Auf den Spuren von Königsberg - Trilaterales Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads  
 
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Der Kaliningrader: Wer ist er?


von Ilia Maximov

Es ist unmöglich, die heutige Situation im Gebiet Kaliningrad als eine klare Situation zu bezeichnen und obwohl die Politiker über die Dauerhaftigkeit der Grenzen reden, sieht der einfache Mensch ganz andere Perspektiven. Noch häufiger über die Besonderheit der Mentalität von Kaliningrad gesprochen: es geht darum, dass hier eine besondere subethische Gemeinschaft entstand. Meiner Meinung nach, klingt das unglaublich. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Mentalität der Bewohner des Gebietes in 15 Jahren wesentlich verändern kann, ist sehr gering. Aber es ist offensichtlich, dass sich der Bewohner Kaliningrads mit jedem Jahr mehr vom Bewohner Russlands unterscheidet. Die Fragestellung selbst: "Mit wem identifizieren Sie sich - mit Europa oder mit Russland?", führt schon zum Nachdenken. Kann man diese Frage tatsächlich irgendwo in Pensa oder Rjazan' stellen? - diese Frage kann dort nicht verstanden werden.
Und worin besteht der Unterschied zwischen dem Bewohner Kaliningrads und dem Bewohner Russlands? Auf den ersten Blick sieht man keine scharf ausgeprägten Besonderheiten, aber es ist nur am Anfang so. Die Hauptursache, warum sich die Bewohner Kaliningrads von Russland entfernen, spielt natürlich die Absonderung des Territoriums. Der Staat Russland wird zum Teil als Ausland verstanden: Dies zeigt beispielsweise der Satz "Ich bin im letzten Sommer nach Russland gefahren". So verschwand der Begriff der Unendlichkeit des Staates, weil das kleine Gebiet von allen Seiten gesperrt ist.
Darum wird es mit jedem Jahr noch komplizierter, nach Russland zu fahren. Die heutige Jugend - und nicht nur die Jugend - fährt aktiver und lieber nach Europa. Und sie fährt nicht dahin, um sich dort nur paar Wochen zu erholen, sondern auch um dort zu studieren, zu arbeiten, ein Praktikum zu machen. Und das ist schon eine ganz andere Situation. Wir vergleichen unser Lebensniveau bereits nicht mehr mit Russland, sondern mit Polen, Litauen und sogar mit Deutschland. Kurz gesagt, die Verbindungen mit Russland werden nach und nach abgebrochen, und anstatt dieser Verbindungen werden neue Verbindungen, mit Europa, geschaffen.
Die Ursache dessen liegt auf der Hand: die Absonderung des Gebietes von Russland und das allmähliche Zusammenziehen des Ringes der Eurounion um das Gebiet herum. Auf den ersten Blick wäre es einfacher, regionale Unterschiede der Bewohner von Kaliningrad in den sowjetischen Zeiten zu finden: dazu tragen die Besonderheiten der Besiedelung des Gebietes bei, sein unklarer politischer Stand usw. In den Sechziger Jahren jedoch war es ein typisches sowjetisches Gebiet. 15 Jahre der Absonderung von Russland und Kontakte nach Europa haben die Situation wesentlich verändert.
Ein weiterer Unterschied zwischen dem Bewohner Kaliningrads und dem Bewohner Russlands ist die Rücksicht auf das Kulturerbe Deutschlands.
In der sowjetischen Zeit war dieses Thema nicht interessant; hauptsächlich wegen des Verbotes und auch weil die Bevölkerung in den ersten Jahren der Erschließung des Gebietes keine Zeit für die fremde Kultur hatte, die zudem mit dem Faschismus assoziiert wurde. Die Gleichgültigkeit gegen die deutsche Kultur kann man auch zum Teil über das Halbanalphabetentum der ersten Umsiedler erklären.
Mit der Zeit wuchs jedoch eine neue Generation heran, die kein Entsetzen des Krieges, keinen Wiederaufbau des Gebietes mehr kannte, und die eine selbstverständliche Frage stellte: "Was war hier früher, als wir noch nicht da waren?". Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Erlernen der Geschichte des Gebietes sehr entwickelt. Zur Zeit kann jeder Bewohner von Kaliningrad ohne Probleme Bücher über die Geschichte des Gebietes kaufen, das Thema Heimatkunde wurde in den Ortsmedien sehr populär. Die Kinder in der Schule erlernen Hauptmomente der Geschichte des Gebietes, die fast nichts mit der Geschichte Russlands zu tun haben.
Und so ging eine merkwürdige Metamorphose vor sich: preußische Geschichte, die Geschichte des Teutonischen Ordens, der Ostpreußen, wird als unsere eigene Geschichte wahrgenommen, zum Teil ebenso, wie Geschichte Russlands. Kant verwandelte sich nicht in einen ausländischen Philosophen, sondern in einen Landsmann. Der Dom wurde für die Mehrheit der Bewohner zum Symbol der Stadt, zu ihrer Visitenkarte. Und es ist normal; der Mensch wächst in seinem eigenen Gebiet auf und alles, was sich auf diesem Territorium befindet, nimmt er auch als etwas, was ihm gehört, wahr; darum ist die Gestalt des Domes, den man seit der Kindheit sieht, in erster Linie zur eigenen, und erst dann - zur Deutschen geworden.
Ja, es ist natürlich nicht schlecht, aber wollen wir das oder nicht - das ist Interesse an der fremden Kultur und Geschichte; und wenn wir so leicht dieses fremde Erbe wahrgenommen haben, warum können wir dann unser russisches Erbe nicht verlieren? Wer kann garantieren, dass wir in drei oder vier Generationen Kant und Bessel als unsere eigene Landsmänner betrachten werden, und stolz auf sie sein werden während Namen wie Lomonosov und Tolstoi kaum im Hintergrund bleiben?
Es ist sehr schwer, die Mentalität des Volkes, der Nation zu verändern. Aber mit der Mentalität einer kleinen Gruppe der Menschen, die von ihrer historischen Heimat absondert ist - ist es viel leichter. Und heute kann wahrscheinlich keiner sagen, mit wem wir uns in 20-30 Jahren identifizieren werden. Mit Russen aus dem Gebiet Kaliningrad oder mit den Europäern, die irgendwann Russen waren?






Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien