Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Zwischen alter und neuer Heimat: Die Lemberger in Breslau

von Jana Eggers-Dymarski, Joanna Gizewska, Karin Lenk und Gabriele Pfeifer

Ein Mythos geistert durch die Stadt: Lemberger Spuren im heutigen Breslau

Wer in Breslau aufmerksam durch die Altstadt geht, wird allerorten auf Spuren stoßen, die an Lemberg und Galizien erinnern: Eine Gaststätte auf dem Marktplatz schmückt sich mit dem Namen Karczma Lwowska (Lemberger Wirtshaus), gleich nebenan findet man beim Besuch des Münzmuseums eine Nachbildung des Panoramas des alten Lemberg und in der Buchhandlung gegenüber wird eine große Auswahl von Literatur über die Kresy, die ehemaligen polnischen Ostgebiete, angeboten. Auf dem Ring steht ein Denkmal des Dichters Alexander Fredro, das einst in Lemberg stand und nach dem Krieg nach Breslau transportiert wurde. Ebenso aus Lemberg stammen das Panorama von Racławice und die Sammlungen des Ossolineum, einst die größte Bibliothek Polens, die heute in Breslau zu wichtigen Kulturgütern zählen. Im Architekturmuseum wird eine Ausstellung über einen aus Lemberg stammenden Architekten gezeigt und auf dem Ring gegenüber von McDonald´s und dem Kaufhaus Feniks singt und spielt eine Gruppe in nationalen Trachten Folkloremusik aus Lemberg und Umgebung.

Was hat die einst habsburgische Stadt in Galizien mit der niederschlesischen Metropole gemeinsam? Wieso gibt es hier, so weit weg vom ukrainischen Galizien, eine Ulica Lwowska (Lemberger Straße) und eine Ulica Orląt Lwowskich, eine Straße, die nach einem Lemberger Friedhof benannt ist? Und was hat es mit dem Mythos Lemberg auf sich, dem man auch in der Literatur immer wieder begegnet? Warum hört man ältere Einwohner so oft vom Geist der Stadt Lemberg sprechen, der in Breslau weiterlebt? Die Antworten auf diese Fragen sind einerseits eng mit dem Ort Lemberg im polnischen Kollektivgedächtnis verbunden, andererseits auch mit der Nachkriegsgeschichte beider Städte. Die Wurzeln der Mythologisierung Lembergs gehen auf das 18. Jahrhundert zurück, als man in der Literatur und Geschichtsschreibung begann, einen nostalgischen Mythos der Kresy zu erschaffen. Demnach galten die Ukraine und insbesondere Lemberg als Wiege des Polentums. In diesem Zusammenhang ist auch die demographische Dominanz der Polen in dieser Stadt von großer Bedeutung: von 1772-1939 machten die Polen gut die Hälfte der Bewohner aus, Juden etwa ein Drittel und Ruthenen beziehungsweise Ukrainer am Vorabend des Ersten Weltkrieges etwa ein Sechstel (Vgl. u.a. Holzer 1995: 76). Damals war die Stadt von einer Multinationalität geprägt, die durch die Eskalation der Nationalitätenkonflikte, durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen zerstört worden ist. Eine demographische Verschiebung, wenn auch von anderem Ausmaß, fand auch in Breslau statt. Als mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Grenzen Polens nach Westen verschoben wurden und polnische Gebiete im Osten an die Sowjetunion abgetreten werden mussten, fiel Breslau an Polen. Das Programm der sogenannten Repatriierung umfasste die polnischen Ostgebiete, darunter auch Lemberg. Während man die Polen aus Litauen nach Pommern, vor allem Danzig und Stettin umsiedelte, wurden die polnischen Einwohner der Westukraine nach Schlesien, beispielsweise nach Gleiwitz oder Breslau gebracht (Vgl. Davies 2002: 529). Breslau wurde zur neuen Hauptstadt der aus dem Osten kommenden Polen, auch wenn diese Gruppe nicht die Mehrheit der neuen Einwohnerschaft ausmachte, wie häufig angenommen wird (Vgl. Thum 2003: 157f). Trotzdem kam den ehemaligen Lembergern eine bedeutende Rolle im Wiederaufbau Breslaus zu, da mit ihnen viele Akademiker in die Stadt kamen, die beispielsweise am Aufbau der Universität und der Stadtverwaltung großen Anteil hatten. So entstand bei vielen Menschen der Eindruck, alle Lemberger seien nach Breslau gekommen.

Auf der Suche nach den Spuren Lembergs wollten wir in Erfahrung bringen, wer diese Menschen sind, die das polnische Breslau der Nachkriegszeit so geprägt haben. Wie sind sie damit umgegangen, ihre Heimat verloren zu haben? Wie konnten sie sich in einer vom Krieg zerstörten, ehemals deutschen Stadt zurechtfinden? Wie lebt in ihrer Erinnerung die „magische“ Stadt Lemberg weiter? Dabei wurden sowohl die materiellen Spuren methodisch mit der Stadt als Text berücksichtigt, als auch die Erinnerungen an Lemberg in Interviews mit ehemaligen Lembergern mit der Oral History erfragt.



Bilder der alten und neuen Heimat

Im heutigen Breslau ist der „duch lwowski“, der Geist oder auch die Seele Lembergs, ein fliegender Begriff. Unsere Gruppe wollte den Schöpfern dieses Geistes nachspüren, den ehemaligen Lembergern, die heute in Breslau leben. Es war jedoch nicht einfach, Zeitzeugen zu finden, die zur Zeit der Vertreibung schon erwachsen waren. Trotzdem trafen wir auf Menschen, die Lemberg noch bewusst – und sei es im Kindesalter - erlebt hatten: Von ihnen wollten wir wissen, was es für sie und ihre Eltern damals bedeutete, aus Lemberg weggehen zu müssen, wie sie das Verlassen des vertrauten Ortes und das Einleben in eine völlig fremde Stadt erlebt haben. Zweitens stellten wir die Frage, welche Bedeutung die Erinnerung an ihre Stadt in früheren Jahren und heute für sie einnimmt. Nehmen sie Breslau, wie es der Mythos besagt, als Fortsetzung oder gar als zweites Lemberg wahr? Wo ist der Geist Lembergs in der Stadt heute noch anzutreffen, wie drückt er sich für sie aus?

Wir führten Interviews mit sechs Personen, die bis auf eine Ausnahme aus Lemberg und Umgebung stammen. Die Gespräche verliefen recht unterschiedlich, alle unsere Gesprächspartner nahmen uns jedoch offen auf und waren bereit, mit uns zu sprechen. Es fiel auf, dass manche weniger über die Sehnsucht nach der Heimat sprechen wollten, sondern von Erlebnissen erzählten, die in keinerlei Zusammenhang mit Lemberg standen, für sie aber offensichtlich von größerer Bedeutung waren. Vielleicht lässt sich das damit erklären, dass es die Lemberg-Nostalgie in solch ausgeprägter Form bei ihnen nicht gab und das Leben nach 1945 im Vordergrund stand. Trotzdem waren die Gesprächspartner bemüht, das Andenken an die verlassene Stadt zu bewahren, das in seiner Intensität – wie erwähnt – durchaus unterschiedlich ausfallen konnte. Bei allen trafen wir jedoch auch auf eine stark ausgeprägte Zuneigung für Breslau, dem man sich heute genauso verpflichtet fühlt wie der Stadt der Kindheit. Das mag daran liegen, dass die Lemberger, mit denen wir sprachen, noch sehr jung waren, als sie nach Breslau kamen. Meistens konnten sie sich schnell an die neuen Gegebenheiten anpassen – im Gegensatz zu ihren Eltern, die sich noch jahrzehntelang in ihre Heimat zurückwünschten und sich am neuen Ort teils nur schwer einlebten. Trotz dieser Vertrautheit mit Breslau ist es für die ehemaligen Lemberger wichtig, die verloren gegangene Heimat im Gedächtnis und im Herzen zu bewahren. Viele sprechen davon, dass für sie Lemberg in Breslau weiterlebt. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg habe man überall den singenden ostpolnischen Dialekt „Bałak“ auf der Straße hören können. Das heutige Breslau, so die Befragten, sei genauso wie das damalige Lemberg von einer gewissen Offenheit gekennzeichnet, die man in Polen nicht überall finde. Begriffe wie Toleranz und Herzlichkeit begegneten uns immer wieder, wenn wir die Frage nach den Gemeinsamkeiten zwischen beiden Städten stellten, sie sind es offenbar, die den viel beschworenen Geist Lembergs ausmachen.

Viele der ehemaligen Lemberger sind in Vereinen organisiert, die sich die Bewahrung des Andenkens an die Heimat zur Aufgabe gemacht haben. In diesen Verbänden sind häufig nur Vertreter der älteren Generation anzutreffen. Daher bemüht man sich, das Interesse für die Ostgebiete besonders in der Enkelgeneration zu wecken. Auf ihr ruhe nun die Hoffnung, denn die Generation der Kinder habe sich wenig mit der Herkunft der Eltern auseinandergesetzt, wie unsere Gesprächspartner anmerken. Dies hinge vor allem mit dem Verschweigen des Verlustes der Ostgebiete zu kommunistischen Zeiten zusammen. Heute versucht man die Kinder durch Schulwettbewerbe, bei denen das Wissen über Lemberg und die Ostgebiete abgefragt wird, wieder an das Thema heranzuführen. Die Angst, dass sich nach dem Tod der ersten Generation der Vertriebenen keiner mehr um das Andenken der ehemaligen Heimat kümmern könnte, ist auch bei unseren Gesprächspartnern groß.

Elżbieta Urbańska, eine pensionierte Mathematiklehrerin, die im Alter von zwei Jahren mit ihrer Familie aus Lemberg umgesiedelt worden ist, gehört zu den wenigen ihrer Generation, die sich für die Belange und Bedürfnisse der noch lebenden Lemberger engagieren. Die Vorsitzende des Klubs Leopolis (lat. Lemberg) organisiert 14-tägig stattfindende Treffen, lädt Gäste zu Vorträgen ein und veranstaltet Musikabende, bei denen die alten Lieder gesungen und Tänze der Heimat aufgeführt werden. Warum gerade sie sich so für die Bewahrung der Erinnerung an eine Heimat einsetzt, die sie selbst gar nicht bewusst miterlebt hat, begründete sie mit der Sorge um die alten Menschen, denen durch die Klubs ein Ort gegeben wird, an dem sie sich an ihrer Jugendzeit festhalten können. Auch sie glaubt, dass sich in einigen Jahren, wenn die nach Breslau umgesiedelten Lemberger nicht mehr leben, keiner mehr um die Wurzeln seiner Vorfahren kümmern wird.

Neben den Heimatabenden sind die polnisch-ukrainischen Beziehungen ein wichtiges Thema, das die ehemaligen Lemberger beschäftigt. Wie deutsche Vertriebene auf die Anerkennung des erlittenen Unrechts durch die Vertreibung und die Beneš-Dekrete drängen, so erwarten die aus dem Osten vertriebenen Polen von ukrainischer Seite eine Entschuldigung für Verbrechen, die ukrainische Banden in Ostgalizien und Wolhynien in den 1940er Jahren an der polnischen Bevölkerungsgruppe begangen haben. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und noch vor der vertraglich festgelegten Zwangsaussiedlung aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten wurden hunderttausende von Polen von der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA aus Galizien und Wolhynien vertrieben (Vgl. Ciesielski 1999). Als Reaktion darauf wurden von polnischer Seite Racheaktionen an der ukrainischen Bevölkerung durchgeführt (Vgl. Motyka 1997: 52 und Krzemiński 1998: 98f).Besonders empört sind die polnischen Vertriebenen, dass in der Westukraine der damalige Nationalistenführer Bandera als Nationalheld verehrt wird, Denkmäler errichtet und Straßen nach ihm benannt werden (Vgl. Zlepko 1995: 172 und Michałowski 2004: 11). So lassen unsere Nachforschungen den Eindruck entstehen, eine persönliche Verständigung sei in weite Ferne gerückt, auch wenn auf den obersten staatlichen Ebenen ein anderer Anschein erweckt werden soll. Die Verletzungen und das Misstrauen der älteren Generation gegenüber den Ukrainern scheinen unüberwindlich. Die offizielle Verständigungspolitik wird von vielen kritisch gesehen, wenn nicht gar als heuchlerisch abgelehnt. So gibt es zum Beispiel in Lemberg einen Verein des Gedenkens an die ukrainischen Gewaltverbrechen (Towarzystwo Upamiętnia Zbrodni Ukraińskich na Narodowości Polskiej), desweiteren eine Hauptkommission für Ahndung von Verbrechen gegen die polnische Nation (Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu), die dem Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej) untersteht. Diese Vereine untersuchen und verfolgen unter anderem die Verbrechen der Organisation Ukrainischer Nationalisten OUN und der Ukrainischen Aufstandsarmee UPA an Polen. Sie publizieren, halten Gedenkfeiern ab und errichten Denkmäler für die polnischen Opfer der Kämpfe, so auch in Breslau (Abb. 6). Ob die Beziehungen zwischen den zwei Völkern dem Beispiel der großen Politik folgen werden, ist noch fraglich.

Wie sich im Laufe unserer Nachforschungen zeigte, steht das Gedenken an Lemberg oft in direkter Verbindung mit dem Streit um den Friedhof Orląt Lwowskich, der als Symbol für das polnische Lemberg steht und den die jetzige ukrainische Stadtverwaltung nicht zur öffentlichen Benutzung freigeben will. Der Name des Friedhofs, Friedhof der Lemberger Adlerjungen (Cmentarz Orląt Lwowskich), erinnert an die jungen polnischen Freiheitskämpfer, die im polnisch-ukrainischen Kampf um Lemberg 1918 fielen und hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Man argumentiert, dass sich dort die Gräber von Verwandten vieler ehemaliger Lemberger befinden, zu denen man Zutritt haben möchte. Daher ist es eines der vorrangigen Ziele vor allem der Verbände, über höhere politische Instanzen ein Einlenken der ukrainischen Seite zu erwirken (Vgl. Umiański 2004: 4).

Während man einerseits darum bemüht ist, auf politischer Ebene Druck auf die ukrainische Seite auszuüben, wirkt andererseits das alte Lemberg in den Erzählungen der Interviewten idealisiert. Begriffe wie Toleranz und friedliches Zusammenleben fallen sehr häufig. Die Verbrechen von UPA und der „polnisch-ukrainische Brudermord“ scheinen aus diesem Erinnerungsrahmen ausgeklammert zu sein und stehen einzeln für sich. Auch Antisemitismus wird weniger mit der damaligen Zeit in Verbindung gebracht, sondern wird vielmehr den Ukrainern, die heute in Lemberg leben, angelastet. Wodurch sich dieser doch so offensichtliche Widerspruch ergibt, lässt sich einerseits damit erklären, dass Kindheitserinnerungen im Allgemeinen verklärt sind und man andererseits die positiven Erlebnisse selektiv bewahrt. Die unangenehmen Erlebnisse, sprich der Konflikt und die teilweise blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polen und Ukrainern werden wie durch ein Prisma wahrgenommen: Man bestätigt die furchtbaren Ereignisse, aber nicht durch den eigenen Augenzeugenbericht, sondern vielmehr durch die Berichte anderer. Die verklärte Wahrnehmung Lembergs kann aber genauso daher rühren, dass die neue Stadt Breslau, in der man sich unfreiwillig ansiedelte, von Verwüstung, Chaos und Gewalt gekennzeichnet war (Vgl. die Berichte von Motłowski 1995: 151 und Skrowaczewska 1995: 131). Die zurückgelassene Heimat wird somit zum Inbegriff der Sehnsucht nach einer besseren Zeit.

Der Mythos, dass Breslau vor allem durch die Lemberger geprägt worden sei, wurde von den Gesprächspartnern auf verschiedene Ursachen zurückgeführt. Viele betonten die Elitefunktion der Lemberger, die in Breslau großen Anteil am Aufbau der Universitäts- und Verwaltungsstrukturen hatten. Von einem besonderen Einfluss der Lemberger auf die neu erstehende polnische Stadt wollte aber niemand sprechen. Man begründete dies damit, dass die Lemberger unter den Kommunisten nicht als geschlossene Gruppe auftreten konnten, um im öffentlichen Leben ihre Interessen durchzusetzen. Überhaupt nahm die kommunistische Periode, wenn es um den Zusammenhalt der Lemberger in Breslau geht, in ihren Erzählungen einen sehr kleinen Platz ein. Da es zu dieser Zeit nicht möglich war, sich als Lemberger zu bekennen und schon gar nicht als öffentliche Gruppe aufzutreten, gab es über private Treffen hinaus keine organisierten Begegnungen. Erst in den 1980er Jahren, als das Ende des kommunistischen Regimes absehbar wurde, begann man sich zu versammeln. So entstand aus einem scheinbaren Nichts eine Interessenvertretung der aus den Ostgebieten ausgesiedelten Polen, die mit 40-jähriger Verspätung eine Tradition ins Leben rufen mussten, die nur noch in ihren Köpfen, nicht aber in denen ihrer Kinder und Kindeskinder verankert ist.

Vier verschiedene Arten der Heimatliebe. Ehemalige Lemberger und ihr Umgang mit der Vergangenheit

Im Laufe unserer Recherchen in Breslau stießen wir auf sehr verschiedene ehemalige Lemberger, die zum Großteil in einigen der bereits erwähnten Organisationen und Klubs mitwirkten, beziehungsweise immer noch aktiv sind. Zu unseren Gesprächspartnern gehörten: Jerzy Tandecki von der ostpolnischen Stiftung Semper Fidelis, die eng mit dem Verein der Freunde Lembergs (Towarzystwo Miłośników Lwowa i Kresów Południowo-Wschodnich TMLiKPW, TML) zusammenarbeitet, Elżbieta Urbańska (geboren 1944) – pensionierte Mathematiklehrerin, Vorsitzende des Klubs Leopolis, Andrzej Bartyński (geboren 1934) – Dichter und Sänger, Leszek Sawicki (geboren 1924) – Geologe, Kartograf und Mitbegründer des TML, Zdzisław J. Zieliński (geboren 1929) – Tierarzt, Fotograf, ebenfalls Mitbegründer des TML, sowie Wanda Fuchsa (geboren 1928) – pensionierte Geschichtslehrerin.

Unsere Gesprächspartner waren verschiedenen Alters und haben daher eine unterschiedlich starke emotionale Bindung an ihre Heimatstadt Lemberg. Man muss außerdem erwähnen, dass in Polen (ähnlich wie für die deutschen Vertriebenen in der DDR) keine offizielle Auseinandersetzung mit den traumatischen Erlebnissen der Betroffenen möglich war. Das Thema durfte nicht öffentlich angesprochen werden, denn schließlich passte die kollektive Erinnerung nicht zu der „von den Kommunisten verkündeten Vision der Geschichte“, wie es Edmund Dmitrów bezeichnet (Dmitrów 2000: 246).

Besonders viel Symbolik erwartete uns bei dem emeritierten Geologieprofessor Leszek Sawicki, der sich noch sehr stark mit seiner Herkunft identifiziert. In seiner Wohnung hat er eine Lemberger Ecke eingerichtet, die hinter einem Bücherregal versteckt wie ein heimliches Heiligtum wirkt. Jedesmal, wenn er uns ein Buch oder ein Andenken von Lemberg zeigen wollte, schlich er hinter das Bücherregal und holte einen seiner Schätze hervor. Nach seiner Beziehung zur alten Heimat befragt, antwortete er: „Vom ersten Jahr meines Lebens an bin ich Lemberger. Ich fühle mich aus tiefstem Herzen als Lemberger, ganz und gar“ (1). Daraufhin zeigt er uns ein kleines Kästchen, das Erde des bekannten Lemberger Friedhofs Cmentarz Łyczakowski enthält. Sein Wunsch ist es, mit dieser Erde begraben zu werden. Wie er beteuerte, ist dies eine Tradition, die er mit vielen aus ihrer Heimat gerissenen Lembergern teilt (Abb. 7).

Im Laufe seiner geologischen Exkursionen bereiste er fast den ganzen Globus, wie auch die Fotos in seiner Wohnung erzählen, doch seine Erinnerung an Lemberg ist noch rege. Als Mitglied der Heimatarmee (Armia Krajowa), die im Zweiten Weltkrieg um Lemberg kämpfte, war der 20-jährige 1944 gezwungen zu fliehen und begann später in Breslau sein Studium. Auch Herr Sawicki äußerte sich nicht über mögliche Ursachen der Abneigung von Ukrainern gegenüber Polen oder die verfehlte Minderheitenpolitik in der Zweiten Polnischen Republik (Vgl. Mick 2000: 138ff). Sawicki ist bis heute nicht gut auf die Ukrainer zu sprechen, was sich wiederholt an beiläufigen Bemerkungen zeigte, beispielsweise wenn er bemerkte: „[…] die Seele Lembergs, die dort herrschte existiert heute nicht mehr. Die Ukrainer haben das nicht übernommen. Vielleicht weil sie sich so mit den Russen vermischt haben, ihnen würde das wahrscheinlich nicht in den Sinn kommen. [...] Es gibt eine Brücke zwischen Ukrainern und Polen, aber bestimmt keine zum Lemberger Stadtrat“ (2). Auch die Pogrome an den Juden im November 1918 und im Juli 1941, die von Polen verübt wurden, sprach er nicht von selbst an, obwohl sie offensichtlich im Widerspruch zu seiner Erinnerung an das tolerante und weltoffene Lemberg stehen.

Nach der Umsiedlung gaben sich die Lemberger in Breslau unter anderem durch die Namen ihrer Geschäfte öffentlich zu erkennen, erinnert er sich. Auch wenn dies 1949 offiziell verboten wurde, gelang es den kommunistischen Eliten nicht, das Lemberger Leben in Breslau vollständig zu unterbinden. Es gab immer eine sogenannte „innere Elite“ unter Studenten, Professoren, Bekannten (Vgl. Osiecka-Browińska 1995: 167f).„Die Lemberger hielten immer zusammen. [...] An der Breslauer Universität kamen fast alle aus Lemberg, und die Kontakte waren gut, aber diese Kontakte wurden von den Machthabern nicht gerne gesehen. Offiziell durfte man nicht über Lemberg sprechen und Kontakte aufrecht erhalten“ (3). Man verkehrte unter sich „heimlich und leise“ („po cichu“), wie er sich ausdrückte. Diese Kreise hatten zwar noch keinen Einfluss in der Öffentlichkeit, waren jedoch die Vorläufer des 1988 gegründeten TML, zu dessen Vorstand auch Leszek Sawicki zählte. Noch heute wirkt er bei der Fundacja Kresowa‚ Semper Fidelis mit.

Im Gegensatz zu Leszek Sawicki spielt Lemberg für den blinden Dichter Andrzej Bartyński, auf den wir durch Plakate in der Stadt aufmerksam wurden, heute eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Sich als Weltbürger bezeichnend, scheint es für ihn eine liebenswerte Stadt wie viele andere zu sein, an die er sich jedoch keineswegs klammert. Zu seinem Lemberger Gedichtszyklus Wróć bo czereśnie (Heim zu den Kirschen) (1996) inspirierten ihn nicht wie erwartet Heimatgefühle oder gar Sehnsucht. Wie er uns freimütig erzählte, war es vielmehr das Angebot des Verlages Sudety, der nach Gedichten über Lemberg fragte, das Bartyński dazu bewog, etwas über seine Heimatstadt zu schreiben. Erst nach diesem Angebot beginnt Herr Bartyński in sich zu gehen: „[...] ich mache mich also an die Arbeit. Ich rief mir Eindrücke meiner Kindheit ins Gedächtnis, was ich sehe, woran ich mich erinnere. Diese Stadt habe ich gesehen. Breslau konnte ich nicht mehr sehen, hierher kam ich als Blinder“ (4). Die Beiläufigkeit, mit der er sein Lemberg „wiederentdeckte“, ist vermutlich einfach Ergebnis eines großen Zeitpolsters, das den Poeten von seinen traumatischen Kindheitserfahrungen trennt. So wirkten für ihn die Inhaftierung durch die Gestapo im Kindesalter, während der er sein Augenlicht verlor, und das Auseinanderreißen der Familie während der deutschen Okkupation Lembergs sicher als großer Bruch. Zu den damaligen erbitterten Kämpfen um Lemberg bemerkte er nur kurz: „[...] es war ein Blutvergießen unter Brüdern. Das waren Menschen, die sich vor dem Krieg geliebt, geheiratet haben – schließlich ist meine Großmutter eine russische Adlige...“ (5). Es gebe außerdem drei deutsche Namen in der Familie, woran die Multikulturalität des ehemaligen Lemberg leicht abgelesen werden könne. Er wich jedoch aus, als wir das Thema wieder und wieder auf seine Heimatstadt lenkten. Sein Leben in Breslau erscheint ihm offenbar dokumentationswürdiger. Es beinhaltet Poesie, Musik, Reisen, viele Preise und nicht zuletzt das von ihm organisierte internationale Poesiefestival blinder Dichter Poeci bez granic (Dichter ohne Grenzen), das erstmals im Herbst 2003 stattfand. „Wir wollen den Menschen und der Welt den Mut der Gedanken, die Flügel der Hoffnung, Freundschaft und den Siegeszug über die Unbilden des Schicksals geben – wir, Dichter ohne Grenzen“ (6), so das Motto des Festivals. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass die Erinnerung an die alte Heimat nicht automatisch eine bedeutende Rolle einnehmen muss. Sie kann genauso erst wieder hervorgerufen und von außen erzeugt werden.

Wieder anders erzählt Zdzisław J. Zieliński das Erlebte. Ebenso wie Leszek Sawicki gehört er zu den Gründern des TML. Er berichtet uns von den heimlichen Treffen in den 1960er und 1970er Jahren, aus denen letztendlich 1987 die Idee geboren wurde, eine Organisation zu gründen. Man begann schließlich, die Köpfe zu heben und sich nicht mehr zu verstecken, sagt er. Es war ein Risiko, aber schließlich befassten sie sich mit konkreten Plänen zur Gründung eines Vereins „[...] und so gingen wir an die Arbeit. Binnen neun Monaten entstand der Verein TML, es musste ein Statut und ein Programm entworfen und alles bei den zuständigen Behörden eingereicht werden, damit sie es durchsehen und bestätigen, oder auch nicht, [...] aber sie haben zugestimmt“ (7). Herr Zieliński erinnert sich noch genau an die Umsiedlung nach Breslau und berichtete uns von nach Berufsgruppen sortierten Eisenbahnwaggons, in denen auch seine Familie unter zig Straßenbahnfahrern (nach dem Beruf des Vaters) ihre lange Reise antreten musste. Als 16-jähriger empfand er die Deportation eher als abenteuerlich, genauso wie die Entdeckungen, die er in manchen Wohnungen Breslaus machte. „Ich ging durch die verlassenen Wohnungen, die schon geplündert waren, [...] ich lief über die mit Zeitschriften und Büchern übersäten Fußböden. Ich habe viele deutsche Bücher, die ich auf diese Weise bekommen habe“ (8).

Auch seine Eltern scheinen über den Heimatverlust ohne große Probleme hinweggekommen zu sein. Er selbst erklärt sich das damit, dass seine Familie aus einfachen Verhältnissen stammt, die keine so enge Bindung an die Heimat verspürte wie beispielsweise die intellektuelle Elite. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, inwiefern das Gefühl des Heimatverlustes und die Heimatsehnsucht nach einer Emigration von der sozialen Herkunft beeinflusst wird. Erfährt ein einfacher Straßenbahnfahrer die erzwungene Ansiedlung an einem fremden Ort als weniger schmerzhaft als ein Intellektueller? Eine klare Antwort wird sich hier nicht finden, zu sehr hängt sie von Faktoren wie Integration, oder guten und schlechten Erfahrungen am alten wie am neuen Ort ab. Ein Arbeiter kann durch seinen Familien- und Freundeskreis, durch die Liebe zur Heimat genauso an die Stadt gebunden sein wie ein Dichter, für den sich die Heimatliebe vielleicht an anderen Dingen und auf einem anderen Niveau festmacht. Vielmehr lässt sich wahrscheinlich eher der unterschiedliche Umgang mit dem Verlust und wie sich dieser ausdrückt, in soziale Kategorien einordnen.

Der gelernte Tierarzt jedenfalls drückt seine Verbundenheit mit der alten Heimatstadt mit Hilfe der Fotografie aus. Die Liebe zu dieser Kunst hat er schon sehr früh entdeckt, wodurch Fotos von Lemberg sowie dem damaligen Breslau entstanden sind. Bereits kurz vor Ausrufung des Kriegsrechts in Polen im Juni/Juli 1981 organisierte er die Ausstellung Das historische Lemberg in Breslau, in der er seine Aufnahmen zeigte. Auf die recht mutige Aktion zurückblickend, meint er heute, dass er damals einen politischen Riecher hatte, man müsse eben nehmen was kommt, und das sofort.

Breslau bedeutet Herrn Zieliński sehr viel, doch er betonte die unterschiedliche Einbettung der beiden Städte in ihr Umland: Lemberg – umgeben von Hügeln und bergiger Landschaft, und Breslau – flach, aber umgeben von Wasser und Flüssen, was das Matrosenherz unseres Gesprächspartners höher schlagen lässt. „Die Oder macht Breslau zu einer der schönsten Städte Polens, oder, meiner bescheidenen Meinung nach, überhaupt zur schönsten Stadt. Noch so eine Stadt gibt es in Polen nicht“ (9). Er hütete sich aber davor, Breslau direkt mit Lemberg zu vergleichen, da Lemberg andere, aber ebenso schöne Charakteristika aufweise, die er Interessierten als Reiseführer durch seine Heimatstadt noch immer gerne nahebringt (Abb. 8). Enge Verbundenheit zu Breslau finden wir auch bei unserer nächsten Gesprächspartnerin Frau Wanda Fuchsa, die mit 16 Jahren von Lemberg nach Breslau umgesiedelt wurde. Sechs Wochen dauerte die Fahrt. Durch die Arbeit des Vaters im Bankgeschäft bekam die Familie Hilfestellung. Aufgenommen in einem von der damaligen Bank Gospodarstwa Krajowego zur Verfügung gestellten Saal wurde ihnen nach zwei Monaten eine Wohnung im Stadtviertel Biskupin zugewiesen, sie erhielten gebrauchte Möbel – alles Hinterlassenschaften der deutschen Bewohner. Das Heimweh war fast unerträglich, erzählte sie uns, und viele Gespräche im neuen Zuhause drehten sich um die verlassene Heimat, zu der auch das Grab der Mutter gehörte. Ihr Vater habe nie erwartet, je wieder zurückziehen zu können, doch geträumt hätten sie lange davon. Erst nach dem Studium, als Lehrerin, sagte Frau Fuchsa, habe sie Breslau wirklich in ihr Herz geschlossen. Wir wollten wissen, wie es sich als Geschichtslehrerin vereinbaren ließ, Wissen zu vermitteln, das den eigenen Erfahrungen widersprach: „Meine Schüler konnten zwischen den Zeilen lesen. [...] [meine Schüler sagten], dass sie den Geschichtsunterricht immer in Erinnerung behalten werden, denn er war es, der uns die wahre Geschichte gelehrt hat“ (10). Zu größeren Zwischenfällen sei es nie gekommen. Man wusste, wie man sich offiziell zu verhalten hatte. Stolz zeigte sie uns ihren Eintrag in der „Encyklopedia Wrocławia“ (2000), in der sie als Lehrerin sowie als langjähriges Mitglied der Polnisch-Historischen Gesellschaft gewürdigt wird. Trotz ihrer Liebe zu Breslau geriet Wanda Fuchsa ins Schwärmen, als sie uns ihre Erinnerungen an das kosmopolitische Lemberg darlegte. Das Selbstverständnis des Zusammenlebens der vielen Nationen und Religionen in dieser Stadt prägte die Lemberger und machte die Atmosphäre aus, die viele von ihnen später so sehr vermissten. Unsere Gesprächspartner leiten die immer wieder erwähnte Toleranz untereinander aus eigenen Nachbarschaftserfahrungen her. So gehen die Informationen des öfteren nicht mit den uns aus der Geschichte bekannten Fakten wie dem Hass zwischen Ukrainern und Polen (Bürgerkrieg 1918/19) und dem vorhandenen Antisemitismus einher (Vgl. u.a. Tomaszewski 1994: 281-285).

Die Pflege der Lemberger Tradition in Zeiten des Kommunismus und nach der Wende

Der Mythos, die Bevölkerung Breslaus sei gänzlich aus dem ehemaligen Ostpolen übergesiedelt und die Mehrheit der Breslauer komme aus Lemberg und den südöstlichen Wojewodschaften Vorkriegspolens, lässt sich alleine mit den folgenden statistischen Erhebungen widerlegen: Die Bevölkerung Breslaus setzte sich 1947/48 aus Umsiedlern aus Zentralpolen (73,2 Prozent), Autochthonen, Reemigranten und nur zu 20,5 Prozent aus sogenannten Repatrianten aus den ehemaligen Ostgebieten zusammen. Nur 9,8 Prozent stammten direkt aus Lemberg, 6,4 Prozent aus den umliegenden Wojewodschaften Stanisławów, Tarnopol und Wołyn (Vgl. Ordyłowski 2000: 26-28). Viele Menschen, die aus kleineren Ortschaften kamen, gaben jedoch an, aus Lemberg zu stammen, und auch dies trug dazu bei, dass der Anteil der Lemberger größer erschien, als er wirklich war. Ein großer Teil der Bevölkerung des ehemaligen Ostpolens wurde in den Umsiedlungstransporten direkt in die Westgebiete und so auch nach Niederschlesien gebracht, denn es war nicht leicht, freiwillige Siedler für die ehemals deutschen und vom Krieg stark zerstörten Gebiete zu finden, die allgemein unter dem Namen „wilder Westen“ (dziki zachód) bekannt waren.

Die Repatrianten aus dem Osten waren zum Großteil mit ihrer neuen Situation unzufrieden, da sie ihre Heimat nicht freiwillig verlassen hatten, sondern deportiert und teilweise mittels schwerer Repressalien vertrieben worden waren. All dies lief unter dem Deckmantel einer freiwilligen Repatriierung im Rahmen des polnisch-sowjetischen Bevölkerungsaustausches ab (Vgl. Ciesielski 1999), der in einem polnisch-sowjetischen Abkommen 1945 besiegelt worden war. Die erzwungene Umsiedlung, deren chaotischer Ablauf und die sehr eingeschränkte Möglichkeit, sich den zukünftigen Wohnort auszusuchen, schwächte den Anpassungswillen der Ostpolen und hielt die Sehnsucht nach der alten Heimat am Leben. Ebenso erzeugte dies eine von Anfang an negative Einstellung gegenüber der kommunistischen Partei, die für den Verlust der Ostgebiete verantwortlich gemacht wurde. Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr in die Heimat verstärkte das Gefühl der Vorläufigkeit und trug zur Verbreitung von Gerüchten über eine erneute Verschiebung der polnischen Grenzen nach Osten bei.

Daher betrachteten die kommunistischen Eliten die Ostpolen als kaum manipulierbares destruktives Element mit sturen politischen Ansichten. Diese Eigenschaften der Ostpolen drückten sich vor allem in passivem Widerstand, dem Boykott politischer und gesellschaftlicher Strukturen und einer gewissen Immunität gegenüber der kommunistischen Propaganda aus (Vgl. Kaszuba 2002: 450).

von den Machthabern ungern gesehene Heimatbezug der Ostpolen, der ab 1948 offen bekämpft wurde, passte nicht in das Bild der polnisch-sowjetischen Freundschaft. „Mindestens eine Generation lang sollte ,Lemberg‘ ein Name sein, dessen Klang das kommunistische Regime fürchtete“, wie es Norman Davies ausdrückt (Davies 2002: 532). Elemente des Kulturguts der Ostgebiete wie das Ossolineum, die Fredro-Statue und das Panorama von Racławice waren jedoch Symbole der Weiterführung heimatlicher Traditionen am neuen Wohnort. Populär, wenngleich politisch provokant, war es ebenso, Restaurants, Läden oder Friseursalons Namen zu geben, die auf die alte Heimat anspielten, so zum Beispiel Lwowianka, Wilnianka oder Lwowski Fryzjer (Davies 2002: 497).

Trotz der zahlenmäßigen Minderheit übten die Lemberger einen starken Einfluß auf die Breslauer Bevölkerung aus. Sie brachten Traditionen und Gebräuche, Straßennamen und Bezeichnungen für öffentliche Gebäude mit und trugen als aktive und meinungsbildende Bevölkerungsgruppe dazu bei, die gesellschaftliche Infrastruktur aufzubauen. Auch der Transfer ganzer Institutionen aus Lemberg, die den schnellen Wiederaufbau vorantrieben, wirkte sich in bedeutendem Maße auf die Ambitionen der Stadt Breslau und ihre Rolle als Hauptstadt Niederschlesiens aus (Vgl. Wrzesiński 1999: 437). Gerade die Lemberger Intelligenz war sehr populär und verlieh der Breslauer Universität noch über Jahre hinweg einen regionalen Charakter.

Bereits in den ersten Jahren nach dem Krieg gab es kleinere Kreise von Lembergern, die sich trafen und sich gegenseitig unterstützen. Ein erstes Buch mit Lemberger Erinnerungen ist bereits in den 1960er Jahren erschienen, aber das Wort Lemberg wird darin kein einziges Mal erwähnt. Es wurde zur „geheimen Bibel“ der Lemberger.

Erst 1988 erlaubte die Regierung die Gründung des bereits oben erwähnten Vereins TML. Der Verein ist heute landesweit aktiv. In Breslau befindet sich der Sitz der Hauptverwaltung, der für die einzelnen Gesellschaften in verschiedenen Städten Polens zuständig ist und deren Tätigkeiten koordiniert. Mehrmals im Jahr gibt der Verein die Zeitschrift Semper Fidelis heraus, die über die verschiedenen Aktivitäten der Vereine berichtet, und die außerdem als Meinungsblatt – mit teilweise recht konservativen Ansichten – der ehemaligen Ostpolen fungiert.

Jedes Jahr im Juni, zeitlich verbunden mit dem Namenstag Fredros, organisiert der Verein in Breslau traditionell die Lemberger Tage (Dni Lwowa). Hier geht es aber weniger darum, das zeitgenössische ukrainische Lemberg zu präsentieren, als vielmehr das alte polnische Lemberg wieder auferstehen zu lassen. Eingeladen werden vorwiegend Tanz- und Musikgruppen der polnischen Minderheit in Lemberg. Auch die Stadt selbst scheint an der Pflege des „Mythos Lemberg“ mitzuwirken. Wie sonst kann man es verstehen, dass in der Stadt Ausstellungen über Lemberger Architekten gezeigt werden und eine Gemäldeausstellung Polnische Meisterwerke ihren Weg aus dem ukrainischen Lemberg direkt ins Breslauer Rathaus gefunden hat? Allerdings versucht man, Kontakte nach Lemberg nicht nur einseitig mit der polnischen Seite aufrechtzuerhalten. Man ist ebenso an einer Zusammenarbeit mit den Lemberger Ukrainern interessiert, wovon die seit 2003 bestehende Städtepartnerschaft zwischen beiden Städten zeugt.

Die Aktivitäten des TML ziehen vor allem die ältere Generation an, die in Lemberg geboren wurde und dort zumindest einen Teil der Jugend verbracht hat. Leszek Sawicki beklagt, dass sich die zweite Generation, die im Kommunismus aufgewachsen ist, von ihren ostpolnischen Wurzeln abgewendet und eher eine allgemein polnische oder europäische Identität angenommen hat. In letzter Zeit nimmt jedoch das Interesse in der jüngeren Generation wieder zu. Dies steht teilweise auch in Zusammenhang mit den in Aussicht gestellten Entschädigungszahlungen für verlorenen Besitz in den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Personen, die im Osten Immobilien besaßen, wurden dafür nach dem Krieg nicht entschädigt. Sie konnten sich nur um neue Wohnungen bzw. Höfe bewerben, aber nicht alle habe solche Equivalente erhalten. Nun erzielten sie erstmals einen gerichtlichen Durchbruch. Der polnische Staat muss entsprechend der Verträge zur Repatriierung von 1944/45 einigen Vertriebenen aus Ostpolen Entschädigungen zahlen.

Von den einzelnen Klubs der Lemberger konnten wir den Klub Leopolis in einem Interview mit der Vorsitzenden Elżbieta Urbańska näher kennen lernen. Der Erste Breslauer Klub Leopolis des Vereins der Freunde Lembergs (Pierwszy Wrocławski Klub Leopolis Towaryzstwa Miłośników Lwowa) wurde im Januar 1989 gegründet, nachdem der TML fünf Monate vorher offiziell seine Tätigkeit aufnehmen konnte. Leopolis war der erste Klub dieser Art, nach und nach wurden weitere gegründet. Zu den Treffen, die zweimal monatlich stattfinden, kommen durchschnittlich 40 bis 50 Personen, insgesamt hat der Klub fast 300 eingetragene Mitglieder. Es werden jedoch immer weniger, einige sind verstorben und viele der alten Menschen können ihre Wohnungen nicht mehr verlassen. „Aber man kann die alten Leute doch nicht allein lassen“, so Frau Urbańska.

Einmal pro Jahr wird ein Ausflug nach Lemberg organisiert, man trifft sich aber auch zu gemeinsamen Ausflügen innerhalb Polens sowie zu Pilgerfahrten. Auch Leopolis sammelt Geld für die noch in Lemberg verbliebenen Polen und unterstützt die Redaktion der Gazeta Lwowska, eine von der polnischen Minderheit herausgegebene Monatszeitschrift – obwohl die finanzielle Lage des Klubs schwierig ist. Momentan befindet sich das Büro bei Frau Urbańska zu Hause. Im Vorstand sind zehn Personen, aber „jemand muss ja alles organisieren“, sagte sie. Fünf gebundene Chroniken sind seit der Gründung des Klubs entstanden. Unikate, die in Form von Bildern, Berichten und Zeitungsausschnitten die Tätigkeit des Klubs darstellen. „Solange wir können, solange Leute zu uns kommen, werden wir da sein“, sagt Elżbieta Urbańska und erzählt uns gleich von den nächsten geplanten Aktivitäten: Im Mai wird es einen Ausflug nach Milice geben, im Juli findet traditionell eine Fahrt nach Częstochowa zur Messe für die „Kresowiacy“, die Ostpolen, statt. Letztens war zu einem Treffen Professor Miodek eingeladen, eine große Autorität auf dem Gebiet der Polonistik, der auch etwas zu seinen Wurzeln im Osten erzählen konnte. Beim nächsten Treffen werden zwei Herren Unterhaltsames im Lemberger Dialekt „Bałak” vortragen.

Trotz aller Schwierigkeiten haben die Lemberger in den letzten 15 Jahren sehr viel auf die Beine gestellt. Sie haben durch ihr Engagement viel geschaffen und die Verbindung zu Lemberg aufrechterhalten. Ob das in Zukunft auch so sein wird, hängt davon ab, ob die junge Generation sich noch für die Heimat ihrer Großeltern interessieren wird. Die Prognosen unserer Gesprächspartner fielen unterschiedlich aus, aber allgemein haben sie ein wieder wachsendes Interesse am Osten in der dritten Generation bestätigt.



Originalzitate

(1) „Od pierwszego roku życia jestem Lwowiakiem, czuję się Lwowianinem z krwi i kości, całkowicie.“

(2) „[...] duch lwowski, który tam panował – teraz już nie istnieje, Ukraińcy nie przyjęli tego. Może dlatego, że są z Rosjanami tam wymieszani, chyba im to nie wychodzi. [...] Jakiś tam most istnieje między Ukraińcami a Polakami, ale nie istnieje przede wszystkim z Radą Miasta Lwowa.“

(3) „Lwowiacy zawsze się trzymali razem. [...] Pracownicy uniwersytetu i politechniki [...] to wszystko byli lwowiacy, i między nimi zawsze bardzo miły kontakt był utrzymany. Ale ten kontakt nie był miłe widziany przez władzy, gdyż nie wolno było mówić o rzeczy lwowskie albo kontakty utrzymać.“

(4) „[...] zaczynam więc pracować. Przypominałem sobie wrażenia dziecięcy, co widzę, co pamiętam. To jest miasto które widziałem, Wrocławia już nie widziałem, przyjechałem tu jako niewidomy człowiek.“

(5) „[...] było [to] rozlew krwi braterskiej. Ludzie, którzy przed wojną się kochali, żenili – przecież moja babka [...] to jest ruska szlachcianka...“

(6) „Chcemy dać ludziom i światu śmiałość myśli, skrzydła nadzieji, przyjaźń i dzień zwycięstwa nad przeciwnością losu – my, Poeci bez Granic.“

(7) „[...] i zaczęliśmy pracować [1987]. W ciągu 9 miesięcy [...] powstawało TML [...], trzeba było stworzyć statut, trzeba było stworzyć program, to wszystko oddać do odpowiednich urzędów, żeby oni to przejrzeli i zatwierdzili, albo nie. [...] ale zaakceptowali.“

(8) „Ja chodziłem po tych opuszczonych mieszkaniach niemieckich, które zostałe już obszabrowane, [...] chodziłem po podłodze pokrytej czasopismami, książkami [...] mam wiele książek niemieckich zdobytych właśnie w ten sposob.“

(9) „Ta Odra właśnie czyni to, że Wrocław jest albo jednym z najpiękniejszych miast Polski, albo, moim skromnym zdaniem, w ogóle najpiękniejszym miastem. Nie ma takiego [drugiego] miasta w Polsce.“

(10) „Moi uczniowie [...] umieli czytać między wierszami. [...] [uczniowie pisali] że będą pamiętać zawsze lekcje historii, bo to była ta, która uczyła nas prawdziwej historii.“

(11) „Można porównać tę atmosferę Lwowa z tą we Wrocławiu. W latach po wojnie Wrocław był miastem studentów. Ta mlodzież nadała bardzo przyjemny charakter miastu. Później to było tłumione i humor i kabarety. Po 1990r. z powrotem się ta wesołość, ten humor pojawił. To w pewnym sensie można porównać do atmosfery Lwowa.“




po polsku

Abbildungen


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Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


Abb. 5




Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien