Auf den Spuren von Königsberg - Trilaterales Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads  
 
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Die Wahrnehmung eines Raumes in Phasen seiner Umgestaltung. "Nach einer Revolution im städtischen Raum" von Königsberg nach Kaliningrad am Beispiel des Hafens und des Pregelufers

von Izabela Kazejak


Einführung und historischer Abriss

Im 20. Jahrhundert nach einem dreifachen Schlag, der vom Krieg, Bombenangriffen der Alliierten und Vertreibung gekennzeichnet war, ging Königsberg unter. Man könnte annehmen, dass die Stadt, die es auf der Landkarte nicht mehr gibt, gleichwohl von der Erdoberfläche verschwand. Die Überbleibsel der Stadt befinden sich jedoch im heutigen Kaliningrad. Auf der Spurensuche in der alten deutschen Metropole, spürt man nicht nur die ‚verspielte Größe Deutschlands’ (Stern, 1996), sondern auch die Utopie der vergangenen sowjetischen Epoche. Es könnte sogar angenommen werden, dass in der Stadt eine Revolution stattgefunden hat, denn „große Revolutionen sind auch Raumrevolutionen. Der ganze Raum wird neu kodiert. Neue Namen bezeichnen Inbesitznahme und Aneignung von Straßen, Häusern, öffentlichen Räumen“ (Schlögel, 2003:6).
Die Kriegszerstörungen in Königsberg bedeuteten mehrere Wiederaufbaumöglichkeiten, da lediglich drei Prozent der Häuser in der Innenstadt den Krieg unbeschädigt überdauerten (Hoppe, 2000: 77). Im Nachkriegspolen wurde mit dem Wiederaufbau von Zentren ehemals deutscher Städte wie Breslau der Anspruch Polens auf die „Wiedergewonnenen Gebiete“ untermauert. Im Gegensatz zu Polen war der Leitgedanke der Kaliningrader Stadtplaner die Umwandlung Kaliningrads in eine sowjetische Stadt. In Kaliningrad konnte man mit dem Wiederaufbau historischer Bausubstanz nicht an die angebliche russische Vergangenheit der Stadt anknüpfen. Demzufolge wurde die Königsberger Altstadt nie wiederaufgebaut und in anderen Stadtteilen wurden in der Regel Plattenbauten errichtet.
Andrzej Mencwel weißt im Hinblick auf Kaliningrad zu Recht darauf hin, dass „das Stadtzentrum zum Terrain der sowjetischen Raumoperation, zum Zeugnis der primitiv verstandenen Moderne“ wurde [„Centrum miasta stało się terenem sowieckiej operacji przestrzennej, śwadectwem prymitywnie pojętej nowoczesności“] (Mencwel, 2003: 31). Nicht nur die Kriegzerstörungen, der zwanghafte Bruch mit der kulturellen und nationalen Identität während der Übergangszeit vom Krieg zum Frieden, aber auch die mit den Rotarmisten und Neuansiedlern gekommene neue politische Ordnung bedeutete für die Stadt erst einmal ein totales Ende. Doch gab es theoretisch Chancen auf die Entstehung einer modernen sowjetischen Metropole mit Überresten ihrer reichen Vergangenheit, denn einige Häuser und Gebäude überdauerten den Krieg in einem relativ guten Zustand. Allerdings wurde das deutsche Kulturerbe in der Stadt aus ideologischen Gründen nicht gepflegt. Wegen der hohen Kosten für Neubauten wurden jedoch die im Krieg wenig beschädigten Häuser in der Regel instand gesetzt. Der Schwerpunkt in der ersten Phase des Stadtbaus konzentrierte sich vor allem auf die Wohnraumbeschaffung.
Am Beispiel eines ehemaligen Königsberger Speicherviertels und der Pregelufer werden in diesem Aufsatz die Veränderungen im städtischen Raum gezeigt und analysiert. Von primärem Interesse ist dabei die Wahrnehmung des Ortes. Die kulturwissenschaftliche Perspektive meint im vorliegenden Essay die Erforschung des Ortes anhand von Zeitzeugengesprächen, die 2005 in Kaliningrad durchgeführt wurden. Ferner wurden Gespräche mit einer ehemaligen Königsbergerin, einer heutigen Berlinerin, verwendet. Diese ergaben interessante Resultate, die ein Bild Königsbergs vor dem Krieg aus der Sicht eines Zeitzeugen rekonstruieren. Sie sind jedoch für die Analyse der urbanen Veränderungen von sekundärer Bedeutung. Viel mehr konzentriert sich der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Nachkriegslage des urbanen Raumes als Treffpunktes der Vergangenheit mit der Gegenwart. Gleichermaßen interessant sind die Fragen nach der Art und Weise, in denen sich die Kontinuität Königsbergs im heutigen Kaliningrad manifestiert. Zudem wird die Rolle des gewählten Stadtteils skizziert. Schließlich wird gefragt, welche Möglichkeiten die Methode der Oral History überhaupt bei der Untersuchung der urbanen Entwicklung einer Stadt bietet, die ihre Identität in der Nachkriegszeit aufgeben und neu bestimmen musste.
Die Art der Herangehensweise an das Thema ist nicht nur die des Vergleichs. Beim Vergleichen müsste es sich vor allem um eine Kontrastierung handeln, denn Königsberg war „die Stadt eines anderen Landes, in einer anderen Zeit“ (Kaliningrader Historisches Museum). Allerdings ist der Vergleich im Falle von Königsberg – Kaliningrad nicht ausreichend, denn „Kaliningrad ist die Fortsetzung der Stadt mit anderen Mitteln. Die Stadt vor 1945 hatte 700 Jahre Zeit zu wachsen, die Stadt nach 1945 nur knapp 50. Die eine hat im wilden Pruzzenland begonnen, die andere in einem Land, das aus der mitteleuropäischen Hochzivilisation zurückgebombt worden war in die Barbarei“ (Schlögel, 2001: 224). Gleichwohl ist hervorzuheben, dass in diesem Essay vor allem funktionale, optische und mentale Transfers dargestellt werden. Diese Transfers beruhten vor allem auf Veränderungen in der sozialen Zusammensetzung der Einwohner von Königsberg bzw. Kaliningrad und den damit verbundenen neuen Herangehensweisen der Neuankömmlinge an den untersuchten Ort, sowie seine Wahrnehmung in den Köpfen der heutigen Kaliningrader und ehemaligen Königsberger. Der ausgewählte Ort – das ehemalige Speicherviertel – heute eine Promenade für Touristen am Pregelufer, ist bei dermaßen starken Veränderungen im Stadtbild von besonderem Interesse sowohl für die zahlreichen Heimwehtouristen, die nach Überresten der Stadt ihrer Kindheit suchen, als auch für Geschichtsstudenten. In dem einst blühenden Stadtviertel verbrachte unsere Interviewpartnerin Lena Loos vor dem Krieg ihre Jugendzeit. Momentan wird die Gegend hauptsächlich von Touristen besucht.
Der Stand der Forschung zum Thema Königsberg erlaubt dem Leser aus einer Fülle von Biographien, Fotoalben und Stadtgeschichten eine gute Auswahl von Büchern zu treffen. Forschungen zur Geschichte Kaliningrads betreiben in den letzten Jahren vor allem russische Kaliningrader Historiker. In der deutschen Wissenschaft zeichnet sich vor allem das Buch von Bert Hoppe „Auf dem Trümmern von Königsberg. Kaliningrad 1946 – 1970“ aus. Hoppe setzte mit seinem Buch einen Meilenstein auf dem Feld der urbanen Entwicklung der Stadt nach 1945. In dem vorliegenden Essay wird vor allem der Stadtraum als sozialer Wahrnehmungspunkt verstanden. Auf dem Feld leistete vor allem Karl Schlögel mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen einen Beitrag zum Verständnis des postsowjetischen Raums. Olga Sezneva untersuchte die Wahrnehmung des städtischen Raumes der nach dem Krieg angekommenen Neuansiedler. Ihre Analyse ergänzt die vorliegende Forschung. Diese wiederum wird im gewissen Sinne weiterentwickelt und vertieft durch den Vergleich von Wahrnehmungen zweier Generationen.


Nationalisierung und Entnationalisierung von Räumen durch Architektur

Die homogenen Nationalstaaten in der Mitte und im Osten Europas sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Der mit Grenzverschiebungen verbundene Bevölkerungstransfer hatte zum Ziel, ethnisch homogene Staaten zu erzeugen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Multiethnizität ein europäisches Phänomen. Die Bewohner vieler europäischen Städte bildeten ein Panoptikum von Sprachen, Kulturen und Nationalitäten. Zahlreiche Regionen des mittleren und östlichen Europas hatten keine historisch genau belegbare Staatszugehörigkeiten, denn sie hatten sich im Laufe der Geschichte unter der Herrschaft verschiedener Staaten entwickelt. Diesem Schema folgt auch die Geschichte des heutigen Kaliningrads, das gegenwärtig vor allem mit seiner preußisch-deutschen und sozialistisch–russischen Vergangenheit assoziiert wird. Dennoch ist die Geschichte der Region auch mit der polnisch-litauischen Geschichte verbunden, nicht nur aufgrund von Nachbarschaft, sondern auch hinsichtlich der Herrschaft der polnisch–litauischen Union (seit 1386). Auch die verflochtene Geschichte der polnisch–schwedischen Beziehungen hatte Einfluss auf die Stadt. Der Kaliningrader Raum wird demzufolge hier als ein Objekt in der Geschichte betrachtet, der von verschiedenen Staaten und Nationen beeinflusst war und in dem in den letzten 60 Jahren ein russischer Raum entstanden ist.
Die Umdeutung des Stadtbildes nach dem Krieg war mit der Sowjetisierung und Nationalisierung der Stadt verbunden. Bei der Analyse des heutigen Kaliningrads und seiner urbanen Entwicklung ist es jedoch wichtig, sich von der ideologischen Belastung zu befreien. Die Nationalisierung einer Stadt mit dem Ziel, ihre staatliche Zugehörigkeit zu manifestieren um damit die Identität ihrer Einwohnern zu stiften, ist kein Spezifikum des sozialistischen Machtapparates in Moskau. Die europäische Geschichte zeigt, dass auch das Deutsche Reich die Stadt Posen mit Hilfe von Architektur nationalisieren wollte. Demzufolge zeigt sich, dass die Vorstellung eines Raumes eine kulturelle Konstruktion ist, die man dekodieren und entkodieren kann. Die Nationalisierung von Städten erfolgte nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals auf der Basis von totalem Bevölkerungstransfer. Es gibt auch eine historiographische Dimension von Nationalisierung, nämlich die Geschichtsdeutung. Zum anderen hat der Prozess eine symbolische Ebene, auf der sich die Umbenennung von Straßennamen sowie die Abschaffung von Denkmälern abspielt. Tausende von topographischen Einheiten wie Flüsse, Bäche, Seen, Wälder, Wiesen oder Berge sowie Strassen und Plätze in Kaliningrad mussten neu benannt werden. Die Neuansiedler befanden sich gleich nach Kriegsende in einer Stadt, in der sie mit der deutschen Vergangenheit konfrontiert wurden. Die deutschen Aufschriften befanden sich auf Wegweisern, Straßen- und Firmen- und Türschildern. Werbeslogans, Geschäftsnamen und Hausfassaden sowie Aschenbecher und Briefpapier erinnerten an die Präsenz einer anderen Nation in der Stadt. Die Entfernung solcher Aufschriften war ein Element im Prozess der Nationalisierung. Außerdem spielt im Prozess der Nationalisierung das Ehren historischer Persönlichkeiten und Erinnerung an bedeutende Ereignisse der Nationalgeschichte eine Rolle. „Namen dieser Art waren politische Denkmäler. Sie dienten dazu, einen Kanon nationaler Erinnerung im Straßenraster zu fixieren. Je nach Länge und Breite der Straße, nach ihrer Funktion im städtischen Verkehrsystem von der Magistrale bis zur Nebenstraße, ließ sich der Rang ermessen, welcher der im Straßennamen geehrten historischen Ereignisse beigemessen wurde“, schreibt Thum im Hinblick auf Breslau (Thum, 2003: 350). Diese Prozesse spielten sich aber gleichwohl in anderen ehemals deutschen Städten ab, die nach dem Krieg ihre Staatszugehörigkeit geändert hatten. In der vorliegenden Untersuchung werden die in der Stadt unternommene Versuche der Nationalisierung als ein Prozess verstanden, der die Russifizierung der Stadt zum Ziel hatte, da die Mehrheit der Neuankömmlinge Russen, Ukrainer und Weißrussen waren. Dieser Prozess kann auch als Entnationalisierung bezeichnet werden. Peter Wörster bemerkt dazu: „Die Zeugnisse der Vergangenheit einer Landschaft oder eines Landes spielen zunehmend eine wichtige Rolle bei der Ausbildung einer regionalen Identität“ (Wörster, 1994: 5). Denkmalpflege im Falle Kaliningrads würde bedeuten, dass eine andere Nation sich dem Erbe einer fremden nationalen Kultur zuwendet.
Um die Geschichte Kaliningrads zu verstehen, muss man sich die Situation in der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg vergegenwärtigen. Die Neuankömmlinge kamen in einer fremden Stadt an. In Kaliningrad der frühen Nachkriegzeit hat es nach Venclova „Geschichte (...) nicht gegeben – das was gewesen ist, könnte man wahrscheinlich als post – historische Existenz bezeichnen“ (Venclova, 2002: 159). Wie auch Thomas Venclova beobachtet hat: „Später verblasste der Hass, aber es blieben ein Gefühl des Nichtverwurzelnseins, Apathie und Gleichgültigkeit fast gegen alles, ganz sicher gegen das historische Erbe (Venclova, 2002: 156). Überdies gab es in einer im Krieg zerstörten Stadt, wenngleich in beklagenswertem Zustand, doch Überreste vom Schloss, Kirchen und Stadtlandschaften. Der Rest kam durch langjährige Misswirtschaft völlig herunter. Erhalten sind allenfalls die Straßen, die schon vor dem Krieg in Alleen verwandelt worden waren (Venclova, 2002: 157). Venclova nennt das Kaliningrader Gebiet eine Anomalie. Im postsowjetischen Raum wirkt es, seiner Meinung nach wie ein Reservat des ehemaligen sowjetischen Systems, obwohl in der Wirklichkeit wohl ein solches Reservat gar nicht ist. In seiner Jugend, als Venclova nach Kaliningrad gekommen ist, wirkte die Stadt auf ihn ein wie „eine tote Stadt, in der Mensch gleichsam mit dem Raum als solchen – feindlich, bedrückend unbeweglich – kommuniziert, sie erschreckte mich und zog mich zugleich ein“ (Venclova, 2002: 157).


Raum, Zeit und Mensch – Sowjetisierung und De-Historisierung

Der Großteil des Königsberger Stadtraums wurde im Krieg vernichtet. Hoppe schätzt die Zerstörungen anhand von Ergebnissen einer im Jahre 1948 durchgeführten Inventarisierung der Verwaltung des Chefarchitekten folgendermaßen ein: „Von den vor 1940 in Königsberg bestehenden 13.368 Häusern waren zum 1. Oktober 1948 8.355 zerstört; das entsprach 62,4 Prozent der gesamten Bebauung. Von den ehemals 4896 Häusern der Innenstadt waren sogar nur 161 Gebäude, also drei Prozent des Vorkriegsbestandes, unbeschädigt. Von den vorwiegend in den Vororten gelegenen Einfamilienhäusern hatten immerhin 59 Prozent den Krieg überstanden. Von den geschätzten sechs Millionen Quadratmetern Wohnraum, die die Stadt vor dem Krieg besessen hatte, waren grade 1,03 Millionen Quadratmetern mehr oder weniger bewohnbar geblieben“ (Hoppe, 2000: 77). Die neuen Kaliningrader, mussten sich an die neue Lebenssituation gewöhnen und anfangen, den Stadtraum in einen russisch-sowjetischen Bereich zu verwandeln. Die sozialistischen Städte waren ein Mechanismus, anhand dessen direkte politische und soziale Veränderungen ins Leben transformiert werden konnten. Die sowjetischen Urbanisten, Sabsovich und Melnikov glaubten an die Transformation von Menschen durch „Re-Formulierung“ des urbanen Raumes. Die sowjetischen Musterstädte sollten Hilfe leisten bei der Erzeugung von sowjetischen Mustermenschen, die sich voller Enthusiasmus am Aufbau des Sozialismus beteiligen würden. Mit anderen Worten: „Soviet officials and planners believed that the elimination of the old city would also eliminate the old ways; new socialist cities would install in people new ideas and new modes of behaviour” (Hoffmann, 1994: 128). Gross nennt das Erschaffen des neuen Menschentypus eines der Lieblingsprojekte des Sowjetregimes (Gross, 1986: 105). Der Wandel in einen Sowjetmenschen bestand vor allem in seiner ersten Phase in dem Erlernen der Grundlagen des Marxismus–Leninismus und in der Säkularisierung des Schulunterrichts (Gross, 1986: 108 –109). Bei der Schaffung eines „homo sovieticus“ leistete vor allem die Erziehung und Propaganda Hilfe. Neumann erklärt: „Der Zugriff des Systems auf den Menschen spielte sich im öffentlichen Raum ab und sollte sich im besten Falle in der privaten Sphäre fortsetzen. In den Medien und in Form von Monumenten, Denkmalen und Museen baute das System den Mythos "homo sovieticus" auf. Dieser bezog sich sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft. Einerseits wurde die historische Folgerichtigkeit und Überlegenheit des "homo sovieticus" dargelegt, andererseits seine sagenhafte und glorreiche Zukunft ausgemalt“(Neumann). Die Partei machte sich die „Aufklärungsarbeit“ auf dem Gebiet der Ideologie, Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Aufgabe. Der neue Mensch, der sich im Rahmen der Erziehungsarbeit formte, sollte sich aktiv am Aufbau des Kommunismus, durch Entwicklung der kommunistischen Prinzipien im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben beteiligen. Einen wesentlichen Beitrag leisteten dabei die Medien. Presse, Funk, Film und Fernsehen präsentierten einen ideellen „homo sovieticus“, damit sich die Erschaffung eines neuen Menschentypus effektiver durchsetzen konnte. Das verfolgte Ziel sollte durch folgende Maßnahmen erreicht werden: Formierung einer wissenschaftlichen Weltanschauung, Erziehung zur Arbeit, Entwicklung und Sieg der kommunistischen Moral, Entwicklung des proletarischen Internationalismus und des sozialistischen Patriotismus, allseitige und harmonische Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit Überwindung der Überbleibsel des Kapitalismus im Bewusstsein und Verhalten der Menschen sowie durch Entlarvung der bürgerlichen Ideologie (Neumann).
In Kaliningrad handelte sich um eine doppelte Veränderung: eine politische und eine historische. Anders als in anderen russischen Städten mussten die Königsberger Überreste neu definiert werden und vor allem in die Konstruktion einer neuen sowjetischen Kaliningrader Stadt integriert werden. Diese Aufgabe war schwierig, da der Mangel an Plänen und Ressourcen zur Folge hatte, dass der planvolle Wieder- bzw. Neubau der Stadt erst 1964-1965 begann. Kaliningrad, wie Venclova zutreffend bemerkte, sollte in eine Stadt ohne Geschichte verwandelt werden. Im Falle Kaliningrads hat man es also mit einer fortgeschrittenen „De-Historisierung“ des ehemaligen Ostpreußens zu tun (Sezneva, 2003: 59). Die Kaliningrader Identität ist wesentlich von den Plänen einer solchen doppelten Verwandlung geprägt. Zwar ist die Vergangenheit nicht ohne die Politik zu verstehen, doch in Kaliningrad entstand in Folge der Formation von Identität durch Politik ein spezifisches sowjetisches Kaliningrader Bewusstsein (Sezneva, 2003: 65). Ohne dies in Betracht zu ziehen, kann die Wahrnehmung des untersuchten Ortes nicht analysiert werden. Dieses Phänomen besteht vor allem darin, dass die angekommenen Russen, Weißrussen und Ukrainer einerseits die „De-Historisierung“ der Stadt „anwenden“ wollten. Gleichzeitig aber wurden zum Beispiel die Ruinen des Schlosses erst in den 1960ern gesprengt. Die Neubaubauung des ehemaligen Zentrums von Königsberg fing erst in den 70er Jahren an. Die Untersuchung ist ein Beispiel der „Vermessung“ der Beziehungen der Kaliningrader und Königsberger zu dem gleichen Ort in einer anderen Zeit, unter anderen politischen Umständen und mit verschiedenen ideologischen und nationalen Hintergründen. Sezneva betont, dass die Konstruktion von einem homogenen sowjetischen Raum in Kaliningrad lediglich teilweise erfolgreich verlief. Die Stadt war keine „tabula rasa“. Sie hatte einen festen historischen Hintergrund. Die Neuansiedler wurden von zwei historischen Erzählmustern umgeben. Das eine Muster waren die Überreste der preußischen Stadt und das zweite war, die vom Staat propagierte Geschichtsschreibung (Sezneva, 2003: 83). Zum einen Zeitpunkt trafen sich also an einem Ort vier Prozesse. Die zwei ersten sind national geprägt –Russifizierung und Entdeutschung, die zwei weiteren sind eher politisch zu verstehen – De-Historisierung und Sowjetisierung. Czaplicka bemerkte zutreffend: „Seen from Ukraine, the Baltic State, or other Soviet Republics, Russifikation and Sovietization seemed intrinsically tied“ (Czaplicka, 2003: 382).


Das ehemalige Speicherviertel

„Rund um den Pregelhafen, das ist alles meine Kindheit. Die Schiffe. Das ist tatsächlich Königsberg, wie es in der Erinnerung lebt: mit den Speichern. Alles hatten wir...“ (Vgl. Interview mit Lena Loos am 31.06.2005), sagte Lena Loos, die 87jährige ehemalige Königsbergerin. Sie schilderte in einem vor unserer Exkursion nach Kaliningrad in Berlin geführten Interview, wie die Gegend vor dem Krieg aussah. Ihre Erinnerungen dienten zum Vergleich mit dem heutigen Zustand des Stadtviertels. Um den Blick jedoch dafür zu bekommen, worauf die Königsberger am meisten stolz waren, wäre es empfehlenswert, sich auch die zahlreichen Fotoalben anzuschauen, die das Vorkriegskönigsberg dokumentieren. Die ersten Bilder zeigen oft das Schloss und die Altstadt, das Speicherviertel und den Hafen. Tatsächlich erinnern nur diese alten Fotos an die ehemalige Pracht des Stadtteils, denn die Gegend hat längst ihre Schönheit verloren. Ohne das Hintergrundwissen über die Stadtgeschichte könnte man bei dem ersten Blick auf die beiden Pregelufern von heute glauben, dass es Königsberg an dem Ort nie gab.
In den Köpfen mancher deutscher Touristen ist das Vorkriegskönigsberg jedoch immer noch lebendig, obwohl die Präsenz der ungepflegten Plattenbauten und Hochhäuser nur an die vergangene sowjetische Epoche erinnert. Heutzutage befindet sich im ehemaligen Speicherviertel eine Ansammlung von Plattenbauten und ein Meeresmuseum mit einer Erholungspromenade für Touristen. Nur noch die alte, im Stil der Neo-Renaissance erbaute Börse, die momentan saniert wird, ist ein Zeichen dafür, dass sich an den Pregelufern eine alte Stadt befand. Die Präsenz der Börse, eines Zeichens des Kapitalismus ist im Hinblick auf die Sowjetisierung der Stadt sehr interessant. Man könnte annehmen, dass ein solches Symbol ähnlich wie ein Schloss, Symbol der Bürgerlichkeit und sozialer Ungleichheit, eigentlich zerstört werden sollte. Dennoch zeigt die Anwesenheit des alten Börsegebäudes und die langjährige Präsenz der Schlossruine in Kaliningrad, dass die Stadtverwaltung nicht darauf achtete, diese aus dem öffentlichen Raum verschwinden zu lassen. Möglicherweise wurden sie aufgrund von Mangel an Ressourcen nicht zerstört. Hinter der Börse, die heute den „Palast der Seeleute“ beherbergt, befindet sich ebenfalls eine Reihe von Plattenbauten, an Stelle der ehemals Kneiphöfischen Holzwiesenstraße / Tamnaustraße (Scharloff, 1982: 68-69).
Die Segelschiffe an der Verbindung des Alten und Neuen Pregels genannt Hundegatt sowie die Speicher an der Lastadienstraße sind die Gegend, in der Lena Loos in einem Haus am Neuen Graben zur Welt gekommen ist. Sie erzählt: „Auf der anderen Seite von uns, da war der Fischmarkt, auf unserer Seite waren die Speicher, die Schienen und die großen Schiffe, hier wurden die Dampfer ausgeladen, das war unser Spielplatz, dauernd war Brand in den Speichern, warum wissen wir auch nicht. An den Speichern vorbei kamen wir auf die Krämerbrücken und sind dann zum Bahnhof gelaufen. Wenn wir nicht gehen wollten, sind wir mit der Fähre gefahren“ (Vgl. Interview mit Lena Loos am 31.06.2005). Auf der Lastadie, einem Ladeplatz für Schiffe am Hundegatt standen alte Speicheranlagen mit ihren architektonisch reizvollen Fachwerkhäusern (Scharloff, 1982: 68-69). Lena Loos betont, „die Speicher waren mit Ornamenten verziert, jeder Speicher hatte seine Bedeutung“(Vgl. Interview mit Lena Loos am 31.06.2005). Alexej Levchenko, ein an der Kaliningrader Universität tätiger Wirtschaftsgeograph, äußert sich zum Thema des ehemaligen Speicherviertels in der Gegenwart: „Dieses Viertel stammt aus Mitte der 70ern Jahren, dazu wurde gleich etwas für das soziale Leben gebaut, der Sportpalast zum Beispiel, der stammt aus dem Jahre 1976 oder 1977. Lange Zeit gab es da nur Plattenbauten und den Sportpalast, später die Schwimmhalle, die am Ende der 80er Jahre gebaut wurde“(Vgl. Interview mit Alexej Levchenko am 27.07 2005). An Stelle der Lastadie und des Hundegatts befindet sich heute der Eissportpalast „ДВОРЕЦ СПОРТА ЮНОСТ“, vor dem sich ein Denkmal mit zwei Flossen befindet - ein Symbol der Fischer. Lena Loos betonte, „das war meine Heimat, zwischen den Speichern. Dann hab ich später auf dem Stadtplan gesehen: da waren sogar vier Botschaften auf der Lastadie. Da war die bulgarische, die schwedische...jedenfalls vier Botschaften. Auf der anderen Seite war noch ein Stück Speicher, ...wir haben immer gesagt nur die Lastadie für alles“. Am rechten Pregelufer befinden sich heute, bis auf eine Ausnahme, ausschließlich in den 1970er erbaute Plattenbauten (Siehe Foto Nr. 2).
Die Bebauung der Städte mit Hochhäusern ist ein Charakteristikum der Architektur des ehemaligen Ostblocks. Überdies erfolgte der Wiederaufbau der Stadt langsam. Bert Hoppe hat nachgewiesen: „Der Königsberger Vorkriegsbestand an Wohnraum (1939) wurde auf etwa 6. Millionen m² geschätzt, der Bestand Kaliningrads betrug demgegenüber 1956 lediglich 1,1 Millionen m², 1960 1,3 Millionen m², 1964 1,6 Millionen m² von denen zuletzt noch etwa eine halbe Million m² aus der Vorkriegszeit stammte“( Hoppe, 2000: 81-82). Demzufolge erwies sich die Bebauung der Gegend mit Plattenbauten als relativ gute Lösung, um möglichst vielen Menschen mit möglichst wenig Aufwand eine Wohnung im Stadtzentrum zu verschaffen. Alexej Levchenko betonte, „die Hauptsache war es Häuser zu bauen, aber wie die aussehen würden, war ein ganz anderes Problem“. Allerdings muss an die Tatsache erinnert werden, dass von dem ehemaligen Speicherviertel nach dem Zweiten Weltkrieg nichts übrig geblieben ist und, dass man erst 20 Jahre nach dem Kriegsende anfing, die Gegend neu zu bebauen.
Das soziale Leben in der Gegend vor dem Zweiten Weltkrieg beschrieb Lena Loos folgendermaßen: „Der Stocksche Stift, das war auf dem Neuen Graben, in unserer Straße schräg gegenüber, das ist ein ganz bekanntes, da war der große Garten, da war ein großer Zaun vorne, aber den Park konnte man so sehen, ein Kaufmannshaus, also alte Tradition, das war in der gleichen Straße, das war auf der anderen Seite, bis zur Ecke, da haben natürlich die Kinder geguckt, das passte in die Straße so an und für sich gar nicht rein, ja das war bekannt, das Stocksche Fräuleinstift, wir Kinder haben geguckt, da sah man so ein paar Damen“ (Vgl. Interview mit Lena Loos am 31.06.2005). Heutzutage schätzt Alexej Levchenko das ehemalige Speicherviertel folgendermaßen ein: „die Lage ist gut; direkt am Pregel, am Wasser. Das Wasser im Pregel ist aber nicht ganz sauber, obwohl heute ist es schon besser, aber vor 10 Jahren gab es da besonders im Herbst einen schlechten Geruch. Es gab auch Flutgefahr. Bei ungünstigem Wetter kommt die Flut und die Häuser und Autos stehen unter Wasser. Auch im Sozialbereich gibt es nur den Sportpalast, eine Schule, ein paar Geschäfte und sonst nichts. Alle anderen kulturellen Objekte sind außerhalb dieses Stadtteils“(Vgl. Interview mit Alexej Levchenko am 27.07 2005).
Die Wahrnehmung des Ortes von einer ehemaligen Königsbergerin und einem jungen Kaliningrader unterscheiden sich wesentlich voneinander. Während Lena Loos aufgrund ihres Alters sich lediglich mit Hilfe von alten Stadtplänen und Fotoalben an den urbanen Raum erinnert, geht ein junger Kaliningrader Geograph mit einem gewissen Abstand und kritisch an das Thema heran. Dies ist mit der Wahrnehmung von Zeit verbunden, denn je länger die Distanz zu erinnerten Objekten in der Geschichte, desto positiver werden offenbar die Erinnerungen eines Zeitzeugen. Die Wahrnehmung des Ortes durch einen Kaliningrader ist dagegen eher durch pragmatische Merkmale gekennzeichnet. Der polnische Historiker Brakoniecki fragt daher provokativ: „Was bedeutet es, Russe zu sein im Kaliningrader Gebiet? Im weiten Raum, beraubt der Identität, der Bau- und Kunstdenkmäler, der Schönheit? An der Straße stehen und auf Deutsche warten, auf den alten Mantel und Krücke zeigen, auf die verfallene Kirche, aus der Rohre herausragen, Müll und Exkremente des Kommunismus?“ (Brakoniecki, 1993: 40). Ein in Kaliningrad geborener Russe, empfindet den Stadtteil fast ohne seine historische Belastung als einen Ort, an dem man entweder wohnhaft werden könnte oder an dem eine Erholungszone für die Touristen, die meistens aus Deutschland und Polen stammen, geschafft werden könnte. Wichtig für diese Einstellung ist jedoch die generationelle Zugehörigkeit. Während die Neuankömmlinge der unmittelbaren Nachkriegszeit keinen kulturellen Bezug zu der Stadt hatten, ist der interviewte Wirtschaftsgeograph in den 1960er Jahren in Kaliningrad geboren und in der Stadt aufgewachsen. Er hat daher einen in der Kindheit und Jugend gewachsenen Bezug zu Kaliningrad, weswegen die Wahrnehmung des Ortes in seinem Kopf durchaus anders ist, als die seiner Eltern oder die von Lena Loos. Unser Interviewpartner ist ein Repräsentant jener Generation, die in Kaliningrad sowohl an die russisch-sowjetische als auch an die preußisch-deutsche Vergangenheit der Stadt mit einem kritischen Blick herangeht. Czaplicka betont, „Freed from authoritarian rule the denizens of cities may become citizens enfranchised to find and mold their own genealogies of place and self by adopting a chosen heritage and by inventing and cultivating their won traditions (Czaplicka, 2003: 402). Die Geschichte von Lena Loos ist lediglich imaginär aufgrund der Distanz zum erinnerten Ort. Sie bewegt sich zwischen einer historisch beweisbaren Realität und Erinnerungen, die sich im Laufe der Zeit verwandelten und von zahlreichen Publikationen beeinflusst worden waren. Zum anderen „wird die Heimat meist zur selbstständigen Größe wenn sie verloren geht“ (Schlögel, 2003: 80). Ihre Beziehung zu der Königsberger historischen Bausubstanz kann als „historical imaginery“ (Czaplicka, 2003: 396) verstanden werden. Geschichte und Gedächtnis haben jedoch einige Merkmal gemeinsam. Die Stimmen des Gedächtnisses sowie die Narration der Geschichtsschreibung sind nicht nur eigenständige Brücken zur Vergangenheit. Sie konstruieren die Vergangenheit indem einige Punkte der Geschichte thematisiert werden und andere in Vergessenheit geraten. Eine solche Interpretation der Vergangenheit konstruiert außerdem die Gegenwart, wie Sezneva betont (Sezneva, 2003: 66). Das Bild von Königsberg im Kopf von Lena Loos ist ein Resultat des Erinnerns und Vergessens, ein Ensemble von Eindrücken, die kultiviert und gepflegt wurden sowie von Lücken, die aufgrund des Vergessens entstanden sind.


Der Hafen und die Pregelufer

„Rest-Königsberg ist nicht das, was nach den alliierten Luftangriffen in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1944 und nach der Schlacht um Königsberg geblieben war. Die 40 Jahre Neuaufbau, die auch eine Zerstörung waren, zeigen, dass nicht allein Bombentreffer bestimmten, was bleiben sollte und was nicht. Vom feinen Gewebe der Stadt der Bürger und Kaufleute, von den Geschäfts- und Warenhäusern, Cafés und Buchhandlungen ist nichts geblieben. Übernommen hat man das Elementare, das Gerüst“ (Schlögel, 2003: 225). Die Bedeutung des Hafens für die Stadt ist seit der Gründung der Burg Königsberg herausragend. Ehrhardt Traugott beschreibt die Anfänge der Stadt folgendermaßen: „Die Wahl des Ortes für die Burg Königsberg zeigt die Fähigkeit der Ordensritter, taktische und strategische Vorteile miteinander in Einklang zu bringen. Da ist die beherrschende Lage über die dem Fluss, zugleich an einem Hafen.(...) So ist Königsberg der Schlüssel zum Samland, zugleich aber die Basis für weiter nach Osten zielende Unternehmungen.“ (Traugott, 1989: 9).
Nach dem Untergang Königsbergs wurde die ehemalige Handels- und Hafenstadt Kaliningrad jedoch zu einer militärischen Sperrzone. Seine strategische Lage und ein militärischer Charakter, demzufolge auch die Geschlossenheit der Stadt selbst, haben verursacht, dass der Hafen an wirtschaftlicher Bedeutung verlor. Die Literatur bezeugt, dass das Gebiet ein Potential für die Abwicklung eines Teils des von Belarus und der nördlichen Ukraine kommenden Güterverkehrs hat. Der Kaliningrader Hafen ist einer der größten der früheren Sowjetunion (Schlögel, 2001: 219). Die Häfen der Kaliningrader Exklave werden jedoch für den Güterverkehr weniger genutzt als die Häfen Litauens, Lettlands und Estlands. Außerdem sind sie für den innerrussischen Handel nicht genügend wettbewerbfähig, denn eine Fahrt mit der Eisenbahn von Moskau bis dorthin dauert 25 bis 28 Stunden und ist teurer als der Versand der Güter nach alternativen Häfen wie Klaipeda (Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Mitteilung der Kommission an den Rat. Die Europäische Union und Kaliningrader Gebiet).
Seitdem Kaliningrad keine Sperrzone mehr ist, wurde der Kaliningrader Hafen, daher vor allem zu einer Touristenattraktion. Genau an der Stelle des ehemaligen Anlegers für Fischerboote befindet sich heute eine Erholungspromenade. Am rechten Pregelufer wurde 1992 ein Museum gegründet. Die Ausstellungsfläche ist in drei Schiffen und in ein Ausstellungsgebäude gegliedert. Zusätzlich gibt es auch einen Freilichtmuseumsteil.
Auf den Forschungsschiffen werden Decks, Kommandobrücke, Kajüten, Forschungslabors sowie technische Geräte zur Erforschung des Meeres und des Meeresbodens ausgestellt. Das Schiff ‚Kosmonaut Wiktor Pazajew’ unterbringt zum Beispiel eine Ausstellung zur Geschichte der Luftfahrt. Darüber hinaus die Ausstellung in dem Unterseeboot ‚B-413’ stellt die Geschichte der russischen U-Boot-Flotte dar. Außerdem ist auf dem Gelände des Museums technisches Gerät zur Erforschung des Meeres und des Meeresbodens zu sehen. Ein Reiseführer beschreibt das Museumsgebäude wie folgt: „Das dreistöckige Museumsgebäude wurde im Herbst 2003 eröffnet. Es verfügt über einen Konferenzsaal, mehrere Aquarien, eine Muschelsammlung und eine Aussichtsplattform, von der aus man einen schönen Blick auf die Stadt genießen kann“ (Strakauskaite, 2005:186-187).
Von den Anfängen des Meeresmuseums erzählte Alexej Levchenko: „Und dann kam diese mutige Frau in die Stadt, die Direktorin des Meereszentrums. Sie hatte so viel Energie, dass sie es schaffte für das Museum den föderalen Status, und somit Mittel aus Moskau, zu bekommen. Es ist nicht ein einfaches Stadtmuseum, sondern wird von Moskau finanziert. Schritt für Schritt hat sie das gemacht, zunächst gab es nur ein altes Haus für das Museum. Dann hat sie das U-Boot bekommen, die wollten es erst nicht abgeben. Dann kam noch ein Funkschiff für die Raumfahrt, zusätzlich das ehemalige Schiff namens Mars oder Witez, nach dem Krieg ein Wissenschaftsschiff “(Vgl. Interview mit Alexej Levchenko am 27.07 2005). Dieses Schiff hat auch für ehemalige Königsberger eine symbolische Bedeutung, denn 1945 wurden damit etwa 20.000 Flüchtlinge aus Königsberg evakuiert. „Im letzten Jahr kam noch ein neues Gebäude. Und es hat sich entwickelt zu einer Erholungspromenade. Neue Pflastersteine, Ausstellungsstücke, alte Kanonen gab es auch. Und heut zu Tage ist da Platz um spazieren zu gehen, sich zu erholen, es ist auch ein Kulturplatz. Es ist nicht mehr nur ein Wohnstadtteil, er trägt auch einige kulturelle Funktionen“(Vgl. Interview mit Alexej Levchenko am 27.07 2005).
Die von unserer Gruppe befragten polnischen Touristen fanden nur das U-Boot erwähnenswert, die Promenade als Erholungsort war ihrer Meinung nach nicht wirklich eine Touristenattraktion. Alle haben die Tatsache hervorgehoben, dass sie die Gegend an Polen vor 30 Jahren erinnern würde. Auch die Idee der Ausstellung von Schiffen gefalle Ihnen, doch wäre es besser, wenn weitere Schiffe den Touristen zugänglich gemacht würden.
Hervorzuheben ist, dass sich die Bedeutung des Ortes vor allem in den letzten Jahren stark verändert hat. Wie der Kommandant und Organisator der Ausflüge durch den Hafen, Alexej Stepanowitsch Gonko, unterstreicht, „hat der Ort mehrere Veränderungen in der letzten Zeit erlebt, aber auch die Stadt im Ganzen. Vorher war hier nichts, aber sie haben hier viel aufgebaut. Bald wird das eine offene Stadt für Touristen. Würde man sich noch mehr um die Stadt kümmern, könnte sie zu einem Mekka für die Touristen werden“ (Vgl. Interview mit Alexej Stepanowitsch Gonko am 26.07.05). Die Veränderungen in der Erholungszone, wurden auch von einem unser Gesprächpartner - Jewgienij Ochranowitsch - unterstrichen: „Vor 2 Jahren war dieser Ort leer und unordentlich, aber alles hat sich zum besseren verändert. Die Stadt wird von Tag zu Tag und Jahr zu Jahr schöner“(Vgl. Interview mit Jewgienij Ochranowitsch am 26.07.05), (Siehe Fotos 3 u. 4).
Was sind jedoch die Gründe dafür, eine Reise nach Kaliningrad zu unternehmen? Andrzej Mencwel schrieb im Jahre 2003: „Die Reise nach Kaliningrad schien mir lange Zeit als unmöglich, oder sogar unvorstellbar – kann man sich überhaupt eine Reise zu einem Ort, an dem sich keiner aufgehalten hat und der nie beschrieben wurde, vorstellen? – so war es doch mit Kaliningrad ein halbes Jahrhundert lang gewesen“[„Podróż do niego (Królewca, jawiła mi się długo jako niemożliwa, nawet niewyobrażalna – czy można sobie wyobrazić podróż do miejsca, w którym nikt nie był i którego nikt nie opisał – a tak przeciweż przez prawie pół wieku było z Kaliningradem] (Mencwel, 2003: 8). Heutzutage öffnet sich die Geschichtspolitik für das deutsche Erbe der Stadt, was sich in der Denkmalpflege historischer Baussubstanz, wie zum Beispiel in der Renovierung des Börsengebäudes, widerspiegelt. Damit kann am Gesicht der Stadt ihre wechselvolle Geschichte abgelesen werden, was ein wichtiger Grund für eine Reise nach Kaliningrad sein kann. „Die Symbolismen verdichten sich in den Monumenten [...] Die Monumente sind die Werke, die einer Stadt ihr Gesicht und ihren Lebensrhythmus geben. Sie sind ihre Erinnerung und die Darstellung ihrer Vergangenheit, sie sind die affektiven und aktiven Kerne ihres gegenwärtigen Alltagslebens, sie sind die Präfiguration ihrer Zukunft“ (Lefebvre, 1975: 143). Die Überreste Königsbergs bedeuteten sowohl für die Neuankömmlinge der ersten Nachkriegsjahre, sowie für ihre Nachgeborenen ein wesentlich anderes Erzählmuster als die sowjetische Deutung der Geschichte. Heutzutage bedeuteten die Überbleibsel der deutschen Metropole Attraktion für die deutschen Touristen, aber auch für Gäste aus anderen Teilen Europas und der Welt.


Revolution im städtischen Raum? - Nutzung von Geschichte zur Konstruktion städtischer Identität

Unsere Feldforschungen und Interviews sollten eine Annäherung an die Frage ergeben, inwieweit Architektur und ein radikal umgestalteter Raum Identität stiften können und ob man diese durch Befragungen erforschen kann. Fraglos ist Czaplicka zuzustimmen, dass sich die Erschaffung neuer Städte auf das Bewusstsein ihrer Bewohner auswirkt (Czaplicka, 2003: 27). Bei Lena Loos ist festzustellen, dass die Errichtung von Kaliningrad und die Unmöglichkeit, die alte Heimat zu besuchen, zu einer Konservierung ihres Bildes vom alten Königsberg geführt haben. Dieses Bild wird durch die „Heimatliteratur“ der Vertriebenen zwar immer wieder angewidert und rekonstruiert, bleibt aber letztlich statisch. Die Interviews mit den heutigen Bürgern Kaliningrads belegen dagegen das Scheitern der totalitären Idee von der Erschaffung eines neuen Menschen. Man hat sich mit Kaliningrad arrangiert, aber es gibt kaum eindeutig positive Bezüge. Auf der Basis der durchgeführten Interviews ist Czaplicka zuzustimmen, dass „[…] familiarity through lived experience is a central element in the identification with a place, which is elaborated upon through attributions of meanings and significances that are both historical and – quite often – mythic or imaginary“ (Czaplicka, 2003: 373). Vertreter der zweiten Generation wahren Distanz zu ihrer Heimstadt, obwohl sie dort schon aufgewachsen sind. Damit ergibt sich jedoch zugleich eine Chance aus den verschiedenen kulturellen Codes die heute Kaliningrad prägen, doch noch ein neues privates Verhältnis zu der Stadt zu bekommen, Kaliningrad und Königsberg nicht mehr als Gegensatz, sondern als etwas Gemeinsames zu begreifen.
Am Fluss gelegen umfasst die Gegend um die Pregelufer die Sphären der Arbeit, des Wohnens und der Erholung. Das Geschichtliche scheint an dem Ort nicht mehr zu existieren. Nur noch ein Blick vom Meeresmuseum auf die andere Seite des Ufers, wo sich das alte Börsengebäude befindet, lässt daran glauben, das Königsberg tatsächlich an diesem Ort existierte. Die sowjetische Regierung sorgte für einen Gedächtnisverlust hinsichtlich des Ortes, an dem die Neuankömmlinge wohnten. Die in der Nachkriegszeit radikal veränderte Physiognomie der Stadt im Vergleich zu Königsberg legitimierte die neu angekommene politische Ordnung und schöpfte die neue regionale Identität der Neuankömmlingen mit. Erst die 1990er Jahre brachten positive Veränderungen bezüglich der Wiedergewinnung des Gedächtnisses in der Stadt. Diese resultierten in der Denkmalpflege des deutschen Kulturerbes. Verfolgt man die Umgestaltungen im Stadtbild, lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass im städtischen Raum tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat, die sich vor allem in der Neudefinierung des kulturellen Selbstverständnisses der Stadt manifestierte (Schlögel, 2003:76). Nur noch Fragmente der alten Stadt haben die Umdeutung überdauert, weil die finanziellen Mittel nicht ausreichten, um sie abzureißen und mit Neubauten zu ersetzen. Andererseits ist Eckhard Matthes zuzustimmen, dass die Stadt selbst zum Museum wurde. „In Kaliningrad dessen Museum für Geschichte und Kunst die Vorkriegszeit nicht dokumentierte, obgleich ungezählte Kulturdenkmäler den Bewohnern der Stadt und der Region diese Vergangenheit demonstrativ vor Augen führten, wurde die das Museum umgebende Stadt selbst zum Museum, deren Betrachter zum bewahrenden historischen Gedächtnis“ (Matthes, 2001: 1375). Das heutige Kaliningrad, kann man ohne diese ideologische Belastung nicht verstehen. Im Kontext der totalitären Planungsversuche, sieht die Stadt von heute tatsächlich wie ein Nachweis halbgelungener Planung und des Mangels an Finanzierungsmöglichkeiten aus. Faktisch sind das Speicherviertel von heute, sowie die ganze Gegend an beiden Pregelufern, wo Lena Loos in der Vorkriegszeit aufgewachsen ist, in ihrer Funktion ein ganz anderer Ort geworden. Erst in den letzten Jahren wurde die Gegend in eine Touristenzone umgestaltet. Dies muss als eine positive Entwicklung betrachtet werden. Der heutige städtische Raum Kaliningrads spiegelt die vergangenen Epochen wider und die Bewohner scheinen sich an ihm gewöhnt zu haben. Allerdings nicht nur die Bausubstanz, sondern gleichwohl die Bevölkerung definiert einen Stadtraum. Da das ehemalige Speicherviertel zu einem ‚Schlafsack der Gemeinde’ wurde, hatte er seine ehemalige Funktion und Bedeutung verloren. Die Misere der Blockbebauung förderte das Geschichtsbewusstsein der Bewohner nicht. Die sowjetische Architektur sollte die Erzeugung des Sowjetmenschen fördern. Der Untergang Königsbergs wurde zum Neuanfang einer sozialistischen Stadt, denn „alles was geschieht, nicht nur in der Zeit sondern auch im Raume geschieht“ (Schlögel, 2003: 41). Überdies, worauf auch Andrzej Mencwel hingewiesen hat, konnte man die räumliche Gestaltung der Stadt nicht ganz umgestalten, vor allem hinsichtlich des Flusses. Aufgrund der geographischen Lage blieb der Ort in seiner Funktion ähnlich.
Die Entdeckung des Kaliningrader Raumes fing jedoch für unsere Arbeitsgruppe mit der Geschichte von Lena Loos an. Ausgehend von ihrer Erzählungen, die für uns ein Orientierungsmuster waren, entdecken wir die untergegangene Welt neu. Die sowjetischen Stadtplaner ignorierten das deutsche architektonische Erbe in der Stadt, wie einige ehemaligen Königsberger die Stadt ignorieren, die nach 1945 entstanden ist, weil sie sich vor allem an Erinnerungen der heutzutage lediglich virtuellen Stadt konzentrieren. Sowohl die deutschen als auch die russischen Architekten und ihr Schaffen sind aber Zeugen ihrer Zeiten und schufen gemeinsam, obwohl unabhängig voneinander, ein Zeugnis ihrer Zeit. Der städtische Raum Kaliningrads wurde demzufolge zur Bühne zweier Kulturen, der ostpreußischen und der sowjetisch-russischen, die dem Bild der Stadt von heute ein einzigartiges Gesicht gaben. Ein anderer Blick auf die Geschichte und Architektur der Stadt erlaubt den heutigen Bewohnern Kaliningrads eine Stadt mit wechselvoller Geschichte zu erleben. In der Vielfalt liegt der architektonische Reichtum der Stadt, der Stadt mit einer preußisch-sozialistischen Vergangenheit.
Die mit den Jubiläumsfeierlichkeiten verbundenen Sanierungsarbeiten vieler Vorkriegsgebäude sowie die Ausgrabungen am Schlossplatz sind ein Zeichen dafür, dass die deutsche Vergangenheit Wege in das Bewusstsein der Kaliningrader Stadtverwaltung und Moskauer Regierung gefunden hat.



Abbildungen



Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4




Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien