Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Einführung in die Oral History

von Tomasz Królik



Die Methode, die während des Seminars „Das polnische Breslau als europäische Metropole“ vorwiegend angewandt wurde, ist die der Oral History. Dieser Ansatz, der auf mündlichen Befragungen beruht, ist in einem gewissen Sinne so alt wie die Geschichte selbst, da bereits ihr Vater Herodot sich mit Interviews behalf, als er die persischen Kriege beschrieb (Vgl. Starr 1985: 38). In der modernen Geschichtswissenschaft ist das menschliche Gedächtnis als historische Quelle jedoch lange Zeit in den Hintergrund getreten, denn man sah bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur schriftliche Zeugnisse als glaubwürdig an. Doch das offene Interview, auf dem die Oral History basiert, wurde schon im 19. Jahrhundert in der Soziologie (Vgl. Atteslander 1993: 18) sowie von Lokalhistorikern (Vgl. Samuel 1985: 77) verwendet. Dank der Interviews erschloss man Material, wo es keine schriftlichen Quellen gab, wie zum Beispiel bei den Untersuchungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wissen der Deutschen über den Holocaust durchgeführt wurden (Vgl. Jannowitz 1946).

Die Oral History weist viele Gemeinsamkeiten mit den Sozialwissenschaften auf. Bei der Auswahl der Interviewpartner wird unter anderem die aus der Soziologie stammende Methode der repräsentativen Stichprobe angewandt. Die im Rahmen der Oral History durchgeführten Interviews haben allerdings vorwiegend einen qualitativen Charakter, Soziologen führen dagegen auch häufig quantitative Untersuchungen durch. Ähnliche Methoden und Themengebiete wie in der Oral History werden außerdem oft in der Anthropologie angewendet. Die polnische Historikerin Marta Kurkowska ist aufgrund der Nähe der Oral History zu einigen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, speziell zu den Untersuchungen von Florian Znaniecki und Stanisław Ossowski, sogar der Meinung, dass der Unterschied manchmal nur darin bestehe, dass die Untersuchungen von Wissenschaftlern mit verschiedener Ausbildung durchgeführt würden, die unterschiedlichen wissenschaftlichen Institutionen angehörten (Vgl. Kurkowska 1998: 75). Tatsächlich kommt es immer häufiger zu einer Zusammenarbeit von Historikern, Anthropologen und Soziologen (Vgl. Niethammer 1985: 16).

Die Oral History als Methode der Geschichtswissenschaft hat ihre Anfänge in den Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren und verdankt ihre Entstehung Allan Nevins von der Columbia University. Er hatte die Idee, eine Institution zu gründen, in der die Lebensgeschichten berühmter Amerikaner auf der Grundlage von zuvor mit ihnen durchgeführten Interviews aufgeschrieben werden sollten (Vgl. Starr 1985: 40; Nevins 1938). Allerdings wurde sein Vorschlag mit wenig Enthusiasmus aufgenommen, weshalb er seine Idee aufgrund fehlender Mittel erst in den späten 1940er Jahren realisieren konnte. Das erste Interview führte er 1948 durch. In der Praxis stellte sich dies wie folgt dar: Während Nevins Fragen stellte, machte einer seiner Studenten so schnell wie möglich Notizen, die er sofort danach auf der Schreibmaschine ins Reine schrieb (Vgl. Starr 1985: 41). Die Entwicklung der Oral History beschleunigte sich in den 1950er Jahren deutlich dank der zunehmenden Verbreitung von Tonbandgeräten. Nun konnte sich der Interviewende ganz auf das Stellen von Fragen konzentrieren, da das gesamte Gespräch ohnehin aufgezeichnet wurde.

Schon zuvor hatte die Oral History bei der Erforschung des Holocaust eine wichtige Rolle gespielt – auch wenn die Befragung der Überlebenden in der Regel nicht so genannt wurde. Bereits unmittelbar nach dem Krieg war den Zeitzeugen klar, dass dieses in der Geschichte der Menschheit beispiellose Verbrechen für die Nachwelt dokumentiert werden musste. Zudem beschrieben die NS-Akten die Vernichtung der Juden nur aus Sicht der Täter, so dass man auch aus diesem Grund die Überlieferungen der Opfer dokumentieren wollte. Es gab daher umfangreiche Befragungen von Überlebenden, die außerdem ermutigt wurden, ihr Schicksal schriftlich festzuhalten.

Ende der 1960er Jahre fand die Oral History endgültig ihren Weg nach Europa. Im Gegensatz zu dem ursprünglichen Interesse an den Eliten, interessierten sich die Vertreter dieses damals neuen Ansatzes vor allem für die unteren Schichten der Gesellschaft Europas. Sie standen meist der politischen Linken nahe und forderten die Aufdeckung der Geschichte der einfachen Leute, also der nichtprivilegierten gesellschaftlichen Gruppen, die bislang in den geschriebenen Quellen keinerlei Spuren hinterlassen hatten. Oral History sollte für diese Gruppen eine Chance darstellen, eine eigene Geschichte zu „schreiben“. Trevor Lummis beschrieb ihre Rolle folgendermaßen: „[...] den nichtprivilegierten Schichten der Gesellschaft eine Stimme zu geben, deren Leben in historischen Beschreibungen hauptsächlich mit den Augen von Personen gesehen wird, die in der gesellschaftlichen Hierarchie höher stehen als sie, wodurch diese Beschreibungen durch deren Voreingenommenheit und Urteile beeinflusst werden.“ (Lummis 1987: 20).

Die Oral History ist auf verschiedenste Themengebiete anwendbar. Zu Beginn wurde vor allem die Geschichte der Arbeiter erforscht, jedoch sprang das Interesse schnell auch auf Frauengeschichte, Kindheits- und Familiengeschichte sowie auf die Geschichte der Massenkultur über (vgl. Thompson 1994: 2). Heutzutage ist häufig das Gedächtnis Forschungsgegenstand: Man führt Forschungen über das kollektive Gedächtnis, in Polen auch Gemeinschaftsgedächtnis (pamięć społeczna) genannt, durch. Darunter versteht man nach Barbara Szacka „ein in einer Gemeinschaft existierendes Konglomerat an Vorstellungen über die Vergangenheit, sowie alle Personen und Ereignisse aus dieser Vergangenheit, deren Kenntnis als obligatorisch angesehen wird und derer man sich auf unterschiedlichste Weise erinnert, und schließlich die mannigfaltigen Formen dieses Erinnerns“ (Szacka 1985: 68). Man erforscht auch die individuelle Erinnerung an die neueste und schmerzhafteste Geschichte, die Erinnerung der Verfolger und der Verfolgten und das nationale oder lokale Gedächtnis. Einer gewissen Popularität erfreut sich ebenfalls die Analyse des Einflusses der Politik auf das Kollektivgedächtnis, zum Beispiel die Folgen der Manipulation durch totalitäre Systeme oder die „Schaffung“ von Geschichte in den postkommunistischen Staaten. Ein weiteres beliebtes Thema vieler Wissenschaftler ist der Einfluss der Massenkultur auf das Kollektivgedächtnis (Vgl. Kurkowska 1998: 75).

Die Erhebungen im Rahmen des vorliegenden Bandes waren nicht so umfangreich wie die meisten anderen Oral-History-Projekte, die sich manchmal sogar über mehrere Jahre erstrecken. Das Hauptziel dieser nur eine knappe Woche dauernden Forschungen war es, Erinnerungen der Breslauer Bevölkerung an das Leben in der Kriegs- und vor allem der Nachkriegszeit zu erforschen und zu dokumentieren. Außerdem sollte der Umgang mit der Zeitgeschichte erforscht werden, sowohl im privaten, als auch im öffentlichen Bereich, durch die Politik. Zudem wurde zwischen bestimmten ethnischen, konfessionellen und sozialen Gruppen differenziert. Die gesammelten Materialien stellen daher einen Beitrag zur Erforschung des oben erwähnten Kollektivgedächtnisses der Breslauer und dessen Einfluss auf das individuelle Gedächtnis der Menschen und ihr Verhältnis zur jüngsten Geschichte der Stadt dar.

Bereits seit ihrer Entstehung löst die Oral History viele Kontroversen aus: Ihre Gegner werfen mündlichen Quellen unter anderem Subjektivität sowie Mangel an Glaubwürdigkeit und Repräsentativität vor. Die Befürworter dieser Methode stellten bis Mitte der 1980er Jahre die mündlichen Quellen den schriftlichen gleich; sie waren der Ansicht, dass das Gedächtnis des Einzelnen eine glaubhafte Quelle für Informationen über historische Fakten sei. Der Begründer der Oral History Society, Paul Thompson, attackierte in seinem 1975 erschienenen Buch „The voice of the past“ andere historische Quellen; er argumentierte darin, dass sie in vergleichbarem Maß wie mündliche Quellen subjektiv seien. Er war der Meinung, dass die ursprünglichen Quellen des Geschriebenen ebenfalls mündliche Quellen waren (zum Beispiel Volkszählungen; vgl. Thompson 1975: 104). Für ihn waren mündliche Quellen ebenso ein Abbild einer historischen Realität wie schriftliche - es schwang also noch ein ziemlich unreflektierter Positivismus mit. Derselbe Paul Thompson musste später eingestehen, dass die mündlichen Quellen durch klassisches Quellenmaterial ergänzt werden müssen. Er hatte nämlich die Absicht, auf der Grundlage von Oral History die britische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu analysieren. Zu diesem Zweck wurden über 400 Interviews mit Personen durchgeführt, die mittels des Prinzips der repräsentativen Stichprobe auf Grundlage der Volkszählung von 1911 ausgewählt worden waren. Doch die Gesprächsmitschnitte allein reichten nicht aus. Nach Ansicht von Marta Kurkowska braucht der moderne Historiker zur Darstellung gesellschaftlichen Wandels Quellen, die von einer objektiven Chronologie innerhalb serieller, linearer Zeit gekennzeichnet sind. Diese Chronologie muss wiederum über schriftliche Quellen rekonstruierbar sein. Mündliche Quellen zeichnen sich dagegen durch eine stark individualisierte Chronologie aus (Vgl. Kurkowska 1998: 72).

In den 1980er Jahren entwickelte sich eine alternative Oral History, deren Vertreter, vor allem italienische Historiker wie Alessandro Portelli, der Ansicht waren, dass der Einfluss des Kollektivgedächtnisses auf das individuelle Gedächtnis ein faszinierender Forschungsgegenstand sei. Ihrer Meinung nach sind „unrichtige“ Behauptungen dennoch psychologisch richtig, und ursprüngliche „Fehler“ decken oft mehr als mit den Fakten übereinstimmende Berichte auf. Sie meinten, dass der Wert eines mündlichen Zeugnisses nicht in dessen Übereinstimmung mit den Fakten, sondern eher in den Unterschieden zwischen beiden liegt; dort, wo Vorstellungen, Symbolik und Sehnsüchte die Darstellung beeinflussen (Vgl. Portelli 1981: 100). Auf die Erforschung der Konstruktion des Kollektivgedächtnisses und der Interaktion zwischen der öffentlichen und der privaten Sicht der Vergangenheit konzentrierten sich auch britische Forscher, die sich als Popular Memory Group im Center for Contemporary Cultural Studies in Birmingham trafen.

