Prof. Trimmel:
Proseminar zur allgem. Psychologie –
MOTIVATION UND EMOTION I
WS 1998/99
Michaela I. Kirch
9603230
INTRINSISCHE MOTIVATION
Intrinsisches versus extrinsisches Verhalten; d.h.: innere Motivation versus von außen her rührende Motivation.
Diese Gegenüberstellung wird immer dann lauthals diskutiert, wenn sich die aktuelle Forschung auf Verhalten konzentriert hat, daß der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse z.B. Hunger und Durst stillen dient.
Das bedeutet: der Grund für eine Veränderung – z.B. Lernen – ist zurückzuführen auf externale Motivation in Form von Bekräftigung, Feedback, Belohnung, Nichtbelohnung und Bestrafung.
Das ist eine rein instrumentelle Auffassung,, die besagt, daß Verhalten nur im Dienste des Organismus steht.
Diese Einstellung wird vor allem kritisiert, wenn tierexperimentelle Versuchsergebnisse allgemein auf den Menschen übertragen werden.
Einer der wahrscheinlich ersten Einsprüche 1918 stammt von WOODWORTH in Form der BEHAVIOR-PRIMACY-THEORIE:
Demnach gibt es angeborene, sensorische, motorische und kognitive Fähigkeiten. Sie werden von TRIEBEN wie Neugierde und Selbstbehauptung angetrieben bzw. energetisiert. Die Fähigkeiten entwickeln sich und sind in sich selbst befriedigend.
(Reizreaktionsverknüpfung)
Er setzt als erster zwischen Reiz und Reizreaktion "O" als hypothetisches Konstrukt für Organismus. In diesem Konstrukt befindet sich ein gewissen Triebzustand.
Ähnlicher Auffassung ist 1937 ALLPORTS in seinem "PRINZIP DER FUNKTIONELLEN AUTONOMIE.". Damit können ursprünglich instrumentelle Handlungen von externaler Motivation herrühren und ihren eigenständigen intrinsische Anreiz gewinnen.
In den fünfziger Jahren kommen neuerliche Einsprüche gegen die fast ausschließlich externale Verhaltenserklärung von HULL und SKINNER hinzu:
Bis heute gibt es keine genaue, klare Übereinstimmung darüber, was den Unterschied zwischen intinsischem und extrinsischem Verhalten ausmacht.
Es lassen sich lediglich 6 Konzeptionen anführen, die einem die Thematik ein wenig näherbringen:
Über allen aber steht zusammenfassend, daß intrinsisches Verhalten seiner selbst erfolgt und nicht ein bloßes Mittel zu einem andersartigen Zweck ist.
Das heißt, daß intrinsisches Ve2halten nicht der Befriedigung leiblicher Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Schmerzreduktion dient, sondern es sind Triebe, ohne Triebreduktion
2.) Der zweite gedankliche Entwurf steht im Sinne der ZWECKFREIHEIT.
Das bedeutet: alle zweckfrei erscheinenden Aktivitäten sind als intrinsisch manifestiert.
Besonders in der Kindheit sind viele Aktivitätsbereiche zweckfrei; z.B.: das Spielen beschrieb KLINGER absolut autotelisch = der Ablauf dieser Aktivität selbst ist das Ziel.
Verschiedene TV-Soapserien sind demnach auch autotelisch.
Ein weiterer Ansatzpunkt des intrinsischen Verhaltens der Zweckfreiheit ist die effektvolle Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt, aus der sich dann Leistung oder Selbstbehauptung entwickelt.
Noch prägnanter ist die Definition der Zweckfreiheit nach MC REYNOLDS:
Das sind Tätigkeiten, die nur der Tätigkeit willen ablaufen: Beispiele dafür sind eben das Spiel oder auch ästhetisches Erleben.
Extrinsisch hingegen ist alles was Ziele anstrebt, soviel wie fast alles Verhalten, das auf Leistung Macht, Anschluß, Aggression gerichtet ist.
3.) Die dritte Konzeption beschreibt das s.g. Optimalniveau von Aktivation oder Inkongruenz.
Die dritte Konzeption beschreibt Verhalten dann als intrinsisch motiviert, wenn eine Regulation des optimalen Funktionsniveau zu erkennen ist, z.B. Wiederherstellen oder Beibehalten des optimalen Funktionsniveau.
Für das Funktionsniveau gibt es unterschiedliche theoretische Ansätze.
Für HEBB, FISKE und MADDI liegt der Optimalzustand des Funktionsniveau auf einem neuropsychologisch mittelhohem Aktivationsniveau. Sie bezeichnen das als OPTIMAL ARAUSAL z.B. gemessen an der Höhe der Atem- und Herzfrequenz und an elektrischer Hautwiderstandsänderung.
PIAGET hingegen bezieht sich auf optimale Inkongruenzen zwischen dem momentanen Informationsstrom und einer Art Standart (Schema, Erwartung, Adaptionsniveau).
BERLYNE hat beide Ansätze, psychologische und physiologische Prozesse, miteinander verbunden.
Er definiert sie auf psychologischer Ebene durch ein mittleres Anregungspotential.
Das bedeutet ein mittleres Ausmaß an Inkongruenz des Informationsstroms, welches nicht mit einem mittelhohen Aktivationsniveau wie bei HEBB konform geht, sondern mit einem niedrigen Aktivationsniveau verbunden ist.
HUNT sieht den Menschen vorwiegend inspiriert durch Piagets Entwicklungspsychologie als ein System der INFORMATIONSVERARBEITUNG das zu seiner Funktion ein optimales Ausmaß an Inkongruenz bedarf .
Intrinsische Motivation wird dann angeregt , sobald eine nicht zu geringe und eine nicht zu hohe Inkongruenz zwischen aufgenommener Information und einer Erwartung also einem Standard entsteht
Dieses durch Inkongruenz angeregte intrinsische Motivation , soll ein Inkongruenzreduzierendes Verhalten in Gang setzen bis die Inkongruenz vollständig beseitigt ist .
4.) Die 4-te Konzeption geht auf DE CHARMS zurück : DIE SELBSTBESTIMMUNG
ER meint, daß Belohnung und Bestrafung durch die Umwelt die Selbstbestimmung einschränken und je mehr man sich dagegen wehrt und je mehr es einem gelingt um so mehr fühlt man sich Herr seiner selbst, hat Freude an seiner Aktivität und ist intrinsisch motiviert.
Je mehr man sich an Belohnung und Bestrafung bindet, desto unselbständiger und im System gefangener fühlt man sich.
Das führt nach DE CHARMS zu zwei anscheinend paradoxen Folgerungen:
Die erste: wird jemand belohnt, wenn er etwas aus freien Stücken tut oder getan hätte, so schwächt das seine intrinsische Motivation.
Die zweite: Bleiben Belohnung für uninteressante Tätigkeiten aus, die man der Belohnung wegen getan hat, so kann die intrinsische Motivation anwachsen.
LEPPER hat diese Theorie ausgebaut, indem er weiter folgerte, daß wenn man für etwas, das man ohnehin gerne tut zusätzlich bekräftigt wird, beginnt man darüber nachzudenken, ob man es aus freien Stücken auch getan hätte.
Die eigene Tüchtigkeit steht im Mittelpunkt des intrinsischen Verhaltens.
5.) Fünftens: FREUDIGES AUFGEHEN IN EINER HANDLUNG
Ein völliges absorbiert werden des Erlebens von der selbstinduzierten Handlung.
CSIKSZENTMIHALYI ließ Chirurgen, Bergsteiger, Schachspieler über ihre beruflichen Aktivitäten und Freizeitaktivitäten berichten.
Er ließ sie ihren freudigen Genuß, den sie bei ihren Aktivitäten empfinden, schildern und skalieren.
Was er bei ihren Beschreibungen herausfiltert nennt er "flow" – Fluß.
"Flow" = ein freudiges Aktivitätsgefühl, das völlig bei der Sache, mit der man sich beschäftigt, aufgeht.
Dabei muß achtgeben, daß die Tüchtigkeit den Schwierigkeitsgrad nicht weit überschreitet – sonst entsteht Langeweile.
Umgekehrt resultiert Angst.
Wenn jedoch die Aufgabenschwierigkeit die eigen Tüchtigkeit ein wenig überschreitet, ist die grundlegende Bedingung für "Flow-Erleben" gegeben und bringt Unterschiede zwischen Spiel und Arbeit zum Verschwinden.
6.) Sechste und letzte Konzeption: GLEICHTHEMATIK VON HANDLUNG UND HANDLUNGSZIEL
Wenn das Mittel = die Handlung und der Zweck = das Ziel thematisch übereinstimmen, d.h. wenn erfolgreiche Leistung absolviert wird um eine Aufgabe zu lösen oder die eigene Tüchtigkeit erprobt wird, so ist das absolut intrinsisch.
Nur wenn das Leistungsergebnis ein Zwischenschritt zur Erreichung eines leistungsthematischen Oberziels ist, bleibt der intrinsische Charakter des Leistunghandelns unberührt.
(Karriereleiter emporklettern)
Extrinsisches Handeln in dem Zusammenhang der Gleichthematik ist es, wenn man jemanden nicht um ihn zu verletzen, das wäre intrinsisch, angreift, sondern, um ihm Geld zu stehlen.
BEWERTUNGEN DER VERSCHIEDENEN KONZEPTIONEN:
Von den neueren Meinungen zur intrinsischen Motivation erscheint die Gleichthematik der Handlung psychologisch am klarsten.
Sie deckt sich mit CSIKSZENTMIHALYIS freudigem Aufgehen in einer Handlung, um zu dem "Flow-Erlebnis" zu gelangen.
Hingegen die vierte Konzeption – Selbstbestimmtheit – von DE CHARMS muß nicht immer ein Merkmal intrinsischer Motivation sein.
Was die anderen drei Auffassungen betrifft, sind z.B. die Konzeption der Zweckfreiheit entschieden zu eng gefaßt, weil in diesem Bereich wirklich nur autotelische Aktivitäten wie Spielen intrinsisch motiviert werden.
KORRUMPIERUNG INTRINSISCHER MOTIVATION DURCH EXTRINSISCHER BEKRÄFTIGUNG:
Die Theorie von DE CHARMS, daß durch eine Belohnung für etwas, das man aus freien Stücken tun würde, die intrinsische Motivation sinkt, wurde Anfang der Siebzigerjahre durch einen Dreiphasenversuch belegt.
TYPISCHER VERSUCH VON LEPPER, GREENE, NISBETT
Kindergartenkinder, die begeistert waren vom Malen mit Filzstiften, wurden ausgewählt,
Dies ist ein sehr eindrucksvolles Beispiel für den Korrumpierungseffekt, der zu einer Verringerung von intrinsischer Motivation und der Beliebtheit einer bevorzugten Tätigkeit.
ZUR BESTIMMUNG INTRINSISCHER ANREIZWERTE / ERWARTUNGS MAL WERTMODELL
SAPHIRA hat es 1976 so aufgebaut, daß es 7 Konstruktionsaufgaben in ansteigender Schwierigkeit gibt, wo es eine auszusuchen gilt.
Für eine erfolgreichen Lösung ist eine Geldbelohnung von 2,5$ vorgesehen, gleichgültig, ob die Aufgabe schwer oder leicht ist.
° wenn keine Bezahlung in Aussicht gestellt wurde, wurde von den meisten Vpn bevorzugt die zweitschwerste Aufgabe, deren Erfogswahrscheinlichkeit gleich 0,18 ist
° bei Bezahlung hingegen wählten die meisten Vpn die zweitleichteste Aufgabe von einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 0,82, denn da war der extrinsische Erfolgsnachweis für jede Schwierigkeitsstufe gleich, nämlich 2.5$.
Daß nicht die leichteste Aufgabe und demnach die größte Gewißheit auf Bezahlung gewählt wurde, mag vielleicht auf schwache intrinsische Selbstbewertungsanreize zurückgehen.
IST NUN EINE ERHÖHUNG DER INTRINSISCHEN MOTIVATION NACH WEGFALL EXTRINSISCHER BELOHNUNG MÖGLICH?
Wenn man eine Tätigkeit nur wegen extrinsischer Belohnung unternimmt und diese Belohnung dann wegfällt, so ist dies ein dissonanztheoretisches Paradigma der unzureichenden Veranlassung.
Die einzige Möglichkeit der Dissonanzreduktion ist es nun, die Tätigkeit um ihrer selbst willen und intrinsisch motiviert zu tun.
Eine Studie aus der Dissonanzforchung über einige Studenten, die zu einem Experiment gelockt wurden unter dem Vorwand, eine für ihr Studium erforderliche Bescheinigung zu erhalten, zeigt dies sehr eindringlich.
Ein Teil von ihnen wurde in unfreundlichem Ton vermittelt, daß sie die versprochene Bescheinigung nicht bekommen würden.
Auf diese Art und Weise sind die Vpn unzureichend extrinsisch motiviert, jedoch nach einer Indikatorauswertung zeigte sich, daß die zurückgewiesenen Studenten weitaus stärker intrinsisch motiviert waren als ihre Kontrollgruppe, denen der Bescheid danach ausgehändigt wurde.
Nicht zu vergessen aber ist, daß die bisherige Forschung zur intrinsischen Motivation immer nur von den Extremfällen der Motivation ausgeht.
Im Normalfall ist es wahrscheinlich so, daß zwischen beiden Motivationsanteilen ein ausgewogenes Verhältnis besteht.