Michael Lorenz

Tadeusz Krzeszowiak: Freihaustheater in Wien 1787-1801. – Wien: Böhlau 2009, (ISBN-10: 3-205-77748-4). 496 Seiten.

 

Eines sei gleich zu Beginn gesagt: dieses Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit, denn wo sich der Leser ein Quellenverzeichnis und die Bibliographie erwartet, findet er nur Inserate von Sponsoren. Ein in seinem Beruf sicher ausgezeichneter und verdienstvoller Professor der Technik fasste seine sichtlich mit großer Begeisterung betriebene "Forschung" zur Geschichte des Theaters auf der Wieden in einem Buch zusammen, dessen Publikation mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und den Kulturabteilungen zweier Landesregierungen ermöglicht wurde. Das Ergebnis ist zwar optisch beeindruckend, aber das genauere Studium von Krzeszowiaks Ergebnissen kann nur Anlass sein, dem Publikum ausdrücklich vom Erwerb dieser Mogelpackung abzuraten. Da eine detaillierte Auflistung aller Fehler in diesem Buch ins Uferlose führen würde, kann hier nur eine stark komprimierte Zusammenfassung der gravierenden Mängel erfolgen.

 

Professor Krzeszowiak ignoriert konsequent den Stand der Forschung zum Wiener Freihaus und hält sich offenbar für einen Pionier, dem es gegeben war, der Öffentlichkeit zum ersten Mal alle Quellen zu präsentieren. Zu unrecht, denn bis auf eine paar, zumeist mit falschen Signaturen versehene Theaterzettel ist kein einziges, der (laut Klappentext) "hier zum ersten Mal veröffentlichten Dokumente und Fotos" wirklich neu. Das Linzer Material zum Freihaus wurde vor Jahrzehnten von Otto Erich Deutsch und Else Spiesberger behandelt, die Pläne im NÖLA in St. Pölten, die bereits 2006 Thema eine Vortrags des Rezensenten waren, wurden im Jahr 2008 veröffentlicht. Ignaz von Seyfrieds "Journal des Theaters an der Wien", aus dem Krzeszowiak ein paar fehlerhaft transkribierte Ausschnitte präsentiert, liegt seit 1997 in Stephan Punderlitscheks Transkription vor, was sich auf das nun vorliegende Buch definitiv nicht auswirkte. Auch David Buchs zahlreichen Publikationen über das Theater auf der Wieden schenkte der Autor keine Beachtung, sonst wüsste er z.B. dass "Der wohltätige Derwisch" schon 1791 auf dem Programm stand und nicht erst 1793. Krzeszowiak befleißigt sich durchwegs der Methode, Zitate aus Zeitschriften des 18. Jahrhunderts sowie Signaturen von Archivalien aus der Sekundärliteratur (z.B. Bauer und Glossy) zu übernehmen. Dass er dabei seit Jahrzehnten überholte, nicht mehr aktuelle Signaturen kopierte (z.B. "Archiv der Ministerien des Innern und der Justiz", "Archiv des Landes Niederösterreich, Wiener Stadthauptmannschaft, Akt Nr. 161 ex 1800 ƒƒ.") und alle Fehler in der Literatur getreu abschrieb, nährt den gravierenden Verdacht, dass er die Mehrzahl der Dokumente nie selbst in der Hand hatte und die eigenen Recherchen auf ein Minimum reduzierte. Es gibt in diesem Buch keine einzige fehlerlose Quellentranskription. Keine einzige Archivalie wird mit ihrer korrekten Signatur angegeben. Die Tatsache, dass der Autor nur über marginale Kenntnis der Mozart-Literatur verfügt, führte zu Unmengen grob fehlerhafter Kuriositäten, von denen hier nur die fragmentarische "Ersttranskription" von Mozarts Trauungseintragung erwähnt sei. Nach weniger als der Hälfte des Buches erfolgt ein Themenwechsel und es beginnt ein mit "Mozart 1756-1791. Aspekte einer Biographie" betiteltes, grotesk fehlerhaftes Potpourri von Mozartiana, das einer exquisiten Aneinanderreihung populärer Irrtümer gleichkommt. Ein unermesslicher Ozean amüsanten Unsinns umgibt den Leser. Wir begegnen einer "Constanze van[!] Nissen", einem "Franz Xaver Mozart" (er hieß Zeit seines Lebens Wolfgang), einem "National-Hoftheter", einem Monat namens "rber" (recte "7ber"), einer Wohnungsmiete Mozarts in der Höhe von monatlich[!] 130 Gulden und der Lues[!] als Todesursache Süßmayrs. Die Lektüre von Deutschs Mozart-Dokumenten war für Krzeszowiak absolut entbehrlich und der konsequente Mangel an Transkriptionskompetenz beschert uns Perlen wie "Jacob …. CugHauptmann" (soll heißen: Jacob Edler Herr v Schickh Kreishauptmann), einen "Johann Thams von Trattner" als Taufpaten eines Mozart-Sohnes sowie die Mitteilung, dass Herr Mayer (recte Meier) im Jahr 1800 in der Rolle des "Anraux" (soll heißen: Aeneas) aufgetreten sei. Zahlreiche falsche Eigennamen ("Karl Gorifchet’s Buchhandlung", "Oskar Teuber", "Reghini", "Händl"), willkürlich veränderte "Originalzitate" (z.B. S. 72), Lesefehler auch bei gedruckten Quellen ("die geplanten Ehemänner", recte "geplagten"), und Unmengen von Tippfehlern mindern den Wert dieses Buches, bei dessen Herstellung offenbar das Lektorat eingespart werden musste.

 

Zwei Fragen stellt sich der Leser nach der Lektüre von 496 Seiten: 1) Glaubte Professor Krzeszowiak während der Arbeit an seinem Buch tatsächlich, "bahnbrechend neue Forschung" zu betreiben? Und 2) Sollte man so ein bizarr wertloses Buch nicht zum Anlass nehmen, die Finanzierung solcher Publikationen mit Steuergeld zu überdenken und versuchen, unabhängige, wenn möglich ausländische Gutachter in den Prozess der Verteilung von Fördermitteln einzubinden?

 

 


© Dr. Michael Lorenz 2009. Alle Rechte vorbehalten. Die Erstveröffentlichung dieser Rezension erfolgte in: Newsletter of the Mozart Society of America, Vol. XIV, No. 1, (27 January 2010), p. 20f., die Veröffentlichung der deutschen Fassung am 4. September 2010.

nach oben            Website counter