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40 DIE KAROLINGISCHE WESTANLAGE - Das karolingische Westwerk

Neben S. Denis, der Pfalzkapelle in Aachen und dem Reichskloster von Lorsch gibt es ein drittes Bauwerk, das unmittelbar unter dem Einfluß Karls d. Großen errichtet wurde, das Kloster S. Riquier in Centula. Obwohl nur in zwei Ansichten, Kopien von 1612 und 1673, und vor allem in der Chronik des Mönches Hariulf von 1088 überliefert, konnten G. DURAND (1911) 43) Taf.11/1,2 und W. EFFMANN (1912) 44) unabhängig voneinander jenen karolingischen Bau rekonstruieren, der Ausgangspunkt einer ganzen Gruppe von Westanlagen wurde, auf die W. EFFMANN den kunsthistorischen Terminus "Westwerk" von NORDHOFF übertrug. 45) Seither gehört das Problem der karolingischen Westwerke zu einer der meistdiskutierten und umstrittensten Fragen der frühmittelalterlichen Baukunst, die trotz intensivster Diskussion seitens der Historiker, Kunsthistoriker und Theologen als nur zum Teil geklärt betrachtet werden kann. 46) Die weitere Entwicklung, Reduktion und Vorbildwirkung dieses Typs für die romanische Westturmanlagen, seien es Dreiturmanlagen, Doppelturmfassaden oder der Einzelturm, hängt dabei im wesentlichen vom jeweiligen Forschungsstand über die Urbauten in Centula und Corvey ab. 47) Leider gibt der gotische Nachfolgebau von Centula, Mitte des 13. Jhdts. begonnen und in der Gesamtwirkung vom Neubau des 15. Jhdts. bestimmt, kaum Anhaltspunkte für die unter Abt Angilbert (790 - 814) 799 geweihte Klosteranlage, sieht man von der durch I. ACHTER (1956) 48) festgestellten Abhängigkeit der Grundrißproportionen von gotischer Westanlage, Querschiff und innerem Chorumgang ab.41

W. EFFMANN (1912) rekonstruierte als Nachfolgebau der ersten Klosteranlage des 7. Jhdts. eine dreischiffige basilikale Taf.12/1,2 Anlage mit östl. Querschiff in Form eines lateinischen Kreuzes mit Vierungsturm und flankierenden runden Treppentürmen, die Richariuskirche. Westliches Pendant    der Richariuskirche ist die Salvatorkirche mit Erdgeschoß, einem Obergeschoß, das von drei Emporen umgeben ist, und einem Mittelturm als Fortsetzung des Raumschachtes. Vorgelagert befinden sich als Gegenstück zu den Osttürmen des Querhauses flankierende westl. Treppentürme mit dazwischenliegender Eingangshalle. 49) Dies entspricht dem symmetrischen Aufriß, wie er durch die Taf.11/1,2 beiden Abbildungen des 17. Jhdts. überliefert wird. Aufgrund der Beschreibung bei Hariulf befand sich noch ein Atrium vor dem "Westwerk", Paradies genannt, das in Achse der zweigeschossigen Flügelbauten Torkapellen mit Erzengelaltären hatte. 50) Hariulf nennt die beiden Patrozinien des Richario und des Salvators und ordnet sie dem Ost- bzw. Westturm zu. Er faßt somit das Westwerk als Turm auf und betont außerdem die ungeheure Größe des Vierungsturms und die symmetrisch dazu liegende Westanlage. 51) Der Grundriß würde zunächst nahelegen, im Westwerk ein Querhaus zu sehen, doch hat W. EFFMANN (1912) darauf aufmerksam gemacht, daß Querhäuser als ungeteilter Raum gebildet sind, während das Westwerk über einer Durchgangshalle, dem vestibulum, als Mittelraum mit umgebenden Emporen ausgeführt wurde. 52) Seiner Ansicht nach ist das Westwerk von Centula, wie auch das von Corvey, formal als Zentralbau und funktional als eigenständige Kirche aufzufassen, was aus der synonymen Verwendung von ecclesia und turris abzuleiten sei. 53) 42So wird z. B. das Westwerk von Centula als ecclesia vel turris, das von Werden als ecclesia sive turris und das von Corvey als tres turres bezeichnet. 54) Durch den Vergleich von Centula und Aachen kommt W. EFFMANN (1912) zur Ansicht, daß hier "innige Beziehungen zwischen den beiden Bauherren" ähnliche formale Lösungen bewirkten. In dem nur um geringes jüngeren Zentralbau von Aachen wurde der Zentralturm des Westwerks von Centula unmittelbar an die Front gerückt. 55)

W. RAVE (1937) 56) hat aufgrund eines Vergleichs mit Aachen eine andere Lösung für die Vorhalle von Centula angenommen, wobei er analog zur Pfalzkapelle einen durchgehenden Nischenbau zwischen den nun enger gestellten Treppentürmen annimmt. Gestützt wird diese Hypothese durch die Interpretation einer Textstelle bei Hariulf, wo die Lage des Grabes Angilberts "in gyro" überliefert wird. Damit soll eine im Grundriß kreisförmige Nische gemeint sein. 57) Dieser Rekonstruktion schließt sich zunächst E. LEHMANN (1938) 58) an, doch kehrt E. LEHMANN (1965) 59) wieder zur Auffassung W. EFFMANNs (1912) zurück. Für die innere Raumanordnung hat W. RAVE (1937) im Westrisalit über dem Nischenportal in Analogie zu St. Servatius in Maastricht eine Loge angenommen, die jedoch, wie E. LEHMANN (1938) glaubhaft macht, eine Verbindungsbrücke zu den seitlichen Emporengeschossen erfordert hätte. 60) Auch E. LEHMANN (1938) leitet das Westwerk von Centula als Zentralbau mit selbständig beleuchtetem Mittelraum und doppelgeschossigen Begleiträumen (Emporen) von Aachen ab. 61)

Gegen die formale Ähnlichkeit von Aachen und Centula stellt sich F. MÖBIUS (1968) 62), der Centula nicht als reinen Zentralbau 43 mit Emporen sieht, sondern als Querbau mit nur schmalen seitlichen Gangbahnen. Außerdem hätten französische Grabungen im Zentralbau der frei im Klosterbezirk stehenden Marienkapelle bereits eine formale und funktionale Parallele zur Aachener Pfalzkapelle erschlossen. 63) Dies würde jedoch meiner Meinung nach nicht unbedingt eine Zentralbaugestalt des Westwerks ausschließen und betrifft nur das Problem der Funktion des Westwerks als "Königskapelle". Die überlieferten Außenansichten von Centula bestätigen aber zumindest formal die Richtigkeit der Auffassung bei F. MÖBIUS (1968), das Westwerk nicht unmittelbar als Zentralbau anzusprechen.

Die Außenansicht des Westbaus mit Treppentürmen und rundem Mittelturm über einem Querbau entspricht spiegelsymmetrisch Taf.12/1,2 der östl. Querhausanlage. Außerdem hängt die Frage nach einem Zentralbau von der Rekonstruktion der Emporenanlage ab. Folgt man W. EFFMANN (1912), so wirken das "Quadrum" mit seitlichen Emporen und westl. Empore über der Eingangshalle wie die drei Seiten einer querbetonten Zentralanlage. Nach W. RAVE (1937) und E. LEHMANN (1938) hingegen fällt durch die Binnengliederung der Westfront zwischen den Treppentürmen das zentrale Moment zugunsten einer basilikalen Queranlage weg. Für die Lösung dieser Fragestellung geben die Rekonstruktionsgrundlagen keine konkreten Anhaltspunkte, es ist jedoch zu beachten, daß für die Rekonstruktion von Centula auch das einzige erhaltene karolingische Westwerk von Corvey herangezogen wurde. Ein Vergleich mit dieser Anlage Taf. 13 zeigt hingegen deutlich, wie ein Westwerk über zentralem Grundriß aussieht.

44 Die Gesamtanlage des Westwerks von Corvey wurde über quadratischem Taf.13 Grundriß an das als "nova corbeja" 822 gegründete Tochterkloster von Corbie zwischen 873 bis 885 angebaut. 64) Von der ersten Klosterkirche blieb nichts erhalten und W. EFFMANN (1929) hat sie als Pfeilerbasilika mit Querschiff rekonstruiert, E. LEHMANN (1938) nimmt ein durchgehendes Querhaus an. 65) Das Erdgeschoß wird von einer dreischiffigen dreijöchigen Halle gebildet, die von seitl. Nebenräumen (Seitenschiffe) umgeben wird. Gegen Westen folgt eine Vorhalle zwischen zwei quadratischen Treppentürmen, gegen Osten ein weiterer Querraum (Ostraum). W. EFFMANN (1929) Taf.14/1 nahm eine Dreibogenstellung an der Eingangsfront an, die durch den Risalit des sog. "Thronerkers" betont wird. Die ausgeführte Restaurierung zeigt in Anlehnung an W. RAVEs Rekonstruktion nur ein Portal im Thronerker. Die Treppentürme haben sowohl von der Vorhalle, als auch vom zweigeschossigen Atrium aus Zugänge. über dem Erdgeschoß folgt ein bis zum dritten Geschoß durchgehendes "Quadrum" mit einer zweigeschossigen Empore im Westen, Norden und Süden, während sich im Osten die "Kluft des Ostraumes",nur durch eine Scheinempore vom Quadrum getrennt, ab dem Erdgeschoß erhebt. Die Kommunikation zwischen den einzelnen Emporenteilen erfolgt über die Treppentürme. Das zentrale letzte Turmgeschoß über dem Quadrum wird von W. RAVE (1937) und F. GERKE (1973) als Gerichtssaal bzw. Glockengeschoß über einer flachen Zwischendecke gedeutet. 66) E. LEHMANN (1938) verweist darauf, daß entgegen W.EFFMANN {1929) das Quadrum keinen eigenen Lichtgaden besaß. 67) Von besonderer Bedeutung ist der Risalit im Westen, bei dem im zweiten Stock Reste von Balkenlöchern gefunden wurden, die als Unterbau 45 für einen Thronsitz interpretiert werden können. Dafür spricht auch die größere Emporenöffnung gegen Osten, die den dahinterliegenden Thron hervorhebt.

Vom Grundriß und der Binnenstruktur des Aufrisses her wird Taf.13 klar, daß das Westwerk von Corvey nicht den Charakter eines quergerichteten, sondern den eines zentralen Raumes hat, dessen Ostseite als trennender Querraum zum eigentlichen Kirchengebäude dient. Der Ostraum hat einen ähnlichen Aufbau wie ein Querschiff, da er vom Erdgeschoß an durchgehend als Raumschacht errichtet wurde. Das Westwerk von Corvey steht der Aachener Pfalzkapelle durch seine zentrale Gestalt weitaus näher als das Westwerk von Centula. Dies wird auch im Außenbau und im Verhältnis von Westwerk zum älteren Kirchenbau in Corvey deutlich.

Das Westwerk von Centula ist erst durch die nähere Kenntnis Taf.11/1,2 des inneren Aufbaus vom östl. Querhaus mit Flankentürmen zu unterscheiden. In Corvey hebt sich hingegen der kubische Baublock Taf.13/2 des Westwerks von der Basilika als eigener Baukörper ab. Er ist nicht dem Gesamtbau im Sinne der Symmetrie untergeordnet, sondern additiv als Zentralbau angefügt. Dies ist nicht nur durch die Zweiphasigkeit von Corvey allein erklärbar, vielmehr durch bewußte Gestaltung im Sinne der karolingischen additiven Bauweise, die einzelne Kirchensysteme (Kirchenfamilie) über "Gelenkstellen" (querschiffartiger Ostbau in Corvey) zu einer komplexen Anlage verbindet.

Der Vergleich zwischen Centula und Corvey zeigt aber auch, daß diesen Bauten eine unterschiedliche Auffassung in der 46 Bedeutung des Turmes zugrundeliegt.In Centula herrscht die Vieltürmigkeit vor: drei Turmoratorien bzw. Tortürme am Atrium und zwei "Dreiturmgruppen" am Hauptbau. Die Treppentürme werden dabei der aufgipfelnden Masse des jeweiligen Zentralturmes (über dem Westwerk bzw. über der Vierung) zugeordnet, ein Prinzip also, das an die Disposition von vier Türmen und dazwischenliegender Kuppel in S. Lorenzo in Mailand denken läßt. In Corvey hingegen besteht ein zentralbauartiger Block, der von einem Mittelturm überragt wird und von zwei integrierten Treppentürmen einseitig flankiert wird. Das Pendant im Osten fehlt, der Mittelturm wirkt wie das freie Obergeschoß der Aachener Pfalzkapelle auf quadratischen. Grundriß umgelegt. Am bedeutendsten für die Fassadenwirkung ist jedoch der turmartige Risalit über der Eingangsfront. Er hebt, wie der Nischenturm in Aachen, das dahinterliegende   Taf.14/1 Emporengeschoß mit dem Thron am Außenbau hervor. Damit kann nicht der Hang zum vertikalen Akzent des Treppenturmmotivs oder die Vieltürmigkeit gemeint sein, sondern nur das Hoheitsmotiv des bekrönenden Nischenturms von Aachen,übertragen auf einen Risalit, eben den Thronerker.

300 43) G. DURAND (1911): Saint-Riquier, l'eglise, in: La Picardie historique et monumentale, Tome 4, 2. Teil, Amiens und Paris 1907 - 1911, S. 133ff

44) W. EFFMANN (1912): Centula, St. Riquier, eine Untersuchung zur Geschichte der kirchlichen Baukunst in der Karolingerzeit, München 1912

45) Nordhoff, zitiert bei A. FUCHS (1929): S. 53, Anm. 80

46) D. GROSSMANN (1957): Zum Stand der Westwerkforschung, in: Wallraf-Richartz-Jb. 19, 1957, S. 253ff
A. FUCHS (1957): Zum Problem der Westwerke, in: Karolingische und Ottonische Kunst, Wiesbaden 1957, S. 109ff
W. MEYER-BARKHAUSEN (1958)
W. RAVE (1958): Corvey, Münster-Aschaffenburg 1958
E. LEHMANN (1960): Rezension von W. RAVE (1958), in: Westfalen 38, 1960, S. 12ff
C. HEITZ (1963): Recherches sur les rapportes entre architecture et liturgie à l'epoque carolingienne, Paris 1963
E. LEHMANN (1964): Rezension von C. HEITZ (1963), in: Kunstchronik 17, 1964, S. 160ff
G. BANDMANN (1966): Rezension von C. HEITZ (1963), in: Histor. Zschr. 206, 1966, S. 376
E. LEHMANN (1963): Zur Deutung des karolingischen Westwerkes, in: Forschungen und Fortschritte 37, 1963, S. 144ff
301 A. FUCHS (1965): Das Westwerk in Corvey - keine Kaiserkirche? in:
Westfalen 43, 1965, S. 153ff
F. MÖBIUS (1967): Westwerk und frühfeudaler Kaiserkult, in: Wiss. Zschr. d. Friedrich-Schiller-Universität Jena 16, 1967, S. 55ff F. MÖBIUS (1968 a): Zur Deutung des karolingischen Westwerks, in: Acta Historiae Artium, Tom XIV, 1968, S. 119ff
F. MÖBIUS (1968 b),: Westwerkstudien, Jena 1968

47) H. SCHAEFER (1945): The origin of the two-towerfacade in romanesque architecture, in: The Art-Bulletin 27, 1945, S. 85ff
R. KLESSMANN (1952): Die Baugeschichte der Stiftskirche zu Möllenbeck a. d. Weser und die Entwicklung der westlichen Dreiturmgruppe, Göttingen 1952

48) I. ACHTER (1956): Zur Rekonstruktion der karolingischen Klosterkirche Centula, in: Zschr. f. Kunstgeschichte 19, 1956, S. 133ff

49) Rekonstruktionspläne bei W. EFFMANN (1912): Fig. 14

50) Hariulf, Chronique de l'abbaye de Saint-Riquier, Publiée par F. LOT, Paris 1897

51) W. EFFMANN (1912): S. 42

52) W. EFFMANN (1912): S. 168

53) W. EFFMANN (1912): S. 168

54) W. EFFMANN (1912): S. 168

55) W. EFFMANN (1912): S. 169

56) W. RAVE (1937): Sint Servaas zu Maastricht und die Westwerkfrage, in: Westfalen 22, 1937, S. 63

57) W. RAVE (1937): S. 63

58) E. LEHMANN (1938): S. 109

59) E. LEHMANN (1965): Die Anordnung der Altäre in der karolingischen Klosterkirche von Centula, in: Karolingische Kunst (= Karl d. Gr.) III, Düsseldorf 1965, S. 375. Bei W. EFFMANN (1912) schließt die Vorhalle gerade ab.

60) W. RAVE (1937): S. 65; E. LEHMANN (1938): S. 109

61) E. LEHMANN (1938): S. 93; W. RAVE (1937): S. 66, Rave rekonstruiert ohne direkte Lichtführung.

62) F. MÖBIUS (1968 b): S. 120

63) H. BERNARD (1965): Premieres Fouilles à Saint-Riquier, in: Karolingische Kunst (= Karl d. Gr.) III, Düsseldorf 1965, S. 369ff

64) W. EFFMANN (1929): Die Kirche der Abtei Corvey, hsg. v. A. FUCHS, Paderborn 1929

65) E. LEHMANN (1938): S. 123; W. RAVE (1958): s. Anm. 46) und E. LEHMANN (1960): s. Anm. 46)

30266) W. RAVE (1937): S. 66; F. GERKE (1973): Die Benediktinerabtei Corvey, Paderborn 1973

67) E. LEHMANN (1938): S. 93, Anm. 2 und S. 109