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Süddeutsche Zeitung vom 22./23. Juni 2013, 'Wochenende', S. V 2 / 7

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Schwarz-Weiß

von Titus Arnu


Ein Uhr nachts in Gülpe. Die Natur zieht eine unfassbare Show ab: Hunderte Frösche produzieren einen Quak-Teppich, der kilometerweit zu hören ist. Grillen zirpen im hohen Gras. Überstrahlt wird die Geräuschkulisse von einem Nachthimmel, wie man ihn nur selten sieht. Tausende Sterne funkeln wie Diamantenstaub, ein Band aus strahlendem Nebel zieht sich über das Firmament bis zum Horizont - die Milchstraße.

160 Einwohner hat das Dörfchen an der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen-Anhalt [...]. In den Nachbardörfern, die Wassersuppe, Kotzen und Knoblauch heißen, ist auch nicht gerade die Hölle los. Besucher können sehr, sehr ruhig schlafen in Gülpe [...]. Ornithologen schwärmen von den 120 verschiedenen Vogelarten am Gülper See. Die touristische Top-Attraktion ist aber ganz klar die Gülper Nacht.

Die Gegend um Gülpe gilt als dunkelster Ort Deutschlands. Der Himmel ist dort schwärzer als schwarz. In den Havelauen, nur 80 Kilometer vom dauerhellen Berlin entfernt, sind die Sterne besser als anderswo hierzulande zu beobachten. [...]

Laien würden sagen, in Gülpe ist es zappenduster. Dunkeldeutschland, wo es am finstersten ist. Wissenschaftler können die Dunkelheit exakter ausdrücken, in Zahlen. Die Himmelshelligkeit wird mit einem Sky Quality Meter bestimmt, der Apparat misst die Leuchtdichte in der astronomischen Einheit Größenklassen pro Quadratbogensekunde. Je höher der Wert, desto dunkler. Andreas Hänel, Physiker aus Osnabrück, stand eines Nachts auf einer Wiese bei Gülpe und konnte kaum glauben, was sein Meßgerät anzeigte: 21,78. Vergleichbare Werte wurden in Deutschland nur in der Rhön gemessen. [...]

Andreas Hänel kämpft für die dunkle Seite der Nacht. Er engagiert sich für den Erhalt von Dunkelzonen und würde es gerne sehen, wenn das Westhavelland zu einem 'Sternenpark' erklärt würde. Dieses Prädikat für besonders dunkle Regionen wird von der 'International Dark Sky Association' vergeben. In Deutschlad gibt es nicht viele Gegenden, die dafür in Frage kommen. Der Zustand des Nachthimmels sei bedenklich, sagt Hänel, es gebe zu viele unnatürliche Aufhellungen, Fachleute sprechen von 'Lichtverschmutzung'. [...] Nicht nur Hobby-Astronomen haben etwas gegen die Lichtverschmutzung. Auch Tiere leiden unter den Folgen der Dauerbeleuchtung. Vögel verändern in Stadtgebieten nachweislich ihr Brutverhalten, Insekten verlieren die Orientierung. Das künstliche Licht hat Studien zufolge Auswirkungen auf den Hormonhaushalt von Tieren und Menschen, es ist wahrscheinlich auch für Schlafstörungen und psychische Krankheiten verantwortlich. [...]

Die Fachgruppe Dark Sky, deren Leiter der Physiker Andreas Hänel ist, hat sich zum Ziel gesetzt, die Welt wieder ein bisschen dunkler zu machen, 'ohne dabei auf Komfort und Sicherheit zu verzichten', wie Hänel betont. Natürlich verlangen die Freunde der Nacht nicht, dass Autos ohne Beleuchtung fahren und die Anwohner ihre Wohnungen verdunkeln. Viel könne schon durch abgeschirmte Straßenlampen erreicht werden, die Licht nicht nach oben abstrahlen, sagt Hänel. In dieser Woche hat die Gemeinde Rathenow, mit 24 000 Einwohnern größter Ort des Westhavellands, eine Vereinbarung unterschrieben, nur noch abgeschirmte Straßenlaternen einzusetzen - ein wichtiger Schritt zur Anerkennung der Gegend als Sternenpark. [...]

Ist im dunklen Gülpe die Welt noch in Ordnung, weil nichts den Schlaf stört? Bei einem nächtlichen Spaziergang durch die Havelauen wirkt es fast so. Es ist 20 Grad warm, der Wind streicht sanft durch die Pappeln, im Schilf stoßen Rohrdommeln ihre dumpfen Rufe aus. Die Dunkelheit führt dazu, dass man sich langsam bis gar nicht bewegt, sondern nur dasteht und wartet, bis die Augen sich langsam an das wenige Licht gewöhnen. Je länger man in die schwarze Unendlichkeit starrt, desto winziger werden weltliche Probleme, die vom Tageslicht beschienen riesig wirken.

Beim Frühstück scheint die Sonne, und man liest in der Lokalzeitung, dass es aus wirtschaftlicher Sicht auch tagsüber relativ finster aussieht im Havelland. Die Arbeitslosenquote liegt bei 9 Prozent, viele Leute ziehen weg, Häser verfallen. Nicht alle Havelländer sind hellauf von der Idee begeistert, die Region zum Sternenpark zu erklären, sie hätten lieber Industriegebiete und Arbeitsplätze, sie verbinden Dunkelheit eher mit Unsicherheit. Dabei könnte der Sternenpark zusätzliche Touristen und damit Geld bringen, hofft Kordula Isermann, Leiterin des Naturparks Westhavelland: 'Unser Schatz hängt über uns.' Schöner könnte man kaum sagen, dass die Gülper Nächte kostbare Nächte sind.


ZITAT ENDE