliches Verschieben.
 

Fundstücke aus dem Mühlviertler Schloßmuseum in Freistadt

Ende 15./frühes 16. Jahrhundert
Granit
Freistadt, Mühlviertler Schloßmuseum

 

Kleiner, scheibenförmiger Schlußstein mit sechsstrahligem Stern

Gotikausstellung 2002: Spolie eines Schlußsteins 

 Gotikausstellung 2002: Spolie eines Schlußsteins mit Andeutung des Rippenprofils bzw Rippenverlaufs.

Inv. Nr. 4714, Dm 22 cm
 

Kleiner, scheibenförmiger Schlußstein mit Blattmuster

Spolie eines Schlußsteins mit Blattwerk 

 Spolie eines Schlußsteins mit Blattwerk

Inv. Nr. 4713, Dm 34 cm

Die Schlußsteine stammen von Kreuzrippengewölben mit einfach gekehlten Profilen.
 

Sockel mit gerauteten Dienstbasen

  Säulenbasis mit Dienstbasen.

 Säulenbasis mit Dienstbasen. Die Bohrung in der Mitte stammt von einer Sekundärverwendung (Ständer für Baldachin?)

Inv. Nr. 6452, Dm 32,5 cm, H 39 cm

Der Säulenschaft mit vorgelegten Diensten war extra gefertigt. Die Dienstbasen zeigen die für die Zeit ab den 80er-Jahren des 15. Jahrhunderts typischen Kerbschnittdekorationen, welche aus der Holzschnitzkunst in das Steinmetzhandwerk übernommen wurden.
 

Sockel mit gerauteten Dienstbasen und angearbeitetem Schaft

 

Inv. Nr. 8.470, 16 x 19 cm, H 83,5 cm

Der Schaft der Stütze ist nicht wie in der früh- und hochgotischen Steinmetztradition separat gearbeitet, sondern Teil des Sockels. Das Verbinden von struktiv einzelnen Bauteilen zu Bauteilgruppen, deren Länge nur vom vorhandenen Rohblock abhängt, ist als Rationalisierungsmaßnahme typisch für die handwerklichen Gepflogenheiten der ausgehenden Gotik.
 

Teil eines Maßwerks

 Spolie eines Fenstermaßwerks (Vierpaß)

 Spolie eines Fenstermaßwerks (Vierpaß)

Inv. Nr. 4.712, 40 x 40 cm

Das stark bestoßene Architekturfragment stammt von einem Fenster oder einer Brüstung und bildete mit den fehlenden Teilen wahrscheinlich einen stehenden Vierpaß.
 

Rippenprofil aus Rotkalk

Schloßmuseum Linz

Das Profil gehörte aufgrund seines Materials (Rotkalk, meist als Rotmarmor bezeichnet) zu einer aufwendigeren Architektur. An der Vorderfläche trägt es ein Steinmetzzeichen.

Tonrippe

Mondsee

Architekturteile und Gewölbeprofile werden im Laufe der Spätgotik auch außerhalb der klassischen Backsteingebiete beliebt. Zusammen mit den Wölbeschalen aus Ziegel oder Tuffstein, ermöglichten sie leichtere Gewölbekonstruktionen und ein freieres und rationelleres Herstellen komplizierter Gewölbefigurationen.

Steinzange aus der Pfarrkirche Hirschbach

Gotikausstellung: Steinzange aus der Pfarrkirche Hirschbach

Gotikausstellung 2002: Steinzange aus der Pfarrkirche Hirschbach

Eisen

B 37,5 cm, H 101,5 cm

Freistadt, Mühlviertler Heimathaus, Inv.-Nr. 10.529

Die Zange aus zwei mit einem Gelenk verbundenen geschmiedeten Schenkel weist nach innen gerichtete Spitzen auf und wird an zwei Eisenringen hochgezogen. Die Spitzen greifen in Löcher ein, die gegenüberliegend in das Werkstück, meist in einen Quader, eingehauen wurden. Diese Löcher von zwei bis drei Zentimeter Durchmesser befinden sich an den Stoßflächen, sodaß sie nach dem Steinversatz nicht mehr sichtbar sind. In zahlreichen Fällen haben sich jedoch Zangenlöcher auch an den Sichtflächen erhalten. Die Steinzange regelt ihren Anpreßdruck quasi automatisch in Abhängigkeit vom Eigengewicht des Werkstücks. Außerdem sind die einzuschlagenden Zangenlöcher relativ rasch und einfach herzustellen, ganz im Gegensatz zu dem älteren Hebewerkzeug, dem sogenannten "Wolf", bei dem eine schwalbenschwanzförmige Öffnung in die Quaderoberseite eingearbeitet werden mußte, in die dann die keilförmigen Backen des Wolfs eingeführt wurden. Die Steinzange brachte also eine wesentliche Rationalisierung des Baubetriebes mit sich und kann als charakteristisches Hebewerkzeug der Gotik angesehen werden. Zangenlöcher sind bei Bauten ab dem 13. Jahrhundert nachzuweisen.

Das Freistädter Exemplar wurde 1953 auf dem Dachboden der Pfarrkirche zu Hirschbach gefunden und dem Heimathaus übergeben. Es trägt als Marken zwei gegenständige Hämmer mit Halbmond. Weitere Exemplare mittelalterlicher Steinzangen haben sich in Wien, St. Stephan, und Perchtoldsdorf, Rathaus, erhalten.

Lit.: Ganßauge, Gottfried, Hebeklaue und Wolf. In: Deutsche Kunst und Denkmalpflege 1937, S 199 f, 1938, S 77; Leistikow, Dankwart, Aufzugsvorrichtungen für Werksteine im mittelalterlichen Baubetrieb: Wolf und Zange. In: Architectura, Band 12/1, 1982, S 20 - 33.

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© Dr. Rudolf Koch, Wien 2002, 2005