Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Einleitung.
Eine Stadt erfindet sich neu


von Philipp Ther



Die Geschichte Breslaus steht emblematisch für die Schattenseiten und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, für einen rassistisch fundierten Nationalismus, den Völkermord an den Juden, die Sinnlosigkeit des Krieges, für Flucht und Vertreibung und andere Auswirkungen totalitärer Regime. Die Stadt gehörte mit dem umliegenden Niederschlesien zu den Hochburgen des Nationalsozialismus und wurde im Krieg als „Festung Breslau“ fast völlig zerstört. Bevor das alte Breslau im Frühjahr 1945 unterging, wurde seine jüdische Bevölkerung verschleppt und ermordet. Nur ein paar Dutzend Angehörige der einst drittgrößten jüdischen Gemeinde in Deutschland überlebten den Holocaust. Doch auch bei der deutschen Bevölkerung kannten die Nationalsozialisten keine Gnade und opferten zehntausende von Menschen bei der Belagerung Breslaus durch die Rote Armee. Als auf deren Fuß die ersten polnischen Verwaltungsequipen einrückten, fanden sie ein Trümmerfeld vor. Die so genannten „Pioniere“ hatten die Aufgabe, Breslau in eine polnische Stadt zu verwandeln, denn die Alliierten hatten sich bereits vor dem Potsdamer Abkommen für eine Übereignung Breslaus an Polen entschieden. Die Polonisierung brachte eine neue Welle der Zerstörung mit sich. Die neuen Bewohner hatten die Aufgabe, sämtliche Hinterlassenschaften der deutschen Herrschaft und Kultur auszumerzen. Zunächst ging es dabei vor allem um Denkmäler, Straßennamen und öffentliche Aufschriften, bald jedoch auch um Friedhöfe, Archive und Bücher. Wie ernst die Behörden die Zerstörung der deutschen Kultur nahmen, zeigt eine Anordnung des Ministeriums für die Wiedergewonnenen Gebiete (Ministerstwo Ziem Odzyskanych), sämtliche deutsche Beschriftungen auch auf Kunstwerken, Bierdeckeln und Aschenbechern zu entfernen (Vgl. Archiwum Akt Nowych w Warszawie, MAP, sygn.2467, Bll. 65 f.). Mit dieser materiellen „Entdeutschung“ (Odniemczanie), wie sie in amtlichen Dokumenten genannt wurde, war die Vertreibung der deutschen Bevölkerung verbunden. Ein Großteil der ursprünglichen Einwohner Breslaus war Anfang 1945 vor der Roten Armee geflohen oder evakuiert worden. Doch knapp 200.000 Menschen wurden von den Nationalsozialisten in der „Festung Breslau“ praktisch in Geiselhaft genommen. Etwa 150.000 von ihnen überlebten den Krieg. Sie wurden nun zusammen mit den Flüchtlingen, die nach der Kapitulation des Deutschen Reiches nach Niederschlesien zurückkehrten, ausgesiedelt. Die völkerrechtliche Grundlage dazu schufen die Alliierten mit dem Potsdamer Abkommen. Allerdings blieben die Deutschen bis Anfang 1946 in der Mehrheit. Das lag am zögernden Zuzug der Polen, die noch nicht glauben wollten, dass Breslau wirklich polnisch bleiben würde und am abschreckenden Zustand der Stadt, die zu 80 Prozent einer Ruinenlandschaft glich. Außerdem wurden die verbliebenen Deutschen gebraucht, zum Beispiel in den Stadtwerken, aber auch in vielen anderen Wirtschaftszweigen. Breslau war also für eine Übergangsperiode eine deutsch-polnische Stadt, ehe dann im Sommer und Herbst 1946 fast alle verbliebenen Deutschen in das besetzte Deutschland abtransportiert wurden. Polnische Zuwanderer ersetzten nach und nach die ursprüngliche Bevölkerung. Sie stammten überwiegend aus Zentralpolen oder waren selbst Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten, die 1945 an die Sowjetunion abgetreten werden mussten. Vor allem die Vertriebenen aus Lemberg spielten als kompakte Gruppe eine wichtige Rolle, aber auch die Juden, die aus Ostpolen und zum Teil aus Sibirien kamen, wohin Stalin sie verschleppt hatte. Durch die Aussiedlung der Deutschen und die Ansiedlung von Polen wurde Breslau demographisch zu einer polnischen Stadt.

Die Regierung begleitete diesen ungeheuren Umbruch mit einem propagandistischen Trommelfeuer. Die ehemals deutschen Ostgebiete wurden zu „Wiedergewonnenen Gebieten“ deklariert, man sprach von ihrer „Heimkehr“ zum polnischen Mutterland. Damit sollte bereits die neue Grenzziehung an der Oder und Lausitzer Neiße international legitimiert werden. Ebenso wichtig war die Funktion der Propaganda nach innen. Indem man behauptete, dass Polen wieder da angekommen sei, wo es eigentlich hingehöre, in die Grenzen des piastischen Königreichs aus dem 11. Jahrhundert, wollte man der eigenen Bevölkerung zeigen, dass die oktroyierte Westverschiebung Polens richtig sei. Außerdem hoffte man auf diese Weise, die Zweifel der neu angesiedelten Bevölkerung auszuräumen, dass diese „wiedergewonnenen Gebiete“ eines Tages wieder verloren gehen könnten. Die Politiker und die Medien sprachen daher von „urpolnischen Landen“ und einer „Repolonisierung“. Sie gaben damit vor, dass die Westgebiete Polens schon immer polnisch geprägt gewesen seien, was sprachlich nur für das südliche Masuren, einen Teil Oberschlesiens und einige kleinere Gebiete zutraf. Diese Geschichtspolitik gehörte bis 1989 zu den Grundpfeilern der kommunistischen Herrschaft und wurde den nachgeborenen Generationen bereits in der Grundschule eingebläut.

Die offizielle Darstellung der Vergangenheit stand in offensichtlichem Widerspruch zum Zustand der Stadt Breslau im Jahre 1945 und 1946. Die Polen kamen in eine fremde Stadt, wie Gregor Thum sein Buch über Breslau treffend betitelt hat. Diese Diskrepanz vermag auch zu erklären, warum die „Entdeutschung“ mit einer derartigen Vehemenz betrieben wurde. Auf Seiten der Bevölkerung spielte auch der Besatzungsterror und der damit verbreitete Hass auf alles Deutsche eine Rolle. Allerdings ließen sich die Spuren der Vergangenheit nicht so leicht tilgen wie erhofft. Sogar das Schreibmaschinenpapier, auf dem 1945 die piastische Konzeption verbreitet wurde, war auf der Rückseite häufig noch deutsch beschrieben. An überstrichenen Hauswänden schienen teilweise schon in den fünfziger Jahren die deutschen Aufschriften durch, und auch Kanaldeckel, Gaszähler und vieles mehr blieben deutsch beschriftet. Die neuen Bewohner Breslaus waren also ständig mit der deutschen oder jedenfalls einer nicht polnischen Vergangenheit ihrer Stadt konfrontiert. Das gilt auch für die dort geborenen Polen, die Ende der siebziger Jahre die nationalkommunistische Propaganda zunehmend in Frage stellten. Breslau hatte sich innerhalb Polens zu einem der Zentren der Opposition entwickelt. Diese erkannte, dass die weiterhin geschürte Feindschaft zur Bundesrepublik, die gleichzeitige Abhängigkeit von der Sowjetunion als Garantiemacht der Nachkriegsgrenzen und das zentralistisch vorgegebene Geschichtsbild die Macht des Regimes festigten. Es gab daher bereits in den siebziger Jahren in der Zeitschrift Odra und anderen Publikationen Artikel, die sich der Geschichte Breslaus mit einer neuen, offenen Einstellung annäherten. Auch die Wiederbesiedlung erfuhr eine kritischere Bewertung. Ende der achtziger Jahre, als die Macht der Kommunisten zusehends erodierte, wurde sogar ein Verein der ehemaligen Lemberger zugelassen, also gewissermaßen ein Pendant zu den deutschen Vertriebenenverbänden.

Der Durchbruch für ein verändertes Geschichtsbild kam nach der Wende von 1989. Mit den deutsch-polnischen Verträgen hatte die Bundesrepublik endlich verbindlich anerkannt, dass die polnische Westgrenze Bestand haben sollte. Damit waren die Sorgen der Breslauer zerstreut, dass ihnen irgendwann erneut die Heimat genommen würde. Seitdem kann man als Deutscher Breslau sagen, ohne von den Gastgebern darauf hingewiesen zu werden, dass es eigentlich Wrocław heißen müsse, was vor allem in der Adjektivform seltsame Konstruktionen ergibt. Ebenso unbefangen sprechen die Breslauer auch von Lwów und nicht von L´viv, wie das ukrainische Lemberg heißt. Das nationalkommunistische Geschichtsbild hatte mit der Anerkennung der Grenze seine Funktion verloren. Bereits unmittelbar nach der Wende wurden Ausstellungen im Historischen Museum gezeigt und Publikationen veröffentlicht, die auf die reiche jüdische und deutsche Vergangenheit der Stadt eingingen. Auch die Geschichte der Ukrainer, die 1947 im Zuge der innerpolnischen Deportation nach Niederschlesien und Breslau gekommen waren, war nicht mehr tabu. Alle paar Straßenecken entstanden Läden, Restaurants und Kinos, die auf den Lemberger Ursprung vieler Breslauer verwiesen. Ein Panoptikum der verschiedenen geschichtlichen Wurzeln und Verbindungen Breslaus und seiner Bewohner öffnete sich.

Diese multiple Vergangenheit Breslaus leitete auch die vorliegende von Studenten verfasste Publikation, die in sieben Themenfelder aufgegliedert ist. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden anhand von Befragungen (Oral History) und stadtanthropologischer Feldforschungen (Die Stadt als Text), die im Mai 2004 durchgeführt wurden, erbracht. Der erste Beitrag behandelt den Umgang mit der Vergangenheit in Breslau seit 1989. Darin wird festgestellt, wie sehr den heutigen Eliten an einem offenen und europäischen Geschichtsbild liegt und auf welchen Prämissen dieses beruht. Außerdem wird eindrücklich die lokale Verwurzelung der Bevölkerung dargestellt, die im schwer übersetzbaren Schlagwort der „Wrocławskość“ gipfelt, einem gelebten „Breslauertum“. Der zweite Beitrag befasst sich mit der „Entdeutschung“ und Polonisierung Breslaus, also der eingangs geschilderten Umwandlung einer ehemals deutschen in eine polnische Stadt. In dem Text wird insbesondere das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen in der unmittelbaren Nachkriegszeit abgesprochen, da Breslau wie erwähnt bis 1946 de facto eine deutsch-polnische Stadt war. Der dritte Beitrag geht auf eine Gruppe von Neubürgern ein, die das polnische Breslau in starkem Maße geprägt hat, die vertriebenen Lemberger. Heute kursiert in Breslau und vor allem in deutschen Medien immer wieder der Mythos, dass ein Großteil der Stadt von Lembergern besiedelt und wiederaufgebaut worden sei. Tatsächlich stellten die Lemberger aber nur zehn Prozent der Bevölkerung. Es stellt sich also die Frage, warum sie der Stadt derart ihren Stempel aufdrücken konnten und welchen Bezug sie zu ihrer alten Heimat haben. Zu den Zuwanderern der Nachkriegszeit gehörte auch eine große Gruppe von Juden, die entweder im besetzten Polen den Holocaust überlebt hatten oder von den Sowjets 1939-41 aus Ostpolen nach Sibirien oder Zentralasien deportiert worden waren und dann nach Polen zurückkehren durften. Zeitweise lebten über 30.000 Juden in der Stadt, wobei ein Großteil bereits 1945/46 in Richtung Israel oder Vereinigte Staaten weiterzog. Dennoch existierte in der Volksrepublik weiterhin eine große Gemeinde, die erst durch die „antizionistische Kampagne“ von 1968 (Vgl. Stola 2001) auf ein paar hundert Menschen zusammenschmolz. Seit der Wende ist jedoch auch diese Minderheit aufgeblüht. Doch wie verhält sich die heutige polnisch-jüdische Gemeinde zur deutsch-jüdischen Vergangenheit in Breslau und welche Position nehmen die Juden in der Stadtgesellschaft ein? Bei der Untersuchung kam heraus, dass offener Antisemitismus offenbar eine untergeordnete Rolle spielt. Aber es fiel auf, dass die Juden aus dem kollektiven Gedächtnis der polnischen Mehrheit weitgehend verschwunden sind. Ähnlich schwierig wie das polnisch-jüdische Verhältnis gestalten sich die polnisch-ukrainischen Beziehungen, nicht nur auf gesamtstaatlicher oder gesellschaftlicher Ebene, sondern auch in Breslau selbst. Das wird in dem Beitrag deutlich, der sich mit dem Verhältnis der Konfessionen in Breslau seit 1945 und in jüngster Zeit befasst. Diese Schwierigkeiten geben Anlass zur Frage, wie weit sich das seit 1989 verbreitete, europäische Geschichtsbewusstsein tatsächlich verbreiten konnte. Leben die Eliten, die für eine Öffnung Breslaus eintreten, und das Gros der Bevölkerung möglicherweise in getrennten historischen Welten? Auch wenn die meisten Deutschen in der Nachkriegszeit vertrieben wurden, existiert in Breslau weiterhin eine deutsche Minderheit. In dem Text über die „Deutschen in Breslau“ wird untersucht, wie sich diese Gruppe an die unmittelbare Nachkriegszeit erinnert und in der Volksrepublik Polen zurechtkam. Der letzte Beitrag schließlich widmet sich dem Umgang mit der architektonischen Moderne. In Breslau fällt auf, dass nicht nur die Altstadt weitgehend rekonstruiert wurde – nach alten Plänen aus österreichischen Zeiten, um das preußische Erbe in den Hintergrund zu stellen. Auch die Bauten aus der Zeit der klassischen Moderne werden auf intelligente Weise genutzt und geschätzt. Ob diese Monumente großartiger Architektur, alte und neuere, in Deutschland die Nachkriegszeit ähnlich gut überstanden hätten? Der Blick auf ähnlich zerstörte Städte wie Hannover oder Köln und den dortigen Kahlschlag in den Innenstädten in den fünfziger und sechziger Jahren lässt erahnen, dass die Überreste des alten Breslaus bei den Polen in guten Händen lagen. Auch wenn es also mit Blick auf die Gesellschaft fast keine Kontinuität gab, so blieben doch viele Bauwerke aus der Zeit vor 1945 erhalten, wurden aufwändig restauriert oder sogar nach alten Plänen wiederaufgebaut.

Den einzelnen Beiträgen liegen von Studenten durchgeführte Interviews und Feldforschungen zugrunde. Aus Platzgründen muss in dem vorliegenden Band auf die vollständige Auflistung der transkribierten Interviews verzichtet und auf die Internetseite des Projektes verwiesen werden (URL: http://oral-history.euv-ffo.de); sie enthält die ausführliche Dokumentation der Quellen.

Neben diesen eigenen Forschungen beruhen die Texte vor allem auch auf der jüngsten Literatur, die bereits zur Vorbereitung des Seminars vorausgesetzt wurde. Allen voran sind hier die Bücher von Gregor Thum und Norman Davies über Breslau zu nennen (Vgl. Thum 2002, Davies 2002). Den Umbruch der unmittelbaren Nachkriegszeit behandelte im Kontext von ganz Niederschlesien Andreas Hoffmann (Vgl. Hoffmann 2000). Die Zwangsaussiedlung der Polen und der Deutschen wurde bereits zuvor in mehreren Dokumentationen und Büchern behandelt (Vgl. Lemberg/Borodziej 2000, Ciesielski 1999, Ther 1998).Über die Juden in Breslau existiert eine Monographie von Maciej Łagiewski, dem langjährigen Leiter der städtischen Museen (Vgl. Łagiewski 1996). Ferner gibt es unzählige polnische Publikationen über die Wiederbesiedlung, den Wiederaufbau und viele anderen Aspekte der Nachkriegszeit. Diese Literatur würde eine eigene Bibliographie füllen und kann hier daher nicht eigens aufgezählt werden.

Diese ungeheure publizistische und wissenschaftliche Produktivität in Breslau in der Zeit nach 1989 kam von unten. Sie war nicht mehr staatlich getragen wie vor der Wende, sondern von sehr verschiedenen Gruppen. Sie zeugt vom Entwicklungsstand der urbanen Zivilgesellschaft. Die vielen Publikationen trugen bereits aufgrund ihrer Menge zur Öffnung des Geschichtsbildes bei. Die meisten Autoren hatten anderes im Sinne, als die Heldentaten der Pioniere oder die Mythen der polnischen Prägung Breslaus seit Anbeginn der Geschichte zu wiederholen. Das bunte, europäische Bild der Vergangenheit war nicht nur deshalb anziehend, weil es oppositionell war, sondern auch, weil es ungleich spannender war als das eindimensionale nationalkommunistische Geschichtsbild. Man kann hier von narrativen Strategien sprechen, die auch in Westeuropa inzwischen einen starken Impuls für die Forschung über kulturelle oder ethnische Minderheiten setzen. Das mag auf den ersten Blick als eine Verwestlichung im Sinne einer Adaption des Ideals des Multikulturalismus erscheinen. Doch der politische Kontext in Polen ist ein anderer. Die Breslauer Eliten – Historiker stellten im ersten demokratisch gewählten Stadtrat eine Mehrheit – wandten sich mit dem europäischen Geschichtsbild ihrer Stadt gegen die aus Warschau vorgegebene zentralistische Sichtweise auf die polnische Geschichte. Sie wollten sich mit einer „offenen“ Stadt- und Regionalgeschichte (Vgl. Traba 2003) vom Zentralismus alter Prägung emanzipieren. Durch die Hinwendung zu ihrer reichen Vergangenheit gewann die alte Hauptstadt Schlesiens zugleich neues Selbstbewusstsein. Inzwischen ist dieses sogar so weit gewachsen, dass man mit Warschau um die Herausgabe von historischen Kulturgütern aus der böhmischen und österreichischen Epoche Breslaus kämpft, die nach dem Krieg nach Warschau abtransportiert wurden.

Doch inwieweit hat sich das neue und offene Geschichtsbild bereits in der Gesellschaft verfestigt? Wird es von allen Generationen und Bevölkerungsschichten geteilt und inwieweit wirken in der Volksrepublik Polen verbreitete Geschichtsbilder nach? Finden sich die wieder entdeckten Minderheiten nicht nur in neuen Büchern wieder, sondern können sie sich in der Gesellschaft der Nachwendezeit auch entfalten? Wie ist das Verhältnis der Mehrheit zu den Juden, den Ukrainern und zu den wenigen verbliebenen Deutschen? Wie geht man heute mit den Hinterlassenschaften der deutschen Herrschaft und Kultur in Breslau um? Diese und andere Fragen werden in den sieben Beiträgen gestellt. Damit ist auch die Lücke definiert, auf die diese Publikation zielt. Es gibt noch keine Publikation, die sich spezifisch der Erinnerung oder dem kollektiven Gedächtnis an die Nachkriegszeit widmet.

Der französische Historiker Pierre Nora hat schon zum Beginn der Erinnerungskonjunktur bemerkt, dass das Gedächtnis der Menschen nur selten mit den Ergebnissen wissenschaftlicher Geschichte übereinstimmt (Vgl. Nora 1998: 13 f). Auch in Breslau zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der erinnerten Vergangenheit und der anhand von Archivmaterialien belegbaren Geschichte. Zum Beispiel belegen die hier erbrachten Untersuchungen, dass das Verhältnis zu den verbliebenen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich weniger antagonistisch erinnert wird, als es damals war. Manchmal erbringen Erinnerungen sogar Ergebnisse, die den Ergebnissen wissenschaftlicher Geschichte widersprechen. Als Beispiel kann hier angeführt werden, dass sich viele alte Breslauer, die als Touristen in ihre Heimatstadt zurückkehren, über die Schneise der Zerstörung und die hässlichen Neubauten am südöstlichen Rand der Altstadt beklagen. Diese Verunstaltung lasten sie ganz selbstverständlich „den Polen“ oder dem Sozialismus an. De facto wurden die dortigen Straßenzüge auf einer Fläche von 15 Hektar jedoch von den Nationalsozialisten zerstört, um eine Flugbahn für die Festung Breslau zu bauen, auf der schließlich hohe Nazifunktionäre kurz vor der Kapitulation entkamen. In den Erinnerungen der Vertriebenen lebt also evident das alte, deutsche Breslau fort, obwohl dieses vor der Ankunft der Polen schon zerstört wurde. Gleichwohl wäre es verkehrt, Erinnerungen als realitätsfern oder völlig subjektiv abzuqualifizieren. Auch die Geschichtswissenschaft war in Polen mehrfach tiefen Veränderungen unterworfen. Diese waren durch die verschiedenen ideologischen Kurswechsel im sozialistischen Polen und vor allem durch die Wende von 1989 bedingt.

Es wäre jedoch auch naiv zu glauben, dass man mit Befragungen ein „wahres“ Bild der Vergangenheit erzeugen könne, wie es manchmal in älteren Aufsätzen zur Oral History durchklingt. Dieser Ansatz, auf den Tomasz Królik im zweiten Teil der Einleitung näher eingeht, wird nicht als ein Weg zur Rekonstruktion historischer „Realität“ verstanden, sondern als ein Ansatz, um erinnerte Geschichte abzufragen. Von primärem Interesse war für den vorliegenden Band vor allem, inwieweit die Erinnerungen mit der in der konventionellen Literatur beschriebenen „Realität“ übereinstimmten und warum sich bestimmte Diskrepanzen ergaben. Der Themenkomplex der Erinnerung führt zu einem weiteren zentralen Thema dieses Bandes, dem Umgang mit der Vergangenheit seit 1989. Dieser ist mit dem Schlagwort der Geschichtspolitik eigentlich nur ungenügend erfasst, da es sich hier um gesellschaftliche Prozesse handelt, die unabhängig von direkter politischer Steuerung verlaufen.

Da zu erwarten war, dass sich bestimmte Themen aufgrund des großen zeitlichen Abstands nur begrenzt mit Interviews erfassen lassen, wurde zusätzlich auf Ansätze der historischen Stadtanthropologie zurückgegriffen. Unter dem Stichwort „die Stadt als Text“ versuchten die Autoren, die materiellen Hinterlassenschaften der Vergangenheit als Quellen zu nutzen. Dazu gehören vor allem Denkmäler, der öffentliche Raum, Häuserfassaden, Friedhöfe, Kirchen und ihre Innenräume und andere nicht auf Papier gedruckte Quellen. Ausgangsbasis war selbstverständlich die bereits eingangs zitierte Literatur, die hier nicht kritisiert, sondern in erster Linie ergänzt wird.

Der Ablauf der hier vorgestellten Forschungen war kurz zusammengefasst so, dass die Teilnehmer nach eingehender Vorbereitung über die Geschichte Breslaus und die genannten Methoden eine knappe Woche Zeit hatten, Interviews durchzuführen und ihre urbane Umgebung als Text zu interpretieren. Die Gruppen bestanden jeweils aus drei bis fünf Personen und waren international gemischt. Die Teilnehmer waren zur Hälfte fortgeschrittene Studenten und einige Doktoranden von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), zur anderen Hälfte von der Staatlichen Universität in Kaliningrad und dem polnischen Partner der Viadrina, der East-Central European School in the Humanities in Warschau, die seit einigen Jahren sehr erfolgreich interdisziplinäre Studien mit Studenten aus Polen und seinen östlichen Nachbarstaaten betreibt. An dem Forschungsseminar in Breslau nahmen daher nicht nur Deutsche, Russen und Polen teil, sondern auch fünf Ukrainer. Was die Teilnehmer einte, war die Tatsache, dass sie nicht aus Breslau stammten. Dieser Fremdheitseffekt war bewusst gewollt und sollte eine vergleichbare Ausgangsbasis für die Feldforschungen herstellen. Die Gruppen waren auch deshalb gemischt, um für die jeweilige Situation und Umgebung die produktivste Sprache zu finden. Bei den Angehörigen der Nachkriegsgeneration war es meist von Nutzen, polnisch zu sprechen, in anderen, selteneren Situation aber auch deutsch. Die methodische Einführung wurde in beiden Sprachen abgehalten, die Gruppen verständigten sich auf deutsch oder polnisch, gelegentlich auch auf russisch. Diese Herangehensweise erwies sich als produktiver, als sich auf die lingua franca Englisch zu einigen, die für die Interviews und Feldforschungen doch weitgehend nutzlos gewesen wäre. Einige Gesprächstermine waren bereits vorher vereinbart, die bei weitem meisten ergaben sich vor Ort. Dass innerhalb von so kurzer Zeit derartig viele Kontakte entstanden, ist ein Indikator für die Offenheit der Gesellschaft in Breslau. Unter anderen gelang es den Gruppen innerhalb von wenigen Tagen, mit den zwei Vizebürgermeistern der Stadt und dem Leiter der städtischen Museen zu sprechen. Ob eine derartige Spontanität und Bereitschaft zu kurzfristigen Treffen in Deutschland möglich gewesen wäre, zumal bei hohen Funktionsträgern? Kein einziges Mal gab es Proteste gegen bestimmte, manchmal auch unangenehme Fragen. Dies deutet darauf hin, dass es in Breslau zumindest keine massiven Tabus in Bezug auf die Vergangenheit gibt – auch dies ist ein Indikator für eine offene, pluralistische Gesellschaft.

Das Bild der Vergangenheit, das verschiedene Gruppen entworfen haben, ist nicht frei von Widersprüchen. Auch die alten kollektivistischen Interpretationen der Vergangenheit sind mit der Wende von 1989 nicht einfach aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Dennoch kann man zusammenfassen, dass sich das polnische Breslau in den vergangenen 15 Jahren nicht nur äußerlich, sondern auch mental zu einer europäischen Metropole gewandelt hat.



Frankfurt (Oder), 2004




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Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien