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"Die Presse" vom 5. Juli 2005

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Der Nachthimmel von Königsberg 


von Kurt Scholz

Der moderne Mensch hat den Sternenhimmel abgeschafft, weil er Polizist und Prometheus 
gleichzeitig sein will.

Ach, die Glühwürmchen! Glaubt man den Gazetten, dann werden sie schon via Internet gesucht, 
meine Kindheitserlebnisse. In dunklen Sommernächten haben wir sie bestaunt und in der 
hohlen Hand gefangen. Wie enttäuschend sahen sie aus der Nähe aus. Mit dem Verlust der 
Freiheit verflog ihr Zauber. Aber Glühwürmchen und Sommernächte sind für mich immer 
noch eine Einheit. Die es nicht mehr gibt. 

Doch, die Leuchtkäfer schon. Nur die dunklen Nächte, die sind passé. Hand aufs Herz: 
Wann haben Sie den letzten Sternenhimmel gesehen? Im Urlaub in Afrika? Bei uns auf dem 
Land? Bitte verraten Sie mir wo!  

Der moderne Mensch hat den Sternenhimmel abgeschafft, weil er Polizist und Prometheus 
gleichzeitig sein will. Die künstliche Helligkeit, das beleuchtete Schaufenster, 
die Straßenlaternen als Schutz- und Kontrollmaßnahme - all das macht den Blick auf 
die Sterne unmöglich. Der Ehrgeiz des Polizisten, dass die Nacht so hell und sicher 
werde wie der Tag, hat zu immer mehr Licht in den Städten geführt. Und die 
prometheusartige Gottähnlichkeit, die Nacht zum Tage machen zu können, schafft 
den Rest. Wir Städter kennen keine Dunkelheit mehr - und den Sternenhimmel nur mehr 
vom Urlaub.

Käme Immanuel Kant heute zur Welt, er schriebe keine Meisterwerke mehr. 
Wie sagt er doch in der "Kritik der praktischen Vernunft": "Zwei Dinge erfüllen das Gemüt 
mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender 
sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische
Gesetz in mir." In Königsberg sah er offenbar noch den "bestirnten Himmel"; 
aber heute in Kaliningrad?  

Könnte er heute - ohne Blick auf den bestirnten Himmel - noch sein "Grundgesetz der 
reinen praktischen Vernunft" formulieren: "Handle so, dass die Maxime deines 
Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte"? 
Er würde, seelenblind für den Himmel, resignieren und sich (wie wir alle?) auf den 
Alltag zurückziehen: "Die Melone muss heute gegessen werden mit dem Prof. 
Gensichen und bey dieser Gelegenheit die Einkünfte von der Universitaet." Das wär's wohl.
Also, die Glühwürmchen und der Sternenhimmel. Beide sind aus meinem Leben verschwunden, 
aber es gibt Ersatz. Wenn ich bei meiner Heißgeliebten nachts durch die Wohnung gehe, 
wie zauberhaft glimmert und glüht es da! Es hat aber nichts mit dem Liebesleben von 
Käfern und ihren nächtlichen Flirts zu tun, sondern den Standby-Lämpchen zahlloser 
Elektrogeräte: Die Lichtpunkte der elektrischen Zahnbürsten, des Fernsehers, 
DVD-Players und Handstaubsaugers erfüllen die dunkle Wohnung. So finde ich im 
Finstern sicher von Raum zu Raum, durch meine Strom verzehrenden Glühwürmchen.  

Manchmal aber ertappe ich mich beim Gedanken, dass mir die lebendigen lieber waren, auch wegen der dunklen Sommernächte mit dem Sternenhimmel, selbst wenn dabei nicht immer alles im Zeichen des kategorischen Imperativs stand.


ZITAT ENDE