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"Die Presse" vom 11. Dezember 2008

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Licht

Seine Überfülle blendet auch im übertragenen Sinn

[von Rudolf Taschner]


Dunkelheit ist dem Winter zu eigen: Die Sonne zieht nur eine sehr kurze Bahn von Südost nach Südwest, die Nächte sind lang. Nicht umsonst hat die Kirche mit ihrem Sinn für die Stimmungen der Zeit die Herabkunft des Erlösers zur Wintersonnenwende geschehen lassen. Heute wird dies kaum mehr verstanden. Aber mit Licht Dunkelheit zu vertreiben ist auch jetzt noch von symbolischer Kraft.

Darum sind die großen Einkaufsstraßen hell beleuchtet. Die Mariahilfer Straße noch immer so wie vor Jahrzehnten, der Graben pompös mit riesigen Lustern, die Rotenturmstraße mit gigantisch roten Lampions – Wohlmeinende fühlen sich nach China versetzt, andere wähnen sich womöglich irrend in einem anderen Milieu. Sogar in kleinen Gassen prangen Spezialleuchten, zum Teil frugal, gar geschmacklos, aber dennoch.

Dem Licht zu entfliehen ist nicht schwer. Wir brauchen nur die Augen zu schließen. Darum stört das Übermaß an Lichtquellen nur beiläufig, Klagen über „Lichtverschmutzung“, womit besonders feinfühlige Umweltschützer die überbordende Beleuchtung meinen, sind übertrieben.

Eines allerdings haben uns die auch in den Nächten hell strahlenden Städte verdorben: den Blick auf den gestirnten Himmel in einer klaren Winternacht. Man muss sich schon sehr bemühen, den weithin strahlenden Scheinwerfern zu entkommen, um bei einem wolkenlosen Himmel in der Nacht die Pracht und Fülle des Sternenhimmels bewundern zu können. Es mag gar nicht wenige unter uns geben, vor allem unter den jungen Menschen, die noch nie in ihrem Leben das faszinierende Band der Milchstraße erblickt haben.

Damit ist auch der Zugang zu dem versperrt, das den Beginn der Geschichte markiert. Denn die ersten Hochkulturen entstanden keineswegs zufällig in Ägypten und im Zweistromland und nicht im Donautal oder am Rhein. In den Wüstengegenden herrschten praktisch immer sternenklare Nächte. Dort konnten Jahrzehnte und sogar Jahrhunderte währende Beobachtungen des Kosmos den Menschen den Eindruck vermitteln, dass zumindest dort oben glasklare, berechenbare Ordnung herrscht. Ganz im Gegensatz zu den irdischen Gefilden, die im Chaos zu versinken drohen. Die Rhythmen, mit denen die Wandelsterne entlang des Himmelszeltes ziehen, wurden von den ersten Astronomen, die zugleich priesterliche Funktionen innehatten, mit Akribie verfolgt, weil aus ihnen auf das Geschehen in der irdischen Welt zurückgeschlossen wurde. Zumeist höchst spekulativ, manchmal aber mit beeindruckender Präzision: Das Aufleuchten des Sirius verkündete zuverlässig die kommende Überschwemmung durch den Nil.

Im Blick auf den Sternenhimmel wird man sich dieses Anfangs von Kultur und Zivilisation viel eindringlicher bewusst als durch Erzählungen und Bilder. Die Fotografien weit entfernter Galaxien, so beeindruckend sie sein mögen, sie bleiben nur Farbflecke auf Glanzpapier. Wir haben Technik gewonnen und Wirklichkeit verloren.


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