EMOTION
UND
GESUNDHEIT
Hermann Faller und Rolf Verres
Schuh Isabell Nicole Matr.Nr.: 9700095
Herist Elisabeth Matr.Nr.: 9711876
EMOTION UND GESUNDHEIT
In unserer Arbeit stellen wir einen kurzen Überblick über die komplexen Beziehungen und Auswirkungen von Emotion und Gesundheit dar.
Unser Thema ist in mehrere Bereiche gegliedert, welche wir überblicksmäßig erläutern möchten:
1. Die Bedeutung des emotionalen Befindens für Gesundheit und Krankheit
Die Weltgesundheitsorganisation definierte im Jahre 1946 Gesundheit als einen Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung. Dieser utopischen Vorstellung vom seelisch und körperlich ganz ausgeglichenen Menschen in einer heilen Gesellschaft stehen zahllose Versuche der medizinpsychologischen Gesundheits- und der Psychotherapieforschung gegenüber, um konkretere Ziele und Kriterien ärztlicher und psychotherapeutischer Möglichkeiten der Förderung von Gesundheit empirisch zu entwickeln.
Es genügt einfach nicht zu sagen, daß das Fehlen psychischer Krankheit gleichzeitig psychische Gesundheit voraussetzt. Selbst wenn man Glücksgefühle erlebt und zufrieden ist, muß man nicht automatisch gesund sein; da diese Gefühle von der Situation abhängen und durch aktuelle Bedürfnisbefriedigung bedingt sind.
Häufig suchen Menschen, die an Befindlichkeitsstörungen leiden, Ärzte und professionelle Psychotherapeuten auf, mit dem Ziel, ihre Gefühlsregungen durch Gespräche und Medikamente zu verändern.
Folgende Problemsituationen liegen vor:
* ein emotionales Defizit: der Ratsuchende beklagt, zu wenig oder überhaupt keine Gefühle
mehr erleben zu können.
* eine zu intensive Emotionalität: der Ratsuchende klagt über zu starke und zu häufige Gefühle.
* ein Erleben der "falschen" Emotionen: der Ratsuchende klagt z.B. über Schuldgefühle, über ängstlich getönte Grübelzwänge oder über von ihm selbst als fremd empfundene sadistisch- aggressive Impulse.
* ein häufiges Erleben körperlicher Äquivalente von Emotionen: der Ratsuchende klagt über Herzjagen, Erröten, Schwindelgefühle, Magenschmerzen ohne das ein somatisch- pathologischer Befund erhoben werden kann.
* ein störendes Auffallen: Bezugspersonen halten starke Ängste, Wutanfälle oder Depressionen eines Menschen für unangemessen und weisen diesen die Rolle eines Kranken zu.
Man stellt sich die Frage, ob sich die geschilderte Befindlichkeit, ob gut oder schlecht, auf einen bestimmten Zeitpunkt, auf bestimmte Lebensbereiche oder auf das Leben als ganzes bezieht.
In einem Experiment von Schwarz (1983) berichteten Personen nach dem Finden eines Geldstückes auf einem Fotokopiergerät eine (statistisch signifikant) höhere Lebenszufriedenheit, als die die keines fanden.
Menschen scheinen ihr allgemeines Wohlbefinden weitgehend auf der Basis ihres momentanen Befindens zu beurteilen. Trotzdem ist die geäußerte Lebenszufriedenheit kein besonders verläßliches Indiz der Lebensqualität oder psychischen Gesundheit.
Tress (1986) fand in einer Studie heraus, daß sogar eine zuverlässige Bezugsperson in der Kindheit als Schutzfaktor angesehen werden kann. Diese kann trotz frühkindlicher Belastung die Entstehung von psychischen Störungen verhindern.
In einer weiteren Untersuchung von Deneke et al. (1987) wurde gezeigt, daß Gesund eine ausgeprägte Tendenz zu selbstbestimmten Handeln aufweisen, was wiederum ihr Vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und ihre hoffnungsvoll- zuversichtliche Lebenseinstellung verstärkte. Außerdem fand sich bei den Gesunden die Fähigkeit, hoffen zu können.
Summa summarum bedeutet Gesundheit also keineswegs die völlige Abwesenheit von Unglücklichsein, vielmehr die Fähigkeit, sich auch mit der Not des Lebens wirksam auseinander zu setzen.
2. Verarbeitung emotionaler Belastungen im Alltag
Wichtige Kennzeichen gesunden emotionalen Erlebens sind möglicherweise die Ich- Beteiligung, die Bewußtheit, das aktive Involviertsein und das bewußte Erleben von Selbstwirksamkeit.
Im Gegensatz dazu stellen bei Patienten, die an Depression und Migräne leiden, Vermeidungsverhalten und mangelnder Emotionsausdruck äthiopathogenetische Komponenten des Erkrankens dar.
Weiters konnte festgestellt werden, daß Personen,die nach traumatischen Erlebnissen nicht fähig waren später darüber zu sprechen, eine erhöhte Anfälligkeit für psychosomatische Störungen zeigten. Diese Ausdrucksunfähigkeit kann als Dauerbelastung im Sinne des Streßkonzepts interpretiert werden, da keine Auseinandersetzung mit den Stressoren vollzogen wird und sie deshalb weiter bestehen.
Direkte Aggression gegen eine Ärger auslösende Person führt schneller zur Senkung des Blutdrucks als wenn diese Aggression unterdrückt wird. Erwähnenswert wäre, daß dies hauptsächlich bei Männern auftritt.
Bei Hoffnungslosigkeit, passiv- akzeptierender Lebenshaltung oder geringer Kontrollmöglichkeit von Belastungen läßt sich in vielen Fällen eine vermehrte Freisetzung von Katecholaminen nachweisen, die ihrerseits zur unspezifischen Immunsuppression oder auch zur Unterdrückung immunkompetenter T- und B- Zellen führen und dadurch bei Chronifizierung solcher Reaktionen pathogen wirken.
Besser wäre eine emotionale Aufgeschlossenheit und ein aktiv expressives Verhalten, dadurch wird bei langdauernden Belastungen die Widerstandskraft gegenüber psychischen und physischen Erkrankungen erhöht.
Nicht zu vergessen ist die alltägliche Kränkung, die eine emotionale Belastungsform darstellt. Um in diesen Situationen standhaft zu bleiben muß die Person ihr eigenes Ich als stark erleben können d.h. an die eigene Selbstwirksamkeit glauben können.
Zum Schluß wäre noch zu sagen, daß die Bewältigungsstile von Menschen, die eine psychosomatische Krankheit entwickelt haben, mit Vorsicht zu interpretieren sind, weil man nicht klären kann, ob die ermittelten Auffälligkeiten pathogenetisch wirksame Faktoren oder Folgeerscheinungen der Erkrankung waren.
3. Streßbewältigung und Emotionsausdruck als Krankheitsfaktor am
Beispiel des Typ- A- Verhaltens
Anhand des Typ- A- Verhaltens, beschrieben von den amerikanischen Kardiologen Friedman und Rosenman Ende der 50 er Jahre, soll nun gezeigt werden, wie der Versuch, emotionale Belastungen durch ein Übermaß an Kontrollbemühungen einerseits und exzessiven Aggressivitätsausdruck andererseits zu bewältigen, krankheitsfördernd wirken kann.
Kennzeichen eines Typ- A- Individuums:
* er besitzt ein extremes Gefühl dafür, daß Zeit Geld ist.
* Ungeduld
* er ist ständig in Eile und unter Zeitdruck
* er ist extrem leistungsorientiert
* ein prestigesuchender Typ
* berufsorientiert
* zeigt keine Schwäche und lehnt Zuwendung und Versorgung ab
* übernimmt gerne Verantwortung
* Reizbarkeit
* Aggressivität
Demgegenüber weist der Typ- B diese Kennzeichen auf:
° sie bleiben ruhig und sind ausgeglichen
° entwickeln keine feindseligen Impulse
° setzen kaum Zeitgrenzen und suchen nicht unbedingt soziale Anerkennung
Um die Verhaltensmuster des Typ- A erfassen zu können entwickelten Rosenman et al. das "strukturierte Interview". Es enthält Fragen zu alltäglichen Lebensgewohnheiten insbesondere zu Situationen in denen dieses Verhalten Ausdruck finden kann. Das "strukturierte Interview" kann als Provokationstest angesehen werden d.h. durch den Interviewstil versucht man diese Verhaltensmuster auszulösen. Der Inhalt der Probandenantworten und deren Verhalten wird beurteilt und eine Globalklassifikation wird vorgenommen.
Zum besseren Verständnis geben wir einen Auszug des strukturierten Interviews an.
Extremes Typ- A- Verhalten ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Der Proband zeichnet sich durch eine äußerst gespannte Wachsamkeit, eine ausgeprägte Energie und starke Dynamik aus.
- Sehr kräftiger Händedruck
- Schaukelt mit den Knien häufig hin und her, trommelt mit den Fingern auf den Tisch, ballt die Hand zur Faust und zeigt mit dem Zeigefinger auf den Interviewer, um die Bedeutsamkeit des gerade Gesagten hervorzuheben.
- Schnelle bis hastige Sprechweise; deutliche Beschleunige des Sprechtempos gegen Ende eines längeren Satzes.
- Häufig eine laute Sprechweise und Auftreten einer explosiblen bis stakkatoartigen Sprechweise, um die einzelnen Wörter besonders zu betonen.
- Gehäuftes Verschlucken von Endworten und Endsilben.
- Verwendet gehäuft Einwortsätze, die stark betont werden, mit kurzer Antwortlatenz erfolgen und durch ihre Eindeutigkeit jede weitere Erörterung ausschließen, z.B. "natürlich" , "ja ja", "nein, niemals", "selbstverständlich" .
- Die Antwort wird gleich nach Beendigung der Frage des Interviewers gegeben, oft wird der Interviewer sogar unterbrochen bevor eine Frage beendet hat.
- Deutliches Bemühen das Sprechtempo des Interviewers zu beschleunigen oder seine Frage abzukürzen z.B. durch ungeduldiges "ja ja" oder "hm" oder "ungeduldiges Kopfnicken" .
- Versuche des Interviewers, die Antwort des Probanden abzukürzen werden in der Regel ignoriert.
- Feindseliges Verhalten gegenüber dem Interviewer z.B. "unsinnige Frage" , "was soll das" etc.
- Der Inhalt der Frage läßt leichte Erregbarkeit beim Warten, offen aggressives Verhalten bei Verärgerung, deutlichen Ehrgeiz und innere Ungeduld erkennen.
- Gelegentlicher Gebrauch obszöner Worte.
Die oben angeführten Merkmale sind für die Selbstbeschreibung nur teilweise gültig und deshalb sind Fragebogenmethoden (z.B. Jenkins Activity Survey) zur Erfassung des Typ- A- Verhaltens nicht sehr angebracht.
Diese Verhaltensweisen stellen Risikofaktoren für die Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit dar. Psychischer Sreß kann den kardiovaskulären Gesundheitszustand beeinflussen; man unterscheidet zwischen akuten und chronischen Wirkungen. Einerseits kann ein Angina- pectoris- Anfall hervorgerufen werden, andererseits kann es auch zu einem plötzlichen Herzstillstand kommen.
Da die klassischen somatischen Risikofaktoren für die Entstehung von KHK (z.B. Übergewicht) nur etwa 50% der Varianz aufklären werden deshalb weitere - auch psychosoziale - Risikofaktoren miteinbezogen.
Die Western Collaborative Group Study
Diese Studie (1960) bestätigte die Annahme, daß sich bei Vorliegen des Typ- A- Verhaltensmuster das Koronarrisiko verdoppelt; unabhängig von den traditionellen Risikofaktoren ( Blutdruck, Zigarettenrauch ) .
Das trug dazu bei, daß erstmals in der Medizin ein rein psychologischer Risikofaktor der KHK offizielle Anerkennung fand.
4. Kritische Lebensereignisse und Gesundheit
Die Auswirkung belastender Erlebnisse, die sogenannten "kritischen Lebensereignisse" ( z.B. Verlust eines geliebten Menschen ) wurde bei verschiedenen Erkrankungen untersucht, z.B. bei Herzerkrankungen, Depressionen und Schizophrenie. Die Ergebnisse widersprechen einander teilweise. Die Gründe dafür zeigt uns das bedeutsamste Meßinstrument zur Erfassung kritischer Lebensereignisse. Die " Social Readjustment Rating Scale" von Holmes und Rahe (1967) kam folgendermaßen zustande:
394 gesunde Probanden bekamen einen Fragebogen, der 43 Ereignisse enthielt, die nach klinischer Erfahrung lebensverändernde Auswirkungen haben sollten. Dem Ereignis "Heirat" wurde willkürlich der Ankerwert 500 zugeordnet. Die Probanden sollten nun für jedes Ereignis einschätzen, welchen Grad an sozialer Anpassung es im Hinblick auf die Veränderung gewohnter Lebensweisen von einem Menschen verlange. Ein höherer Wert würde eine intensivere / längere Anpassung bedeuten, ein niedrigerer Wert eine kürzere / weniger intensive . Die Durchschnittswerte der Probanden wurden durch zehn dividiert. Und so kam man auf eine Gewichtszahl für jedes Ereignis.
Da diese Lebensereignisse nicht klar definierbar sind, handelte man sich eine Vielzahl von Schwierigkeiten ein. Lebensereignisse haben für jedes Individuum eine spezifische Bedeutung. Sie werden auf bestimmte Weise wahrgenommen, kognitiv verarbeitet und bewertet. Sieht man das Ereignis als Herausforderung an oder als Bedrohung? Ist es erwünscht oder unerwünscht?
Diese Fragen tragen zur Konstitution der "subjektiven Wirklichkeit" eines objektiven Lebensereignisses bei. Es ist klar, daß dieses subjektive Erleben mittels Tests nur schwer erfaßt werden kann.
Vossel (1987) kritisierte - in Übereinstimmung mit Lazarus - die von Holmes und Rahe (1967) und Dohrenwend et al. (1978) vertretene Annahme, daß unterschiedliche Ereignisse unterschiedslos die gleiche Streßreaktion auslösen. Er forderte eine biographische, personenzentrierte methodische Herangehensweise, die die individuelle Bedeutung der Lebensereignisse erfassen soll. Zusätzlich müssen Zeitdimension und Bewältigungsprozesse berücksichtigt werden.
Ein weiteres Problem entsteht aus der Methodik vieler Studien.
Bei retrospektiven Designs läßt sich oft nicht klären, was Ursache und was Folge ist. Kranke haben ein stärkeres Bedürfnis eine Ursache ihrer Erkrankung zu finden und dieser dadurch Sinn zu geben. Zum Beispiel versuchen Herzinfarktpatienten durch retrospektive Rekonstruktionen eine biographische Kontinuität herzustellen, so daß der Herzinfarkt nicht zu einem Unvorhersehbarem wird, vielmehr zu etwas, was so kommen mußte. Diese retrospektive Vorhersehbarkeit soll die Angst vor zukünftiger Wiederholung mildern. In dieser Perspektive stellt das "kritische Lebensereignis" nicht mehr eine Erklärung der Erkrankung dar, sondern ist eine Folge der Krankheitsverarbeitung.
Erst in jüngerer Zeit kam ins Blickfeld, daß Erkrankungen selbst Prototypen kritischer Lebensereignisse sein können, die bewältigt werden müssen.
Abschließend wäre noch zu erwähnen, daß sogar der gewöhnliche Alltagsstreß belastend genug sein kann, um Krankheitsepisoden auszulösen. Denn diese täglichen "hassles" (Alltagsärgernisse) korrelieren deutlicher mit dem Ausmaß nachfolgender psychischer Störungen als globale Daten über sogenannte kritische Lebensereignisse.
5. Emotionale Aspekte präventiven Verhaltens
Wir wenden uns nun den Forschungsarbeiten zur Erklärung präventiven Verhaltens zu.
Becker (1980) konstruierte ein hierarchisches Strukturmodell seelischer Gesundheit bei dem die Hauptfaktoren "Wohlbefinden" und "Kompetenzen" eine zentrale Rolle spielen. Sieland (1983) forderte dazu, daß die Fähigkeit zur flexiblen Rollenbewältigung und zur Selbstverwirklichung als weitere Hauptkriterien zu betrachten sind. Selbstverwirklichung schließt nicht nur kognitive Fähigkeiten mit ein, sondern auch den emotionalen Umgang der Person mit sich selbst und ferner die Fähigkeit zu einer Art von Selbstreflexion und Selbstgestaltung.
Man sollte nicht nur Selbstreflexion als Voraussetzung seelischer Ausgeglichenheit berücksichtigen, sondern auch die Fähigkeit zur Metareflexion. Gesundheitsbezogene Informationsverarbeitung erfolgt nicht nur explizit, sonder auch implizit, d.h. die Aufmerksamkeitssteuerung läuft im Alltag automatisch ab. Die Fähigkeit zur Metareflexion kann gefördert werden, indem die reflektierende Person angeregt wird, ihre problembezogenen Reflexionsgewohnheiten hinsichtlich der Inhalte, der Prozesse und der Ergebnisse kritisch zu überprüfen. Sieland bietet empirisch Hilfsmöglichkeiten dazu an, wie z.B. Analysen von Tagebuchreflexionen, Demonstrationen ungünstiger Reflexionsgewohnheiten ( bei erlernter Hilflosigkeit Durchführung von Tagebüchern über den persönlichen Umgang mit Ärger, Angst,...).
Die bisherigen Ausführungen bezogen sich jetzt auf die primäre Prävention d.h. den alltäglichen Gesundheitsschutz. Auch bei der sekundären Prävention, d.h. der Symptomaufmerksamkeit und der Beteiligung von Menschen an professionellen Früherkennungsuntersuchungen, die dazu dienen sollen, die weitere Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, haben emotionale Prozesse eine Bedeutung für die Gesundheit.
In Untersuchungen zum Fear- Arousal- Effekt versuchten Janis und Feshbach (1953) die Einstellungen von Menschen zur Mund- und Zahnhygiene zu verändern. Sie verwendeten drei abgestufte Furchtappelle. Ergebnis war, daß der verhaltensbeeinflussende Effekt um so schwächer war, je stärker der Furchtappell war.
Leventhal kam bei seiner Studie zu dem Resultat, daß Furchtappelle nicht gleich zu einer Abwehrreaktion führen, sondern daß bei gleichzeitigem Hinweis auf positive Aspekte der Prävention offenbar dieser positive Hinweis die energetisierende Wirkung eines Furchtappells von möglicher Abwehr weglenken und auf das intellektuell einsehbare Ziel der Prävention richten könne. Diese Erkenntnisse basieren jedoch auf Kommunikationen über sehr einfache Formeln des Gesundheitsverhaltens (z.B. Tetanus- Impfung akzeptieren) und sie können nicht auf gefährlichere Krankheiten übertragen werden (z.B. Krebs).
Wichtig ist, daß die Hinweise zur Durchführung des empfohlenen Präventivverhaltens konkret und leicht verständlich sind.
6. Krankheitsbewältigung
In diesem Kapitel geht es um Gesundheitsstörungen, die aufgrund mißlungener Bewältigung der Belastungen entstanden sind und die - im Sinne eines Coping zweiter Ordung - überwunden werden müssen. Jeder Betroffene muß sich mit seiner Krankheit, die sein Befinden und Erleben verändert und gleichzeitig mit den einhergehenden emotionalen Belastungen auseinandersetzen.
Medizinische Psychologie und Psychosomatische Medizin erforschten die verschiedenen emotionalen Reaktionen auf eine körperliche Erkrankung. Sieht das Individuum seine Krankheit als Herausforderung an, reagiert es flexibel und rational. Häufig sieht man die Krankheit als Bestrafung an, welche Wut und Traurigkeit auslöst, wenn sie als ungerecht erfahren wird. Bedeutet Krankheit für einen Menschen Schwäche versucht er sie zu verbergen, bedeutet sie Verlust, reagiert er mit Trauer und Depression. Manche Menschen erleben Erkrankung als Befreiung von den alltäglichen Pflichten und versuchen aus ihr Nutzen zu erzielen (Versorgung, Verwöhnung).
Im Gegensatz dazu übten in der sozialpsychologischen Theoriebildung Attributions- und Kontrolltheorien einen starken Einfluß auf die Coping- Forschung aus. Viele Kranke neigen dazu ihren eigenen Beitrag zur Entstehung einer Krankheit zu überschätzen. Zum Beispiel sehen viele Krebskranke ihre Krankheit als Strafe für eigene Verfehlungen an.
Selbstbeschuldigung scheint in manchen Fällen adaptiv zu sein.
In einer Untersuchung von Bulman und Wortman (1977) kamen leidenschaftliche Taucher mit ihrer Querschnittslähmung besser zurecht, weil sie sie als logische Konsequenz der riskanten Freizeitaktivität verstanden. Diejenigen Unfallopfer, die andere Personen anschuldigten, bewältigten ihre Behinderung schlechter.
Bei fortdauernden Bedrohungen, wie bei einer Krebserkrankung, ist die wahrgenommene Ursache nicht so wichtig wie die wahrgenommene Beeinflußbarkeit des aktuellen und zukünftigen Verlaufs.
Ähnlich Taylor (1983, S. 1167): " Die spezifische Form der Kognitionen, die ein Patient über seine Krankheit hat, mag eine geringere Rolle spielen, als die Funktionen, denen diese Kognitionen dienen" ( Übersetzung von H. Faller und R. Verres ). Wenn Coping effektiv sein soll sind gar illusionäre Kognitionen in bestimmten Phasen des Krankheitsprozesses notwendig.
Ausgehend von den Überlegungen von Groeben wird die kognitive Repräsentation der Kranheitsverarbeitung unter dem Begriff der "subjektiven Krankheitstheorie" erforscht. Deren prozessualer Charakter läßt sich als Resultat der Aufmerksamkeitssteueung erklären, die je nach Kontextbedingungen wechseln kann.
Die von Sigmund Freud aufgestellte psychoanalytische "Abwehrstrategie" ist für die Coping- Forschung sehr von Bedeutung. Das Konstrukt der "Abwehr" bezeichnet die unbewußten Versuche zur Verringerung von unlustvollen Affekten d.h. Gefühlen, die das Selbstwertgefühl mindern. In einer neueren Sicht wird Abwehr als umfassendes kognitiv affektives Regulationssystem verstanden d.h. als Ich- Leistung und damit nicht grundsätzlich den Anpassungsmechanismen entgegengestellt. Trotz der negativen Bewertung wird betont, daß Abwehr für die Aufrechterhaltung von psychischer Gesundheit unerläßlich sei. "Verdrängung" bezeichnet die Abwehr von Impulsen aus dem eigenen Unbewußten. "Verleugnung" bedeutet die Zurückweisung bedrohlicher Aspekte der äußeren Wirklichkeit. Die Abwehrstrategie "Verleugnung" kann im interaktionellen Kontext betrachtet werden. Bei Tumorkranken kann eine abrupte Aufklärung über die Diagnose, die die Verarbeitungsmöglichkeiten des Kranken überfordert zunächst mit einer Verleugnung der mittgeteilten Information beantwortet werden. Erst später kann sich der Kranke Schritt für Schritt mit seiner Krankheit auseinandersetzen.
Ein weiterer wichtiger Punkt wäre das Streßbewältigungsmodell von Lazarus, welches die Situationsgebundenheit und Kontextabhängigkeit von Bewältigungsprozessen betont. Emotionen stehen hier in Wechselwirkung mit kognitiven Bewertungen. Das Coping- Modell fand zwar Anklang kann aber die Herkunft aus der Streßforschung nicht verleugnen, die eine Distanz zu den Erfordernissen einer naturalistischen klinisch- orientierten Forschung mit sich bringt.
Obwohl es viele Bewältigungsformen gibt kann man trotz vieler Untersuchungen nicht eindeutig beurteilen, welche günstig bzw. ungünstig sind. Auch kann man wahrscheinlich keine Aussagen über die Adaptivität von Bewältigungsformen erwarten. Es müssen u.a. Einflüsse der problematischen Situation, der Erkrankungsart, der Erkrankungsphase und die individuelle Persönlichkeit berücksichtigt werden.
7. Emotionale Aspekte medizinischer Maßnahmen
Professionelle Hilfe sucht man dann auf, wenn die Belastungen die individuellen Bewältigungsressourcen übersteigen. Deren Handlungsprogramme jedoch können selbst wieder zur Quelle emotionaler Belastung werden.
Schon bei früheren Untersuchungen zeigte sich eine "Asymmetrie" der Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Die Ärzte versuchten bei der Visite durch Einsetzen von geeigneten Gesprächstechniken die Thematisierung emotional belastender Inhalte zu vermeiden. So werden z.B. die vom Patienten zum Ausdruck gebrachte Todesangst und Trennungsangst nur zum geringsten Teil von den Ärzten aufgegriffen.
Das "Ullmer- Modell" einer internistisch psychosomatischen Station konnte nachweisen, daß eine Veränderung der Visite und des Gesprächs möglich ist , wodurch der Patient die Chance bekommt, über seine Emotionen zu sprechen und auch Gehör zu finden.
Sogar das Visitengespräch kann für viele Patienten belastend sein. Die Atmosphäre im Krankenhaus trägt ebenfalls zur subjektiven Befindlichkeit des Kranken bei.
Schmidt (1984) zeigte psychologische Interventionsverfahren zur Verminderung emotionaler Belastung bei medizinischen Maßnahmen im Krankenhaus auf z.B. Verfahren zur Angstreduktion vor geburtshilflichen Eingriffen oder bei Zahnarztbehandlung.
Davies- Osterkamp führte das Modell der Angstbewältigung von Janis (1958, 1965) fort, der einen kurvilinearen Zusammenhang von präoperativer Angst und postoperativer Anpassung postuliert hatte. Während bei extrem hoher präoperativer Angst postoperativ starke Ängste vor körperlicher Schädigung auftreten und andererseits bei extrem niedriger präoperativer Angst postoperativ Aggressionen gegen das Pflegepersonal geäußert werden, ist ein mittleres Ausmaß von präoperativer Angst optimal.
Weiters fand Davies mit Möhlen heraus, daß hohe Angst eine Woche vor der Operation, die mit dem Herannahen des Operationstermins noch weiter anstieg und postoperativ am stärksten abfiel und mit günstigen somatischen Verlauf einherging.
Niedrige Angst eine Woche präoperativ fiel vor der Operation noch weiter ab, stieg nach der Operation wieder an und korrelierte mit schlechtem postoperativen Verlauf.
Das heißt das eine momentane Intensivierung der Angst sinnvoll sein kann und eine effektive Auseinandersetzung mit dem bedrohlichen Ereignis fördern kann.
Patienten mit sachlich technischer Einstellung zur Operation zeigten postoperativ vermehrt Angstzustände und Mißtrauen. Patienten, die präoperativ keine Gefühle zeigten reagierten schließlich mit Aggression. Diese Reaktionen lassen sich möglicherweise so interpretieren, daß nach der geglückten Operation und nachdem die Abhängigkeit vom Personal als geringer erlebt wurde die bisher unterdrückten Aggressionen geäußert werden konnten.
Zusammenfassend wollen wir nochmals erwähnen, daß das Wechselspiel zwischen innerem Geschehen und von außen einwirkenden Ereignissen die körperliche Gesundheit beeinträchtigen kann. Wird diese Beziehung nicht wahrgenommen, kann es möglicherweise zu einer Vielzahl langandauernder Störungen kommen, die ohne professionelle Hilfe schwer bewältigt werden können. Dabei soll vor allem das Gespräch zwischen Arzt und Patient eine zentrale Rolle spielen.
Literaturverzeichnis
Becker, P. (1980). Prävention von Verhaltensstörungen und Förderung der psychischen
Gesundheit. In W.Wittling (Hrsg.). Handbuch der Klinischen Psychologie, Bd. 2, S.47- 77. Hamburg: Hoffmann & Campe.
Bulman, R. J. & Wortman, C.B. (1977). Attributions of blame and coping in the "real world":
Severe accident victims react to their lot. J. Pers. Soc. Psychol., 35, 351-363.
Deneke, F.-W., Ahrens, St., Bühring, B., Haag, A., Lamparter, U., Richter, R. & Stuhr, U.
(1987). Wie erleben sich Gesunde? Psychother. Med. Psychol., 37, 156-160, Stuttgart:
Thiemen-Verlag.
Dohrenwend, B. S., Krasnoff, L., Askenasy, A. R. & Dohrenwend, B. P. (1978). Exemplifica-
Tion of a method for scaling life events: The PERI life events scale. Journal of Health
And Social Behavior, 19, 205-229.
Freud, S. (1895). Zur Psychotherapie der Hysterie. In S. Freud & J. Breuer. Studien über
Hysterie. Frankfurt: Fischer, 1985.
Friedman, M. & Rosenman, R. H. (1974). Type A behavior and your heart. New York: Knopf.
Dt.: Rette dein Herz. Reinbek: Rowohlt, 1985.
Groeben, N. & Scheele, B. (1977). Argumente für eine Psychologie des reflexiven Subjekts.
Darmstadt: Steinkopff.
Holmes, Th. & Rahe, R. H. (1967). The social readjustment rating scale. J. Psychosom. Res.,
11, 213-218. Dt in H. Katschnig (Hrsg.). (1980), Soziale Streß und psychische
Erkrankung. München: Urban & Schwarzenberg.
Janis, I. L. (1965). Psychodynamic aspects of stress tolerance. In S. Klausner (Ed.), The quest
For self-control. New York: Free Press.
Janis, J. L., Feshbach, S. (1953). Effects of fear-arousing communication. Journal of Abnormal
and Social Psychology, 48, 78ff.
Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Strss, appraisal, and coping. New York: Springer.
Möhlen, K. & Davies-Osterkamp, S. (1979). Psychische und körperliche Reaktionen bei
Patienten der offenen Herzchirurgie in Abhängigkeit von präoperativen psychischen
Befunden. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse, 25, 128-140.
Rosenman, R. H. (1978). The interview method of assessment of the coronary prone behavior
Pattern. In T. M. Dembroski, S. M. Weiss, J. L. Shields, S. G. Haynes & M. Feinleib
(Eds.), Coronary prone behavior. New York: Springer.
Schmidt, L. R. (1984). Psychologie der Medizin. Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis.
Stuttgart: Thieme.
Sieland, B. (1985). Selbst- und Metareflexion als Methode und Ziel im Rahmen von
Ausbildung, Selbsthilfe und Psychotherapie. In P. Fischer, (Hrsg.) Therapiebezogene
Diagnostik, Tübinger Reihe 3. Tübingen: Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie.
Taylor, S. E. (1983). Adjustment to threatening events. A theory of cognitive adaption.
American Psychologist, 38, 1161-1173.
Tress, W. (1986). Das Rätsel der seelischen Gesundheit. Göttingen-Zürich: Vandenhoeck &
Ruprecht.
Vossel, G. (1987). Stress conceptions in life event research: towards a person-centered
Perspective. European Journal of Personality, 1, 123-140.