Das polnische Breslau als europäische Metropole - Erinnerung und Geschichtspolitik aus dem Blickwinkel der Oral History  
 
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„Entdeutschung“ und Polonisierung. Die Umwandlung Breslaus in eine polnische Stadt

von Magdalena Helmich, Jakub Kujawinski, Margret Kutschke und Juliane Tomann

Einleitung

Während unseres Aufenthaltes in Breslau haben wir uns von zwei theoretischen Ansatzpunkten leiten lassen. Zum einen von dem der Oral History im Sinne mündlich erfragter Geschichte, zum anderen von der Betrachtung des Stadtraumes und dessen „Lesen“ als Text. Insgesamt haben wir 14 Einzelinterviews und ein Gruppeninterview geführt. Dabei haben wir mit 23 Personen gesprochen, darunter 21 Polen, die im Zeitraum von 1945-1950 nach Breslau gekommen sind. Einige von ihnen sind zur Gruppe der sogenannten „Pioniere“ zu zählen, den ersten Siedlern, die sich in „Polens Wilden Westen“ aufgemacht hatten und schon im Juni/Juli 1945 in Breslau eintrafen (Vgl. u.a. Towarzystwo Miłośników Wrocławia 1995, Hofmann 2000). Die meisten unserer Gesprächspartner stammen ursprünglich aus dem benachbarten Großpolen und aus Galizien. Bei unseren Recherchearbeiten sind wir in einem Altersheim auch auf zwei autochthone Frauen gestoßen, also zwei Bürgerinnen Vorkriegsdeutschlands, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den polnischen Behörden auf ihre polnischen Wurzeln überprüft und „verifiziert“ wurden (Vgl. Madajczyk 2000: 171-176).

Bei der Suche nach Zeitzeugen vor Ort waren uns vor allem die Abteilung für Soziales der Stadtverwaltung und verschiedene Verbände, wie der Verein der Pioniere, die Deutsche Gesellschaft und der Verein der Freunde Breslaus behilflich.

Die Struktur der Interviews war auf Fragen ausgerichtet, die das Zusammenleben in der zerstörten Stadt untersuchen sollten: ob, wie und in welchem Maße die Befragten sich an Deutsche in Breslau nach Kriegsende erinnern, in welchen Situationen sie in Kontakt mit ihnen traten und ob es besondere Ereignisse gab, die es hervorzuheben gilt. Daran schlossen sich Fragen über das Erscheinungsbild Breslaus nach dem Krieg an. Hier hat uns interessiert, ob die Befragten die Entfernung deutscher Aufschriften, Schilder und Tafeln, die Schleifung von Denkmälern oder Ähnliches wahrgenommen haben.

Um sich ein angemessenes Bild von der Atmosphäre in der Stadt in den ersten Nachkriegsjahren zu machen, sollten die folgenden Gesichtspunkte unbedingt in Betracht gezogen werden. An einem Ort zu leben und zu überleben, der im Krieg zu großen Teilen in Schutt und Asche gebombt wurde, erscheint aus heutiger Sicht bereits als unheimliche seelische wie auch physische Anstrengung. Für diejenigen Polen jedoch, die ihre Heimat in Lemberg, Vilnius oder in den heute weißrussischen Gebieten hatten, war es doppelt so schwer: Es gab für sie, wie auch für die vertriebenen Deutschen keine Option der Rückkehr, denn ihre Heimat lag nun auf den Gebieten anderer Staaten. Sie mussten Häuser, Eigentum und die Gräber ihrer Angehörigen zurücklassen und waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Anders war die Motivation derer, die aus Zentralpolen nach Breslau kamen. Großteils siedelten diese mehr oder minder freiwillig in die „Wiedergewonnen Gebiete“ um. Dabei spielt die Propaganda jedoch eine entscheidende Rolle. 1945 wurde mit großem Aufwand um polnische Siedler geworben, wobei die Möglichkeit der materiellen, sozialen und beruflichen Verbesserung im Vordergrund stand. Gregor Thum weist in seinem Buch Die fremde Stadt. Breslau 1945 auch darauf hin, dass die mentalen Unterschiede zwischen Zuzüglern aus Groß-, Zentral- oder Kleinpolen, die also aus benachbarten Regionen kamen, kleiner waren als die der „Repatrianten“ aus den Kresy, also den an die Sowjetunion gefallenen Gebiete Ostpolens (Vgl. Thum 2003: 121f, Ciesielski 1999).

Es kann daher nicht oft genug auf die Komplexität der Gemengelage in Breslau hingewiesen werden – vor allem auch auf die Heterogenität der Bevölkerung, die sich nach 1945 in der Stadt befand und ihr Leben gemeinsam bestreiten musste.

Das Hauptaugenmerk unserer Arbeit liegt auf dieser Phase der Nachkriegszeit Breslaus. Die grundlegenden Fragen, die wir an diese Zeit richten möchten, betreffen vor allem das Verhältnis zwischen den noch in der Stadt gebliebenen Deutschen und den polnischen Neusiedlern. Leitend war der Aspekt der sogenannten „Entdeutschung“ (odniemczanie), die sich klar in der Schleifung von Denkmälern, der Umbenennung von Straßennamen, faktisch der allgegenwärtigen Vernichtung der materiellen Hinterlassenschaften der deutschen Herrschaft und Kultur im Stadtbild Breslaus abzeichnete (Vgl. zu diesem Begriff Linek 1997: 59-63). Inwiefern spiegelt aber die von der Regierung angeordnete „Entdeutschung“ des Stadtraumes das tatsächliche Verhältnis zwischen Polen und Deutschen wider? Gab es trotz der Anweisungen der neuen polnischen Machthaber, die Kontakte mit Deutschen nur auf die Sphäre des Offiziellen und Dienstlichen zu begrenzen, andere Formen des Zusammenlebens? Fühlten die polnischen Neuankömmlinge, dass sie eigentlich in eine deutsche Stadt gekommen waren, oder wurde diese Wahrnehmung überlagert von der Propaganda der „wiedergewonnenen“ polnischen Gebiete? Und schließlich: Wie und durch wen wandelte sich das deutsche Breslau in das polnische Wrocław?

Wichtig für die Autoren war dabei das Verhältnis von offiziellen Darstellungen und den Berichten der Zeitzeugen, die sich als teilweise voneinander abweichend herausstellten. Hier geht es um die Widersprüche bei der Besiedlung der ehemaligen deutschen Gebiete, die von den polnischen Machthabern als „urpolnisch“ bezeichnet wurden, und nach offizieller Lesart zum polnischen Mutterland „zurückkehrten“. Um diesen Widersprüchen auf die Spur zu kommen, haben wir uns neben der Befragung von Zeitzeugen auch auf das heutige Stadtbild Breslaus als Text konzentriert. Anhand auffälliger Übertünchungen, Entfernungen deutscher Schriftzüge oder Symbole an Wohnhäusern, Schulen, Kirchen und anderen offiziellen Gebäuden versuchten wir, die Vorgehensweise bei der „Entdeutschung“ zu rekonstruieren und die Polonisierung (polonizacja) der Stadt nachzuvollziehen. In der Wahl dieser beiden Begriffe für die Befragungen lag implizit eine Provokation. Denn während „odniemczanie“ ein in der damaligen Propaganda verbreiteter Begriff war, gilt dies nicht für den Terminus „polonizacja“. Gerade um die These des urpolnischen Charakters Schlesiens und Breslaus zu bekräftigen, bemühten die Behörden in der Nachkriegszeit den Begriff der „repolonizacja“ (Repolonisierung). Wir wollten herausfinden, inwieweit sich dieser offizielle Begriff in den Köpfen der Menschen festgesetzt hatte und sie z.B. gegen unsere Verwendung von „Polonisierung“ protestierten.

Um dies zu erreichen wählten wir die Form des freien Gesprächs, wobei wir Erinnerungen wecken wollten und darauf warteten, dass deutsche Breslauer sowie deutsche Hinterlassenschaften im Stadtbild erwähnt werden würden.



„Entdeutschung“ und Polonisierung Breslaus in der Erinnerung von Zeitzeugen: Die polnischen Ansiedler

Die von der Gruppe geführten Interviews offenbarten, dass Erinnerungen an das deutsche Breslau beinahe völlig fehlen. In den Aussagen der Befragten dominierte das Motiv der ungeheuren Zerstörung der Stadt, die schwierigen Lebensbedingungen sowie der Mangel an Sicherheit. Es entstand der Eindruck, dass die Interviewten nicht über Deutsche oder die noch deutsch geprägte Umwelt sprechen wollten. Oft traten die Befragten dann die Flucht nach vorn an und begannen ausgedehnt über spätere und heutige Zeiten zu sprechen. Erinnerungen an die Deutschen und das Deutschtum kamen in der Regel erst dann auf, wenn wir uns gerade heraus erkundigten, ob sich die befragte Person an Deutsche erinnerte, ob sie noch in der Stadt gewesen seien, als man dort ankam und auch später, ob man sich gegenseitig kannte und Kontakte aufrechterhielt und ob man sich an Überreste der deutschen Zeit, wie zum Beispiel Straßennamen, Schilder oder Denkmäler in diesem Zeitraum erinnern könne.

Die polnischen Neuankömmlinge hatten offenbar unterschiedlich enge Kontakte zu den in der Stadt verbliebenen Deutschen. Frau Halina S. [alle Namen wurden von den Autoren anonymisiert], 83 Jahre alt, erinnert sich z.B. daran, wie die Deutschen wegfuhren, aber an nichts anderes – sie stand, wie sie sagte, mit ihnen nicht in Kontakt, sprach kein Deutsch, unterhielt sich nur mit Polen, lebte und arbeitete mit Polen. Andere von uns befragte Personen kamen dagegen in verschiedenen Situationen mit Deutschen in Kontakt. Frau Maria J., heute 75 Jahre alt, kam Ende 1945 nach Breslau und erinnert sich, wie ein Angestellter des städtischen Nationalrates der Stadt einigen Deutschen befahl, ihre Wohnung zu räumen, um diese danach auf ihre Familie zu überschreiben. Die erwähnten Deutschen zogen ins Erdgeschoss des gleichen Hauses, kehrten aber am nächsten Tag in aller Frühe in die alte Wohnung zurück, um ihre restlichen Sachen zu holen, da sie noch einen Schlüssel besaßen. In anderen Fällen gestaltete sich der Wechsel des Eigentümers weniger direkt – die zugeteilte Wohnung war schon verlassen worden. Ein besonderes Problem stellten Möbel dar, die in den Räumlichkeiten vorgefunden wurden. Herr Jan K., ein „Pionier“ aus Breslau, erinnert sich, dass die Polen für den in der Wohnung verbliebenen Hausrat Zahlungen an das Amt für Auflösungen leisten mussten. Diese Erfahrung teilen jedoch nicht alle Siedler. Auf der Grundlage anderer Erzählungen kann man demnach erfahren, dass viele Güter als „herrenlos“ angesehen wurden – nachts sammelte man Kartoffeln von ehemals deutschen, noch nicht von Kolonisten besiedelten Wirtschaften außerhalb Breslaus ein, und im Notfall beschaffte man sich Kleidung aus verlassenen Wohnungen, um sie auf dem sogenannten „Schaberplatz“ (szaber; Ort, an dem man mit gefundenem oder auch geplündertem Gut handelte) zu verkaufen. Um diesen Abschnitt zu vervollständigen, sollen auch die deutschen Nachbarn einiger unserer Befragten Erwähnung finden.

Sehr oft erinnert man sich an die Deutschen als Arbeiter. Sie wurden zur Trümmerbeseitigung mobilisiert, aber auch als Schaffner, Aufsicht in verschiedenen Arten von Betrieben und auf Ämtern eingesetzt. Weiterhin betätigten sie sich in den Häusern einiger unserer Gesprächspartner oder ihrer Familien und Bekannten. Meist waren das deutsche Frauen, die zum Putzen und Kochen kamen. Frau Maria J. entsinnt sich auch vieler Deutscher, die ihr Hab und Gut auf der Ulica Jedności Narodowej verkauften, weil sie Geld benötigten. Viele unserer Gesprächspartner erinnern sich an Deutsche nicht nur in den ersten Nachkriegsjahren, sondern gleichermaßen an solche, die blieben, insbesondere in Mischehen. Eine häufig wiederkehrende Erinnerung in den Erzählungen der polnischen Ankömmlinge sind die vernommenen nächtlichen „Hilfe“-Schreie. Dabei wird unterstrichen, dass die größte Gefahr von den sowjetischen Soldaten ausging.

Wie stellen sich anhand der erwähnten Erinnerungen die Beziehungen zwischen Polen und Deutschen dar? Auf der einen Seite existieren Trennung und Distanz – nicht alle Polen hatten unmittelbaren Kontakt zu Deutschen. Tendenziell lässt sich ein starker Zusammenhalt zwischen den Polen erkennen. Frau Maria J. erinnert sich an die ersten Tage in einer ehemals deutschen Wohnung und gibt an, dass man die Deutschen geächtet hätte. Die Polen versuchten eng beieinander zu wohnen, weil sie sich so sicherer fühlten. Gleichzeitig heuerte sie jedoch eine alte Deutsche an, um „sozusagen zu putzen“ („niby sprzątać“). Aus ihrer Erinnerung beschreibt sie diese als eine sehr sympathische Frau. Tägliche Kontakte begünstigten den Abbau von Misstrauen und Argwohn. Herr Jerzy M. spielte zusammen mit jungen Deutschen, andererseits übergoss er am Śmigus-dyngus (polnischer Brauch, junge Frauen am Ostermontag mit Wasser zu bespritzen) nur deutsche junge Frauen mit Wasser, niemals „die Unsrigen“. Das Gefühl der Andersartigkeit, vielleicht sogar der Fremdheit war stark, von Akten der Feindseligkeit kann jedoch nicht die Rede sein. Frau Kunigunda K., die seit 1946 in Breslau lebt, entsinnt sich, dass ein Direktor der Bekleidungsfabrik an der Ulica Traugutta „sofort hinausgeworfen wurde“ („od razu wylali z pracy“), als er einer bei ihm arbeitenden Deutschen ins Gesicht schlug.

Wir befragten unsere Gesprächspartner ebenso zu den Reaktionen der Deutschen auf die Polnisierungsmaßnahmen in Breslau. Generell betonten sie deren Gehorsam gegenüber Anordnungen der neuen Macht. Einer der „Pioniere“, Herr Krzysztof M., erinnert sich an einen Deutschen namens Hartmann, mit dem er in einer kommunalen Einrichtung zusammenarbeitete als einen „arbeitswilligen, wohlwollenden, fürsorglichen und hilfsbereiten“ („chętny, życzliwy, zapobiegliwy i pomocny“) Menschen. Ein weiterer „Pionier“ unterteilt die Deutschen während der Befragung in drei Kategorien: 1. jene, welche die Situation als logische Folge des verlorenen Krieges ansahen, 2. die, welche sich aus Angst vor etwaigen – das betonte er sehr deutlich – Repressionen ruhig verhielten, und 3. jene, die sich am Wiederaufbau der Stadt beteiligten. Hierbei muss jedoch betont werden, dass die in Breslau verbliebenen Deutschen nach dem Krieg auf Anordnung der polnischen Behörden als Arbeitskräfte eingesetzt werden mussten und oft gezwungen waren, unter den schwersten Bedingungen zu arbeiten (Vgl. Ther 1998: 62f).

Ein besonderes Problem, welches sich uns während der Gespräche erschloss, stellte das Verhältnis der polnischen Siedler zur neuen Stadt dar. Viele unserer Gesprächspartner zog es nach Breslau, weil ihre Verwandten dort schon auf sie warteten. Andere kamen allein und sehnten sich sehr nach ihrer alten Heimat. Die einen entschieden sich bewusst zu bleiben, andere hatten nichts, wohin sie hätten zurückkehren können. So zum Beispiel Frau Maria J., deren Haus in Warschau während des Aufstandes in Flammen aufging. In ihren Erinnerungen lässt sich das Gefühl der Fremdheit und Entwurzelung sehr deutlich wahrnehmen. Frau Maria J. betont zum Beispiel, dass die aus ihren Wohnungen vertriebenen Deutschen im Gegensatz zu den Neuankömmlingen Freunde und Familie hatten und deswegen dort Obdach fanden. Viele unserer Gesprächspartner unterstreichen, dass sich, abgesehen von den Plünderern und anderen Verbrechern, alle sehr wohlwollend und solidarisch verhielten. Dabei ist schwierig zu sagen, inwieweit das oft sehr positive Bild der sozialen Beziehungen in dieser Zeit bedingt ist durch eine gemeinsame Verurteilung negativer Phänomene der Nachkriegszeit, wie zum Beispiel Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Mit Blick auf die Literatur und die dort beschriebenen innergesellschaftlichen Konflikte (Vgl. Thum 2003: 160f) könnte man hier auch zu dem Schluss kommen, dass die Zeit nach dem Krieg verklärt wird. Aber entscheidend war für uns als Autoren die subjektive Wahrnehmung.

Viele Menschen wurden durch Eheschließungen und die Geburt von Kindern schneller heimisch in der neuen Stadt.

Einige Gesprächspartner erinnern sich in Bezug auf das Stadtbild an deutsche Denkmäler oder die Sockel derselben, sie entsinnen sich auch mancher deutscher Straßenbezeichnungen. Einige „Pioniere“ erinnern sich sogar an die abwechselnde Verwendung deutscher und polnischer Namen. Frau Helena J., die seit Anfang des Jahres 1946 in Breslau lebt und aus dem Kreis Kielce stammt, erwähnt den fremden Baustil, der besonders durch rote Ziegelbauten ins Auge falle.

Als wir jedoch fragen, ob sie Breslau als deutsche Stadt, die an Polen angeschlossen wurde empfinden, bekräftigen unsere Gesprächspartner übereinstimmend die polnische Identität Breslaus. Einige berufen sich dabei auf das in der Schule Gelernte. Frau Halina S. sagt: „[...] es gehörte uns einst, und ich verhielt mich im Bewusstsein, dass es unser ist, denn das war das, was ich in den Geschichtsbüchern gelesen hatte“ („[...] to było nasze kiedyś, ja miałam świadomość, że to jest nasze, bo ja to czytałam w historii, że to było nasze“). In diesem Zusammenhang kehrt bei zwei unserer Gesprächspartner die Erinnerung an die traumatischen Erfahrungen während der deutschen Okkupation des durch die Nationalsozialisten eingerichteten Generalgouvernements und das Gefühl zugefügten Unrechts zurück. Sie artikulieren sogar offenen Hass gegenüber Deutschen. Besondere Aufmerksamkeit sollte den Berichten der „Pioniere“ zuteil werden, die meist gesellschaftlich sehr aktiv waren. Diejenigen, die sich 1941/42 in Breslau als Zwangsarbeiter aufhielten, betonen, dass alle zur Arbeit nach Breslau verschleppten Arbeiter glaubten, dass diese Territorien nach dem Krieg an Polen „zurückgegeben“ würden. Für sie bedeutete der Fall der „Festung Breslau“ die Befreiung der Stadt. Die Eltern von Frau Danuta A. beschlossen, im nun schon polnischen Breslau zu bleiben, obwohl sie die Möglichkeit gehabt hätten, in die Heimat zurückzukehren. Sie fühlten sich bereits nach kurzer Zeit mit der Stadt verbunden. In den Aussagen aller „Pioniere“ ist das Engagement für den Wiederaufbau der Stadt sichtbar, die schrittweise zu einer polnischen wurde. Zwar wurden viele Denkmäler zerstört, doch die Beseitigung der Spuren deutscher Vergangenheit war nach ihren Aussagen nicht das Wichtigste – es gab andere Dinge zu tun. Neu eröffnete Läden brachten ohne von oben kommende Anweisungen polnische Schilder an.

Für die meisten polnischen Neuankömmlinge gab es keinen Zweifel daran, dass Breslau zu Polen gehöre. Zwei Argumentationsmuster zu dieser Frage fallen in den Gesprächen besonders auf: 1. „Fakten“ aus der Geschichte Schlesiens und 2. die Wiedergutmachung des von den Deutschen erfahrenen Unrechts. Die Respondenten verspüren bisweilen das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Einer der „Pioniere“ betont, dass die Umsiedlung der Deutschen „ehrlich“ und „gesittet“ („uczciwie“ i „kulturalnie“,) vor sich ging, andere unterstrichen den internationalen Kontext der Nachkriegsordnung – die Entscheidung über den neuen Grenzverlauf wurde von den Siegermächten getroffen. So äußert sich auch Herr Wacław B., ein Schuhmacher, der seit 1950 in Breslau lebt wie folgt: „Die Polen haben sich das nicht ausgedacht [...], sie sind nicht mit Macht und Gewalt hergekommen...“ („Polacy tego nie wymyślili [...], sami tutaj nie przyszli jakąś siłą, przemocą...”.)

Abschließend bleibt noch eine interessante Beobachtung bei den interviewten ehemaligen Zwangsarbeitern zu nennen. Sie erinnern sich an das deutsche Breslau vor der Belagerung und Zerstörung. Aus diesem Grund bitten wir sie, einen Vergleich der Stadt vor der Zerstörung und nach dem Wiederaufbau zu ziehen. Übereinstimmend sprechen sie von einer hübschen deutschen Stadt, reich an Sehenswürdigkeiten und Grünflächen. Ebenfalls übereinstimmend merken sie an, dass eine völlig andere Stadt wieder aufgebaut wurde und bestätigen somit die tiefe Veränderung von Breslau hin zu Wrocław. Die Auswertung der Interviews zeigt aber, wie stark das in der Volksrepublik Polen vermittelte Geschichtsbild sich vor allem in den Köpfen der älteren Generation festgesetzt hat. Widersprüche zu dem von den heutigen Eliten unterstützten Geschichtsbild Breslaus als einer europäischen Stadt sind dabei nicht zu übersehen. Doch dies ist den Respondenten nicht bewusst oder sie artikulieren es nicht – ein Indiz dafür, dass die europäische Sicht auf die Geschichte der Stadt noch nicht sehr verbreitet oder gefestigt ist.

Die in Breslau verbliebenen Deutschen

Jahrhunderte der Migration und Überlagerungen im deutsch-polnisch-tschechischen Verflechtungsraum Schlesien resultierten in der Herausbildung einer nicht eindeutig bestimmbaren deutsch-polnischen Identität eines Teils der Bevölkerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Polen für diese Gruppe die Bezeichnung „Autochthone“ in der Bedeutung alteingesessener Bevölkerung verwendet. Die polnische Regierung hatte ein großes Interesse daran, die Autochthonen an sich zu binden – zum einen, um den Beweis zu liefern, dass in den Westgebieten trotz Jahrhunderte währender Germanisierung eine kontinuierliche polnische Siedlungstradition existierte und zum anderen, um die oftmals qualifizierten, ortskundigen und für den Wiederaufbau unentbehrlichen Arbeitskräfte nicht zu verlieren, da es überall in den Westgebieten an Siedlern mangelte (Vgl. Madajczyk 2000: 171). Anhand eines Verifizierungsverfahrens (weryfikacja) konnte man bei Nachweis polnischer Wurzeln die polnische Staatsbürgerschaft erlangen (Vgl. Misztal 1984: 244, Linek 1997: 13). In der Bevölkerung trafen die Autochthonen jedoch häufig auf Vorurteile und wurden aufgrund ihrer andersartigen Kultur pauschal zu den Deutschen gezählt (Vgl. Thum 2003: 124). So kam es, dass sie häufig benachteiligt wurden (zum Beispiel Lohnkürzungen, geringere Lebensmittelzuteilungen und andere Diskriminierungen).

Unsere beiden Gesprächspartnerinnen, Frau Irmgarda Z. und Frau Irena P., haben fast ihr gesamtes Leben in der Stadt verbracht und nahmen nach dem Krieg die polnische Staatsbürgerschaft an. Sie entschlossen sich zum Bleiben in einer nunmehr polnischen Stadt, um den Familienzusammenhalt zu wahren. Ferner wussten sie nicht, was sie in Deutschland erwartete. Als schwierig beschreiben beide Probanden die materielle Situation nach dem Krieg, die durch Lohnkürzungen noch verschärft wurde. Irmgarda Z. musste aus diesem Grund zwei Arbeiten nachgehen, um ihre Eltern miternähren zu können. Auch die plötzliche Notwendigkeit, im Alltag Polnisch zu sprechen, stellte für viele Autochthone ein Problem dar. So ist es nicht verwunderlich, dass neben dem alltäglichen Kampf um die nötigsten Güter kaum Kraft und Zeit blieb, gegen die Demontage des deutschen Stadtbilds aufzubegehren. Die Schlagworte der offiziellen Propaganda – Entdeutschung und Repolonisierung – stießen nur auf ein geringes Interesse der alteingesessenen Bewohner. „Mit dem einzelnen Leben [hatte das] nichts zu tun“ (Interview: Irmgarda Z.). Der Zusammenhalt mit den polnischen Kollegen wird von unseren beiden Gesprächspartnerinnen als sehr gut beschrieben – man half sich und teilte, wo man nur konnte. Schikanen, von denen oft in der Literatur die Rede ist (Vgl. Thum 2003: 145f) widerfuhren ihnen von polnischer Seite nicht - für alle war das ein „neuer Anfang“ in einer fremden oder völlig veränderten Stadt (Vgl. Interview: Irena P.) Die Polonisierung des Stadtbildes ging im allgemeinen Chaos unter und wurde als Konsequenz des Krieges getragen.

Einen ausführlicheren Einblick in die Erfahrungen der in Breslau gebliebenen Deutschen bietet die Arbeit: Breslauer in Wrocław – Die deutsche Minderheit nach der Vertreibung.

Der städtische Raum: Elemente der „Entdeutschung“ und Polonisierung

Der ethnisierte Charakter des modernen städtischen Raumes lässt sich auf zwei Ebenen ablesen. Die erste Ebene ist die gesprochene Sprache, eng verbunden mit der Handlungsebene, dem Alltagsleben – durch Straßennamen, Schilder und ähnliche öffentliche Aufschriften. Die zweite Ebene ist die dingliche oder auch materielle, sich bewusst zur Geschichte, National- und Staatstradition verhaltende, die man in der Sprache sowie in Artefakten ausgedrückt findet. In vielen Fällen vermischen sich die beiden Sphären.

Die Sprache der Straßenbezeichnungen zum Beispiel muss allgemein verständlich für die Stadtbewohner sein. In Breslau lebten ab 1946 überwiegend polnisch sprechende Menschen, so dass deutsche Aufschriften einfach unpraktisch wurden. In diesem Sinne kann ihre Ersetzung zugunsten polnischer Benennungen nicht verwundern (Vgl. Kruszewski 1997). Ebenso trugen die Straßennamen durch die Auswahl ihrer Namensgeber auch einen symbolischen Inhalt in sich. Deswegen genügte nicht überall die bloße Übersetzung der deutschen Namen, wie es vorwiegend in der Altstadt durchgeführt wurde. Dort hatten die Benennungen oft noch mittelalterliche Wurzeln, wie zum Beispiel die Nikolaistraße, die in Ulica Św. Mikołaja umbenannt werden konnte. Oftmals genügte es, den Zusammenhang mit der deutschen Stadtgeschichte zu entfernen (so geschah es am Blücherplatz, der zum Plac Solny wurde) oder einen eindeutig polnischen Charakter an die Stelle eines deutschen zu setzen (Plac Kościuszki an Stelle von Tauentziehnplatz). In manchen Fällen berief man sich direkt auf deutsch-polnische Konflikte der Vergangenheit (Ulica Powstanców Śląskich anstelle von Kaiser-Wilhelmsstraße, Most Grundwaldzki statt Kaiserbrücke). Nicht selten achtete man in der Umbenennung von Straßen auf einen politischen Inhalt. Die Markierung neuer Straßen und Plätze diente somit auch der

Verstärkung einer polnischen Identität Breslaus.

Weiterhin drückt Sprache nicht nur symbolischen Inhalt aus, sondern wird selbst als Symbol verwendet, unabhängig vom Kontext, in welchem sie genutzt wird und vom Inhalt, den sie transportiert. Das erklärt die Beseitigung aller öffentlichen deutschen Aufschriften, die von der Regierung angewiesen wurde. Nicht nur Reklameschilder, was sich mit rein praktischen Erwägungen erklären ließe, waren davon betroffen. Auch deutsche Friedhöfe wurden nach und nach zerstört, nur auf einigen Friedhöfen am Stadtrand kann man noch deutsche Grabmäler finden. Die Zerstörung deutscher Inschriften und Gedenktafeln, zum Beispiel im Haus des orthodoxen Bischofs, lassen sich auf die unmittelbare Nachkriegszeit datieren. Auch von zwei erhaltenen Grenzpfosten aus dem Jahre 1901 wurde die deutsche Aufschrift entfernt, auf einem von ihnen (Ulica Karkonoska) wurde die Lücke mit einer polnischen Inschrift gefüllt. Diese und viele andere Schriftzüge an öffentlichen Gebäuden sollten zerstört werden, weil sie sich auf die deutsche Vergangenheit der jetzt polnischen Stadt bezogen. Sie wurden jedoch nicht konsequent entfernt. Bis heute haben sich viele deutsche Inschriften gut erhalten und das nicht nur auf Gedenktafeln, sondern zum Beispiel auch die Inschrift über dem Portal der Bauschule auf der Ulica Prusa: „Ohne Fleiß kein Preis“. Andere sichtbare Spuren dieser Aufschriften findet man unter anderem noch an den Häusern auf der Ulica Włodkowica, Szewska (Abb. 4) und Piastowa.

Eine der wichtigsten Determinanten im deutschen Stadtbild im Bezug auf die symbolische Ebene waren Denkmäler (Vgl. Harasimowicz 2000: 658-662). Die Statue des Generals von Tauentziehn auf dem nach ihm benannten Platz (heute Plac Kościuszki), das Denkmal des Feldmarschalls von Blücher auf dem Blücherplatz (heute Plac Solny) und die Statue Friedrichs des Großen zu Pferde auf dem Markt (Rynek) sind nur einige von ihnen (Vgl. Antkowiak 1985).

Nach dem Krieg wurde entschieden, die Mehrzahl der nicht zerstörten deutschen Ehrenmale zu demontieren. Manche ereilte sie dieses Schicksal noch im Jahre 1945, so zum Beispiel die Statue Wilhelms I, anderen blieb etwas mehr Zeit. Als letztes wurde 1947 das Denkmal Friedrich Wilhelms III auf dem Markt abgebaut (Vgl. Tyszkiewicz 2000: 134). Trotzdem überdauerten unzählige Denkmäler, die keine direkte politische oder nationale Aussage transportierten oder jene, die sie verloren hatten, diese Zeitenwende. Dazu zählen das Standbild des Szermierz vor dem Universitätsgebäude und das des Amors auf Pegasus am Stadtgraben.

Somit wurde der städtische Raum seiner bisherigen Bedeutung weitgehend beraubt. Er blieb für sehr lange Zeit auf symbolischer Ebene verwaist. Nur in einigen Fällen wurde an die Stelle eines deutschen Denkmals ein polnisches gesetzt. Als erstes, schon im März 1946, wurde im Rahmen der Feierlichkeiten zum Kościuszki-Jahr auf dem gleichnamigen Platz an der Stelle des mausoleumsartigen Ehrenmals Tauentziehns ein Gedenkstein zu Ehren der Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit enthüllt (Vgl. Suleja 2001: 36). Nach dem Krieg wurden verhältnismäßig wenig Denkmäler errichtet. Einige von ihnen waren den Opfern des Zweiten Weltkrieges gewidmet: das Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos (Plac Bohaterów Getta, 1963) oder das der ermordeten Lemberger Professoren (vor der Politechnika Wrocławska 1964). Andere dienten der Erinnerung an die Macht des Volkes, wie das Denkmal der gefallenen Funktionäre der Milicja Obywatelska auf dem Plac Powstańców Sląskich (1964). 1974 wurde ein Denkmal zu Ehren von Nikolaus Kopernikus errichtet (Ulica Piotra Skargi), 1984 entstand die Statue Julius Słowackis in dem nach ihm benannten Park. Der symbolische Raum der polnischen Stadt wurde zudem in bedeutendem Maße von verschiedenen Gedenktafeln bestimmt. Ähnlich wie im Fall der Denkmäler war ein Teil von ihnen mit der Kriegsmartyrologie oder der Feier des Sieges verbunden, so zum Beispiel die Tafel zu Ehren der „Pioniere“ der Stadt (Abb. 5).

Eine besondere und relativ zahlreiche Gruppe machen hingegen die Epitaphen aus, die polnische Spuren im alten Breslau dokumentieren sollen. Besonders oft wird an die Aufenthalte berühmter Landsmänner in der Stadt erinnert, unter anderem an Wincenty Pol 1847 (Plac Solny 16, 1957) und Juliusz Słowacki 1848 (Plac Kościuszki, 1959). Zusammenfassend lässt sich folglich feststellen, dass die Polonisierung des Breslauer Stadtraumes unter Verwendung sehr begrenzter Mittel vollbracht wurde. Vor allem änderte man die Straßennamen, entfernte verschiedene Arten deutscher Inschriften, aber im Vergleich zum vorherigen Netz von Orientierungspunkten entstand die neue symbolische Topografie der polnischen Stadt langsam und kraftlos.

Oben Genanntes betrifft den öffentlichen säkularen Raum. Mit dem Beispiel der Grabmäler und Gedenktafeln sind wir bereits in den kirchlichen Bereich vorgedrungen, den das Thema Polonisierung gleichermaßen betrifft. Ein bezeichnendes Beispiel ist der Innenraum der Kathedrale in Breslau. Der kirchliche Raum scheint, was die Nationalisierung betrifft, widerstandsfähiger zu sein als der weltliche Raum. Auch die Anreicherung mit nationalen Elementen fand in Kirchen auf andere Art und Weise statt. Man kann sagen, dass der nationale Charakter in jenem Raum zur Bildung eines Nationalbewusstseins unter Geistlichen und Gläubigen diente. Da die Kathedrale in Breslau zu 70 Prozent zerstört wurde, ist es schwierig festzustellen, inwieweit ihr Innenraum aufgrund seiner deutschen Prägung verändert wurde. In Anbetracht dessen lässt sich nur schwer von „Entdeutschung“ sprechen. Die Kathedrale nahm gleichermaßen beim Wiederaufbau und insbesondere bei der Wiederherstellung ihrer religiösen Funktionen – sie wurde 1951 geweiht – einen polnischen Charakter an (Vgl. Bukowski 1985: 21-26, 103-121, Malachowitz 2000: 114-129). Nach dem Wiederaufbau wurden einige Seitenkapellen umbenannt, manche bekamen polnische Schutzpatrone wie den Heiligen Adalbert oder den Heiligen Stanislaus. Polnische Heilige wurden auch auf Kirchenfenstern dargestellt. Man sollte dieses Vorgehen nicht überschätzen - es war nicht nur Teil des Polonisierungsprozesses, sondern zählt genauso zu seinem Ergebnis und resultiert zu einem gewissen Grade aus den Bedürfnissen der Geistlichen. Andererseits fehlt es nicht an Zeugnissen, die belegen, dass sich die Kirche der offiziellen Geschichtsinterpretation anschloss und die „Wiedergewinnung der Westgebiete“ zelebrierte, obwohl der Schwerpunkt auf der Entwicklung des kirchlichen Lebens lag. Das wird beispielsweise anhand der Inschrift auf der Tafel zu Ehren von Kardinal A. Hlondas sichtbar, gestiftet zum 25. Jahrestag der „wiedergewonnenen Gebiete“. Auch die in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre hergestellten Glasfenster gewähren bedeutende Einblicke. Die Bemalung des großen Nordfensters stellt eine Szene dar, die mit der Rückgewinnung Schlesiens in Verbindung steht, die Darstellung im großen Südfenster knüpft an die Schlacht vor Liegnitz 1241 an. Die Malereien im Vorhallenfenster halten andererseits den Wiederaufbau der Kathedrale fest. In den Fenstern neben den Kirchenwappen erscheinen das polnische sowie das Stadtwappen. Die Breslauer Kirchengeschichte vor 1945 sollte aber anscheinend nicht geleugnet werden. Neben einer offenkundigen Verstärkung polnischer Akzente wurden in der Kathedrale zahlreiche Gedenktafeln zu Ehren deutscher Geistlicher erhalten, zum Beispiel Kardinal Kopps, der 1914 starb.

Fazit

Mittelpunkt unserer Arbeit ist das Verhältnis der Deutschen und Polen in Breslau nach 1945. Es war uns wichtig zu hinterfragen, wie sich die Verlautbarungen der kommunistischen Propaganda in Bezug auf die Radikalität und Geschwindigkeit der „Entdeutschung“ und „Repolonisierung“ in der Stadt in der erinnerten Realität der von uns Befragten widerspiegeln. Im Bewusstsein darüber, dass unsere Befragungen keine Repräsentativität erreichen, können sie doch eine Momentaufnahme liefern und Tendenzen aufzeigen, die in der bisherigen Forschung nur ungenügend beachtet wurden.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass das Verhältnis der nach Kriegsende in Breslau verbliebenen Deutschen und der zugewanderten Polen vor allem in den Jahren 1945-47 anscheinend von einem inoffiziellen Nebeneinander bestimmt war. Viele der befragten Polen erinnern sich noch an Deutsche, doch kommen selten wirklich feindselige oder abschätzige Äußerungen über Deutsche zum Vorschein. Dies mag einerseits an der zeitlichen Distanz liegen, mit der unsere Respondenten auf die Nachkriegsereignisse schauen. Andererseits sind auch die guten zwischenstaatlichen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland und Polen seit 1990 zu erwähnen.

Oft wird der Kontakt mit Deutschen von den Polen als etwas Normales, zum Teil Notwendiges beschrieben. Man könnte sogar von so etwas wie Solidarität unter den Frauen in der ersten Nachkriegszeit sprechen. Dieses Nebeneinander von Deutschen und Polen funktionierte relativ friedlich, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits die Grundlinien der ideologischen Anknüpfung an das piastische Mittelalter und das Ignorieren der deutschen Traditionslinie der Breslauer Geschichte gezogen waren. Der Eindruck der Zerstörung des Krieges, die Furcht um das Überleben und nicht zuletzt die viel größere Angst vor der in der Stadt verbliebenen sowjetischen Armee ließen die Deutschen nach Kriegsende viel mehr als Menschen mit ähnlichem Schicksal erscheinen, als heute in der Fachliteratur dargestellt wird. Nicht vergessen darf man dabei, dass sich das Leben in der direkten Nachkriegszeit nur in sehr kleinen Kreisen um den Wohnort oder auf Achsen zwischen Wohnort und Arbeitsplatz abgespielt hat. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Gesamtsituation schien oft unmöglich, das eigene Überleben und das Zurückfinden in einen Lebensrhythmus jenseits von Bombenhagel und Hunger waren oft lebensbestimmender als die Frage danach, ob man sich auf historisch deutschem oder polnischen Boden befindet. Es scheint also, dass die Maßnahmen, die ergriffen wurden, um das Antlitz der deutschen Stadt in das einer polnischen umzuwandeln, von der Bevölkerung zu dieser Zeit nur bedingt wahrgenommen wurde.

Kanalisiert wurde die Erinnerung an die ersten Jahre nach Kriegsende in Breslau unter anderem durch verschiedene Zusammenschlüsse, wie zum Beispiel den Verband der Pioniere, den Verein der Sibirier, den Verein der Freunde Breslaus und die Deutsche Gesellschaft. Diese Zusammenschlüsse betrieben eine besondere Art der Erinnerungspolitik, die vom polnischen Staat gefördert wurde, was besonders am Beispiel des Verbandes der Pioniere deutlich wird. Mit der Heraushebung und Auszeichnung der Leistungen, die diese ersten Siedler für die „Repolonisierung“ Breslaus erbracht hatten, unterstrich man nicht nur die Kompetenz und Zielstrebigkeit des jungen polnischen Staates, sondern wollte gleichzeitig deutsche Traditionen abwerten. Der polnische Staat war dabei stets bemüht, die vom Krieg zerstörten Westgebiete als wieder in blühende Landschaften umgestaltete Gebiete darzustellen, was von deutscher Seite mit Argwohn beobachtet wurde.

Diese zu volkspolnischen Zeiten entstandenen Vereinigungen existieren noch heute. Das Geschichtsbild Breslaus hat sich seither geöffnet, und ein breites Interesse an der Geschichte der Stadt vor 1945 mit ihrer multinationalen und multikulturellen Vergangenheit scheint sich zu etablieren. Die Konzentration auf die polnischen Abschnitte innerhalb der Geschichte Breslaus, was stets auf das piastische Mittelalter und den Wiederaufbau Breslaus als polnische Stadt hinauslief, sind einer ganzheitlichen Darstellung gewichen, die Breslau als Metropole mit fester Verankerung in den mitteleuropäischen Traditionslinien wiederentdeckt.

Verbände, wie die der „Pioniere“ fallen in diesem Kontext aus dem Rahmen. Sie forcieren nach wie vor die institutionalisierte Erinnerung an die „Entdeutschung“ der Stadt. Das Nebeneinander dieser beiden Geschichtsbilder wird offenbar noch lange so funktionieren müssen, eben so lange wie es Menschen gibt, die sich dieser Ereignisse erinnern wollen.




po polsku

Abbildungen


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Kontakt-Mail: hotzan@euv-frankfurt-o.de | Zuletzt geändert am 28.12.2008
externer LinkJuniorprofessur für Polen- und Ukrainestudien