DIE DIFFERENTIELLE EMOTIONSTHEORIE

 

Mit der Thematik der differentiellen Emotionstheorie haben sich zahlreiche Wissenschaftler auseinandergesetzt. Der Autor, der wohl am direktesten für die theoretische Untermauerung dieser Theorie verantwortlich ist, ist Silvan Tomkins.

 

Die Theorie stützt sich auf fünf Hauptannahmen:

  1. Zehn fundamentale Emotionen bilden das Hauptmotivationssystem des Menschen.
  2. Jede fundamentale Emotion hat einzigartige motivationale und phänomenologische Eigenschaften.
  3. Fundamentale Emotionen wie Freude, Traurigkeit, Zorn und Scham führen zu unterschiedlichen inneren Erlebnissen und unterschiedlichen Konsequenzen auf der Verhaltensebene,
  4. Emotionen interagieren miteinander – eine Emotion kann eine andere auslösen, verstärken oder abschwächen.
  5. Emotionsprozesse interagieren mit homöostatischen, Trieb-, perzeptiven, kognitiven und motorischen Prozessen und üben Einfluß auf sie aus.

 

 

Emotion als das Hauptmotivationssystem

Die Emotionen werden nicht nur als das Hauptmotivationssystem gesehen, sondern auch als wichtig für Verhalten, Empfinden und Sein erachtet.

Die sechs Subsysteme der Persönlichkeit

Die differentielle Emotionstheorie vertritt die Ansicht, daß sich die Persönlichkeit aus sechs Subsystemen organisiert, die komplex miteinander verbunden sind, aber gewisse Autonomie besitzen.

  1. Das Homöostatische System
  2. Es wird in Zusammenhang mit dem Emotionssystem als Hilfssystem betrachtet, arbeitet automatisch und unbewußt und wird aus mehreren miteinander verbundenen Systemen gebildet. Am wichtigsten für den Emotionsprozeß sind das endokrine und das kardiovaskuläre System. Homöostatische Mechanismen sind für die Aufrechterhaltung und Regulierung einer Emotion essentiell.

     

     

     

     

     

     

     

  3. Das Triebsystem
  4. Es hat gemeinsam mit dem Homöostatischen System seine hauptsächliche Bedeutung für die biologische Erhaltung, indem es Informationen über körperliche Bedürfnisse liefert. Die wichtigsten Triebe sind: Hunger, Durst, Sexualität, Behagen oder Schmerzvermeidung. Sexualität und Schmerz sind Triebe, die einige Merkmale der Emotion besitzen, sie verbinden sich zu Trieb-Emotion-Interaktionen und haben damit nachhaltige Bedeutung für Persönlichkeit und Verhalten.

  5. Das emotionale System
  6. Das perzeptive System
  7. Das kognitive System
  8. Das motorische System

Diese vier Systeme bilden gemeinsam die Grundlage für soziale Interaktion und menschliche Funktionen höherer Ordnung. Harmonische Zusammenarbeit der Systeme führt zum effektiven Funktionieren einer Persönlichkeit, Mängel in der Interaktion zum Gegenteil.

 

Die vier Haupttypen der Motivation

Die sechs Subsysteme der Persönlichkeit bringen nun vier Haupttypen der Motivation hervor:

  1. Triebe,
  2. Emotionen,
  3. Affekt-Kognition-Interaktionen und
  4. affektiv-kognitive Strukturen.

ad1) Triebe entstehen aufgrund eines Defizits oder durch Gewebsveränderungen und sind meist zyklisch.

ad2) Emotionen sind erlebnishaft/motivationale Phänomene, die im Gegensatz zu den Trieben, von Gewebebedürfnissen unabhängige Anpassungsfunktion haben.

ad3) Affekt-Kognition-Interaktionen resultieren, wie der Name schon sagt, aus der Interaktion zwischen einem oder einem Muster von Affekten und kognitiven Prozessen. Aus ihnen kann eine große Vielfalt von

ad4) Affektiv-kognitiven Strukturen entstehen, die durch wiederholte Interaktionen zwischen einem bestimmten Affekt oder Affektmuster und Kognitionen ein eigenschaftsähnliches Phänomen bilden.

Sozusagen die Steigerungsstufe, nämlich eine globalere Persönlichkeitseigenschaft oder Disposition ist in einer affektiv-kognitiven Orientierung zu sehen, die sich aus einer oder einer Gruppe von komplexen affektiv-kognitiven Strukturen bilden kann.

Wie man sich nur unschwer vorstellen kann, sind durch die vier Haupttypen und deren Interaktionsmöglichkeiten eine unglaubliche Vielfalt und Komplexität an Erlebensphänomenen möglich.

 

 

 

 

 

Wie definiert nun die differentielle Emotionstheorie überhaupt Emotion?

Definition einer Emotion:

Emotion wird definiert, als ein komplexer Prozeß mit neurophysiologischen, neuromuskulären und phänomenologischen Aspekten.

 

Das Emotionssystem

Charakteristika:

 

 

Restriktionen und Freiheiten des Emotionssystems

Tomkins (1962) wies auf gewisse inhärente Restriktionen für das emotionale System hin und beschrieb, wie sie das festgelegte bzw. freie Verhalten eines Menschen beeinflussen.

Bezüglich der Freiheit des Menschen, sowie seines Emotionssystems zeigte Tomkins zehn Arten von Freiheit auf.

 

 

 

 

 

 

 

Ursachen von Emotionen

Externe und/oder interne Ereignisse rufen Veränderungen im Nervensystem hervor. Diese Veränderungen leiten den Emotionsprozeß ein. Diese Ereignisse werden in drei Typen von Person-Umwelt-Interaktionen und fünf Typen intraindividueller Prozesse eingeteilt.

  1. Person-Umwelt-Interaktionen
    1. erlangte Wahrnehmung – aufgrund einer selektiven Aktivität eines Sinnesorgans erfolgt eine Stimulation, die zu einer Wahrnehmung führt.

    b) verlangte Wahrnehmung – Umweltereignis oder soziales Ereignis verlangt

    Aufmerksamkeit

    c) spontane Wahrnehmung – angeborene Aktivität eines Wahrnehmungsystems

  2. Intraindividuelle Prozesse
    1. Erinnerung: erlangt / verlangt / spontan
    2. Vorstellung
    3. vorstellendes oder vorwegnehmendes Denken
    4. propriorezeptive Impulse von der Haltung oder anderer motorischer Aktivität
    5. endokrine und andere nicht willentlich ausgelöste Aktivität

 

 

 

Der Emotionsprozeß

Caroll Izards Forschungen basieren auf den Arbeiten von Darwin, James F. Allport, Tomkins und Gellhorns. In ihrer Hypothese geht sie davon aus, daß Bewegungsabläufe im Gesicht zu integralen Komponenten von Emotionen gehören. In ihrer

Theorie bestehen Emotionen aus drei miteinander verbundenen Komponenten – nämlich:

  1. aus neuraler Aktivität des Gehirns und des animalen Nervensystems,
  2. aus Ausdruck durch die quergestreiften Muskeln des Gesichts und der Körperhaltung und Gesicht-Gehirn-Feedback und
  3. aus dem subjektiven Erleben.

Normalerweise interagieren die drei Komponenten miteinander und hängen im Emotionsprozeß voneinander ab. Jede dieser Komponenten ist aber auch autonom.

 

 

 

 

 

 

 

 

Funktionen des animalen Nervensystems bei der Auslösung von Emotionen

Die differentielle Emotionstheorie geht davon aus, daß Emotionen ständig im Bewußtsein sind. Daher bezieht sich die folgende Beschreibung eines Emotionsprozesses auf die Auslösung einer neuen Emotion.

Durch ein internes oder externes Ereignis wird der Gradient der neuralen Stimulierung und das Aktivitätsmuster im limbischen System, sowie im sensorischen Kortex verändert.

Impulse werden zum Hypothalamus geleitet, von dort zu den Basalganglien, welche die neurale Botschaft für den mimischen Ausdruck organisieren. Vermittelt wird diese wiederum durch den motorischen Kortex. Bei einer fundamentalen Emotion führen Impulse vom motorischen Kortex über den 7. Schädelnerv zu einem spezifischen mimischen Ausdruck. Der 5. Schädelnerv leitet die sensorischen Impulse der Rezeptoren im Gesicht über den hinteren Hypothalamus zum sensorischen Kortex. Durch die kortikale Integration des Feedbacks der Mimik entsteht als Ergebnis das subjektive Emotionserleben.

 

 

Funktionen des viszeralen Systems

Bei der differentiellen Emotionstheorie werden die homöostatischen Mechanismen oder vegetativ-viszeral-glanduläre Prozesse als Hilfssysteme angesehen.

So ist das glandulär-hormonelle System und das respiratorische System besonders wichtig für die Verstärkung und Aufrechterhaltung von Emotion.

Da Veränderungen in den viszeralen Aktivitäten, wie Herzklopfen, gerötete Haut, "flauer" Magen, normalerweise mit Emotion verbunden sind, werden diese oft als die Ursache der Emotion wahrgenommen.

Ein weiterer Faktor, der zu dieser irrtümlichen Wahrnehmung führt, ist die Tatsache, daß das Gesichtsfeedback seine Rolle auf eine rapide reflexartige Weise spielt. Man wird sich der propriozeptiven und kutanen Impulse, die bei einem mimischen Ausdruck erzeugt werden nicht so sehr bewußt, schon eher des erlebten Zorns oder der erlebten Freude. Nimmt man diese Emotionen allerdings bewußt wahr, so werden die begleitenden Veränderungen in den viszeralen Funktionen ebenfalls deutlicher wahrgenommen.

Rekapitulierend kann man sagen, daß

  1. vegetativ-viszerale Erregung ohne Emotion auftreten kann und daher keinen guten Indikator für Emotion darstellt.
  2. das subjektive Erleben vom Feedback der Muskeln des Gesichts bei der Bildung unterschiedlicher mimischer Äußerungen abhängt. Die kortikale Integration führt dann zum spezifischen Emotionserleben.

 

 

 

 

 

 

 

Emotionserleben ohne mimischen Ausdruck

Dabei ist beim Emotionsprozeß der mimische Ausdruck teilweise oder völlig gehemmt. Diese Hemmung kann willentlich herbeigeführt werden. So kann eine Emotion, wie z.B. Zorn dann noch immer auf eine von drei Arten erlebt werden:

  1. Haggard und Isaacs (1966) haben die Existenz von "mikromomentanen Äußerungen" nachgewiesen. Es würde ein Zornausdruck auftreten, der einerseits dermaßen zeitlich begrenzt ist, daß ein Beobachter den raschen Bewegungsablauf der Gesichtsmuskulatur nicht wahrnehmen könnte, andererseits aber das Feedback auslöst, das für subjektives Erleben nötig ist.
  2. könnte Zorn selbst dann erlebt werden, wenn die motorische Botschaft von den subkortikalen Zentren an der letzten Synapse auf der Bahn zum Gesicht vollständig blockiert wäre und damit jede Veränderung in den Zielmuskeln verhindert würde. Die efferente Botschaft an das Gesicht löst eine sensorische Botschaft aus, die wiederum das emotionsspezifische Feedback simuliert.
  3. kann mittels der klassischen Konditionierung eine Verbindung zwischen dem propriozeptiven kutanen Reizmuster eines Zornausdruckes und dem subjektiven Erleben von Zorn hergestellt werden. Die "Erinnerung" an den Zornausdruck oder was man bei einem solchen "empfindet", kann dann den eigentlichen mimischen Ausdruck ersetzen.

 

Mimischer Ausdruck ohne Emotionserleben

Dies kann auftreten, wenn aufgrund eines Hemmungsprozesses oder anderer dominanter Anforderungen an das Bewußtsein, das obligatorische Gesichtsfeedback das Bewußtsein nicht erreicht, das subjektive Erleben dieser Emotion bleibt dann aus. Diese Emotionshemmung kann von einer bereits im Bewußtsein stehenden, starken anderen Emotionen herbeigeführt werden, aber auch von einem hochwirksamen Trieb resultieren.

 

 

Willkürlicher Ausdruck und Emotion

Das soziale Lächeln ist ein gutes Beispiel für willkürlichen Ausdruck, der nicht zu Emotionserleben führt. D.h. der Emotionsprozeß wird nicht ausgelöst, entweder weil bei willkürlichem und unwillkürlichem Ausdruck unterschiedliche neurale Strukturen und Leitungsbahnen beteiligt sind, oder wie bereits oben erwähnt, das sensorische Feedback blockiert ist.

Wenn die Hemmungsprozesse allerdings nicht zu stark sind oder das Individuum das Erleben wünscht, kann auch willkürlicher Ausdruck entsprechendes subjektives Emotionserleben auslösen.

 

 

 

 

 

Mimischer Ausdruck und die Regulierung des Emotionserleben

Die Theorie des Emotionsprozesses zeigt, daß die Änderung des mimischen Ausrucks eines Menschen auch sein Emotionserleben verändern kann, bei der Kontrolle und Regulierung desselben auf jeden Fall eine Rolle spielt.

 

Relative Unabhängigkeit des Emotionsprozesses

Obwohl der Emotionsprozeß relativ unabhängig arbeitet, interagieren Subsysteme der Persönlichkeit fast ständig mit dem Emotionssystem. Zu nennen wären besonders das kognitive und das motorische System.

Kognition kann den Emotionsprozeß auf wichtige Weise beeinflussen: z.B. spielt sie eine wichtige Rolle, nachdem der Emotionsprozeß in Gang gesetzt wurde und zwar, indem kognitive Prozesse wie, Erinnerung und Vorstellung zum Tragen kommen und zur Auslösung von Emotion führen können.

kognitive Interaktionen sind ebenfalls beteiligt, wenn der mimische Ausdruck unterdrückt bzw. die emotionale Komponente des mimischen Ausdrucks gehemmt wird.

Ähnlich ist es zwischen motorischen System und Emotionssystem. Das motorische System kann ebenfalls zur Auslösung von Emotion führen, außerdem kann Ermüdung die Schwellen für die negativen Emotionen senken, Entspannung kann sie erhöhen.

 

Fazit :

Effektives Funktionieren der Persönlichkeit resultiert aus ausgeglichener und harmonischer Interaktion aller Subsysteme. Optimales Gleichgewicht und optimale Interaktion von Systemen werden durch die Umwelt, insbesondere den sozialen Kontext beeinflußt und durch Prozesse reguliert, die zwischen Person und Umwelt stattfinden.