Einige Jahre später riefen der Linguistic Turn und der Postmodernismus heftige Diskussionen unter den Vertretern der Oral History hervor. Beides wurde zunächst teilweise als weitere Attacke auf die Glaubwürdigkeit mündlicher Quellen angesehen (Vgl. Kurkowska 1998 : 73). Schließlich akzeptieren aber auch die einstigen Positivisten teilweise die Kritik der Postmodernisten. Dies zeigt ein einleitender Artikel von Paul Thompson in der Zeitschrift Oral History aus dem Jahre 1989, in dem der Autor zugibt, dass der anfängliche Enthusiasmus über die Zeugnisse dessen, „wie es wirklich war“, ein wenig naiv war (Vgl. Kurkowska 1998: 73). Seit Mitte der 1980er Jahre behaupten die Anhänger der Oral History nicht mehr, dass die von ihnen angewandte Methode in erster Linie der Dokumentation von Fakten und wichtigen Ereignissen der Vergangenheit diene. Es geht ihnen eher darum aufzuzeigen, wie diese Ereignisse im Gedächtnis der Interviewten haften blieben. Auch die in späteren Jahren erschienenen Texte, beschreiben die Methode der Oral History eher kritisch (Vgl. Geppert 1994; Kurkowska 1998). Die Arbeit der polnischen Historikerin Marta Kurkowska verdient hier besondere Erwähnung, denn sie ist entschieden kritischer als deutsche oder englische Publikationen. Hierin spiegeln sich Unterschiede zur polnischen Wissenschaftskultur wider, in der positivistische Traditionen stärkeren Einfluss haben als in westeuropäischen Ländern, in denen es zweifellos mehr Anhänger des Postmodernismus gibt.

Der retrospektive Charakter von Interviews innerhalb der Oral History führt dazu, dass die Frage nach dem Funktionieren des menschlichen Gedächtnisses ausschlaggebend für die Glaubwürdigkeit der Aussagen zu sein scheint. Zwar wurde das Märchen vom Gedächtnisverlust älterer Leute inzwischen widerlegt, und es ist erwiesen, dass Vergessen nicht durch die zeitliche Entfernung von den erlebten Ereignissen bedingt ist. Nach Bertaux bleibt im Gedächtnis das haften, was für den Menschen wichtig ist; die entscheidende Rolle spielt nicht die Zeit, sondern mehr die Gefühle, die mit dem erlebten Ereignis verbunden sind (Vgl. Bertaux 1985: 151). Aufgrund der Tatsache, dass zwischen dem erzählten Erlebnis und dem Gespräch mit dem Historiker in der Regel viel Zeit vergangen ist, erscheint es dennoch sehr wahrscheinlich, dass der Wandel der gesellschaftlich anerkannten Werte, der Interpretation von Ereignissen oder der gesellschaftlichen Normen einen bedeutenden Einfluss auf ihre gegenwärtigen Wahrnehmung hat (Vgl. Wierling/Brügermeier 1986: 61-81). Deswegen zeigt sich häufig, dass das, was erzählt wird, nicht die wirklichen Ereignisse oder Gefühle wiedergibt. Anders gesagt geht es darum, dass die Jahre, die seit dem durchlebten Ereignis vergangen sind, oft seine Beurteilung rückwirkend beeinflussen. Das, was einst gutgeheißen wurde, kann heute von der gesellschaftlichen Norm abweichen und wird möglicherweise von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert. Hierbei kann es auch zu einer retrospektiven Schönung der eigenen Einstellungen oder Handlungen kommen.

Ein wichtiger Aspekt – inzwischen auch in Ostmitteleuropa – ist die „political correctness“, also die Dominanz bestimmter Normen. Oft stellen Befragte die durchlebten Ereignisse auf eine politisch korrekte Weise dar, die den heutigen gesellschaftlichen Normen entspricht. Zweifellos wird die Ehrlichkeit der Aussagen auch dadurch beeinflusst, dass die Aufdeckung von Details der vergangenen Ereignisse irgendeine Art von Bedrohung für den Befragten mit sich bringen oder für ihn beschämend oder schmerzhaft sein könnte. Ein Beispiel dafür ist der mittlerweile politisch weitgehend geächtete offene Antisemitismus. Nur wenige Befragte in Polen würden offen bekennen, dass sie einst antisemitische Anschauungen hatten, vielleicht sogar an der Diskriminierung von Juden beteiligt waren oder heute noch diese Auffassung vertreten. Man kann sich vielen Problemen daher nur über Umwege annähern, die viel taktisches Gespür voraussetzen. Nicht zu vergessen ist dabei, dass der bedeutende Zeitabstand zwischen dem eigentlichen Erlebnis und der Entstehung der entsprechenden Quellen während der Interviews nicht nur für diese Art von Überlieferungen charakteristisch ist. Das gleiche Problem tritt auch im Umgang mit verschiedenen schriftlichen Zeugnissen auf, wie zum Beispiel bei Memoiren oder Biographien (Vgl. Schulze 1996: 25; Winter 1985). Ständiger Diskussionsgegenstand ist außerdem eine grundsätzliche Andersartigkeit mündlicher Quellen, die einen bedeutenden Einfluss auf ihren Inhalt haben kann; nämlich die Tatsache, dass sie vom Historiker mitgestaltet werden. Durch das Fragenstellen wird der Moderator des Gesprächs mit in den Prozess des Erinnerns einbezogen. Das bewirkt, dass er eine aktive Rolle im Entstehungsprozess des Interviews, also seiner Quelle spielt, wodurch er wiederum auf dessen Gestalt Einfluss nimmt (Vgl. Vorländer 1990: 20-22).

Ein oft diskutiertes Problem ist der Mangel an Repräsentativität, welcher nach Ansicht der Kritiker der Oral History das mittels dieser Methode gesammelte Material charakterisiert. Man wirft ihr vor, dass die Auswahl und die Aussagen der Befragten zum Großteil nicht typisch für die untersuchten gesellschaftlichen Gruppen seien. Die Anhänger dieser Technik entgegneten anfangs, dass sie die Interviewpartner für ihre Untersuchungen nicht willkürlich auswählen, sondern oft die aus der Soziologie übernommene Methode der Quotenauswahl für die Ermittlung der Stichprobe anwenden würden (Vgl. Thompson 1978: 124; Friedrichs 1990: 133). Bei einer Quotenauswahl wählt der Forscher die Interviewpartner auf der Grundlage von Eigenschaften aus, deren Verteilung in der Gesamtheit er vorher kennt, zum Beispiel aufgrund amtlicher Statistiken. Man erhofft sich, dass so ebenfalls andere Eigenschaften der Gemeinschaft in der Quotenstichprobe mehr oder weniger repräsentativ vertreten sind. Es muss jedoch angemerkt werden, dass die Forscher diese Methode gegenwärtig skeptisch beurteilen und geneigt sind, eher pragmatisch bei der Auswahl der Interviewpartner vorzugehen. Diese finden sie häufig durch Anzeigen in der Presse, und erst nach einem ersten Kontakt mit ihnen werden heuristische Gruppen gebildet, deren Vertreter bestimmte definierte Eigenschaften besitzen (Vgl. Geppert 1994: 315). Einige Anhänger der Oral History sind außerdem der Meinung, dass es für sie nicht von Bedeutung ist, ob ihre Gesprächspartner statistischen Normen entsprechen; viel ausschlaggebender sei, dass die Befragten Zeugen der Ereignisse waren, die untersucht werden sollen und dass sie zu ihrem Thema etwas zu sagen haben (Vgl. Geppert 1994: 316).



Bei der beschriebenen Methode ist die praktische Seite der Forschung sehr wichtig. Oral History–Projekte zeichnen sich durch einen sehr großen Zeitaufwand aus. Es müssen passende Interviewpartner gefunden und davon überzeugt werden, ein Interview zu geben; als nächstes muss man das Interview transkribieren und die gesammelten Materialien ordnen, um sie später analysieren zu können. Zu Beginn ist das Grundkonzept zu umschreiben; das heißt, der Historiker sollte für sich selbst die Frage beantworten, was genau Gegenstand der Forschung ist und mit welchen Personen er Gespräche führen will. Es ist sinnvoll, dass die interviewende Person sich mit dem Thema ihrer Forschungen genau bekannt macht. Der Forscher sollte zu jedem Zeitpunkt des Gesprächs wissen, worüber sein Gesprächspartner spricht. Wenn dieses Wissen fehlt, ist er dazu gezwungen, dem Partner ständig selbstverständliche Fragen zu stellen, wodurch sich dieser womöglich nicht ernst genommen fühlt. Eine solche Situation kann schließlich zum Abbruch des Gesprächs führen. Aus diesen Gründen wurde für die Teilnehmer des Breslauer Seminars eine die Stadtgeschichte betreffende Literatursammlung zusammengestellt und vor Beginn der Feldforschungen ein obligatorisches Vorbereitungsseminar veranstaltet.

Gesprächspartner kann man auf unterschiedliche Art und Weise suchen. Man hat die Möglichkeit, eine Anzeige in der lokalen Presse aufzugeben oder man kann versuchen, Adressen potentieller Gesprächspartner in städtischen Ämtern oder anderen öffentlichen Einrichtungen zu erfahren. Oft taucht dabei jedoch ein Problem auf: Möglicherweise möchte der Gesprächspartner, an dessen Adresse man auf diese Weise gelangt ist, nicht mit dem Forscher sprechen, da er kein Vertrauen zu der unbekannten Person hat. Deswegen ist ein indirekter Weg oft erfolgreicher. Dieser kann so aussehen, dass man versucht, über Vereine, Klubs und Interessensgemeinschaften erste Kontakte zu knüpfen. Es lohnt sich auch, die Suche mit dem „Herumfragen“ im eigenen Bekanntenkreis zu beginnen; oft kann man auf diese Weise die Adresse eines ersten Gesprächpartners erhalten. Am besten ist es, wenn die Person, die Zugang zur Adresse des potentiellen Gesprächspartners hat, am Anfang selbst mit ihm Kontakt aufnimmt. Man kann annehmen, dass der potentielle Gesprächspartner einem auf diese Weise vorgestellten Forscher mehr Verrauen entgegenbringen wird, als wenn dieser dessen Adresse auf offiziellem Wege erhalten hat. Prinzipiell kennt der erste Gesprächspartner oft Personen, die er einem für ein weiteres Interview empfehlen kann. Man muss sich allerdings daran gewöhnen, dass viele Menschen anfangs oft sehr skeptisch sind. Der Interviewende muss sich auf Fragen einstellen wie: „Warum kommen Sie gerade zu mir? Wo ich doch gar nichts zu erzählen habe. Ich habe nichts Wichtiges erlebt.“ Deswegen ist zu empfehlen, dass man das Gespräch mit einem sehr allgemeinen Thema beginnt, wie zum Beispiel dem Wetter oder der Anfahrt zum Gesprächspartner. Wichtig ist auch, dass der Befragte weiß, mit wem er es zu tun hat: Es lohnt sich, ein bisschen von sich selbst zu erzählen, und auch zu erklären, warum gerade das Interview mit der gegebenen Person so interessant ist. Diese Maßnahmen sollen dazu dienen, dass der Gesprächspartner Vertrauen zu der interviewenden Person fasst; dies macht das spätere Gespräch sehr viel einfacher. Man darf nicht vergessen, dass viele Personen, für die sich die Anhänger der Oral History interessieren, in ihrem Leben traumatische Erfahrungen gemacht haben.

Jeder Forscher hat in der Regel eine Liste mit vorbereiteten Fragen, die während des Interviews gestellt werden sollen. Häufig muss man jedoch damit rechnen, dass die Fragen Veränderungen unterliegen. Vor allem während der ersten Phase des Gesprächs sollte man von einem geschlossenen System von Fragen Abstand nehmen und sich stattdessen auf offene Fragen konzentrieren: Das Gespräch sollte so natürlich wie möglich sein. Hilfreich ist oft, anfangs den Gesprächspartner zu bitten, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Die Rolle des Interviewenden beschränkt sich also in der ersten Phase darauf, Fragen bezüglich relevanter Details zu stellen. Die vorbereiteten Fragen sollten ihren Platz schließlich im zweiten Teil des Gesprächs finden (Vgl. Thompson 1985: 196 –216; Plato 1991: 108 –110). Jedoch ist zu bedenken, dass ein Oral History-Interview kein Verhör ist; die Person, mit der man spricht, soll eigene Erinnerungen hervorrufen. Ständiges Verbessern ist auf jeden Fall fehl am Platz. Weiterhin ist es wichtig, die eigene Sprache dem intellektuellen Niveau des Gesprächspartners anzupassen. Die Fragen sollten in einer möglichst einfachen Sprache gestellt werden, damit der Befragte sie ohne Probleme verstehen kann. Fragen, auf die der Befragte mit „ja“ oder „nein“ antworten kann, sollten vermieden werden. Ferner ist zu berücksichtigen, dass viele Gesprächspartner dazu neigen, nicht unbedingt über das zu sprechen, was der Fragende wissen wollte. Oft konzentrieren sich die Probanden auf die „großen“ Ereignisse der vergangenen Epoche, anstatt über ihr alltägliches Leben zu reden, was sehr oft Gegenstand des Interesses des Forschers ist. Manchmal ist es auch genau umgekehrt: Die Gesprächspartner sprechen nur von gewöhnlichen, alltäglichen Vorkommnissen und erwähnen die „großen“ Ereignisse überhaupt nicht. Einerseits tun die Befragten dies aus Angst, von der gesellschaftlichen Norm abzuweichen, andererseits kann die Ursache auch eine Art Selbstschutz sein, ein Versuch, das Gespräch abzubremsen, damit schlechte Erinnerungen aus der Vergangenheit nicht zurückkehren.

Jedes Gespräch sollte selbstverständlich aufgenommen werden. Die Wahl des Aufnahmegerätes hängt davon ab, wofür die Aufnahme verwendet werden soll: Dient das aufgenommene Interview nur der Transkription, reicht ein einfaches Diktiergerät. Eine teilweise oder vollständige Transkription der Aufzeichnung ist in jedem Fall aus dem einfachen Grund empfehlenswert, dass das aufgenommene Gespräch nur Rohmaterial ist, mit dem sich schwer arbeiten lässt. Als sinnvoll hat sich auch erwiesen, während des Gesprächs Notizen zu machen, die den Charakter des Gesprächs wiedergeben: Man sollte zum Beispiel notieren, welche Fragen den Gesprächspartner in Verlegenheit bringen und auf welche Fragen hin er nervös wird. Solche Notizen helfen bei der späteren Interpretation des aufgezeichneten Gesprächs.

Obwohl die Oral History weiterhin viele Gegner hat, erfreut sie sich heute im Gegensatz zu ihren Anfängen großen Interesses; besonders populär ist sie in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Italien (Vgl. Kurkowska 1998: 69). Davon, wie sich die beschriebene Forschungsmethode in den letzten fünfzig Jahren entwickelt hat, zeugen die Ausmaße der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift Oral History, die anfangs die Gestalt eines bescheidenen Berichts für die Handvoll Anhänger des „oral history movements“ hatte. Trotz aller Kontroversen, die mit ihr verbunden sind, erweist sich die Technik als sehr geeignet für die Erforschung von Themengebieten, in denen keine anderen Quellen erhalten sind sowie bei Forschungen sowohl zum individuellen als auch zum Kollektivgedächtnis, und auch zu deren wechselseitigem Verhältnis. Mit Hilfe von Interviews lassen sich zudem häufig Informationen zusammentragen, die in der Vergangenheit nicht niedergeschrieben worden sind, da dies das Leben des Befragten gefährdet hätte. Oral History ersetzt zwar nicht schriftliche Quellen, kann aber eine sinnvolle Ergänzung darstellen. Die Anwendung dieser Methode erfordert mit Sicherheit einen Bruch mit den traditionellen modernistischen Kanons des Denkens über die Vergangenheit, wie zum Beispiel mit einer objektiven Chronologie in serieller und linearer Zeit. Man sollte auch nicht vergessen, dass mündliche Quellen nicht immer genau auf Fragen wie wann, wie, oder warum antworten. Dafür helfen sie uns, uns bewusst zu machen, warum wir denken, dass etwas auf eine bestimmte Art und Weise passiert ist.




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Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
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