Auf den Spuren von Königsberg - Trilaterales Oral-History-Seminar zur transnationalen Geschichte Kaliningrads  
 
  << Startseite

     Inhalt


Auf Spurensuche in Kaliningrad. Wiederannäherung an Königsberg

von Aneta Kaczmarczyk, Kamil Fijalkowski, Sarina Schewczyk und Daniel J. Sauer


Einleitung

Bereits an der polnisch-russischen Grenze fangen riesige Plakate mit der Aufschrift 750 Jahre Kaliningrad unsere Blicke ein. Doch in den Köpfen unserer Gruppe sind auch die Bilder der intakten Stadt vor dem Krieg: die Ansichten alter Postkarten, der Blick auf das Ordens- und Königsschloss, den Dom und die Bürgerhäuser, der Blick auf verwinkelte Gassen, die durch die dichtgedrängten Häuser der mittelalterlichen Altstadt führen, an deren Fassaden Reklametafeln und Inschriften in deutscher Schrift zu lesen sind. Diese Bilder stehen den Lücken gegenüber, die der Krieg gerissen hat und der Leere, die durch die sowjetische Stadtplanung mittels monströser Betonbauten zementiert wurden. Aber es gibt auch Gebäude und Straßenzüge, die bis heute ihre Bestimmung nicht verändert haben oder einer neuen Nutzung zugeführt wurden. Teile der alten Stadt Königsberg, die integraler Bestandteil des Lebens in der neuen Stadt Kaliningrad geworden sind.1 Eine Annährung an Königsberg, die Spurensuche, kann hier beginnen, mit der Begehung der Stadt, mit dem Aufsuchen der baulichen Denkmäler, mit einem Spaziergang durch die Straßen. Sie setzt sich fort im Gespräch – im Gespräch mit Kaliningradern über ihre Stadt, die einst Königsberg hieß und über das, was aus der Zeit vor dem Kriege blieb. Wie kann die lange unterdrückte Annäherung an das preußisch-deutsche Erbe aussehen? Wie verhalten sich Kaliningrader zu dem, was sie in Königsberg vorfanden und dem, was von Königsberg geblieben ist? Wie gehen sie damit um, das der größte Teil der 750-jährigen Geschichte ihrer Stadt, die sie in diesem Sommer gefeiert haben, keine russische ist? Worin liegt für sie die Bedeutung des Königsberger Domes, seiner Wiedererrichtung, dessen gotische Formen und backsteinerne Röte so gar nicht in eine russische Stadt zu passen scheinen? Wie begegnen sie jenen, zumeist älteren deutschen Besuchern, den vormaligen Bürgern dieser Stadt, die sich in Kaliningrad auf die Suche nach ihrer Heimatstadt begeben? Deren Erinnerungen sind es, mit deren Hilfe sich die alte Stadt am Leichtesten wiederentdecken lässt. Sie führen in die Viertel, welche die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges überdauert haben und geben durch ihre Erzählung den Gebäuden ihre Geschichte zurück. Aber es ist nicht die Welt der Ansichtskarten, die in ihren Geschichten aufersteht, sondern das Erleben des Untergangs und die Flucht aus der zerstörten Stadt, die ihnen ein Zuhause war. In ihrer Erinnerung lebt aber auch ein Stück Königsberg weiter und man kann sie bei ihrem Besuch in Kaliningrad begleiten, wo sie ihre Erinnerung an die Orte der Kindheit zurückführt. Einige von ihnen haben auch das Ziel, die Erinnerung an Königsberg in das Bewusstsein aller Deutschen zurückzuholen.2 Und schließlich mag man jene aufsuchen, die daheimgeblieben sind, meist weil ihnen die Flucht nicht mehr gelang. Ihre Geschichten sind die schwersten, die es anzuhören gilt. Es sind die Geschichten von Kindern, die in einer zerstörten Stadt um ihr Überleben kämpfen, die mit Gewalt zu Erwachsenen werden. Sie erleben, wie ihre Heimatstadt zerstört und als eine andere wieder aufgebaut wurde, nun zu einem anderen Land gehört, ihre neuen Bewohner eine andere Sprache sprechen. Sie waren gezwungen ihr Leben in Deckung zu fristen und ihre Tarnung über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten.3 Durch sie erfährt man etwas vom Übergang von Königsberg nach Kaliningrad, der Stadt die man heute betritt und die doch die alte Stadt in sich birgt.
Dies sind die Prämissen und Fragen, denen die folgende Arbeit nachgehen will; eine Annäherung an eine Stadt aus verschiedenen Blickwinkeln und der Versuch, sie wieder mehr als Ganzes zu betrachten. Dazu soll nicht in erster Linie die umfangreiche Literatur zur Geschichte dieser Stadt dienen, welche zum Jubiläum noch einmal angewachsen ist, und auf die an den entsprechenden Stellen verwiesen wird, sondern vielmehr die Begehung des Ortes und die Begegnung mit Menschen, welche der Stadt verbunden waren und sind.


Ansichtskarte aus der Stadt K.

Der erste Schritt bei der Annäherung an eine unbekannte Stadt ist der Blick auf den Stadtplan. Man hat die Wahl, ob man zuerst nach dem russischen greift, auf dem ‚Kaliningrad’ verzeichnet ist, oder nach einem ‚Wegweiser durch Königsberg’. Beides ist die Momentaufnahme derselben Stadt zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Der eine zeigt das Zentrum eines russischen Oblast bzw. Gebietes, der andere die Hauptstadt der Provinz Ostpreußen. Die Straßen und Stadtteile tragen auf jenem russische, auf dem anderen deutsche Namen. Der erste ist eher technischer gestaltet, kantig, die reine Information mitteilend, der zweite natürlicher in der Darstellung, die örtlichen Gegebenheiten genauer wiedergebend. Beide bezeichnen dieselbe Stadt, denselben Ort. Ungeachtet der Zerstörung Königsbergs und des Wiederaufbaus als Kaliningrad, ist das Bild, das auf dem Plan erscheint, dasselbe. Es wird vor allem bestimmt durch den Verlauf des Pregels, der zweiarmig von Südosten kommend, eine Insel umschließt und in westlicher Richtung gen Ostsee abfließt. Aber es ist nicht nur dieses natürlich gegebene Zentrum der Stadt, das unverrückt ist. Auch die Hauptverkehrswege durch und aus der Innenstadt heraus sind dieselben geblieben. Die großen Straßen laufen auf den zentralen Platz zu, den früher das Ordensschloss einnahm und den das bis heute ungenutzte Haus der Räte (ein sozialistisch geprägtes Betonhochhaus), auszufüllen nicht in der Lage ist. Ihm gegenüber liegt der Schlossteich, der heute in Ermangelung dieses Bezugspunktes einfach Unterer Teich heißt, und an seinem anderen Ende auf die Strasse stößt, die innerhalb der alten Königsberger Festungsanlagen verläuft, welche die Stadt nach Norden hin halbkreisförmig umschließen. Die Kaliningrader verlassen die Innenstadt durch die bzw. bei den alten Toren – das Rossgärter, das Brandenburger, das Sackheimer, oder das restaurierte Königstor, an dem die Monarchen ihre Köpfe wiedererhalten haben, um die Vorstädte zu erreichen. Neben dieser charakteristischen Form, die auch die sozialistische Stadtplanung nicht verändert hat, zeichnen die alten Eisenbahn- und Straßenbahnschienen noch immer dieselben Linien auf der Karte. „Vom feinen Gewebe der Stadt der Bürger und Kaufleute, von den Geschäfts- und Warenhäusern, Cafés und Buchhandlungen ist nichts geblieben. Übernommen hat man das Elementare, das Gerüst. ... Die gusseisernen Kanaldeckel sind so wichtig nicht allein wegen ihrer Aufprägungen „Königsberg i. Pr.“ oder „Steinfurt“, sondern weil sie zeigen, dass selbst die neugebaute Stadt ohne das lebenswichtige Röhrensystem der alten nicht auskam, während man glaubte, auf die Fassaden deutscher Bürgerhäuser verzichten zu müssen.“4 Auch die sowjetischen Stadtplaner mussten die noch vorhandene Infrastruktur, die Schienenwege und die Kanalisation nutzen für die neu zu errichtende Stadt. Zu mühsam wäre es gewesen, die alten Befestigungen zu schleifen. So schließen die alten Festungen, Bastionen und Tore aus dem 19. Jahrhundert heute eine weitgehend sozialistische, nüchtern-zweckorientierte Bebauung von Wohn- und Geschäftsblöcken ein. Neben diesem, zwangsläufig beibehaltenen Rahmen, gibt es Orte, die sich zwar verändert, aber ihre Charakteristik oder Bestimmung keineswegs verloren haben. Nord- und Hauptbahnhof empfangen noch immer die Besucher der Stadt oder sind Ausgangspunkte für ihre Bürger zu einem Ausflug in die Ostseebäder. Theater und Universität erfüllen ihre alte Funktion. Der frühere Hansaplatz, der heute Platz des Sieges heißt, ist der repräsentativste Ort, an dem damals wie heute vor allem die Verwaltung von Stadt und Bezirk vertreten ist und der das Zentrum der modernen Stadt ist. Die Kneiphofinsel, natürlich nicht mehr das alte quirlige Gängeviertel, ist dennoch Anziehungspunkt, nicht nur aufgrund des Domes, sondern als ‚Skulpturenpark’ ein Treffpunkt für Erholung und Freizeit – ein Ruhepunkt inmitten des tosenden Verkehrs der Innenstadt. Da der Leninskij prospekt heute als Hochstraße über die Insel hinwegführt, wird die Besonderheit des Ortes durch den Abstieg von dort erst recht hervorgehoben. Die Wege, die zwischen den hier aufgestellten Skulpturen entlangführen, folgen nicht dem Verlauf der alten Gassen und gemahnen doch an das Inferno, in dem die Stadt versank. Sie sind weder gepflastert noch geteert – der Spaziergänger scheint auf den Resten der früheren Häuser zu laufen, auf den Bruchstücken verkohlter Ziegelsteine. Neben dem Dom erinnert noch manche Königsberger Kirche an ihre Erbauer, indem sie heute einer orthodoxen Gemeinde als Gotteshaus dient (wie in Ponarth) oder zweckentfremdet als Theater (Luisenkirche) und somit auch für die heutigen Bewohner der Stadt von Bedeutung ist. Der frühere Königsberger freilich, wird keine Theatervorstellung besuchen, sondern den Ort, an dem er getauft wurde. Das alte Kopfsteinpflaster und die überall in den Straßen liegenden Kanaldeckel mit den deutschen Aufschriften führen in die westlichen Vorstädte, die immer noch deutsch anmuten mit ihrem Baumbestand und ihren Vorgärten und deren Häuser allesamt in der Zeit vor der Zerstörung gebaut wurden. Die Straßen durften ihren Namen behalten, wenn der geehrte Träger unverdächtig schien. So läuft man in Mittelhufen auch heute noch durch die Schillerstraße. Das Denkmal des Dichters steht weiter an seinem angestammten Platz. In dieser Gegend wohnten schon vor dem Kriege jene, die es sich leisten konnten. Arbeiter und kleine Angestellte müssen damals wie heute mit einer einfacheren Behausung, wie etwa in der Sackheimer Str. (Moskovskij prospekt) vorliebnehmen.
Der Besucher Kaliningrads, der sich von Deutschland aus auf den Weg in die Stadt begibt, denkt an den Verlust, an die Leere, die das zerstörte Königsberg hinterlassen hat und die durch den Aufbau Kaliningrads Gewissheit wurde. „Wer die Bilder von der Stadt, die nach dem alliierten Luftangriff im August 1944 in Trümmer gesunken war, sich angesehen hat, hat immer noch eine Stadt, eine Stadt in Ruinen, vor sich. Sie ist noch da, als zerstörte. Kaliningrad ist aber das, was kommt, wenn das andere verschwunden ist, eine Stadt, errichtet auf einem Plateau, das leergefegt ist."5 Doch groß ist das Erstaunen bei der Entdeckung, dass die Formen der Stadt, die Gegebenheiten des Ortes dieselben geblieben sind, dass Königsberg in seiner Abwesenheit im Zentrum besonders gegenwärtig scheint und in den Vorstädten tatsächlich auch baulich existent ist. Der deutsche Besucher macht sich auf den Weg in eine russische Stadt und ist doch auf der Suche nach der deutschen Vergangenheit. Er trifft dabei auf die russischen Bewohner, denen diese Stadt zur Heimat geworden ist. Königsberg und Kaliningrad bezeichnen dieselbe Stadt und doch jeweils etwas unterschiedliches: „Jeder Name steht für ein anderes Segment, eine andere Kultur, eine andere Sprache, eine andere Tradition, und alle zusammen und noch ein wenig mehr ergeben die Stadt, von der die Rede ist.“6 Diese Segmente beschreiben die nun folgenden Abschnitte, welche mit der Keimzelle der Stadt beginnen und sich dann in die Randbezirke begeben.


Königsberg in Kaliningrad Schloss und Dom zu Königsberg

Das Königsberger Schloss und der Königsberger Dom waren bis zu der Zerstörung der Innenstadt durch alliierte Luftangriffe die wichtigsten und größten Wahrzeichen des alten Königsberg. Sie standen mitten in der Altstadt und markierten das Zentrum auf eindruckvolle Weise. Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte die sowjetische Führung an anderer Stelle ein neues Stadtzentrum zu errichten, doch war der Erfolg nur mittelmäßig, wie uns einige Befragte bestätigten. Erst mit dem Bau der neuen orthodoxen Kathedrale und der Neugestaltung des Platzes der Sieger im Jahre 2005 erhielt Kaliningrad ein neues Stadtzentrum. Das Zentrum dient aber ebenso als eine Art von politischer Vergangenheitsbewältigung und als ein Betonen des russischen Erbes. Er soll den Anspruch Russlands auf die Enklave betonen.
So eng die Entstehungsgeschichte von Schloss und Dom zusammenhängen und so viel diese Gebäude gemeinsam haben, desto unterschiedlicher verläuft die Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Während der Dom 1960 den Status eines Kulturdenkmals erhielt, wurde das Schloss 1968 gesprengt7.
Über diese beiden Gebäude haben wir uns mit Frau Iraida Ostrogradskaja, Direktorin des Dommuseums, und Herrn Anatolij Bachtin, dem Leiter des Gebietsarchivs, unterhalten. Beide Gespräche verliefen in offener und freundlicher Atmosphäre und ergaben interessante Informationen und Einblicke aus der professionellen Beschäftigung mit Geschichte und Gegenwart dieser beiden bedeutenden Denkmäler.

Bei den Recherchen für diese Arbeit war zusätzlich der Domvorplatz in erster Linie eine Art Kontaktbörse zu alten Königsbergern und anderen deutschen Touristen, dort fanden auch einige Interviews statt. Besonders um die Mittagszeit herum standen immer einige Gruppen vor dem Dom und freuten sich darüber, dass junge Menschen sich für sie interessierten.


Schloss

Wie schon erwähnt, wurde das Schloss im Zweiten Weltkrieg sehr schwer beschädigt. Es brannte bis auf die Grundmauern ab. Bis 1968 passierte nichts, die Ruine wurde dem Verfall preisgegeben. In diesem Jahr wurde entschieden, die Reste zu sprengen, und einen Neubau zu errichten. Für diese Entscheidung wurden praktische Gründe genannt, wie zum Beispiel der wirklich schlechte Zustand der Ruine. Einen Hauptgrund nannte aber der Leiter des Gebietsarchiv in Kaliningrad, Herr Anatolij Bachtin in einem Interview: Das Schloss wurde als Symbol für die Naziherrschaft und den „deutschen Drang nach Osten“ gesehen, ein Symbol des preußischen Militarismus und Faschismus, das es auszulöschen galt.
Doch nicht alle Kaliningrader teilten diese Meinung, wie die Direktorin des Dommuseums betonte8. Es kam zu spontanen Protesten von Studenten und anderen Intellektuellen als die Abrissbagger anrückten. Aufgrund dessen wurde der Abriss in die späte Nacht verlegt, nachdem die letzten Demonstranten den Platz geräumt hatten. Am nächsten morgen waren dann auch die letzten Überreste des Schlosses verschwunden. Dies ließ das Schloss zu einer Art Mythos unter der Kaliningrader Bevölkerung werden9.

An der Stelle des Schlosses entstand der sogenannte Zentralplatz, und gleich daneben, auf dem zugeschütteten Burggraben, das erwähnte Haus der Räte (Dom Sowjetow). Dieses durch Größe und Protz markante Hochhaus, dass als Bürogebäude für die Stadt- und Oblastverwaltung dienen sollte, wurde bis zum Sommer 2005 aus diversen Gründen nicht fertiggestellt. Hauptgrund ist jedoch der zu weiche Untergrund des ehemaligen Schlossteiches. Dabei sollte gerade dieses Gebäude die endgültige Überlegenheit des Sozialismus über Faschismus und Militarismus darstellen. Doch wurde der Rohbau des Hauses der Sowjets zum Symbol für das Versagen der sowjetischen Behörden beim Wiederaufbau der Stadt. Deshalb bezeichnen heute viele Kaliningrader das Gebäude als „Rache der Preußen“ 10, auch wenn zur 750 Jahr- Feier wieder Bewegung in das Hochhaus gekommen ist und die Bautätigkeiten wieder aufgenommen wurden.
Die ausbleibende Fertigstellung des Hauses der Räte und der Fall der Sowjetunion im Jahr 1991 entfachten immer wieder neue Diskussionen um eine Rekonstruktion des Schlosses an. Diese Diskussionen dauern bis heute an und gehen teilweise in die höchsten politischen Kreise. Doch entweder scheint der Wille da zu sein aber kein Geld, so Anatolij Bachtin, oder das Geld wird durch private Investoren bereitgestellt, dann mangelt es plötzlich wieder am politischen Willen. Man möchte, so scheint es, das Problem noch eine ganze Weile aussitzen und sich dabei alle Möglichkeiten offen lassen.
Dabei sehen viele Kaliningrader das Schloss nicht mehr als Symbol des Bösen an, sondern erkennen den wirtschaftlichen Vorteil für die Stadt, der mit dem Wiederaufbau einhergehen würde. Zum einen wäre dies eine Initialzündung für die urbane Wüste rund um das heutige Haus der Räte, zum anderen ein weiterer Anziehungspunkt für Touristen, urteilt Anatolij Bachtin.
Seit 2001 werden archäologische Arbeiten durch das Kaliningrader Kunsthistorische Museum durchgeführt, um Überreste des Schlosskellers freizulegen. Dies ist aus dem Grund interessant, weil das Schloss vor dem Zweiten Weltkrieg unter anderem ein Museum mit der berühmten Prussia-Sammlung und Teile der Staats- und Universitätsbibliothek beherbergte. Bis Sommer 2005 wurden schon Hunderte Gegenstände geborgen, was dazu führte, dass an dieser Stelle ein Freilichtmuseum geplant wird11. So wurde eine Gedenktafel, die damals am Schloss angebracht war und den Philosophen Kant zeigt, vor kurzem an einer Außenmauer des Zentralplatzes befestigt.
Dass die Kaliningrader von heute zum großen Teil keine Berührungsängste mit dem Schloss haben zeigt ein Rundgang in der Stadt. Obwohl es das Schloss seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch nicht mehr gibt, sieht man es im heutigen Kaliningrad auf Schritt und Tritt. Es gibt Plakate zur 750 Jahr – Feier der Stadt zu sehen, die eine Silhouette des alten Schlosses zeigen. Betritt man einen Supermarkt, so kann man Königsberger (nicht Kaliningrader) Wodka kaufen, der nicht nur das Schloss, sondern auch noch das alte Stadtwappen auf dem Etikett trägt. Ähnliches ist auch bei Nahrungsmitteln bis hin zu Transportunternehmern zu beobachten. Wo es von Vorteil scheint, bedient man sich mit Abbildungen des alten Schlosses. Es macht den Anschein, als würde man sich besonders nach dem sehnen, was für immer verschwunden scheint.
Doch hat diese etwas seltsam anmutende Vergangenheitsbewältigung nicht nur wirtschaftliche Gründe. Es muss auch beachtet werden, dass zu Sowjetzeiten so gut wie keine Auseinandersetzung mit der Geschichte vor 1945 stattfand. Die bestätigte sowohl Anatolij Bachtin als auch Iraida Ostrogradskaja. „Eigentlich haben wir erst zu Beginn der 90er Jahre angefangen Bücher zu lesen“, so Frau Ostrogradskaja. Hinzu kommt, dass viele Bücher zu dem Thema nur auf deutscher Sprache erhältlich sind.


Dom

Auch der Königsberger Dom auf der Insel Kneiphof wurde während des Weltkriegs, wie schon erwähnt, stark beschädigt. Doch im Gegenteil zum Schloss blieben die Außenmauern fast vollständig erhalten. Obwohl man auch schon Pläne für den Abriss in der Schublade hatte, um einen Soldatenfriedhof auf der gesamten Insel zu errichten, verschonte man die Ruine des Doms.12 Grund dafür sei die Tatsache, dass sich das Grab des Philosophen Immanuel Kant direkt am Dom befand und sich immer noch befindet, behauptet Frau Ostrogradskaja im Interview13. Doch ist dies nur Spekulation. Der Hauptgrund dürfte gewesen sein, dass mit einem sakralen Gebäude anders umgegangen wurde als mit dem Hohenzollernschloss.
Doch lange Zeit passierte auch mit dem Dom nichts. Zwar wurde er 1960 zum Kulturdenkmal ernannt, doch erst 1976 und 1982 kam es zu Sanierungsmaßnahmen14. Diese sind auf deutscher Seite stark umstritten, denn u.a. wird behauptet, dass mit diesen Maßnahmen mehr zerstört als erhalten wurde, weil nicht fachgerecht restauriert worden sei. Diese Vorwürfe weist Frau Ostrogradskaja von sich. Ohne Sicherung der Ruine wäre diese wohl vollständig in sich zusammengebrochen. Ein großer Nachteil war auch, dass bis dahin das Gebäude nicht abgesperrt war, so dass jeder Zeit unbefugte das Gelände betreten konnten.
So wurden zuerst der Boden und die Außenmauern befestigt, alte Grabtafeln zusammengetragen und auch an ein Schutzdach wurde gedacht, hatte man doch Pläne einen Konzertsaal einzurichten. Doch so weit ist es aus finanziellen Gründen nicht gekommen. Es fanden nur etliche Freilichtkonzerte statt, nachdem man auch die Fenster gesichert hatte und Sitzbänke aufstellt hatte.
Erst 1992 kam wieder Bewegung in die Rekonstruktion des Doms. Zum ersten Mal zeigte die russische Regierung Interesse am Wiederaufbau. Mit Unterstützung aus Deutschland, wie zum Beispiel der Zeit-Stiftung, wurde 1993 mit dem Wiederaufbau begonnen. Dieser wurde 2000 außen weitgehend abgeschlossen, nachdem 1995 der Nordturm und bis 1998 das Dach fertiggestellt wurden. Heute beherbergt der Dom eine orthodoxe, eine evangelische und eine katholische Kapelle, das Dommuseum und das Kantmuseum. Hinzu kommen Proberäume für den Chor und ein Konzertsaal, der ehemalige Hauptsaal des Doms, der nach Aussage von Frau Ostrogradskaja eine einmalige Akustik besitzt. Dieser wurde im Sommer 2005 endlich mit einer Heizung bestückt. An eine nur kirchliche Nutzung wurde dabei nie gedacht, vielmehr war von Anfang an ein Kulturzentrum geplant, dass allen Konfessionen und Nationen offen zur Verfügung stehen sollte. Dies sei ein wichtiger Grundgedanke des Wiederaufbaus gewesen, betonte die Direktorin.
Die Sammlung im Dom besteht zu sehr großen Teilen aus Spenden von Kaliningradern, die ihnen wichtig scheinende Sachen, irgendwo gefunden hatten und vorbeibrachten. Deswegen macht die Sammlung den Eindruck eines etwas zusammengewürfelten Haufens, aber man war auf so eine Spendenflut nicht vorbereitet, so Iraida Ostrogradskaja mit etwas stolz in der Stimme. Viele russische Mitbürger seien auch erstaunt darüber, dass die deutsche Vergangenheit auf diese Weise gepflegt wird, sie hätten etwas mehr russische Sachen erwartet.
Problematisch ist weiterhin die finanzielle und personelle Situation. Ohne Spenden aus dem Ausland wäre ein reibungsloser Betrieb nicht möglich. Ein großes Problem ist, dass der Dom kein staatliches Museum wie das Marinemuseum ist, sondern nur eine bezirksstaatliche Kultureinrichtung. Deswegen fehlen Gelder aus dem Etat der Zentralregierung. Hinzu kommen Schwierigkeiten mit dem Untergrund. Der Dom wurde nämlich auf Hunderten von Holzpfählen errichtet, weil der Untergrund zu weich war. Diese sind inzwischen zum großen Teil marode. Deswegen musste bei der Rekonstruktion auf die ursprünglichen schweren Dachziegel verzichtet, und ein leichtes, aber teueres, Kupferblechdach errichtet werden.
Zwar gibt es Stimmen, die ebenfalls einen Wiederaufbau der restlichen Gebäude der Altstadt fordern, doch ist für viele Kaliningrader die Insel eine Art Denkmal gegen den Krieg, berichtet die Direktorin. Zwar wäre der Wiederaufbau einzelner Gebäude, die man dann als Museum nutzen könnte, denkbar, doch sollte der Park als Naherholungsgebiet und Mahnmal erhalten bleiben. Auch Cafes, Bistros oder ähnliches lehnt Frau Ostrogradskaja ab. Dies würde auf kurz oder lang zu einer Kommerzialisierung des Domvorplatzes führen.
Dadurch, dass der Dom das einzige Gebäude auf der Insel ist, das rekonstruiert wurde, hat man von allen Seiten einen schönen Blick auf das Baudenkmal. Für Jürgen Köhler15, einen pensionierten Pfarrer, den wir auf dem Domvorplatz trafen, ist der Dom mehr als ein Denkmal. Durch seine isolierte Lage und besondere Bauweise sieht er den Dom als Fingerzeig Gottes, der in den Himmel ragt. Der Dom ist zweifellos das Wahrzeichen der Stadt und ein Touristenmagnet. Doch auch die Kaliningrader werden wie magisch von diesem angezogen, wobei besonders das Kantgrabmal und das Denkmal von Herzog Albrecht, Gründer der damals direkt daneben gelegenen Universität, eine sehr wichtige Rolle spielen. Für Frau Ostrogradskaja ist der Dom sogar noch mehr, nämlich die Seele der Stadt. Das Schloss hingegen blieb für uns, wie für viele andere auch, im wahrsten Sinne des Wortes ein Luftschloss. Zwar sehr präsent auf Bildern, Verpackungen und Plakaten, aber unerreichbar fern.


