Auf den Spuren von Königsberg - Trilaterales Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads  
 
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"Das ist eine heikle Frage ..." Die Nachkriegszeit Kaliningrads im Gedächtnis von Zeitzeugen und Öffentlichkeit

von Raphael Jung, Agnieszka Koscielska, Agnieszka Milewska, Jolanta Turowska


Einleitung

Während des Aufenthalts in Kaliningrad sprachen wir mit Zeitzeugen und Personen des öffentlichen Lebens darüber, wie sie die unmittelbare Nachkriegszeit erinnern. Dabei interessierte uns vor allem, welche Bilder der Nachkriegszeit im Gedächtnis der Menschen erhalten sind. Wie wird die Ankunft der Übersiedler, der Wiederaufbau und das Zusammenleben mit der deutschen Zivilbevölkerung erinnert? Die Stadt befand sich nach dem Krieg in einer langen Periode des Übergangs. Als ein Beweis dafür mag gelten, dass die Umbenennung in Kaliningrad erst im Juni 1946 erfolgte, während Königsberg doch bereits im April 1945 gefallen war. Zwischen beiden Daten (und noch weit danach) sind die Spuren deutschen Lebens in der sowjetischen Stadt deutlich sichtbar: in Straßennamen, Bevölkerung, Architektur.
Im Gespräch mit Zeitzeugen, gestützt auf Methoden der Oral History (Królik 2005) fragten wir nach dieser Zeit des Übergangs: Den Hoffnungen der Menschen und danach, wie die vormals deutschen Stadt eine sowjetische wurde. Im ersten Teil der Arbeit wird ein Bild von der Atmosphäre der Interviews gezeichnet und das erhobene Quellenmaterial reflektiert, im zweiten Teil werden dann die Erzählungen der Zeitzeugen über die Nachkriegszeit thematisch geordnet wieder gegeben und im letzten Teil widmen wir uns der Frage, wie mit unbequemen Erinnerungen an die Anfänge der Stadt heute in der Kaliningrader Öffentlichkeit umgegangen wird.


Königsberg – Królewiec – Калининград

In der Sowjetunion wurde Kaliningrads deutsche Vergangenheit zumeist verschwiegen und marginalisiert. Erst seit wenigen Jahren sind die Wurzeln der Stadt als Thema in Presse, Öffentlichkeit und Wissenschaft präsent. In Deutschland dagegen wurde Königsberg nach 1945 zu einem Mythos, es „wurde zu einem deutschen Atlantis: eine sagenhafte, unerreichbare Stadt.“ (Hoppe 2000: 10). Denn für viele Vertriebene war und ist Königsberg das Symbol einer glücklichen Jugend und einer verlorenen Heimat. Zahlreiche Erinnerungen, Tagebücher und Autobiographien von ehemaligen Bewohnern Ostpreußens sind bisher erschienen, meist über den Einmarsch der Roten Armee oder die Flucht aus dem Königsberger Gebiet (Vgl. Deichelmann 1995, Wieck 2005). So blieb Königsberg im deutschen Bewusstsein lebendig. Doch auch für Polen hat die Stadt eine besondere Bedeutung. Królewiec erinnert an die glanzvollen Zeit Polens, als Preußen noch ein Lehen der polnischen Krone war. Im polnischen Bewusstsein funktioniert es als ein Symbol einer Zeit, in der Polen eine wichtige Position in Europa inne hatte.
Die wachsende Aufmerksamkeit für die Geschichte Kaliningrads spiegelt sich in dem Interesse an dem Buch von Jurij Kostjašev: „Als Russe in Ostpreußen. Sowjetische Umsiedler über ihren Neubeginn in Königsberg/Kaliningrad nach 1945“ wider (Matthes 2002). In den darin geschilderten Augenzeugenberichten wurde erstmals Kritik an der Wiederbesiedelung laut. Das Buch bricht mit den Worten der Umsiedler den heroischen sowjetischen Narrativ, der bisher Befreiung und Wiederaufbau Kaliningrads umgab. Es macht deutlich, dass damals durchaus fragwürdige Entscheidungen getroffen wurden und Neubesiedelung wie Wiederaufbau nicht reibungslos verliefen. Derartige Themen waren jedoch in der Kaliningrader Öffentlichkeit jahrzehntelang ein Tabu. Kostjaševs Buchs ist in dieser Hinsicht ein Meilenstein für die Geschichte des Kaliningrader Gebiets. Für uns war es von Bedeutung, da es mit den Methoden der Oral History arbeitete. Wir nahmen seine Ergebnisse als Ausgangspunkt für unsere eigenen Recherchen und haben besonders interessante Punkte genauer hinterfragt.
Wir wollten wissen, woran sich die Umsiedler heutzutage erinnern, wenn von den ersten Nachkriegsjahren die Rede ist. Wir suchten daher Gesprächspartner, die direkt nach dem Krieg nach Kaliningrad kamen. Interessant war für uns die Frage, inwiefern sich die deutschen Augenzeugenberichte und Erinnerungen von den sowjetisch-russischen unterscheiden. Findet man in den Quellen Widersprüche, oder ist die Geschichte auf die gleiche Art und Weise dargestellt? Darüber hinaus interessierte uns, inwiefern unsere Gesprächspartner ihre eigene Geschichten erzählen und ob ihre Erzählungen von den Medien und politische Propaganda beeinflusst wurden.


Der Veteranenverband (Sojus Veteranov)

Um Zeitzeugen der Sowjetisierung zu finden, gingen wir zum Leninskij Prospekt 13, einer großen Straße im Zentrum Kaliningrads. Dort haben der „Verein der Teilnehmer des Wiederaufbaus des Kaliningrader Gebiets“ und der Veteranenverband ihren Sitz. Beide Organisationen sind im Leben der Stadt präsent und nehmen einen wichtigen Platz in der Öffentlichkeit ein. Vor allem während des 750-jährigen Jubiläums Kaliningrads wurden dort zahlreiche Interviews mit den älteren Leuten durchgeführt, auch von deutschen Journalisten.
Wir waren aufgeregt und neugierig zugleich, welche Informationen das Treffen mit den Offizieren der Roten Armee bringen würde. Wir wurden sehr gastfreundlich aufgenommen und nach dem obligatorischen Toast mit Wodka und einer offiziellen Begrüßung begannen die Gespräche. Jeder der anwesenden Veteranen wollte zu Wort kommen. Während sie sprachen entstand bei uns der Eindruck, dass sie eher eine kollektive Geschichte als eine persönliche Erinnerung präsentierten. Mehrfach wurden wir darauf hingewiesen, dass wir jedes Wort genau notieren sollen und nichts verändern dürften. Wir seien aus dem Westen, dort werde die Geschichte fast immer falsch dargestellt. So hörten wir viele Erzählungen über die Heldentaten der jeweiligen Soldaten. Unsere Fragen fanden leider kaum Beachtung.
Das Gespräch verlief in einer stürmischen Atmosphäre. Die Veteranen ließen einander selten aussprechen, oft unterbrachen sie sich. Auf kritische, unbequeme Fragen erhielten wir eher ausweichende, diplomatische Antworten. Man sprach Man sprach viel über die bedeutende Rolle der Roten Armee im Kampf gegen Nazideutschland, die Okkupation der polnischen Ostgebiete auf Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes wurde jedoch verschwiegen. Den Aussagen der Veteranen zufolge sei auch die deutsche Zivilbevölkerung nach dem Fall Königsbergs gut behandelt worden. Man hätte die Deutschen versorgt und half ihnen ebenso, wie man den Russen geholfen habe; niemand sei misshandelt worden.
Wenn man jedoch die russische Propaganda untersucht und dort liest „Merke Dir, Soldat! Dort in Deutschland versteckt sich der Deutsche, der Dein Kind gemordet, Deine Frau, Braut, Schwester vergewaltigt, Deine Mutter, Deinen Vater erschossen, Deinen Herd niedergebrannt hat. Geh mit unauslöschlichem Hass gegen den Feind vor! Deine heilige Pflicht ist es (…), in die Höhle der Bestie zu gehen und die faschistischen Verbrecher zu bestrafen“ (Hoppe 2000:19), fällt es schwer zu glauben, dass die Zivilbevölkerung in Ruhe leben konnte. Wie auch bei anderen Nation sprachen die Veteranen nur ungern über Verbrechen und dunklen Seiten der eigenen Geschichte. Wir erhielten den Eindruck, dass unter den Veteranen kein kritisches Bewusstsein für mögliche Fehler oder Kriegsverbrechen der Roten Armee herrscht. Nach der Lektüre der einschlägigen Literatur (Wieck 2005, Hoppe 2000, Matthes 2002) darf die Glaubwürdigkeit der Aussagen der russischen Offiziere bezweifelt werden.
In den Gesprächen war die Nachwirkung der sowjetischen Propaganda offensichtlich, aber auch der Wille von Individuen unangenehme Seiten der Geschichte zu vergessen. Viele Veteranen betonten, dass es möglicherweise irgendwo zu verschiedenen, schrecklichen Taten gekommen sei – sie selbst wüssten davon allerdings nichts. Sie äußerten zudem die Überzeugung, dass es sich dabei lediglich um Einzelfälle gehandelt haben könne, die sofort bestraft wurden. So bleibt am Ende der offensichtliche Widerspruch, dass die Mehrheit der aus Kaliningrad ausgesiedelten Deutschen über Verbrechen der Rotarmisten berichtet, während auf russischer Seite niemand derartige Geschehnisse bestätigen kann.


Der Bund der ältesten Stadtbürger (Sojuz učastnikov vozroždenija Kaliningradskoi oblasti)

Das Treffen mit dem im Jahre 1994 gegründeten Sojuz učastnikov vozroždenija Kaliningradskoj oblasti (Bund der ältesten Stadtbürger) verlief in sehr privater, fast intimer Atmosphäre. Seine Leiterin Nina Aleksandrovna betrachtet die Gründung der Organisation als eine Initiative von Betroffenen und eine Gegenreaktion auf die allmähliche Vernachlässigung derjenigen, die als erste nach Kaliningrad gekommen sind. Man habe die Vereinigung gegründet, um nicht vergessen zu werden, erklärt sie. Etwa dreihundert Vereinsmitglieder, die alle vor 1950 nach Kaliningrad kamen, finden dort Gesellschaft sowie Unterstützung in verschiedenen Fragen. Der Verein stellt die einzige offizielle Vertretung der ersten Übersiedler dar. Nina Aleksandrovna berichtete, dass man sich regelmäßig treffe und dann jeder erzählen könne, was ihm widerfahren sei. Die Vereinsmitglieder würden auch von anderen Institutionen zu Treffen eingeladen. „Sonst kommen wir an jedem Dienstag und Donnerstag hierher und erzählen. Wie wir die Dächer repariert, die Bahnlinie gelegt, eine Brücke gebaut haben…“ (Gespräch vom 28. Juli 2005)
Nach den Interviews stellten wir fest, dass die uns berichteten Geschichten allesamt sehr ähnlich waren. Möglicherweise hatten wir keine individuellen Lebenserinnerungen gehört, sondern eine kollektive Erinnerung. Die alten Frauen hörten sich gegenseitig zu, unterbrachen einander, bestätigten und ergänzten sich. Jede der Frauen wartete fast ungeduldig, bis sie endlich erzählen durfte. Die Grenzen zwischen Einzelgespräch und Gruppeninterview waren fließend. Die Frauen waren gut auf die Gespräche vorbereitet, hatten Fotos, Karten und sogar Gedichte mitgebracht. Nachdem sie uns ihre Geschichte erzählt hatten, durften wir unsere Fragen stellen. Auf Zwischenfragen antworteten sie in meisten Fällen eher kurz, kehrten schnell zum eigenen Leitfadens zurück. Einige Frauen betonten nicht ohne Stolz, dass sie ihre Erlebnisse bereits mehrmals öffentlich präsentiert hatten. Es scheint, als sei auch durch die gestiegene Nachfrage an Erinnerungen die Grenze zwischen eigenen Erlebnissen und den Berichten anderer Umsiedler durchlässig geworden. Auch die sowjetische Wahrnehmung der Befreiung Königsbergs leistete dazu ihren Beitrag. Unsere Gesprächspartner berichteten vom Wiederaufbaus und der Gründung einer neuen, vorbildlichen sozialistischen Stadt. Sie sprachen von Freude, Stolz, Pflichtbewusstsein, Opfern und Missionsgefühl. Auch Hunger, Versorgungs- und Wohnungsmangel, fatale hygienischen Bedingungen und das allgemeine Chaos in der Stadt wurden nicht außer Acht gelassen. Auf die Frage nach der deutschen Zivilbevölkerung erhielten wir ausweichende Antworten. Die Frauen sprachen dieses selbst Thema nicht an und erzählten darüber erst, als wir fragten. Die Erinnerungen waren alle positiv. Über Schlechtes sprach man nicht.


Passanten

Neben den Interviews in den genannten Institutionen haben wir auch alte Personen in Parkanlagen oder auf der Strasse angesprochen und versuchten sie zu überzeugen, uns „ihre“ Geschichten zu erzählen. Manchmal erzählten die Passanten verschiedene Begebenheiten, an die sie sich erinnern konnten. Selbstverständlich waren die Nachkriegsjahre in Kaliningrad schwierig: Die Stadt war zerstört, die Wohnverhältnisse katastrophal und die Lebensmittelversorgung schlecht. So waren sich alle Gesprächspartner darin einig, dass der Neuanfang schwer und entbehrungsreich war. Die Arbeit beim Wiederaufbau und die ersten Schritte vor Ort so gut wie möglich zu organisieren, waren wichtige Punkte jeder Erzählung. Auffällig war, dass die Befragten oft spannende Dinge erzählten, die sie irgendwo gehört, aber nicht selbst erlebt hatten, um das Gespräch interessanter zu machen. Über die privaten, vielleicht auch schmerzhaften Geschichten sprachen sie nicht. Sehr selten wurden kritische Meinungen gegenüber dem Staat oder politischen Entscheidungen geäußert. Der einzelne Mensch war in der UdSSR unwichtig und machtlos, und viel von dieser Einstellung ist bis heute in der russischen Mentalität präsent. Vielleicht sind die älteren Leute deshalb so überrascht, wenn ihnen fremden Menschen private Fragen stellen. Vielleicht erzählen sie deswegen so gern interessante Sachen und bleiben zugleich gegenüber dem Staat und der politischen Macht loyal. Man verurteilt nicht und will niemanden rechtfertigen.

Während der Gespräche kamen wir zu folgenden Schlüssen: Erstens blieb die Tatsache, wie oft eine Geschichte erzählt wurde, nicht ohne Einfluss auf deren Gestalt. Einige unserer Gesprächspartner neigten dazu ihre eigenen Erinnerungen durch fremde zu ergänzen oder mit ihnen zu vermischen. Deswegen ähnelten sie einander. Wichtig ist, dass die Mehrzahl der von uns befragten Zeitzeugen den Prozess des Erinnerns nicht allein vollzieht, sondern innerhalb einer Gruppe. Dies setzt die Bereitschaft, aber auch die Lust zum Präsentieren einer eigenen Geschichte voraus. Zweitens war das offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion von entscheidender Bedeutung für die Erinnerung der Zeitzeugen. Zu Sowjetzeiten waren es weder erlaubt, noch erwünscht eine unidealisierte, realistischere Sichtweise auf die Nachkriegszeit in Kaliningrad zu entwickeln. Im öffentlichen Bewusstsein dominierten heldenhafte Soldaten und die Pionierarbeit der Neusiedler das Selbstbild Kaliningrads. Drittens kam es im Rahmen des 750-jährige Stadtjubiläums zu einer wahren Erinnerungskonjunktur. Die regionalen und überregionalen Medien berichteten über die deutsche Vergangenheit der Stadt. Man versuchte Kaliningrad anhand seiner Geschichte als europäische, weltoffenen Stadt neu zu verorten. Journalisten, Politiker und deutsche Gäste begannen sich verstärkt für die bisher verschwiegene deutsche Vergangenheit zu interessieren. Diese wurde nun zur Besonderheit, die bei jeder Gelegenheit erwähnt wurde mit der man sich schmücken konnte. Ältere Bewohner der Stadt wurden oft um Interviews gebeten. Manche wollten deswegen nicht mehr mit uns sprechen, andere haben sich im Zuge dieser Ereignisse etwas Geld verdient.


Erinnerungen an die Nachkriegszeit

Unser Erkenntnisinteresse galt vor allem folgenden Fragen: Wie gestaltete sich die gemeinsame Zeit von Deutschen und Umsiedlern in der Doppelstadt? Zwischen dem einsetzenden Zustrom sowjetischer Siedler nach Kaliningrad im Frühjahr 1946 und der Aussiedelung der Deutschen im Winter 1947/48 arbeiteten und lebten beide Gruppen in der Stadt. War ihr Verhältnis ein miteinander oder ein nebeneinander? Wie gestaltete sich die (gemeinsame?) Arbeit am Wiederaufbau und das alltägliche Zusammenleben? Welche Probleme und Konflikte gab es in dieser Zeit, in der Mangel und Not allgegenwärtig waren? Und werden die damaligen heute Begebenheiten offen diskutiert, oder thematisiert man sie in der nationalen Erinnerung nicht?

Unsere Gesprächspartner kamen auf zwei Wegen ins Kaliningrader Gebiet: Entweder waren sie als Umsiedler geworben worden und hatten ein Arbeitsangebot erhalten, oder sie siedelten auf eigene Faust über. Die Beweggründe für die Umsiedelung waren individuell sehr verschieden. Elena Ostreuško (geb. 1925) berichtete, dass die Lebensbedingungen in ihrer Heimatstadt Moskau um 1945 schrecklich gewesen seien und sie sich deshalb zur Ausreise entschloss (Gespräch vom 28. Juli 2005). Anders dagegen Nina Klimova (geb. 1923). Sie kam als junge Absolventin eines pädagogischen Instituts 1946 ins Kaliningrader Gebiet. Die Motivation für ihre Übersiedlung war von Idealismus und Freiwilligkeit geprägt: „Wir waren Romantiker! Wir wollten helfen, den Kindern etwas beibringen.“ (Gespräch vom 27. Juli 2005) Semjon Kušnerovs (geb. 1935) Geschichte ist ein Beispiel für viele Schicksale der damaligen Zeit. In Belarus geboren verlor er den Vater im Krieg. Auch sein Heimatdorf wurde von deutschen Soldaten niedergebrannt. Kaliningrad versprach ihm vor allem eine bessere Zukunft (Gespräch vom 26. Juli 2005). Die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben ist vor dem Hintergrund der Zerstörung und Verwüstungen des Krieges zu verstehen. Viele unserer Gesprächspartner kannten den Krieg aus erster Hand – durch den Tod eines Freundes, den allgegenwärtigen Mangel oder die Arbeit in einer kriegswichtigen Fabrik. Als Folge des Krieges wurde Königsberg zu Kaliningrad. Doch der Krieg selbst war es, der viele Sowjetbürger heimatlos machte und sie später in die vormals ostpreußischen Territorien kommen ließ.
Nachdem die Festung Königsberg am 9. April 1945 kapituliert hatte, glich die Stadt einem Trümmerfeld. Michael Wieck beschreibt seine Eindrücke von der Stadt retrospektiv folgendermaßen: „Einen trostloseren Anblick als dieses Königsberg kann man sich nicht vorstellen. Ruinen, nichts als Ruinen. Nur ganz selten hier und dort ein halbverbranntes und – erstaunlicherweise – innen sogar fast unversehrt gebliebenes Haus.“ (Wieck 2005: 238). Auch unsere Gesprächspartner brachten die schweren Zerstörungen zur Sprache, die Königsberg durch den Krieg erlitten hatte. Das Zentrum der Stadt war im August 1944 von englischen Fliegern bombardiert worden; seit Ende Januar 1945 stand Königsberg unter dem Beschuss sowjetischer Artillerie (Hoppe 2000:21). Der Sturm auf die Festung Königsberg und der nachfolgende Häuserkampf beschädigten viele noch unversehrte Stadtviertel stark. Nina Klimova berichtete uns mit Bestürzung von ihrem ersten Besuch in der zerstörten Stadt, deren Straßen auch zwei Jahre nach Kriegsende noch völlig unter Trümmern begraben lagen. (Gespräch vom 27. Juli 2005)
Oft berichteten Zeitzeugen davon, dass in den zerstörten Häusern Familien lebten oder Zuflucht suchten. Wie aus der Literatur und einzelnen Interviews hervor geht, handelte es sich dabei nicht nur um Deutsche, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, sondern auch um sowjetische Neusiedler. Aufgrund starker Zerstörungen der Bausubstanz gab es keinen ausreichenden Wohnraum in Kaliningrad. Wir hörten ebenfalls, dass Ruinen einstürzten und ihre Bewohner unter sich begruben. Elena Ostreuško erzählte uns, dass man sich der von den Kriegsruinen ausgehenden Gefahr bewusst war und deshalb das Interesse groß war, mit den Aufräumarbeiten zügig voran zu kommen (Gespräch vom 28. Juli 2005). Die Ruinen waren jedoch nicht nur Zuflucht für Heimatlose, sondern zugleich auch eine Fundgrube, in der man allerlei brauchbare Dinge finden konnte. So erinnerte sich eine Zeitzeugin, wie sie beim Graben in den Hausruinen auf unversehrte Teller und Gabeln stieß. Die Fundsachen konnten entweder selbst genutzt oder auf dem Schwarzmarkt verkauft bzw. eingetauscht werden.
Beim Wiederaufbau der Stadt war die Mithilfe der Bevölkerung unabdingbar. Alle Zeitzeugen berichteten, dass sie an den Aufräumarbeiten beteiligt waren. So erzählte uns Anna Artelnaja (geb. 1925), wie sie zunächst 200 Stunden für den Wiederaufbau der zerstörten Stadt arbeitete und später auch samstags und sonntags freiwillige Arbeitseinsätze leistete (Gespräch vom 27. Juli 2005). Des öfteren hörten wir, dass es der Wunsch der Umsiedler war, die Stadt zurück ins Leben zu bringen. Elena Ostreuško erinnerte sich: „Wir waren voller Enthusiasmus. Man musste diese Stadt wieder in Ordnung bringen.“ (Gespräch vom 28. Juli 2005) Auch Nina Klimova sagte nach ihrer Motivation für die Übersiedlung ins Kaliningrader Gebiet befragt: „Wir wollten wissen, was wir für den Aufbau dieses zerstörten Landes tun können.“ (Gespräch vom 27. Juli 2005) Trotz des Engagements der Bevölkerung ging der Wiederaufbau Kaliningrads nur schleppend voran (Hoppe 2000: 77 ff.). Dass noch in den 1960er Jahren weite Teile des Kaliningrader Zentrums in Trümmern lagen, bestätigten die von uns befragten Zeitzeugen einstimmig. Als Hauptursache für das langsame Tempo des Wiederaufbaus ist die politischen Linie Moskaus zu nennen. Aus Unsicherheit, was mit dem Gebiet geschehen solle, wurden nur wenig in den Wiederaufbau investiert (Hoppe 2000: 75). Der Leiter des Kaliningrader Gebietsarchivs, Anatolij Bachtin (geb. 1949), erklärte uns, dass die Stadt zunächst von den Rändern her aufgebaut wurde. Dort standen die vom Krieg am wenigsten in Mitleidenschaft gezogenen Häuser. Über den Aufbau des Zentrums herrschte jedoch Ratlosigkeit. Nie habe ein einheitlicher Plan für den Wiederaufbau existiert (Gespräch vom 26. Juli 2005).
Auf das heutige Erscheinungsbild der Stadt angesprochen warf Anatolij Bachtin uns gegenüber die interessante Frage auf, wie die Deutschen nach dem Krieg Königsberg wieder aufgebaut hätten. Seiner Meinung nach hätten sie, mit Ausnahme des Schlosses selbstredend, viele der beschädigten Gebäude abgerissen und neu gebaut. Entstanden wäre dann vielleicht „eine Stadt wie Hannover“, die Bachtin als „nicht ganz verständliche Stadt“ beschrieb. Dieses Argument führt Bachtin gegen den Mythos vom schönen, alten Königsberg mit seinen roten Ziegeldächern an, das ihm zufolge nur auf Fotografien basiere und einer echten Grundlage entbehre. Königsberg sei, so Bachtin, bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine finstere, schmucklose Stadt gewesen, die in der Mehrzahl aus billigen Häusern ohne Anstrich und Verzierungen bestand. Der Mythos vom guten, alten Königsberg existiere somit nicht nur unter Vertriebenen, er ist Bachtin zufolge auch unter Kaliningradern präsent. „Unsere Kaliningrader kennen Königsberg ja nur von Fotografien, also den schönsten Orten der Stadt.“ (Gespräch vom 26. Juli 2005)
Es stellte eine große Herausforderung dar, aus den Trümmern des deutschen Königsberg das russische Kaliningrad zu heben. Nicht nur die Anstrengungen des Wiederaufbaus einer im Zentrum total zerstörten Stadt waren zu leisten. Aus der deutschen Stadt sollte eine sowjetische Stadt entstehen. Es mussten Inschriften beseitigt, Straßen umbenannt, neue Denkmäler und Gedächtnisorte geschaffen werden. Von einigen Interviewpartnern erfuhren wir dazu näheres. So berichtete Semjon Kušnerov, dass er noch in den 1970er Jahren im Auftrag der Partei über Dörfer und Kolchosen gefahren sei, um deutsche Inschriften zu übermalen. Anschaulich setzte er uns die Widerstandsfähigkeit der deutschen Farbe auseinander (Gespräch vom 26. Juli 2005). Anatolij Bachtin erklärte uns indes, dass die Inschriften niemand gestört hätten, weil man sie ohnehin nicht lesen konnte (Gespräch vom 26. Juli 2005).

Das Königsberger Gebiet war nach dem Krieg stark entvölkert. Viele Deutsche hatten in den letzten Kriegsmonaten die Flucht nach Westen angetreten oder waren in Gefechten mit der Sowjetarmee umgekommen. Die Neubesiedelung des Gebietes durch sowjetische Umsiedler setzte jedoch erst mit dem Frühjahr 1946 ein. Bis zum Sommer 1946 jedoch stellt die deutsche Bevölkerung die Mehrheit im Königsberger Gebiet. Eine Zählung vom 1. August 1946 belegt, dass auf 84.000 bereits eingetroffene Umsiedler 108.000 registrierten Deutschen kamen (Hoppe 2000: 35 f.). Dieses Verhältnis verschob sich jedoch bis zum Jahresende deutlich, am 1. Januar 1947 wurden bereits 278.000 Sowjetbürger gezählt. Dieser enorme Zuwachs geht auf die zentral gesteuerte Umsiedlungskampagne zurück, die im Sommer 1946 begann. Zur gleichen Zeit war die Zahl der Deutschen im Sinken begriffen (Hoppe 2000: 38). Aus den Erinnerungen Michael Wiecks geht hervor, wie schwer das Überleben für die deutsche Bevölkerung im Königsberg der Nachkriegszeit war. Viele starben aus Hunger oder vor Schwäche. Dazu schreibt Wieck: „Wehe dem, der hier aufhörte zu kämpfen. Er gehörte sehr bald zu den über achtzig Prozent, die zwar den Krieg überlebten, nicht aber die Russenzeit.“ (Wieck 2005: 274)
Ein dementsprechend wichtiges Thema unserer Gespräche war die deutsche Bevölkerung, die nach Kriegsende noch im Königsberger Gebiet verblieben war. Die Erinnerungen an sie sind verschieden. Viele Zeitzeugen erwähnten, dass sie in schlimmen Verhältnisse gelebt hätten und das Wenige, das sie selbst besaßen, gern mit ihnen teilten. Die wichtigsten Berührungspunkte zwischen deutscher Zivilbevölkerung und Umsiedlern im Alltag der Nachkriegszeit betrafen Arbeit und Wohnen. Viele Zeitzeugen versicherten uns, dass Kaliningrad wesentlich mit Hilfe der Deutschen wieder aufgebaut wurde. So berichtet Nina Gavrilenkova (1929): „Es gab sehr viele Deutsche, als ich hierher kam. Sie arbeiteten am Wiederaufbau der Stadt zusammen mit den Unseren.“ (Gespräch vom 28. Juli 2005). In der Tat waren viele Deutsche als Zwangsarbeiter beim Wiederaufbau der Stadt tätig. Für diese Arbeit erhielten sie Verpflegung und später auch Lohn (Hoppe 2000: 30). Oft wiesen uns unsere Gesprächspartner darauf hin, dass sich die Situation der deutschen Bevölkerung nicht von ihrer eigenen unterschieden habe. So bemerkte Nina Klimova: „Sie hungerten ebenso wie wir.“ (Gespräch vom 27. Juli 2005) Einige Zeitzeugen gaben an, das wenige, was sie selbst hatten, mit den Deutschen geteilt zu haben – den Bettelnden Brot gaben, eine Haushälterin aufnahmen, ihnen Fundsachen überließen.
Eine intensivere Beziehung zu zwei deutschen Frauen baute die Lehrerin Nina Klimova auf. Als sie 1946 als ins Kaliningrader Gebiet kam, um an einer Schule in der Siedlung Znaminsk zu unterrichten, wurde sie Zeugin der widrigen Lebensumstände. Ihren Aussagen zufolge gab es dort weit mehr Deutsche, als Russen. Mit der deutschen Zivilbevölkerung kam sie in Kontakt, als sie einer Aufforderung der Regierung Folge leistete und 2 Frauen bei sich aufnahm – Frau Anna und Frau Neumann. Die Beziehung zu beiden war unterschiedlich, berichtet Klimova: „Wenn wir uns mit Frau Anna unterhielten, lernte sie etwas von uns und wir von ihr. Frau Neumann war eher verschlossen. Sie kam um neun und nähte für uns. Auch wenn es keine Arbeit gab, war sie immer pünktlich, saß von neun bis sechs ihre Zeit ab, aber sie sprach nicht mit uns.“ (Gespräch vom 27. Juli 2005) Nina Klimova zufolge gab es einen gewissen Austausch im Alltag. „Sie zeigte mir, wie man aus Kartoffeln Püree macht und ein paar wirklich hilfreiche Dinge.“ Über die Aussiedelung der Deutschen berichtet sie, dass Frau Neumann freudig ihre Sachen gepackte und das Haus verlassen habe. „Aber Frau Anna fiel vor mir auf die Knie und bat mich, dass sie mich behalte. Sie sagte, sie geben mir und meinen Kindern zu essen, aber in Deutschland geben sie mir kein Stück.“ (Gespräch vom 27. Juli 2005) Hier wird das schwere Schicksal antizipiert, dass Aussiedler als Vertriebene in Deutschland erfuhren.
Bei anderen Zeitzeugen waren die Meinungen über die Ausreise der Deutschen gespalten. Während Praeskova Kudrešova die Überzeugung vertrat, dass die Deutschen natürlich ausreisen wollten, betont Elena Ostreuško, dass sie keinesfalls ihre Heimat verlassen wollten! Die unterschiedlichen Positionen zeigen nicht nur, dass die Haltungen zum Thema Aussiedlung differierten. Sie machen deutlich, dass Kommunikation mit den Deutschen und gesichertes Wissen über sie untern den Umsiedlern die Ausnahme waren. Es kann daher geschlossen werden, dass die gemeinsame in Kaliningrad verlebte Nachkriegszeit ein nebeneinander war. Befragten wir Zeitzeugen nach Konflikten mit den Deutschen, erhielten wir stets negative Antworten. Für gewöhnlich wurde erzählt, dass man nichts wisse und nichts gehört habe, etwaige Streitigkeiten oder Repressionen aber nicht ganz auszuschließen könne. Erst später wurde uns klar, dass Umsiedler und Deutsche nur in Ausnahmefällen miteinander sprechen konnten – dann nämlich, wenn keine Sprachbarriere existierte. Allein Nina Gavrilenko antwortete auf die Frage, ob sie von Konflikten mit den Deutschen gehört habe: „Möglich, dass es etwas mit den Soldaten gab." (Gespräch vom 28. Juli 2005)

Über die Situation nach dem Fall der Festung Königsberg sprachen wir mit einem der acht damaligen Stadtkommandanten: Piotr Afanasovič Čagin. Wer könnte besser Auskunft über die zu jener Zeit herrschenden Verhältnisse geben als der Mann, der die deutsche Bevölkerung zu registrieren und in seinem Stadtteil für die Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung zu sorgen hatte?
Zunächst schildert Čagin die Situation unmittelbar nach der Kapitulation der Festung Königsberg. Die deutsche Bevölkerung habe sich damals in Kellern versteckt gehalten und seine Einheit musste viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie sich nicht vor den Sowjetsoldaten fürchteten. Als Erklärung für die Angst der deutschen Zivilbevölkerung führt Čagin an: „Die deutsche Propaganda war derart stark, dass die russischen Soldaten als Barbaren präsentiert wurden. Es gab Plakate, auf denen gezeigt wurde, wie russische Soldaten auf die friedliche Bevölkerung schießen. Diese Plakate erschreckten die deutsche Bevölkerung natürlich, deshalb versteckten sie sich.“ (Gespräch vom 29. Juli 2005) Čagin berichtet weiter, dass die deutsche Bevölkerung nach einiger Zeit Vertrauen zu ihren Befreiern geschöpft habe. Schließlich habe es in der Roten Armee eine deutliche Grenze zwischen Faschisten und der friedlichen Zivilbevölkerung gegeben, die nicht als Feind betrachtet wurde. Čagin berichtet weiter, dass die Deutschen aus den Kellern gekommen seien, um sich registrieren zu lassen, ärztliche Versorgung und Lebensmittel zu erhalten. In jeder Kommandantur habe es Feldküchen gegeben, in denen für die deutsche Bevölkerung Brei gekocht wurde und alle etwas zu essen bekamen. Später hätten sie bei einer Passstelle in ihrem Stadtteil eine Art Ausweis erhalten und wurden zur Aufräumarbeit eingeteilt, denn alle wichtigen Wege waren von Trümmern blockiert. Über Wellen der Gewalt und Plünderungen, wie sie deutsche Königsberger beim Einmarsch der Sowjetarmee in ihren Erinnerungen festhielten, spricht Čagin nicht.
Als wir ihn nach der sowjetischen Propaganda gegen das faschistische Deutschland befragen, beginnt er über die Kriegverbrechen der deutschen Wehrmacht auf sowjetischem Territorium zu: „Die deutschen Faschisten verbrannten ja ganze Dörfer auf ihrem Weg nach Moskau!" Und betont: „Bei uns war es moralisch unzulässig, die friedliche Bevölkerung umzubringen.“ Auf Repressionen gegen die deutsche Bevölkerung befragt, wiegelt er ab: „Das war an jedem Teil der Front verschieden. Bei mir gab es das nicht.“ Als wir ein weiteres Mal nachhaken, reagiert er ungehalten. „Das ist eine äußerst delikate und vielschichtige Angelegenheit. Sie stellen eine Frage die wir, so oft wir sie treffen, negativ beantworten. Aber wie soll man’s erklären? Gab es solche Fälle?! Wahrscheinlich gab es sie! Wir wissen doch auch, wie die deutsche Armee unsere Mädchen und Frauen vergewaltigt hat, wie sie ihre Kriegsgefangenen behandelten – wie konnte man nach danach weiter leben?! Verstehen Sie, alles war aufgeladen mit diesen Gefühlen der Empörung!“ (Gespräch vom 29. Juli 2005) Während des Gesprächs mit Čagin wurde deutlich, dass die Erinnerung an die heldenhafte Befreiung Königsbergs nicht frei von Rissen ist und es über die Anerkennung der deutschen Kriegsverbrechen vielleicht möglich ist, in einen Dialog über die gemeinsam erlebte Geschichte zu treten.


Verbotenes – Erlaubtes – Verdrängtes

Die Nachkriegszeit haben deutsche Zivilbevölkerung und sowjetische Umsiedler in Kaliningrad unterschiedlich erlebt. Die Diskrepanz zwischen beiden Narrativ ist unübersehbar. Wir wollten daher wissen, wie heute in Kaliningrad mit den „heiklen“ Fragen der Nachkriegszeit umgegangen wird? Dazu sprachen wir mit zwei Personen des öffentlichen Lebens: Dem Historiker Jurij Kostjašev und dem Journalisten Vladislav Rževskij. Jurij Kostjašev war Leiter einer Oral-History Studie, bei der durch die Befragung von Zeitzeugen eine neue Perspektive auf die Nachkriegszeit entwickelt wurde. Das Autorenkollektiv um Kostjašev brach mit dem üblichen heroischen Narrativ, über die Stadtgeschichte zu sprechen und setzte einen Schwerpunkt auf Probleme und Alltagserfahrungen in den Augen der Umsiedler. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden auf wissenschaftlicher Ebene hoch geschätzt, doch wurde ihre Publikation von der Kaliningrader Gebietsverwaltung jahrelang verhindert2. Der junge Journalist Rževskij dagegen publiziert historische Artikel in der Kalingradskaja Pravda und hat seine Feder am Puls der Zeit, was Tabus und Sagbares über die Geschichte Kaliningrads betrifft.


Umsiedler berichten

Kostjašev war Leiter eines Historikerteams, das 1988 eine außergewöhnliche Studie begann. Im Rahmen eines Oral-History-Projektes wurden Siedler befragt, die die unmittelbare Nachkriegszeit im Kaliningrader Gebiet erlebt hatten. Anhand ihrer Erinnerungen und Beschreibungen gelang es dem Forscherteam die tradierten Mythen über die Jahre 1945-1950 zu vermeiden und eine deutlich realitätsnahere Erzählung zu liefern. Die entstandene Studie wurde 1992, ein Jahr nach der Öffnung des Kaliningrader Gebietes, abgeschlossen, ging aber nicht in Druck. Im Jahr 1997 stand die Veröffentlichung der Studie kurz bevor. Jedoch verhinderten zwei negative Gutachten beim zuständigen Verlag die Publikation (siehe Anhang). So erschien die polnische Ausgabe von Kostjašev Studie im Jahr 2000, die deutsche Ausgabe 2002, doch die russische Ausgabe ging erst 2003 in Druck.
Das Projekt „Umsiedler erzählen“ zeigt auf, welche Themen in der sowjetischen Geschichtsschreibung bisher missachtet wurden und stellt zugleich existierende Tabugrenzen der Geschichtsaufarbeitung radikal in Frage. Unter der sowjetischen Zensur schrieb man eine Geschichte ohne Menschen – „eine Geschichte der Industrieproduktion, der Parteitage, der Fünfjahrespläne und ihrer Realisierung“, meint Herr Demientev, Dozent an der historischen Fakultät der Immanuel-Kant Universität, über die sowjetische Geschichtsauffassung (Gespräch vom 25. Juli 2005). Nur wenige Themen waren zur Forschung freigegebenen. Vor allem die Begegnung sowjetischer Umsiedler mit den einheimischen Deutschen galt als „uneingeschränktes Tabu“ (vgl. Matthes, 2001: 1353). Diese weißen Flecken in der Geschichte Kaliningrads waren es, die im Jahr 1988 ins Visier der von Kostjašev geleiteten Historikergruppe rückten.
Die Ergebnisse der Studie widersprachen dem bis dahin gültigen Narrativ über die heldenhafte Befreiung und den harten, aber erfolgreichen Wiederaufbau der Stadt nicht nur – mit den Stimmen der Umsiedler kam ein eigenständiger, realitätsnaher Narrativ zum Vorschein, der voller Widersprüche steckte. Selten war zuvor die Begegnung von Deutschen und sowjetischen Umsiedlern vor dem Hintergrund geschildert worden, dass die einen bereits lange Zeit in der Stadt gelebt hatten, während die anderen gerade vom Land kamen. In den Erinnerungen der ersten Umsiedler hungerte der Deutsche beispielsweise oder besaß Kultur. Die Kritik auf die von Kostjašev zu Tage geförderten Ergebnisse waren eine heftige Reaktion auf das plötzlich auftauchende, umfangreiche, differenzierte Geschichtsbild. Dieses stimmte mit der in der Öffentlichkeit tradierten Wahrnehmung der Nachkriegszeit kaum überein. Anhand der uns von Kostjašev zur Verfügung gestellten Dokumente aus dem Briefwechsels zwischen Autorenkollektiv, dem Kaliningrader Verlag und der Stadtverwaltung lässt sich die offizielle Leitlinie zum Umgang mit Nachkriegszeit nachvollziehen.
Auf die Frage nach der langen Dauer zwischen Ausarbeitung der Forschungsergebnisse (1992) und ihrer Publikation (2002) in Form des Buches „Umsiedler erzählen. Ostpreußen in den Augen der ersten Übersiedler“ berichtet Kostjašev: „Die Reaktionen auf das Buch waren positiv. Jedoch wollte niemand an seine Veröffentlichung herangehen. Das Thema erschien zu heikel“. (Gespräch am 17. August 2005) Den Rezensenten zufolge, die das Manuskript vor der Drucklegung begutachteten und dann eine positive oder negative Druckempfehlung aussprechen dürfen, sei das Buch „nicht frei von Subjektivismus bei der Auswahl und Zusammensetzung von Fakten“ (Gurov, 30.05.97) und erweise sich als „der patriotischen Sichtsweise auf die Geschichte der Region entgegen stehend“ (Daniel-Bek, 20.07.97). Die sich durch Manipulationen, Zufälligkeiten und Bereicherungen auszeichnende Darstellung sei „falsch und verletzend sowohl für die Veteranen, wie auch für die ganze Bevölkerung Kaliningrads“. Eine Publikation des Buches ohne vorherige gründliche Bearbeitung, könne dem Gebietsinteresse durchaus Schaden zufügen, so dass abschließende Urteil (Daniel-Bek, 20.07.97). Die Arbeit wurde als Ablehnung der bisherigen Geschichte empfunden und rief starke Kritik durch das Bild der „guten, unglücklichen Deutschen auf der einen Seite und die beleidigenden, aggressiven Russen an der anderen Seite“ (Daniel-Bek, 20.07.97) hervor.
Kostjaševs Studie sollte den schlechten Lebensbedingungen und positiven Charaktereigenschaften der Deutschen nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Es sei doch allen bekannt, dass die „Stadtbewohner ganz unterschiedlich waren und viele von ihnen den idealisierten Erinnerungen von einzelnen Übersiedlern nicht entsprachen“ (Gurov, 30.05.97). Ähnlich unverständlich erschien die Betrachtung Königsbergs als eine „wunderschöne Oase der germanischen Zivilisation, in der Menschen lebten, die wussten, die Natur, Schönheit und Gemütlichkeit hochzuschätzen.“ Es sei doch nicht zu vergessen, dass „von dort faschistische Flugzeuge gestartet sind, um russische Städte zu bombardieren“, heißt es in einem Gutachten (Gurov, 30.05.97). Den Rezensenten zufolge vernachlässige Kostjaševs Arbeit nicht nur das Gedenken an die Kriegszeit, sondern auch an die Anstrengungen der ersten Umsiedler. Daher wird gefordert, das Buch solle „nicht nur die negativen Seiten der Nachkriegszeit, sondern auch positive Aspekte aufdecken, welche zeigen, wie die ersten Kaliningrader trotz aller Schwierigkeiten Erfolge errungen und das normale Leben genossen“ (Gurov, 30.05.97).



