Zwettl (NÖ)

Ehemalige Pfarr-, jetzt Propsteikirche hl. Johannes Evangelist.

Chorquadratkirche mit Apsis und integrierter Westturmanlage; Burgkirche um 1120.


Die Pfarre Zwettl geht als Kuenringergründung auf das Ende des 11. oder frühen 12. Jahrhunderts zurück, die erste urkundliche Nennung erfolgte 1138. Die in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche errichtete Burg wurde 1231 beim Ministerialenaufstand durch den Landesfürsten zerstört und an ihrer Stelle erst 1483 die von Kaiser Friedrich III. gegründete Propstei errichtet. Die Kirche selbst erhielt um 1300 einen Kapellenanbau und im 15. Jahrhundert einen Ostturm über dem Chorquadrat.

Vom romanischen Kirchenbau haben sich das Langhaus, das Chorquadrat und die Apsis zur Gänze erhalten. Der Bau war flach gedeckt und besaß im Westen eine zweigeschossige Emporenanlage, die sich in drei Arkaden gegen das Langhaus öffnete. Die Reste dieser aufwendigen Herrschaftsempore hat sich im Kern unter der jetzt barockisierten Orgelempore erhalten. Der Dachreiter mit seinem später aufgestockten Obergeschoß ruht einerseits auf der Westwand, andererseits auf den Arkadenpfeilern der Empore auf.

Zur nahegelegenen Burg, deren romanische Ostfassade zum Teil noch im Mauerwerk der jüngeren Propstei nachzuweisen ist, bestand ein gemauerter, mehrgeschossiger Übergang. Von diesem sind die Abrißspuren und die Hocheinstiege in der Kirchenwestwand zu erkennen. Baugeschichtliche Untersuchungen ergaben, daß die Kirche gleichzeitig mit den Ostteilen der Burganlage um 1120 entstanden ist. Kirche und Burg bildeten daher bereits im frühen 12. Jahrhundert eine bauliche Einheit, die von einem Wall-Grabensystem, das heute noch den Friedhof an drei Seiten begrenzt, umgeben war.

Die ehemalige Pfarr- und Propsteikirche von Zwettl belegt einerseits das frühe Auftreten der sogenannten "vollständigen oder erweiterten Anlage" mit Langhaus, Chorquadrat und Apsis im Bereich der babenbergischen Ministerialenbaukunst, andererseits die Synthese dieses Typus mit dem integrierten Einzelwestturm. Durch die bauliche Verbindung von Turm und Emporenpfeiler wird die Westanlage gleichsam als eigenständiges Oratorium vom Langhaus abgetrennt. Westanlagen ähnlicher Prägung fanden vor allem im böhmischen und westungarischen Bereich bis ins frühe 13. Jahrhundert bei Herrschaftskirchen und Burg-Kirchen-Anlagen häufige Anwendung. Im babenbergischen Herrschaftsgebiet bilden die Propsteikirche von Zwettl und die erst um 1200 entstandene Filialkirche von Wildungsmauer die einzigen nachweisbaren Vertreter dieses Typus. Die Pfarrkirche von Güssing (Burgenland), ein Ziegelbau der gleichen Westturmgruppe, gehörte im Mittelalter bereits zum westpannonischen Gebiet. Stilistisch zeigt die Propsteikirche im Fehlen eines Sockels und der fast ausschließlichen Schmucklosigkeit die Nähe zu frühromanischen Baugepflogenheiten.


Literatur: Buberl, Zwettl, 1911, 421 - 426. - Pongratz/Seebach, Burgen, 1971, 146ff. - Koch, Westturmanlage, 1986, 259 - 261.


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