Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Nation und Konfession. Das multikonfessionelle Breslau

von Anna Erlbacher und Nelli Grabek

Einleitung

Wir bemühten uns, Elemente zu betonen, die uns allen gemein sind […], jedoch jedes Mal tauchten Elemente auf, die uns unterscheiden.“ („Staraliśmy się kłaść nacisk na wspólne jakieś elementy, które nas łączą [...], aczkolwiek za każdym razem, pojawiały się jakieś elementy, które nas różnią.”)



– Iwona Orawska, Mitarbeiterin der polnischsprachigen Protestantischen Gemeinde Breslaug

Ein Blick auf die konfessionelle Zusammensetzung der Breslauer Bevölkerung offenbart eine erstaunliche Vielfalt. Die heutige Präsenz dieser unterschiedlichen Religionsgruppen ist ein Resultat geschichtlicher Prozesse, im Zuge derer verschiedene Nationalitäten in dieser Stadt Fuß fassten. All diese Gruppen haben nicht nur ihre Kultur, sondern als Teil derer auch ihren Glauben in die Stadt hineingetragen. Und trotz der Pläne der kommunistischen Machthaber, ihre Vorstellung eines national homogenen Polens durch Assimilierung aller Minderheiten in die Tat umzusetzen, ist diese Vielfalt der religiösen und nationalen Identitäten bis zum heutigen Tage erhalten geblieben. So hat Breslau als Folge der ehemals deutschen, protestantischen Mehrheitsbevölkerung immer noch eine kleine deutschsprachige evangelische Gemeinde. Gleichzeitig existiert aber auch eine polnischsprachige protestantische Gemeinde, deren Mitglieder mehrheitlich nicht aus Breslau stammen. Zudem kamen als Folge der sogenannten Aktion Weichsel (Akcja Wisła) Ukrainer aus Ostpolen nach Breslau, die seit der Wende nach 45 Jahren der Illegalität ihren griechisch-katholischen Glauben ukrainisch-byzantinischen Brauchtums ungehindert pflegen können. Des Weiteren entstanden nach dem Krieg als Folge der Umsiedlungen ostpolnischer Minderheitsbevölkerung zwei orthodoxe Gemeinden in der ehemals deutschen Stadt. Gegenwärtig werden diese von orthodoxen Ukrainern, einigen wenigen Russen und Polen besucht. Sogar die Auswanderung einer großen Anzahl von Polen nach Amerika im 19. Jahrhundert wirkt sich auf das heutige religiöse Leben Breslaus aus: Sie gründeten in der neuen Heimat eine eigene Kirche, die sogenannte polnisch-katholische Kirche, die in der Zwischenkriegszeit wiederum nach Polen ausstrahlte. Erstaunlich auch, dass Breslau trotz des Holocausts und antisemitischer Kampagnen in der kommunistischen Volksrepublik Polen immer noch eine kleine jüdische Gemeinde besitzt.

Dieses Mosaik zeigt, wie sehr die gegenwärtige konfessionelle Landschaft Breslaus durch Migrationen, Umsiedlungen und Grenzverschiebungen vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt ist.

Unser Ziel war es, herauszufinden, wie sich das Miteinander in diesem für polnische Verhältnisse relativ bunten Flickenteppich der Konfessionen und Religionen gestaltet. Entspricht das Maß an tatsächlicher Zusammenarbeit den Darstellungen des Stadtmarketings, das die Stadt als offen, multikulturell und modellhaft für andere polnische Städte verkauft? Wie äußert sich diese Offenheit konkret im religiösen Bereich? Können die verschiedenen Glaubensgemeinschaften aus ihrer Perspektive dem Slogan vom überdurchschnittlich toleranten Breslau zustimmen?

Diesen Fragen wird anhand von zwei Fallstudien nachgegangen: Die erste beschäftigt sich mit dem sogenannten Stadtviertel der gegenseitigen Achtung (Dzielnica Wzajemnego Szacunku). Gegenstand der zweiten Fallstudie ist die Situation der griechisch-katholischen Gemeinde in Breslau. Beide Schwerpunkte sind besonders geeignet, das Wesen der interkonfessionellen Zusammenarbeit in Breslau zu veranschaulichen und sowohl Chancen als auch Probleme der ökumenischen Idee in Breslau aufzuzeigen: Auf der einen Seite bietet sich die Dzielnica Wzajemnego Szacunku, die ein einmaliges Projekt in ganz Polen darstellt, hervorragend an, den ökumenischen Dialog im Detail zu betrachten. Auf der anderen Seite illustriert das Beispiel der griechisch-katholischen Kirche, die nicht mit in das Projekt der Dzielnica einbezogen wurde, welche Schwierigkeiten eine solche Außenseiterrolle beinhaltet.

Der Einführung in die Thematik dienen einige theoretische Überlegungen zu Multikonfessionalität und Ökumene. Anschließend wird versucht, eine Einschätzung des herrschenden interkonfessionellen Klimas in Breslau vorzunehmen.

Als Grundlage für die vorliegende Arbeit dienten uns neben themenspezifischer Literatur mehrere Interviews, die wir vor Ort durchführten. Dabei lassen sich unsere Gesprächspartner in zwei Gruppen unterteilen: Zum einen sprachen wir mit Geistlichen der mittleren und unteren Ebene der Kirchenhierarchie, deren Ansichten interkonfessioneller Beziehungen folglich stärker theologisch geprägt waren. Zum anderen interviewten wir „normale“ Gemeindemitglieder. Unsere Fragen hoben bei diesen Personen vorrangig auf die eigenen, oft stark durch historische Ereignisse geprägten, Erfahrungen ab.

Insofern handelt es sich also um eine Momentaufnahme und unsere Betrachtungen beschränken sich im Wesentlichen auf die gegenwärtige Situation des religiösen Lebens in Breslau, wie es sich seit der politischen Wende von 1989 entwickelt hat, wobei wir zur Erklärung der heutigen Rolle der griechisch-katholischen Gemeinde verschiedene historische Ereignisse seit dem Zweiten Weltkrieg heranziehen.

Multikonfessionalität und Ökumene – theoretische Anmerkungen

Im Zuge der Beschäftigung mit Multikonfessionalität und Ökumene wurde uns klar, dass diese Begriffe keineswegs so eindeutig sind, wie es anfangs schien. Wann ist eine Stadt multikonfessionell? Reicht die bloße Anwesenheit verschiedener Konfessionen aus oder ist ein spezifisches Bewusstsein für diese Vielfalt auch innerhalb der Stadtbevölkerung notwendig? Müssen die Konfessionen im Stadtbild und im öffentlichen Bewusstsein präsent sein?

Ähnliche Probleme bereitete der Begriff der Ökumene: Kann man von Ökumene sprechen, wenn die Konfessionen friedlich nebeneinander leben oder bedarf es einer aktiven Zusammenarbeit? Bezieht sich Ökumene auf das Verhältnis zwischen christlichen Konfessionen, also auf den Bereich der Multikonfessionalität, oder schließt sie auch das Verhältnis der christlichen Konfessionen zu anderen Religionen, wie dem Judentum, mit ein und ist damit auch auf den Bereich der Multireligiosität anwendbar?

Die Sichtung der Literatur zum Thema Ökumene verdeutlicht, dass der Begriff religionsgeschichtlich betrachtet sehr verschiedene Bedeutungszuschreibungen erfahren hat. Nach orthodoxer Auffassung ist ökumenisch, was dem Patriarchat von Konstantinopel untersteht. Nach katholischem Verständnis ist ökumenisch, was der Jurisdiktion der römisch-katholischen Kirche untersteht. Das reformatorische Verständnis der Ökumene belegt dagegen alles mit diesem Begriff, was sich auf das erste ökumenische Konzil von Nicäa aus dem Jahre 325 bezieht, auf dem eine drohende Spaltung innerhalb der christlichen Kirche abgewendet werden sollte. Um zu klären, welche Bedeutung Ökumene heute hat, berufen wir uns auf das Selbstverständnis des Ökumenischen Rates der Kirchen, der seit 1948 besteht und dem heute etwa 340 Kirchen aus 120 Ländern angehören. Dieser schreibt über sich selbst:

„Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Vgl.URL: http://www.wcc-coe.org/wcc/who/indesx-g.html, Stand: 19.8.2004).

Nach dieser Definition ist unbedingt der Wille zur Zusammenarbeit notwendig, damit von Ökumene die Rede sein kann. Außerdem wird der Terminus Ökumene nur auf das Zusammenleben der christlichen Konfessionen bezogen; für die Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Judentum sind dem Ökumenischen Rat zufolge Begriffe wie „interreligiöser Dialog“ oder „multireligiöse Veranstaltung“ angemessener.

Dem Ökumenischen Rat gehören in erster Linie Kirchen der protestantischen und orthodoxen Tradition an. Die römisch-katholische Kirche ist dem Rat nicht beigetreten, da ihr Selbstverständnis als die alleinig wahre Kirche nicht mit dem ökumenischen Verständnis des Rates zu vereinbaren ist. Tatsächlich ist der Rat stark auf die protestantische Auffassung von Ökumene ausgerichtet, was häufig zu Spannungen mit Mitgliedern anderer Konfessionen führt. Fragen, an denen sich die Geister scheiden, sind in erster Linie die nach den Entscheidungsträgern der Ökumene sowie den Maßnahmen und Zielen.

In der vorliegenden Arbeit verwenden wir den Terminus Ökumene im Sinne des Ökumenischen Rates. Wir fragen also, inwieweit die Konfessionen gemeinsam auf das Ziel eines besseren gegenseitigen Verständnisses hin arbeiten. Ergänzend haben wir neben den christlichen Konfessionen auch das Judentum in unsere Überlegungen einbezogen.

Fallstudie 1: Dzielnica wzajemnego szacunku – Prototyp der gelebten religiösen Toleranz?

In Breslau gibt es seit 1995 das Projekt eines Stadtteils der gegenseitigen Achtung, der eine katholische, die evangelische, eine orthodoxe und die jüdische Gemeinde der Stadt umfasst. Unsere Frage war also, was es mit diesem Projekt beziehungsweise dem Stadtteil am Rande der Altstadt auf sich hat.

Die Synagoge steht in einem Hinterhof der Ulica Włodkowica. Sie wirkt wie ein Relikt längst vergangener Zeiten, Ehrfurcht einflößend aber auch irgendwie fehl am Platz. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie Breslau im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesehen haben könnte. Sobald der Blick sich jedoch auf die antisemitischen Schmierereien an der Wand neben der Synagoge und auf die Mahntafel zum Gedenken des Holocausts gegenüber richtet, holt einen diese Symbolik augenblicklich wieder zurück in die Gegenwart.

Die junge Frau, die wir im Büro der jüdischen Gemeinde antreffen, willigt zwar ein, ein Interview zu geben, wirkt aber nicht unbedingt erfreut über unser Interesse. Sie erklärt, dass das Stadtviertel der gegenseitigen Achtung eine Initiative zur Unterstützung des gegenseitigen Kennenlernens zwischen den Gemeindemitgliedern der unterschiedlichen Konfessionen ist. Den Gemeindemitgliedern, in erster Linie den Kindern, sollte Gelegenheit gegeben werden, einander näherzukommen und auf diese Weise Vorurteile abzubauen. Die Entstehung der Idee erläutert sie folgendermaßen: „Das war eine Initiative des ehemaligen Gemeindevorsitzenden und eines Mönchs der katholischen Kirche, gleich neben der Synagoge. Während eines Festtagsgottesdienstes zu irgendeinem Anlass, ich weiß nicht mehr zu welchem, wurde in der Kirche, in der der Gottesdienst stattfand, eine Fensterscheibe eingeschlagen, und an diesem Gottesdienst nahm auch eine Delegation der jüdischen Gemeinde teil und auch der protestantischen und orthodoxen. Und Herr Kichler hat den Vorschlag gemacht, gegenseitige Achtung zwischen den vier Konfessionen zu lehren“ (1) (Auf der Internetseite URL: www.miasto-dialogu.wroc.pl, Stand 19.8.2004 wird das Entstehungsjahr der Dzielnica mit 1995 angegeben.).

Das Projekt klingt interessant, doch der etwas gleichgültige, beinahe gereizte Ton der Frau lässt keine überschwängliche Begeisterung für diese Idee erkennen. Ist ihr das Thema der ökumenischen Zusammenarbeit, konkret innerhalb der Dzielnica Wzajemnego Szacunku, zu der wir sie hauptsächlich befragen, nicht wichtig? Oder ist ihr Verhalten eher Ausdruck von Resignation über einen gescheiterten Versuch, Ökumene zu leben? Auf unsere Nachfrage erklärt sie, dass das Projekt im Moment etwas eingeschlafen sei, da die junge Frau, die sich damit innerhalb der jüdischen Gemeinde in erster Linie beschäftigte, nicht mehr arbeiten würde. Eine ausreichende Erklärung?

Nicht ausreichend, aber zumindest ansatzweise richtig, wie uns der Besuch bei der evangelischen Gemeinde belehrt. Personelle Änderungen in der jüdischen und der katholischen Gemeinde hätten dazu geführt, dass die Zusammenarbeit nicht mehr so gut funktionierte, da die neuen Spitzen der Gemeinden ein vergleichsweise geringes Interesse für diese Idee zeigen würden. Es würde eher als zusätzliche Verpflichtung, denn als inneres Bedürfnis empfunden. Hier scheint eine unterschiedliche Wahrnehmung beider Seiten zu bestehen, denn die Vertreterin der jüdischen Gemeinde hatte bekräftigt, dass die Zusammenarbeit mit den Protestanten besonders gut sei, mit den Katholiken dagegen eher schwierig. Zumindest im letzten Punkt sind sich Juden und Protestanten einig.

Diese Einschätzung bestätigt sich während unserer Gespräche mit verschiedenen katholischen Priestern außerhalb des Stadtviertels der gegenseitigen Achtung. Es muss jedoch erwähnt werden, dass leider kein Gespräch mit dem Pfarrer der katholischen Kirche in der Dzielnica Wzajemnego Szacunku möglich war und die ablehnende Haltung also nicht auf das Verhalten der katholischen Kirche in der Dzielnica übertragen werden darf. Dessen Kollegen in anderen Gemeinden Breslaus schienen dem ökumenischen Gedanken gegenüber jedoch häufig eher reserviert eingestellt zu sein und zeigten kein besonders großes Interesse an der Zusammenarbeit mit den anderen Konfessionen. Dieses Desinteresse mag zum einen mit der Stellung der römisch-katholischen Kirche als Mehrheitskirche zusammenhängen, die aus dieser Machtposition heraus keine Notwendigkeit in der Zusammenarbeit sieht, zum anderen lässt es sich auf das andere – katholische – Verständnis von Ökumene zurückführen, das auf dem alleinigen Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche beruht.

Der orthodoxe Pope Aleksander Konachowicz gewährt uns hingegen ein kurzes Interview: „Der Name unseres Stadtviertels verpflichtet. Schließlich stützen wir uns die ganze Zeit auf den Grundsatz der gegenseitigen Achtung“ („Nazwa naszej dzielnicy zobowiązuje. Ciągle przecież opieramy się na wzajemnym szacunku.“)(URL: www.miasto-dialogu.wroc.pl/rozmowa2.html Stand 19.8.2004).Diese Aussage des Popen erweckt den Eindruck, dass der Gedanke der Ökumene von der orthodoxen Gemeinde der Dzielnica vollends verinnerlicht worden wäre. Die Politik, die man gegenüber der griechisch-katholischen Kirche betreibt, widerspricht jedoch dieser Vermutung, denn es wird offensichtlich, dass die gegenseitige Achtung auf das Gebiet dieses Stadtviertels beschränkt ist. Die Vertreterin der jüdischen Gemeinde hatte erklärt, zur griechisch-katholischen Gemeinde würden aufgrund der räumlichen Entfernung nur geringe Kontakte bestehen. Von der griechisch-katholischen Gemeinde selber erfahren wir, dass die orthodoxe Kirche alle Veranstaltungen und gemeinsamen Projekte boykottieren würde, sobald ihre Geistlichen miteinbezogen würden. Und so ist diese Glaubensgemeinschaft doch isoliert. Für den orthodoxen Popen ist eine solche Ausgrenzungspolitik offenbar völlig naheliegend, schließlich handle es sich bei der griechisch-katholischen Kirche um eine unerlaubte Abspaltung, weshalb sie nicht anerkannt werden könne. Würde eine solche Logik aber nicht jegliche Zusammenarbeit zwischen allen Konfessionen unmöglich machen? Schließlich gelten aus orthodoxer Sicht alle anderen Konfessionen, auch die katholische, als Abspaltungen von der einen wahren – orthodoxen – Kirche.

Aufgrund dieses problematischen Verhaltens gegenüber der griechisch-katholischen Kirche scheint uns die Beteiligung der orthodoxen Gemeinde an dem Dzielnica Wzajemnego Szacunku eher räumlich als ideell bedingt zu sein und wirkte daher nicht überzeugend.

Janusz Witt, ein langjähriges Mitglied der polnischsprachigen protestantischen Gemeinde, scheint sich mit diesem Projekt sowie allgemein mit der Ökumene in Breslau persönlich identifizieren zu können. Während des Interviews und auch in Zeitungsartikeln, die er über die protestantische Gemeinde in Breslau für deutsche Zeitungen verfasste, betont er stets die Offenheit seiner Gemeinde, deren Selbstverständnis er in den Bildern von der „Brücken-Gemeinde“ und des „Brückenbauers“ zusammenfasste. So bezeichnet er sich nicht nur als Mitbegründer der Dzielnica, sondern ist auch in anderen „brückenschlagenden“ Initiativen aktiv, wie zum Beispiel im Vorstand der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, der Bonhoeffer-Gesellschaft, die vor der katholischen Garnisonskirche ein Denkmal für den deutschen protestantischen Theologen Dietrich Bonhoeffer aufstellen ließ, und der Stiftung Dortmund-Breslau. Außerdem pflegt er enge Kontakte zum Klub der katholischen Intelligenz, der sich ebenfalls für interkonfessionelle und internationale Beziehungen stark macht.

Auf unsere Frage nach konkreten Projekten, durch die sich die Dzielnica realisiert, wird wiederholt auf das an Kinder gerichtete Programm Dzieciaki (Kinder) hingewiesen, das in den letzten Jahren erfolgreich durchgeführt wurde. Ansonsten und vor allem zum heutigen Zeitpunkt scheint sich die Zusammenarbeit jedoch in erster Linie auf gegenseitige Einladungen und Besuche zu kulturellen Veranstaltungen und gelegentliche ökumenische Gottesdienste zu beschränken.

Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die gute Idee des Projekts der Dzielnica Wzajemnego Szacunku in der Praxis noch schwer umzusetzen ist. Ein Hauptproblem bringen personelle Veränderungen mit sich: Da eine funktionierende Zusammenarbeit stark vom Engagement einzelner Personen und deren Sympathien füreinander abhängt, birgt die Neubesetzung einer Stelle immer ein Risiko für den reibungslosen Ablauf der Dzielnica. So zeigt die momentane „Flaute“, dass dieses Projekt, das von allen Seiten als vorbildlich gerühmt wird und auch bereits mit zwei Preisen ausgezeichnet worden ist, noch auf wackligen Füßen steht, und bislang nicht von der Mehrheit der Gemeindemitglieder getragen wird.

Zu einem interessanten Ergebnis führt unterdessen ein Vergleich der Strategie des Stadtmarketings, das die Dzielnica unter anderem als Beispiel für das tolerante Breslau anführt, mit dem Ereignis, das zur Gründung dieses Viertels geführt hat: Nicht ein Überschwang an Solidaritätsgefühl hat diese Initiative hervorgerufen, sondern ein Akt des religiösen Vandalismus, wie aus dem Interviewausschnitt mit der Vertreterin der jüdischen Gemeinde hervorgeht. Das Beispiel lässt erkennen, dass Breslau nicht per se eine offene Stadt ist, die keinerlei Probleme mit Toleranz hat, sondern dass durchaus auch negative Erscheinungen existieren, die diesem angestrebten Selbstbild entgegenstehen.

Auch stellt sich die Frage nach der Art der Außenbeziehungen der Gemeinden des Stadtviertels: Beeinflussen problematische Verhältnisse, wie das zwischen der orthodoxen und der griechisch-katholischen Kirche, das Klima innerhalb der Dzielnica? Auf diese Frage haben wir bislang keine Antwort gefunden. Im Folgenden wollen wir aber die Art und Weise des Zusammenlebens der Konfessionen in Breslau aus der Perspektive der „ausgeschlossenen“ griechisch-katholischen Gemeinde genauer beleuchten.



Fallstudie 2: Die griechisch-katholische Gemeinde in Breslau – „trudne wczoraj, niełatwe dziś" (polnisches Sprichwort: „schweres Gestern, schwieriges Heute“) (Polak 2003)

Um eine Aussage über die Multikonfessionalität treffen zu können, ist es sinnvoll, einen Blick auf die konkrete Gestaltung des interreligiösen Dialogs und das praktische Miteinander der Gläubigen im Alltag zu werfen. Als Anhaltspunkt diente uns in der vorliegenden Analyse die Ökumene. Bis 1989 war Religiosität in der polnischen Gesellschaft Privatangelegenheit. Jede Religionsgruppe kämpfte für sich gegen die antireligiöse Politik der kommunistischen Machthaber, so dass kaum Energie und Raum für Debatten über interreligiöse Zusammenarbeit blieb. Erst die politische Wende hat diese Fragen in den öffentlichen Raum zurückgeholt und so die Bedingungen geschaffen, die eine lebendige Entwicklung der Ökumene möglich machen. Darin begründet sich unser Fokus auf die Zeit nach 1989.

Die Dzielnica Wzajemnego Szacunku als Beispiel für den Versuch, Ökumene zu leben, bedeutet generell eine positive Entwicklung für Breslau. Die griechisch-katholische Kirche bleibt jedoch, wie der Befund der ersten Fallstudie zeigt, bei diesem Projekt außen vor. Die Gründe hierfür soll die zweite Fallstudie liefern.

Die räumliche Distanz zwischen dem Platz Nankiera 15a, wo sich die griechisch-katholische Kathedrale und das Gemeindehaus heute befinden, und dem Areal zwischen den Straßen Kazimierza Wielkiego, Św. Antoniego, Pawła Włodkowica und Św.Mikołaja, das als Dzielnica Wzajemnego Szacunku bezeichnet wird, ist sicherlich ein möglicher Grund. Uns schien diese Erklärung aber nicht erschöpfend und wir stellten uns daher die Frage, ob neben äußeren Umständen auch inhaltliche, also zum Beispiel theologische Differenzen zwischen den Konfessionen eine Rolle spielen und inwiefern es sich um eine erzwungene oder selbstgewählte Isolation der griechisch-katholischen Kirche handelt.

Die Interviews sollten uns Aufschluss darüber geben, welche Entwicklung die griechisch-katholische Gemeinde in Breslau seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges genommen hat, wie offen oder eingeschränkt sich das religiöse Leben heute für die Gläubigen gestaltet. Auch war es unser Ziel, herauszufinden, wie die griechisch-katholischen Gemeindemitglieder die Idee der Ökumene in Breslau wahrnehmen und welche Kontakte sie zu anderen Konfessionen der Stadt unterhalten. Es interessierte uns außerdem, welche Probleme sich aus dem interkonfessionellen Dialog ergeben und wie unsere Respondenten sich diese erklären? Wir beschränken uns im Folgenden beinahe ausschließlich auf Aussagen der griechisch-katholischen Gemeindemitglieder, da es aus verschiedenen Gründen nicht möglich war, die Vertreter der anderen Konfessionen ausreichend zu diesem Thema zu befragen.

Unsere Gesprächspartner waren Pfarrer Andrzej Michaliszyn, der Notar der bischöflichen Kurie der griechisch-katholischen Diözese Wrocław-Gdańsk, Igor Salamon, der Vertreter des Verbandes der Ukrainer in Polen und Flüchtling aus der ukrainischen Sowjetrepublik, Ewa Gal und das Ehepaar Maria und Andrzej Kołacz, Ukrainer, die im Rahmen der Akcja Wisła 1947 aus Südostpolen deportiert worden waren. Außerdem führten wir ein kurzes Gespräch mit Iwan Andrunek, einem jungen ukrainischen Opernsänger, der seit Mitte der 1990er Jahre in Breslau lebt und arbeitet.

Pfarrer Michaliszyn äußert sich in seiner Funktion als Kirchenvertreter bereitwillig und offen zur Geschichte der griechisch-katholischen Kirche in Polen sowie zur Struktur und den Aktivitäten der heutigen Gemeinde in Breslau. Anders gestaltet sich dies hingegen in den übrigen Interviews. Die zumeist älteren Gesprächspartner antworten nur sporadisch und knapp auf Fragen nach der Ökumene in Breslau. Stattdessen kommen sie, kaum dass wir unser Anliegen vorgetragen hatten, auf ihre Geschichte als Teil des Schicksals der ukrainischen Minderheit in Polen zu sprechen. Speziell in Bezug auf die Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche machen wir die überraschende Erfahrung, dass unsere Interviewpartner sich nicht auf eine Rolle als Gläubige der griechisch-katholischen Kirche festlegen lassen wollen und stattdessen auf ihre nationale Identität als Ukrainer abheben. Sie fühlen sich nicht so sehr als Anhänger einer Religion angesprochen, sondern als Repräsentanten einer nationalen Minderheit, die aufgrund historischer Auseinandersetzungen mit Polen eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat.

Dies bewog uns, genauer nachzuforschen und einem historischen Abriss zur Geschichte der ukrainischen Minderheit in Polen beziehungsweise in Breslau mehr Raum zu geben und nicht zuletzt unsere Frage umzuformulieren, um so Aufschluss darüber zu gewinnen, weshalb die Selbstwahrnehmung als Griechisch-Katholische von ihrer nationalen Identität überlagert wird.



Die ukrainische Minderheit und die griechisch-katholische Kirche in Polen seit 1947

Um den Entwicklungsweg der ukrainischen Minderheit und der griechisch-katholischen Kirche in Polen und speziell in Breslau darzustellen, erscheint eine vereinfachte Zeiteinteilung in drei grobe Phasen sinnvoll, 1947 bis 1956, 1956 bis 1980 und 1980 bis 1989. Dieser historische Abriss dient dabei als Folie, um die Perspektive der Interviewten hinsichtlich einiger Problembereiche zu erfassen: die Akcja Wisła und ihre Konsequenzen für die Ukrainer in Polen, das heißt die Zerstörung der nationalen und religiösen Einheit, die Polonisierung in dörflichen und städtischen Regionen, die Abhängigkeit der griechisch-katholischen Kirche von staatlichen Zugeständnissen und der Kulanz der römisch-katholischen Kirche, die Rolle nichtreligiöser Verbände bei der Bewahrung kultureller Identität.

Der weitaus größte Teil der griechischen Katholiken in Polen sind Ukrainer, die bis zum Krieg im Südosten des Landes lebten. Die Akcja Wisła des Jahres 1947 veränderte diese Situation innerhalb weniger Jahre völlig. Auf Beschluss der kommunistischen Führung wurden vom 28. April bis zum 28. Juli 1947 insgesamt 140.575 Ukrainer aus den in den polnischen Staatsgrenzen verbliebenen Kresy im Südosten nach West- und Nordpolen deportiert (Die Angaben zur konkreten Zahl der Deportierten schwanken. Siehe dazu auch URL: http://www.archidiecezja-gr.opoka.org.pl/ Stand 19.8.2004; Vgl. Jasiak 2001, Misiło 1993,Motyka 1999, Torzecki 1993).Die Mehrheit der Deportierten, ca. 100.000 Personen, gehörten der griechisch-katholischen Kirche an. Nachdem das Ziel der Zerstreuung der ukrainischen Bevölkerung in den sogenannten „wiedergewonnenen Gebieten“ (ziemie odzyskane) erreicht war, lebten die meisten Familien verteilt in Dörfern fern ab der Städte und Staatsgrenzen. Der Kontakt untereinander sollte ihnen soweit wie möglich erschwert werden. Da der gesellschaftliche Druck groß war, blieb vielen nur die sprachliche und kulturelle Assimilation. Das Verbot der Ansiedlung in Städten, der Gründung eigener kultureller Verbände und die intensiv betriebene Liquidierung der griechisch-katholischen Kirche sollte „die ukrainische Frage in Polen endgültig lösen“ (URL: http://www.wroc-gda.opoka.org.pl/, Stand 2.6.2004), also langfristig das Wissen um die Anwesenheit einer ukrainischen Minderheit in Polen aus dem Bewusstsein der Polen und der Ukrainer tilgen. Schließlich sollte die Volksrepublik Polen ein ethnisch homogener Nationalstaat sein.

Der im März 1946 von den sowjetischen Machthabern in Moskau inszenierte Scheinanschluss der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche an die orthodoxe Kirche und die darauf auch in Polen einsetzenden haltlosen Verfolgungen, Verhaftungen und Internierungen griechisch-katholischer Priester zerstörten die Struktur der größten der 21 östlichen katholischen Kirchen und führten in den folgenden Jahren zum Übertritt vieler gläubiger ukrainischer Familien, sowie einiger Pfarrer, zur römisch-katholischen Kirche, da sie nur auf diesem Wege ihren christlichen Glauben weiter pflegen konnten. Rechtlich gesehen existierte die griechisch-katholische Kirche nicht und nur langsam wurden parallele Strukturen innerhalb der römisch-katholischen Kirche Polens aufgebaut (Vgl. URL: http://www.wroc-gda.opoka.org.pl, Stand 2.6.2004; sowie Interview: Pfarrer Andrzej Michaliszyn).

Auch die Pflege des Ukrainischen als Zeugnis ethnischer beziehungsweise nationaler Zugehörigkeit wurde den Menschen erschwert. So durfte in den Schulen kein Ukrainisch gelehrt werden und aufgrund des Fehlens griechisch-katholischer Gemeinden konnte kein ukrainischer Religionsunterricht stattfinden. Ausrufe wie „Die Banditen sind da!“ („Przyjechali Bandyci!“) und der damit verbundene Assimilationsdruck sowie die permanente Überwachung durch die Staatssicherheit bewirkten, dass die Ukrainer aus Angst vor Demütigungen und Übergriffen sogar untereinander begannen, Polnisch zu sprechen, obwohl die meisten von ihnen, so berichtet Ewa Gal, Jahrgang 1930, zum Zeitpunkt der Deportation, wie sie diesen Vorgang selbst nennt, kaum ein Wort Polnisch verstanden, geschweige denn sprachen. Zudem war der Versuch, den ukrainischen Akzent zu verbergen beinahe aussichtslos und so wurden sie trotz ihrer Anstrengungen ausgegrenzt.

In den ersten zehn Jahren waren die Repressionen am schwerwiegendsten. Erst 1956, im Zuge der Entstalinisierung und der vorsichtigen Reformen des Bierut-Nachfolgers Władysław Gomułka, verbesserte sich die Situation der Ukrainer. Zum einen wurde Minderheiten per Gesetz die Gründung kultureller Vereine erlaubt, woraufhin die Ukrainische Sozio-Kulturelle Gesellschaft (Ukraińskie Społeczno-Kulturalne Towarzystwo, USKT) entstand, zum anderen erhielt die römisch-katholische Kirche im Frühjahr 1957 die Erlaubnis zur Eröffnung einiger sogenannter griechisch-katholischer Seelsorgeeinrichtungen („placówki duszpasterskie“), wohlgemerkt keiner Gemeinden, wodurch die wenigen Priester, die bis dahin illegal in kleinen ländlichen Kapellen Messen abgehalten hatten, eine gewisse „Arbeitserleichterung“ erfuhren. So konnten in begrenztem Maße und weiterhin unter großem Aufwand Hochzeiten, Begräbnisse und Taufen im byzantinisch-ukrainischen Zeremoniell vollzogen werden. In Bezug auf die Räumlichkeiten war die griechisch-katholische Gemeinde vollständig von der Kulanz der römisch-katholischen Kirche abhängig, die teilweise selbst unter starkem politischen Druck stand. Ab Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre nahm die Zahl der ukrainischen Minderheit in Städten wie Breslau stetig zu. Die jungen Ukrainer, die zum Großteil bäuerlichen Familien entstammten, konnten im „Arbeiter- und Bauernstaat“ Polen im Gegensatz zu ihren wenigen aus „Inteligencja“-Familien stammenden Altersgenossen verhältnismäßig problemlos Studien an weiterführenden Schulen sowie Universitäten aufnehmen. Ewa Gal zufolge, die selbst ausgebildete Landschaftsarchitektin ist, führte dies dazu, dass ein beträchtlicher Teil der in Polen lebenden Ukrainer gut ausgebildete Menschen sind, die in ihren heimatlichen Regionen in Südostpolen vermutlich nie ihre Bauernhöfe verlassen hätten. Neben Ausbildung und Arbeitssuche war die Heirat mit Polen ein weiterer Grund für den Zuzug ukrainischer Familien in städtische Gebiete, so dass die Entwicklung der ukrainischen Minderheit in Breslau langsam voranging und mehrere Jahrzehnte andauerte.

Eine „kolossal“ integrative Funktion übernahm laut Ewa Gal und dem Ehepaar Kołacz das USKT, das im Gegensatz zur griechisch-katholischen Kirche eine Art Tolerierung und geringfügige finanzielle Unterstützung staatlicherseits erfuhr. Unter dem Motto „Mehrt die Kultur, aber nicht zuviel!“ („Powiększajcie kulturę, ale nie za dużo!“, sinngemäßes Zitat Andrzej Kołaczs) wurden kleine Gesangs- und Theatergruppen gegründet, außerschulischer Ukrainischunterricht initiiert und traditionelle Feste organisiert.

Das USKT hatte zur griechisch-katholischen Kirche keine unmittelbare Bindung und verdankte aus Sicht unserer Interviewpartner Ewa Gal und Andrzej Kołacz die Verbesserungen dem Einsatz der ukrainischen Mitglieder der polnischen Kommunistischen Arbeiterpartei. Obschon unsere Interviewpartner daraus kein öffentliches politisches Bekenntnis ableiten wollen, lässt sich an dieser Stelle vermuten, dass die Behörden den Verband als ausreichend systemkonform einstuften und ihn deshalb relativ frei walten ließen. Dieser Umstand führte gleichzeitig dazu, dass Ukrainer, wie zum Beispiel Igor Salamon, der noch in der Ukraine unter der repressiven sowjetischen Herrschaft gelitten hatte und nach Sibirien deportiert worden war, auf Distanz zum USKT gingen. Allgemein wurde der Verband jedoch als Ort geschätzt, an dem die kulturelle Tradition und die ukrainische Sprache am Leben erhalten werden konnte.

Maria Kołacz, die mit ihrer Familie 1947 in ein pommersches Dorf deportiert wurde und 1956 nach der Heirat mit Andrzej Kołacz nach Breslau übersiedelte, berichtet aus eigener Erfahrung, dass die in die Städte abgewanderten Ukrainer zwar nicht direkt mit ihrer Herkunft hausieren gingen („nie pchali się“), sich aber häufiger zu ihr bekannten, während die auf dem Land zurückgebliebenen Ukrainer ihre Herkunft bis heute mehrheitlich zu verschweigen suchen. Der Vertreter des Verbandes der Ukrainer in Breslau, Igor Salamon, erinnert sich, dass er und eine deutschstämmige Frau, mit der er zusammen an der Breslauer Universität studiert hatte und eng befreundet war, bis nach der Wende 1989 voneinander nicht wussten, dass er zur ukrainischen und sie zur deutschen Minderheit gehörte. Er erklärt sich eine solche Situation mit der Tatsache, dass man einfach aus Angst vor Diskriminierung nicht darüber sprach. Die Polonisierung hat außerhalb der Städte demzufolge größeren Erfolg gehabt, da es dort wesentlich schwieriger war, sich in ukrainischen Verbänden zu organisieren, an griechisch-katholischen Gottesdiensten teilzunehmen und die spezifische Beschaffenheit dörflicher Gemeinschaften ein Höchstmaß an Anpassung abverlangte. Maria Kołacz schildert drastische Situationen, in denen Familien ihre eigene Herkunft derart erfolgreich verheimlicht hatten, dass die Kinder erst durch den Tod eines Elternteils und den damit verbundenen Bestattungsformalitäten erfuhren, dass sie ukrainischer Herkunft sind. Es kam auch vor, dass in Mischehen die Ehepartner entweder durch Zufall oder auch gar nicht von der ethnischen Herkunft des anderen erfuhren. Die Geschichten ähneln denen, die auch Angehörige der deutschen Minderheit zu erzählen wissen (Vgl. dazu: Die Breslauer in Wrocław. Die deutsche Minderheit nach der Vertreibung).

In den 1980er Jahren ermutigte die Solidarność-Bewegung viele Ukrainer, sich öffentlich zu ihrer ethnischen Herkunft zu bekennen. Insgesamt sind die 1980er Jahre durch eine weitere Entspannung der Situation der griechisch-katholischen Kirche in Polen gekennzeichnet. Der Staat verzichtete auf das Recht, über die Genehmigung von Gottesdiensten dieser Glaubensgemeinschaft zu entscheiden. Die Einrichtung eines nördlichen und eines südlichen griechisch-katholischen Vikariats durch die römisch-katholische Kirche brachte weitreichende Selbstverwaltungsrechte. Diese Maßnahmen führten zu einer regelrechten „Wiedergeburt“ der griechisch-katholischen Kirche gegen Ende des Jahrzehnts – bis 1988 stieg die Zahl der Seelsorgeeinrichtungen auf 84 an, zum Vergleich: 1957 waren es nur sieben. Generell blieb die Zielrichtung der Kommunisten jedoch klar: Keine Zulassung separater griechisch-katholischer Gemeinden und Bistümer. Die wichtige rechtliche Anerkennung erfolgte erst im Jahre 1989. Pfarrer Andrzej Michaliszyn bedauert in diesem Zusammenhang, dass ein großer Teil der ukrainischen, ursprünglich griechisch-katholischen Gläubigen durch die Hindernisse bei der Religionsausübung heute der römisch-katholischen oder der autokephalen orthodoxen Kirche angehören beziehungsweise der Kirche ganz den Rücken gekehrt hätten. Dies sei ein großer Verlust, der leider nicht mehr wiedergutzumachen sei.

Analog zur Entwicklung der griechisch-katholischen Kirche im ganzen Land war auch die Entfaltung der Gemeinde in Breslau sowohl von den politischen Gegebenheiten, als auch von den Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche abhängig. Seitdem es 1956 in begrenztem Maße möglich wurde, griechisch-katholische Gottesdienste abzuhalten, stellte sich die Frage der räumlichen Unterbringung. Als vorläufige Lösung erlaubte die römisch-katholische Kirche die Mitnutzung der Heiligkreuzkirche auf der Dominsel. Durch die architektonische Besonderheit der Doppelkirche mit ihren getrennten Kirchenschiffen war sie hierfür gut geeignet. Allerdings beanspruchte die römisch-katholische Gemeinde je nach eigenem Bedarf und klimatischen Bedingungen mal den einen, mal den anderen Kirchenteil, so dass eine Ausschmückung entsprechend dem byzantinisch-ukrainischen Kirchenbrauch zur Messe nahezu unmöglich war. Die interviewten Gemeindemitglieder schildern diese Situation nicht ohne einen bitteren Unterton gegenüber der römisch-katholischen Kirche. Das Provisorium wurde 1979 dank Kardinal Gulbinowicz insofern aufgehoben, als dass die griechisch-katholischen Gottesdienste in den folgenden fast zwanzig Jahren nur noch in der unteren Kirche stattfanden.

Eine wirkliche Lösung des Problems der Räumlichkeiten wurde schließlich 1997 gefunden, als der beträchtlich gewachsenen griechisch-katholischen Gemeinde die Kirche des Hl. Vincent und Jakob übergeben wurde. Die grundlegendsten Renovierungsarbeiten der aus dem 13. Jahrhundert stammenden Kirche am Platz Biskupa Nankiera 15a beanspruchten weitere zwei Jahre, so dass die Gemeinde im Jahre 1999 umziehen konnte. Bis heute wird die Bausubstanz saniert, vor allem die Fassade bedarf einer Generalüberholung.

Die heutige ukrainische Minderheit in Breslau setzt sich vorrangig aus den Verbliebenen der ersten Generation der Akcja Wisła-Opfer und deren Nachkommen (bereits in vierter Generation) zusammen. Zusätzlich führten drei Immigrationswellen zu einem erheblichen Anwachsen der Gemeinde: in den 1950er, 1980er und schließlich in den 1990er Jahren. Offiziellen Angaben zufolge zählt die Gemeinde heute rund 680 Gläubige. Ukrainische Gastarbeiter und Studenten mitgezählt umfasst sie ca. eintausend Mitglieder.

Wie bereits angedeutet, ist das Jahr 1989 für die griechisch-katholische Kirche in Polen ein wichtiger Wendepunkt. Seitdem war es auch der Gemeinde in Breslau möglich, sich offen und aktiv in das religiöse Leben der Stadt einzubringen und Position zur Idee der Ökumene zu beziehen. Zusätzlich gefördert wird dieser Prozess durch die nach der Wende einsetzende vorsichtige Aufarbeitung bestimmter Tabus, wie der Konfiszierung und Zerstörung griechisch-katholischer Kirchen durch den polnischen Staat, die Morde in Wolhynien und Ostgalizien gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, oder der Akcja Wisła von 1947.

Zunächst scheint es sinnvoll, die beiden Hauptkonfliktlinien hervorzuheben, die wir in Verbindung mit der griechisch-katholischen Kirche in Breslau beobachtet haben: Erstens besteht in Breslau ein Bruch zwischen der griechisch-katholischen und der autokephalen orthodoxen Kirche Polens, der sich im völligen Fehlen von Beziehungen auf offizieller kirchlicher Ebene äußert. Die zweite, in unserem eingangs dargestellten Interviewergebnis stark hervorgetretene Konfliktlinie, verläuft zwischen der griechisch-katholischen und der römisch-katholischen Kirche entlang nationaler Abgrenzungen. Im Kern dieses zweiten Konfliktes, auf den später anhand eines konkreten Ereignisses noch stärker eingegangen werden soll, stehen einerseits die ukrainischen Griechisch-Katholischen, die 1947 aus Südostpolen in die „wiedergewonnenen Gebiete“ Polens deportiert wurden und andererseits die polnischen römisch-katholischen Vertriebenen, deren Heimat ebenfalls die Kresy, allerdings jenseits der heutigen polnischen Staatsgrenzen waren und deren Familien teilweise Opfer der von der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) verübten Morde in Wolhynien beziehungsweise Ostgalizien waren.



Die Beziehung zur autokephalen orthodoxen Kirche Polens

Grzegorz Polak beschreibt die komplizierte Konstellation und den Kern der Auseinandersetzungen folgendermaßen: „Auf dem Verhältnis zwischen Griechisch-Katholischen und Orthodoxen lastet das Fatum von vier Jahrhunderten Geschichte, die bis auf die Union von Brest im Jahre 1596 zurückgeht, als die Mehrheit der orthodoxen Kirche auf polnischem Staatsgebiet die Oberhoheit des Papstes anerkannte und sich mir der katholischen Kirche zusammenschloss. [...] Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass die Griechisch-Katholischen von den Anhängern der orthodoxen Kirche als Verräter betrachtet werden, die die Mutterkirche verlassen haben. Gleiches mit Gleichem vergeltend, sehen die Griechisch-Katholischen in den Orthodoxen ein Werkzeug der kommunistischen Machthaber […]. Das stellt weiterhin den Stein des Anstoßes und das Haupthindernis im ökumenischen Dialog dar [...]“ (2) (Polak 2003).

Hinzu kommen in den ostpolnischen Gebieten etwa rechtliche Auseinandersetzungen um die Zugehörigkeit der Gotteshäuser, die in der Vergangenheit sowohl von den Orthodoxen als auch von griechisch-katholischen Gemeinden genutzt wurden.

In Breslau folgen der orthodoxe Erzbischof Jeremiasz und der Dekan Pfarrer Aleksander Konachowicz konsequent einer Blockadepolitik gegenüber der griechisch-katholischen Gemeinde. So verhinderten sie mehrfach deren Teilnahme an der Ökumenischen Woche, indem sie schlichtweg mit ihrem Fernbleiben drohten. Das Jahrbuch der evangelisch-augsburgischen Kirchengemeinde liefert dafür einige weitere Beispiele, denn darin werden zu den ökumenischen Veranstaltungen explizit die Namen der anwesenden höheren Kirchenvertreter aufgelistet. Die Repräsentanten der polnischen autokephalen orthodoxen Kirche negieren die Existenz der griechisch-katholischen Gemeinde in Breslau, was unter anderem im Interview mit Pfarrer Aleksander Konachowicz, dem Mitbegründer der Dzielnica Wzajemnego Szacunku, deutlich wird: Auf die Frage, mit welchen Religionsgruppen Kontakte unterhalten würden, erwähnt er die griechisch-katholische Gemeinde mit keinem Wort.

Im Kontrast dazu steht die Haltung von Gläubigen wie Ewa Gal, die darauf hinweist, dass sie sich den Rechtgläubigen und ihrem Kirchenbrauch wesentlich näher fühlt als den Traditionen der römisch-katholischen Kirche. Ursachen dafür sieht sie in der sprachlichen Nähe zum Altslawischen, dem gemeinsamen julianischen Kalender, den Ähnlichkeiten in der Ausschmückung der Gotteshäuser und vor allen Dingen religiöser Bräuche der östlichen Kirchen. Die auf der Ebene der theologischen Auseinandersetzungen zwischen beiden christlichen Glaubensgemeinschaften vorwiegend negative Behandlung der Griechisch-Katholischen als Abgefallene oder Abtrünnige („odszczepieńcy“) vom orthodoxen Glauben, ist in den Augen von Ewa Gal ein Indiz dafür, dass die Gemeinsamkeiten dominieren. Auch wenn diese Meinung womöglich eine einzelne ist, legt sie den Schluss nahe, dass sich die Laien eine Überwindung der Barrieren zwischen orthodoxer und griechisch-katholischer Kirche wünschen würden, wobei wir dies nur für die griechisch-katholische Seite feststellen konnten. Den Aussagen Ewa Gals und Igor Salamons ist weiterhin zu entnehmen, dass die Existenz orthodoxer Gemeinden in Breslau im Grunde auf diejenigen deportierten Ukrainer zurückzuführen ist, die Anhänger der orthodoxen Kirche waren. Aus diesem Grunde sei auch nach dem Zweiten Weltkrieg im orthodoxen Priesterseminar in Warschau zunächst auf Ukrainisch gelehrt worden. Die Einführung des Russischen beziehungsweise des Altslawischen wäre eine Anomalie gewesen, denn es hätte kaum Russen gegeben. Diese Maßnahme habe dazu geführt, dass die Zahl der orthodoxen Ukrainer stark zurückgegangen sei. Es handelt sich hierbei wohlgemerkt um subjektive Einschätzungen, für deren Bestätigung es weiterer Nachforschungen bedürfte.

Ein Beweis dafür, dass politische Maßnahmen längerfristige Belastungen für das Verhältnis zwischen den Religionsgruppen in Polen und damit in Breslau zur Folge hatten, ist die bevorzugte Behandlung einiger sich in der Minderheit befindlicher Konfessionen, mit dem Ziel, die oppositionelle (römisch-)katholische Kirche in der Volksrepublik Polen zu schwächen. Laut dem Direktor des auf der Dominsel gelegenen Museums und Archivs der Erzdiözese, Pfarrer Józef Pater, erhielten vor allem die orthodoxe und die polnisch-katholische Kirche eine gewisse finanzielle Unterstützung. Den Darstellungen der griechisch-katholischen Kirche zufolge förderte die kommunistische Regierung die Entstehung orthodoxer Gemeinden auch innerhalb der griechisch-katholischen Minderheit, mit der zum Teil abstrusen Konsequenz, dass orthodoxe Gemeinden in Ortschaften existierten, in denen ihr die Gläubigen fehlten. In den Interviews deutet sich an, dass in dieser bevorzugten Behandlung immer wieder eine der Ursachen für die bis heute bestehende Kluft zwischen den Religionsgruppen gesucht wird.



Die Beziehung zur römisch-katholischen Kirche in BreslauEinleitung

Pfarrer Andrzej Michaliszyn betont in unserem Gespräch, dass die römisch-katholische Kirche in Breslau und speziell Kardinal Henryk Gulbinowicz sich bis 1989 wiederholt für die Belange seiner Glaubensgemeinschaft eingesetzt hätten, allerdings stellt er auch fest, dass es seither bis auf einige wenige Veranstaltungen keine besonderen Kontakte zwischen den Gemeinden gäbe. Die Frage nach den Beziehungen sei schwierig zu beantworten: „Die Erfahrung sagt, dass es unterschiedlich gewesen ist und vermutlich auch zukünftig verschieden aussehen wird. [...] Ja es gibt Beispiele, von der einen wie von der anderen Seite, aufbauende und niederschlagende..., so dass [...] das heißt irgendwelche ökumenische Zusammenkünfte, bei denen Griechisch-Katholischen zugegen sind, es gab solche und ich denke es wird sie auch weiterhin geben... auf verschiedenen Ebenen. [...] Aber es kam auch vor dass... na, dass wir nicht dabei waren, dass wir nicht eingeladen wurden“ (3).

Es gebe positive Beispiele aber auch solche, die eher als Rückschläge bezeichnet werden könnten, wobei er sich bei der konkreten Benennung letzterer zurückhält und die Wortwahl sehr zögerlich und gleichsam diplomatisch ausfällt. Es scheint beinahe, als wäre er sich des dünnen Bandes der Ökumene bewusst und wolle es nicht zusätzlich belasten.

Als positiven Beleg für ökumenische Zusammenarbeit nennt der junge Pfarrer uns die Woche des Gebets für die Eintracht (Tydzień modlitwy o jedność), während der sich Klerus wie auch die Gläubigen gegenseitig in ihren Gotteshäusern besuchen und jeden Tag eine andere Religionsgruppe Gastgeber der gemeinsamen Messe ist. Wie bereits im ersten Teil der Arbeit deutlich geworden ist, gestaltet sich die Umsetzung solcher ökumenischer Projekte in Breslau jedoch manchmal problematisch. Ewa Gal hebt hervor, dass es außerordentlich schwierig sei, die „normalen“ Gläubigen zur Teilnahme an diesen ökumenischen Veranstaltungen zu bewegen und es zumeist kleine Grüppchen seien, die den Aufrufen ihrer Pfarrer und Bischöfe tatsächlich folgten.

Vor dem Hintergrund, dass vorwiegend die hoffnungsvollen Beispiele für Ökumene in Breslau, allen voran die Idee der Dzielnica Wzajemnego Szacunku, von jeder Seite und besonders vom Klerus betont werden, gilt unser Interesse den kaum beachteten „Rückschlägen“, die im Gespräch mit Geistlichen der römisch-katholischen Kirche keinerlei Erwähnung finden und von Pfarrer Michaliszyn nur nach gezieltem Ansprechen unsererseits vorsichtig thematisiert werden. Den entscheidenden Hinweis gibt uns Iwan Andrunek, der ukrainische Opernsänger und Betreuer des Kirchenchors der griechisch-katholischen Gemeinde, in einem kurzen Interview: Am 28. Juni 2003 fanden in Breslau die Gedenkfeiern zur Erinnerung an die „Brudermorde“ (walki bratobójcze) in Wolhynien und Ostgalizien statt, die sich zum sechzigsten Mal jährten. Die städtische Regierung bat in diesem Zusammenhang die griechisch-katholische Gemeinde in Breslau, an den Vorbereitungen mitzuwirken und lud sie zur Teilnahme an den geplanten Veranstaltungen ein. Diesem Aufruf folgten viele Mitglieder, allen voran der Bischof Włodzimierz Juszczak selbst, so dass Ukrainer und Polen gemeinsam am Denkmal unweit der Hala Targowa aller Opfer gedachten. Bereits während dieser Veranstaltung wurden allerdings von Vertretern der polnischen Kombattanten beziehungsweise des Breslauer Verbands zum Gedenken an die ukrainischen Verbrechen an der polnischen Nation (Towarzystwo Upamiętniania Ukraińskich Zbrodni na Narodowości Polskiej) Flugblätter mit verunglimpfenden Passagen verteilt. Ein Exemplar konnten wir zwar nicht ausfindig machen, aber einem Beschwerdebrief der griechisch-katholischen Gemeinde vom 18. Juli 2003 folgende Passage entnehmen:

„Die griechisch-katholischen Pfarrer segneten den Banditen die Messer und Spieße und in einer Reihe bekannter Fälle befehligten sie selbst Banden. [...] Die ehemaligen UPA-Kämpfer leben bis heute in Schlesien und stolzieren bei ukrainischen Feierlichkeiten in Uniformen der UPA daher“(4).

Diese Äußerungen belegen die gezielte Diffamierung der griechisch-katholischen Kirche durch polnische Nationalisten, indem sie mit Aktionen und Verbrechen in Verbindung gebracht wird, die keinen primär religiösen, sondern einen ethnischen Hintergrund hatten. Während des anschließenden Gedenkgottesdienstes in der Kirche der Hl. Elisabeth am Altmarkt sollte gemeinsam gebetet werden, zum einen für alle Opfer der Morde vor sechzig Jahren und zum anderen für die polnisch-ukrainische Versöhnung. Hier kam es zum eigentlichen Eklat, der ausführlich in dem bereits zitierten Brief beschrieben ist. Der Salesianer Pfarrer Tadeusz Pater aus Przemyśl, der laut Igor Salamon für seine „antiukrainische Phobie“ bekannt ist, hielt eine einstündige Ansprache, in der er die blutigen Ereignisse in allen Einzelheiten beschrieb, die, so seine Darstellung, ausschließlich von Ukrainern verübt wurden und in der er weiterhin das ukrainische Volk mit dem Bild des Judas verglich. Diese Worte wurden, laut Ewa Gal, die ebenfalls zugegen war, von lautem Applaus seitens einer Mehrheit der anwesenden älteren Polen begleitet: „Endlich spricht mal jemand die Wahrheit aus!“ („Wreszcie ktoś powie prawdę!“), soll ein Ausruf gelautet haben. Die Vertreter der griechisch-katholischen Kirche und mit ihnen die Gläubigen verließen daraufhin aus Protest den Gottesdienst. Der anschließend verfasste Beschwerdebrief wurde an zahlreiche Vertreter der römisch-katholischen und der griechisch-katholischen Kirche, den Bürgermeister Breslaus sowie an diverse Tageszeitungen und das Institut des nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej) versandt. Außer einer Kenntnisnahme und einer scharfen Rüge des Priesters durch die Oberen der römisch-katholischen Kirche wurde dieses Ereignis jedoch nicht ernsthaft von den Medien aufgegriffen und öffentlich thematisiert. Auf diese Weise wurde ein positiver versöhnlicher Impuls durch nationalistische Hetz- und Diffamierungsreden zunichte gemacht. Die fehlende ausführliche Reflexion in den Medien beziehungsweise in der Öffentlichkeit Breslaus, wirft einen Schatten auf die christliche Gemeinschaft und gibt Anlass zum Nachdenken über die tatsächliche Bedeutung der Ökumene in Breslau.

Aber es gibt sie dennoch, die Worte und Gesten der Versöhnung, allen voran von Papst Johannes Paul II: „Das neue Jahrtausend [...] verlangt, dass Ukrainer und Polen nicht in ihren traurigen Erinnerungen an die Vergangenheit gefangen bleiben. Durch die Betrachtung der zurückliegenden Ereignisse aus einer neuen Perspektive [...] sollten sie vielmehr mit versöhnendem Blicke auf sich schauen“ (5) (aus dem Brief des Papstes zum 60. Jahrestag der Ereignisse in Wolhynien; zitiert nach dem Beschwerdebrief der griechisch-katholischen Gemeinde vom 18.7.2003).

Und allein die Tatsache, dass die griechisch-katholische Gemeinde und damit explizit die ukrainische Minderheit zu den Gedenkfeierlichkeiten eingeladen wurde, ist ein Zeugnis für den Wandel im polnischen Bewusstsein. Ein wesentliches Hindernis, dessen Überwindung viel Kraft erfordert, war beziehungsweise ist das Selbstbild vieler Polen aus den ehemaligen Kresy, nach dem sie ausschließlich Opfer der Ukrainer waren. Eine solche Perspektive lässt kaum Spielraum für einen kritischen und distanzierten Umgang mit Geschichte, vor allem wenn durch Verallgemeinerung von Taten einiger brutaler Einheiten der UPA das gesamte ukrainische Volk als Mörder und Banditen verunglimpft wird.

Gerade die Akcja Wisła und die „Brudermorde“ in Wolhynien erklären die anfangs gestellte Frage nach der Ursache für die Überlagerung der religiösen durch die nationale Identität der Interviewten. Bei Ukrainern wie Polen haben die schlimmen Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre ihr Leben und Bewusstsein stark geprägt. Von der teils existenziellen Angst vor den Verfolgungen durch die jeweils andere Ethnie ist eine Skepsis und Distanz geblieben, die bis heute zum Ausdruck kommt. Selbst wenn die Vorbehalte nicht immer offen ausgesprochen werden, schwingen sie in jedem der Gespräche mit. So verwundert es nicht, dass eine der ersten Fragen Andrzej Kołaczs an die Interviewerin (eine Halbpolin) lautet: „Und für wen machen sie diese Interviews? Ich frage nur, weil man bei den Polen nie weiß, wie sie den Ukrainern gesinnt sind“ („A dla kogo Pani robi te wywiady? Tylko pytam, bo u Polaków nigdy nie wiadomo jak są nastawieni wobec Ukrainców.“).

Igor Salamon meint, dass die griechisch-katholische Kirche immer „eine national bewusste Kirche“ (kościół świadomy narodowo) gewesen sei, die unter anderem durch die ukrainische Sprache Integrationsfunktionen innerhalb der Ukrainer einnehme und sich stets mit der ukrainischen Ethnie identifiziert habe: „Die griechisch-katholische Kirche spielte eine große Rolle, eine große Rolle überhaupt für das Überleben der ukrainischen Nation, denn nur dort, wo die Kirche überdauerte blieb auch die Sprache und die Kultur erhalten. [...]“ („Kosciól greckokatolicki odegrał olbrzymą rolę, olbrzymą rolę w ogóle w przetrwaniu narodu ukraińskiego, bo tylko tam gdzie przetrwał kościól tam przetrwał i język i kultura [...].“).

Ähnlich verhält es sich mit der römisch-katholischen Kirche in Polen, die praktisch während der gesamten Zeit der Nichtexistenz des polnischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert Schutz und Pflege der polnischen Kultur sicherte und damit entscheidend zur Wahrung eines starken polnischen Nationalgefühls beitrug. Für Polen wie für Ukrainer ist Patriotismus für ihre Nation daher nicht ohne Religiosität und ihre Kirche denkbar. Für die Umsetzung der Ökumene bedeutet dies unter anderem, dass weniger danach gefragt wird, ob gemeinsame Projekte mit den griechisch-katholischen beziehungsweise den römisch-katholischen Gläubigen stattfinden sollen, vielmehr geht es darum, ob man mit den Ukrainern oder den Polen zusammenarbeitet.



Schlussbetrachtungen

Wir haben in unserer Arbeit die Ökumene als Gradmesser für das friedliche und interaktive Zusammenleben der Konfessionen in Breslau angewandt und dabei festgestellt, dass der Dialog noch nicht zwischen allen Religionsgemeinschaften in gleicher Weise funktioniert. Als Resümee lässt sich daher sagen, dass in Breslau zwar bereits zahlreiche Ansätze zur Zusammenarbeit zwischen den Anhängern verschiedener Konfessionen beziehungsweise Religionen existieren, jedoch die Selbstdarstellung als „Stadt des Dialogs“ (miasto dialogu) bisher weniger der gelebten Realität entspricht, als vielmehr ein angestrebtes Ziel verkörpert. Hierfür können folgende Gründe vermutet werden:

Erstens machen bereits die theoretischen Auseinandersetzungen innerhalb und zwischen den Kirchen deutlich, wie schwer Ökumene begrifflich zu fassen ist, was ahnen lässt, welche enormen Verständnisprobleme es praktisch zu überwinden gilt.

Zweitens werden die konfessionellen Kontakte teilweise stark von nationalen Konflikten überlagert. Offensichtlichstes Beispiel ist hier das Verhältnis der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche zur griechisch-katholischen Kirche. Aber man liegt womöglich mit der Annahme nicht völlig falsch, dass auch die Einstellung bestimmter katholischer Pfarrer zur evangelischen Kirche durch nationale Vorbehalte beeinflusst ist.

Drittens erschweren auch theologische Differenzen die Zusammenarbeit: So erklärte uns zum Beispiel ein katholischer Priester, dass eine gemeinsame Messe von Katholiken und Protestanten aufgrund der unterschiedlichen Bewertung des Abendmahls sowieso nicht in Frage komme. Die Möglichkeit eines Wortgottesdienstes zog er nicht in Betracht. Zu solchen Lösungen gehört sowohl eine gewisse Kompromissbereitschaft als auch Rücksichtnahme auf die Grundsätze der anderen Glaubensgemeinschaft(en), zu der sich jedoch nicht alle religiösen Amtsträger bereit erklären.

Und viertens stellt die noch relativ geringe Breitenwirkung der ökumenischen Idee innerhalb der Gemeinden ein Problem dar, durch das die kontinuierliche Weiterführung der ökumenischen Zusammenarbeit in der Dzielnica Wzajemnego Szacunku oder auch in anderen Gremien erschwert wird, da sie stark von einzelnen engagierten Persönlichkeiten abhängt. Bislang hat die Interkonfessionalität unserem Eindruck nach noch keine ständige Präsenz im Alltag Breslaus einnehmen können, wofür sicherlich auch das geringe Medieninteresse spricht.

Durch diese kritischen Anmerkungen sollen die in Breslau ohne Zweifel vorhandenen Bemühungen um interkonfessionelle Zusammenarbeit nicht abgewertet werden. Es sei jedoch festgehalten, dass das Potential zur Verständigung zwischen den Religionsgemeinschaften noch längst nicht ausgeschöpft wurde. Ein verstärktes Miteinander der Konfessionen könnte zweifelsohne eine kulturelle Bereicherung darstellen. So bleibt zu hoffen, dass die von Pfarrer Andrzej Michaliszyn geforderte „Arbeit an der menschlichen Mentalität“ („praca nad mentalnością ludzką“) erfolgreich sein wird und sich Breslau zunehmend seinem Idealbild einer „Stadt des Dialogs“ annähert.



Originalzitate

(1) „To była inicjatywa byłego przedwodniczącego gminy, i zakonnika kościoła katolickiego, który zaraz obok synagogi [...] No, to było w trakcie jakiegoś uroczystego nabożenstwa z jakiejs okazji, nie wiem jakiej, ale przebito szybę tam w tym kościele w trakcie nabożenstwa, i na tym nabożenstwie była też delegacja gminy żydowskiej, i również delegacje kościoła protestanckiego i prawosławnego. I Pan Kichler wystąpił z propozycją, żeby uczyć szacunku między tymi czterema świątyniami, [...] A to było mniej więcej w roku 97tym.“

(2) „Nad stosunkami grekokatolików i prawosławnych ciąży fatum czterech wieków historii, datujący się od Unii Brzeskiej z 1596 r., kiedy to większość Kościoła prawosławnego na ziemiach Rzeczpospolitej uznała zwierzchnictwo papieża i połączyła się z kościołem katolickim. [...]

Jest rzeczą powszechnie wiadomą, że przez wyznawców Kościoła prawosławnego grekokatolicy uważani są za zdrajców, którzy opuścili macierzystą Cerkiew. Płacąc pięknym za nadobne - grekokatolicy uważają prawosławnych za narzędzie władz komunistycznych [...] nadal stanowią kamień obrazy i główną przeszkodę w dialogu ekumenicznym [...].“

(3) „Znajac z doswiadczenia było róznie i przepuszczając to bedzie tez róznie. [...] Tak są przykłady, i z jednej i z drugiej strony, budujące i dołujące ... tak że ... [frage nach konkreteren Beispielen] tzn. jakieś spotkania ekumeniczne, gdzie są obecni greckokatolicy, były takie i myślę, że będą takie ... w różnych płaszczyznach [...] Ale bywało tak że ... no ... nas nie było, ze nie byliśmy zapraszani.“

(4) „Parochowie Cerkwi greckokatolickiej świecili bandziorom noże i widły, ale też w szeregu znanych wypadków dowodzili bandami [...] Byli rezuni z UPA wciąż mieszkają na Śląsku i paradują w mundurach UPy na ukraińskich uroczystościach.“

(5) „Nowe tysiąclecie [...] wymaga, aby Ukraińcy i Polacy nie pozostawali zniewoleni swymi smutnymi wspomnieniami przeszłości. Rozwazając minione wydarzenia w nowej perspektywie [...] niech spojrzą na siebie nawzajem wzrokiem pojednania.“



Links

Internetseite zur Dzielnica Wzajemnego Szacunku: externer Link www.miasto-dialogu.wroc.pl

Internetseite der griechisch-katholischen Diözese Wrocław-Gdańsk: externer Link http://www.wroc-gda.opoka.org.pl/

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Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien