Michael Lorenz
Brief an die Herausgeber der Zeitschrift Die Tonkunst

 

Wien, 26. Jänner 2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

In seinem Essay "Beethovens 'Elise' Elisabeth Röckel. Neue Aspekte zur Entstehung und Überlieferung des Klavierstücks WoO 59" in Die Tonkunst (Januar 2015) widmet sich Klaus Martin Kopitz erneut seinem Lieblingsthema "Beethovens Elise", wobei er die Identifikation dieser unbekannten Dame mit Elisabeth Röckel schon im Titel seines Aufsatzes verwegen außer Diskussion stellt. Mit großer Hartnäckigkeit weist Kopitz erneut nach, dass Frau Hummel, obwohl auf die Namen "Maria Eva" getauft, sich zu Zeiten "Elisabeth" nannte und nennen ließ. Wie ich wiederholt, zuletzt 2013 in meinem Aufsatz "Maria Eva Hummel. A Postscript", dargestellt habe, reichen der Vorname einer Kandidatin und ihre Bekanntschaft mit Beethoven nicht für eine Identifikation als Widmungsträgerin des Albumblatts WoO 59 aus. Kopitz widmet sich akribisch der Klärung der Vornamensfrage, während ein wissenschaftlicher, also über jeden Zweifel erhabener Beweis, dass Elisabeth Röckel Beethovens "Elise" war, weiterhin fehlt. Elisabeth Röckel erfüllt nur deshalb "alle eingangs genannten Kriterien" (Kopitz, S. 55), weil Kopitz das wichtigste Kriterium außer acht lässt: die plausible Beantwortung der Frage, wie das Autograph des Klavierstücks in den Besitz Therese von Droßdiks kam, obwohl es angeblich Elisabeth Röckel gewidmet war. Kopitz' Auswahl der Literatur ist willkürlich und selektiv. Jürgen Mays schlagendes Argument in dessen Aufsatz "Eine Bagatelle und andere Kleinigkeiten" (Bonner Beethoven-Studien 11), dass Babette Bredl aus Diskretionsgründen von Ludwig Nohl (im Andenken an Bredls Schwiegertochter, oder Bredls Enkelin) die Erfindung des Pseudonyms "Elise" verlangt haben könnte, und die von mir nachgewiesene Tatsache, dass auch Röckels jüngste Schwester Maria sich "Elisabeth" nannte, werden geflissentlich verschwiegen. So symptomatisch diese Details sind, verdienen sie – wie zahlreiche andere grobe Fehler in Kopitz' Aufsatz – keine weitere Erörterung. Problematisch ist jedoch die Tatsache, dass der Autor bei manchen seiner Quellenangaben die erforderliche Genauigkeit vermissen lässt und auf diese Weise manchen meiner Forschungsergebnisse den Anschein eigener Recherchen gibt. In Fußnote 13 seines Essays verweist Kopitz auf meinen Aufsatz "Die 'Enttarnte Elise'. Elisabeth Röckels kurze Karriere als Beethovens 'Elise'" (Bonner Beethoven-Studien 9) mit der Bemerkung, dass "dieser Beitrag mehrere neue Quellen erschließe". Manche dieser Quellen werden jedoch in der Folge durch Nichtnennung meiner Publikation als von Kopitz erschlossene Quellen präsentiert. In folgenden Punkten sehe ich meine Publikationen in Kopitz' Essay als verschwiegen, bzw. ungenau zitiert: 1) Auf S. 54 schreibt Kopitz, "Rita Steblin habe einen Konskriptionsbogen des Theaters an der Wien entdeckt". Das mag aus der Sicht Steblins so sein, aber dieser Bogen wurde schon im Dezember 2005 von mir fotografiert und am 8. Juli 2013 in meinem Aufsatz "Maria Eva Hummel. A Postscript veröffentlicht. Obwohl Steblin nachweislich schon im Juli 2013 von dieser Veröffentlichung informiert wurde, zog sie es 2014 vor, in ihrem Aufsatz in der Musical Times meine Erstpublikation zu verschweigen. Diese Vorgangsweise gab Anlass zu meinem Brief an den Herausgeber der Musical Times, den zu veröffentlichen dieser nicht den Mut hatte und den ich daher am 1. November 2014 im Internet publizierte. Kopitz kennt natürlich ebenfalls meine Publikation des betreffenden Konskriptionsbogens, denn der bewusste Internet-Artikel findet sich in der Literaturliste des Wikipedia-Artikels "Elisabeth Röckel", wo Kopitz unter einem wohlbekannten Pseudonym in alter Tradition propagandistisch zugange ist. 2) Das in Fußnote 49 von Kopitz als Quelle genannte Testament Therese von Droßdiks wurde erstmals von mir im Jahr 2001 in meinem Aufsatz "Baronin Droßdik und die verschneyten Nachtigallen. Biographische Anmerkungen zu einem Schubert-Dokument" (Schubert durch die Brille 26) veröffentlicht. Indem Kopitz in seinem Essay nur die Signatur dieses Testaments nennt und die Erstpublikation verschweigt, gibt er auf unehrliche Weise vor, diese Quelle selbst erschlossen zu haben. 3) Der gleichen indiskutablen Vorgangsweise befleißigt sich Kopitz in Fußnote 50, wo er bewusst verschweigt, dass Babette Bredls Testament (STA, München, AG Ia, NR 1880/2346) schon im Jahr 2011 vollständig von mir in den Bonner Beethoven-Studien veröffentlicht wurde. 4) Wie "das Autograph von WoO 59 in Babette Bredls Besitz kam" (Kopitz, S. 56) wird nicht "nun" durch die Sterbeurkunde des Münchner Standesamts klar (wie Kopitz kurioserweise behauptet – Frau Bredls Sterbedatum war ja schon bekannt), es war schon in dem Moment klar, als ich 2011 nachwies, dass Josef Rudolf Schachner Babette Bredls unehelicher Sohn war. Kopitz' Text schrammt hier knapp an einem Plagiat meiner bereits 2011 publizierten Beweisführung vorbei. Fazit: Kopitz kann immer noch nicht beweisen, dass Elisabeth Hummel "Beethovens Elise" war und er befleißigt sich überdies einer saloppen Quellendokumentation, die eines Mediums wie Die Tonkunst nicht würdig ist.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Michael Lorenz

 


 

Die Herausgeberin der Zeitschrift Die Tonkunst Christiane Wiesenfeldt lehnte die Veröffentlichung dieses Briefes ab und schob die Verantwortung auf die "peer-reviewer", diefalls sie überhaupt existieren – von ihr ausgewählt worden waren.

© Dr. Michael Lorenz 2016. Alle Rechte vorbehalten. Im Internet veröffentlicht am 1. Februar 2016.                   nach oben