Die Schere im Kopf

Im heutigen Kaliningrad wird man gegenwärtig mit einem breiten Spektrum der Erinnerung an die Anfänge der Stadt konfrontiert. Ehemalige Königsberger kehren in die Stadt zurück, um ihre Geburtshäuser aufzusuchen. In der einigen Büchereien sind die übersetzten Erinnerungen des deutschen Juden Michael Wieck zu finden. Im Gespräch mit Vladislav Rževskij von der Kaliningradskaja Pravda, einem ausgebildeten Sprachwissenschaftler und exponierten Geschichtsfreund, versuchten wir zu erfahren, wie heute mit den einst „unzulässigen“ Erinnerungen in der Öffentlichkeit umgegangen wird.
Sowohl Kostjašev als auch Rževskij behaupten, dass man im gegenwärtigen Kaliningrad im Prinzip alle Aspekte der Vergangenheit thematisieren dürfe. Selbst wenn bestimmte Elemente der Vergangenheit als „heikel“ empfunden würden, könne man ihrer Meinung nach nicht von Tabus sprechen. Die regelmäßig in den lokalen Zeitungen publizierten Geschichtsartikel scheinen diese These zu bestätigen. In der Tat wird derzeit das, was noch vor einigen Jahren in einem Buch nicht veröffentlicht werden durfte, schrittweise in den Kaliningrader Zeitungen publiziert. Auch Fotografien, welche noch im Jahre 1997 als beleidigend zensiert wurden, können heute in der Kaliningrader Öffentlichkeit gezeigt werden. Ohne Umschweife wird über die erbärmlichen Lebensumstände der ersten Übersiedler und der verbliebenen Königsberger, über die umbarmherzige Behandlung der Deutschen, den Umgang mit ihrem Eigentum und das unwürdige Verhalten der Rotarmisten geschrieben.
In Rževskijs Artikel „Sowjetisches Preußen“ beispielsweise wurden viele der einst als „heikel“ empfundenen Themen angeschnitten. Die Stadt 1945 wird darin laut den Erinnerungen von Nina Ivanova als „düstere Brandstätte ohne Zukunft“ beschrieben (Kaliningradskaja Pravda Nr. 151, 2005, S.4). Mit jedem Tag sei es schwerer geworden Nahrungsmittel zu finden, so dass die Russen hungern mussten und es den Deutschen selbstverständlich noch schlechter ging. Im Herbst 1945 seien weder Hühner, noch Hunde zu finden gewesen. „Tierkadaver wurden zu Köstlichkeiten und im Winter kam es zu ersten Kannibalismusfällen. […] Ratten griffen schlafende Menschen an. Fliegen wurden zu einer Plage. Flöhe gehörten zum Alltag.“ Unbestritten kann man jedoch öffentliche Erklärungen von „deutschen Frauen, Kindern und Älteren, die am Hunger und an der Kälte starben“ (Kaliningradskaja Pravda Nr. 87, 2005, S.4), oder vom „Banditentum und Plünderungen, an denen Armeeangehörigen teilgenommen haben“ (Kaliningradskaja Pravda Nr. 97, 2005, S.4) als Zeichen für die Wandlung der Vergangenheitswahrnehmung betrachten.

Artikel über regionale Geschichte erscheinen in Kalinigradskaja Pravda regelmäßig. Vladislav Rževskij, der diese Rubrik seit Jahren betreut, darf seine Themen frei wählen. Nur selten bekomme er Vorschläge von seinen Redaktionsvorgesetzten. Anregungen seitens der Stadtverwaltung gäbe es nicht. Rževskij erklärt, dass die von ihm gewählten Inhalte oft mit Jahrestagen, bestimmten Jubiläen oder Festtagen verbunden seien. Seine Artikel werden von den Lesern verschiedentlich aufgenommen. Rückmeldungen erhält er durch Telefonate, Briefe oder persönliche Gespräche. Der Journalist betrachtet den Kontakt mit Zeitzeugen als wichtigste Basis und ausgiebigste Informationsquelle seiner Arbeit. Auf die Frage nach Grenzen im Umgang mit der Nachkriegsgeschichte antwortet Rževskij: „Es sind zwar Jahrzehnte vergangen, doch es bleibt nach wie vor ein schweres Thema.“ (Gespräch vom 11. August 2005) Der Journalist ist sich der Veränderungen bewusst, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ergeben haben und dank derer man heute alles schreiben dürfe. Ein Hindernis sieht Rževskij in den Einstellung der Zeitzeugen, die im Prinzip darüber erzählen wollten, was gut gewesen sei. Alles bleibe so auf dem offiziellen Niveau der Erfolge und Errungenschaften, die jedoch allen gut bekannt seien. Erst „wenn man beginnt, die Zeitzeugen nach Details zu fragen, stößt man auf Barrieren.“ (Gespräch vom 11. August 2005)
Bei seiner Arbeit erfährt Rževskij auch von „heiklen“ Aspekten der Vergangenheit. Der Umgang mit solchen Erinnerungen wird oft von seinen Informanten bestimmt, die nicht selten bemerken: „Darüber dürfen Sie aber nicht schreiben.“ Rževskij verbirgt zugleich nicht, dass er in den meisten Fällen solche Anmerkungen nicht braucht. „Bei mir reicht die Schere im Kopf“ sagt er. Seine persönliche Zensur beziehe sich auf die Jahre 1945-48 und besonders auf die damaligen Beziehungen zwischen der deutschen und russischen Bevölkerung. „Es gibt Sachverhalte über welche ich nie in meiner Zeitung schreiben werden darf. Meine Gesprächpartner erlauben es nie und ich schreibe darüber nicht, weil ich mir dessen bewusst bin, dass es nicht geht. Die Redaktion lässt es auch nicht publizieren. Ich selbst bestehe darauf nicht.“ Als Beispiele dafür nennt er die Geschichte eines jungen Deutschen, dem russische Soldaten grundlos die Zunge auf einem Tisch festgenagelt hätten. Ähnlich berichtete er über eine deutsche Frau, die dem in ihrer Tür stehenden russischen Soldaten eine ärztliche Bescheinigung zeigte, laut welcher sie Syphilis habe. Während des Gesprächs wiederholt der Journalist, dass eine solche Darstellung der Ereignisse von der Bevölkerung als beleidigend empfunden werden würde. Ihm zufolge werden solche Erinnerungen in Russland nie willkommen sein. Die Diskussion über das Verhalten der Roten Armee gegenüber den Deutschen werde aus der Perspektive der eigenen Großeltern und nationalen Helden geführt wird. Deshalb würden „heikle“ Erinnerungen als kränkend, beleidigend oder peinlich empfunden. Rževskij gesteht, dass es ihm selbst schwer falle, all dies zu hören. An die Erinnerungen seiner Gesprächspartner denkend, fragt er zweifelnd: „Ob mein Großvater so was getan hat?“
Doch Rževskijs Vorbehalte gegenüber der eigenen Feder sind dem Lauf der Zeit unterworfen sind. Im Februar 2005 erweiterte der junge Journalist seine persönlichen Tabugrenzen und stellte öffentlich das idealisierte Bild der Roten Armee in Frage. Auf die Umbarmherzigkeit der russischen Soldaten hinweisend und appelliert er an seine Leser: „Lasst uns ehrlich sprechen.“ (Kaliningradskaja Pravda Nr. 44, 2005, S.4). Dieser Veröffentlichung folgten heftige Reaktionen der Veteranen, die nicht nur Art und Weise der Darstellung, sondern auch die Publikation eines solchen Themas an sich kritisierten und eine öffentliche Richtigstellung verlangten. In der ergänzenden Anmerkung „selbstverständlich hätte ich so etwas kurz vor dem 9.Mai nie publiziert“, erklärt uns Rževskij zugleich den allgemein in Russland verbreiteten Respekt der nationalen Helden. Der junge Journalist betont, dass man in Kaliningrad bereits ausreichend über die Ereignisse der ersten Nachkriegsjahre berichtet habe. „Es reicht. Wir haben schon alles vermerkt. Jetzt sollte man es so bleiben lassen und in die Zukunft schauen. Es hat einfach einst stattgefunden. Ich vermute, dass Deutsche auch nicht gern über eigenen `Kriegserfolge` in Russland lesen.“ (Gespräch vom 11. August 2005)

Während die Auseinandersetzungen um die Veröffentlichung des Buches „Ostpreußen in den Augen der ersten Übersiedler“ 1997 auf die verbotenen Themen der Stadtgeschichte Kaliningrads hinweisen, kann dessen Veröffentlichung 2002 als Zeichen der Abschaffung der ehemaligen Begrenzungen in der Wissenschaft und Öffentlichkeit betrachten werden. Vieles, was noch vor zehn Jahren als „verbotene Erinnerung“ galt, wurde inzwischen mehrmals in der Kaliningrader Presse durchleuchtet. Bei der Aufarbeitung der Geschichte begrenzte man sich dabei nicht nur auf Archivmaterialien und die Erinnerungen der ersten Übersiedler. Auch die Erinnerungen ehemaliger Königsberger sind inzwischen ein Teil des Diskurses. Das in der Öffentlichkeit vermittelte Geschichtsbild betrachtet die Verwandlung von Königsberg zu Kaliningrad nicht mehr nur aus der Perspektive der Kriegs- und Arbeitsveteranen. Neben der heroischen Darstellungen wird die Nachkriegszeit in Kaliningrad heute auch als schwere und gefährliche Zeit beschrieben. Sowohl Zeitzeugen als auch nachfolgende Generationen wehren bestimmte unbequeme oder „heikle“ Erinnerungen ab. In Kaliningrad existieren heute keine offiziellen Maßnahmen zur Kontrolle des Geschichtsbildes mehr. An ihrer Stelle wirkt jedoch eine unkritisch gefestigte Selbstwahrnehmung. Statt mit politischer Zensur, müssen die Kaliningrader nun mit gesellschaftlicher Verdrängung kämpfen.


Anhang: Übersetzte Quellen

a.) Rezension für die zur Veröffentlichung vorgeschlagene Ausgabe "Umsiedler erzählen"

Für Liebhaber der Geschichte und Landeskunde wurde dem Kaliningrader Buchverlag ein neues Buch vorgelegt: „Umsiedler erzählen“. Es entstand auf der Basis der Erinnerungen sowjetischer Umsiedler, die die ersten Nachkriegsjahre im Kaliningrader Gebiet verbrachten.
Die Autoren des Buches leisteten eine große und schwere Arbeit. Sie sammelten wichtiges Material, das für den modernen Kaliningrader Leser von bedeutendem Interesse ist.
Leider zeigte sich, dass die erwähnte Untersuchung nicht frei von Voreingenommenheiten und Subjektivismen ist – sowohl bei der Auswahl der Fakten, als auch der Art und Weise ihrer Präsentation.
So entsteht beim Lesen zuweilen der Eindruck, als hätten die Herausgeber unter dem Einfluss der allgemeinen Enthüllungseuphorie gestanden, die für die russische Publizistik Ende der 80er Jahre charakteristisch ist. Nicht immer blicken sie ausreichend objektiv auf die demografischen Prozesse, die sich in der Nachkriegszeit in unserer Region vollzogen.
So ähnelt die Angliederung eines Teils des ostpreußischen Territoriums an die Sowjetunion in der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit fortwährend einem Überfall halbwilder Barbaren in die schöne Oase der „deutschen Zivilisation“, wo „in den Städten früher Menschen lebten, die die Natur, die Schönheit und ihre Behaglichkeit schätzten“. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass diese Menschen verschieden waren und oft nicht den idealisierten Erinnerungen einzelner Siedler an sie entsprechen. Außerdem erhoben sich gerade von dort faschistische Flieger in die Luft, die sowjetische Städte und Dörfer bombardierten.
In den gesammelten Erinnerungen wird immerfort eine seltsame Parallele gezogen: Auf der einen Seite sind die guten, unglücklichen Deutschen – auf der anderen Seite die üblen Russen, die sie beleidigenden und aggressiv eingestellt sind. Die Deutschen werden wie Menschen dargestellt, die Sorgfalt, Sauberkeit und Fleiß achten. „Bei den Russen gründet sich alles auf dawaj-dawaj“.
Die Umsiedler sind unsauber gekleidet und benehmen sich unverschämt. „Uns begrüßte der Kolchosvorsitzende. Er hatte so einen zerrissenen Ledermantel, dass wir dachten: Das ist aber ein Vorsitzender, was der wohl für eine Kolchose hat?“
Im Buch trifft man vollkommen lachhafte Behauptungen – als ob nahezu alle russischen Umsiedler kein Kompott machen konnten (sie lernte es von den „klugen“ Deutschen), sondern Äpfel in Fässern einlegten und in russischen Städten keine Grünanlagen und Parks existiert hätten, und man sie zum ersten Mal im früheren Preußen sah.
Besonders hervorgehoben wird, wie die Deutschen hungerten, wie man sie knechtete und in Keller, Mansarden und Dachböden umquartierte, vertrieben von ihren Wohnorten und nachts ging man sogar umher, um sie zu erschießen. Nur beiläufig wird erwähnt, dass die sowjetischen Umsiedler gemeinsam mit den Deutschen hungerten, dass sie zeitweilig in Ruinen leben mussten, die jeden Moment einstürzen konnten.
Der Krieg führte zu einem Anstieg der Kriminalität in ganz Europa. Tod und Plünderungen auf seinen Wegen waren eine alltägliche Erscheinung. Kriminelle verschiedener Nationalität töteten ohne Unterscheidung Russen, Deutsche, Polen und Litauer. Zunehmendes Rowdytum trieb Unfug in den Städten. Doch es gab auch grausame Maßnahmen zur Unterbindung des wütenden Verbrechens und des Vandalismus. Und diese wurden von der sowjetischen Kriegs- und Zivilverwaltung allgemein durchgesetzt.
In der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit werden die positiven Seiten im Leben der ersten Kaliningrader kaum beleuchtet. Es stellt sich die Frage – wer hob diese Stadt damals aus den Ruinen hervor, wer errichtete neue Stadtviertel, wer brachte das System der Lebensversorgung wieder in Gang, wer baute eine Flotte auf und wer erneuerte die Werke, die Fabriken und die Kultureinrichtungen? Zwischen den Zeilen ist fortwährend eine Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern des Krieges und gegenüber der Arbeit unserer Landsmänner zu spüren, die diese Erde wiederbelebten. Es entsteht der Eindruck, als ob nicht die Augenzeugen jener Jahre, sondern unsere Zeitgenossen, welche den Krieg nicht lebendig vor Augen haben und die damalige Situation nicht verstehen, versuchen, ihn heute zu erörtern und ihre Urteile über die Vergangenheit zu fällen. Dies zerreißt in vielen Fällen den gemeinsamen Hintergrund und gibt kein ungeteilt objektives Bild. Als ob in dieser Zeit etwas ohne Dunkles und Hässliches hätte sein oder werden können.
Insgesamt muss man den Schluss ziehen, dass das vorliegende Buch eine wesentliche Überarbeitung benötigt.
In ihm sollten nicht nur die negativen Seiten der Nachkriegszeit reflektiert werden, sondern auch positive Momente, die zeigen, wie die ersten Kaliningrader trotz aller Schwierigkeiten und den Entbehrungen dieser Jahre Erfolge bei der Wiederherstellung eines normalen Lebens erreichten.

Heimatkundler, Jurist
I. D. Gurov, 30.05.1997


b.) Redaktionelles Gutachten

Über das Buch „Umsiedler erzählen“.
272 Seiten. Autorenkollektiv.
Lektor: Z.N. Gluškowa


Im Original rief das Buch einige ernsthafte Bedenken des Cheflektors hervor – von Zweifeln an der Glaubwürdigkeit des dargelegten Materials und dem Vorschlag, dieses entsprechend zu überprüfen, bis zu kategorischer Ablehnung und der Forderung, einzelne Illustrationen und Textabschnitte zu entfernen, z.B. die mit dem Grab Kants verbundenen.
Bei der Überarbeitung wurde all dies nicht berücksichtigt. Schlimmer noch: Bei der Arbeit mit der ersten Variante des Textes wurden ihm, um seinen Umfang zu vergrößern, zahlreiche Ergänzungen hinzugefügt, die den Charakter des Buches von Grund auf veränderten. Ohne Umschweife muss gesagt werden, dass das Buch durch die Ergänzungen und Einarbeitung von Bildmaterial einen Charakter annahm, der für die Veteranen des Gebietes beleidigend und unverhohlen russophob ist. Erreicht wird dies vor allem durch die Gegenüberstellung von guten (zivilisierten, intelligenten, gut erzogenen) und unschuldig leidenden Deutschen einerseits, und ungebildeten, wilden, nur zur Zerstörung fähigen Russen andererseits. Hinzu kommt, dass die Vertreter des Sowjetstaates, sowohl Bürger als auch Militärs, in den schwärzesten Farben dargestellt wurden.
Dieser Effekt wird durch recht komplizierte Manipulationen erreicht. Es werden Fakten angeführt, die an sich keine Zweifel aufkommen lassen, weil es sich dabei um die Erinnerungen älterer Menschen handelt, die private, nebensächliche Fragen betreffen, die darüber hinaus nicht selbst efahren, sondern von irgendwem, irgendwie, irgendwann gehört wurden, also aus dritter bzw. vierter Hand stammen. Zum Beispiel über die „Datscha Bagramjans“. Diesen Erinnerungen gibt der Autorenkommentar einen absoluten Wahrheitscharakter, obendrein mit offen antisowjetischem Ton. Soweit die überwiegende Mehrheit der Autoren der Erinnerungen von ihrer Herkunft, ihrem Alter und ihrer heutigen Position her als Sowjetmenschen bezeichnet werden können, wären sie entsetzt, wenn sie erfahren würden, was aus ihren ehrlichen Erzählungen geworden ist.
Dabei erscheint es, als enthielte das Buch keine eindeutigen Lügen. Viele Befragte unterstreichen z.B. Eigenschaften der Deutschen wie ihre Geschäftigkeit im Umgang, ihre Genauigkeit bei der Arbeit, ihre Korrektheit und eine ihnen eigene Arbeits- und Alltagkultur. Das alles ist so und niemand bestreitet dies, jedoch ist das nur ein Teil des Bildes.
Und hier einige Züge der Deutschen aus anderer Sicht. Der Pedanterie bei der Arbeit artete teilweise in Bürokratismus oder sogar offene Sabotage aus. Die Korrektheit im Umgang verbarg eine tiefliegende Gleichgültigkeit zueinander und eine klare Gewaltbereitschaft. Die Deutschen reichten den Waisen nicht die Hand (dabei handelte es sich auch um deutsche Kinder) und halfen nicht denen, die vor Schwäche am Boden lagen (man muss bedenken, dass im Winter 1946/47 das Liegenbleiben tödlich sein konnte). Dies taten stattdessen wir – wir reichten die Hand, halfen aufzustehen, obwohl wir schlechter lebten als die Wohlhabenden unter Deutschen (und auch solche gab es).
Die Deutschen waren brutal und legten sogar Brutalität ihren Landsleuten, den eigenen Kindern, nicht aber uns gegenüber an den Tag. Wir waren ja die Sieger. Aber was hätten denn diese zivilisierten Deutschen getan, wenn sie gesiegt hätten? Einiges darüber ist bekannt. Die, die in der Nähe von Buchenwald lebten „wussten nichts darüber“, benutzten aber Haare für Matratzen und die Asche als Dünger.
Und hinsichtlich der guten Erziehung: Offensichtlich äußerte sie sich vor allem in der Sauberkeit der Toiletten. Sehr selten konnte man einen Deutschen mit einem Buch antreffen. Und das Wissen jener Deutschen, mit denen ein Gespräch gelang, beeindruckte durch ihr fast völliges Unwissen über Russland, seine Natur und Kultur, usw. Natürlich unterschieden sich die Deutschen in ihrer Ungebildetheit kaum von anderen Europäern, doch das ehrt sie nicht.
All dies war in den Erinnerungen der Umsiedler enthalten, tauchte aber aus unerfindlichen Gründen im Buch nicht auf.
Das Gleiche mit den Russen. Wie treten sie auf? Ausgehungert, erschöpft bis zum Äußersten, und dennoch nicht verroht? So waren wir, aber im Buch werden wir völlig anders dargestellt.
In erster Linie als wild und unzivilisiert in äußerstem Maß: Sie betasten den Asphalt mit ihren Händen, wundern sich über das städtische Grün und sagen ernsthaft, sie hätten in Russland keine Farben gesehen usw. Ja, unter den Umsiedlern waren auch Menschen, die, bevor sie hierher kamen, außer der heimatlichen Scholle nicht gesehen hatten und nicht in der Lage waren, was sie sahen richtig zu verstehen. Es gab solche, doch sie waren nicht in der Mehrheit, es handelt sich um Einzelne. Mehrmals flackert seither die Geschichte von jenem Menschen auf, der in seiner Wohnung Vieh hielt. Ein einzigartiger Fall, doch der Text erhob ihn zur Gesetzmäßigkeit.
Und wieder: Eigentlich keine Lüge, aber andererseits... Also, zum Beispiel die grüne Tracht der Städte, die schön ist, aber bei diesem Klima keine große Leistung darstellt. Aus diesem Anlass ein Jubelschrei. Dabei ist die Sache nicht so einfach. Schöne Gärten waren in der Regel kleine Gärten in bourgeoisen Stadtteilen, also kein Luxus für alle, sondern nur für deren Eigentümer. Das Grün der Friedhöfe war angenehm beruhigend, aber nicht kostenlos. Aber öffentlichen Parkanlagen existierten fast nicht. In der Proletarierstadtteilen hingegen, wo die Häuser Baracken waren, wuchs nicht ein Stiel. Heute gibt es dort Pappeln bis zum geht nicht mehr, früher aber war dort nichts. Auch davon sprachen die Veteranen in ihren Erinnerungen und nichts davon erschien im Buch.
Besonders schmerzhaft ist das Thema des Erhalts bzw. der „Ausrottung mit Stumpf und Stiehl“ von Überreste der deutschen Vergangenheit auf diesem Gebiet. Vieles wurde erhalten und davon kann man sich leicht überzeugen. Manches wurde beseitigt, was größtenteils völlig gerechtfertigt war. Undenkbar, beispielsweise, die alten Friedhöfe Jahrhunderte lang in ihrem vollen Umfang zu erhalten. Nirgendwo in der „zivilisierten“ Welt wird dies so gehandhabt. In der Regel gibt es dort Kommunalfriedhöfe für die Armen – die Gräber werden 20 Jahre erhalten, und Denkmäler für die Reichen – Gruften und Gräber werden unterhalten, solange für ihren Erhalt bezahlt wird. Wir erinnern uns gut, dass in Moskau, Leningrad und anderen Großstädten mehr als ein Friedhof (oder der Teil eines Friedhofes) beseitigt wurde. Dies ist ein schmerzhaftes, unangenehmes Thema und wenn man es schon anschneidet, muss man von der Prämisse „im Zweifel für den Angeklagten“ für unsere Bürger ausgehen, und nicht umgekehrt, wie dies im Buch geschah.
Und noch ein Thema ist auffällig: Durch das ganze Buch zieht sich wie ein roter Faden mit einer Hartnäckigkeit, die es wert wäre ein besseres Anwendungsgebiet zu finden, das Thema der Fremdheit dieser Orte für die Übersiedler. Nicht das Eigene, das Fremde. Nicht von der Seele her. Klima und Architektur und all das. Und diese Gedanken werden im Namen der Übersiedler erzählt. Und man kann auch nicht sagen, dass das alles Lüge wäre – wem kommt zu schwerer Stunde nicht der Gedanke „Ach, alles hinschmeißen und ins heimatlich Urjupinsk zurück kehren!“
In Wirklichkeit gab es am hiesigen Klima nichts, was für Leningrader oder Nowgoroder, Pskower und Smoljaner unbekannt oder unannehmbar gewesen wäre. Für die Murmansker, von denen es viele gab, war das Klima wundervoll, und sogar die Übersiedler aus der Südukraine, aus Nikolaew, die ebenfalls zahlreich waren, lebten sich hier leicht ein. Und es gab nichts im Aussehen der Städte, was den Stadtbewohnern, Industriearbeitern und den Mitarbeitern des öffentlichen Nahverkehrs, die hierher gezogen waren, so fremd gewesen wäre. Sie bildeten die überwiegende Mehrheit der Übersiedler und keineswegs die Landbewohner. Die Fingern einer Hand genügen, um aufzuzählen, was die das Aussehen der Städte hier von gewöhnlichen russischen unterschied: Ziegeldächer, mittelalterliche enge Gassen (die praktisch nirgendwo erhalten geblieben sind), schmalspurige Straßenbahnen und eine Fülle von Gebäuden, die Festungs- oder Kasernencharakter hatten – das war alles. Etwas zu wenig, um die ganze Zeit zu behaupten: Alles ist fremd, und deshalb schätzen und pflegen sie es nicht – die „Wilden“ erhalten sozusagen Amnestie.
Die zufällige Verspätung des Umbruchs und seine „Bereicherung“ enthüllten die Konzeption des Autors und zeigten, dass sie von einem patriotischen Gesichtspunkt auf die Geschichte dieses Gebietes sehr weit entfernt ist und ihr sogar widerspricht.
Wenn man sich nicht von der Idee los sagt, das Buch mit dem Großteil der gesammelten Materialien zu veröffentlichen, muss der Ansatz grundlegend verändert werden. Es muss zumindest versucht werden, den Interessen des Landes und des Volkes, den Erinnerungen der Umsiedler, die mehrheitlich schon nicht mehr unter uns weilen, keinen Schaden zuzufügen.

Cheflektor: S. W. Daniel-Bek
20.07.1997

Übersetzung aus dem Russischen von Raphael Jung






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