Die Emotionstheorie von William JAMES
1884 veröffentlichte William James eine provokative Arbeit mit dem Titel "Was ist eine Emotion?".
Nach eigener Angabe vertrat er darin eine Theorie, die der Alltagsauffassung zuwiderläuft.
Die alltägliche Auffassung besagt, daß Emotionen bei körperlichen Veränderungen, zum Beispiel beim Weinen, auftreten und Folge des Erlebens der Emotion, zum Beispiel Trauer, sind.
James kehrte diese Beziehung nun gänzlich um.
Er behauptet, daß körperliche Veränderungen den Emotionen vorangehen, Emotion sei nichts anderes, als das Empfinden der körperlichen Veränderung, also: Ich bin traurig, weil ich weine.
Diese Theorie stieß auf zahlreiche Kritik und verdankt ihre Popularität der gekonnten sprachlichen Umschreibung James´.
Diese Überlegungen hatten aber auch schon zahlreiche ältere Autoren, die James bekannt waren, etwa Aristoteles, Descartes, Spinoza, Malebranche, Lotze, Maudsley oder auch Henle, angestellt.
1885, ein Jahr also nach dem Erscheinen seiner Theorie, stellt auch der dänische Physiologe Carl Lange eine ähnliche Theorie in seinem Buch "Über Gemütsbewegungen" vor, die im wesentlichen mit James übereinstimmt.Darum wird diese Theorie auch häufig als "James- Lange- Theorie" bezeichnet.
James jedoch macht ausschließlich viszerale Reaktionen ( der Eingeweide, Herz, Lunge, Magen) für die Entstehung der Emotionen verantwortlich, während Lange vasomotorische Reaktionen (Erweiterung und Verengung der Blutgefäße und dadurch unterschiedliche Versorgung des Gehirns und anderer wichtiger Organe mit Blut) postuliert.
Um verschiedenen Kritikern Rechnung zu tragen, formulierte James nach seiner ursprünglichen Fassung von 1884 noch eine ausführlichere Version 1890 und eine präzisierte Fassungung 1894.
In seiner ersten Fassung behauptet er, daß Emotionen eng mit Instinkten verbunden sind. Dies begründet er folgendermaßen:daß,"jeder Gegenstand, der einen Instinkt auslöst, auch eine Emotion hervorruft" und außerdem haben sowohl Emotionen, als auch Instinkte ihren körperlichen Ausdruck, welcher auch bloße starke Muskeltätigkeit einschließt.
Unter Instinkten versteht er ungelernte reflexartige Reaktionen, die der Erreichung eines bestimmten Ziels dienen und gesetzmäßig von gewissen Sinneseindrücken ausgelöst werden.
Der Unterschied zwischen Emotion und Instinkt liegt darin, daß die emotional bezeichnete Reaktion im eigenen Körper des Subjekts endet, der Instinkt jedoch auch praktisch dem erregenden Gegenstand entgegentritt. Emotionen werden auch von Gegenständen hervorgerufen, zu denen wir keine praktische Beziehung haben. James meint damit lustige Erlebnisse, die uns zwar zum Lachen bringen aber keine auf sie bezogene Handlung verlangen.
Außerdem unterscheidet er gröbere und feinere Emotionen. Zu den Gröberen, worauf sich die Emotionstheorie im wesentlichen bezieht, zählen Zorn, Furcht, Scham, Liebe, Stolz, Haß, Freude und Kummer. Diese gelten als grob, da sie relativ starke körperliche Rückwirkungen erzeugen.
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Moralische, intellektuelle und ästhetische Gefühle, wie Genugtuung, Dankbarkeit, Wißbegierde, Erleichterung nach Lösung eines Problems und Bewunderung gelten als feinere Emotionen, da sie nur schwache körperliche Rückwirkungen auslösen.
Wie schon erwähnt, war James entgegen der Alltagsauffassung, daß wir weinen, weil wir über etwas traurig sind, und behauptete, daß wir traurig sind, weil wir weinen und uns vor dem Bären fürchten, weil wir davonlaufen. Dabei ging er von drei zentralen Annahmen aus. Nämlich, daß die bloße Wahrnehmung einer erregenden Tatsache hinreichend für eine körperliche Veränderung sei, diese Veränderung emotionsspezifisch ist und somit bewußt in differenzierter Weise erlebt werden kann. Dieses bewußte Erleben der körperlichen Veränderung ist Emotion.
Diese körperliche Veränderung wird außerdem unmittelbar durch die Wahrnehmung eines Gegenstands ausgelöst, das heißt ohne Vermittlung geistiger Prozesse zwischen Wahrnehmung und Veränderung.
Seine Theorie besagt, "daß die körperlichen Veränderungen unmittelbar auf die Wahrnehmung der erregenden Tatsache folgen und daß die Empfindung ( unser bewußtes Erleben) eben dieser Veränderungen zum Zeitpunkt ihres Auftretens die Emotion IST. (James, 1890/1950, S449)
Wir fürchten uns also vor dem Bären ohne dazwischen zu bewerten, ob er wirklich bedrohlich ist.
" Wenn wir plötzlich eine dunkle, sich bewegende Gestalt im Wald sehen, bleibt uns sofort das Herz stehen und wir halten den Atem an, noch ehe eine deutliche Vorstellung der Gefahr auftreten kann"
( James, 1884, S. 196).
Diese Auslösemechanismen belegt er durch ein Kindheitserlebnis. Mit sieben oder acht Jahren beobachtete er den Aderlaß eines Pferdes und spielte mit dem im Eimer befindlichen Blut in kindlicher Neugier.
Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und er verlor das Bewußtsein, obwohl er nie zuvor davon gehört hatte, daß der bloße Anblick von Blut Ohnmacht auslöst.
Irons entgegnete 1894, daß in diesem Fall gar keine Emotion aufgetreten ist.
Körperliche Veränderung entspricht laut James den Reaktionen des autonomen Nervensystems und diese Vielfalt an körperlichen Veränderungen und ihr bewußtes Erleben, als auch ihre Kombinationsmöglichkeiten sind die Grundlage für reiches emotionales Erleben.
Emotionen wie Furcht, Wut, Freude sind deshalb unterschiedlich, da ihnen verschiedene emotionsspezifische Muster zugrunde liegen. Furcht beschreibt James zum Beispiel mit erhöhter Herzrate, flachem Atem, Zittern der Lippen, Gänsehaut und "Aufruhr in den Eingeweiden".
Jedoch betrachtete er auch willkürliche motorische Reaktionen als Bestandteile der körperlichen Grundlage von Emotion. Hiermit ist etwa Davonlaufen als körperliche Grundlage von Furcht gemeint.
Über Ausdrucksverhalten, also Mimik, Gestik, Körperhaltung, war James gänzlich unentschlossen, denn Schauspieler können etwa das für bestimmte Emotionen typische Ausdrucksverhalten perfekt nachstellen, ohne diese Emotion auch zu empfinden.
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Willkürliche Ausdrucksreaktionen können also keinen eigenständigen Beitrag zum Erleben einer Emotion leisten.
Andererseits jedoch rechnete er in Anlehnung an Darwin 1872 zum Beispiel Augenbrauen- Hochziehen, Vergrößerung der Augen und Öffnen des Mundes zu körperlichen Reaktionen, die dem Erleben von Überraschung und Erstaunen vorausgehen und dieses mitbestimmen.
Er war davon überzeugt, daß bestimmte mimische, als auch gestische Reaktionen und Körperhaltungen das Empfinden von Emotion abschwächen beziehungsweise verstärken oder unterdrücken können.
Wer im Zustand der Trauer die Mundwinkel runterzieht, seufzt und den Kopf hängen läßt, wird noch trauriger.