Spaziergang durch Amalienau und Mittelhufen

Während das Stadtzentrum von Königsberg in den verheerenden Bombennächten im August 1944 fast vollständig ausgelöscht wurde, blieben einige angrenzende Stadtteile von der Zerstörungswelle weitgehend unberührt. Die innerstädtische Trümmerwüste wurde in der Sowjetunion nach und nach neu bebaut; es entstand ein neues Zentrum an alter Stelle. Die Straßenführung und vereinzelte alte deutsche Gebäude sind einige der letzten Merkmale, die das alte Stadtbild vage erkennen lassen. Verlässt man hingegen die Innenstadt in nord-westliche Richtung, verschwinden die grauen, trostlos wirkenden Plattenbauten beinah abrupt aus dem Bild des Betrachters und man tritt ein in die alte Stadt Königsberg. Diesen Eindruck gewinnen nicht nur deutsche „Heimweh-Touristen“. Laut Aussage von Andrej Portnjagin, dem stellvertretenden Direktor des Deutsch-Russischen Hauses, gehen russische Touristen bevorzugt in diese Stadtteile, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen, denn „Plattenbauten finden sie auch in Nowosibirsk, dazu müsse man nicht erst nach Kaliningrad reisen“16.
Kaum hat man also den ehemaligen Deutschordenring (gvardejskij prospekt) in Richtung Hufenallee (prospekt mira) überschritten, befindet sich linkerhand das einstige „Landesfinanzamt“. Auf der rechten Seite, gegenüber vom „Neuen Schauspielhaus“, hat sich Friedrich Schiller auf seinem Denkmalsockel behaupten können. Die entgegenkommende Straßenbahn fährt auf den selben Schienen wie vor sechzig Jahren und auch die Haltestellen sind oftmals noch an gleicher Stelle zu finden. Der Eingang vom Zoo ist dem alten nachempfunden, gegenüber auf der anderen Straßenseite wurde das ehemalige Gebäude der „Nordstern-Versicherung“ zum Hotel umfunktioniert. In den Räumlichkeiten des Hotels „Moskva“ trifft man immer noch Königsberger - allerdings sind sie heute nur zu Gast hier. So haben wir uns hier mit Herr Köhler verabredet, der uns im Interview ausführlich seine Erlebnisse und Eindrücke über Königsberg/Kaliningrad schildert. Er wohnte bis zu seinem achten Lebensjahr in der vom Hotel nicht weit entfernten Hindenburgstraße (ul. kosmonavta leonova). Sein Wohnhaus wurde nicht erhalten, nur der alte Hauseingang befindet sich an gleicher Stelle und gewährt nun Einlass zu einem Ladengeschäft in einem mehrstöckigen Gebäude.
Die Hindenburgstraße, heute eine Einbahnstraße, führt direkt nach Mittelhufen – in einen der Stadtteile, die das Gefühl aufkommen lassen, Königsberg sei auch heute noch existent. An einer anliegenden Straßenecke, so schildert uns Herr Köhler, hatte sein Onkel einst eine Bäckerei geführt. Als Herr Köhler im Jahr 1991 das erste Mal seit seiner Flucht aus Königsberg wieder seine Heimatstadt besuchen konnte, suchte er auch diesen Ort auf. Er fand dort ein armenisches Restaurant vor. Bei einer genaueren Erkundung stellte er fest, dass der alte Backofen von „Onkel Hermann“ noch immer erhalten war und sogar genutzt wurde. Heute sind weder das Restaurant noch der Backofen auffindbar.
Dieses Beispiel belegt, dass viele Spuren, die nach 1945 noch erhalten waren selbst den Zusammenbruch der Sowjetunion überdauerten. Doch der seit den 90er Jahren einsetzende Umbruch in Russland machte letztlich auch vor ihnen nicht Halt. Von dieser Tatsache können wir uns aktuell überzeugen. In der prospect mira, am östlichen Rand des Stadtzentrums, entdecken wir einen zerfallenen, mit Baugerüsten umsäumten Altbau, der gerade saniert wird. Auf den Außenmauern sind noch Schriftzüge der alten Geschäfte zu lesen: „Kreuzapotheke“ und „Drogerie“ läßt die ausgebleichte, leicht abgeblätterte Farbe noch erkennen. Bald werden auch diese Spuren unwiederbringlich verschwunden sein.
Doch zurück in den Westen der Stadt. Durchquert man die Straßen in Mittelhufen in westliche Richtung nach Amalienau, findet man Straßenzüge mit teilweise komplett erhaltenen Häuserzeilen. Oftmals weisen die Straßen noch das alte Pflaster auf, unter neu geteerten Straßen kommt es an einigen Stellen wieder zum Vorschein. Die Gehwege werden gesäumt vom alten Baumbestand. Die typisch deutschen Vorgärten werden nun von den Kaliningradern in Stand gehalten und nach Aussagen einiger Anwohner auch sehr geschätzt, da in russischen Großstädten dafür sonst kaum Platz zur Verfügung stehe.
Die Häuser hier wurden meist nur teilweise oder gar nicht restauriert, daher findet man sehr viele Gebäude im Originalzustand vor. Hier hat die Zeit meist mehr Spuren hinterlassen als die Kaliningrader Bevölkerung. Auch wenn die eine oder andere Fassade bröckelt, die Farbe von der Tür fast restlos verschwunden ist oder der alte Briefkasten fast nur noch aus Rost besteht – genau bei solchen Häusern fühlt man sich in eine andere Zeit, in eine andere Stadt zurückversetzt. Einige Straßen sind so authentisch wie man sie selbst in deutschen Altstadtvierteln nicht vorfindet, da diese meist saniert und umgebaut wurden. Sehenswert sind besonders die Häuserzeilen auf der ehemaligen Körteallee (ul. Kutuzova) und den angrenzenden Seitenstraßen im südlichen Teil von Amalienau.
Eines dieser Häuser, im Fachwerkstil erbaut, weckt unser Interesse, da es zum Verkauf aussteht und man es demnach auch besichtigen kann. Nach unserem zaghaften Klingeln öffnet eine junge Russin die Tür und wir erklären unser Anliegen. Sie bittet uns herein und zeigt uns die Wohnung. Ihr Mann habe beim damaligen Einzug das ganze Haus nach etwas „Deutschem“ abgesucht aber nichts finden können, erzählt sie uns. Im Wohnzimmer stehen aber zwei alte Bauernschränke, eine Kommode und eine Anrichte. Die junge Frau meint, die Schränke hätten dort schon immer gestanden und „da sie so schwer aussehen und eigentlich ganz gut in das Wohnzimmer passen“ habe man sie stehen gelassen. Eine Vase auf der Anrichte bestärkt uns in der Annahme, dass man hier die alte Einrichtung übernommen hat: „Waggonfabrik L. Steinfurt, Königsberg i. Pr., 1830 – 1930“ lautet der blaue Schriftzug. Da fällt ihr ein, dass sie uns noch etwas zeigen könnte. Sie führt uns zur Toilette und deutet auf den weißen Keramikgriff der Wasserspülung, auf dem, ebenfalls in blauen verschnörkelten Buchstaben, „Ziehen“ geschrieben steht. Wir fragen, ob sie die Bedeutung des Wortes kennt und erklären sie ihr abschließend. Des weiteren finden wir an der Decke im Flur einen „Siemens Klingeltransformator“, der immer noch funktionstüchtig ist. Die junge Frau begleitet uns in ihren Garten und zeigt auf ein weiteres „deutsches Erbe“; einen alten Apfelbaum. An die marode Hausmauer gelehnt, steht ein Stapel roter Dachziegeln. Auch hier lässt die Aufschrift den deutschen Ursprung erkennen: „Rheinische Tonwerke Bracht RHLD“.
Wir haben nicht erwartet, derart viele Überreste aus vergangenen Zeiten in Haus und Garten zu finden. Ebenfalls bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der diese Reste fest in den Alltag der Bewohner integriert sind.
Die Spuren der Vergangenheit findet man jedoch nicht nur innerhalb von Gebäuden. Neben dem Baustil lassen einige Häuser durch ihre Inschriften in der Fassade auf deutschen Ursprung schließen. Es gab in den 60er und 70er Jahren groß angelegte Aktionen, bei denen alle noch vorhandenen Inschriften, die auf die Zeit der deutschen Herrschaft hinwiesen, entfernt wurden. Aber nicht alle dieser Inschriften wurden beseitigt. Ob „Landhaus Ruth“ oder „A.D. 1900“ – gezielte Blicke auf die Häuserfassaden finden schnell die deutschen Spuren. Auch sind einige Türportale erhalten und restauriert worden. So haben wir am Seiteneingang eines sanierten Altbaus den Schriftzug „Ob Ost ob West tu Hus is best“ entdecken können. Dass man hier sogar versucht hat das deutsche Erbe zu erhalten lässt darauf schließen, dass sich die Kaliningrader damit auch ein Stück identifizieren und in ihr Leben integrieren. Bei Gesprächen mit Anwohnern über die deutschen Häuser wird deutlich, dass man stolz darauf ist in einem alten deutschen Haus zu wohnen.
Eine weitere Spur nach Königsberg führt durch fast jede Straße in Mittelhufen und Amalienau. Häufig sind alte Hydranten, überwiegend von der „Armaturengesellschaft Mannheim“, vor den Häusern installiert. Einige von ihnen weisen den originalen roten Farbanstrich auf. Auch Gullydeckel sind in dieser Gegend fast ausschließlich im Original vorzufinden. Die Gullydeckel sind gemäß Aussage von Herrn Portnjagin vom Deutsch-Russischen Haus auch für russische Touristen ein kleiner Publikumsmagnet17. Mit etwas Glück findet man neben „Odin-Werk“- und „Unions-Giesserei“ -Deckeln auch eines der wenigen Exemplare der „Steinfurt AG – Königsberg Pr.“. Die Gullydeckel sind auch im Zentrum der Stadt zu finden. Selbst auf den großen neu gebauten Straßen wurden sie, wahrscheinlich aus Materialmangel, wieder eingesetzt.
Zur Hufenallee zurückkehrend trifft man auf die Luisenkirche und den angrenzenden Luisenwahl mit einem Denkmal für Königin Luise. Die Luisenkirche wird heute als Puppentheater genutzt. Auf dem anliegenden ehemaligen Luisenwahl mit dem Luisenfriedhof ist ein kleiner Freizeit- und Vergnügungspark für Kinder eingerichtet worden. Das Denkmal zu Ehren Königin Luise, eine „Halbrotunde aus Zementsteinen mit der Marmorbüste der Königin, von Rauch, in einem Medaillonbogen“18, ist zu einer Art Sitzbank umfunktioniert worden. Weder die Büste noch die Inschrift „Dem Genius Preußens – Der unvergeßlichen Königin Luise – Die Königsberger Bürger 1874“ sind erhalten geblieben. Zwischen Luisenkirche und Freizeitpark steht seit einigen Monaten eine Skulptur von Baron Münchhausen, der auf seiner berühmten Kanonenkugel sitzend dargestellt ist. Die Skulptur wurde von der Münchhausenstadt Bodenwerder zum 750. Stadtjubiläum Königsberg/ Kaliningrad gestiftet.
Folgt man von hier dem Verlauf der Hufenallee zurück in Richtung Stadtzentrum, findet man in der Nähe des Kinos, das schon damals als solches genutzt wurde, eine Straßenbahnhaltestelle der Linie 1. Die Haltestelle besteht aus einem sehr schmalen Streifen erhöhten Gehwegs, der mitten auf der Straße eingebettet im alten Straßenpflaster liegt. Diese Haltestelle war der Abfahrtsteig von Jürgen Köhler und seiner Familie, von dem sie im Dezember 1944 mit einem der letzten Züge aus Königsberg flohen. Er erinnert sich noch an die gelben Fliesen, mit denen der Gehsteig ausgelegt war und die sich heute, zwar etwas zersprungen und dunkel verfärbt, immer noch an ihrem alten Platz befinden. Damals hat er seiner Stadt von dieser Stelle aus für Jahrzehnte den Rücken kehren müssen – heute findet er über diesen Ort den Weg zu ihr zurück.
Viele der Heimwehtouristen beklagen sich darüber, dass von „ihrer“ Stadt fast nichts mehr übriggeblieben sei und „der Russe“ Königsberg in ein graues, trostloses Kaliningrad verwandelt habe. Diese Exil-Königsberger scheinen zu vergessen, dass die Innenstadt von den englischen Luftangriffen fast vollkommen zerstört wurde und es andererseits so viel Altes in den angrenzenden Stadtvierteln zu sehen gibt. „Selbst wenn Königsberg weiter deutsch geblieben wäre, hätte man die durch die Luftangriffe zerstörte Innenstadt wohl kaum wieder nach dem alten Stadtbild aufgebaut. In deutschen Städten sieht man dies zur Genüge“, erzählt uns Herr Köhler im Interview.
Wer das alte Königsberg heute noch kennen lernen möchte, sollte sich auf Spurensuche in Stadtvierteln wie Amalienau oder Mittelhufen begeben. Den alten Stadtplan zur Hand und bestenfalls mit einigen Erzählungen ehemaliger Königsberger ausgerüstet, kann der Spaziergang durch das alte Königsberg beginnen. Doch nicht nur deutsche Touristen wollen die Reste von Königsberg entdecken. Unter der örtlichen Bevölkerung gab es privat auch schon vor der Wende Interesse an der deutschen Zeit und ihren Hinterlassenschaften.


Festungsmauer und Tore

„Reste der Festungswerke, rings um die innere Stadt. Die Festungswerke waren baulich und landschaftlich eine bedeutende Anlage. Ein Rest, am Roßgärter Tor, und einige Tore bleiben als Baudenkmäler erhalten.“ So lautet eine Beschreibung aus dem „Fremdenführer durch Königsberg in Preußen“19 aus dem Jahre 1927, welche auch heute noch zutreffend ist. Die Anlagen vom Königstor bis zum Roßgärter Tor sind bis heute erhalten geblieben.
Das Königstor gilt als eines der Wahrzeichen der Stadt und wurde im Rahmen der Vorbereitungen zur 750-Jahrfeier restauriert. Das Königstor ist neben Schloss und Dom als Symbol für die Werbekampagne zum Jubiläum gewählt worden. In den Räumlichkeiten des Tores ist eine Ausstellung über die Festungsanlagen untergebracht.
Folgt man von hier aus dem Schutzwall nach Norden, entdeckt man, dass sowohl der alte Schienenverlauf auf dem Wall sowie ein daneben gelegener Fußweg noch vorhanden sind. Der Baumbestand und entsprechende Bodenbegebenheiten lassen eindeutig darauf schließen. Die Außenseite des Schutzwalls liegt in unwegsamem, verwildertem Gelände und ist nur über schmale Pfade zu erreichen. Ein kleiner verschmutzter Bach, welcher vom Oberteich genährt wird, begleitet die noch gut erhaltene Ziegelsteinmauer, in der vereinzelt Einschusslöcher und Granateinschläge zu sehen sind. Dort ist auch der mit schwarzen Ziegelsteinen gesetzte Schriftzug „Bastion Grolmann“ erhalten geblieben. Der heutige Bestand der Festungsmauer entspricht in etwa dem zu Anfang des 20. Jahrhunderts.
Im Abschnitt Roßgärter Tor, wo der Wallring (heute ul. Černjachovskogo) beginnt, haben das Bernsteinmuseum und ein gehobenes Restaurant ihren Platz in den alten Räumlichkeiten gefunden. Der gesamte am Oberteich verlaufende Bereich des Wallrings ist teilsaniert worden, die Westseite des Festungsrings ist hingegen zum Großteil nicht mehr vorhanden. Der Oberteich gilt heute gerade wegen der relativ vielen alten Gebäude und Alleen als eine der schicksten Wohnadressen in der Stadt, so die „neuen Russen“ (die Neureichen) wohnen.


Friedhöfe

Die Friedhöfe der alten Königsberger wurden meist der Natur überlassen. Sie gleichen verwilderten Parkanlagen, die von Wanderwegen durchkreuzt werden. Der Baumbestand und die Wege lassen die alte Friedhofsstruktur vielerorts noch erkennen. Des weiteren weisen eingefallene Gräber sowie vereinzelte Bruchstücke von Grabsteinen und Grabeinfassungen als letzte augenscheinliche Spuren auf die einstige Funktion des Areals hin. Grabsteine und Grabeinfassungen sind kaum zu sehen, sie wurden kurz nach dem Krieg entwendet und abtransportiert.
Der am „Luisenwahl“ angrenzende II. Tragheimer Friedhof sowie der III. Neuroßgärter Friedhof sind typische Beispiele für diese verwilderten Friedhöfe. Allerdings wurde der jeweils südliche Teil dieser Friedhöfe in eine Parkanlage umgewandelt. Bei nur flüchtigen Blicken erkennt man den Friedhof nicht, man bekommt hier eher das Bild eines Stadtwaldes vermittelt. Dieser Eindruck wird durch einen regen Strom von Spaziergängern verstärkt. Der „Waldboden“ weist oft Löcher auf, die auf eingefallene Gräber zurückzuführen sind. Komplette Gräber sind nicht zu finden. Bruchstücke von Grabeinfassungen und Grabsteinen sind jedoch überall verstreut.
Die Friedhöfe im Ostteil der Stadt, die unterhalb der Labiauer Straße (heute ul. Gagarina) gelegen sind, zeigen bei genauer Untersuchung ein weniger friedvolles Bild. Auf den ersten Blick scheinen hier die Gräber auch der Natur zu überlassen worden sein. Allerdings fällt rasch auf, dass hier sehr viele Gräber ziemlich tief eingefallen sind. Je weiter man sich von den relativ breiten Durchgangswegen in den verwilderten Teil begibt, desto offensichtlicher wird, dass die Gräber nicht eingefallen sind, sondern dass sie geöffnet wurden. In der Mitte des Alten Katholischen Friedhofs stoßen wir auf Gebeine der Toten, die achtlos auf einen kleinen Pfad geworfen wurden. Hier finden wir auch einen ersten vollständig erhaltenen Grabstein, der laut Inschrift einem Familiengrab zuzuordnen ist. Auf dem lockeren Boden liegt Müll. Wir gehen weiter, es türmen sich Haufen frischer Erde auf; wir sehen eine Reihe von zwanzig, dreißig frisch ausgehobenen Gräbern. Vereinzelt liegen in den Erdlöchern Gebeine, überdeckt von den Abfällen, die die Grabräuber hinterlassen haben.
Auf dem Rückweg treffen wir auf einen Russen, der die Ruhe des „Waldes“ nutzt um hier seine Sportübungen zu machen. Wir sprechen ihn auf die ausgehobenen Gräber an und er meint, dass die hiesige Polizei das Problem kennt, aber die Grabräuber leider meist entwischen. Sie suchen nach Schmuck und Goldzähnen, um so ihre finanzielle Situation aufzubessern. Es scheint ihm unangenehm zu sein, dass einige seiner Landsleute die letzte Stätte der Königsberger schänden. Betroffen entschuldigt er sich bei uns dafür.


Königsberger in Kaliningrad
Zurückgeblieben in der Heimat – Zuhause in der Fremde

Eines der ehrgeizigsten Ziele der Arbeitsgruppe war es, alte Königsberger zu finden, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Kaliningrad blieben und noch heute dort leben. Von etlichen Leuten bekamen wir anfangs zu hören, dass es solche Leute gar nicht gäbe, und wenn, dann wären diese Personen unbekannt oder schon verstorben. Bei einem Treffen in einem Cafe nahe des Siegesplatzes lernten wir Frau Annelies Kelch, Geschäftsführerin der Stadtgemeinschaft, kennen. Durch diesen Kontakt erhielten wir nicht nur interessante Interviewpartner, sondern zusätzlich noch die Adressen von vier alten Königsbergern (insgesamt soll es noch sieben geben), die in Kaliningrad bis heute geblieben sind: Gerda P., Maria S., Elvira S. und Heinz G. Die Bezeichnung „alte Königsberger“ stimmt in diesem Sinne nicht ganz, da nur Heinz G. in Königsberg geboren wurde. Der Rest kam erst während oder nach dem Krieg nach Königsberg, davor lebten sie auf Dörfern in Ostpreußen.
Bis auf Gerda, die zu diesem Zeitpunkt leider krank war, waren alle anderen nach telefonischen Absprachen zu Interviews bereit.
Selbstverständlich war die Tatsache, dass es sich um sehr alte Menschen handelt (Maria S. Jahrgang 1919). Doch war das Leid unerwartet, mit dem unsere Interviewpartner immer noch von den Geschehnissen um 1945 und der Zeit danach traumatisiert waren. Dies machte ein normales Interview im eigentlichen Sinne sehr schwer, zum Teil unmöglich. Auf unsere Fragen wurde manchmal nicht eingegangen, auch nach mehrmaligen Wiederholen der Frage nicht, weil unsere Interviewpartner uns „ihre“ Geschichte erzählen wollten.
Wie schon erwähnt, waren alle drei Personen noch sehr stark traumatisiert. Dies kann man auch gut verstehen, wenn man in Erfahrung bringt, was für grausame Dinge alle drei während und noch nach dem Zweiten Weltkrieg erleben mussten. Dabei spielen Hunger, Kälte und Elend noch die geringste Rolle. Vor allem die Grausamkeiten der Sowjetsoldaten nach der Eroberung der Stadt prägen alle bis heute: Alle drei Interviewpartner sind beim Erzählen der Ereignisse um 1945 weinend zusammengebrochen. Eine auch für uns sehr schwierige Situation, mit der wir nicht so einfach umgehen konnten. Dabei stellte sich heraus, dass alle drei Befragten den Krieg und den Kampf um Königsberg als weniger schlimm empfinden als die Ereignisse nach dem Einmarsch der roten Armee. Für alle normalisierte sich, wenn man das so sagen kann, die Situation erst Anfang der 50er Jahre. Und obwohl sie all diese Grausamkeiten erlebten, haben sie sehr schnell gelernt, dass man Menschen nicht über einen Kamm scheren darf, dies half ihnen beim Vergeben. Denn ohne die Hilfe von sowjetischen Mitmenschen hätte keiner von den Dreien überlebt.
Eine Frage bei unseren Interviews war auch, warum sie denn in der Sowjetunion blieben und nicht nach Deutschland ausreisten. Dabei ist die Antwort sehr einfach: Zufall! Entweder war man für den Abtransport zu krank, man verpasste den letzten Zug, oder nahm eine falsche Nationalität zum Schutz an und konnte nicht ausreisen. Auch hoffte man, dass es sich nur um eine vorrübergehende Besatzung handeln würde. Das Annehmen einer falschen Identität trifft früher oder später auf alle Befragten zu. Um in Kaliningrad zu bleiben nahmen alle die litauische Nationalität an. Dazu gehörte auch das Erlernen der russischen Sprache, und das in kürzester Zeit, damit der Schwindel nicht aufflog. Dabei sprechen einige russisch immer noch mit deutlichem Akzent, der von den meisten Menschen der Umgebung jedoch eher als litauisch oder estnisch empfunden werde. Erstaunlich ist auch, dass die Königsberger ihre wahre Identität zum Teil sogar den Lebenspartnern verheimlichen konnten und auch wollten. Erst in den 70er Jahren trauten sie sich ihre wahre Identität zu lüften und reisten zum Teil nach Deutschland.
Aber auf Dauer nach Deutschland zu kommen konnte sich keiner vorstellen: „Ich bin hier geboren, ich will hier mal sterben!“ oder „Das ist halt unsere Heimat!“, hörte man sehr oft. Mit dem heutigen Deutschland, so kam es in allen Interviews durch, können die alten Königsberger nicht viel anfangen. Mit verklärter Romantik denken sie an das „gute alte Deutschland“ vor 1945 zurück, wobei man mitunter nationale und nationalistische Tendenzen erkennen konnte. Gleichzeitig jedoch sehnen sie sich nach der Sowjetunion, die ihnen soziale und finanzielle Sicherheit bot, und können dem heutigen Russland nur wenig gewinnen. Diese Zwiespältigkeit war bei allen feststellbar, wohl als der Ausdruck von großer Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und dem Gefühl zweimal, nach 1945 und 1989, sozial und finanziell zu den Verlierern zu gehören.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Interviews nicht so viele Informationen über die Lage nach dem Krieg ergaben, wie wir es uns erhofft hatten. Interessant waren sie aber auf alle Fälle. Bedrückt hat uns etwas die schlechte soziale Lage der alten Königsberger, die aber vergleichbar ist mit jedem anderen gewöhnlichen russischen Rentner, und die soziale Isolation, wobei uns die hierbei der Vergleich zu anderen russischen Rentnern fehlt. Wir bekamen aber das Gefühl, dass die alten Königsberger Fremdkörper sind, und das überall, egal ob in Deutschland oder in Kaliningrad. Sie passen nirgendwo mehr hin, und die Heimat nach der sie sich sehnen, ist für immer verloren.


Die Gemeinschaft der Königsberger – Eine Stadt im Exil

Der „Königsberger Bürgerbrief“ und sein Sonderheft zum 750-jährigen Jubiläum der Stadt erscheint nicht in Kaliningrad. Königsberg liegt heute in Schleswig-Holstein, in Hamburg, in Duisburg. Duisburg ist nicht Partner- sondern Patenstadt. Duisburg hat die Schirmherrschaft übernommen für eine Stadt, die vor sechzig Jahren ins Exil ging. Die Bürger Königsbergs, welche die Zerstörung ihrer Vaterstadt und die Gewalt des Krieges und das Elend der Flucht überlebten, gründeten ihre Stadtgemeinde in der neuen, fremden Heimat neu. Es gab keinen Ort für diese Wiedergründung, keinen Wiederaufbau zerstörter Gebäude. Die Stadt lebte in der Erfahrung der Gemeinschaft wieder auf – ihr Ort war und ist die Erinnerung, das Gedächtnis ihrer Bürger, dessen man sich nun, da man sich in der Fremde eine Heimat schaffen musste, vergewisserte. Duisburg sollte „ein lebendiger Sammelpunkt für die Heimatvertriebenen Königsberger“ sein und ihnen „eine neue Stätte kultureller und geistiger Gemeinschaft“ geben, so die Begründung in der Patenschaftsurkunde. Hier und in Hamburg kommen seit den fünfziger Jahren die Königsberger zusammen und die Stadt findet wieder zusammen – an den Tischen, welche die Stadtteile repräsentieren oder die Schule, auf die man ging und wo man jetzt wieder über den Lehrer lästert, den man schon früher nicht mochte. Die Nachbarschaft kommt wieder zusammen und spaziert im Geiste die vertrauten Straßenzüge entlang: Ob das Haus noch steht?... Gleich um die Ecke war der Zoo!... Hier bin ich in die Lehre gegangen... Dort hat es immer so lecker gerochen... Das Versteck war eine Straße weiter... Von hier ging unser Transport... Alte Fotos setzen wieder zusammen, was schon lange nicht mehr steht, neue zeigen, was noch ist oder die Stelle, wo das Elternhaus einst stand. Die Straßen tragen jetzt andere Namen, in einer fremden Schrift, die Schilder werben in einer fremden Sprache – aber der Ort ist vertraut: es ist Königsberg – der andere Name, er kommt nur schwer über die Lippen. Er steht für eine Stadt, die jahrzehntelang unerreichbar war, sich nicht nur gegen die alten Bewohner verschloss. Als in diesem Sommer Kaliningrad sein Jubiläum feierte, war auch Königsberg wieder an seinem Platz.
Doch die Zahl jener, welche die Stadt wie sie war noch erinnern, wird weniger. Die Kinder kannten nur die Stadt im Exil und kamen nach dem Umbruch von 1991 zum ersten Mal an ihren historischen Ort und vergleichen die ererbte Erinnerung mit der Anschauung dessen, was sie in Kaliningrad vorfinden. Für einige, wie Annelies Kelch – Geschäftsführerin der Stadtgemeinschaft, ist der Besuch ihrer Geburtsstadt eine Herzensangelegenheit, das innere Bedürfnis in der Heimatstadt ‚nach dem Rechten’ zu sehen. Wie gehen jene, die heute in ihr leben mit dem, was von der deutschen Stadt geblieben ist, um? Was machen sie aus dem, wofür sie die Verantwortung übernommen haben? Erkennen sie an, dass der größte Teil der Geschichte dieser Stadt keine russische ist? Der Kneiphof, das Zentrum Königsbergs, wo sich auch heute noch Dom, Kantgrab und das wiedererrichtete Albrechtdenkmal finden, soll der bleibenden Erinnerung und Mahnung dienen, so wie es der Stadtvorsitzende der Gemeinschaft in seiner Festrede zum Ausdruck bringt: „Mit diesen Wahrzeichen auf der Kneiphof-Insel ist Königsberg dauerhaft und bleibend präsent in der anderen Stadt, die seit 60 Jahren dort entstanden ist.“ Deutlich ist auch die Distanz zum russischen Kaliningrad. Diese neue Stadt ist nicht mehr die Stadt unseres Glaubens, unseres Geistes und der abendländischen Freiheit; sie ist zu einer Stadt der Enge und der Unfreiheit, der Abhängigkeit und der Fremdbestimmung geworden.“20 Es ist das geistige Erbe der Stadt, wie es Jürgen Manthey in seinem Buch „Königsberg – Geschichte einer Weltbürgerrepublik“ zu fassen versucht21, das hier bewahrt werden soll.
Auch die russischen Behörden gehen auf Distanz zu den Königsbergern. Sie fürchten, dass die Anerkennung der deutschen Geschichte den Kaliningradern eine allzu selbstbestimmte Identität stiften könne, die mit einer – der geographischen Lage entsprechenden –Annährung an die angrenzenden Länder der Europäischen Union einhergeht. Dieses Misstrauen gegenüber den Bewohnern der russischen Exklave verhindert manchen Versuch der Annäherung und einen einvernehmlichen Umgang mit der Geschichte. So geschehen bei den Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten des 450-jährigen Bestehens der Albertina, die heute Russische Staatliche Kant-Universität heißt, im Jahre 1994. Nach anfänglicher Kooperation hatte die Universitätsleitung anders lautende Direktiven erhalten. „Das war sehr unschön – die Russen haben uns sehr unter Druck gesetzt. Ohne entsprechende Zahlungen, sollten wir z.B. Räume nicht nutzen dürfen. Wir haben sehr viel Geld in dieses Jubiläum gesteckt und die Russen haben im Grunde genommen nichts dazugetan.“22 Die Tatsache, das das Jubiläum, das die Stadt in diesem Jahr begeht auf ‚750 Jahre Kaliningrad’ lautet, bedeutet für jene, die mental noch immer in Königsberg beheimatet sind, eine Ausgrenzung und keinen Willkommensgruß an die Vertriebenen. „Politisch und für die Kaliningrader war das in Ordnung. Nur für uns alte Königsberger, wir waren ganz enttäuscht, dass die Kaliningrader an uns überhaupt nicht gedacht haben und, obwohl die Existenz der Stadtgemeinschaft bekannt ist, noch nicht mal der Stadtvorsitzende eingeladen wurde. ... Zudem hat der Vorstand gesagt, man könne nicht erwarten, dass wir uns an einer Feier von „750 Jahren Kaliningrad“ beteiligen. Erstens stimmt das nicht und zweitens geht das gegen unsere Ehre. Bei der Umdefinition zu „750 Jahre unsere Stadt“ wäre das natürlich anders gewesen, aber da war es schon zu spät.“
Gleichwohl gibt es Momente, in denen die beiden ‚Stadtteile’ zusammenfinden. Stadtmuseum und Galerie geben den Königsbergern die Möglichkeit, ihre Stadt in Ausstellungen zu zeigen, zu erklären und die Kaliningrader Philharmoniker konzertieren für die Jubiläumsfeier der Gemeinschaft im Dom. Umgekehrt verfolgen die Exilanten die Entwicklung in der Stadt und freuen sich über positive Umgestaltungen, die das Bild der Stadt beleben. Annelies Kelch sagt dazu: „Wenn man sich vor dem Nordbahnhof den alten Hansaplatz ansieht, wie er heute ausschaut im Vergleich zu fünf Jahren früher. Obwohl dadurch auch einiges altes verschwunden ist, aber ich muss schon sagen, es ist schön zu sehen, dass die Stadt farbiger wird, dass die schönen Geschäfte hier auf dem Steindamm entstanden sind. Also es ist nicht so, dass ich sage alles alte, alles deutsche muss bleiben. Die Stadt soll sich schon entwickeln.“ Aber es bleibt ihre Stadt, Kaliningrad ist den Königsbergern fremd und die Barriere, welche die Sprache aufstellt, wird nicht überwunden. So bleiben die Kontakte auf das Gedenken gerichtet, auf das was war und die Gemeinschaft bleibt im Wesentlichen unter sich. „Der Kontakt mit den Russen hapert an der Sprache und an der Zeit, den Kontakt zu pflegen. Da habe ich mit den alten Königsbergern genug zu tun.“ Und so geht mit dem Jubiläum dieses Jahres auch ein Abschnitt zuende: das seit Beginn der neunziger Jahre bestehende Verbindungsbüro der Königsberger in Kaliningrad wird seine Arbeit einstellen. Es diente nicht dazu, ein Stück weit in der alten Heimat wieder ansässig zu werden, sondern mehr der Betreuung der eigenen ‚Bürger’. Nun wird es aufgelöst, denn „die 750jahrfeier wird wohl die letzte große Feier, zu der alte Königsberger nach Königsberg kommen. Nur um den Kontakt mit der Stadt zu halten, ist das Büro zu teuer.“ So ist dieses Jubiläum eigentlich eine große Abschiedsfeier. Nicht, weil der Kreis derer, denen Königsberg ein Zuhause ist, naturgemäß kleiner wird, sondern auch, weil es zu große Mühe macht, die Stadt am Pregel zu besuchen. So wünscht man sich für die Zukunft, dass die Heimat wieder „frei“ würde. Wir fragen etwas provokativ, ob das Kaliningrader Gebiet als 17. Bundesland der Bundesrepublik Deutschland angeschlossen werden solle? „Das ist sehr schwierig“, sagt Annelies Kelch. „Natürlich würde ich mir wünschen, dass Königsberg und das Gebiet wieder frei wird. Aber – das geht politisch nicht und es geht auch wirtschaftlich nicht. Wie soll unsere Bundesrepublik, die sowieso so wenig Geld hat, hier noch – wenn es frei wird – das hier noch bewirtschaften?“ Im Traumbild verschmilzt die Vorstellung von der Zukunft mit der Erinnerung an die Vergangenheit. Die Freiheit, die sich die Vertriebenen erträumen, betrifft vor allem sie selbst – keine Grenze, kein Visum würde ihnen mehr den Weg in die Heimatstadt erschweren. „Natürlich möchten wir Königsberger, genauso wie wir nach Dresden und nach Leipzig fahren, uns morgens ins Auto setzen und nach Königsberg fahren – und das geht nicht. Es ist eine unheimliche Vorbereitung. Man kann nicht einfach wie nach München fahren. Man kann sich ins Flugzeug setzen und heute nach New York fahren, aber nach Königsberg fahren, das geht nicht - und das ist unsere Geburtsstadt.“ Aber Freiheit für Königsberg bedeutet auch Anerkennung. Dass die Liebe zur Heimat nicht mehr den Verdacht des Revanchismus erzeugen möge, dass die russische Stadtführerin mit Stolz nicht nur auf das Ehrenmal für die gefallenen Rotarmisten verweist, sondern auch auf Rossgärtner Tor und Dohnaturm. Dass alle Kaliningrader die Stadt für sich erobern, in dem Sinne, dass es nicht nur die erstürmte und neuaufgebaute sei, sondern auch die, welche verloren ging, selbstverständlich im Bewusstsein eines jeden Bewohners weiterlebe und dass dies möglicherweise auch wieder Ausdruck im Namen fände, denn was hat Kalinin mit dieser Stadt zu schaffen?
Freiheit für Königsberg bedeutet für Annelies Kelch auch, dass die Deutschen sich die Erinnerung der Vertriebenen zu eigen machen und einen wesentlichen Teil ihrer Geschichte nicht länger aus falsch verstandener politischer Korrektheit verdrängen und so ohne Not ein geistiges und kulturelles Erbe aus ihrem Gedächtnis tilgen, weil ein Gedenken an den erlittenen Verlust und das Leid der Vertriebenen den Verdacht der Aufrechnung mit den eigenen Verbrechen erwecken könnte. „Die fortschrittliche Öffentlichkeit beharrt auf ihrem Vorurteil, dass das Trauma von Vertreibung und unersetzlichem Verlust allein Sache der Vertriebenen sei – eine Grunderfahrung der Deutschen in diesem Jahrhundert der Flüchtlinge wird damit zu einem Exotikum, das man nicht weiter ernst nehmen muss.“23 Kaliningrad soll nicht nur Kaliningrad sein. Dies versucht die Königsberger Stadtgemeinschaft z.B. durch ihre Jugendarbeit, durch den Austausch Kaliningrader und Dresdner Studenten, zu vermitteln.
Kaliningrad ist keine russische Stadt wie Novgorod, sondern eine, die eine deutsche, eine preußische Stadt beerbt hat. Die Stadt am Pregel besteht aus beiden Teilen – eine gemeinsame, deutsch-russische Erinnerungsarbeit müsste sie wieder zusammensetzen. Die Königsberger, so scheint es, haben sich in diesem Sommer für weitere unbestimmte Zeit von ihrer Stadt verabschiedet und kehren an die Stadtteiltische in Duisburg zurück.


Schlussbetrachtung

Königsberg und Kaliningrad sind getrennt durch die Katastrophe von 1945, welche seit 1933 heraufbeschworen wurde. Das Feuer der Gewalt hat viel von der alten Stadt ausgelöscht, nicht nur Gebäude, sondern die frühere Bevölkerung vernichtet und vertrieben und eine Kultur, ihre Geschichte und Traditionen fortgerissen. Die neue Stadt, die am selben Ort entstand, hat – zunächst aus der Notwendigkeit heraus – verbliebenes genutzt, integriert, umgewidmet und sich zunehmend bewusst als Teil zu einem Teil des Eigenen werden lassen, das heute einen wesentlichen Bestandteil der lokalen Identität ausmacht. „Kaliningrad ist die Fortsetzung der Stadt mit anderen Mitteln.“24
Diese Arbeit vollzieht die schwierige Annäherung an die Stadt K., an die Stadt am Pregel, deren unterschiedliche Namen so verschiedene Bedeutungsebenen wiederspiegeln. Der Ort ist unverrückbar derselbe und doch betritt man, indem man ihn durchwandert verschiedene Teile, in denen jeweils andere Wahrnehmungen und Assoziationen wirken. Nicht anders verhält es sich mit den Menschen, welche sich in der Stadt aufhalten, von denen naturgemäß jeder seinen eigenen Blick auf die Stadt hat. So ist auch diese Arbeit nicht aus einem Guss, sondern eine Sammlung von Eindrücken, die versuchen, die Annäherung an die Stadt von unterschiedlichen Seiten wiederzugeben. Menschen, die in eine ihnen fremde Stadt reisen und sich von Kindheitserinnerungen leiten lassen, das Vergangene mit dem Gegenwärtigen vergleichen und sich so beide Teile der Stadt aneignen. Königsberger, die heute nach Kaliningrad kommen, sind auf der Suche nach ihren Erinnerungen, aber sie nehmen auch das Neue wahr und erkennen positive Veränderungen im Stadtbild an. Kaliningrad bleibt für die Generation der Vertriebenen immer eine fremde, eine russische Stadt, mit der sie dennoch für immer verbunden sind, weil sie Vertrautes beheimatet. Was diesen vertraut ist, war jenen, die aus Russland kamen fremd, und wurde mit einem anderen, zunächst negativ besetzten Verständnis behaftet, das desto mehr wich, je stärker das neue Land den Übersiedlern zur Heimat wurde. Den Nachgeborenen ist es ein selbstverständlicher Teil ihrer Heimatstadt – aus dem Fremden ist etwas besonderes Eigenes geworden, etwas, das mit den deutschen Besuchern der Stadt verbindet. Es sind die Menschen, die der Stadt Bedeutung verleihen: sie ist Geburtsort, Ausflugsziel, Krönungsstätte, Ruine, Ort von Vergewaltigung, Neuanfang oder Vertreibung, sozialistisches Muster, Heimat und Elternhaus, Sprungbrett nach Europa oder einfach nur Etappe auf einer Rundreise durchs Baltikum. Dies und noch viel mehr verbindet sich mit der Stadt am Pregel, der gewesenen und der gegenwärtigen. Es sind Beschreibungen desselben Ortes und doch oft schwierig miteinander in Einklang zu bringen. Doch die hier mitgeteilten Erfahrungen zeigen, dass die Bausteine der Stadt nun auch mental wieder zusammen gefügt werden können. Welches Gesicht die Stadt am Ende dieses Prozesses tragen wird ist noch nicht abzusehen.


Fußnoten

1 Der erste Bildband, durch welchen Vertriebene zum ersten Mal nach dem Kriege „Zugang“ zu ihrer Heimatstadt erhielten ist von Scharloff, Willi: „Königsberg – damals und heute. Bilder aus einer verbotenen Stadt“, Leer 1982.

2 Aus der zahlreichen Erinnerungsliteratur sind hervorzuheben:
Wieck, Michael: „Zeugnis vom Untergang Königsbergs. Ein ‚Geltungsjude’ berichtet“, Heidelberg 1996.
Deichelmann, Hans: „ Ich sah Königsberg sterben. Aus dem Tagebuch eines Arztes“, Minden 1995.

3 Solche Schicksale sind wiedergegeben bei Kibelka, Ruth: „Wolfskinder. Grenzgänger an der Memel“,
Berlin 1997.

4 Schlögel, Karl: „Promenade in Jalta und andere Städtebilder“, München/Wien 2001, S. 225.

5 Ebd., S. 227.

6 Schlögel, Karl: „Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik“, München/Wien 2003, S. 305f.

7 Vgl. Bachtin, Anatolij; Doliesen, Gerhard: „Vergessene Kulturen: Kirchen in Nord-Ostpreußen“, Ost-Akademie Lüneburg, Husum 2000.

8 Vgl. das Interview mit Iraida Ostrogradskaja vom 27.07.05.

9 Vgl. Adlung, Philipp: „Graben nach der eigenen Identität: Internationale Kooperation auf kulturellem Terrain“, in: Osteuropa 53/2003, S. 193- 200

10S. Bachtin; Doliesen: „Vergessene Kulturen“.

11 Vgl. Bachtin; Doliesen: „Vergessene Kulturen“.

12 Vgl. Adlung: „Identität“.

13 Vgl. das Interview mit Iraida Ostrogradskaja vom 27.07.05.

14 Vgl. Bachtin; Doliesen: „Vergessene Kulturen“.

15 Vgl. das Interview Jürgen Köhler vom 27.07.05.

16 S. Interview vom 26.07.2005 mit Herrn Portnjagin.

17 Vgl. Interview vom 26.07.2005 mit Herrn Portnjagin.

18 S. Springer, Gustav: „Fremdenführer durch Königsberg in Preußen“, Königsberg 1927. Zitiert nach dem Reprint 1991, S. 156.

19 S. Springer: „Königsberg“, S. 24.

20 „Königsberg (Pr) – 1255 – Der Vergangenheit – Der Zukunft“, Königsberger Bürgerbrief, hrsg. von der Stadtgemeinschaft Königsberg (Pr) in der Landsmannschaft Ostpreußen e.V., Nr.65, Aachen 2005, S. 6.

21 Jürgen Manthey: „Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik“, München/Wien 2005.

22 Diese und die folgenden, nicht anders nachgewiesenen, Zitate dieses Abschnittes sind dem Interview mit Annelies Kelch, Geschäftsführerin der Stadtgemeinschaft Königsberg, entnommen. (S. Transkript im Anhang.)

23 Schlögel: „Promenade“, S. 229.

24 Schlögel: „Promenade“, S. 224.




Abbildungen



Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


Abb. 5


Abb. 6


Abb. 7


Abb. 8


Abb. 9


Abb. 10


Abb. 11




Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien