Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Eine große Tradition ohne Kontinuität. Die jüdische Gemeinde in Breslau seit 1945

von Julia Gogol, Lutz Henke, Sebastian Hoffmann, Izabela Kazejak und Agata Sęczek

Einleitung

Breslau und seine bewegte Geschichte waren schon beinahe vergessen, als die deutsche Öffentlichkeit sie vor einiger Zeit wiederentdeckte. Die Stadt an der Oder erlebte ihre Renaissance vor allem im Zuge der hitzigen Diskussion um die Vertreibung der Deutschen und den Bau eines „Zentrum Gegen Vertreibungen“. Das heutige Wrocław wurde vom SPD-Abgeordneten Markus Meckel sogar als ein möglicher Standort des Zentrums in die öffentliche Debatte eingebracht (Vgl. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 1/2003: 3).

Das jüdische Breslau/Wrocław und seine Geschichte fanden hingegen in Deutschland bislang nur wenig öffentliches Interesse, obwohl hier einst eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens und jüdischer Kultur beheimatet war.

Der folgende Text beschäftigt sich mit dieser jüdischen Vergangenheit und Gegenwart der Stadt. Die Zusammensetzung der deutsch-polnisch-ukrainischen Autorengruppe, die sich gemeinsam mit dem Thema befasste, verdient eine gesonderte Erwähnung: Sowohl Deutsche wie auch Polen und sogar Ukrainer fanden ihre eigene Vergangenheit in der Stadt wieder. Diese Internationalität ermöglichte es, sich verschiedener kultureller Perspektiven zu bedienen und ein äußerst vielschichtiges, zum Teil überraschendes Bild zu zeichnen. Vor allem bei der Befragung von Zeitzeugen erwiesen sich die unterschiedlichen emotionalen Abstände und nationalen Hintergründe als Vorteil.

Doch nicht allein über diese gefühlsbehaftete und subjektiv geprägte Ebene der Informationserhebung wird das Mosaik des jüdischen Breslau konstruiert, die Stadt selbst diente als Informationsquelle und wurde zu einem Teil des historischen Gesamtbildes.

So wird zunächst nach Schnittstellen zwischen dem jüdischen Leben in der Stadt vor und nach dem Krieg gesucht. Es wird der Versuch unternommen, unterschiedlichste Kontinuitätslinien auszumachen, die die große Zäsur von 1945 überspannen: Gefragt wird nach möglichen Formen einer Kontinuität, seien sie nun abstrakt und im kulturellen Gedächtnis verankert oder plastisch in Form von physischen Relikten vorhanden. Der zweite Teil beschäftigt sich unmittelbar mit der Geschichte der jüdischen Gemeinde, die nach 1945 in Wrocław entstand. Dabei wird im Besonderen auf die Rolle des polnischen Antisemitismus und die Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung im März 1968 eingegangen. Weiterhin werden unter Verwendung des Ansatzes „die Stadt als Text“ ausführlich die Geschichte und die Besonderheiten der Synagoge Zum weißen Storch (Pod Białym Bocianem) dargestellt und – aus polnischer Perspektive – aktuelle Strukturen, Strömungen und Besonderheiten in der jüdischen Gemeinde der Stadt aufgegriffen. Auch hier erweist sich die polnische Perspektive als wertvolle Bereicherung.



Auf den Spuren des jüdischen Breslau im polnischen Wrocław

„Unvermeidlich stoßen wir auf Vergangenheit und Gegenwart: Sie sind untrennbar. Es gibt kein Ende der Geschichte, auch keinen Schlussstrich, keinen völlig neuen Anfang.“

Mit diesen Worten eröffnete der in Breslau geborene amerikanische Historiker Fritz Stern seine Rede, als er 1999 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen bekam (Stern 1999). Er bezog sich dabei auf die jüngste deutsche Geschichte der „Berliner Republik“, doch seine Feststellung ist weitreichender: Sie setzt eine stetige Verbindung, eine Kontinuität zwischen historischen Abschnitten als grundsätzlich voraus.

Wenn dem so ist, müsste diese historische Kontinuität selbst in der besonders tragischen jüdischen Geschichte der Stadt Wrocław zu finden sein, deren vormalige deutsche jüdische Bevölkerung mit dem Holocaust, der Zerstörung der „Festung Breslau“ und der Vertreibung der Deutschen einem dreifachen Schlag ausgesetzt war. Kann es nach einer derartig absoluten Vernichtung tatsächlich in der polnischen Stadt ein Anknüpfen an die reiche jüdische Kultur und lange Tradition des deutschen Breslau geben? Und in welcher Form könnte diese Vergangenheit in der Gegenwart weiterleben?

Der polnische Historiker und Direktor des Historischen Museum Breslau (Muzeum Historyczne Wrocław), Maciej Łagiewski, schließt diese Fortsetzung kategorisch aus. Die Geschichte der Breslauer Juden endet für ihn im Jahr 1944. Er betont den absoluten historischen „Schlussstrich“, den „völlig neuen Anfang“ als einzig denkbare Option nach 1945. Er spricht von „einer zerstörten Welt“, der völligen Vernichtung der Breslauer Juden (Vgl. Łagiewski 1996: 5f) und schließt die Einleitung seiner Monografie Breslauer Juden 1850 – 1944 mit folgender Feststellung: „Im Herbst 1944 hatte eines der größten Zentren deutscher Juden aufgehört zu existieren. In Breslau wurde eine jüdische Welt mit jahrhundertealter kultureller, wirtschaftlicher wie allgemeineuropäischer Bedeutung unwiederbringlich vernichtet“ (Łagiewski 1996: 12). Doch kann das jüdische Breslau tatsächlich ausnahmslos vernichtet worden sein? Über Jahrzehnte hinweg war es eines der wichtigsten kulturellen Zentren des deutschen Judentums und konnte auf eine jahrhundertlange Geschichte zurückblicken, die bis in das 12. Jahrhundert reicht. Die Breslauer Juden waren in der Moderne weitgehend assimiliert und fühlten sich seit ihrer Gleichstellung 1812 immer mehr als Deutsche. Die Bestrebungen der jüdischen Gemeinde, sich nicht mehr zu isolieren und abzugrenzen, zeigten sich auch in der hier besonders starken jüdischen Emanzipations- und Aufklärungsbewegung, der Haskala. Seit 1847 verfügte die Stadt über eine zweite, stetig wachsende liberale jüdische Gemeinde. Neben zahlreichen kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen waren es vor allem auch herausragende jüdische Persönlichkeiten, wie Ferdinand Lasalle oder Fritz Haber, die der Stadt ihren besonderen Nimbus verliehen.

Auch heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Wrocław. Äußerlich erinnert zunächst nichts an das einst bedeutende Zentrum jüdischen Lebens. Gerade 298 Mitglieder zählt sie noch und ist damit bereits die zweitgrößte Polens. Hier muss eine Suche nach Kontinuität beginnen, die Frage nach dem Selbstverständnis, der Tradition und einem kulturellen Erbe gestellt werden.

Die Vergangenheit kann sich in den unterschiedlichsten Formen manifestieren und Kontinuität in vielen Merkmalen festgestellt werden, doch nur selten finden wir Hinweise auf sie in der Literatur. Sie tun sich vielmehr direkt am Ort auf, wo wir in der polnischen Gegenwart der Stadt auf ihre deutsche Vergangenheit zu stoßen hoffen. Die Befragung von Zeitzeugen und das Lesen der Stadt als Text liefern uns die persönlichen Details, um das Puzzle aus individuellen Eindrücken zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Die Bruchstücke, aus denen das Mosaik des jüdischen Breslau rekonstruiert wird, sind gerade aufgrund ihres subjektiven, persönlichen und emotionalen Charakters so wertvoll, denn: „Wir leben heute im Zeichen einer Erinnerungskultur, in der die Erinnerungen Einzelner ebenso wie öffentlich ritualisierte Erinnerung einen wichtigen Platz einnehmen“ (Stern 1999).

Wenn wir in Wrocław nach Spuren der vermeintlich untergegangenen jüdischen Welt des deutschen Breslau forschen, dann suchen wir auch nach der persönliche Geschichte von Fritz Stern, der selbst Jude ist. Er ist einer von jenen deutschen Staatsbürgern, die unter dem Schatten Nazideutschlands aus Breslau fliehen mussten. Im Alter von zwölf Jahren verließ er seine Heimatstadt, um in den Vereinigten Staaten zu studieren und sich auch wissenschaftlich mit der jüdisch-deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.



Zeitzeugen und kollektives Gedächtnis

Die Suche nach dem jüdischen Breslau, wie es vor dem Krieg existierte, beginnt ebenfalls mit der Geschichte Einzelner: Eine eindeutige Kontinuität könnten persönliche Erinnerungen herstellen, die erlebte und lebendige Geschichte einzelner Breslauer Juden, die noch heute dort wohnen und so ein kollektives Gedächtnis an jene Zeit entstehen lassen.

Allein die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Wrocław nährt die Hoffnung, deutsche Juden könnten den Holocaust, die Wirren des Krieges und die Vertreibung der Deutschen überlebt haben und in der Stadt eine direkte Verbindung zum jüdischen Breslau herstellen. Auch eine vereinfachte Darstellung des Judentums als vorrangig religiöse Gemeinschaft, die losgelöst von aller ethnischen Zugehörigkeit existiert, berechtigte zu der Annahme, die Breslauer Juden könnten unabhängig von der nationalen und territorialen Zugehörigkeit der Stadt dort leben. Die drastischen Vorgänge ethnischer Homogenisierung und die neu geschaffenen Grenzen zwischen Deutschland und Polen mögen sie unberührt gelassen haben.

Doch eine solche direkte Verbindung, eine Kontinuität in persona, gibt es in Wrocław nicht. Hier behält Łagiewski Recht. Es gibt keine Zeitzeugen in der jüdischen Gemeinde, die noch das jüdische Breslau vor 1944 kannten. Selbst der 84-jährige Kantor, Dawid Ringel, eines der ältesten Gemeindemitglieder, kam erst 1945 in die Stadt - vertrieben aus der heutigen Ukraine.

Demnach kann auch kein kollektives Gedächtnis existieren, keine persönliche Erinnerung an Stadt und Gemeinde vor dem Krieg. Einige der früheren Bewohner seien zwar zu Besuch gekommen und an die Orte ihrer Kindheit zurückgekehrt, „aber geblieben ist keiner“, sagt Ewa Charęza, die junge Sekretärin der jüdischen Gemeinde. Sie betont, es bestehe Kontakt zu einigen der ehemaligen Breslauer Juden, doch wohnen wolle hier niemand mehr, sagt sie beinahe vorwurfsvoll.

Auch nicht-jüdische Zeitzeugen sind nur schwer zu finden und die von uns aufgesuchten Personen wussten nichts über das jüdische Leben vor dem Krieg zu berichten.

So haben nicht nur der Holocaust, sondern auch die Vertreibung fast aller deutscher Bürger aus der Stadt ein Überleben von Zeitzeugen am Ort fast unmöglich gemacht. Es mag Rückkehrwillige gegeben haben, doch ihnen schlug nach 1945 erneut eine antisemitische Feindseligkeit entgegen, die viele Juden veranlasste, ihren Glauben und ihre Kultur verborgen zu halten (Vgl. dazu den zweiten Teil dieser Arbeit). Als die zunehmenden Repressionen 1968 ihren Höhepunkt erreichten und viele Juden Wrocław und Polen verließen, war der Weg des Anknüpfens endgültig verbaut.



Das kulturelle Gedächtnis der jüdischen Gemeinde

Unsere Aufmerksamkeit gilt auch im zweiten Schritt weiter den Gemeindemitgliedern und ihren persönlichen Geschichten. Gerade weil sie das deutsche Breslau als Zentrum jüdischen Lebens nicht selbst erlebt haben, ist es aufschlussreich, welches Bild und welche Kenntnis sie von ihm haben. Kann man von einer Erinnerungskultur sprechen, gibt es ein Anknüpfen an die lange Tradition der jüdischen Gemeinde, kurz: Gibt es ein kulturelles Gedächtnis an das alte Breslau?

Die Gemeindemitglieder sind ebenfalls auf Informationen aus sekundären Quellen angewiesen und sehr bemüht, viel über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Breslau vor 1945 zu erfahren. Sie wollen verlorene Informationen zurückgewinnen, um sich so eine Vergangenheit zu schaffen und die fehlende Überlieferung zu ersetzen. Das Gemeindeblatt Biuletyn Informacyjny klärt zum Beispiel nicht nur über das Gemeindeleben auf, sondern enthält auch Berichte über die Geschichte der jüdischen Glaubensgemeinschaft oder der Synagoge. Es hilft bei der Bildung einer eigenen jüdischen kulturellen Identität.

Die heutige jüdische Gemeinde präsentiert sich durchaus vor dem Hintergrund ihrer großen Breslauer Vergangenheit. Natürlich kenne man diese genau, auch wenn die Inhalte ihrer Arbeit nicht an diese Zeit anknüpften, meint Ewa Charęza.

Die Gemeinde sieht sich damit zwar als Erbin, gleichzeitig aber nicht in der Tradition des untergegangenen Breslauer Judentums. Sie tut sich überhaupt schwer, eine einheitliche Linie zu finden. Wie mehrere Gemeindemitglieder beteuern, pendelt sie zwischen einer liberalen und einer orthodoxen Ausrichtung hin und her, sogar polnische Konvertiten gibt es. Es fehlt ein Rabbi, der die religiöse Führung in die Hand nehmen kann. Der derzeitige amerikanische Rabbi besucht die Gemeinde nicht öfter als zweimal im Jahr. Auch die einzige erhaltene Synagoge Zum weißen Storch, die zunächst den reformierten Juden als Bethaus diente, gehört zur Gemeinde, doch von einer Fortsetzung der liberalen Ausrichtung kann keine Rede sein. Die junge Sekretärin Charęza erläutert, man sehe die Zeichen dieser Vergangenheit noch deutlich, zum Beispiel am Aufbau des Chors, der Frauen und Männer zusammen aufnahm, doch bei dem letzten Gottesdienst in diesem Haus hätte man sich an die orthodoxe Regelung und die Trennung der Geschlechter gehalten.

Auch die herausragende jüdische Prominenz Breslaus scheint zu einem festen Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses der Gemeindemitglieder geworden zu sein: Wie selbstverständlich beantwortet Frau Petrów die Frage nach der deutschen jüdischen Gemeinde, indem sie eine Liste mit berühmten Persönlichkeiten aus dem bereitliegenden Stapel mit Informationsmaterial heraussucht und stolz ihre Namen verliest – unter ihnen Ferdinand Lasalle und die Nobelpreisträger Fritz Haber und Max Born. Sie versäumt auch nicht, die Wichtigkeit dieser historischen Fakten und jüdischen Wurzeln zu unterstreichen. Ihr besonderer Eifer mag sich darin begründen, dass ihre Familie eine jener religiös schwer zu verortenden „neuen“ jüdisch-messianischen Familien ist. Ihre Kinder lernten nun selbst viel über ihre jüdische Geschichte und Kultur und könnten ihr Wissen an den Rest der Familie weitergeben, was der kleine Sohn, der ein olivgrünes Camouflage T-Shirt mit dem Aufdruck „Israel Defense Force“ trägt, auch eifrig bestätigt.

Es besteht also durchaus ein differenziertes kulturelles Gedächtnis, auch wenn es ein direktes oder inhaltliches Anknüpfen an die Tradition der Vorkriegsgemeinde nicht gibt. Für eine Fortführung kultureller Institutionen fehlen neben der nötigen Motivation die Ressourcen. Zwar engagieren sich vor allem junge Juden, wie Ewa Charęza und Karolina Szykierska in diesem Bereich, doch auch hier fehlen Gelder und die mittlere Generation, die zu einem großen Teil Ende der sechziger Jahre Polen verließ.

Obwohl die Gemeinde der Mitgliederzahl zufolge nach Warschau die zweitgrößte in Polen ist, erfährt sie nur wenig öffentliche Beachtung und ist bei weitem nicht so gut ausgestattet wie etwa die Krakauer. Einem Vergleich mit dem dortigen jüdischen Viertel Kazimierz und seinen Einrichtungen hält Wrocław nicht stand. „Wir liegen einfach nicht auf der Route der Touristen“, heißt es. Diese besuchten vor allem Auschwitz, Warschau und Krakau. Dort hätte man auch das touristische Potential erkannt und in die jüdischen Kultur investiert, erklärt Ewa Charęza.



Die Stadt als Text

Wenden wir uns schließlich den beständigsten Zeichen in der Stadt selbst zu, all den Orten, an denen sich Vergangenheit und Kultur manifestieren. Die Stadt als Text zu lesen, heißt in Wrocław zwischen den Zeilen zu lesen, denn auf den Spuren jüdischen Lebens bewegt man sich hier fernab der ausgetretenen Pfade der Stadtführungen (Kostof 1992, 1993). Gemessen an der großen Zahl früherer jüdischer Bauten und Einrichtung sind nur wenige Spuren geblieben. Doch man findet sie, die eindeutigen Überreste und fortdauernden Spuren: Es sind die bereits erwähnte Synagoge Zum weißen Storch, deren Geschichte im dritten Teil des Textes behandelt wird und zwei der ehemals drei jüdischen Friedhöfe. Einer der beiden (Ulica Lotnicza,) gehört heute zur jüdischen Gemeinde, mit dem anderen habe die Gemeinde laut Charęza nichts mehr zu tun. Dieser wurde restauriert und ist heute ein Museum. Hier befinden sich der älteste jüdische Grabstein Breslaus und das Grab von Ferdinand Lasalle sowie Ruhestätten weiterer prominenter Breslauer Juden.

Ein alter Mann, der Führungen über den Friedhof anbietet, erklärt uns, er habe sein Hobby Geschichte zum Beruf gemacht. An das Tragen einer Kopfbedeckung scheint er nicht zu denken und er hält sich besonders lange mit Anekdoten über die schönen Töchter der verstorbenen Persönlichkeiten auf. Aber auch die Erwähnung etlicher antisemitisch motivierter Beschmutzungen und Zerstörungen ist ihm wichtig: den polnischen Antisemitismus dürfe man nicht leugnen. „Nein, auch das muss jetzt einmal gesagt werden, schließlich kommen wir in die [Europäische] Union!“ („Nie, musimy równieź to powiedzić, idziemy do Unii!“).

Der Friedhof an der Ulica Lotnicza erzählt die Geschichte des jüdischen Breslau etwas ruhiger: Unter dicken Efeu-Ranken findet man vor allem deutsche jüdische Namen, hebräische und lateinische Buchstaben. Bis 1944 wurden hier auch die Opfer des Holocaust bestattet. Die Steintafeln tragen häufig die Daten der Kriegsjahre.

So behalten beide Recht – sowohl Stern als auch Łagiewski: In der bewegten Geschichte der Stadt Breslau mag es in mancher Hinsicht absolute historische Schlussstriche gegeben haben, doch viele Spuren dieser Vergangenheit dauern fort.



Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wrocław nach dem Zweiten Weltkrieg

In der Nachkriegszeit erlebte Breslau einen beinahe vollständigen Bevölkerungsaustausch. Auch polnische Juden aus ganz Polen und aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten kamen nach Wrocław. Sie unternahmen den Versuch einer Wiederbelebung der jüdischen Gemeinde Breslaus.

Die Anpassung an die neue Wirklichkeit nach Holocaust und Krieg, und insbesondere an den neuen Wohnort Wrocław brauchte Zeit. Die zunächst fremde Stadt sollte zu einem neuen Zuhause werden. Auf den ersten Blick schien diese Möglichkeit durchaus zu existieren, doch je genauer wir die polnisch-jüdischen Beziehungen der Nachkriegszeit analysieren, desto unwahrscheinlicher erscheint sie. Nach dem Krieg lebten Polen und Juden bereits 23 Jahre unter dem sozialistischen Regime zusammen, als die Konflikte im März 1968 eskalierten.

Diese Zeit ist von Emigrationswellen gekennzeichnet, da viele Juden Wrocław nur als eine Station auf dem Weg nach Israel und in die USA betrachteten. Was aber hat dazu beigetragen, dass heute nur noch 298 Juden der städtischen Gemeinde angehören? War es politisches Kalkül oder waren es die alten, tief in der polnischen Gesellschaft verwurzelten Stereotype, die ein Hindernis auf dem Weg zur Koexistenz waren? Oder war es die Erinnerung an die Schrecken des Holocaust, der auf polnischem Boden stattgefunden hatte? Insgesamt haben sich nach 1945 mehr als 50 Prozent der geretteten polnischen Juden entschieden, in Niederschlesien anzusiedeln (Vgl.Waszkiewicz 1999: 191). Die Stadt Wrocław stellte den Neuansiedlern Wohnmöglichkeiten zur Verfügung, indem ihnen ehemals deutsche Wohnungen übergeben wurden. In vielen polnischen Städten hingegen war die Situation umgekehrt: Die überlebenden Juden konnten nicht in ihre Häuser zurückkehren, da sich dort während des Krieges Polen angesiedelt hatten. Alina Cała und Halina Danter- Śpiewak schätzen in ihrer Publikation über die Nachkriegssituation der Juden in Polen, dass über tausend polnische Juden in Pogromen und aus nationalistischen Motiven ermordet wurden, wobei 600 Todesfälle dokumentiert sind(Vgl. Cała/Danter-Śpiewak 1997: 15; weitere Informationen: Adelson, 1993: 393; Kersten 1992). Doch es herrschte auch eine allgemeine Angst vor der Rückkehr der Deutschen nach Wrocław. Eine ältere Dame, Wera Gutsztyn, erzählt uns, wie sie die ersten Nächte in Wrocław verbrachte: Ihre Familie hatte Angst, dass nachts die Deutschen zurückkämen, da sie nach dem Verlassen der Wohnung, die ihrer Familie zugeteilt wurde, die Schlüssel mitgenommen hatten. Ein Herr namens Albert, der seinen vollen Namen nicht nennen will, erzählt uns, warum er für den Neuanfang Wrocław gewählt hat. „Wissen Sie, wie viele Juden den Krieg in Białystok [dort wohnte er vor dem Krieg] überlebt haben? Zwei oder drei. Was sollte ich denn da machen” („Wie Pani ilu Żydów przeżyło wojnę w Białymstoku? Dwóch albo trzech. Co miałem tam robić?“)?

Wrocław bot Juden die Möglichkeit, einen Neubeginn zu wagen. Es entstanden jüdische Handwerksgenossenschaften, politische Parteien und Schulen. Das jüdische Leben entwickelte sich mit der Unterstützung des Staates und des amerikanischen Hilfskomitees Joint sehr schnell. Die Politik der Regierung garantierte der jüdischen Minderheit einen sozialen Ausgleich mit dem Rest der polnischen Bevölkerung und die Rückgabe des jüdischen Sakralvermögens. Der Systemwandel im Nachkriegspolen hatte zur Folge, dass den Juden eine andere Position in der Wirtschaft angeboten wurde. Die polnische Regierung erfand einen Juden neuer Art. Im April 1948 fand das erste Treffen jüdischer Arbeiter-Bestarbeiter (przodownik pracy) in Wrocław statt (Pierwszy Zlot Żydowskich Robotników Przodowników Pracy) (Vgl. Szaynok 2000:112). Die aktive Teilnahme der jüdischen Grubenarbeiter oder Hüttenwerker an der Umgestaltung des Staates sollte eine Alternative und ein Gegengewicht zur zionistischen Bewegung darstellen (Vgl. Pisarski 1997: 56).

Wie unsere Untersuchungen zeigen, hat sich unter den Ansiedlern jüdischer Herkunft trotz der relativ günstigen Ausgangslage kein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu der Region entwickelt. Natürlich wären weitere Gespräche mit Juden, die sich für den Emigrationsweg entschieden haben, aufschlussreich. Vergleicht man die Bevölkerungszahlen der Juden in Niederschlesien nach dem Krieg mit denen von heute, so ergibt sich folgendes Bild: nach den Repatriierungsaktionen im Juli 1946 lebten 16.057, nach den Emigrationswellen im Februar 1947 immer noch 13.800 Bürger jüdischer Abstammung in Wrocław (Vgl. Szaynok 2000: 51, 103). Mit der Zeit vekleinerte sich die Gemeinde der Stadt, insbesondere nach der Aufhebung autonomer jüdischer Institutionen Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre und nach der antisemitischen Kampagne von 1968, so dass sie heute nur noch 298 Mitglieder zählt. An dieser Stelle muss hervorgehoben werden, dass die genaue Zahl der Juden in Breslau unbekannt bleibt, da niemand verpflichtet ist, der Gemeinde anzugehören. Wahrscheinlich gibt es noch weitere Bürger jüdischer Abstammung, die entweder nicht von ihrer Herkunft wissen oder sich trotz des Wissens nicht am Gemeindeleben beteiligen wollen.

Die Gründe für die Emigration während der Nachkriegszeit waren mit drei wichtigen Faktoren verbunden. Zuerst mit der Angst, die besonders nach dem Pogrom von Kielce in Polen herrschte. Der Mord an den Juden in Kielce von 1946 wurde durch Gerüchte hervorgerufen, die besagten, jüdische Repatrianten hätten ein christliches Kind getötet, um dessen Blut für religiöse Zwecke zu nutzen. Insgesamt kamen damals 42 Personen ums Leben und weitere 40 wurden schwer verletzt (Vgl. Cała/Danter-Śpiewak 1997: 18f).Im Zusammenhang mit der Emigration stand auch das persönliche Bedürfnis nach einem Zusammenleben mit Verwandten sowie die politische Lage der Juden in Polen. Anfang der 1960er Jahre wohnten in Wrocław nur noch 1.200 Juden (Vgl. Waszkiewicz 1999: 38). Ihre Lage verschlechterte sich besonders nach den Märzereignissen von 1968, als sie erneut Diskriminierungen und Repressionen ausgesetzt waren.

Diese Ereignisse begannen zunächst mit Studentenprotesten, die der nationalistische Flügel der PZPR unter Moczar für sich ausnutzte. Zur Ablenkung von der politischen und wirtschaftlichen Krise wurden einmal mehr die Juden zum Sündenbock gemacht. Die auf diese Art und Weise entwickelte „antizionistische Kampagne“ hatte zur Folge, dass Staatsangestellte jüdischer Abstammung ihre Arbeitsplätze verloren und Studenten jüdischer Herkunft aus den Breslauer Hochschulen exmatrikuliert wurden. (Vgl. Stola 2000) Diese Maßnahmen sollten die Juden dazu zwingen, die Volksrepublik zu verlassen. Auch diejenigen, die nach dem Krieg unter polnischen Namen lebten und am religiösen Leben der Gemeinde nicht teilnahmen, blieben von den Schikanen nicht verschont. Albert erzählte uns von der Situation 1968 in Wrocław, als Recherchen in den Archiven durchgeführt wurden: Es seien Dokumente gefunden worden, die dem staatlichen Sicherheitsapparat die Möglichkeit gaben, auch diese Gruppe aus Polen zu vertreiben. Die von uns befragten Personen erlebten das Jahr 1968 jedoch fast konfliktlos. Sowohl die beiden älteren Männer als auch Wera Gutsztyn betonten, dass sie in diesem Jahr keine Schwierigkeiten gehabt hätten, die mit ihrer beruflichen Tätigkeit verbunden waren. Albert vermutet, dass es der Regierung nicht zuträglich gewesen wäre, hätte er damals Polen verlassen. Wera Gutsztyn berichtet von einem Vorfall, der sich im Jahre 1968 zutrug, höchstwahrscheinlich aufgrund antijüdischer Propaganda. Sie wurde von einem Nachbarn belästigt, der sagte: „Wie viele Juden gibt es noch hier? Wenn ihr nicht weggeht, machen wir das zweite Kielce hier“ („ Ilu was tu jeszcze jest? Jeśli nie wyjedziecie zrobimy tutaj drugie Kielce“).Die Mehrheit der niederschlesischen Juden hat nach den Ereignissen Polen verlassen. Auch das jüdische Theater und die Synagoge in Wrocław wurden aufgrund der antizionistischen Kampagne von 1968 geschlossen.

Nach Krystyna Kersten blieben vor allem diejenigen Juden in Polen, die sich immer weniger mit ihrer jüdischen Herkunft identifizierten (Vgl. Kersten 1969: 3). In den ersten Nachkriegsjahren änderten viele Juden ihre Namen (das heißt, sie wurden polonisiert) und trennten sich von ihren jüdischen Wurzeln aus emotionalen Gründen. Ewa Charęza erwähnt auch, dass viele Juden ihren Kindern und Enkelkindern das erfahrene Leid ersparen wollten und sie deshalb nicht in der jüdischen Tradition erzogen. Doch nicht alle sind diesem Schema gefolgt. Es gab auch Juden, die sich sowohl ihrer jüdischen als auch der polnischen Herkunft bewusst waren und deshalb Polen nach dem Krieg nicht verlassen wollten. Diese These bestätigte sich im Laufe unserer Forschungsarbeit. Auf die Frage, warum er in Polen geblieben sei, antwortet Albert wie folgt: „Ich bin, wie sagt man das, in Polen geboren und ich bin ein richtiger polnischer Bürger, von Anfang an bis zum Ende“ („Urodziłem się, jak to się mówi w Polsce i jestem pełnym obywatelem polskim od początku do końca“).

Sowohl die Vernichtung des jüdischen Lebens während des Krieges als auch die Politik der Volksrepublik Polen, die eigentlich nur in der ersten Periode der Nachkriegszeit das Judentum unterstütze, haben dazu beigetragen, dass der Wiederaufbau des blühenden jüdischen Lebens nicht gelungen ist. Die Frage muss offen bleiben, ob die Juden in Nachkriegspolen eine reale Chance auf den Wiederaufbau ihres religiösen und kulturellen Lebens gehabt hätten, wäre es nicht zu den Märzereignissen gekommen. Es muss hervorgehoben werden, dass sich im Leben aller Polen keine Möglichkeit zur freien Entwicklung bot. Zugelassen war hingegen die Soziokulturelle Gesellschaft der Juden (Towarzystwo Społeczno-Kulturalne Żydów w Polsce), die aber stark von der Partei beeinflusst wurde. „Ihr könnt mit ihnen reden [mit den Mitgliedern der Soziokulturellen Gesellschaft], aber da schäumt es vor Kommunismus“ („Możecie z nimi rozmawiać, ale tam aż kipi ze ścian komunizmem“), sagt eine Mitarbeiterin der Gemeinde. Inwieweit sich diese Gruppe der Juden mit der Politik der Volksrepublik identifizierte, lässt sich am folgenden Beispiel ablesen: Nach dem Ausbruch des Sechs-Tage-Krieges haben die Mitglieder der Soziokulturellen Gesellschaft offiziell den israelischen Staat für den Angriff verurteilt. Es muss jedoch betont werden, dass das Ministerium für Innere Angelegenheiten (Ministerstwo Spraw Wewnętrznych), dem diese Institution untergeordnet war, diese Erklärung der Gesellschaft forciert hat (Vgl. Bronsztejn, 1993: 22). Heute gehören der Gesellschaft keine jungen Menschen mehr an, da sie in erster Linie mit dem Kommunismus assoziiert wird.

Die Frage, ob die Juden in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg nur aus politischen Gründen den Staat verlassen mussten, lässt sich nicht leicht beantworten. Es würden nämlich auch Faktoren wie Erfahrungen und Erinnerungen in Betracht kommen, die einen Teil der Identität und des Zugehörigkeitsgefühls eines Volkes bilden. So entschieden sich viele Juden, in Israel anzusiedeln. Laut einer Mitarbeiterin der jüdischen Gemeinde in Wrocław wurde Polen seit dem Krieg und wird noch bis heute mit einem riesigen Friedhof assoziiert.

Es muss auch hervorgehoben werden, dass der Zweite Weltkrieg das Empfinden der nationalen Identität verstärkte, das heißt die Verfolgung trug dazu bei, dass das Zugehörigkeitsgefühl zur Nation viel stärker empfunden wurde als vor dem Krieg. Dieses Gefühl entstand vor allem aufgrund der Politik der Besatzungsmächte, für die die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation ein entscheidender Faktor dafür war, an wem ein Mord verübt wurde und wer eine Chance auf Leben hatte (Vgl. Kersten 1993: 11). Dies läßt auch vermuten, dass es viele Juden vorzogen, zusammen mit Juden aus anderen Teilen Europas eine neue Heimat im Rahmen des Staates Israel aufzubauen.

Eine wichtige Rolle in der Geschichte der polnischen Juden spielten auch die Assimilationsprozesse. Unsere Nachfragen bei der jungen Generation der Breslauer Juden zeigten, dass beinahe in jeder Familie entweder Mutter oder Vater katholisch sind. In fast allen Fällen war die jüdische Tradition von den Großeltern auf die Enkelkinder übergegangen, weil die Generation der Väter und Mütter sich nur ungern mit der jüdischen Kultur und Tradition identifizierte. Die heutige Altersstruktur der Gemeinde setzt sich wie folgt zusammen: Ungefähr 75 Prozent der Mitglieder sind im Rentenalter und ca. 25 Prozent sind jünger als 30 Jahre. Es entstand also eine Generationslücke, da die Eltern der heute 20- bis 30-jährigen Juden nicht am religiösen Leben der Gemeinde teilnahmen.

Interessant wäre auch die Frage, ob der jüdischen Gemeinde Breslaus heute noch weniger Juden angehören würden, wenn die Volksrepublik Polen Ausreisen nach Westeuropa nicht verboten hätte. Frau Gutsztyn zum Beispiel, wollte Anfang der 1970er Jahre Polen verlassen, erhielt jedoch drei Mal einen unbegründeten Ablehnungbescheid. Ihres Wissens nach hatten andere Breslauer Juden ähnliche Probleme.

Die heute geringe Zahl der aktiven Mitglieder jüdischer Gemeinden in Polen ist auch das Resultat der Politik und zentral gesteuerten Propaganda der Volksrepublik Polen und des im Bewusstsein der Polen fest verankerten Mythos des Judeo-Kommunismus sein, der in den 1920-er Jahren entstand. Es ist weiterhin anzunehmen, dass in der älteren Generation der Polen immer noch der starke Einfluss der Vorkriegspolitik der polnischen nationaldemokratischen Partei (Endecja) lebendig ist. Diese propagierte die Idee der Vorherrschaft des polnischen Volkes und des Antisemitismus. Diese These bestätigt die Äußerung von Wera Gutsztyn, die das folgende Ereignis erwähnt: Vor ein paar Wochen hätte sie in Wrocław von einem älteren Mann das Folgende gehört: „Holocaust das war zu wenig. Schade, dass ihr alle nicht umgebracht worden seid“ („Holocaust to za mało. Szkoda, że was wszystkich nie wymordowali“).Trotzdem: sowohl Albert als auch Wera Gutsztyn heben hervor, dass dies nur Einzellfälle sind. Beide sind fest davon überzeugt, dass die junge Generation der Breslauer und allgemein der Polen keine Resentiments gegenüber Juden hat. Sie hätten bereits eine ganz andere Vorstellung von Juden, als noch die Generation ihrer Großmütter und Großväter.



Die Synagoge Zum weißen Storch als Identitätsträger der Jüdischen Gemeinde in Wrocław

Die Synagoge Zum weißen Storch (Abb. 9) spiegelt die Geschichte der jüdischen Gemeinde Breslaus nach dem zweiten Weltkrieg in besonderer Weise wider: Sie ist eines der wenigen jüdischen Gotteshäuser, das der Auslöschung allen jüdischen Lebens in Europa durch die Nationalsozialisten entgangen ist. Die eigentliche Krise ihrer Existenz konnte allerdings erst in den letzten Jahren des hinter uns liegenden Jahrhunderts durch das Engagement einiger weniger überwunden werden. Die Synagoge Zum weißen Storch ist heute Eigentum der jüdischen Gemeinde in Wrocław, allerdings hat sie seit ihrer Erbauung im 19. Jahrhundert eine unvergleichlich wechselhafte Geschichte erlebt.

Im 19. Jahrhundert war Breslau bereits reich an jüdischen Gebetshäusern. Es handelte sich dabei meist um recht bescheidene Gebäude und Wohnhäuser. Man unterscheidet zwischen privaten Bethäusern, die meist wohlhabenden und einflussreichen Familien gehörten und landsmannschaftlichen Bethäusern, die von Juden einer Stadt oder einer Region besucht wurden. Diese Häuser waren oft nur Räume, die als Gebetsorte angemietet wurden (Vgl. Łagiewski 1996: 31).

Durch die Aktivitäten einer verhältnismäßig großen und wohlhabenden Gruppe liberaler Juden, die sich in der Gesellschaft der Brüder in Breslau versammelten, wurde die Stadt um ein weiteres Gotteshaus reicher, das den Namen eines an der Stelle seiner Errichtung zuvor befindlichen Gasthauses übernahm: Die Synagoge Zum weißen Storch. In dieser Synagoge wurde, in Zusammenhang mit der jüdischen Aufklärungsbewegung Haskala, einer der ersten reformierten Gottesdienste im deutschsprachigen Raum abgehalten.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts genügten die vorhandenen Gebetshäuser den Ansprüchen der jüdischen Breslauer vollkommen. Jedoch erforderte das neue religiöse und politische Bewusstsein, das aus der allmählichen Anerkennung der Juden als Bürger mit allen dazugehörigen Rechten durch den preußischen Staat resultierte, ein Gebetshaus, dass nicht nur Platz für alle Gläubigen bot, sondern darüber hinaus die Gemeinde würdig repräsentierte. Mit der Durchführung des Neubaus wurde der bereits bekannte Architekt Karl Ferdinand Langhans beauftragt, der sich bei der Planung der Synagoge an der Gestalt der schlesisch-preußischen evangelischen Sakralbauten des 18. Jahrhunderts orientierte. Bei der Gestaltung des Innenausbaus knüpfte er an die Grundkonzeption liberaler Synagogen an, bei der sich unter anderem das Lesepult vor dem Toraschrein befindet. Auch saßen in Langhans’ Gebäude Frauen und Männer nicht mehr getrennt voneinander und eine Orgel unterstützte den Gottesdienst. Am 10. April 1829 fand der erste seiner Art in der neu entstandenen Synagoge statt, wie Charęza berichtet.

Im Jahre 1872 erhielt Breslau eine weitere Synagoge, welche die bereits etablierte in Größe und Ausstattung übertreffen sollte. Die Neue Synagoge wurde nach den Plänen Edwin Opplers erbaut und gehörte, neben der Berlins, zu den größten und schönsten Synagogen des Deutschen Reiches. In der Reichspogromnacht vom 8. zum 9. November 1938 brannte das angesteckte Gotteshaus vollkommen aus und wurde kurze Zeit später abgerissen. Die alte Synagoge entging den Pogromen vermutlich allein deswegen, da ein Brand die anliegenden Häuser – auch heute liegt die Synagoge von Wohnhäusern eingerahmt – gefährdet hätte. Von nun an diente sie notgedrungen sowohl orthodoxen, als auch liberalen Juden als gemeinsames Gebetshaus, wobei orthodoxe und reformierte Gottesdienste zeitlich getrennt stattfanden.

Im Verlauf des Krieges nahm das Schicksal des verschonten Gotteshauses eine tragische Wende. Es wurde zum traurigen Zeugen der Verfolgung und Vernichtung der deutschen Juden, als es zeitweise als Sammelplatz Breslauer Juden vor dem Transport in die Arbeits- und Vernichtungslager diente und das Gebäude selbst zum Lager für die Hinterlassenschaften der Verschleppten umfunktioniert wurde.



Neubeginn im Jahr 1945

1945 nahm die Synagoge ihren Betrieb als Gotteshaus wieder auf, die Teilnehmer der Gottesdienste stammten nun allerdings aus den verschiedensten Teilen Polens. Vom ursprünglichen Glanz der Synagoge war kaum etwas geblieben, das Inventar war in den Kriegsjahren entwendet und meist verheizt worden. Bis zum Ende der 1960er Jahre diente die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Wrocław als Raum für Gottesdienste. Die Ereignisse des Jahres 1968, die durch die polnische Regierung eingeleitete antisemitische Kampagne, hatte wie für viele Bevölkerungsgruppen jüdischer Herkunft auch auf die Gemeinde der Stadt verheerende Auswirkungen (Vgl. dazu Kosmala 2000; Stola 2000). Die Gemeinde schrumpfte gewaltig. Die Vertriebenen zog es meist in die Vereinigten Staaten oder nach Israel. Die Zurückgebliebenen litten zwar, wie zumindest unsere Gesprächspartner versicherten, nicht unter direkten beruflichen Benachteiligungen, sie waren allerdings in ihrer religiösen Ausübung eingeschränkt (Vgl. Interviews: Traller und Petrów).

Enteignung und „Eigentümer-Roulette“

Besonders drastisch wurde dieser Umstand, als die Synagoge Zum weißen Storch im Jahre 1974 geschlossen wurde, die Behörden buchstäblich die Schlösser austauschten und ins Grundbuch als Eigentümer den Staat eintrugen. Die Enteignung kann zweifelsfrei als Folge der „antisemitistischen Treibjagd“ verstanden werden, da es in der Zeit nach 1968 nicht selten zu angeordneten Nutzungsvorschriften oder Enteignungen jüdischen Eigentums in Polen kam. Begründet wurde die Enteignung der Breslauer Synagoge mit ihrer Deklaration als (von den Deutschen) „hinterlassenes Vermögen“ („majatek opuszczony“) (Biuletyn Informacyjny Gminy Wyznaniowej Żydowskiej we Wrocławiu 7/99: 2).

Im Jahr der Enteignung wurde das Gebäude formell der Breslauer Universität übertragen, die zwei Jahre später einen Nutzungsplan als Bibliothek mit angeschlossenem Lesesaal und Cafeteria vorlegte. Die beginnenden Baumaßnahmen zur Umsetzung des Planes wurden nach wenigen Monaten auf Grund fehlender finanzieller Mittel eingestellt und hinterließen starke Schäden am Gebäude. Unter anderem war der Fußboden komplett entfernt worden. Fragmente des Toraschreins konnten dank des Interesses des Architekturmuseums vor der Zerstörung gerettet werden.

Ein weiteres Mal wechselte die Synagoge 1984 den Eigentümer. Das Zentrum für Kultur und Kunst in Wrocław nutzte den Bau fortan als Raum für künstlerische Darbietungen. Nach zwei Bränden und fünf Jahre später wurde das Gebäude an die Musikakademie übertragen. Sie erhielt vom Ministerium für Kultur und Kunst Finanzmittel, um die Synagoge in einen Konzertsaal umzubauen. Diese Gelder reichten allerdings nur zur Reparatur des Daches, ja nicht einmal dazu: Die Arbeit endete mit der Abdeckung des Daches und der Reparatur eines Teils des Dachstuhls. Die Folgen des Baustopps in diesem Zustand waren verheerend. Das Gebäude war in den folgenden Jahren ohne Dach und Fußboden im Mittelschiff den Umwelteinflüssen ausgeliefert. Die Gemäuer nahmen Feuchtigkeit auf, Putz und Stuck bröckelten. Lediglich ein aufgestellter Zaun schützte Passanten vor herabfallenden Teilen.

Der politische Wandel Ende der 1980er Jahre verbesserte die rechtliche Situation der Synagoge nicht. Sie wurde sogar noch aussichtsloser, da der Rektor der Musikakademie, Marek Dyżewski, das Gebäude an den Miteigentümer der Firma Kampol – Jacek Lesiczka, also eine Privatperson, verkaufte. Die Mitglieder der Gemeinde schauten weiterhin verzweifelt und hilflos auf den zerfallenden Bau.



Zurückerhalt mit „kardinaler“ Unterstützung

Im Jahre 1993 besuchte Eric Bowes, ein vor dem Krieg in Breslau und heute in den Vereinigten Staaten lebender Jude die Stadt und ermutigte bei einem Treffen die Gemeindemitglieder, nicht aufzugeben und alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Synagoge zurückzuerhalten und wiederaufzubauen. Es stellte sich heraus, dass ein Vorfahre Bowes einer der Gründer der Synagoge gewesen war und er selbst 1933 in ihr die Bar Mizwa empfing.

Nach einigen Monaten des Kampfes um den Zurückerhalt und die Kosten der Restaurierung erhielt die jüdische Gemeinde in Wrocław schließlich einen Zuschuss zur Wiederherstellung des Daches durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit. Leider waren die Eigentumsrechte zu dieser Zeit noch ungeklärt. Die Vertreter der jüdischen Gemeinde Jerzy Kichler und Anatol Kaszen organisierten daraufhin zahlreiche Treffen mit dem formellen Eigentümer der Synagoge, Herrn Jacek Lesiczka, in Anwesenheit der verantwortlichen Stadtbeamten und baten ihn, das Haus den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben. Dieser veranschlagte jedoch eine weit übertriebene Summe für die Herausgabe des Gebäudes und zeigte kein Entgegenkommen, wie Ewa Charęza betont. Als weitaus fruchtbarer erwies sich ein Treffen mit dem Erzbischof der Kirchenprovinz Wrocław, Kardinal Henryk Gulbinowicz, der die jüdische Gemeinde in ihrem Anliegen wirksam zu unterstützen wusste. Er erreichte schließlich, dass das Ministerium für Kultur den Eigentümer Jacek Lesiczka ausbezahlte und dieser die Synagoge an die jüdische Gemeinde übergab (Vgl. Biuletyn Informacyjny Gminy Wyznaniowej Żydowskiej we Wrocławiu 7/99: 3).



Neubelebung

Am 24. September 1995 fand in der Synagoge Zum weißen Storch erstmals nach mehr als 30 Jahren ein Gottesdienst zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana statt, an dem nahezu 400 Gläubige teilnahmen. Auch hatte zu diesem Anlass der Chor der Synagoge unter Leitung von Stanisław Rybarczyk seinen ersten öffentlichen Auftritt. Ein Jahr später erhielt die jüdische Gemeinde schließlich ihr vollständiges Eigentumsrecht an der Synagoge zurück. Schon im Mai 1996 begann man mit der ersten Etappe der Renovierungsarbeiten, der Rekonstruktion des Daches. So konnte bereits im Juli des Jahres mit der zweiten Etappe, dem Erstellen eines detaillierten Renovierungsplanes anhand von historischen Aufzeichnungen und der Zuordnung noch vorhandener Gebäudereste, fortgefahren werden. Die dritte Etappe der Restaurierung schloss sich 1998 an und beinhaltete grundlegende Gebäudesicherungs- und Wiederaufbauarbeiten, wie die Ausbesserung des Gemäuers, das Wiederherstellen der Treppenaufgänge, die Rekonstruktion der Fensterrahmen und Decken im Mittelschiff sowie der Installation einer Heizung in diesem und in den Vorräumen. Zumindest ein Teil des Gebäudes konnte nun zum Abhalten von Gottesdiensten genutzt.

1998 fand anlässlich des 60-jährigen Gedenktages an die Reichspogromnacht in der Synagoge Zum weißen Storch ein feierlicher Gottesdienst zur Erinnerung an die Opfer der Vorgänge von 1938 statt. Dieser Gottesdienst krönte die bisherigen Anstrengungen der Zurückerlangung und Rettung der Breslauer Synagoge (Vgl. Interview: Charęza).



Das Dach über der Gemeinde

Die Synagoge Zum weißen Storch wird mit ihrer allmählichen Fertigstellung wieder zum Zentrum des jüdischen Lebens in Wrocław und fügt sich in die bisherige Gemeindestruktur, bestehend aus der jüdischen Grundschule Lauder Etz-Chaim, der Kantine mit einer koscheren Küche und der Gemeindeverwaltung, dem kleinen Gebetshaus und dem Jugendzentrum der Lauder-Stiftung an der Ulica Włodkowica ein.

Die Synagoge wird der Gemeinde nicht nur die Möglichkeit geben, unter angemessenen Bedingungen einen Gottesdienst zu führen, sondern sie kann sich auch durch Kulturveranstaltungen besser nach außen hin präsentieren. Trotz dieses äußeren Erfolges droht die jüdische Gemeinde in Wrocław mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren. Sie kann aufgrund der wenigen Reste der einstmals großen jüdischen Kultur im Vergleich mit Gemeinden in Städten wie Warschau oder Krakau, die den jüdischen Teil der Stadtkultur weitaus besser touristisch nutzen, nur schwer mithalten. Die Renovierung der Synagoge Zum weißen Storch kann ein Vergessen der Juden in Wrocław verhindern und verleiht dem Selbstbewusstsein der Gemeinde neuen Aufschwung. Die verhältnismäßig große Zahl an jungen Menschen, die erneut zur Gemeinde finden, ist Beweis dafür, dass jüdisches Leben in der Stadt nicht nur in den Erinnerungen an das Vergangene existiert. So wird die Synagoge Zum weißen Storch nicht als ein Museum sondern als Gebets- und Veranstaltungshaus einer lebendigen Gemeinde wiederaufgebaut (Abb. 10).



Die jüdische Gemeinde in Wrocław heute

Die heutige Mitgliederstruktur der seit Jahrhunderten existierenden Gemeinde der Gläubigen Juden (Gmina Wyznaniowa Żydowska) in Breslau ist das Produkt der einschneidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts, des Zweiten Weltkriegs, der Politik des kommunistischen Polens und der Zeit nach der politischen Wende am Ende der 1980er Jahre. So bestimmen heute ältere Mitglieder das Bild der Gemeinde. Diese kamen 1945 nach Wrocław und behaupteten ihre eigene religiöse Zugehörigkeit. Einen weiteren Teil der ca. 300 Personen starken Gemeinschaft, bilden junge Menschen um die 20 Jahre, die der Gemeinde seit Anfang der 1990er Jahre angehören.

Das Jahr 1989, in dem das kommunistische System in Polen zusammenbrach, führte auch zu einer Wende in der jüdische Gemeinde in Wrocław. Vor allem gelang es ihr, als Gemeinde des mosaischen Bekenntnisses ihren Status als Konfessionsbund wiederzuerlangen. Die offizielle Anerkennung und die Betonung ihrer religiösen Funktion leisteten einen Bewusstseinsschub unter den in Wrocław lebenden Juden. Seitdem wird erstmals öffentlich von einer jüdischen Tradition der Stadt gesprochen und der Blick auf das jüdische Leben im Breslau der Vorkriegszeit gerichtet. Die Synagoge und die anderen öffentlichen Häuser, die sich bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in der Ulica Włodkowica befanden, erlangten den formellen Rang einer Kultstätte zurück.

Auch Außenstehende erkannten plötzlich, dass es in Wrocław einen Ort gibt, an dem jeder, der sich für Judaismus interessiert, herzlich willkommen ist. Zunehmend entdeckten viele Bewohner, dass auch sie über jüdische Wurzeln verfügen (was insofern schwierig war, als die Vorfahren nicht selten aus Gebieten einige hundert Kilometer östlich stammten). Mit dem politischen Mentalitätswandel wurde bei Bürgern, die bis dahin ihre jüdische Identität verschwiegen hatten, das Bedürfnis geweckt, sich nun offen zum Glauben und der Traditionsverbundenheit zu bekennen. Dieser Prozess wurde durch die Rückübertragung der Synagoge an die Gemeinde noch verstärkt. Da sie sich zu dieser Zeit in ruinösem Zustand befand gehört seither der Kampf um finanzielle Zuwendungen für eine Restaurierung des Gebäudes zu den Hauptaufgaben der Gemeinde.

Das Erscheinungsbild der Synagoge im Stadtraum eröffnete die Diskussion um ein multikonfessionelles Wrocław und war zugleich eine Anregung für junge Leute, die damals begannen, ihre Familiengeschichte und -tradition zu erforschen. Ewa Charęza betont, dass heute die jüngsten Mitglieder der Gemeinde zumindest einen jüdischen Vorfahren in der Generation ihrer Großeltern haben. Die jungen Mitglieder, die erst im Alter von 20 bis 30 Jahren erfuhren, dass sie Juden sind, entwickelten fortan reges Interesse für ihr jüdisch-kulturelles Erbe. Man müsse ihnen allerdings von Grund auf sowohl die Regeln der jüdischen Religion als auch der Kultur erklären. Gewisse Funktionen im religiösen Leben der Gemeinde könnten auch von Laien übernommen werden, wie Dawid Ringel erklärt.

Von Beginn an fehlte es der Gemeinde an einem fest angestellten Rabbiner. Als sich der Ruf nach Bildung durch den Nachwuchs verschärfte, gelang es mit Hilfe der Lauder-Stiftung gegen Ende der 1990er Jahre, einen durch einen Rabbi geleiteten religiösen Kurs anzubieten. Ein erfolgreicher Abschluss wurde mit einer offiziellen Mitgliedschaft in der Gemeinde belohnt. Die Mehrheit der Teilnehmer war getauft und im Geiste des Katholizismus erzogen worden. Deshalb stellte der Kurs eine Möglichkeit her, zum Judentum zu konvertieren.

Die Konversion ist auch heutzutage ein kontroverses Thema, kompliziert sowohl wegen des Schicksals vieler polnisch-jüdischer Familien in der Vergangenheit als auch wegen der Fülle von vertretenen Meinungen der Juden selbst.

Zu einem ständig wachsenden Problem der Gemeinde wird das Fehlen einer kohärenten und komplexen Idee ihrer gegenwärtigen Funktion. Der Rabbiner, der die geistige Führung der Gemeinde übernehmen sollte, wohnt in den Vereinigen Staaten. In Wrocław erscheint er nur zwei Mal pro Jahr. Der Gemeinde fehlt das Geld für öftere und längere Aufenthalte des Rabbiners. Zudem vertritt dieser Rabbi das liberale Judentum, während die Gemeindemitglieder (sowohl die älteren als auch die jüngeren) orthodox zu beten und zu leben versuchen. Dies führt dazu, dass sich die Gemeinde, wenn der Rabbiner in Polen ist, laut seiner Lehre liberal benimmt. Die Zeit ohne den Rabbiner ist jedoch durch das Leben gemäß den orthodoxen Regeln gekennzeichnet.

Die Verwaltung der Gemeinde wurde 1999 umgestaltet. Seit mehr als fünf Jahren fehlt es der Gemeinde an einem konkreten Perspektivplan. In einer Ausgabe des Informationsblatts Biuletyn Informacyjny der Gemeinde aus dem Jahre 1999 werden zahlreiche Pläne vorgestellt, von denen bis heute keiner verwirklicht wurde.

Als Hauptproblem wird der Mangel an finanziellen Mitteln genannt. Die Vorstellung von einer gegenseitigen Unterstützung der Juden über Landesgrenzen hinweg scheint an dieser Stelle falsch zu sein. So erklärt uns die Sekretärin Ewa Charęza: „In der Welt erzählt man sich, dass es in Polen keine Juden mehr gibt. Warum sollte man denn dort Geld hinschicken“ („Na świecie mówi się, że w Polsce już nie ma żydów. Po co więc wysyłać tam pieniądze?”)?Die Gemeinde ist hoch verschuldet, was vor allem mit den hohen Ausgaben zusammenhänge, die notwendig seien um die Synagoge in einem Zustand zu halten, in dem sie nicht weiter verfällt. Darüber hinaus erzeugt die religiöse, kulturelle und soziale Tätigkeit der Gemeinde entsprechende Kosten.

Heutzutage engagieren sich in allen Bereichen der Gemeindearbeit junge Menschen. Zu den sozialen Einrichtungen gehört eine koschere Kantine, in der Gemeindemitgliedern und deren Familien ein kostenloses Mittagessen angeboten wird. Pflegebedürftige können sich von Sozialangestellten betreuen lassen. Außerdem besteht die Möglichkeit, zum Gottesdienst gefahren zu werden.

Um jüdische Kultur einem breiteren Publikum näher zu bringen, werden Konzerte und ein jährlich stattfindendes Festival organisiert. Treffen dieser Art dienen auch der Integration der jüdischen Gemeinde. Die Gemeindemitglieder werden darüber hinaus zu gemeinsamen Reisen und Exkursionen sowie in der Ferienzeit zu gemeinsamem Urlaub für Kinder und Familien eingeladen.

Trotz der Tatsache, dass die Mehrzahl der Juden in Wrocław ältere Leute sind, wurde im Jahre 1998 die jüdische Grundschule Lauder-Etz Chaim eröffnet. Sie wird allerdings nur von wenigen jüdischen Kindern besucht, der Großteil der Schüler gehört anderen Konfessionen an. Die Gründung der Schule hatte die Kultivierung jüdischer Traditionen, den Unterricht in hebräischer Sprache sowie das Begehen von Feiertagen zum Ziel. Wie sich zeigte, konnte man diesem Anspruch nicht gerecht werden, da die Mehrheit der Schüler, statt die Unterrichtsstunden zur jüdischen Kultur zu besuchen, am durch die Kirchen angebotenen katholischen Religionsunterricht teilnahm. Eine ähnliche Situation herrscht im Kindergarten der Gemeinde. Er befindet sich im ehemaligen jüdischen Waisenhaus und trägt den Namen Nichtöffentlicher Europäischer Kindergarten (Niepubliczne Przedszkole Europejskie). Den Namen erhielt er, da für die Bezeichnung „Jüdischer Kindergarten“ die Zahl der Kinder aus jüdischen Familien nicht ausreichte. So ist die Vorschuleinrichtung nicht mehr jüdisch, sondern bereits europäisch.

Dies ist auch der Grund, warum die jüdische Gemeinde der Stadt eine Sonntagsschule einrichtete, in der sich junge Leute treffen und gemeinsam Hebräisch lernen. Ab und zu findet hier eine Vorlesung statt oder ein Seminar wird angeboten. Diese Veranstaltungen werden vorrangig für Gemeindemitglieder durchgeführt. Man muss allerdings hervorheben, dass mehr als zwei Drittel der Gemeindemitglieder höheren Alters und nicht im Stande oder gewillt sind, an den angebotenen Veranstaltungen teilzunehmen.

Die Freitags- und Samstagsgottesdienste bilden das Fundament des religiösen und gesellschaftlichen Lebens. Solange sie abgehalten werden können, wird die Gemeinde bestehen. Doch selbstverständlich ist das keinesfalls. Wenn die Generation der älteren, vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Juden stirbt, wird es niemanden geben, der einen Gottesdienst führen kann. Darin besteht die Tragödie dieser Gemeinde. Es fehlt ihr an religiös ausgebildetem Nachwuchs. Keiner der jungen jüdischen Männer aus Wrocław hat sich entschieden, eine der Schulen zu besuchen, die sich in der Regel in Israel befinden und zu einem religiösen Amt in der Gemeinde ausbilden. So besteht keine Chance auf eine Weiterentwicklung, was sowohl als Ursache, wie auch als Folge der Emigration nach Israel zu werten ist. Wir trafen in Wrocław nur eine jüdische Familie, die Petróws, die nicht der Gemeinde angehört, da sie einem jüdisch-messianischen Glauben anhängt, der sowohl Jesus als Heiland als auch das Neue Testament anerkennt. In ihrer Wohnung hängen die Nationalflagge Israels, Davidsterne und Plakate der Stadt Jerusalem. Im Interview sprechen die Petróws von Israel als dem Gelobten Land. Sie träumen davon, dass Gott ihnen eines Tages erlaube, sich dort anzusiedeln. Die zwanzigjährige Tochter des Ehepaares Petrów wohnt seit einem Jahr in einem israelischen Kibbuz. Als sie sich auf den Weg machte, sagte sie zu ihrer Eltern: „Ihr wisst, dass ich nach Hause fahre“ („Wiecie, że jadę do domu”).

Die Ausreise nach Israel spricht doch zugleich für einen entschlossenen Standpunkt. Die jungen Juden, die heutzutage mit der Gemeinde verbunden und in Polen erzogen worden sind, träumen nicht von der Umsiedlung in das Gelobte Land. Trotzdem wird keiner von ihnen das benötigte Wissen erwerben, das sich später als Vorraussetzung für das Weiterleben der Gemeinde darstellen könnte.

Solange die älteren Mitglieder noch leben, wird man den Eindruck haben, dass die jüdische Gemeinde in Wrocław funktioniert. Viele Initiativen werden jedoch nie ins Leben gerufen, nicht nur aufgrund der fehlenden finanziellen Mittel, sondern auch, weil es keine Hoffnung auf des Fortleben der Gemeinde gibt. Und so dreht man sich im Kreis: Wenn es sowohl an Finanzquellen, als auch an Mitgliedern mangelt, ist eine Verbesserung der Situation nicht in Sicht. Und wenn es keine Zukunftsperspektiven gibt, fällt es schwer sich zu engagieren.




po polsku

Abbildungen


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Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


Abb. 5


Abb. 6


Abb. 7


Abb. 8


Abb. 9




Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien