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Projekttitel (in English)
Antisemitismus nach der Shoah. Ideologische Kontinuitäten und politische Umorientierung im "Ehemaligen"-Milieu in Österreich 1945-1960
(FWF-Projektnummer P 27102-G16)

Projektleiterin
PD Mag. Dr. Margit Reiter

Projektbeschreibung
Das Jahr 1945 war – trotz aller Umbrüche und Veränderungen – keine "Stunde Null". Obwohl die Shoah in vielerlei Hinsicht eine entscheidende
Zäsur bedeutete, war Antisemitismus nach 1945 nicht spurlos verschwunden, sondern lebte in verschiedenen Formen und Bereichen fort:
Antisemitismus zeigte sich in Form von Vorurteilen und Ressentiments gegenüber Juden in breiten Teilen der Bevölkerung, als
Argumentationsmittel im politischen Diskurs des offiziellen Österreich und vor allem als nach wie vor sehr virulenter Antisemitismus im Milieu
der ehemaligen NationalsozialistInnen.

Dieses sogenannte "Ehemaligen"-Milieu ist bisher noch nicht systematisch untersucht worden. Wie bei jedem radikalen Systemwechsel mussten
sich die ehemaligen Träger des NS-Regimes neu positionieren, wobei sie die Wahl hatten zwischen Beibehaltung/Fortführung ihrer
ideologischen Überzeugungen einerseits und politischer Umorientierung andererseits. Welche Wahl haben nun die ehemaligen
NationalsozialistInnen nach 1945 in Österreich getroffen? Sind sie ihren Werten und Überzeugungen treu geblieben oder aber haben sie sich
zumindest oberflächlich an die neuen politischen Gegebenheiten angepasst? Wie sind sie nach 1945 mit dem Nationalsozialismus und der
Judenvernichtung im Allgemeinen und mit ihrer spezifischen Rolle darin im Besonderen umgegangen? Vor allem aber: Welche Rolle spielte
Antisemitismus in diesem Milieu?

Im Projekt wird das "Ehemaligen"-Milieu rekonstruiert und der darin kursierende Antisemitismus erstmals umfassend analysiert. In diesem
Zusammenhang werden auch die zwei zentralen Thesen zum Nachkriegsantisemitismus ("Antisemitismus ohne Juden" und "Antisemitismus
ohne Antisemiten") kritisch hinterfragt. Es wird untersucht, welche alten antisemitischen Klischees und Argumentationsmuster den
Nationalsozialismus überdauert haben und welche neuen Formen ("sekundärer Antisemitismus") sich nach der Shoah finden?

Der antisemitische Diskurs im "Ehemaligen"-Milieu muss in den allgemeinen Nachkriegsdiskurs über Juden eingeordnet werden, um einerseits diskursive
Überschneidungen, andererseits aber auch kritische Gegenstimmen dazu herausarbeiten zu können. Schließlich geht das Projekt auch über den
österreichischen Rahmen hinaus. Durch einen transnationalen Vergleich mit Deutschland nach 1945 sollen Ähnlichkeiten und Unterschiede im
Umgang mit Juden und Antisemitismus in diesen zwei NS-Nachfolgestaaten herausgearbeitet und nach möglichen historischen, politischen und
sozialpsychologischen Gründen dafür gefragt werden.

Projektziele
Zusammengefasst verfolgt das Projekt folgende Forschungsziele:
• Rekonstruktion des "Ehemaligen"-Milieus und der darin anzutreffenden antisemitischen Manifestationen
• Analyse der antisemitischen Argumentationsmuster, (Sprach)Bilder und Zuschreibungen
• Analyse und Einordnung der Akteure und ihrer Motive
• Analyse der (jüdischen) Zielobjekte des Antisemitismus
• Politische Kontextualisierung und Vergleich mit Deutschland
• Darstellung der Gegendiskurse

Untersuchungsfelder
Im Projekt werden drei konkrete Aktionsfelder und Diskursebenen der "Ehemaligen" untersucht:
• die private und soziale Ebene (
Binnendiskurs) des "Ehemaligen"-Milieus am Beispiel der "Glasenbacher", NS-Familien
• die politische Ebene (
Außendiskurs) am Beispiel des VdU und der FPÖ
• der öffentliche und mediale
Gegendiskurs.

Diese verschiedenen, teilweise ineinander übergehenden Diskursebenen werden verglichen und miteinander verknüpft. Ein zentraler Aspekt
der Untersuchung ist der "double speak" im Milieu der ehemaligen NationalsozialistInnen, d.h. die vermutete Diskrepanz zwischen dem
Binnen- und Außendiskurs in Bezug auf das Themenfeld "Juden" und Antisemitismus.

Untersuchungszeitraum
Der Untersuchungszeitraum reicht von 1945 bis ungefähr 1960. Dieser Zeitraum war die zentrale wichtige Formierungsphase der österreichischen
Vergangenheitspolitik und gliedert sich in drei Phasen:
• 1945-1947: kurze antifaschistische Phase / Entnazifizierung
• 1947/48-1955: NS-Amnestien / politische Reorganisation der Ehemaligen (VdU, FPÖ) / allgemeiner politischer Paradigmenwechsel
• nach 1955: Staatsvertrag / Wegfall der Kontrolle von außen / Restauration und erste Aufbrüche

Quellen
Das Projekt basiert auf einer Bandbreite von verschiedenen Quellen, wie z.B. zeitgenössischen Medien (Zeitungen der ehemaligen Nazis, des
VdU und der FPÖ, allgemeine Nachkriegspresse, jüdische Medien…), verschiedenen Archivquellen (NS-Dokumente, US-Army-Dokumente,
Entnazifizierungsakten, Material zu Glasenbach, Parteiakten zu VdU, FPÖ etc.), autobiographischen Quellen (Memoiren ehemaliger Nazis,
Interviews, Nachlässe) und publizierten Quellen (Parlaments- und Ministerratsprotokolle, US-Berichte...).

Projektdauer
1.9.2014-31.12.2018

Gefördert von
FWF Der Wissenschaftsfonds