Wer jedoch den Mund zu einem Lächeln verzieht, die Stirn glättet, sich aufrichtet und mit erhobener Stimme spricht, schwächt die Trauer ab.
Voraussetzung für die Theorie von William James ist, daß die Person differenziert die körperlichen Reaktionen wahrnehmen kann. Um sich selbst davon zu überzeugen, sollte man gründlich Introspektion betreiben. James versuchte weiters zweifelnde Leser mit folgenden Gedankenexperiment zu überzeugen:
" Wenn wir uns irgendeine starke Emotion vorstellen und dann versuchen, von unserem Erleben alle Empfindungen ihrer körperlichen Symptome abzuziehen, dann finden wir, daß wir nichts übrig behalten, kein `psychisches Material´, aus dem die Emotion aufgebaut werden kann, und alles, was übrig bleibt, ist ein kalter und neutraler Zustand intellektueller Wahrnehmung." Und weiter: " Welche Art von Furcht übrig bleiben würde, wenn weder die Empfindung eines schnelleren Herzschlags noch die eines flachen Atems, weder die Empfindung zitternder Lippen noch die der Gliederschwäche, weder die Empfindung der Gänsehaut noch die der Aufruhr in den Eingeweiden vorhanden wäre, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen." ( James 1890/1950, S.452)
In seiner präzisierten Fassung mußte er vor allem zwei Einwänden begegnen.
Erstens war man ( Irons, Worcester, Lehmann) gegen die Annahme von James, daß bloße Wahrnehmung eines Objekts hinreichend für Emotionen sei. Worcester gab zwar1893 zu, daß einige wenige Emotionen unmittelbar auf die Wahrnehmung eines Reizes folgen können, hier könnte man eine Schreckreaktion auf ein unerwartetes Geräusch nennen, für die meisten emotionalen Reaktionen ist jedoch die bloße Wahrnehmung nicht hinreichend.
" Ein angeketteter oder im Käfig gefangener Bär löst möglicherweise nur Gefühle der Neugierde aus, ein gut bewaffneter Jäger empfindet vielleicht nur angenehme Gefühle, wenn er im Wald einen freilaufenden
( Bären) trifft. Es ist demnach also nicht die ( bloße) Wahrnehmung des Bären, die die Furchtreaktion auslöst. Wir laufen vor dem Bären nur dann davon, wenn wir annehmen, daß er uns körperlichen Schaden zufügen kann" ( Worcester, 1893, S. 287).
Zwischen der Wahrnehmung und der körperlichen Reaktion ist nämlich ein vermittelnder Prozess geschalten, zum Beispiel also die Bewertung einer Situation hinsichtlich ihrer Bedrohlichkeit.
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Nach Worcester liegt also die Bewertung der Emotion zugrunde.
Der zweite Einwand richtet sich gegen die Beziehung der Emotion und der willkürlichen Handlung, denn laut Worcester kann ein und dieselbe Reaktion mit unterschiedlichen Handlungen verbunden sein.
Nach James müßte somit, wenn bestimmte willkürliche Reaktionen die Grundlage spezifischer Emotionen darstellen, eine eindeutige Zuordnung von spezifischen willkürlichen Reaktionen und Emotionen bestehen. James wehrte sich gegen den ersten Einwand, indem er postulierte, daß derselbe Gegenstand oder Sachverhalt unterschiedliche emotionale Reaktionen hervorrufen könne, denn emotionale Reaktion ist nicht von der Wahrnehmung der "nächsten Anwesenheit" eines bestimmten Sachverhalts ausgelöst worden, sondern die emotionale Reaktion ist vielmehr von der Wahrnehmung der Situation abhängig, wobei der erregende Sachverhalt nur ein Element von vielen ist. Also werden die emotionalen Reaktionen nicht bloß von der Wahrnehmung eines erregenden Sachverhalts ausgelöst, sondern von der Idee des Elements der jeweiligen Gesamtsituation, das uns " als das lebenswichtigste auffällt. Der gleiche Bär kann uns in der Tat entweder zum Kampf oder zur Flucht anregen, in Abhängigkeit davon, ob er eine überwältigende Ìdee nahelegt, daß er uns tötet, oder aber daß wir ihn töten" ( James, 1894, S. 518)
Dies impliziert, daß die emotionale Reaktion durch eine über die bloße Wahrnehmung hinausgehende Bewertung des Sachverhalts im Kontext der Gesamtsituation verursacht wird. Arnold dementierte 1960 hierauf, daß der Begriff "Idee" nur verschleiere, daß es sich hier um das Ergebnis einer Einschätzung handle.
Den zweiten Einwand führt James auf ein sprachlich begründetes Mißverständnis zurück, wegen der lässigen Formulierung "wir fürchten uns, weil wir davonlaufen". Denn unwilkürliche viszerale Reaktionen werden zu Lasten der willkürlichen Handlung eine stärkere Bedeutung für das emotionale Erleben haben,das heißt daß viszerale Reaktionen die weit wichtigsten Konstituenten der körperlichen Reaktionen, deren Empfindung die Emotion sein soll, darstellen.
Kritiker und Verteidiger von James identifizieren seine Emotionstheorie meist mit ihrer ursprünglichen Fassung. Stumpf wandte 1899 außerdem ein, mit welcher Berechtigung James Empfindungen von körperlichen Veränderungen als emotional bezeichnet - diese Frage blieb bis heute unbeantwortet
Walter Cannons Kritik an der Theorie von James
Diese wohl bekannteste Kritik, aus fünf Punkten bestehend, richtet sich gegen die Annahme, daß viszerale Reaktionen die Grundlage der Emotionen sind.
1. Die vollständige Trennung der Viszera (Eingeweide) vom Zentralnervensystem führt zu keiner Veränderung im emotionalen Verhalten. Zur Überprüfung werden Emotionen von Personen untersucht, die aufgrund organischer Krankheit oder eines Unfalls vollständig empfindungslos hinsichtlich viszeraler Reaktionen sind, geistige und motorische Fähigkeiten waren aber nicht beeinträchtigt worden.
Daher dürften also nach James keine Emotionen erlebt werden. Solche Personen sind allerdings sehr selten.
Daher führte man auch tierexperimentelle Untersuchungen durch.
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Dazu hat Sherrington 1900 bei Hunden das Rückenmark und den Vagusnerv ( Lungen- Magennerven) durchtrennt und somit die Verbindung Gehirn- Viszera unterbrochen. Er hat keine auffälligen Veränderungen des emotionalen Verhaltens festgestellt. Ebenfalls dasselbe Ergebnis erhielten Cannon, Lewis und Britton 1927 bei Beobachtungen von Katzen, denen der gesamte sympathische Anteil des autonomen Nervensystems entfernt wurde.
Jedoch ist dies nicht notwendigerweise ein Widerspruch zur Theorie, denn James behauptet nicht, daß das Ausdrucksverhalten sich ändere, sondern das Erleben der Emotion. Ob Hunde und Katzen diese Emotionen auch fühlten, ist nicht sicher.
2. Dieselben viszeralen Veränderungen treten bei sehr verschiedenartigen emotionalen und auch bei nichtemotionalen Zuständen auf.
James nahm an, daß Wut, Furcht, etc. sich unterschiedlich anfühlen, da ihnen unterschiedliche emotionsspezifische Muster viszeraler Veränderungen zugrunde liegen.
Cannon postulierte, daß gewisse viscerale Veränderungen nicht nur im Zustand der Wut auftreten, sondern dieselben Reaktionen auch bei Furcht oder nichtemotionalen Zuständen (Frösteln) gegeben sind. Also kann das Erleben einer bestimmten Emotion nicht durch viscerale Veränderungen determiniert sein. Gegen diesen Kritikpunkt wehrte sich Grossmann 1967, denn durch Forschung konnte dieser Punkt nicht vollständig widerlegt werden.
" Um die Hypothese (emotionsspezifischer Muster viszeraler Veränderungen) zu widerlegen, müßte man zeigen, daß das gesamte Muster physiologischer Veränderungen bei unterschiedlichen Emotionen unverändert bleibt und daß genau dieses Muster in eindeutig nichtemotionalen Situationen auftritt. Einen derartigen Beweis hat Cannon nicht vorgelegt" ( Grossmann, 1967, S. 501)
3. Die Eingeweide sind relativ unempfindliche Organe (d. h. sie verfügen nur über wenige Rezeptoren und Nervenfasern). Cannon behauptet, daß Eingeweide nur insofern relativ unempfindliche Organe sind, als sie nur mit wenigen Rezeptoren und entsprechend wenigen Nervenfasern ausgestattet sind. Vorgänge in Eingeweiden, also Verdauung im Magen, Stoffwechsel in der Leber, etc. können normalerweise nicht differenziert wahrgenommen werden. Daraus schließt Cannon, daß, wenn Eingeweide derart unsensibel sind, sie auch nicht für reichhaltiges emotionales Erleben verantwortlich sein können.
4. Viscerale Veränderungen sind zu langsam, um als Ursache des Gefühlserlebens in Frage zu kommen.
Die Latenz (Zeit von der Reizeinwirkung bis zum Einsetzen einer Reaktion) der glatten Muskulatur der Eingeweide ist relativ lang. Cannon stellte eine Latenz von 0,25 Sekunden bei Katzen und 0,8 Sekunden bei Pferden fest, bei Drüsen, die den Eingeweiden zugerechnet werden, dauert dies noch länger. Bis zum Erleben der visceralen Veränderungen vergeht zusätzlich Zeit. Zur Latenz der glatten Muskulatur dazu wird noch die Zeit gerechnet, die benötigt wird, um viszerale Veränderungen an das Gehirn rückzumelden und wahrzunehmen.
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Cannon berichtet nach einer Studie von Wells, daß die Latenz der affektiven Reaktionen auf Bilder von Männern und Frauen weniger als 0, 8 Sekunden beträgt. Wenn die affektive Reaktion bereits begonnen
hat, bevor die viszerale Veränderung, die ihr zugrunde liegen soll, überhaupt wahrnehmbar ist, können viszerale Veränderungen nicht die Ursache von affektiven Reaktionen sein.
Jedoch betraf die Studie von Wells 1925 nur Befunde der Attraktivitätsbeurteilung und es ist keineswegs gesichert, daß die Beurteilungen auf dem Erleben von durch die Bilder ausgelösten Emotionen beruhen.Die Emotionen könnten nach Wells auch auf nichtemotionale Weise zustande gekommen sein.
Um diesen vierten Einwand Cannons zu beurteilen, müßte man Latenzen echter Gefühlserlebnisse kennen. Bis heute gibt es aber dazu keinerlei empirische Befunde, da es sehr schwierig ist, die Latenz von Gefühlen exakt zu messen.
5. Die künstliche Herbeiführung der für starke Emotionen typischen viszeralen Veränderungen führt nicht zum Auftreten dieser Emotionen.
Wie schon erwähnt, treten physische Veränderungen nicht bei Emotionen ein (siehe Frösteln, Fieber). Diese Veränderungen können auch künstlich herbeigeführt werden, z. B. durch die Injektion von Adrenalin (dieses wirkt im Körper wie eine Entladung des sympathischen Nervensystems). Es kommt zur Erweiterung der Bronchialen, Verengung der Blutgefäße, Freisetzung von Zucker aus der Leber, Aussetzen der Magen-Darm-Funktion und anderen viszeralen Veränderungen, die mit dem Erleben starker Emotion einhergehen. Diese Injektion müßte also emotionale Reaktionen hervorrufen. Jedoch besagen die Ergebnisse des spanischen Physiologen Maranon 1924, worauf sich Cannon berief: Die Injektion führt nicht zu Emotionen, sondern lediglich zu unbestimmten kalten Erregungszuständen, einem "als-ob-Gefühl".
Die Emotionstheorie von Gregorio Maranon
Maranon führte endokrinologische Forschungen durch und schrieb mehrere Lehrbücher über klinische Medizin und konnte sich so als Essayist und Literaturhistoriker einen Namen machen.
In der Psychologie wurde er durch seine oben erwähnte Adrenalininjektion bekannt. Er injiziierte 210 gesunden als auch kranken Personen unterschiedliche Dosen von Adrenalin und beobachtete Latenz, Dauer, Intensität und Form der Reaktionen. Diese Reaktionen waren in zwei Klassen einzuteilen:
70% berichteten über körperliche Empfindung und starke Emotion, wie Empfindungen von diffusem Pochen der Arterien, Gefühl der Enge in der Kehle und Zittern. Sie erlebten ihre Empfindungen als unbestimmten und "kalten" Erregungszustand, ein "als-ob-Gefühl".
" Ich fühlte mich, `als ob mich eine große Freude erwarten würde´, `als ob ich innerlich bewegt wäre´, `als ob ich anfinge zu weinen, ohne zu wissen warum´, `als ob ich große Furcht hätte, nur, daß ich ganz ruhig bin´" ( Maranon, 1924, S. 306)
30% erlebten vollständige Emotion. Nicht nur körperliche Veränderungen der Emotion wurden wahrgenommen, sondern man erlebte eine Flut der Emotionen, jedoch meist negative Gefühle wie Ärger und Trauer verbunden mit Schluchzen und Weinen .
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Manche konnten keinen Grund für die Emotionen angeben, andere dachten zum Beispiel. an den Tod eines Verwandten oder Freundes.
Maranon gelang es auch, Emotion gezielt herzustellen.
Er berichtet, " Daß er in der Tat in der Lage war, `echte´ Emotionen hervorzurufen, indem er die Versuchspersonen aufforderte, nachdem sie eine Injektion erhalten hatten und das Adrenalin seine Wirkung getan hatte, an ihre kranken Kinder oder verstorbenen Eltern zu denken. Diesselben Aufforderungen hatten vor der Injektion keinen Effekt" ( Cornelius, 1991, S. 66)
Vor der Injektion traten trotz Gedanken an Verstorbene keine Emotionen der Trauer ein.
Auch Maranon übte Kritik an James, denn seiner Meinung nach konnte die Wahrnehmung von körperlichen Veränderungen keine hinreichende Bedingung für das Erleben einer Emotion sein. James vertrat eine Ein-Komponenten-Theorie, Maranon forderte daher eine Zwei-Komponenten-Theorie:
Er formulierte die körperliche Komponente, die körperliche Veränderungen, die mit Erregung des sympathischen Nervensystems korrelieren und die psychische Komponente. Diese beinhaltet Kognitionen über Ereignisse, die zur körperliche Veränderung führen.
Vollständige Emotion ist nur dann gegeben, wenn beide Komponenten vorhanden sind.
"Zusammenfassend können wir den physiologischen Prozeß ( der Entstehung einer Emotion folgendermaßen schematisieren: 1. Ein anfängliches psychologisches Element ( eine Emfindung, ein Gedanke, eine Erinnerung, zum Beispiel an ein verstorbenes Kind); 2. das Erzeugen der periphären oder vegetativen Emotion( erzeugt durch 1.); 3. das bewußte Wahrnehmen dieser peripheren Emotion; 4. eine echte Emotion, wenn die Wahrnehmung der vegetativen Emotion mit dem ersten psychologischen Element verknüpft wird"( Maranon, 1924, S. 321- 322)
Literatur: Wulf- Uwe Meyer, Achim Schützwohl, Rainer Reisenzein
Einführung in die Emotionspsychologie, Band 1
Verlag Hans Huber, Bern
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