Michael Lorenz

 

Der Schubert-Raum im "Haus der Musik" in Wien

 

Das im Frühjahr 2000 in Wien eröffnete "Haus der Musik" präsentiert auch einen eigenen Schauraum zum Thema Franz Schubert. War im ersten Stock, wo dem Besucher lautstark die faszinierende Welt der Akustik nähergebracht wird, nichts zu teuer, so wurde bei der Erstellung der computergestützten Datenbanken und elektronisch-akustischen Führer, mit denen die Biographien der Komponisten präsentiert werden, der Geldhahn offenbar wieder zugedreht. Im Beethoven-Raum wird man zwar mit ein paar Seltsamkeiten auf die kommenden Dinge vorbereitet, aber das unterhaltsame Gemisch aus Schlamperei und Exzerpten aus fehlerhafter Literatur, das dem Kunden im Schubert-Raum serviert wird, sprengt dann doch das Maß dessen, was er sich bei einem Eintrittspreis von 140 Schilling erwarten kann. Angesichts der geringen Wichtigkeit der Ausstellung, die sich offenbar vorwiegend an das touristische Publikum wendet, mag eine trockene Aufzählung aller dargebotener Fehler pedantisch erscheinen. Aber daß das "Haus der Musik" in analoger Weise an der Kassa fehlerhaftes Bargeld akzeptiert, konnte bisher nicht bestätigt werden.

 

Bei der Bezeichnung von Schwinds Sepia-Zeichnung "Ein Schubert-Abend bei Joseph von Spaun" ging einiges daneben, es gibt einen "Jodef Witterzek" und eine Therese Hönig "geb. von Puffec". Caroline von Esterházy erhielt in der Namensliste zwar eine Nummer, auf dem Bild wird sie der nicht eingeweihte Besucher jedoch nicht finden, denn es wurde vergessen, diese Nummer auch auf dem Bild anzubringen. Die Biographie Schuberts, die man auf elektronischem Wege via Bildschirm verfolgen kann, enthält eine Unzahl von Fehlern, von denen hier nicht alle genannt werden können. "Schubert war das zweitjüngste von 14 Kindern", "die F-Dur Messe wurde am 16. Oktober 1814 erstmals aufgeführt" (wieder falsch!), "Therese Grob wollte ihm nicht in eine so unsichere Zukunft folgen und heiratete einen Bäckermeister" (hat Schubert ihr denn einen Antrag gemacht?) und "1811 verbot Vater Schubert seinem Sohn das Komponieren" (der junge Schubert als Händel). Franz von Schober, der sich "mit Syphillis ansteckte", hat wieder einmal ein falsches Geburtsjahr und Johann Michael Vogl "war Jurist". Das Streichquartett D 810 wurde laut biographischer Datenbank "Anfang 1824" komponiert, drei Seiten später erfährt man jedoch, daß Schubert es "im Februar 1826 beendete". 1825 arbeitete Schubert nicht nur an der großen C-Dur Symphonie, "die er 1828 beendete", sondern auch "an der Gmunden-Gasteiner-Symphonie, die verschollen ist". Der Empfang der Partitur dieser Symphonie (D 849) sei "im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde vermerkt "dann verliert sich die Spur". Die Aussage: "1826 hatte Schubert kein Geld mehr, um sich ein Klavier mieten zu können" paßt nahtlos zu der akustisch mitgeteilten Information, daß "Schubert keine kurzen Skizzen machte, nicht am Klavier komponierte und sich zum Anhören seiner Werke zu Freunden begeben mußte". Der elektronische Führer hat ein paar erstaunliche Informationen zu bieten. Kuriose Sätze wie: "Bei der Vertonung der Texte kümmerte sich Schubert wenig um die Zensur" (das war gar nicht nötig, die Zensur kümmerte sich schon um ihn), "die Aristokratie lebte in Saus und Braus auf Kosten der Wiener Bevölkerung, unter der es sehr viel Böhmen, Ungarn und Serben gab" (Schubert in der Ringstraßenzeit?) gipfeln in der Aussage: "Biedermeier ist die Zeit vom Wiener Kongreß bis zum Vormärz".

 

Beim Ausgang der Ausstellung prangen Gratulationsschreiben von beiden Wiener musikwissenschaftlichen Lehrkanzeln. Wieder wurde mit hohem finanziellen Aufwand eine Gelegenheit verpaßt, der Öffentlichkeit ohne gröbere Schnitzer den Komponisten Schubert näherzubringen. Als der Geschäftsführung des "Hauses der Musik" diese Rezension angekündigt wurde, reagierte sie mit der Androhung rechtlicher Schritte "wegen Geschäftsschädigung".

 


© Michael Lorenz 2002. Erschienen in: Schubert durch die Brille 28, Hans Schneider Tutzing 2002.                                      nach oben