peter.mahr

<2020.1> L’art philosophique. Imst und Kant. Was haben das Imster Schemenlaufen und der Kantsche Schematismus miteinander zu tun? 7.594 Zeichen. online 15. 2. 2020. Revidiert: 7.734 Zeichen. online 18. 2. 2020   .html

mit Dank an Reinhard Wibmer

Schönstes Wetter an diesem Sonntagmittag in Imst am 9. Februar 2020. In der Sonne ist es warm, im Schatten kalt, Schnee liegt auf den Dächern. Es ist der Höhepunkt des diesjährigen dreitägigen, alle vier Jahre stattfindenden Imster Schemenlaufens, das auf Vorschlag der Republik Österreich durch die UNESCO ab 2012 Teil des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit wurde. (Siehe die sehr informative Website http://www.fasnacht.at/ mit http://www.fasnacht.at/system/web/GetDocument.ashx?fileid=30759 und „Imster Schemenlaufen, 09.02.2020“, https://www.youtube.com/watch?v=VuRiKs0K8lA, die  treffliche Dokumentation von Thomas Nussbaumer, Universität Mozarteum Salzburg / Innsbruck.) Männer im Fasnachtsfieber beginnen mit ihren Masken, genannt Schemen, und Kostümen in kleinen Schritten zu laufen und tun das fast auf der Stelle. Sie bilden dabei tanzend einen Kreis, der je länglicher ist, je schmaler die Hauptstraße im alten Ortskern. Nach einer gewissen Zeit geht die Gruppe weiter hinunter, bis das erste stattliche Stück planmäßig abgegangen ist. Oft ist es eher still. Relaxed, wie es Maskierten gut ansteht. Es kommt mit allzu wissendem Lächeln ein Glücksgefühl auf, wie bei der Love Parade, wenn man im Rhythmus des Laufs mitwippt, zumal die Scheller mit ihren riesigen Kuhschellen am Bauch und Hintern die Hüfte nach vor und zurückbewegen;-) Die über 50 Paare jugendlicher Roller mit sirrenden Rollen, mitunter in die Höhe springend und mit ihren Pemsln nicht unähnlich manchen Tänzen schwarzafrikanischer Völker tanzend, und schnauzbarttragender Scheller mit ihren grün umkränzten mitra-artig überhöhten Masken und scheppernden, eckigen oder ovalen, bis zu acht Stück zählenden und 35 Kilo schweren Kuhschellen sollen das Glück des Übergangs vom Winter zum Frühling bringen. Aus dem Alltag bekannte Personen aus dem Publikum werden von ihnen mit einem ‚Gangle‘ kurzzeitig unter die Akteure aufgenommen. Oder sie hängen ihre Arme bei den Hexen ein – werden ‚eingeführt‘ – und begleiten diese ein Stück des Wegs, stolz oder nicht, und geben den Obulus ab, um eine Breze oder ein Abzeichen zu bekommen. Die Roller und die Scheller werden von kleidungs- und bewegungskarikierenden Laggerollern und Laggeschellern mit Gesten der Schwäche parodiert. Dazu kommen die Männer mit ihren ländlichen Hexenkostümen und ihren zweiteiligen Schemen mit Flachsperücken und tanzen in leichter Choreographie mit ihren Reisigbesen zum Teil quer über dem Kopf bei gellendem Geheul. Berührend wirkend die teilmaskierten und rote Mütze tragenden 20 Buben, ja Stöpsel, mit ihren kleinen Trompeten, Hörnern und Posaunen. Diese ‚Hexenmusikanten‘ machen die Hexenmusik, das heißt, sie geben monoton dumpfe, ja geräuschhafte Töne in simplen Abfolgen von sich. Angeführt werden sie von der erwachsenen Hexemuata, ihrem ‚Karajan‘. Nicht zu vergessen die sogenannten Einzelmasken, etwa die Kübelemaje mit ihrem weißen Puder für das Publikum, die Vogelhändler mit ihren geschnitzten Vögeln im Käfig (Papageno!), die Korbweible mit ihren ‚schweren‘ Männern im Korb – die in Wirklichkeit hinter her gehen – , nicht zuletzt die ‚Rofn-Kathl‘, die Zeitung mit Tratsch über das Imst der letzten Zeit, die lautstark von Verkäufern angeboten und von weiteren Figuren in natura nachgeahmt wird. Dazu kommen noch die Bärenbanden mit den Bären in weiß und braun mitsamt ihren Treibern, die Tambouriner, Flötenpfeifer und Affen, dann die Kaminer, die in ihren schwarzen Anzügen schwarze Hakenleitern auf die Bänke der offenen Fenster der Wohnhäuser entlang der Straße einhängen, um in die Wohnungen der Zuschauer zu steigen und ihre Rußmarken zu hinterlassen. Der Aufzug wird komplettiert von etwa zehn teils mehrstöckigen Fasnachtswägen – so wie etwa die für jedes Schemenlaufen obligaten Hexenwagen und Bärenwagen. Das sind dieses Mal ein Wagen mit Volksmusik, ein Schwimmbadwagen, Wägen, auf denen sich ganze Häuser im langsamsten Tempo nach vorne bewegen. Das wirkt geradezu grotesk, da die markant modernen und traditionellen Häuser der bunten, dörflichen Innenstadt nicht viel größer und weniger wild wirken. Diese „Kostüm“-Häuser dienen mit Klappen auf der Seite und teils auch im Inneren der Verköstigung, aber vor allem vergnügungsparkähnlichen Belustigungen der ZuschauerInnen. Auch sonst werden die knapp 20.000 Schaulustigen am Straßenrand interaktiv-partizipativ einbezogen. Sie werden nicht nur zu Objekten der ‚weiblichen‘ Wifligsackner und der männlichen Ture- und Bauresackner in Tracht und mit ihren weichen, sackartigen Knüppeln. Sie werden auch zum Ziel der Spritzer in ihrem eleganten Gewand à la Dix-huitième mit Dreispitzhut und ihren gewehrslangen Wasserspritzen – beides Gruppen der ‚Ordnungsmasken‘, die den Weg von undiszipliniertes Publikum frei machen oder dieses reizen. – 15 Uhr: Nachdem das Treiben schon in der Früh seinen Aufschwung nahm, verbringt ein großer Teil der insgesamt 950 Akteure und Begleiter die verdiente Rast mit Labung in einer großen in den Berg gebauten Garage. Später wird es bis Punkt 18 Uhr weitergehen, zu welchem Zeitpunkt die Schemen abgenommen werden müssen …

schẽma (σχῆμα): Körperhaltung und Gebärde, (Heeres-)Aufstellung; Gestalt/Form: Pracht, Tracht, mathematische Figur; Leerform, Schein, Schatten. schematízo (σχηματίζω): Haltung oder Gestalt geben, insbesondere ausstaffieren, herausputzen; Gestalt annehmen, Gebärden machen, sich formieren; sich gebärden, sich stellen, etwas weismachen. schemátion (σχημάτιον): Tanzfigur. schematismós (σχηματισμός): edle Haltung oder Vornehmtuerei; Gestalt, Figur; Anwendung eines Schemas, Würde des Ausdrucks, Verstellung. (nach Gemoll, 9. Aufl., 1965)

… jene Schemen, mit denen das ganze Ereignis etwas von einem Antitheater hat, etwas, das gegen das Schauspiel gerichtet ist, geht es doch mehr um Schaustellung als um Schauspiel. Die Schaustellung der Imster hat etwas Schemenhaftes. Ja, mehr noch, an Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft denkend (1781, Kapitel „Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe“): Nicht nur werden die Gesichter mit den Masken zu Schemata, durch die wir erkennen und allenfalls etwas symbolisieren. Wir konzentrieren durch die extrem karikaturhaften Züge der erstarrten Gesichter unsere Einbildungskraft, und alle teilnehmenden Gruppen und Häuser werden in diesen Strudel der Imagination hineingezogen. Sogar die Moritat der Labara, der halbtheatralischen Gruppe, bleibt mit ihrem großen Bild schematisch, indem das Geschehen nicht aufgeführt, sondern nur deklamiert wird. Ist nicht der gesamte Umzug des Imster Schemenlaufens ein einziger ‚Schematismus‘, so wie in der früheren Neuzeit Institutionen mitsamt ihren Positionen schematisiert wurden: Geistliche, das Militär, Juristen, die Verwaltung? Der Schematismus bildet nicht nur psychisch ein, er imaginiert nicht nur durch Masken bis hin zu jenen des Internet, in die man etwas aufs Geratewohl eingibt. Er ist auch gesellschaftlich, ja ständisch ordnend und stellend. In diesem komplexen doppelten psychischen und sozialen Schema realisiert sich also eine Imster Stadtgesellschaft mit ihren Zuschauern in einer Re-Volte zur Erheiterung aller. Mit der Verwandlung in eine stilisierte Alternativgesellschaft, in der alltägliche sozialen Unterschiede (etwas) in den Hintergrund treten, erhebt das Karnevaleske seinen Anspruch: der alle Schichten erfassende Tabubruch, die Aufhebung von Individualität wie von Raum und Zeit, der temporärer Wechsel von Körpern, die Vermischung der Gegensatzpole. (Bachtin 1929; Bachtin 1965) Vielleicht kann diese subversive Kraft den Schematismus so in Bewegung setzen, dass zum Beispiel die Frauen einmal nicht nur für die Männer nähen, sticken, häkeln, stricken, Perücken zopfen wie Köpfe aufputzen, sondern auch einmal selbst mittun.

 
Peter Mahr © 2020

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