Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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Geschichtspolitik und lokale Identität in Breslau seit 1989

von Hilary Bown, Karolina Fuhrmann und Maciej Milewicz

Prolog

Die Geschichte Breslaus ist im öffentlichen Bewusstsein seiner Einwohner erst seit kurzem in vollem Umfang bekannt. Zur Zeit des Kommunismus wurde sie zum Werkzeug, mit dessen Hilfe das Selbstverständnis der neu angesiedelten Bürger manipuliert und beherrscht werden sollte. Besonders stark hervorgehoben wurde in diesem Zusammenhang der Ursprung der Stadt und ihrer Entwicklung unter der „Piastendynastie“, was nach 1945 der Propagierung und gleichzeitigen Legitimierung ihres „urpolnisches Charakters“ diente. Die späteren Epochen, insbesondere die preußische Zeit, fanden dagegen weniger Beachtung. Erst die politische Wende des Jahres 1989 hat dazu beigetragen, dass die Geschichte der tausendjährigen Stadt schließlich vollständig ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückte.

Diese Arbeit soll den Umdeutungsprozess der Geschichte Breslaus im demokratischen Polen darstellen. Sie setzt sich aus drei Teilen zusammen. Der erste thematisiert die Veränderung, die im Umgang mit der Geschichte vom politischen Gesichtspunkt aus vollzogen wurde. Wir werden versuchen, folgende Fragen zu beantworten: Worauf beruht diese Veränderung? Welche Bereiche betrifft sie? Und welche Rolle spielte die Politik in diesem Prozess der Umdefinierung des Geschichtsbildes? Im zweiten Teil wird die gesellschaftlich sehr wichtige und kontrovers diskutierte Entstehung einer neuen lokalen Identität der Stadtbürger nach 1989 behandelt. Es werden Fragen nach Wesen und Inhalt dieser Identität aufgeworfen: Inwiefern kann man überhaupt von einer eigenen, klar abgrenzbaren Identität sprechen (Vgl. zum Begriff der Identität u.a. Niethammer 2000, Straub 1998, Wagner 1998, Lash 1992)? Was bedeutet den Breslauern ihre Stadt und deren multikulturelle Vergangenheit? Im letzten Abschnitt wird erörtert, auf welche Weise die bewusste Umdeutung der Geschichte die Konzeption und Vermarktung des Stadtimages in Polen und im Ausland beeinflusst. Die Quellen, auf denen diese Arbeit basiert, sind in erster Linie Interviews, die mit folgenden Zeitzeugen und Breslauer Einwohnern im Mai 2004 geführt wurden: 1. Jarosław Obremski - Vizebürgermeister der Stadt Breslau 2. Andrzej Łoś - ehemaliger Vizebürgermeister der Stadt Breslau 3. Beata Maciejewska - Mitarbeiterin der niederschlesischen Redaktion der Tageszeitung Gazeta Wyborcza, Autorin des 2002 erschienenen Buches Wrocław – Dzieje miasta sowie Mitautorin der Publikation Breslau – Stadt der Begegnung (Klimek 2003) 4. Halina Okólska – Leiterin der historischen Abteilung des Stadtmuseums 5. Maciej Łagiewski - Direktor des Stadtmuseums 6. Michał Kaczmarek -Vizedirektor des Architekturmuseums in Breslau 7. Tomasz Gondek – Mitarbeiter der Marketingabteilung in Breslau (Stand der Positionen vom Mai 2004).

Diese Interviews brachten reiches Quellenmaterial hervor, das vor allem bei der Untersuchung der Veränderung der Geschichtsbetrachtung Breslaus nach 1989 und der Frage nach der Rolle der Geschichte bei der Gestaltung der Zukunft in Breslau wertvoll war. Außerdem beschäftigte uns die Existenz einer Breslauer Identität: Gibt es so etwas wie „Wrocławskość“ (Breslauertum) und wie drückt es sich aus? Womit identifizieren sich die Einwohner Breslaus? Welche Symbole sind für sie wichtig? Wie wird mit Bezug auf die Geschichte das Stadtimage gestaltet?

Ein flüchtiger Blick auf unsere Gesprächspartner macht deutlich, dass diese Perspektive „von unten“, die in der Oral History dominiert, für unser Thema nicht umgesetzt werden konnte und wir es eher mit „Meinungsführern“ aus Politik und Kultur als mit Durchschnittsbürgern Breslaus zu tun hatten. Wir sind jedoch übereingekommen, dass für unser Erkenntnisinteresse – die Veränderungen im Umgang mit der Geschichte Breslaus nach 1989 – die Antworten derjenigen am fruchtbarsten sein würden, die die Geschichtspolitik mitgestaltet sowie ihre Umsetzung bewusst beobachtet und kommentiert haben. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um eine Momentaufnahme der Stadt Breslau und ihrer geschichtspolitischen Landschaft. Darüber hinaus wäre es lohnenswert und relevant zu untersuchen, wie die „von oben“ forcierten Umdeutungen der Stadtgeschichte ungefiltert auf der unteren Ebene, sprich von den Durchschnittsbewohnern, auf- beziehungsweise wahrgenommen werden. Diese Aspekte bleiben jedoch der weiterführenden Forschung und den anderen Beiträgen in diesem Buch vorbehalten.

Geschichtspolitik in Breslau seit 1989

Das Jahr 1989 hat eine gewaltige Veränderung des politischen Systems Polens mit sich gebracht. Nach den ersten freien Wahlen am 4. Juni bekamen die Mitglieder der oppositionellen Gewerkschaft Solidarność die Möglichkeit mitzuregieren. Die ersten Jahre politischer Verantwortung, sei es in der Regierung oder auf der Selbstverwaltungsebene, erwiesen sich für viele von ihnen als große Herausforderung. Auf nationaler und regionaler Ebene musste das Regieren erst erlernt werden. Doch sie eigneten sich die notwendigen Fähigkeiten schnell an; auch dank einer effektiven Lokalverwaltung gehört Breslau heute hinter Warschau und neben Posen zu den Städten Polens, die sich am schnellsten entwickelt haben.

Die Wiederherstellung der „historischen Wahrheit“ (prawdy o historii) wurde zu einem der wichtigsten Ziele der neuen Machthaber, sowohl aus symbolischen als auch aus praktischen Gründen. Die fehlende historische Kontinuität zeigte sich besonders deutlich während der Flut im Jahre 1997. Das Wasser wählte damals die gleiche Route wie schon das Hochwasser von 1904, eine Information, die – wäre sie bekannt gewesen – rechtzeitige Vorkehrungen ermöglicht hätte. Bedauerlicherweise fiel sie den Verantwortlichen erst im Nachhinein in die Hände, als man beim Durchsehen deutscher Quellen auf die Dokumentation jener Flut stieß (Vgl. Davies 2002: 533).

Auch die Zusammensetzung des Stadtrates in der ersten Legislaturperiode nach der Wende, als sieben der acht Abgeordneten Historiker waren, zeugt vom besonderen Rang der Geschichte zu dieser Zeit.

Die Basis für eine Veränderung des Denkens über die Vergangenheit und Zukunft der Stadt wurde schon in den 1980er Jahren durch die Zusammenarbeit der Solidarność, des Klubs der katholischen Intelligenz (Klub Inteligencji Katolickiej) und anderen unabhängigen Organisationen geschaffen. Die nun wieder als Ganzes wahrgenommene Geschichte sollte ein wichtiger Baustein der deutsch-polnischen Versöhnungsarbeit werden. Das negative Stereotyp des Deutschen, der auch in dem sozialen Bewusstsein der Breslauer vor 1989 fest verankert war, geriet mit der Zeit in Vergessenheit. Davon zeugt die zunehmende Akzeptanz ausländischer (auch deutscher) Investitionen, die in Breslau im nationalen Vergleich am höchsten ist. Dies belegen laut Vizebürgermeister Jarosław Obremski die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Umfragen, die seit Jahren regelmäßig auf nationaler Ebene durchgeführt werden. Außerdem wurden Veränderungen auf symbolischer Ebene durchgeführt. So bemerkt beispielsweise Elżbieta Kaszuba in ihrem monumentalen Werk über die Geschichte Schlesiens: „Die Wiedereinführung des [historischen] Stadtwappens durch die Selbstverwaltung Breslaus kann man als ein Zeichen der Zeit deuten sowie die durch sie transportierten Veränderungen im Denken“ (Kaszuba 2002: 551 (1)). Straßen wurden umbenannt, neue Gedenktafeln eingeweiht und an die kommunistische Zeit erinnernde Denkmäler beseitigt. Ein Beispiel hierfür ist die Demontage des Denkmals von General Świerczewski Anfang der 1990er Jahre. Problematisch war auch der Titel des Ehrenbürgers von Breslau. Es stellte sich heraus, dass vor 1989 Adolf Hitler und später zahlreiche kommunistische Funktionäre, unter anderem Bolesław Bierut, mit diesem Titel ausgezeichnet worden waren. Um die potenziellen Titelträger der Gegenwart und Zukunft nicht in eine Reihe mit jenen unrühmlichen Persönlichkeiten zu stellen, wurde eine neue Tradition begründet, die zukünftige verdiente Personen Breslaus mit dem lateinischen Titel Civitati Wratislaviensi Donatus ehrt.

Ein viel zitiertes Beispiel der politischen Tätigkeit, die eine möglichst genaue Wiederherstellung der historischen Wahrheit anstrebt, ist die tausendjährige Geschichte Breslaus von Norman Davies – ein Buch, das auf Wunsch und Initiative der Breslauer Stadtverwaltung geschrieben wurde, wobei die Ausgabe in polnischer Sprache von der Stadt finanziert und verlegt wurde. Es war dem Bürgermeister ein besonderes Anliegen, dass gerade der englische Historiker Davies die vergessene europäische Vergangenheit Breslaus erneut ins Bewusstsein der Europäer ruft (Vgl. Loew 2002). Auch die heimischen Historiker der Breslauer Universität stellten sich dieser Herausforderung (Vgl. Buśko u.a. 2001, Kulak 2001, Suleja 2001).Diese wissenschaftlichen Publikationen, aber mehr noch die populärhistorischen Arbeiten (Vgl. u.a. Maciejewska 2002, Davies 2002) wurden zum Bindeglied beziehungsweise Symbol der Identifikation der Bürger mit ihrer lange Zeit tabuisierten Kultur und Tradition. Es darf nicht vergessen werden, dass Breslau noch Anfang der 1990er Jahre im Ausland im Vergleich zu anderen großen Städten Polens sehr wenig bekannt war. Die Kandidatur Breslaus als Austragungsort der Ausstellung Expo 2010 sollte in dieser Hinsicht Besserung verschaffen und den Bekanntheitsgrad der Stadt steigern.

Die politische Forcierung eines vollständigen historischen Verständnisses der Stadt wurde zu einem der Faktoren, der die Akzeptanz der Stadtgeschichte unter den Bürgern begünstigt hat. „Unsere Nobelpreisträger“ – so werden die vier (in Niederschlesien sogar 13) Träger dieser Auszeichnung genannt, wobei es sich mehrheitlich um deutsche Juden handelt, die vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in Breslau geboren wurden. Die zahlreich an den Schulen organisierten Projekte mit Stadtbezug und der Kampf gegen die Xenophobie sind nur zwei Erfolge des durch das Amt für Stadtentwicklung 1997 initiierten Projektes „Breslauertum – Aufbau einer Identität“ (Wrocławskość – budowanie tożsamości), das vor allem unter den jungen Menschen auf großes Interesse stieß (Biuro Rozwoju Wrocławia 1997).

Nach dem EU-Beitritt Polens soll die europäische Geschichte der Stadt als historisches Potential eine der Stärken Breslaus sein. Es gibt heute enge Kontakte mit der Ukraine, Weißrussland und mit Rumänien. Es werden Projekte mit Partnern aus Deutschland, der Tschechischen Republik, Ungarn und der Slowakei durchgeführt. Die Akzentuierung der historisch bedingten Offenheit und Toleranz der Bürger ist eines der Hauptmotive in der Selbstdarstellung Breslaus als einer europäischen „Stadt der Begegnung“ (Miasto Spotkań) verschiedener Kulturen, Religionen und Traditionen.

„Gebt zurück, was uns gehört“ – der Kampf um Geschichtssymbole

Die Veränderungen im öffentlichen Bewusstsein und Selbstverständnis der Breslauer nach 1989 zeugen in besonderem Maß davon, dass Geschichte die Funktion eines Identitätsstifters übernehmen kann. Es handelt sich in diesem Fall um einen Prozess der Identitätsfindung in den Etappen Kennenlernen, Akzeptieren und Wertschätzen der eigenen Stadtgeschichte, der bei einigen Zeitgenossen zum Teil bereits vor der Demokratisierung Polens einsetzte. Jedoch verband die große Mehrheit der Einwohner Breslaus nach 1945 lange Zeit eher eine Art „Westgebiete-Identität“ (Thum 2003: 519), die auf einem negativen Zusammengehörigkeitsgefühl ihrer Träger beruhte, da sie diesen stets ihren ungesicherten und vorläufigen Status als Niedergelassene in einer ehemals ostdeutschen Stadt vor Augen hielt. Die Angst, dass man bald schon wieder zum Umsiedeln gezwungen werden könnte, war unter den Hinzugezogenen derart präsent, dass viele ihre Eisenkarren, auf denen sie ihr Hab und Gut aus den Kresy transportiert hatten, noch bis in die 1970er Jahre hinein im Keller aufbewahrten (Vgl. Interview: Maciejewska 2004, Vgl. zu den Erinnerungen der damaligen Zeitzeugen zuletztBömelburg 2001). Ein mentales Ankommen in Breslau war so äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich.

Darüber hinaus schwebten die Bewohner Breslaus gewissermaßen in einem Dauerzustand der Schizophrenie, der sich im Widerspruch zwischen kommunistischer Ideologie und erlebter Wirklichkeit äußerte. Während die politischen Eliten ihnen versicherten, Breslau und die gesamte Region seien „urpolnische Lande“, mussten sie sich selbst erklären, weshalb auf ihrem Dachboden deutsche Bücher und Briefe lagen und ihre Salzstreuer mit „Salz“ und nicht mit „sól“ beschriftet waren (Vgl. Interview: Maciejewska). Für viele wurden derartige Erfahrungen zum ersten Schritt in Richtung Wahrheits- und Identitätsfindung.

Nach 1989 konnte und wollte ein Großteil der Breslauer einen Zugang zur lang verschwiegenen Vergangenheit ihrer Stadt finden, um sich den multikulturellen Reichtum zu erschließen. Das Informationsbedürfnis und Interesse an der Lokal- und Regionalgeschichte war überwältigend groß, so dass auch die Tagespresse diese Nachfrage nicht ignorieren konnte und der Stadtgeschichte seitdem ganze Artikel-Reihen widmet (Vgl. zuletzt den Zyklus über die Geschichte der angesiedelten Niederschlesier, Gazeta Wyborcza 21. Dezember 2003). Die derart Stück für Stück angelesene und aufgebaute lokale Identität der Breslauer kam schon sehr bald in deren Verhalten und Umgang mit der Vergangenheit ihrer Stadt zum Ausdruck. So waren beziehungsweise sind viele Breslauer nicht nur stolz auf alle früheren Einwohner und Errungenschaften, vielmehr wollen sie dies vor allem nach außen hin zeigen, indem sie die Stadt seit 1989 kontinuierlich restaurieren (zum Beispiel den Marktplatz), vielen berühmten Bürgern der Stadt ein Denkmal setzen (zum Beispiel Edith Stein oder Dietrich Bonhoeffer (Abb. 1/2)) und sich ein Mitspracherecht in sämtlichen Breslau betreffenden Fragen vorbehalten (Vor allem, wenn es um die Stadtentwicklung und den Denkmalschutz geht.Vgl. Interview: Maciejewska).Zumindest in öffentlichen Foren, zum Beispiel in der Gazeta Wyborcza, diskutieren die Breslauer aktiv mit: Sollen wir ein neues Kaufhaus bauen, die Löcher in der Ulica X stopfen oder die finanziellen Mittel doch lieber in die Rettung einer vom Verfall bedrohten Kirche investieren (Vgl. Interview: Maciejewska)? Bei derart zentralen Fragen fällt die Entscheidung oft zugunsten des Denkmalschutzes aus, zumal Breslau als einzige polnische Stadt ein Projekt zur „Hilfe bei der Restaurierung von Denkmälern“ (Program pomocy przy restauracji zabytków) ins Leben gerufen hat. Über diese städtebaulichen Maßnahmen hinaus verfolgen die Einwohner Breslaus aufmerksam, welches Bild ausländische Medien von ihrem „Wrocek“ (so der liebevolle Spitzname Breslaus) zeichnen und reagieren äußerst sensibel und geschlossen, wenn es darum geht, ihre lokale Identität zu verteidigen. So geschehen im Zusammenhang einer Aktion der Gazeta Wyborcza, die im Jahre 2000 unter dem Titel „Oddajcie, co nasze“ (Gebt zurück, was uns gehört) gestartet wurde und für eine Rückführung von Kunstwerken, die nach dem Krieg von Breslau in Warschauer Museen gelangt waren, plädierte (Vgl. Gazeta Wyborcza 21. April 2000). Obwohl den feierlichen und günstigen Anlass dazu das tausendjährige Jubiläum der Stadt gab, war der Wunsch nach einer „Heimkehr“ zumindest einiger bedeutender, da von der Geschichte Breslaus untrennbarer Symbole unter den Einwohnern bereits zuvor vorhanden. Sie waren es, die sich bei der Presse über die Kunstpolitik der Hauptstadt beschwerten und ein großes Unrecht verspürten, sich in gewisser Weise eines Teils ihrer Geschichte „beraubt“ fühlten (Vgl. Interview: Maciejewska). Daher sahen sich die Journalisten der Breslauer Redaktion der Gazeta Wyborcza auch berufen, nicht im Namen ihrer Zeitung oder irgendeiner politischen Partei, sondern im Namen der Stadtbewohner in die Hauptstadt zu fahren und die Direktoren des Nationalmuseums sowie des Militärmuseums zunächst nur um die Rückgabe von mittelalterlichen Schilden der Stadtwache (sog. pawęże) sowie eines von Peter Wartemberg für den Breslauer Dom gestifteten Altar zu bitten (Vgl. Interview: Maciejewska). Das Resultat dieser Aktion war jedoch enttäuschend. Die Museumsleitungen kamen weder den Bitten entgegen, noch zeigten sie guten Willen, indem sie den zum Teil massiven Abtransport von Breslauer Kunstschätzen nach 1945 post festum als Unrecht anerkannt hätten. Sowohl praktische, wie der Schutz vor Zerstörung und Plünderung („szaber“), als auch ideologische Gründe, die es nahe legten, den deutschen Charakter Schlesiens im wahrsten Sinne des Wortes im Lande zu zerstreuen, wurden zur Rechtfertigung der damaligen Maßnahmen angeführt. Noch schwerer wogen die Bemerkungen, die die Warschauer Museumsdirektoren hinsichtlich des Selbstverständnisses der Breslauer machten: Sie warfen den Breslauern mangelnden nationalen Patriotismus vor, erkundigten sich, ob in Breslau denn auch schon ein Denkmal zu Ehren Bolesław Chrobrys, des ersten polnischen Königs, stünde und verstanden nicht, wie sich die Breslauer guten Gewissens als Erben ehemals „deutscher“ (poniemieckie) Kunstwerke sehen können. „Entweder seid ihr Polen oder ihr seid keine, wenn ihr das Erbe der Deutschen antretet.“, heißt es sinngemäß in Beata Maciejewskas Wiedergabe des Gesagten (Vgl. Interview: Maciejewska). Entweder oder, die Breslauer sollten sich entscheiden. Stattdessen riefen die Äußerungen aus den zitierten Interviews eine breite Protestwelle unter den Bürgern hervor, die in den Leserzuschriften im Archiv der Gazeta Wyborcza gut dokumentiert ist (einige Zitate aus den Leserbriefen finden sich im Anhang). Aber auch Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Bildung meldeten sich in der Debatte zu Wort, wobei in diesem Zusammenhang sogar vom „Recht auf eine lokale Identität“ gesprochen wurde, welches die Vertreter der Hauptstadt den Breslauern nicht zugestehen wollten. Auf politischer Ebene konnten in dem Kulturgüterstreit schließlich Fortschritte verzeichnet werden, die allerdings des Eingreifens sowohl des Kultur- als auch des Verteidigungsministers bedurften. So kann man derzeit zumindest eines der mittelalterlichen Schilde im Museum für Militaria in Breslau bewundern, auch wenn es sich dabei nur um eine Leihgabe handelt. Um weitere schlesische Kunstgegenstände an die Orte zurückzuholen, in deren historischen Kontext sie gehören, müsste der rechtliche Weg beschritten werden, was derzeit geprüft wird. Eine eigens dazu einberufene Kommission sammelt darüber hinaus Informationen zur Katalogisierung sämtlicher sich in Polen, aber auch im Ausland befindlicher Kunstobjekte Schlesiens.

Wie dieser Kampf um Symbole zeigt, kann Geschichte nicht nur zum Verbindungsmoment (im Falle Breslaus der Bürger untereinander), sondern auch zu einem Abgrenzungsinstrument (gegenüber dem Rest Polens) werden (Beata Maciejewska charakterisierte den Kulturgüterstreit mit der Bezeichnung „Krieg“, bei dem die Breslauer keine Alliierten innerhalb Polens hätten.Vgl. Interview: Maciejewska).Zumindest belegt die hitzige Auflehnung gegen die empfundene Arroganz seitens der Hauptstadt, dass der Aufbau einer lokalen und auch regionalen Identität gleichzeitig einen Emanzipationsprozess vom Zentrum eingeleitet hat.

Die Breslauer legen demnach großen Wert auf Symbole und all das, was die Stadtgeschichte widerspiegelt und allgemein als Identifikationsmerkmal angesehen werden kann. Hierbei lohnt ein Blick auf das historische Stadtwappen von 1530 (Abb. 3), das zunächst 1938 von den Nationalsozialisten und 1948 von den Kommunisten durch deren Eigenkreationen ersetzt worden war. Erst 1990 wurde es vom Stadtrat Breslaus wieder eingeführt, um die multikulturelle Vergangenheit der Stadt zu versinnbildlichen: So zeigt es neben dem böhmischen Löwen und dem schlesischen Adler auch das Haupt Johannes’ des Evangelisten, des Schutzpatrons der Rathauskapelle.

Die Breslauer sind stolz auf ihre lokale Identität und multikulturelle Vergangenheit, was dem Stadtbesucher auch dadurch ins Auge sticht, dass er auf einigen Autos Aufkleber befestigt findet, die verkünden: „Ich bin ein Niederschlesier und Breslau ist meine Hauptstadt“. Die Aufkleber waren eine Idee der Regionalausgabe der Gazeta Wyborcza und erfreuten sich nach eigenen Angaben hoher Beliebtheit.

Bei einem abschließend etwas differenzierten Blick auf die lokale Identität der Breslauer im Hinblick auf Generationenunterschiede lässt sich Folgendes festhalten: Es sind eher die älteren Bürger, die ihre Zugehörigkeit zu Breslau besonders stark betonen und die Geschichte als Werkzeug ihrer eigenen Identitätsfindung genutzt haben. Sie waren es, die nach 1989 Nachforschungen über die vormaligen Besitzer ihrer Häuser und die Geschichte ihrer Viertel angestellt haben. Die jüngeren Generationen hingegen denken nicht so stark in lokalen Dimensionen. Sie bewegen sich vielmehr auf europäischer und globaler Ebene. Jedoch könnte man die jungen Breslauer als Enthusiasten bezeichnen, die auch einen gewissen Stolz hinsichtlich ihres Stadtimages empfinden, sich ihrer lokalen Identität aber nicht derart stark bewusst sind. Für sie, die in Breslau geboren und aufgewachsen sind, ist es selbstverständlich, dass in ihrer Stadt zum Teil deutsche Schriftzeichen und Namen auf Gebäuden prangen, dass preußische, böhmische, jüdische und polnische Einflüsse nebeneinander existieren. Eher seltsam empfand die Tochter einer unserer Interviewpartner beispielsweise das Stadtbild Krakaus. Dort stand alles auf Polnisch geschrieben, was dem kleinen Mädchen völlig unverständlich war, da sie als Breslauerin eine andere Normalität gewohnt war.

Das Stadtimage und die Symbole der Stadt Breslau

Die Aussagen unserer Gesprächspartner lassen darauf schließen, dass man in der Stadtverwaltung von einer neuen Breslauer Identität überzeugt ist. Vor allem kommt der Idee, dass Breslau eine offene, multikulturelle, europäische Stadt und ein wirtschaftliches Zentrum ist, große Bedeutung zu. Die Zugehörigkeit zu „Nasz Wrocek“ (unserem Breslauchen) wurde durch die erneute Rezeption der gesamten Stadtgeschichte angeregt und forciert. Die Gesprächspartner sind der Meinung, dass die junge Generation diese Identität verkörpert.

Die Symbole, auf welche sich diese Identität stützt, bleiben in den Aussagen jedoch unklar. Einige Befragte zählen Beispiele auf, andere, unter ihnen der Vertreter der Stadtmarketingabteilung, behaupten, dass sich die Breslauer nicht mit lokalen Symbolen identifizieren.

Trotz dieser Uneinigkeit wird jedem Besucher der Stadt auffallen, dass der Marktplatz das Herz der Stadt ist. Dieses Herz schlägt Tag und Nacht und spiegelt den ökonomischen Aufschwung der Stadt wider. Der stellvertretende Bürgermeister Obremski ist überzeugt, dass die Renovierung des Marktplatzes viel zur Entstehung einer lokalen Identität beigetragen hat. In einem Interview mit unserer Gruppe teilt Tomasz Gondek, Mitarbeiter des Amtes für Stadtpromotion, diese Ansicht: „You haven’t seen Wroclaw before the ‘90s, so I think it was not interesting for tourists. Everything was very dark, very dangerous – it was quite a different city, it was another city... we didn’t have the tourists before. Now they are coming. They redid the marketplace for the citizens, to integrate the citizens with the city. Our former president would like to integrate everyone, to say it’s our city, we’re proud of it.“

Die Broschüren des Amtes für Stadtmarketing präsentieren den Marktplatz als Hauptattraktion der Stadt (Vgl. u.a. Attractions 2003, Sehenswürdigkeiten 2003, Metropolis 2004). Die Einbände, sofern mit einem Foto versehen, zeigen fast ausschließlich den Marktplatz oder das Rathaus (Vgl. u.a. Miniguide 2003, Stadtführer 2004, Calendar 2004). Das stilisierte Dach des Rathauses ist auch das Logo dieses Amtes.

Dem Marktplatz folgen: die Dominsel, dann die Universität, die Jahrhunderthalle, zwei Parks und einige Kirchen. Gondek ist der Meinung, dass sich Breslau als eine Stadt der Kultur vorstellt, nicht als eine Stadt der Sehenswürdigkeiten: „We are trying to promote Wroclaw as a city of culture mostly for tourism… But we don’t try to promote Wroclaw as a museum, to go around and look and see how it looks.“

Der Aussage dieses Zitats widerspricht die von der Stadtmarketingabteilung herausgegebene Broschüre „Ein kleiner Stadtführer“, in dem die 66 wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt mit kurzen Beschreibungen und einigen Fotos und Diagrammen umrissen werden (Vgl. Miniguide 2003). Die anderen Broschüren rezipieren diese Sehenswürdigkeiten oftmals nur in Form von Fotos und konzentrieren sich auf Kulturveranstaltungen, zum Beispiel das Liederfestival Vratislavia Cantans (Vgl. Calendar 2004).

In vielen Gesprächen äußerten die interviewten Personen, dass Breslau eine multikulturelle, offene, freundliche und europäische Stadt sei: multikulturell aufgrund der Geschichte, offen und freundlich aufgrund der Vermischung von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, die ein Ergebnis der Entwicklungen der Nachkriegszeit ist, europäisch wegen der positiven Haltung zum EU-Beitritt Polens und der günstigen Lage der Stadt (im archimedischen Punkt des Dreiecks Berlin-Warschau-Prag), was sich als idealer Standort für eine regionale Metropole erweist. In Gondeks Worten: „We would like to be the most European city in Poland. We are thinking like an European city, and it’s really started working... Wroclaw is known as the most friendly city in Poland. We are friendly, because practically we are from other places in Poland. We moved – well maybe not father or mother, but grandfather or grandmother. We are called the United States of Poland, because we are like the States, we’re not from here.“

Andrzej Łoś, ehemaliger Vizebürgermeister der Stadt Breslau, und Michał Kaczmarek, stellvertretender Direktor des Architekturmuseums, sind sich außerdem darin einig, dass in Breslau aufgrund der kulturellen Vermischung das reinste Polnisch gesprochen wird. Dieses Bild schließt der treffende (vom Papst zitierte) Slogan der Stadt: „Miasto spotkań – Stadt der Begegnung“ (Vgl. Metropolis 2004, Begegnung 2004).

Als Markenzeichen muss und will die Stadt mit dem Namen „Wrocław“ werben, auch wenn er nicht für deutsche Ohren und Zungen geeignet ist. Unter Deutschen ist es immer noch üblich, die Stadt Breslau zu nennen. Uns wurde mehrere Male versichert, dass Breslau – dass heißt der deutsche Name der Stadt – ohne jegliche politische oder historische Tragweite freilich benutzt werden kann. Gondek führt dazu weiter aus: „It’s a sign that we are friendly for them. We don’t like to tell them it’s Wrocław, Wrocław, Wrocław. It’s Breslau in your language, but our promotion is the branding of the city Wrocław...“

Diese Unstimmigkeit spiegelt sich in den Broschüren wider. So beginnen Ein kleiner Reiseführer und der dreisprachige Stadtführer auf der erste Seite mit „Wrocław“, aber ab der zweiten Seite wird nur noch „Breslau“ verwendet. Andere, kleinere Broschüren, zum Beispiel The attractions of Wrocław verwenden einfach „Wrocław“ sowohl in den deutschen als auch in den englischen Versionen (Vgl. The attractions of Wrocław 2003, Begegnung 2004).In der Abteilung für Stadtmarketing besteht offenbar die Hoffnung, dass die Deutschen eines Tages den Namen Wrocław mit Breslau gleichsetzen ohne darüber nachzudenken und ihn anstelle der deutschen Bezeichnung anerkennen werden. Diese Entwicklung ist jedoch fraglich, zumal die Ergebnisse der Arbeitsgruppe, die sich mit der deutschen Minderheit in Breslau beschäftigt hat, in eine andere Richtung weisen. Noch immer sind in bestimmten Kreisen tradierte, konservative Ansichten bestimmend. Das von offizieller Seite propagierte Stadtimage vermag dieses nicht vollkommen zu verschleiern.

Schlussbetrachtungen

Es war unser Anliegen, anhand der Aussagen einzelner Vertreter aus Politik, Kultur und Wirtschaft einen Einblick in das gegenwärtige Selbstverständnis der Breslauer Gesellschaft zu geben und dabei die entscheidende Zäsur von 1989 als Ausgangspunkt zu wählen.

Während es zu kommunistischen Zeiten – wenn überhaupt – nur eine negative Identifikation mit der ehemals deutschen Stadt gab, so brachte die Demokratisierung gerade in dieser westpolnischen Stadt positive Impulse, nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, wenngleich dieser Aspekt eine wichtige Rolle spielte. Aber als Hauptakteur – so unsere Folgerung – entpuppte sich die Geschichte, die zum Grundgerüst einer lokalen Identität der Breslauer wurde. Über das Aufspüren der historischen, multikulturellen Spuren gelang es der Stadtbevölkerung, eine positive Beziehung zu ihrer Heimat und deren Vergangenheit zu gewinnen. Der daraus erwachsene Stolz, der von unseren Gesprächspartnern hervorgehoben wurde, könnte auch daher rühren, dass Multikulturalität und Europäisierung gerade heutzutage beliebte Etiketten sind und für Fortschritt stehen. Von jeglicher Spekulation frei ist jedoch die Rolle der politischen Eliten für die Identitätssuche der Breslauer, zumal uns dargelegt wurde, welche Projekte zu diesem Zwecke initiiert wurden und wie die (legale) Instrumentalisierung der Geschichte vonstatten ging.

Glaubt man unseren Quellen, so ist die Mehrheit der Breslauer heutzutage offen, tolerant und stolz auf ihre Herkunft und das multikulturelle (auch deutsche) Erbe der Stadt. Jedoch basiert dieser Idealtypus eines Breslauer Bürgers auf Behauptungen von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und denen es wichtig ist, ein positives Image der Stadt zu vermitteln. Stellenweise hatten wir das Gefühl, uns werde tatsächlich ein Produkt präsentiert und angepriesen, zumal der Vizebürgermeister Obremski explizit von einer Vermarktung Breslaus und einem städtischen Konkurrenzkampf im regionalen Rahmen sprach. Sinn und Zweck einer europäischen und multikulturellen Fassade der Stadt lassen sich somit sicherlich zum großen Teil auch auf wirtschaftliches Kalkül zurückführen, wobei als Zielgruppe vor allem ausländische Investoren in Frage kommen. In einer europäischen Stadt – so die Assoziation – ist das Klima für ausländische Firmen angenehmer. Was die Bürger Breslaus von einer derartigen Vermarktung ihres Heimatortes denken, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Sicherlich kommt es auch ihnen entgegen, wenn die Stadt wirtschaftlich floriert. Aber unabhängig davon kann man die Vermutung äußern, dass die eingeleitete Europäisierung und Öffnung Breslaus ebenso negative Empfindungen hervorruft und der ein oder andere sich dadurch gar bedroht fühlt. In einem Nationalstaat wie Polen, der erst vor 15 Jahren die volle Souveränität erlangt hat, scheinen derartige Überlegungen berechtigt. Dass es sehr wohl ein breites und kontroverses Spektrum an Meinungen zum Umgang mit der Vergangenheit gibt, belegen darüber hinaus auch die Ergebnisse der anderen Arbeitsgruppen. Neben Akzeptanz und Befürwortung der veränderten Geschichtsrezeption mischen sich alte Klischees, Ressentiments und Verbitterung, die aus individuellen Erfahrungen und tradierten Vorstellungen herrühren. Auch wenn Extrempositionen letztendlich nur eine Minderheit ausmachen, so lässt dies dennoch keine Rückschlüsse auf die Mehrheit zu. Dass diese, wie uns geschildert wurde, voll und ganz hinter dem neuen Stadtimage steht, ist jedenfalls fraglich. Vielleicht steht das Gros der Bevölkerung der ganzen Thematik eher neutral oder sogar gleichgültig gegenüber. Das allzu undifferenzierte Wunschdenken unserer Gesprächspartner, man habe es in Breslau mit einer überwiegend lokalpatriotischen Stadtbevölkerung zu tun, bedarf einer empirischen Überprüfung. Sehen sich die Breslauer selbst so, wie es unsere Kommentatoren beschrieben haben? Und vor allem, wie viel Toleranz und Offenheit wird Ausländern oder dem nicht-polnischen Anteil an der Geschichte Breslaus tatsächlich entgegengebracht?

Ob die in den Interviews propagierte harmonische und konfliktfreie (Fremd-)Darstellung der Breslauer einer Überprüfung anhand der Wirklichkeit standhält oder sich doch Risse im Gesamtbild auftun, bleibt weiteren Forschungsvorhaben und hier konkret den folgenden Beiträgen vorbehalten.




po polsku

Abbildungen


Abb. 1


Abb. 2


Abb. 3


Abb. 4


Abb. 5


Abb. 6




Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien