Lernpsychologische

Emotionstheorie

Referat zum Proseminar „Emotion und Motivation",

vom 4.5.1999

Michalak Joanna Maria (a9701654)

Weber Teresa (a9806177)

Einführung:

Psychologie etablierte sich im letzten Jahrhundert als eigenständige Disziplin und verstand sich als die Wissenschaft von den Erlebens - und Bewußtseinszuständen. Diese versuchte man mit Hilfe der Selbstbeobachtung (Introspektion) zu erfassen und zu analysieren. Daher wurde sie auch als Bewußtseins- und Introspektionspsychologie bezeichnet. Bewußtseinszustände sind jedoch Ereignisse der „Innenwelt" und bleiben dem Außenstehenden verborgen - sie sind subjektiv.

Die amerikanische Psychologie versuchte um 1920 einen völligen Neuanfang in der Psychologie zu machen. Dieser war dadurch gekennzeichnet, dass man die Bewußtseinspsychologie sowohl in bezug auf ihren Forschungsgegenstand als auch ihre Methode verwarf. Als legitimen Forschungsgegenstand betrachtete man nunmehr ausschließlich das intersubjektiv beobachtbare Verhalten und die das Verhalten beeinflussenden beobachtbaren Umweltgegebenheiten. Diese erkenntnistheoretische und methodisch Position wird als Behaviorismus bezeichnet. Innerhalb kurzer Zeit wurde er zur dominanten Ströhmung und behielt diese Position bis zu den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Die ursprüngliche Form des Behaviorismus, die insbesondere von John Watson vertreten wurde, wird häufig als klassischer Behaviorismus bezeichnet. Daneben gab es noch den Neobehaviorismus, der vor allem durch Clark Hull repräsentiert wurde, und dann den radikalen Behaviorismus von B.F. Skinner.

Für den ursprünglichen Erfolg der „behavioristischen Revolution" waren vor allem zwei Gründe verantwortlich.

Erstens fanden viele Psychologen das Argument der Behavioristen überzeugend, dass die Psychologie als Daten ausschließlich intersubjektiv Beobachtbares akzeptieren dürfe.

Zweitens hat sich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten unter den Bewußtseinspsychologen die Auffassung verbreitet, die Methode der Introspektion sei prinzipiell unzuverlässig und gestattet es nicht, zu sicheren Ergebnissen zu kommen. Watson fordert die ausschließliche Verwendung von Außenweltdaten in der Psychologie. Er erhob diese Forderung in einer Art behavioristischem Manifest, das 1913 unter dem Titel „Psychology as the Behaviorist views it" erschienen.

Er warf dort der Humanpsychologie vor, sie habe es versäumt, ihrem Anspruch gerecht zu werden, eine Naturwissenschaft zu werden. Sie laufe der verfehlten Vorstellung nach, Gegenstand der Psychologie seien Bewußtseinsphänomene die mittels Introspektion zu analysieren seien. Gegenstand der Psychologie müsse vielmehr das sein, was vor allem Forschern gleichermaßen beobachtbar ist und daher öffentlich ist, nämlich das Verhalten von Organismen, sowie die Umweltgegebenheiten („Reize), die dieses Verhalten veranlassen.

Watson hat seine 1913 vorgetragenen Thesen nachfolgend mit größter Schärfe wiederholt.

1 „Das Dogma (dass jedes Individuum eine Seele hat), hat es in der Humanpsychologie seit dem frühesten Altertum gegeben. Niemand hat jemals die Seele berührt oder eine in einem Reagenzglas gesehen, oder ist in irgendeiner Weise damit in Berührung gekommen wie den anderen Objekten der täglichen Erfahrung.

Es ist bloß eine Annahme, eben so unbeweisbar wie das alte Konzept der Seele......Wir wollen uns lieber auf Dinge beschränken, die man beobachten kann, und Gesetze nur hinsichtlich beobachteter Dinge formulieren. Also beobachten können wir Verhalten - was der Organismus tut oder sagt.."

Was ist eine Emotion?

In Übereinstimmung mit seiner Forderung an den Gegenstand Psychologie definierte Watson Emotionen als intersubjektiv beobachtbare Reaktionsmuster, die durch bestimmte Umweltgegebenheiten (Reize) verlässlich ausgelöst werden:

2 „Eine Emotion ist ein erbliches Reaktionsmuster, das tiefgreifende Veränderungen des körperlichen Mechanismus als Ganzem beinhaltet, insbesondere aber der viszeralen

( Eingeweide wie Herz, Lunge, Magen) und der Drüsensysteme."

Da aber auch instinktive Reaktionen diese Merkmale aufweisen, gibt es ein weiteres Bestimmungsstück:

3 „Der Schock eines emotionalen Stimulus versetzt den Organismus zumindest für den Augenblick in einen chaotischen Zustand. Wenn das Individuum sich in dem Zustand des Schocks befindet, vollzieht es wenige Anpassungen an die Objekte seiner Umgebung. ... Beim Instinkt dagegen ist der Handlungsradius in solch einem Maße erweitert, dass das Individuum als Ganzes Anpassung an die Objekte in seiner Umgebung vornehmen kann."

Emotionen haben nicht die Funktion, eine effektive Auseinandersetzung des Organismus mit seiner Umgebung zu gewährleisten; sie unterbrechen und stören vielmehr organisierte Aktivitäten.

Der Erlebensaspekt von Emotionen ( z.B. das Gefühl von Wut) ist nicht Bestandteil der Emotionsdefinition Watsons. Das heißt nicht, dass Watson bestritt, dass wir Wut, Furcht und andere Emotionen erleben.

Watson räumte allerdings ein, dass seine Emotionsdefinition „nur auf die stärkere stereotypischen Formen emotionaler Reaktionen passt. Das heißt, die angeborenen emotionalen Reaktionsmuster sind in ihrer reinen Form zwar beim Säugling beobachtbar, jedoch nur noch selten, wenn überhaupt, beim Erwachsenen. Watson führt dies darauf zurück, dass die angeborenen Muster durch Lernerfahrungen modifiziert werden, und Bestandteile des ursprünglichen Reaktionsmusters zusätzlich durch andere Reize als die ursprünglichen ausgelöst werden.

Angeborene emotionale Reaktionsmuster

Um ausfindig zu machen, welche Reize ungelernte (angeborene) emotionale Reaktionsmuster auslösen, beobachteten Watson „viele Hundert" Säuglinge und Kleinkinder und führten mit ihnen Experimente durch. .

Watson kam zu dem Schluss, dass es zumindest drei ungelernte emotionale Reaktionsmuster gibt, die durch drei verschiedene Gruppen von Reizen ausgelöst werden. Diese Muster nannte er Furcht, Wut und Liebe.

Das Reaktionsmuster Furcht wird durch laute Geräusche und durch den plötzlichen Verlust von Halt ausgelöst.

Das Reaktionsmuster Wut wird durch Einschränkungen der Bewegungsfreiheit ausgelöst.

Das Reaktionsmuster Liebe wird durch Streicheln sowie durch Schaukeln ausgelöst.

In der Tabelle sind die drei von Watson postulieren angeborenen Reaktionsmuster als „unkonditionierte Reaktionen" (UCR) bezeichnet und die sie auslösenden Reize als „unkonditionierte Reize" (UCS).

Drei ungelernte emotionale Reaktionsmuster, die gewöhnlich als „Furcht", „Wut", und „Liebe" bezeichnet werden ( nach Watson, 1968, S.167 / 8; Original 1930)

Unkonditionierte Reize (UCS)   Unkonditionierte Reaktionen (UCR)

Laute Geräusche, Verlust von Halt

Behinderung der Körperbewegung

Streicheln der Haut und der Geschlechtsorgane, Schaukeln, auf den Knien reiten usw.

FURCHT

WUT

LIEBE

Anhalten des Armes, „Auffahren" des ganzen Körpers, Schreien, oft Defäkation und Urinieren u.a.

Steifwerden des ganzen Körpers, zeitweiliges Aussetzen der Atmung, Rötung des Gesichts bis zur Blaufärbung u.a.

Schreien hört auf, Gurgeln, Glucksen, Erektion des Penis, viele andere unbestimmte Reaktionen

Konditionierte emotionale Reaktionen

Watson wandte sich dann der Frage zu, wie - wenn es nur drei, durch eine kleine Gruppe von Reizen ausgelöst, angeborene Kernemotionen gibt - die außerordentliche Komplexität der emotionalen Reaktionen und der sie auslösenden Bedingungen beim Erwachsenen zu erklären sei. Seine Antwort darauf war, dass diese Komplexität auf den Einfluss von Umweltfaktoren zurückzuführen ist, die zur Ausbildung sogenannter konditioneller Reflexe oder konditionierter emotionaler Reaktionen führen. Einschlägige Beobachtungen hatte Watson schon früher im Zusammenhang mit seinen tierexperimentellen Studien gemacht. Er führte Versuch mit Ratten durch, die in einem Labyrinth einer eingebauten Falltür liefen, die - wenn das Tier darüberlief - sich senkte und, wenn sie ausgelöst wurde, ein lautes Geräusch verursachte (Verlust von Halt und lautes Geräusch als furchtauslösende Stimuli).

4 „Nachdem die Tiere über (die Falltür) gelaufen waren, zeigten sie jedes Anzeichen von Furcht - sich niederkauern, zittern, keuchen, defäkieren ... Nach zwei oder drei Durchgängen mehr fingen sie an, die gesamte Falle zu überspringen. Das Geräusch und das leichte Absinken der Falle, das sie so sehr in Schrecken versetzt hatte, wurde daher vermieden, aber trotzdem blieb die Furchtreaktion bestehen. Auch nachdem die Falle entfernt und der Boden wieder völlig eben gemacht worden war, fuhren die Ratten viele Läufe lang fort, an der alten Position der Falle zu springen. Alle Anzeichen von Furcht blieben bestehen."

Watson bezeichnete diesen Vorgang als Substitution eine Stimulus. Das heißt, anstelle der ursprünglichen Reize (Verlust von Halt, lautes Geräusch), die die Reaktion (Furcht) auslösten, sind ein anderer oder mehrere andere (der Falltür räumlich benachbarte) Reize getreten, die nun ihrerseits eine Furchtreaktion auslösen. Watson bezeichnet die durch einen anderen Reiz ausgelöste emotionale Reaktion als konditionierte emotionale Reaktion. Er war der Ansicht, dass es dieser Vorgang der Reizsetzung ist, der dazu führt, dass Kinder und Erwachsene zum Beispiel nicht nur bei lauten Geräuschen und bei Haltverlust Furchtreaktionen zeigen, sondern dies auch in vielen anderen Situationen tun, und dass zwischen verschiedenen Personen aufgrund verschiedener Lernerfahrungen große Unterschiede in bezug auf diejenigen Situationen bestehen, welche Furcht auslösen.

Darüber hinaus war Watson der Meinung, dass weitere - über Furcht, Wut und Liebe hinausgehende - Emotionen sich aus den drei grundlegenden ebenfalls durch Konditionierungsprozesse aufbauen, ohne dass er darüber allerdings nähere Angaben machte:

5 „ Andere Formen emotionalen Verhaltens, allgemein bekannt als Sorge, Kummer, Ärger, Zorn, Respekt, Ehrfurcht, Gerechtigkeit, Dankbarkeit, erscheinen dem Behavioristen ziemlich einfach. Er vertritt die Meinung, dass sie überwiegend auf den sehr einfachen ungelernten Verhaltensweisen....aufbauen".

Das, was Watson Lernen durch Reizersetzung nannte, bezeichnen wir heute als klassische Konditionierung. Die bei der klassischen Konditionierung zu unterscheidenden Reize und Reaktionen haben folgende Bezeichnungen.

Unkonditionierter Reiz: jeder Reiz, der zuverlässig eine messbare ungelernte Reaktion auslöst. Unkonditionierte Reize lösen reflexartige Reaktionen aus, über die man keine Kontrolle hat. Beispiele sind unter anderem ein Luftstoß auf das geöffnete Auge, was zu einem Lidschluß führt, oder das Berühren eines heißen Gegenstandes, was ein Zurückziehen der Hand bewirkt. Unkonditionierte Reaktionen: jede messbare ungelernte Reaktion, die zuverlässig durch einen Unkonditionierten Reiz hervorgerufen wird ( wie Lidschluß oder Zurückziehen der Hand).

Neutraler Reiz: ein Reiz, der nicht wie der unkonditionierte Reiz reflexartig eine ungelernte Reaktion auslöst. In Experiment bestehen neutrale Reize häufig in akustischen oder visuellen Signalen, die keine ungelernten, jedoch andere sichtbare Reaktionen wie Kopf - oder Augenbewegungen hervorrufen können.

Konditionierter Reiz: ein ursprünglich neutraler Reiz, der gemeinsam mit dem unkonditionierten Reiz dargeboten wird.

Konditionierte Reaktion: eine gelernte Reaktion, die vom konditionierten Reiz ausgelöst wird. Sie ist mit der unkonditionierten Reaktion meist nicht identisch, sondern dieser nur ähnlich.

Die Untersuchungen Watsons zum Erwerb und Beseitigung von Furchtreaktionen

In einer Reihe von Untersuchungen überprüfte Watson seine Hypothese, dass emotionale Reaktionen durch Konditionieren erworben und auch wieder beseitigt werden können.

Erwerb von Furchtreaktionen: Der kleine Albert

Wie es dazu kommen kann, dass ursprünglich neutrale Reize zu konditionierten Auslösern von Furchtreaktionen werden, demonstrierten John Watson und Rosalie Rayner in einer Studie. Die Autoren wollten mit ihrer Studie vier Fragen klären:

  1. Kann man beim Menschen eine Furchtreaktion auf einen ursprünglich neutralen Stimulus konditionieren, wenn man ihn zusammen mit einem unkonditionierten Reiz darbietet?
  2. Falls solch eine konditionierte emotionale Reaktionen herstellt werden kann, überträgt sich diese dann auch auf andere Objekte (Reizgeneralisierung, Transfer)?
  3. Welche Wirkung hat der Faktor Zeit auf die Aufrechterhaltung der konditionierten Reaktion?
  4. Wenn die konditionierte Furchtreaktion mit der Zeit nicht von selbst verschwindet, wie kann man sie dann im Laborexperiment beseitigen?
Um diese Fragen zu klären, wählten Watson und Rayner für ihre Untersuchung den kleinen Albert B. aus. Die Wahl fiel deswegen auf Albert (er war damals neun Monate alt), weil er „im ganzen schwerfällig und unemotional" war. In der ersten Phase des Experiments wurde zunächst festgestellt, inwieweit bestimmte Tiere und Gegenstände Furchtreaktionen auslösen. Albert wurde mit einer weißen Ratte, einem Kaninchen, einem Hund, einem Affen, mit Masken mit und ohne Haare, Baumwolle, brennenden Zeitungspapier und anderem konfrontiert. Albert zeigte in keinem Fall Anzeichen von Furcht.--> bei diesen Objekten handelt es sich um - in bezug auf Furchtreaktionen - neutrale Reize. In derselben Phase des Experiments wurde Albert mit einem sehr lauten Geräusch konfrontiert, um festzustellen, inwieweit dieses als unkonditionierter Reiz eine unkonditionierte Furchtreaktion auslöste. Der Versuchsleiter schlug mit einem Hammer auf eine lange Eisenstange. Alberts Reaktion wurde wie folgt beschrieben: 6„ Das Kind fuhr heftig hoch, seine Atmung stockte, und die Arme wurden in einer charakteristischen Weise erhoben. Bei der zweiten Reizung passierte das gleiche, und zusätzlich begannen die Lippen sich zu falten und zu zittern. Bei der dritten Reizung brach das Kind in einen plötzlichen Weinanfall aus."

Zwei Monate später, Albert war nun elf Monate alt, begann man mit der zweiten Phase des Experiments, in der eine konditionierte Furchtreaktion auf einen der neutralen Stimuli

(weiße Ratte) hergestellt werden sollte. Die Autoren beschrieben die gemeinsame Darbietung von neutralem Reiz (Ratte) und konditioniertem Reiz (Geräusch) folgendermaßen:

7 „1. Die Ratte wurde plötzlich aus dem Korb genommen und Albert gezeigt. Albert begann, mit der linken Hand nach der Ratte zu greifen. In dem Augenblick, als seine Hand das Tier berührt, wurde unmittelbar hinter seinem Kopf auf die Stange geschlagen. Das Kind fuhr hoch, fiel nach vorne und vergrub sein Gesicht in der Matratze. Es weinte jedoch nicht.

2. Gerade als die rechte Hand die Ratte berührte, wurde wieder auf die Stange geschlagen. Wieder fuhr das Kind heftig hoch, fiel nach vorne und begann zu wimmern."

Nach einer Woche erfolgten fünf weitere gemeinsame Darbietungen von Ratte und Geräusch. Unmittelbar danach - in der dritten Phase - wurde die Ratte alleine dargeboten.

8 „In dem Moment, als die Ratte gezeigt wurde, fing das Baby an zu weinen. Fast gleichzeitig fing es an so schnell fortzukrabbeln, dass es nur mit Mühe aufgehalten werden konnte."

Der ursprünglich neutrale Reiz „weiße Ratte" hatte sich in einen konditionierten Reiz verwandelt, der nun allein in der Lage war, eine konditionierte Furchtreaktion auszulösen.

Die konditionierte Reaktion auf die Ratte umfasste hier (ebenso wie bei nachfolgenden Darbietungen) ein Fluchtverhalten - eine Reaktionskomponente, die nicht Bestandteil der unkonditionierten Reaktion war.

In einer anschließenden Phase des Experiments überprüften Watson und Rayner ihre zweite Frage. Der kleine Albert wurde fünf Tage später noch einmal mit der Ratte konfrontiert sowie mit ihm bekannten Bauklötzchen, mit einem Kaninchen, und anderen Tieren und mit einer bärtigen Nikolausmaske. Albert zeigte erneut eine starke Furchtreaktion vor der Ratte,

aber auch vor dem Kaninchen, dem Hund und eine „negative" Reaktion außerdem auf die Nikolausmaske. Die Furchtreaktion hat sich also nur auf solche Reize generalisiert, die dem ursprünglichen konditionierten Reiz besonders ähnlich waren.

Eine weitere Phase des Experiments galt der dritten Frage. Nach 31 Tagen , wurde Albert erneut mit den beschriebenen Objekten konfrontiert. Wieder zeigte er Furcht vor der Ratte und dem Nikolaus , dem Kaninchen und dem Hund.

Das vierte Anliegen von Watson und Rayner war es , festzustellen, ob man die erlernte Furchtreaktion experimentell beseitigen kann.

Doch dies war nicht festzustellen, da Albert mit seiner Mutter den Wohnort wechselte.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Watson & Rayner demonstrierten, dass es (1) mittels der beschriebenen Kondizionierungsprozedur möglich ist, einen Reiz, der ürsprünglich keine Furchtreaktion auslöst, in einen konditionierten Reiz zu verwandeln, der Furcht als konditionierte Reaktion auslöst; (2) dass in der Folge auch andere Reize, die diesem konditionierten Reiz ähnlich sind, eine Furchtreaktion auslösen können; sowie (3), dass die Furchtreaktion auf den konditionierten Reiz (Ratte) und auf ähnliche Reize eine gewisse zeitliche Beständigkeit aufweisen.

Beseitigung von Furchtreaktionen: Der kleine Peter

Eine Fortsetzung der Studie ergab sich jedoch durch den kleinen Peter, der - ebenso wie Albert - vor einer weißen Ratte Furchtreaktionen aufwies. Peter hatte nicht nur vor einer weißen Ratte Angst; ähnlich wie bei Albert „breitet sich die Furchtreaktion auf ein Kaninchen, eine Feder, Baumwolle, ... aus, nicht aber auf Bauklötze und ähnliches Spielzeug."

Mary Cover Jones versuchte die Furcht des kleinen Peter mit „direktem konditionieren" zu therapieren. In der Therapie verwendete Jones ein Kaninchen als furchtauslösenden und Essen als positiven Reiz. Peter wurde in ein Stühlen gesetzt und bekam Essen das er sehr gerne mochte. Während Peter aß, betrat die Experimentatoren mit dem Kaninchen im Käfig den Raum. Sie näherte sich Peter stets nur so weit, dass die Furchtreaktion Peters zu gering war, um mit dem Essen zu interferieren.

Peter wurde auf diese Weise ein mehrmals täglich zwei Monate lang behandelt. Im Lauf der Therapie wurde das Kaninchen schrittweise immer näher an Peter herangebracht.

Am Ende war Peter dann in der Lage, das Kaninchen zu streicheln, mit ihm zu spielen und es an seinen Fingern knabbern zu lassen.

Systematische Desensibilisierung

Die systematische Desensibilisierung ist eine häufig verwendete Technik der Verhaltenstherapie. Die Bezeichnung systematische Desensibilisierung wurde von Wolpe eingeführt, der als Begründer dieser Technik angesehen wird. Sie wird vor allem bei emotionalen Störungen angewendet, insbesondere bei Personen, die unter Ängsten leiden.

Die Technik beruht auf der Annahme, dass man eine „negative" Reaktion auf einen ganz bestimmten Reiz dadurch abbauen kann, dass man in Anwesenheit dieses Reizes eine andere, positive Reaktion auslöst. Bei der systematischen Desensibilisierung ist diese positive Reaktion in der Regel Entspannung.

Im ersten Therapieschritt hat der Patient das Objekt oder Ereignis zu bestimmen, die Angst auslösen. Danach erstellt man eine Angsthierarchie. Die Situationen oder Ereignisse werden in eine Reihenfolge entsprechend dem Grad gebracht, in dem sie Angst auslösen.

Der Patient wird dann angewiesen, sich im Zustand der Entspannung die angstauslösenden Situationen vorzustellen - beginnend mit der am wenigsten angstbelastenden Situationen.

Auf diese Weise wird im Lauf der Therapie die gesamte Angsthierarchie bearbeitet, bis schließlich auch diejenige Situation, die in der Hierarchie ganz oben steht, angstfrei vorgestellt werden kann.

Abschließende Bemerkungen zu den Untersuchungen Watsons (und Jones)

Gegen die Untersuchungen von Watson und Rayner (1920), aber auch gegen die von Jones (1924) sind verschiedene Einwände vorgetragen worden:

Allerdings sind diese älteren Arbeiten bei genauerer Betrachtung kaum geeignet, die Ergebnisse von Watson und Rayner in Frage zu stellen oder zu schwächen. So gelang es z.B. English (1929) nicht, bei einem 14 Monate altem Kind eine Furchtreaktion an eine Spielzeugente aus Holz zu konditionieren. Auch Bregman (1934) gelang es bei den Untersuchungen zu ihrer Studie mit 15 Kindern im Alter zwischen 8 und 16 Monaten nicht, eine konditionierte Furcht herzustellen. Hier muß aber auch auf ihr experimentelles Vorgehen hingewiesen werden, das dies sehr unwahrscheinlich machte. Ein wesentliches Kennzeichen der klassischen Konditionierung ist nämlich, daß die Vp/das Vt die Reize (UCS, NS) durch ihr/sein Verhalten in keinster Weise beeinflussen kann, d.h. daß sie vom Verhalten der Vp völlig unabhängig sind.. Beim operanten (oder instrumentellen) Konditionieren hingegen hängt die Darbietung eines UCS (z.B. lautes Geräusch) davon ab, wie sich die VP verhält (z.B. ob sie die Ratte berührt oder nicht).

Unabhängig von der Frage, ob das Experiment von Watson und Rayner nun eine rein klassische Konditionierung sei oder ob eine Vermengung mit operanter Konditionierung vorliegt, zeigt die Arbeit, daß beim Menschen durch Konditionierungsprozesse Furcht an neutrale Reize „gebunden", daß Furcht also gelernt, werden kann. Diese Möglichkeit des Furchterwerbs unterliegt allerdings gewissen Einschränkungen, wie der Garcia-Effekt zeigt.

Watson vertrat die Annahme, daß jeder beliebige ursprünglich neutrale Stimulus (NS) durch gleichzeitige Darbietung mit einem unkonditionierten emotionalen Stimulus (UCS) in einen konditionierten emotionalen Stimulus (CS) verwandelt werden kann, der dann eine konditionierte emotionale Reaktion (CR) auslöst. Die Annahme, daß beliebige NS und UCS mit ungefähr gleicher Leichtigkeit konditioniert werden können, fand sich lange Zeit auch bei anderen Autoren (vgl. Seligman,1970).

In Frage gestellt wurde diese Annahme allerdings von John Garcia und Mitarbeitern. In ihren Untersuchungen zeigte sich nämlich, daß die Vt bestimmte NS leichter mit der durch einen bestimmten UCS ausgelösten UCR verknüpften als andere NS. Bolles (1975) bezeichnete diesen Effekt als „Garcia-Effekt". Seligman hat – unter anderem mit Bezug auf diese Ergebnisse – die Hypothese der „preparedness" vorgeschlagen.

Der Garcia-Effekt

Eines der Experimente, die später zum sog. Garcia-Effekt führten, wurde von Garcia und Koelling (1966) durchgeführt und läßt sich etwas vereinfacht folgendermaßen darstellen:

Die Autoren boten den Ratten beim Trinken einen audiovisuellen und einen Geschmacksreiz dar. Der audiovisuelle Reiz bestand in einem Ton (laut) und Licht (hell) und wurde durch die Ratten beim berühren des Trinkröhrchens mit der Zunge ausgelöst. Der Geschmacksreiz (süß oder salzig) wurde durch entsprechende Geschmacksstoffe, die dem Wasser beigefügt waren, bewirkt.

Erwerbsphase: Die Vt der Gruppe 1 wurden durch einen elektrischen Schock an den Füßen dafür bestraft, daß sie das „laute", „helle" und „süße" bzw. „salzige" Wasser tranken. Das heißt, in der VG 1 wurde der UCS (Schock) mit 2 CS (audiovisuell, Geschmack) gleichzeitig dargeboten. VG 2 nahm mit dem Trinken des „lauten", „hellen" und „süßen" bzw. „salzigen" Wassers eine toxische Substanz auf, die Übelkeit und andere Krankheitssymptome bewirkt. Das heißt in VG 2 wurde ein anderer UCS (Übelkeit) mit den gleichen 2 CS (audiovisuell, Geschmack) wie in VG 1 kombiniert.

In der anschließenden Testphase wurde die beiden Gruppen weiter unterteilt:

Den Vtn der VG1, die zuvor Schocks erhalten hatten, wurde beim Trinken nun entweder der audiovisuelle (Gruppe 1a) oder der Geschmacksreiz (1b) dargeboten. Schocks wurden nicht mehr verabreicht.

Den Vtn der VG2 (Übelkeit) wurde nun ebenfalls entweder der audiovisuelle (2a) oder der Geschmacksreiz (2b) dargeboten. Die toxische Substanz wurde nicht mehr verabreicht.

Als abhängige Variable wurde in allen vier Gruppen die Menge des getrunkenen Wassers gemessen, sie diente als Indikator für Vermeidungsverhalten (eine kleine Menge getrunkenen Wassers bedeutet ausgeprägtes meiden).

Versuch von Garcia & Koelling (1966):

Erwerbsphase Testphase Verhalten in der Testphase

Gruppe 1 Gruppe 1a

CS: audiovisuell nur audiovisueller CS Meiden

Geschmack

Gruppe 1b

UCS: Schock nur Geschmacks-CS ------

Gruppe 2 Gruppe 2a

CS: audiovisuell nur audiovisueller CS

Geschmack ------

Gruppe 2b

UCS: Übelkeit nur Geschmacks-CS Meiden

Nimmt man an, daß die in der Erwerbsphase gleichzeitig dargebotenen CS (audiovisuell, Geschmack) in gleicher Weise mit den aversiven UCS (Schock, durch toxische Substanz verursachte Übelkeit) verknüpft wurden, so müßten diese CS, wenn man sie in der Testphase gesondert darbietet, auch in gleicher Weise wirken: Die alleinige Darbietung des audiovisuellen CS (1a, 2a) und die alleinige Darbietung des Geschmack-CS (1b, 2b) müßte in der Testphase jeweils ungefähr gleiches Vermeidungsverhalten hervorrufen. Wie die in der Tabelle angeführten Versuchsergebnisse zeigen, ist die jedoch nicht der Fall:

In den Gruppen, wo in der Erwerbsphase elektrische Schocks dargeboten wurden (1a, 1b), zeigt sich Vermeidungsverhalten (geringe Wasseraufnahme) in der Testphase nur dann, wenn der audiovisuelle CS dargeboten wurde. In den Gruppen, die in der Erwerbsphase die toxische Substanz zu sich nahmen (2a, 2b), traten Vermeidungsverhalten hingegen nur dann auf, wenn der Geschmacksreiz dargeboten wurde.

Laut diesen Ergebnissen können beliebige Reize nicht in gleicher Weise als CS wirken. Ratten verknüpfen offensichtlich nur den Geschmacksreiz mit Übelkeit, nicht aber den audiovisuellen und umgekehrt nur den audiovisuellen Reiz mit den durch die Schocks verursachten Reaktionen. Das heißt zu einer Verknüpfung (und damit Meidungsverhalten) kommt es nur, wenn CS und UCS „zueinander passen". Wenn also sowohl der CS (Geschmack) als auch der UCS (Übelkeit) das Verdauungssystem betreffen oder wenn es sich bei beiden um äußere Reize (CS: Ton/Licht, UCS: Schock) handelt.

Garcia und Koelling führten diese bevorzugte Verknüpfung darauf zurück, daß die Ratten im Laufe der evolutionäre Geschichte durch „natürliche Selektion" einen Mechanismus ausgebildet haben, der eben diese Verknüpfung begünstigt. Auch für Seligman (1970) sind diese Ergebnisse ein Beleg dafür, daß Organismen im Laufe ihrer evolutionären Entwicklung eine artspezifische, ür das Überleben wichtige, Bereitschaft („preparedness") ausgebildet haben, bestimmte CS mit den durch bestimmte UCS ausgelösten Reaktionen zu verbinden und daher bestimmte konditionierte Reaktionen zu erwerben.

Da Ratten Allesfresser sind, benötigen sie einen Mechanismus der sie vor Vergiftungen schützt und somit ihr Überleben sichert. Dieser Mechanismus ermöglicht es ihnen, bestimmte Geschmacksreize und nachfolgende Krankheitsempfindungen zu verbinden. Im Gegensatz dazu verfügen sie über keine Bereitschaft oder sogar eine Gegendisposition (contrapreparedness), audiovisuelle Reize (Licht, Ton) mit Übelkeit zu verbinden.

Nach Seligman läßt sich das Ausmaß an Bereitschaft (preparedness)anhand des „Inputs" (z.B. Anzahl der Paarungen von CS und UCS) bestimmen, der nötig ist, damit ein bestimmter „Output" (best. Reaktion) auftritt. Wenn also die in Frage stehende Reaktion bereits nach der ersten Paarung von CS und UCS in konstanter Weise auftritt, so bedeutet dies ein sehr hohes Maß an Bereitschaft. Sind hingegen viele Paarungen nötig, so bedeutet dies ein geringes Maß an Bereitschaft (möglicherweise sogar eine Gegendisposition) den CS mit dieser Reaktion zu verknüpfen.

Bereitschaft zu phobischem Verhalten

Eine Phobie ist eine spezifische Form von Furcht, die durch ganz bestimmte Objekte und Situationen ausgelöst wird und zu deren Meidung führt. Phobien sind insofern irrational, als die Furchtreaktion in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Gefährlichkeit der auslösenden Objekte steht und durch das Wissen um die Ungefährlichkeit des phobischen Reizes wenig oder gar nicht beeinflußt werden kann. (vgl. Marks, 1969)

Phobien betreffen zumeist offenen Plätze, Dunkelheit, Höhen oder bestimmte Tiere wie Schlangen, Insekten oder Spinnen. Hingegen finden sich nur sehr selten Phobien vor Gegenständen, die tatsächlich potentiell gefährlich sind, wie z.B. Autos oder elektr. Geräte. Daraus wurde die Vermutung abgeleitet, daß in unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung eine Disposition (Bereitschaft, preparedness) entstanden ist, gegenüber best. Objekten besonders leicht Phobien zu erwerben, daß also nicht die genetische Ausstattung allein einer Phobie zu Grunde liegt. Phylogenetische Einflüsse betreffen z.B: das Vermeiden von wahrgenommener Tiefe bei vielen Arten sobald sie mobil sind (einschließlich des Menschen) oder die Furcht vor Fremden bei Primaten und Menschen nach dem ersten Stadium sozialer Annäherung. Ob diese verschiedenen Arten von Furcht nun zu ausgeprägten Phobien vor Höhe/Fremden wird hängt nun davon ab, wie solche Mechanismen durch nachfolgende Erfahrungen ausgearbeitet werden. Die Erfahrungen (Lernen) bestimmen also ob es in gewissen genetisch prädestinierten Situationen zum Ausbilden einer Phobie kommt. Dieses angenommene Zusammenwirken zwischen der genetischen und der Lernkomponente erklärt auch, warum z.B. nicht alle Menschen eine Höhenphobie entwickeln bzw. warum die gleiche Erfahrung in einer anderen Situation nicht zu einer Phobie führt. (Marks, Seligman: Hypothese der preparedness)

Ähnliche Überlegungen finden sich bei Öhman (1987), der seine Analyse phobischer Reaktionen „transaktional" nennt, und zwar in dem Sinne, daß er Phobien als das Ergebnis spezifischer Person-Umwelt Interaktionen betrachtet. Wenn genetisch prädisponierte Personen aversive Erfahrungen in einer derart biologisch vorbereiteten Situation machen, so ist es wahrscheinlich, daß sie eine intensive Furcht vor einer derartigen Situation entwickeln. Öhman nennt noch weitere Funktionen, die in diese Wechselwirkung von biolog. Disposition und aversiver Erfahrung eingreifen, wie z.B. die „latente Hemmung", die gegen Furchtreaktionen/Phobien immunisieren kann. Latente Hemmung geht darauf zurück, daß man mit dem potentiellen phobischen Reiz (z.B. einer Spinne) vorauslaufend unter gewöhnlichen, ungefährlichen Umständen konfrontiert war oder sogar positive Erfahrungen gemacht hat. Dies setzt die Wahrscheinlichkeit , daß eine nachfolgende Verknüpfung des Reizes zu einer Phobie führt, herab.

Empirische Evidenz

Öhman und Mitarbeiter haben auf Grund dieser evolutionsbiologischen Spekulationen eine Reihe von Experimenten durchgeführt, denen folgende Überlegung zu Grunde lag:

Wenn tatsächlich best. Reize aufgrund ihrer biolog. Disposition besonders leicht mit Furcht bzw. phobischen Reaktionen verknüpft werden können, dann müßten diese „phobischen" Reize – nachdem man sie im Experiment zunächst mit aversiven, furchtauslösenden UCS dargeboten hat– nach Weglassen dieser UCS sehr viel leichter und beständiger eine konditionierte Furcht auslösen, als andere „neutrale" Reize es nach der gleichen Prozedur tun.

Öhman, Frederikson und Hugdahl (1978) zeigten einer Gruppe von Vpn Dias mit „phobischen" Reizen (Schlangen, Spinnen) und einer zweiten Gruppe neutrale Reize (Pilze, Blumen). Der unkonditionierte aversive Stimulus (UCS) bestand in beiden Gruppen aus einem leichten elektr. Schlag, der in den Finger verabreicht wurde.

Erwerbsphase: In der 1.VG wurde bei der Darbietung eines der beiden phobischen Reize immer ein Schock verabreicht (CS+), bei der Darbietung des zweiten phobischen Reizes hingegen nicht (CS-). Einige Vpn dieser Gruppe erhielten also immer bei der Darbietung einer Spinne einen Schock und bei der Schlange nicht, bei den anderen Vpn dieser Gruppe war es umgekehrt. In analoger Weise wurde bei der zweiten Gruppe mit den neutralen Stimuli vorgegangen. In der anschließenden Löschphase wurden nur noch die CS dargeboten – ohne Fingerschock. Als Indikator für die Furchtreaktion wurde die elektrische Hautleitfähigkeit an der Hand gemessen.

Ergebnisse: Die Hautleitfähigkeit in der Habituationsphase (Phase, wo keine Schocks verabreicht wurden), weist in den Gruppen mit den phobischen bzw. den neutralen Stimuli keine Unterschiede zw. der Reaktion auf jene Reize, die mit nachfolgendem Schock verknüpft wurden (CS+) und solchen ohne nachfolgendem Schock (CS-). In der Erwerbsphase hingegen gibt es besonders in der VG mit phobischen Reizen deutliche Unterschiede in der Furchtreaktion zw. CS+ und CS-. In der Löschphase, wenn also CS+ und CS- ohne Schock, dargeboten werden, bleiben diese Unterschiede in dieser VG aufrecht während hingegen in der zweiten VG dieser Unterschied sehr schnell zusammenbricht.

Diese Ergebnis diente den Autoren als Stütze für die Annahme, daß best. („phobische") Reize aufgrund biolog. Prädisposition besonders leicht und dauerhaft mit Furcht verknüpft werden.

Gegen diese Interpretation ähnlicher Ergebnisse anderer Untersuchungen hat Bandura (1977, S.72ff.) den Einwand erhoben, daß das Fortbestehen der Furchtreaktion bei phobischen CS+ nicht auf biolog. determiniertes Lernen zurückgehe müsse, sondern mit den Erfahrungen zusammenhängen könne, die man mit phobischen bzw. neutralen Reizen gemacht habe.

Mit neutralen Reizen (Blumen, Pilzen) mache man im Alltag neutrale, positive und negative Erfahrungen; auf Schlangen und Spinnen dagegen werde in der Regel nur in negativer Weise Bezug genommen. Die unterschiedliche Löschungsresistenz der konditionierten Furchtreaktionen bei phobischen und neutralen CS+ spiegle daher möglicherweise eher diese unterschiedliche Erfahrungen wieder als daß sie auf biolog. determiniertes Lernen hinweise.

Um diesen Einwand zu entkräften, führten Hughdal und Kärker (1981) ein ähnliches Experiment wie jenes in der eben beschriebenen Studie von Öhman et al. durch. Sie benutzten neben den phobischen (Schlangen, Spinnen) und den neutralen Reizen (geometrische Figuren) auch solche Reize, von denen man annehmen kann, daß sie erfahrungsbedingt negativ sind, ohne daß biolog. Faktoren dabei eine Rolle spielen (defekte elektrische Ausrüstung wie gebrochene Kabel oder beschädigte Schalter). Es zeigte sich, daß die konditionierte Furchtreaktion (gemessen an der Hautleitfähigkeit) in der Löschphase bei verwenden eines phobischen CS+ löschungsresistenter war als bei verwenden eines biologisch neutralen CS+ oder defekter elektr. Ausrüstung als CS+. Ergebnisse anderer Autoren zeigten, daß sich eine größere Löschungsresistenz konditionierter Furchtreaktionen bei phobischen CS+ fand als wenn der CS+ eine Waffe war. Eine neuere Untersuchung von Hugdahl und Johnsen (1989) legt nahe, daß der „preparedness"-Effekt doch nicht auf evolutionäre Furchtreize beschränkt sei. Sie fanden nämlich eine erhöhte Konditionierbarkeit von Waffen als CS, wenn diese auf die Vpn gerichtet waren.

Öhman und Mitarbeiter konnten weiterhin zeigen, daß die in der Löschphase erfolgte Mitteilung, es werde nun kein Schock mehr verabreicht, unterschiedliche Wirkung auf die konditionierte Furchtreaktion bei einem phobischen und einem neutralen CS+ hatte: Die Reaktion auf den neutralen CS+ wurde sofort gelöscht, die Reaktion auf den phobischen CS+ dagegen wurde nur wenig beeinflußt.

Diese Ergebnisse weisen demnach darauf hin, daß man beim Menschen eine Furchtreaktion an unterschiedliche Reize koppeln kann (wie bereits von Watson&Rayner nachgewiesen). Weiters zeigen sie, daß die Konditionierung von Furcht bei einigen Reizen leichter möglich ist als bei anderen, und daß die Furchtreaktion bei diesen spezifischen Reizen löschungsresistenter ist. Dies wurde von Marks (1969) und später auch von Seligman und Öhman durch eine in der Phylogenese erworbene Bereitschaft, best. zunächst neutrale Reize bevorzugt mit Furcht zu assoziieren, erklärt. Einschränkend muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß diese Ergebnisse in einigen Untersuchungen nicht bestätigt werden konnten. Scheinbar ist dieser Effekt weniger robust als ursprünglich angenommen bzw. er tritt nur unter best. Randbedingungen auf.

Das Konditionieren emotionaler Bedeutungen

Das Prinzip des klassischen Konditionierens wurde von Staats&Staats (1957, 1958) herangezogen, um den Erwerb des emotionalen Bedeutungsgehalts von Wörtern zu erklären. Die Wörter glücklich, Freund und schön z.B. haben, trotz ihrer Unterschiedlichkeit, alle eine positive emotionale Bedeutung. Wenn man nun – so die Überlegung von Staats&Staats diese Wörter zusammen mit emotional neutralen Wörtern darbietet, dann wird möglicherweise diese emotional positive Bedeutung auf die neutralen Wörter konditioniert.

In ihrer Studie benutzten die Autoren als neutrale Stimuli Vornamen (z.B. Tom und Bill). Unmittelbar an die Darbietung eines derartigen neutralen Stimulus wurde ein anderes, emotional positives oder negatives Wort präsentiert. In der VG1 folgt auf den Vornahmen Tom stets ein emotional positives Wort (z.B. glücklich; insges. 18 positive Wörter), auf den Namen Bill stets ein negatives (z.B. häßlich; insges. 18 negative Wörter). In der VG2 dagegen wurde Tom mit 18 negativen, und Bill mit 18 positiven Wörtern gekoppelt. Um anschließend den emotionalen Bedeutungsgehalt der beiden Namen zu überprüfen, mußten die Vpn jedes Wort auf einer 7 Punkte Skala mit den Endpunkten „angenehm" (1) und „unangenehm" (7) einstufen. Darüber hinaus hatten sie anzugeben, was die Absicht des Experiments gewesen sei und was sie während der Versuchsdurchführung gedacht hatten. In die Auswertung wurden nur die Vpn einbezogen, denen die Absicht des Experiments und die Konditionierungsprozedur scheinbar nicht bewußt war.

Ergebnisse: In der VG1, wo Tom mit dem positiven Wort gekoppelt war, erwies sich der emotionale Bedeutungsgehalt des Wortes Tom im Mittel entsprechend positiver als der des Wortes Bill. In der VG2 mit der umgekehrten Koppelung war es genau umgekehrt.

Beim einem ähnlichen Versuch, bei dem Staats&Staats die Vornamen durch Ländernamen ersetzten, erzielten sie ähnliche Ergebnisse. Dabei gehen sie von der Annahme aus, daß der jeweiligen Person die Kontingenz zw. Vor- bzw. Ländernamen und positiven / negativen Reizen nicht bewußt ist. Dieses Problem betreffend wurden noch weitere Studien von Martin und Levey (1987) bzw. Bayens, Eelen und van den Bergh (1990) durchgeführt. Den Vpn wurden Bilder als Reize vorgelegt, die auf einer Skala danach zu bewerten waren inwieweit sie angenehm/neutral/unangenehm waren. Anschließend wurden einige der neutral bewerteten Reize mit einem angenehmen, die anderen mit einem unangenehmen Reiz gekoppelt und wiederum zur Bewertung vorgelegt. Diejenigen Reize, die mit einem angenehmen Reiz gekoppelt wurden, wurden nun als angenehm bewertet, die mit einem negativen Reiz gekoppelten als unangenehm und zwar unabhängig davon, ob die Vpn die Kontingenz zw. neutralem und positiven bzw. negativen Reiz bemerkt hatten oder nicht.

Auf Grund einiger Einwände von Shanks und Dickinson (1990) gegen bestimmte methodische Aspekte dieser Arbeit scheint die Rolle des Bewußtseins beim emotionalen Konditionieren weiterhin ungeklärt. Jedoch ist der Befund, daß ein emotional neutraler Reiz durch wiederholte Koppelung mit einem emotional positiven/negativen Reiz seinerseits zu einem emotional positiven/negativen werden kann, gesichert.

Abschließende Bemerkungen

Einleitend wurde darauf hingewiesen, daß der Behaviorismus seine vorherrschende Stellung in der Psychologie (einschließlich der Emotionspsychologie) in diesem Jahrhundert verloren hat.

Gründe dafür:

Um besser zu verstehen, weshalb die Mehrheit der heutigen Psychologen die behavioristische Analyse von Emotionen ablehnt, seien einige der Probleme diese Ansatzes anhand der Emotionstheorie Watsons kurz angedeutet:

Watsons Definition von Emotionen als „chaotische (beobachtbare) Reaktionsmuster, die durch best. Reize verläßlich ausgelöst werden" war klar vom Behaviorismus (wichtig: beobachtbare Reize und Reaktionen) beherrscht und ihm war klar, daß er sich damit vom Alltagsverständnis entfernte. Deshalb wollte er ja seine 3 Grundemotionen (Wut, Furcht, Liebe) mit X,Y und Z bezeichnen. Er versuchte also, nicht die Natur der als „Emotionen" beschriebenen Zustände aufzudecken, sondern plädierte dafür, die Alltagssicht von Emotionen durch eine wissenschaftliche Definition die den behavioristischen Ideen folgt zu ersetzen. Man kann sich nun fragen, weshalb eine Grundemotion, die Watson ja als „chaotisches Reaktionsmuster, das durch bestimmte Reize verläßlich ausgelöst wird" definierte, keine Emotion ist, wenn sie durch die Einnahme von Drogen ausgelöst wird. Unter welchen Bedingungen werden „chaotische Reaktionsmuster" nun als Emotion bezeichnet und von den adaptiven Reaktionsmuster der Instinkte abgegrenzt? Was macht also bestimmte körperliche Reaktionsmuster zu „emotionalen"Reaktionsmustern und best. auslösende Reize zu „emotionalen"Reizen? Watson kann nicht sagen, daß emotionale Reize bzw. emotionale Reaktionsmuster solche sind, die Gefühle verursachen bzw. mit ihnen einhergehen, denn dann würde er sich ja in der Definition von Emotionen erneut auf das subjektive Erleben beziehen. Er könnte allerdings argumentieren, daß die Bezeichnung eines best. Reaktionsmusters als „emotional" versus „nicht emotional" für ihn unwichtig sei. Dann bleibt allerdings noch die Frage, mit welcher Berechtigung er aus der Gruppe der durch best. Reize verlässlich ausgelösten Reaktionsmuster eine kleine Gruppe aussondert und ihr diesen Sonderstatus zuweist – zumal seine Auffassung, das unterscheidende Merkmal von Emotionen sei, daß sie keine adaptive Funktion hätten, sondern primär desorganisierend wirkten, wenig plausibel ist.

Selbst wenn man Watsons behavioristische Position und seine Definition von Emotionen akzeptiert, bleiben noch 2 Probleme:

1) Da beim Erwachsenen die angeborenen Reaktionsmuster laut Watson (1919) weitgehend verschwinden, ist eine allgemeine Identifizierung auch nur der Grundemotionen nicht möglich, da man dazu ja die komplexe Leidensgeschichte jedes Individuums kennen müßte.

2) Weiters läßt Watson die Frage, wie aus den 3 angeborenen emotionalen Reaktionsmustern die zahlreichen weiteren Reaktionsmuster beim Erwachsenen entstehen, offen. Er nimmt zwar an, daß diese Differenzierung durch Konditionierungsprozesse erklärt weden könne, führte diesen Gedanken jedoch nicht weiter aus.

Zu Watsons Theorie des Erwerbs von Emotionen durch Konditionierung ungelernter Reaktionsmuster muß einschränkend zweierlei gesagt werden:

1) Diese Möglichkeit des Emotionserwerbs wurde, abgesehen von der Konditionierung emotionaler Bedeutung, ausschließlich für Furchtreaktionen nachgewiesen.

2) Watsons Theorie des Furchterwerbs durch klass. Konditionieren beschreibt zwar einen Weg des Erlernens von Furchtreaktionen, ist aber laut Rachman (1977) keine umfassende Erklärung . Furcht kann z.B. auch durch Beobachtung erlernt werden oder durch direkte verbale Mitteilungen (z.B. Androhen von Strafe) hervorgerufen werden. Die Versuche, auch solche Fälle mit Hilfe von Konditionierung zu erklären, sind wenig überzeugend.

Neben all diesen Kritikpunkten ist jedoch zu erwähnen, daß der Behaviorismus wichtige Beiträge zur Emotionspsychologie geleistet hat. Er tut dies auch heute noch, vor allem in der Tierpsychologie und bei Forschern, die sich mit dem klass. Konditionieren autonomer Reaktionen beim Menschen befassen. Weiters wurde die methodische Grundhaltung vieler heutiger Emotionsforscher, die sich selbst nicht als Behavioristen bezeichen, weitgehend vom Behaviorismus geprägt. Dies äußert sich in der modernen Emotionspsychologie in der Skepsis gegenüber der Methode der Introspektion und im Bevorzugen von physiologischen Daten oder Verhaltensdaten sowie dem systematischen Experimentieren mit größeren Gruppen. Zudem führen eine Reihe von Psychologen die von den Behavioristen begonnen Forschungen weiter, (z.B. zur Konditionierung von Ängsten oder von emotionalen Bedeutungen) obwohl ihre theoretische Analyse dieser Phänomene meist nicht behavioristisch ist.

Die Probleme, mit denen sich Watson und andere behavioristisch orientierte Emotionspsychologen beschäftigt haben, bleiben bestehen, auch wenn deren theoretische Analyse der Probleme als unzureichend angesehen wird.


1 Watson, S 12-18

2 Watson, 1919, S. 165

3 Watson, 1919, S. 166 / 7

4 Watson, 1919, S. 181

5 Watson, 1968, S.195

6 Watson & Rayner, 1920, S.2

7 Watson & Rayner, 1920, S.4

8 Watson & Rayner, 1920, S.5