Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Stadtbefestigungen von Klosterneuburg


Die obere Stadt

Schlagbrücken- bzw. Wassertor

Das Tor wird nach der unweit gelegenen (Zug?-) Brücke über den Kierlingbach im 18. Jahrhundert Schlagbrückentor, heute Wassertor, genannt. In seiner heutigen Gestalt geht das Tor auf Propst Schmedding zurück, der es 1671 errichten ließ. Es blieb als einziges Stadttor Klosterneuburgs von den Abbrüchen des 19. Jahrhunderts verschont. Von hier führt der Weg durch einen spätmittelalterlichen Quertrakt mit großem Spitzbogenportal in einen zweiten Hof und über die Pfistererstiege zum Leopoldihof. Das Pfisterertor läßt feldseitig (hofseitig) noch einen vermauerten Schlitz für ein Fallgatter erkennen. Untersuchungen von A. Klaar lassen vermuten, daß sich im Bereich der Pfistererstiege schon im Hochmittelalter ein wichtiger Zugang zum Stift bestand. Die Erschließung des hochliegenden gotischen Pfisterertores erfolgte wohl über eine heute noch vorhandene, aber funktionslose Rampe.

Literaturauswahl: Klaar 7ff; Röhrig 33; Perger 166 und Anm. 224.

"Zwischenturm"

Die barocken Darstellungen zeigen einen mindestens zweigeschossigen Turm, der feldseitig vor der Wehrmauer liegt. Das Bauwerk wurde 1730 abgetragen.

Literaturauswahl: Städteatlas.

 

Sattlerturm

Der gegen die Donau feldseitig spitzovale Turm besteht nur im unteren Teil bis etwa zur Krone der leicht erhöhten Wehrmauer aus spätmittelalterlichem Bruchsteinmauerwerk. Ursprünglich war er nicht durchfenstert. Eine Abschrägung im oberen Teil könnte einen Scharwachtturm ("Pfefferbüchsel") getragen haben. Der Turm wurde 1895 als reiner Ziegelbau um ein Stockwerk erhöht und für Wohnzwecke umgebaut.

Literaturauswahl: Starzer 69. Städteatlas; Perger 166.

 

"Vorwerk" oder Eckturm

Das stark gestörte und in der zeitlichen Bestimmung verunklärte Mauergefüge am Durchbruch zum "Tutzsteig" läßt eine Art "Vorwerk" erkennen. Den Veduten nach könnte hier ein neuzeitlicher Scharwachtturm die Ecksicherung übernommen haben. Andererseits zeigen Veduten einen freistehenden Turmbau mit Verbindungsmauer zur Ecke der Stadtmauer. Ein derartiger Ansatz ist auch im Bestand zu erkennen. Die Interpretation ist jedoch ohne Grabungen nicht klärbar. Der Durchbruch zum "Tutzsteig" kann frühestens im 18. Jahrhundert (Maria Theresia, Verbauung der Berme durch Häuserzeile) entstanden sein. Im Juni 1952 wurde an diesem Durchbruch eine Gedenktafel angebracht, welche an die 1683 hier von Oberst Donat Heißler erfolgreich abgewehrten Türken erinnert.

Literaturauswahl: Starzer 69; Klosterneuburger Nachrichten 26/1953.

Wienertor

Haupttor zwischen den heutigen Hausfronten Leopoldstraße 18 und 19. Im Jahr 1339 wird es als "Tor" erwähnt, 1361 findet sich die Bezeichnung als Beiname einer Familie. Der Name "Wienertor" ist jüngeren Datums und leitet sich zweifellos aus dem hier durchlaufenden Altstraßenzug (Walichstraße, urkundlich 1311 genannt) ab. Um 1457 wird die Brücke über den davorliegenden Graben urkundlich erwähnt. Der zweigeschossige Torturm besaß im Untergeschoß eine Schießscharte, im Obergeschoß deren zwei, welche nach Aufgabe der Funktion zu Fenstern umgewandelt wurden. Feldseitig konnte das rundbogige Tor mit der Zugbrücke verschlossen werden. Seitlich dürfte der Brücke noch ein Rundturm vorgestellt gewesen sein, der bei Merian angedeutet wird, auf späteren Veduten jedoch fehlt. Das Bauwerk wurde 1865 abgetragen.

Literaturauswahl: Starzer 60f.; Röhrig 33; Perger 164 und Anm. 217ff.; Städteatlas.

Ehemaliger Eckturm?

Nach Merian (1649) befand sich im Bereich der heutigen Ecke Hermannstraße - Franz Rumplerstraße ebenfalls ein quadratischer Turm, der jedoch auf späteren Veduten fehlt. Unter dem Blickwinkel einer taktischen Ecksicherung der im Kern mittelalterlichen Stadtmauer wäre hier auch tatsächlich ein Wehrturm zu erwarten, jedoch ist diese Frage aufgrund der Überbauungen des 19. und 20. Jahrhunderts ohne Bodenuntersuchung nicht zu beantworten.

Literaturauswahl: Starzer 61; Perger 166; Städteatlas.

Ehemaliger Zwischenturm?

Ein weiterer Turm wird urkundlich 1476 "in der Fulsinggasse" genannt. Dieser 1346 urkundlich nachweisbare Straßenzug ist topographisch mit der heutige Markgasse gleichzusetzen. Das Bauwerk ist allerdings nur auf der Vedute von 1780 dargestellt. Er wäre demnach ein innen offener mehrgeschossiger Schalenturm gewesen.

Literaturauswahl: Perger 166 und Anm. 221.

"Eisernes Türl"

Der Torturm bei der heutigen Kreuzung Burgstraße - Ortnergasse bzw. an der Ausmündung der Ortnergasse zum Kardinal-Piffl-Platz scheint 1506 in einer Urkunde als "Tor in der Tullnergasse" auf. Die Vedute von 1725 vermerkt zu dieser Wehranlage: "Das Thürl auf den Boden genand". Die Diminutivform des Namens wird allgemein als Hinweis darauf gedeutet, daß es sich bei der Wehranlage ursprünglich eher um einen Turm mit kleiner Ausfallspforte handelte. Dies wird auch durch eine Beschreibung Wilemans (1870) und feldseitige Ansichten (M. Toma, 1840, F. Ebeling, 1847, A. Wileman, um 1859) nahegelegt. Demnach war der Turm mindestens zweigeschossig, außen halbrund, innen aber gerade geschlossen. Eine stadtseitige Außentreppe führte in das Obergeschoß, eine im 19. Jahrhundert bereits vermauerte Türöffnung auf den Wehrgang der Stadtmauer. An diesen wohl spätmittelalterlichen Stadtturm baute man im 16. Jahrhundert feldseitig links zwei unterschiedlich hohe Rondelle mit Maulscharten an. Diese Art der Flankensicherung zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit dem aus drei Rondellen gebildeten Vorwerk beim Schießstatt- oder Gadesturm (bezeichnet 1537 ?). Die Bezeichnung "Eisernes Türl" scheint erst nach Aufgabe der allgemeinen Wehrfunktion der Stadtmauer im 18. Jahrhundert sinnvoll zu sein. Nach der Umgestaltung für Wohnzwecke - man vergleiche dazu die Geschichte des Sattlerturmes - wurde das Bauwerk schließlich 1869 abgetragen.

Literaturauswahl: Wilemans LVf; Starzer 61f.; Röhrig 33; Wagner 1982; Städteatlas; Perger 166 und Anm. 206, 222, 628, Wagner 1f.

Schießstatt- oder Gadesturm und die Albrechtsburg

Bestand: Seitenmauern der Albrechtsburg gegen den Kierlingbach und die Burggasse zu. Hier haben sich noch die gotischen Schlitzfenster (14. Jhdt.?) der Albrechtsburg erhalten. An der Ecke dieser gotischen Burg wurden im 16. Jahrhundert drei kleeblattförmig zusammengefaßte Rondelle mit Maulscharten angebaut. Ein Rondell trägt ein heute nur schwer lesbares Inschriftband mit der Jahreszahl 1537. Wehrtechnisch sind die Rondelle als eigenständige Einheit zu betrachten, denn die Albrechtsburg war zu dieser Zeit bereits baufällig.

Es wird allgemein angenommen, daß die Burg in der Nordwestecke der Stadt schon unter König Ottokar begonnen wurde. Der Ausbau erfolgte dann unter Herzog Albrecht I. (1282 - 1308), der hier öfters verweilte. 1288 war die "Albrechtsburg" bereits vollendet. König Ferdinand I. schenkte 1538 die bereits stark verfallene Burg den Bürgern von Klosterneuburg, die sie als Zeughaus und Getreidespeicher ausbauten. 1817 wurden diese Bauten großteils bis auf das Vorwerk und die Randbereiche abgetragen.

Literaturauswahl: Starzer 62f.; Röhrig 28 und Anm. 81; Städteatlas.

Die Hundskehle, oberes und unteres Tor

Die Hundskehle wird schon 1320 erwähnt und 1373 kauft Propst Kolomann von Laa ein Haus, welches an die "Hunzchell vnd an daz Purichtor an dem Turm" anschließt. Andererseits wird in der "Chronica auff Closterneuburg, der lantsfürstlichen Statt" für die Zeit um 1408 berichtet, daß an der "Hunzkhölle" der Turm gebaut werden mußte. 1462 soll Herzog Albrecht VI. die Burg erneuert und das Burgtor baulich verändert und ein Fallgatter eingebaut haben.

Der Niedergang des Befestigungswerkes begann bereits 1804. Der Turm und das Tor wurden bis zur Stadtmauer abgebrochen, die Auffahrt durch die Hundskehle angeschüttet und verbreitert. Was an Baumaterial nicht verwendet werden konnte, wurde als Schüttmaterial im Bereich des Spitals und der Stiftsstiege aufgebracht. Von den "Gegenrondellen" verblieb nur ein kleiner Rest, der 1805 in den Neubau eines Hauses integriert wurde. 1857 wurde auch noch der verbliebene schmale Fußsteig entfernt. Die gänzliche Umgestaltung zur heutigen Form erfolgte 1865, nachdem am 27. September 1864 ein Erdrutsch die Hundskehle unpassierbar gemacht hatte. Dabei veränderte man rigoros den Böschungswinkel und die Straßenbreite. An der dazu neu errichteten Futtermauer wurde eine Gedenktafel angebracht.

Über die Herkunft des Namens "Hundskehle" wurde viel theoretisiert, ohne daß man bisher zu einem befriedigenden Ergebnis kommen konnte. Kostersitz brachte den Wortteil "Kehle" mit der lateinischen Bezeichnung für Bollwerk in Verbindung, während er als Erbauer Heinrich II. von Kuenring, Gefolgsmann König Ottokars von Böhmen, vermutete. Aus dem Beinamen einiger Kuenringer, genannt "die Hunde", hätte sich dann der Name Hundskehle gebildet. Diese Hypothese wurde von Starzer als irrig widerlegt. Seiner Ansicht nach leitet sich die Hundskehle aus "barba di cane" (Hundsbart), der italienischen Bezeichnung für Barbakane, ab. Tatsächlich wurde jedoch der Ausdruck Barbakane aus dem Arabischen über das Französische vermittelt und bezeichnete bei den Kreuzfahrern ein hofartiges, von einem Wehrgang umzogenes Außenwerk zum Schutz eines Tores. Eine mittelalterliche Verballhornung wäre nicht auszuschließen.

Die Befestigungsanlage ist vor allem durch Ansichten von Johann Christian Brand und eine Radierung seines Bruders Friedrich August (1735 - 1806) überliefert. Die Anlage bestand stadtseitig aus einem querrechteckigen Torturm mit tiefliegender großer Durchfahrt und wesentlich höherliegender rechter Pforte für Fußgänger. Feldseitig dürfte dieser Torturm mit der zinnenbekrönten Stadtmauer gefluchtet haben und wies ein Spitzbogenportal mit Fallgatter auf. Beidseits der steilen und engen Auffahrt der Hundskehle befanden sich feldseitig zwei flankierende Rundtürme von offensichtlich unterschiedlicher Dimensionierung. Der linke Rundturm reichte mit seinem Kegeldach kaum über die dahinter sichtbare Stadtmauer hinaus, während der rechte Rundturm ähnlich einem Scharwachtturm auf einer durch primitive Strebepfeiler abgestützen Futtermauer aufzusitzen scheint. Zwischen beiden ungleich hohen Türmen spannt sich die äußere Tormauer mit großem Rundbogenportal.

Trotz der stimmungsvoll-pittoresken Darstellungen bei Brand ist zu erkennen, daß die Anlage des Hundskehlentores nicht einheitlich ist. Stadtseitig schließen die Verbindungsmauern zur Stadtmauer mit einer Setzungsfuge an den älteren spätgotischen Torturm an. Die Gegenrondelle gehören einer zweiten Bauphase an und dürften im 16. Jahrhundert nachträglich durch die äußere Tormauer in die uns bekannte Form gebracht worden sein.

Literaturauswahl: Kostersitz; Starzer 63 - 68; Perger 166 und Anm. 223, 595, 643; Röhrig 28, 33 und Anm. 79; 88; 322;

Zeugturm

Der sogenannte Zeugturm (Städteatlas) diente der Flankendeckung eines sicher alten Stiftszuganges anstelle der heutigen Stiegenanlage. Feldseitig rechts setzte sich die Wehranlage bis ins 19. Jahrhundert mit einer gadenartigen Binnenverbauung (Fachwerkbauten!) fort. Der Gesamteindruck fiel jedoch der Platzgestaltung und der optischen Freistellung der Kirchenfassade zum Opfer. Der hohe Gebäudekomplex im Anschluß an das ehemalige "Feste Haus" (heute Bereich Stiftsarchiv) wird im Kern ins 14. Jahrhundert datiert, zeigt jedoch allgemein die Merkmale einer rigorosen Umgestaltung im ausgehenden 15. Jahrhundert. Traditionsgemäß (Stiftsplan Benedikt Prills, 1757) wird hier die stiftseigene Rüstkammer lokalisiert. Zu den Verteidigungseinrichtungen gehören ein Gußerker (heute vermauert) und Schlüssellochscharten im polygonalen Treppenturm. Im 16. Jahrhundert wurde der Zeugturm um ein Vorwerk (Rondell, heute teilweise abgetragen und substanziell stark erneuert) und eine untere Wehrmauer erweitert.

Literaturauswahl: Fritz 5f.; Drexler 198; Städteatlas.

 


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