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Stammen die frühesten gesicherten christlichen Kreuzigungsdarstellungen
schon aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert?

Zu den jüngsten Keramikfunden in Iruña-Veleia (SP)

In der Nähe des baskischen Iruña-Veleia (SP) wurden Keramikfunde (Ostraka etc.) mit  Inschriften entdeckt, die Hieroglyphen und Ritzzeichnungen aufweisen, darunter auch die Darstellung einer Kreuzigungsszene. Die als gleichzeitig angesehenen Funde wurden von den Archäologen ins 3. nachchristliche Jahrhundert datiert und diese Datierung  anschließend durch zwei Radiokarbonlabors in Toulouse und Groningen untermauert. Die durchwegs spanischen Webseiten (leider ohne Übersetzung) geben an, daß man Knocheneste und Holzkohle-Proben aus den zur Keramik gehörenden Straten auf 14C und mit "aceleración de particulas" (Partikelbeschleuniger) untersuchte. Einen ausführliche Zusammenfassung diverser Berichte mit Bildmaterial (vergleiche den Ausschnitt links) ist unter Terrae Antiqvae Revista de Arqueología e Historia zu finden.

Nach bisheriger Auffassung stammen die frühesten - sicher datierbaren - christlichen Kreuzigungsdarstellungen allerdings erst aus der Zeit um 430 n. Chr. Das Problem bei der Kreuzigungsdarstellung ist nämlich einerseits die zeitliche Bestimmung, andererseits ist nicht immer eindeutig festzustellen, ob es sich um die Darstellung der in der Antike als schändlichste Todesart an sich handelt, oder konkret um die Kreuzigung Christi, also um ein mit dem frühen Christentum verbundenes Symbol handelt. Diese Hinrichtungsart ist nicht römischen Ursprungs, wurde aber ab der römischen Kaiserzeit für die Hinrichtung entlaufener Sklaven oder gescheiteter Prädenten auf den Thron eines der römischen Klientelstaaten vollzogen. Es blieb dem ersten christlichen Kaiser des römischen Imperiums vorbehalten, 315 nach Chr. diesen schauerlichen Teil der römischen Rechtspflege endgültig abzuschaffen, wohl nicht ohne Seitenblick und Rücksicht auf die christliche Kirche.

Es gibt also Darstellungen von Gekreuzigten bzw. Kreuzigungsdarstellungen, die nicht unbedingt im Zusammenhang mit den Christentum gesehen werden können. Dazu gehören einige Bilder auf Gemmen, deren Datierung jedoch umstritten ist, und vom 3. bis ins 5. Jahrhundert reichen. So ein Beispiel ist etwa eine "magische Gemme", welche einen nackten Gekreuzigten zeigt. Die Gemme aus der Sammlung Pereire, Paris, wird ins 3. Jh. n. Chr. datiert, jedoch wird sie aufgrund der Umschriften nicht direkt als Kreuzigung Christi angesehen, sondern gehört in den Bereich der Gnosis, in der Christliches und Heidnisch-Mythologisches unentwirrbar miteinander verbunden ist.

spottkruzifix.jpgWesentlich bekannter ist der sogenannte "Spottkruzifix", der als karikierende Ritzzeichnung am Palatin in Rom entdeckt wurde und sich heute im Museo Kircheriano in Rom befindet. 1857 als "Crocifisso  graffito in casa  dei Cesari" publiziert, befand sie sich in einem Raumkomplex, der als Pädagogium der kaiserlichen Pagen oder als Wachstube der Palstgarde diente. Dieser Raumkomplex wurde zwischen 120 und 130 errichtet. Allerdings wird bei den meist despektierlichen Graffiti häufig der Name Gordius erwähnt, sodaß die Ritzzeichnungen in die Zeit der Gordiane (238 - 244) datiert werden. Man erkennt einen nackten Gekreuzigten in Rückenansicht, der einen Eselskopf trägt. Links von ihm steht ein mit einem kurzen Hemd Bekleideter, der dem Gekreuzigten eine "Kußhand" zuwirft. Die im fehlerhaften Griechisch geschriebene Beischrift bedeutet: "Alexamenos verehrt Gott". Daß damit die Christen bzw. der gekreuzigte Christus verspottet werden soll, ist nur indirekt erschlossen: in einer Nebenkammer wurden nämlich eine andere Ritzzeichnung mit der Beischrift "Alexamenos fidelis" gefunden, die nun dahingehend interpretiert wird, daß Alexamenos rechtgläubiger Christ gewesen sei. Was die "Kußhand" betrifft, so ist sie eine seit der Antike ehrerbietige Grußformel vor einem Götterbild. Nebenbei bemerkt findet sich diese Form der Verehrung noch heute bei den orientalischen Völkern (Kuss auf die Hand, dann Berührung der Stirn und schließlich Ausstrecken der Hand in Richtung des zu Verehrenden). Eine andere Hypothese bringt den Spottkruzifix mit einer Darstellung des ägyptischen Typhon Seth in Verbindung, jedoch wird diese Interpretation meist abgelehnt. Bezüglich der Datierung wird auch eine Datierung frühestens um 200 n. Chr. ventiliert.

Eine der ersten sicher datierten Kreuzigungsdarstellungen befindet sich auf dem berühmten, reliefgeschmückten Eingangsportal der Kirche von S. Sabina in Rom. Das Holzrelief aus der Zeit um 430 ist ikonographisch zunächst einmalig. Man erkennt Christus, größenmäßig hervorgehoben (Bedeutungsperspektive), flankiert von den beiden Schächern. Den Hintergrund bildet eine stark reduzierte Stadtarchitektur (Jerusalem). Die Balken der Holzkreuze sind eigentlich gar nicht dargestellt und reduzieren sich auf Andeutungen der Querbalken im unmittelbaren Bereich der Hände und des Längsbalkens über dem Kopf eines Schächers. Gäbe es nicht diese rudimentären Balkenreste und die Andeutung von Nägeln, könnte man auch von 3 Personen in Orantenhaltung sprechen.

 

Nach allgemeiner Auffassung gibt es weder in der Katakombenmalerei, noch in der Sepulkralplastik (Sarkophage) des 3. und 4. Jahrhunderts eine Kreuzigungsdarstellung, sodaß aus Sicht der erhaltenen Denkmäler in der christlichen Kunst das Thema Kreuzigung keinen bildlichen Niederschlag gefunden hat. Die Meinungen, wieso dies so ist - sieht man von den eingangs erwähnten Keramiken aus Spanien und den ungesicherten Darstellungen auf Gemmen ab -, gehen in zwei Richtungen: Die einen erklären das Fehlen der christlichen Kreuzigungsdarstellungen in einer bis ins 5. Jh. andauernden Abscheu, diese schändliche Hinrichtungsart darzustellen, die anderen verweisen darauf, daß es zur Kreuzigung keine vorschristlichen, antiken Bilddarstellungen gab, die als Vorbild dienen hätte können.

17. Juni 2006