Hanna Drosg

 

 

 

Granny

 

ODER

 

Das  Geheimnis

der  Hauserischen


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Drosg, Hanna:

Das Geheimnis der Hauserischen (Granny)

Zweite, erweiterte und durchgeehene Auflage 2020

 

 

 

Ó 1999,2020

Manfred Drosg, A-1190 Wien

 


Meiner  Tochter  Rotraut

 zum Sechziger gewidmet.

14. Juli 1999

Diese  Version wurde

zum Achtziger meiner

Schwester angefertigt

 

 

 

Granny,

die geliebte Großmutter meiner Mutter

ihre Vorfahren und ihre Nachkommen

       

 

 

     

Meine Tochter Rotraut erwähnte einmal, sie hätte so gerne etwas über meine Urgroßmutter "GRANNY" und die Hochenegger Familie erfahren. Ich will jetzt ihrem Wunsch nachkommen und gleich mit GRANNYs Vorfahren beginnen.

Deutsche Namen der Orte in der Untersteiermark
Aus der Ahnenrolle

 

     BARTOLOMÄUS ZÖRER (* 1755), ein Gastwirt in STEINBRÜCK (südlich von Cilli, Untersteiermark), heiratete als Witwer am 29. 4. 1793 die 18jährige Schneiderstochter MARIA OBLAK (* 1775) aus RAD­KERS­BURG. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter, THERESIA JOSEPHINA ZÖRER, die am 13. 10. 1797 in Steinbrück auf die Welt kam und bis 1830 lebte. Sie vermählte sich mit JOHANN STALLNER, der anfänglich Kaufmann in LICHTENWALD war, dann mit seiner Familie nach CILLI zog, wo er das STALLNER-Geschäft, eine Kolonialwarenhandlung, gründete. Sein Sohn JOHANN STALLNER jun. (1820–1862) wurde der Mann von GRANNY.


TEIL I: Die Stallnerischen

Maria OBLAK verh. ZÖRER verh. TSCHERMAL

* 25.3.1775 in Stein bei Spittal/Drau,+ 11.4.1853 in Cilli

die Stammmutter der Familie Stallner

Am 29.4.1793 heiratete die 18jährige Maria OBLAK, Tochter des Schneiders Joseph OBLAK in RADKERS­BURG und der Regine GELTNER, den Witwer Bartolomäus ZÖRRER (auch ZÖRER, 1755-1798), einen Gastwirt in STEINBRÜCK (Zidani Most, Untersteiermark). Aus dieser Ehe stammte die Tochter, Theresia Josephina ZÖRER.

Nach dem Tode ihres Mannes hat MARIA ZÖRER geb. OBLAK am 18.8.1800 mit 26 Jahren neuerlich geheiratet, einen 60-jährigen Witwer, den reichen Gutsbesitzer FRANZ SALESIUS TSCHERMAL Sein Landgut ERLACH-HOF befand sich im Ort ERLACHSTEIN (Jelšah) an der Save nahe Cilli. Er war dort 1740 auf die Welt gekommen. 1802 erblickte ihre Tochter,


JOHANNA TSCHERMAL

*29.10.1802 in Erlachhof, +18.11.1881 in Graz

die Welt. Diese heiratete 1824 Franz Xaver GROHMANN (*23.11.1787 ?1790?) in Böhmisch Kamnitz - als Sohn des Franz Grohmann und der Franziska Adam -, +27.12.1859 in Cilli). Dieser besaß in KAMNITZ, Böhmen, eine Glasfabrik. Als junger Mann ließ er sich dann in Gairach (Jur­klošter), in der Untersteiermark nieder, wo er zunächst Direktor und dann Besitzer einer Glasfabrik war. Er war sehr vermögend. Bis zu ihrer Heirat lebte Johanna Tschermal auf dem ERLACHHOF an der SAVE, dann in Gairach, wo ihre Tochter Johanna Christina am 15.10.1825 auf die Welt kam, und schließlich in CILLI. Ihr Mann führte in beiden Städten ein Glaserei-Geschäft. Johanna Christina GROHMANN, heiratete 1848 Johann STALLNER jun.


Theresia Josephina STALLNER-ZÖRER

13.10.1797- 1830

GRANNYs Schwiegermutter

Theresia Josefa ZÖRER kam 1797 bei Steinbrück auf die Welt, starb aber schon 1830 in Lichtenwald an einer bösen Krankheit.

Als sie 1820 den Kaufmann Johann STALLNER (sen.) (9.11.1785-15.8.1868) aus Lichtenwald kennenlernte, heirateten sie noch im selben Jahre (am 7.2.). Johann war als Sohn des

Theresia Stallner, 1819

Schneidermeisters Josef STALLNER und der Juliane Remler in RADKERSBURG auf die Welt gekommen und übernahm dann die Schneiderwerkstätte seines Vaters und betrieb dann auch in Lichtenwald (Sevnica) ein Stoffgeschäft.

Sein Sohn Johannes Stallner (jun.) *18.12.1820 in Lichtenwald,+27.6.1862 in Cilli

wurde mit 10 Jahren Halbwaise. Fünf Jahre nach Johannes kam die Tochter Marie Stallner (1825-1921) auf die Welt, die dann Jakob Maximillian KALLMUS heiratete, und deren Tochter Leopoldine (*14.3.1850,+5.6.1926), eine begabte Pianistin, dann Karl Otto Clemens WITT­GENSTEIN heiratete. Karl Wittgenstein gehörte zu den erfolgreichsten Stahlindustriellen der Donaumonarchie, und die Wittgensteins wurden zu einer der reichsten Familien in Wien. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein war das jüngste von seinen acht Kindern.

Vater Johann STALLNER ließ sich später in Cilli nieder und gründete dort das gutgehende Stoffgeschäft "STALLNER&SOHN", das bis zum Zusammenbruch des Zweiten Weltkrieges einen guten Namen hatte. Vater Johann STALLNER überlebte seinen Sohn um 6 Jahre. Er starb 1868 in CILLI. Nach seinem Tode führte seine Schwiegertochter Johanna STALLNER-GROHMANN das STALLNER—Geschäft weiter.


Johanna Christina STALLNER-

   GROHMANN

10.5.1825-8.3.1909

gen. Granny, meine Urgroßmutter, kam in GAIRACH (Jurklošter) als Tochter des Glasermeisters Grohmann auf die Welt und starb 1909 in GRAZ. Sie wurde in St. Leonhard begraben (Dort Geburtsjahr 1823, aber *1825 auch nach Parte). Sie lernte 1848 Johannes STALLNER jun., den Sohn von Theresia STALLNER- ZÖRER, kennen. Er führte zusammen mit seinem Vater das gutgehende Stoffgeschäft "Johann Stallner & Sohn“ in Cilli, das bis zur Enteignung nach dem Zweiten Weltkrieg in Stallnerischem Besitze war. Außerdem gründete er eine Kolonialwa­renhandlung in Cilli, später als Traun & Stiger bzw. Gustaf Stiger bekannt.

Am 11.6.1848 fand die Hochzeit statt. Die Ehe war sehr glücklich, dauerte aber nicht sehr lange, denn ihr

Granny um 1850

Mann starb bereits 1862.

Ihr Schwiegervater Johann STALLNER sen. stand ihr liebevoll zur Seite und kümmerte sich vor allem um das Geschäft, bis er 1868 in Cilli verschied.

Nach dem Tode von JOHANN STALLNER sen. mußte sich die verwitwete GRANNY nicht nur um die Glasfabrik in GAIRACH kümmern, die sie nach dem Tode ihres Vaters 1859 geerbt hatte, sondern auch um den Betrieb des STALLNER-Geschäftes in CILLI, den Landsitz HOCHENEGG mit Weinberg und an­schließend an das Gut, eine Papierfabrik. Sie hatte ihrem Mann sieben Kinder geschenkt und mußte diese nun allein aufziehen.

      Granny um 1870                     Granny, 1890

Die älteste Tochter nannte sie HERMINE (TAMINA gerufen), die zweitälteste JOHANNA; dann war MARIA (genannt Marie); und dann IDA. Auch drei Söhne hatte sie: GUSTAV, ALFRED und das Nesthäkchen MORIZ.

GRANNY hatte kein leichtes Leben, so viel lag auf ihren Schultern! Aber sie meisterte alles und war bei allen beliebt und hochgeschätzt, die ganze Familie liebte und verehrte GRANNY sehr.

 

HOCHENEGG

der ruhende Pol für alle

Das große Geschäft in CILLI brachte so viel ein, daß sich die Familie GROHMANN-STALLNER einen 10 ha großen Som­mersitz, mit Landwirtschaft und Weinberg, in der Nähe des da­mals kleinen Dorfes HOCHENEGG (Vojnik ) kaufen konnte, bestehend aus einer Villa, einem Nebengebäude mit Wohnräumen und darunterliegendem Pferdestall. Die beiden Häuser lagen in einem schönen Park mit hohen Bäumen. Von der von Hecken begrenzten Auffahrt aus fiel der erste Blick auf eine schöne Skulptur von zwei Pferdeköpfen über dem Pferdestall und auf die Garage für die elegante Kutsche.

Das Hauptgebäude in Hochenegg

Neben dem großen Betriebshaus (Stall und Wohnungen) stand in einem Park mit alten Bäumen anschließend zur Villa das Preßhaus, wo sich die Weinkellerei und ein von oben zugänglicher Wohnraum befand. Hinter den Gebäuden erhob sich das Weinbergl mit einem kleinen Häuschen, "der Alm".

Aber ich bin noch nicht fertig! Etwas entfernt gegen Osten, in der Nähe eines kleinen, sich dahinschlängelnden Baches, erblickte man ein winziges Häuschen, rundum mit Holzbalkon, das wohl zur Papierfabrik gehörte, die einmal im Besitz der Familie STALLNER gewesen war.

Hauptgebäude mit Weinbergl

Da GRANNY relativ früh ihren Gatten verloren hatte und sie sich allein um alles kümmern mußte, nahm sie eine Erzieherin für ihre vier überlebenden Kinder ins Haus. Zusätzlich gab es noch ein Ehepaar - einen Kutscher mit Frau - um Pferde, Haus und Garten zu versorgen.

In der schönen Jahreszeit lebte die Familie STALLNER meistens in HOCHENEGG, wo auch die Cousins und Cousinen meiner Mutti ihre Ferien verbrach-
ten.
Eine besondere Attraktion war zu dieser Zeit der Tennisplatz. Später ka­men noch eine Köchin und eine Magd hinzu. Letz­tere hieß Kathi und lebte bis zu ihrem Tode in der Familie. Noch als Mäd­

Die „Hauser“-Kinder 1899 auf dem Tennisplatz:

Lili, Alfie, Licy, Dorothea, Frieda

chen habe ich sie kennen gelernt. Sie war damals schon eine alte Frau. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie in einem Nebenraum die Petroleum­lampen säuberte und neue Dochte einzog. Sie bekam nach ihrem Tode einen Platz im Familiengrab in Cilli.

Kathi ? bei der Arbeit

Postkarte der Villa Stallner, 1914

TEIL II: DIE STALLNER-KINDER und Kindeskinder

Hermine STALLNER,

TAMINA genannt,

kam im Dezember 1848 als erstes Kind zur Welt. Sie wurde nach dem Tode von GRANNY (8.3.1909 in GRAZ, begraben in St. Leonhard) das Oberhaupt der Familie STALLNER. Sie war Erbin der Glasfabrik. Durch die Zusammenarbeit mit ihrer Mutter in der Verwaltung beider Betriebe war sie auch mit der des Geschäfts in CILLI sehr vertraut und hatte die Oberleitung bis ins hohe Alter. Obwohl Älteste, überlebte sie alle ihre Geschwister.

Ich kannte diese Großtante persönlich als alte Dame, aber sah sie nur zweimal in meinem Leben, als ich in Hochenegg mit Mutti auf Besuch war. Sie ging damals schon mühsam auf zwei Stöcke gestützt und verbrachte ihre alten Tage auf dem Landgute Hochenegg bei CILLI, das Stallnerischer Besitz war. Ich saß gerne bei ihr auf der Gartenbank und fragte sie vie­les. Sie hatte ein großes Wissen und eine glückliche, ausgeglichene We-

Maria und Tamina

sensart. Ich selbst schätzte sie sehr und plauderte gerne mit ihr. Alle nannten sie TAMINA. Sie wurde von allen geliebt und respektiert. Da meine Großmutter, MARIA HAUSER, schon früh Witwe geworden war, blieb ihre Schwester TAMINA ledig und war die rechte Hand meiner leidenden Großmutter bis zu deren Tode.

Dr. iur. Gustav STALLNER

*1850, +23.10.1914 in Graz

Notariatssubstitut, verheiratet, lebte in Graz, Glacisstraße 53 (oder 63?), hatte 1909 einen Schlaganfall. (Im Friedhof St. Leonhard wird ein G.S. 1838-1914 angeführt. Dies ist im Widerspruch zum Geburtsjahr der Mutter 1825.)

Johanna Theresa JURASCHEK-STALLNER

* 19.10.1851, + 25.11.1879 in Graz.

Sie heiratete am 2.8.1873 in Aussee den hochangesehenen Sektionschef (und späteren Präsidenten der statistischen Zentralkommission) sowie Universitätsprofessor Dr. jur. Franz Ritter von JURASCHEK. Seine Vorfahren waren Militärbeamte und Lehrer. Sie reichen bis 1732 nach KÖNIGSBERG. Außerdem wurde er über die Tante seiner Frau mit Ludwig Wittgenstein verschwägert. Franz von JURASCHEK kam am 24.2.1848 in ARAD (damals Ungarn) auf die Welt. und lebte mit seiner Frau in Graz und später in WIEN, wo er am 7.2.1910 starb (bestattet am 9.6.1911 ?). Eine Tochter erhielt den Namen Felicitas, die andere Beatrice, die einen Ing. Bednarec heiratete.

Felicitas Hayek-Juraschek

Licy, die Tochter von Tante Johanna (1875-1967)

Sie wurde am 13.3 1875 kam in Graz geboren und wurde mit 4 Jahren Halbwaise. Ich habe diese Tante nach dem Ersten Weltkrieg zweimal gesehen. Ihr Mann, der Wiener Arzt und Botani­ker und späterer Universitätsprofessor an der Universität Wien, August von Hayek (14.12. 1871 -11.6.1928) war damals schon gestorben, und sie besuchte meine Mutti am Ranftlhof. Sie war eine stattliche Dame mit einer etwas groß geratenen Nase, sehr aktiv und lustig. Sie starb 92jährig im Sommer 1967.

Ihr ältester von drei Söhnen, Friedrich (Fritz) August von Hayek (8.5.1899 in Wien; † 23.3.1992 in Freiburg im Breisgau) wuchs in Wien bei seinen Eltern heran und studierte nach seinem Kriegsdienst ab März 1917 (zunächst Artillerie-Regiment in Wien, ab Herbst an der italienischen Front) bzw. einer Malaria­erkrankung ab 1918 an der Universität Wien Rechtswissenschaft, besuchte aber vor allem Kurse in Volkswirtschaftslehre und Psychologie. Er war Lieblingsschüler von Ludwig von Mises. 1921 wurde er promoviert in Friedrich Hayek portrait.jpgRechtswissenschaft, 1923 in der Volkswirtschaft. Ab 1927 leitete Mises gemeinsam mit ihm das Österreichische Institut für Konjunkturforschung. Mit seiner 1. Frau Hella hat er zwei Kinder, Christine Maria Felicitas (geb. Juli 1929) und Bertram. 1931 wurde er an die London School of Economics berufen.1950 wechselte er an die University of Chicago, 1962 nahm er eine Professur an der Universität Freiburg an. 1967 wurde er emeri­tiert, lehrte aber weiter bis 1969. Im Jahre 1974 erhielt er den NOBEL-Preis für Wirtschaftswissenschaft. Nach einer Honorarprofessur an der Universität Salzburg kehrte er 1977 nach Freiburg zurück, wo er bis zu seinem Tod 1992 tätig war. 1991 wurde ihm die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA, verliehen. Begraben ist er in Wien auf dem Neustifter Friedhof.

Der jüngere Bruder, Heinrich von Hayek, wurde am 29.10.1900 in Wien geboren, wurde Anatom, und starb am 28.9. 1969. Er hatte zwei Töchter und einen Sohn.

Der jüngste Bruder war Erich HAYEK, geb. 9.7.1904. Dieser war Universitätsprofessor in Innsbruck (Kärnnerstraße 26) und hatte zwei Kinder, den Buben Konrad, geboren am 30.12.1937 in Merseburg an der Saale, und das Mädchen Waltraut. Konrad besuchte von 1947 an das Bundesgymnasium und –Realgymnasium in Innsbruck und legte am 22.6.1955 dort die Reifeprüfung ab. Im Jahre 1955 begann er dann sein Hochschulstudium für Chemie, Physik und Mineralogie an der Universität Innsbruck wo er bis zu seinem Tode am 8. Jänner 2007 als Universitätsprofessor, wirkte.

Ing. Alfred STALLNER

(*1853,+18.8.1909 in Graz)

war verheiratet mit einer Adele in Wien, die als Firmpatin der Elfriede Hauser fungierte. Eine Zeit lang wohnte er in Graz im Stallner-Haus, Glacisstr. 53. Er hatte einen Sohn Hans, der wiederum eine Tochter hatte, und eine Tochter Martha (? Maria Johanna, *1894, +1973), die Direktrice war und mit einem Piloten (Rudolf?) Stanger, (+48jg) verheiratet war. Ihr Name findet sich im Verzeichnis der Aktienbesitzer der Creditanstalt.

Justina Maria HAUSER-STALLNER,

(*8.8.1854 in Cilli,+5.6.1936 in Hochenegg)

Marie war die jüngste Tochter von Granny. Sie war sehr hübsch, zart gebaut und hatte ein überaus feines Gesicht.

Ich habe sie nur zweimal gesehen. Sie war damals oft kränklich, litt viel an Migräne und hatte ein böses Gallenleiden. Sie hatte trotz ihrer nicht sehr widerstandsfähigen Konstitution sechs Kinder zur Welt gebracht. Das älteste war DOROTHEA, dann kam ROBERT, dann meine Mutter ELFRIEDE (FRIEDA), dann ELISABETH (LILI) zur Welt. Schließlich gebar meine Großmutter noch einen Sohn, PAUL und als letztes Kind RENATA.

Maria Hauser, meine Großmutter

Bei meinen Besuchen fand ich sie meist im Bett vor und mußte auf leisen Sohlen das Zimmer betreten, um sie zu be­grüßen. Dies war für so ein lebhaftes Kind, wie mich, wirklich nicht leicht! Sie war nicht sehr lange, aber glücklich verheiratet.

Ihren Mann, Ing. ANTON ALFRED HAUSER, hatte sie in WIEN auf einem Ball kennengelernt. Er arbeitete in der Firma seines Vaters. (Alfred HAUSER lernte Maria STALLNER kennen, als er in CILLI geschäftlich im Stallner-Geschäft zu tun hatte.) Er verliebte sich gleich in sie und sie heirateten am 12.9.1876 in Hochenegg.

 Die Hauser-Töchter: Elfriede, Lili, Renata und Dorothea

Zunächst lebten sie in Wien in der Stallner-Wohnung. Das Verhältnis zur strengen Schwiegermutter Elisabeth Hauser-Mayer war nicht sehr gut,

Dorothea, Maria, Renata

so daß die junge Frau mit ihren Kindern bald nach CILLI zog. Ihren Mann, Alfred HAUSER, sahen sie nur selten, weil mein Großvater in seinem Beruf als Großkaufmann sehr viel auf Reisen war.

Sein Hauptwohnsitz und die Großhandelsfirma befanden sich nach wie vor in WIEN.

Später zog sich meine Großmutter aus Gesundheitsgründen aus dem Geschäft in CILLI zurück und sah ihren Mann noch seltener, da sie sich mit den Kindern ab dann fast ständig in Hochenegg befand. Dort haben die Hauserkinder die meiste Zeit ihrer Jugend verbracht.

Zum 19. Geburtstag seiner Lieblingstochter Elfriede kam Alfred , wie immer -unangemeldet- auf Besuch nach Hochenegg. Er blieb ein paar Tage dort, um mit der Familie den Geburtstag meiner Mutter zu feiern. Nachdem dieser

Friedl, Dorothea und Maria

Tag, wie üblich, mit einer ganz großen Torte gefeiert worden war, kam die Überraschung: „Na, rate mal, Friedl", meinte ihr Vater. „Keine Ahnung, Papa", erwiderte Friedl. „Du wirst von Triest mit mir per Schiff nach Venedig fahren, ich hab' dort zu tun." „Fein!“ rief sie, sprang hoch und umarmte ihren Papa. Meine Mutter liebte das Meer sehr. Überdies war ihr Leben in Hochenegg ziemlich eintönig.

Maria HAUSER, meine Großmutter war natürlich überstimmt, und so ging am nächsten Tag die Reise los. Zuerst mit der Bahn bis Triest, dann kam die schöne Schiffsfahrt bis Venedig. Dort sah meine Mutter zum ersten Mal den berühmten Markus-Platz mit Dogenpalast und Markuskirche - und machte eine stimmungsvolle Gondelfahrt durch den Canale Grande mit ihrem geliebten Papa!

Als ihr Vater sie zurückgebracht hatte, gab es viel zu erzählen. Bald darauf ging er wieder auf Geschäftsreise ins Ausland. Es war ein Abschied für immer. Seine Familie hat nie mehr etwas von ihm gehört. Alle Nachforschungen blieben ohne Erfolg! Es gab viele Unruhen in den Nachbarländern. Dabei scheint er ermordet worden zu sein! Er blieb verschollen und wurde dann 1921 für tot erklärt.

Kurz nach dem ersten Weltkrieg, als die Grenzen zu Jugoslawien noch gesperrt waren, wurde meine Großmutter ernsthaft krank und wollte Friedl noch einmal sehen. Vater brachte uns in einem Heuwagen nach Lavamünd. Mit der Pferdekutsche ging es dann zur Grenze. Ein pensionierter Grenzler, den wir durch den Lavamünder Wirt ausfindig gemacht hatten, brachte uns, in bäuerlicher Verkleidung, in der Abenddämmerung heimlich auf ihn bekannten Pfaden über den Berg nach Unterdrauburg. Vater, der in Lavamünd blieb, hat ihn dann nach unserer glücklichen Rückkehr, die auf den gleichen Schleichwegen erfolgte, fürstlich belohnt. In Unterdrauburg erwartete uns schon die Kutsche aus Hochenegg. die uns zu meiner Großmutter brachte. Ihr könnt Euch denken, was das für einen Spaß ich hatte, im Heu nächtens mit dem Pferdewagen heimwärts zu fahren.

Meine arme Großmutter hat das spurlose Verschwinden ihres Mannes wohl nie ganz bewältigt! TAMINA, ihre älteste Schwester, nahm sich ihrer liebevoll an und kümmerte sich um alles, was sie schon nach dem Tode von GRANNY gemacht hat. Großmutter hat ganz still und zurückgezogen ihr Leben in Hochenegg zu Ende gelebt, und ist im Jahre 1936 von uns gegangen.[1] TAMINA überlebte ihre jüngere Schwester und blieb bis zu ihrem Tode (>1939) in Hochenegg.

TEIL III: Das Geheimnis der HAUSERischen

Es überraschte mich sehr zu erfahren, daß der Name HAUSER ein angenommener Name war. Ich glaube, daß nicht einmal meine Mutter dies gewußt hat. Falls schon, hat sie dieses Wissen mit sich ins Grab genommen.

Als ich klein war, erzählte sie mir manchmal über ihren Vater und ein geheimnisvolles Haus in Wien. Dieses Haus war ihr immer unheimlich, weil dort ein Zimmer stets fest verschlossen war und kein HAUSERkind es jemals betreten durfte.

Nicht nur meine HAUSER-Urgroßmutter sondern auch mein HAUSER-Urgroßvater war ein Flüchtling aus Albanien!

Mein Ahne GEORGIAS KOMINUS (1775-1830), aus der THOPIA Seitenlinie KOMINUS THOPIA-ARAINITIS war verheiratet mit HELEN GHIKA (die Namensgleichheit mit der ebenfalls aus Albanien stammenden Schriftstellerin Dora d’Istria ist wohl bedeutungslos, da jene 1829 geboren wurde). Sie lebten bis 1830 in Konstantinopel.

Ihr Sohn, KONSTANTIN KOMINUS THOPIA ARAINITIS (1800 - 1825), kam von Konstantinopel nach Wien. Er war Anhänger des ASSASSINATES, einer Sekte, die der Blutrache verpflichtet war, und mußte wegen einer Blutrache die Heimat verlassen und hatte sich in Wien niedergelassen. In Wien heiratete er 1822 ANNA THOPIA KASTRIOTA (Deren Mutter, MARIA geb. ZULAJKA HAMUN OSMANJE SULTANẺ war auf der Flucht von Konstantinopel über Neapel (1780) im Jahre 1782 nach Wien gelangt. Anscheinend wurde sie dabei von ihrem Mann GEORGIUS THOPIA-KASTRIOTA (1762-1802) begleitet, denn die Tochter ANNA war 28.3.1798 in Wien geboren worden. Diese, meine HAUSER-Ururgroßmutter, ist dann am 21.1.1877 als ANNA HAUSER in Graz im Haus der Granny (meiner Stallner-Urgroßmutter Johanna) gestorben und ebendort in St. Leonhard begraben.

Im Jahr 1825 fiel Konstantin einem Attentat in Konstantinopel zum Opfer, höchstwahrscheinlich als Folge einer Blutrache.

Anton Thopia-Arainitis Hauser

(31.12.1823-6.7.1870), mein Urgroßvater

Anton THOPIA-ARAINITIS lebte, wie auch seine Mutter Anna (und vielleicht auch sein Vater Konstantin), unter dem Namen HAUSER in Wien. Sein Grab ist in Graz, St.Leohard.

Er war der Großvater meiner Mutter. Er betrieb einen Großhandel, hauptsächlich mit Textilien und bewohnte mit seiner Familie eine Villa in WIEN. Er versorgte auch das STALLNER-Geschäft mit Stoffen, vor allem mit Seide. Er war sehr vermögend und oft auf Reisen im Fernen Osten.

Er heiratete Elisabeta LUSIGNAN (1828-1899) unter ihrem Adoptivnamen MAIER. Dieser Verbindung entsprossen Ing. (ANTON) ALFRED HAUSER (1853 - 1921) sowie dessen jüngerer Bruder RICHARD, von dem bekannt ist, daß er anläßlich der bestandenen Matura einen Viererzug (Gespann mit 4 Pferden) zum Geschenk erhalten hat, und später k.u.k. Hofbaumeister gewesen ist. Er soll Anteil am Bau des Schlosses Miramare gehabt haben.

Dieser Verbindung entsproß Ing. ANTON ALFRED HAUSER (1853 - 1921), mein Großvater.

Elisabeth Lusignan Maier

(1828 - 1899), meine Urgroßmutter

Elisabeth LUSIGNAN war ihrerseits im Jahre 1830 zusammen mit Antons Großmutter Helen GHIKA, nach dem

    Elisabeth Hauser, 1886

Tode deren Mannes, Georgios KOMINUS THOPIA-ARAINITIS (1775-1830), von Konstantinopel nach Wien geflüchtet. Auf Veranlassung Kaiser Ferdinands (1835-1848) wurde sie von einem Hofrat VON MAIER schon als kleines Mädchen adoptiert, da dessen Ehe kinderlos war. Sie wurde die HAUSERische Großmutter mütterlichseits, ein dunkler Typ mit einem nicht sehr freundlichen Wesen. Ihre Verschlossenheit rührte sicher aus den schweren Erlebnissen aus der Kindheit her. Ihre Enkel liebten sie nicht sonderlich.

Ihre Flucht im Kindesalter beschreibt folgende Geschichte: „Die Albanerin“

Ein Segelschiff lag im kleinen Hafen von Durazzo. Es wurde gerade mit Tabak­und Baumwollrollen beladen. Die Träger liefen eilig hin und her. Es war ein Handelsschiff der Venezianischen Schiffsgesellschaft und sollte die Waren nach Venedig bringen. Da näherte sich eine verschleierte Frau dem Hafen und hielt Ausschau; sie führte ein kleines, ungefähr zweijähriges Mädchen an der Hand.  Das Kind ließ seine großen, dunklen Augen ängstlich hin und her wandern. Es machte einen gedrückten Eindruck. Das Kind hatte auch allen Grund dazu: vor wenigen Tagen waren seine Eltern ermordet worden, und nur der Kinderfrau war es gelungen, mit der Kleinen dem Blutbad zu entkommen.

Vom 11. Jahrhundert an war Albanien, ein kleiner aus vielen Volksstämmen zusammengewürfelter Staat, abwechselnd von diesem oder jenem König regiert worden, und es herrschten oft Fehden zwischen den Stämmen - Blutrache war keine Seltenheit. Im Lexikon festgehalten ist aus dem 12. Jahrhundert als regierender Herrscher ein Alexios Kommenos, der gleichzeitig Griechischer Kaiser war. Zu Ende des 13. Jahrhunderts bis Mitte des 14. Jahrhunderts herrschte in Albanien König Serastus Alexius Thopia, der mit Irene Komena, einer Nachkommin der griechischen Kaiserfamilie, verheiratet war. Im Jahre 1344 wurde er ermordet.

Die große Stammbaumrolle, die in meinem Besitze ist, reicht auf ihn zurück. Eine Linie führt dann durch Heirat mit Lusignan (französischer Abstammung) zu Verwandten in Paris.

Das Leben in Albanien war seit wiederholten Einfällen der Türken nicht ungefährlich, besonders für Adelige und Andersgläubige. Daher wollte die Kinderfrau die Kleine zu diesen Verwandten nach Paris bringen. Da stand nun das arme, kleine Geschöpf ganz verlassen da - was nutzte ihm die hohe Abstammung!! Eine sehr lange und beschwerliche Reise lag noch vor ihr. Die Frau faßte die Kleine bei der Hand, schulterte den großen Sack - das ganze Gepäck - und näherte sich dem Schiff.

Der Segler nahm auch Passagiere mit. Nachdem die Frau beim Kapitän das Fahrgeld bezahlt hatte, wurde sie von einem Maat in die Kabine geführt. Diese war sehr bescheiden: Zwei Hängematten übereinander, ein fester Tisch mit zwei Sitzgelegenheiten, das war alles. "In ordine?" fragte der Maat. "Grazie, bene!" meinte die Frau, dann schloß sich die Kabinentür. Die Kleine hockte sich hin und fing zu weinen an. Es war ihr alles so fremd und neu! Die Kinderfrau legte die Arme um sie und meinte tröstend auf albanisch: "Sei ruhig, Kleines, es wird alles gut! Du wirst sehen, Elisabeta, wenn wir erst in Paris sind, dann wirst du es schön haben, bei deiner Tante!

Da hörten die beiden auf einmal das Abfahrtssignal des Seglers. Weithin ertönte es! Dann vernahmen sie das Arbeiten der Schiffsmannschaft, denn die Matrosen mußten zu den Rudern greifen, wenn Windstille herrschte. Die Handelsschiffe der venezianischen Kaufleute waren damals noch nicht mit Dampfmotoren versehen, um nicht vom Winde abhängig zu sein. Langsam ging es hinaus aus den kleinen Vorinseln des Hafens von Durazzo, und bald sahen Elisabeta und ihre Betreuerin das weite, glänzende Wasser! "Tetka", flüsterte die Kleine, "bitte, geh'n wir hinauf, herinnen ist's so eng!" "Gut", war die Antwort, "geh'n wir an Deck!"

Oben auf dem Deck war es ganz ruhig; ab und zu kam ein Matrose vorbei und lachte die Kleine an. Das Mädchen war durch die frische Brise bald wieder munter, ging an der Hand ihrer Tetka (Tante) auf der großen Plattform herum und blickte bewundernd zu den hohen Segelmasten empor. Dann setzten sie sich auf eine Kiste. Die Kinderfrau holte aus ihrer Tasche Obst und gab es der Kleinen. Zu Mittag läutete ein kleines Schiffsglöcklein, ein Matrose erschien und holte die beiden in die Kombüse, wo ein Eintopf auf sie wartete.

Bald war Elisabeta müde und wurde in der Kabine in ihre Hängematte gelegt. Tetka setzte sich zu ihr und hielt ihre Hand, bis sie eingeschlafen war. Dann versank die Frau in Gedanken und dachte mit Bangen an ihre Rückkehr nach Albanien, denn die Zukunft für sie war nicht rosig. Am besten, dachte sie, gehe ich zu meinen Verwandten in die Berge!

Als die Kleine fest schlief, ging sie an Deck und suchte den Kapitän auf. Dieser verstand ihre Landessprache und so erzählte sie ihm von dem großen Unglück und daß sie es für ihre Pflicht halte, das Kind nach Paris zu Frau Lusignan zu bringen. Sie selbst stammte aus den Bergen und war eher unbeholfen, so fragte sie den Kapitän um Rat. Damals reiste man per Postkutsche oder per Schiff. Die Kinderfrau hatte alles Geld, das sie im Hause vorgefunden hatte, mitgenommen. Es war in griechischer, albanischer, italienischer und französischer Währung. Der Kapitän war sehr nett und versprach, ihr nach Übergabe der Fracht in Venedig zu helfen.

Nach langer, aber ruhiger Fahrt kam das Schiff in Venedig an und ging dort vor Anker. Die zwei Passagiere konnten sich Zeit lassen, bis alles entladen war und der Kapitän die Papiere übergeben hatte. Dann warfen sich alle, auch die Matrosen, in Dress und gingen an Land; sie hatten Landurlaub. Nur ein Mann mußte als Wache an Deck bleiben. Elisabeta wurde herausgeputzt, und die beiden Reisenden machten sich bereit zum Aussteigen. Tetka sah noch einmal nach, ob sie alles bei sich hatte, da rief schon der Kapitän: "Pronto, Signora? Andiamo!" und nahm die Kleine bei der Hand, die sie ihm nur zögernd überließ. Hernach schaukelten sie mit einer Gondel durch einen breiten Kanal (wahrscheinlich war es der Canale Grande). Es war ein herrliches Erlebnis! Am Ende der Lagunen mußten sie dann zufuß gehen, bis sie vor der Postkutschenstation standen.

Dort übergab sie der Kapitän einem Postkutschenunternehmer, der ihm bekannt war, und der auch eine Gaststätte führte. Sie waren gut versorgt, und die Albanerin bedankte sich herzlich bei dem netten Kapitän. "Adio, mia cara piccola" rief er noch der Kleinen zu, dann verschluckte ihn die Nacht!

Ein neuer Abschnitt der Reise begann. "In vier Tagen werden wir in Genua sein. Von Genua müssen Sie mit dem Schiff nach Marseille fahren," sagte der Postkutscher. Die Verständigung war ein wenig schwierig, da Tetka nur einiges verstand, denn der Kutscher konnte nur französisch und italienisch sprechen. "lo farrei tutto per Lei!" meinte schließlich der Postkutscher.

Am frühen Morgen ging es los. Die Kutsche stand schon bereit, die Pferde stampften und schnaubten! Der Kutscher half der Kleinen und der Frau in den Wagen und sagte: "Pagare in Lire adesso!". Er nannte den Preis für die vier Reisetage. Nach Begleichung der Rechnung meinte er: "Un capitano a Genua e un buono amico per me, Io parlero con Lei! "

Die Kutsche fuhr los, dann hielt sie vor einem Geschäft. "Prende per mangiare qui", sagte er dann und zeigte mit dem Finger auf den Mund! Tetka nickte mit dem Kopf und stieg aus, um sich mit Eßwaren zu versorgen; sie kaufte Brot, Käse und Obst. Ihr Geldbeutel wurde immer dünner.

Endlich war es so weit; die Fahrt ging nun Verona zu. Die Gegend dort ist sehr fruchtbar. Links und rechts der schmalen Straße erstreckten sich langhin Weingärten, und die vollen Trauben versprachen eine reiche Weinernte. Am späten Nachmittag umfuhren sie Verona und dann hielt der Kutscher in einem Dorfe vor einem Postkutschengasthof, wo die Pferde eingestellt und versorgt wurden. Die Reisenden erfrischten sich in ihrem Zimmer und der Wirt brachte ihnen ein Getränk. Am nächsten Tag brachen sie wieder um sieben Uhr morgens auf, versorgt mit frischen Pferden, die lustig lostrabten. Die nächste Station war dann in einem Vorort von Mailand. Die Gegend hatte sich nicht sehr verändert, nur sah man schon in der Ferne die mächtigen Schweizer Berge. Da das Kind schon sehr müde war, zog sich die Kinderfrau mit ihrem Schützling bald zurück.

Für den nächsten Tag stand der schwerste Teil der Reise bevor. Am Nachmittag wurde die Gegend hügelig und es ging bald nur langsam aufwärts über die Ausläufer des Apennin. Auf halbem Wege wurde es schon dunkel und der Kutscher machte bei einem Landwirt Station, wo sie die Nacht verbrachten. Landschaftlich bot die Gegend einen einmaligen Anblick, für die Pferde aber war es eine mühsame Arbeit.

Als die Kutsche am darauffolgenden Morgen die Bergketten durchquert hatte, lag plötzlich die Bucht von Genua vor ihnen. Das in der Morgensonne glitzernde Meer grüßte aus der Ferne herüber und viele Schiffe rasteten im Hafen. Nachdem der Kutscher die Pferde in der Poststation versorgt hatte, machte er sich mit seinen Schützlingen auf, eine Schiffahrtsmöglichkeit nach Marseille zu finden. Er kannte dort viele Schiffseigner und Kapitäne, da er ja immer wieder Reisende in den Hafen brachte. Aber es war nicht so leicht, ein geeignetes Schiff zu bekommen.

So trennte man sich und der Kutscher ging allein auf Suche. Am Abend wollten sie sich wieder in der Poststation treffen. So verbrachte Tetka den Tag mit der Kleinen im schönen Hafen, wo es viel zu sehen gab, und sie erholten ihre von der langen Fahrt geräderten Glieder in der frischen Meeresluft.

Spät am Abend klopfte der Kutscher an Tetkas Zimmertür. Die Kleine schlief schon, aber die Frau war noch auf und öffnete die Tür. Der Kutscher trat ein und gab ihr einen Schein, auf dem der Name des Schiffes stand und die Zeit der Abfahrt.

"Tutto in ordine! " sagte er. Dann verabschiedete er sich, denn er mußte schon am frühen Morgen mit anderen Gästen zurückfahren. Das Schiff hieß "Marseille" und war ein Kohlefrachter aus Albanien. Es ging am nächsten Morgen von Anker. Als Tetka in der Früh an Bord kam, freute sie sich sehr, denn der Maat war ein Mann aus ihrer Heimat und sie konnte sich endlich einmal aussprechen. Er erklärte ihr dann in ihrer Muttersprache, wie sie vom Golf von Lyon am besten nach Paris gelangen könnten. Sie solle zuerst einen kleinen Flußtransporter auf dem Fluß Rhone, dann weiter ein Flußschiff auf der Saone nehmen, und zum Schluß auf der Marne per Schiff bis Paris fahren. Die Frachtschiffer nehmen gerne Leute mit, weil sie so etwas für sich dazuver­dienen. Außerdem käme die Reise mit den kleinen Schiffen viel billiger als eine Kutsche. Der Maat kannte sich in Frankreich gut aus, und Tetka war ihm für seine Hilfe sehr dankbar.

Auch der Kapitän war überaus nett; er verlangte gar nicht viel für die Fahrt und die beiden waren dann seine Gäste bei einem herrlichen Fischgericht. Das Kind war recht erschöpft von der langen Reise mit der Kutsche, war still und traurig und aß nur wenig. Leider wird die Weiterreise auf den Flüssen voraussichtlich zwei Wochen dauern, da die kleinen Schiffe immer wieder halten, Ladung aufnehmen und andernorts wieder abladen.

So hatte es der Maat dargestellt. Wie gerne wäre die Frau schon in Paris!! In Paris sollte sie dann mit der Pferdetramway fahren, denn Paris sei groß und sie könnte sich verlaufen! Im Hafen von Marseille angekommen fand der Maat einen Flußschiffer, der bereit war, die beiden mitzunehmen. Sein Arbeitsgebiet war nur die Rhone, aber er versprach, den beiden Flüchtlingen weiterzuhelfen.

Es war eine lange Fahrt durch hügeliges Land, am Rande der hohen Bergmassive, mit vielen Stationen verbunden, wo ab- und aufgeladen wurde, bis man endlich in die weite Ebene gelangte. Nach zwei Wochen Flußfahrt sahen sie endlich die Weltstadt Paris vor sich liegen. Aber dort erwartete sie nichts Gutes! Ganz Paris war in Aufstand, überall gärte es. Man war seines Lebens nicht mehr sicher, denn es war die Revolution ausgebrochen, die Julirevolution von 1830. Gestoßen und getrieben, dann wieder falsch gefahren, kamen sie endlich - teils mit Pferdetram, teils mit Kutsche - an das schwerersehnte Ziel. Tetka ging auch schon das Geld aus; sie hatte nur noch einige Franc.

Nun standen sie vor dem Haus der Familie Lusignan. Es war ein großes herrschaftliches Haus. Tetka betätigte den Messingknopf des Türklopfers. Ein Diener öffnete ihr. Als sie mit dem Kinde eintrat, bemerkte sie sogleich die große Aufregung, die hier herrschte. Diener liefen hin und her und trugen schon verschlossene Reisekoffer zur Haustüre. Da erschien die Dame des Hauses im Reisekostüm; ihre Miene war verängstigt, ihre Bewegungen hastig. "Was wollen Sie?" fragte sie auf Französisch. Da schob Tetka die Kleine vor und sagte: "Hier ist Elisabeta Lusignan, ihre Eltern ermordet, sie ganz allein. Ich sie Ihnen bringen!"

Die vornehme Dame stand wie versteinert da, wurde ganz blaß und fing zu weinen an. Dann schloß sie das arme Mädchen in die Arme und sagte: "Dann muß ich dich mitnehmen, armes Kleines! ". Sie fühlte sich in Paris ihres Lebens nicht mehr sicher, war schon im Aufbruch und wollte zu Bekannten nach Wien. Der Pöbel wütete in den Straßen, und daher war Eile geboten.

So fand die arme, kleine Elisabeta keine ruhige Bleibe in Paris und die schreckliche Wanderung ging wieder los! Frau Lusignan gab der Kinderfrau genügend Geld, um wieder nach Albanien zurückzufahren. Elisabeta warf sich in Tetkas Arme und wollte diese nicht fortlassen. Mit Gewalt mußte das Kind in die Kutsche gebracht werden, die schon vor dem Hause bereitstand. Nun lag nochmals eine lange Reise mit Kutsche und Schiff bis nach Wien vor ihr.

Das arme Kind verstand kein Wort Französisch und war total eingeschüchtert. Die Kutsche hatte Frau Lusignan bis Straßburg gemietet. Sie nahm ihre Zofe mit, die neben dem Kutscher Platz fand. Sie selbst setzte sich neben Elisabeta und versuchte, die Kleine zu trösten, die still vor sich hinweinte. Der Kutscher trieb die Pferde an, damit sie möglichst bald aus dem Stadtgebiet hinaus kamen, denn man wußte nicht, was einem in den Straßen von Paris derzeit zustoßen könnte! Nach der Grenze brachte sie eine deutsche Postkutsche über Stuttgart nach Regensburg, wo sie ein Donauschiff bestiegen. Die zweitägige Schiffahrt nach Wien bereitete der Kleinen endlich ein wenig Spaß und sie taute langsam auf. Wien sollte nun das Endziel sein!

Frau Lusignan blieb von der Revolte in Frankreich an für ein Jahr bei ihren Freunden in Wien. Die Kleine, die kein Wort Deutsch verstand, erhielt eine Erzieherin, die ihr das Notwendigste beibrachte.

Nach einem Jahr hatte sich die Lage in Paris ein wenig beruhigt und Frau Lusignan dachte ernstlich daran, wieder in die Heimat zurückzukehren. Aber - was sollte sie mit dem Kinde machen? Schweren Herzens gab sie das Kind in ein katholisches Waisenhaus, das gut geführt wurde, und hinterließ bei der Leiterin eine beträchtliche Geldsumme. Diese versprach ihr, nette Pflegeeltern für das Kind zu finden. Es dauerte nicht lange, so wurde Elisabeta von einem Hofrat Maier, der eine gute Position in der Regierung hatte, und dessen Ehe kinderlos war, adoptiert.

Endlich hatte das arme Wesen ein bleibendes gutes Zuhause. Aber sie blieb immer ein stilles, ruhiges Mädchen mit großen, dunklen, traurigen Augen.

Die Kinderfrau Tetka hieß Helen Ghika und war niemand anderes als die Großmutter des späteren Ehemannes von Elisabeta.

__________________________________________

Im Winter 1850 - Elisabeta war schon ein junges Fräulein von 24 (22) Jahren - lernte sie auf einem Ball den Großkaufmann Alfred Hauser kennen, der großen Gefallen an dem stillen Mädchen fand und bald bei der Familie Maier um ihre Hand anhielt. So wurde sie durch Verehelichung mit Alfred Hauser meine Urgroßmutter. Ich selbst kenne sie ja nur durch die Erzählungen meiner Mutter. Elisabeta gebar einen Sohn, den die Eltern auch Alfred nannten. Der Großkaufmann Hauser hatte die Niederlassung seines Großhandels in Wien und dortselbst eine geräumige Wohnung. Elisabeta hatte nun ein schönes Zuhause in sehr guten Verhältnissen, aber sonst wenig Glück!

In den 1870-er Jahren verstarb plötzlich ihr Mann, und der Sohn mußte schon in jungen Jahren das Unternehmen allein weiterführen. Dadurch hatte er viel im Ausland zu tun; vor allem reiste er oft nach Triest, wohin es von Wien aus bereits eine Bahnverbindung gab. Triest war damals eine blühende Handelsstadt von Österreich-Ungarn. Auf diese Weise sah Frau Hauser ihren Sohn nur selten; sie war viel allein.

Meine Urgroßmutter Hauser, die von ihren Enkeln mehr gefürchtet als geliebt wurde, lebte nach dem Verschwinden ihres Sohns Alfred ganz allein in Wien. Sie starb im Jahre 1899, als meine Mutter 19 Jahre zählte. Sie ging stolz und allein aus dem Leben, in dem sie wohl wenig Glück gehabt hatte! Die schreckliche Kindheit hatte sie zu dem geprägt, was sie als erwachsener Mensch geworden war.

Ing. Anton Alfred Hauser

mein Großvater (1853 - 1921),

war ein großer, dunkler, sehr schlanker und fescher Mann! Man sah ihm den albanischen Einschlag an. Ing. ANTON ALFRED HAUSER hatte meine Großmutter in WIEN auf einem Ball kennengelernt. Er versorgte auch das STALLNER-Geschäft mit Stoffen, vor allem mit Seide.

Nach seiner Verheiratung mit meiner Großmutter Maria STALLNER, mit der er fünf Kinder hatte, hatte ANTON ALFRED HAUSER das Geschäft in CILLI übernommen und war überdies am Großhandel, haupt-

 

Anton Alfred Hauser, ca, 1875

sächlich mit Textilien, seines Vaters ANTON HAUSER in WIEN beteiligt und deshalb viel auf Geschäftsreisen.

Er bewohnte zunächst mit seiner Familie eine Villa in WIEN. Da er oft von Wien abwesend war, und sich seine Frau mit ihrer Schwiegermutter Elisabeth nicht allzu gut verstand, zog seine Familie zu den mütterlichen Verwandten nach HOCHENEGG. Alfred Hauser kam oft unangemeldet auf kurze Zeit nach Hochenegg. Er nahm dann oft meine Mutter, die kleine Elfriede, die er besonders liebte, auf ein paar Tage mit sich fort auf Reisen. Wenn er von einer Geschäftsreise heimkam, nahm er dann "FRIEDL", unter großem Protest der Mutter, mit nach WIEN oder auf eine kleine Reise. Meine kleine, zarte Großmutter sorgte sich dann immer sehr um die beiden! Die letzte gemeinsame Reise war eine Venedigreise zu Friedas 19. Geburtstag. Bald danach, zu einer Zeit, zu der noch nicht alle seine Kinder erwachsen waren, kam er von einer Geschäftsreise nicht zurück und blieb verschollen.

Ich selbst lernte meinen Großvater nicht kennen, denn er galt schon vor meiner Geburt als "verschollen". Man hat nie erfahren können, wann und wo ihn das Schicksal ereilt hat. Es gab ja so viele politische Wirren in dieser Zeit! Er wurde dann 1921 für tot erklärt.

Ida WOKAUN-STALLNER

meine Großtante, (1858-1947)

heiratete schon in jungen Jahren den Gerichtshofadjunkten Dr. Emanuel Josef WOKAUN (*5.1.1850 in Cilli, +23.7.1896 nach schwerer Krankheit in Bad Neuhaus, Gymnasium in Cilli, ius-Studium in Graz, ab 1893 als Vertreter des Cillier Städtebeziks im Landtag) und lebte mit ihm in Graz, in der Glacistraße 53, wo sie eine geräumige Wohnung besaßen. Sie hatten zwei Söhne, den älteren Bernhard und den jüngeren, Alfie.

Nach dem Tode ihres Mannes weilte sie oft in Hochenegg. Dort lernte ich sie als liebe und lustige alte Dame kennen. Ihre beiden Söhne studierten beide Jus. Onkel Bernhard übernahm die Kanzlei seines Vaters (?) und heiratete spät. Onkel Alfie arbeitete im LEYKAM-Verlag und heiratete, bald nach meiner Mutter, seine um 9 Jahre ältere Kusine Elisabeth HAUSER, die Schwester meiner Mutter (Tante Lili). Sie lebten dann in der WOKAUN-Wohnung in GRAZ, während sich Tante Ida ganz nach Hochenegg zurückzog, wo inzwischen sowohl meine Großmutter Maria HAUSER (1936) als auch meine Großtante Tamina gestorben waren.

Tante Ida, Tante LILI und Onkel Alfie lebten ab dieser Zeit hauptsächlich in HOCHENEGG. 1942 mußte Onkel Bernhard und auch Onkel Alfie einrücken. Onkel Bernd kam nach Rußland, Onkel Alfie kämpfte in Italien. Onkel Bernd kam dann in russische Gefangenschaft, Onkel Alfie lag zu Ende des Krieges in einem deutschen Lazarett, wo er die Krankenschwester ELSBETH, seine spätere 2. Frau, kennenlernte.

Im Februar 1945, als alles zusammenbrach, kehrte er zurück. Da die Wohnung in Graz leer war, fuhr er nach CILLI und wurde in HOCHENEGG von Frau und Mutter freudigst begrüßt. In den ersten Tagen fand Alfie dann nicht den Mut, seiner Frau von ELSBETH zu erzählen.

Eines Abends, bald nach Alfies Ankunft, - es war Ende Februar- eine eisigkalte Nacht - Tante Ida, Lili und Alfie saßen im großen Wohnzimmer am runden Tisch und spielten Bridge, um die böse Zeit eine Weile zu vergessen, - da pochte es wild an die Haustüre. Die Hausmädchen waren schon zu Bett und Onkel Alfie stand auf, und ging in den Gang, um nachzusehen.

Als Onkel Alfie die Türe öffnete, stürzten zwei wilde Gestalten in Uniform auf ihn los, der eine schlug mit einer Pferdepeitsche zu und schrie in ausländischem Akzent: "Hundesohn, Deutsches Schwein, wo die andern!? Dann nahmen sie Alfie in ihre Mitte und drängten ins Zimmer. Als sie die beiden Frauen erblickten, sah der eine auf die Armbanduhr und rief: „Fünf Minuten- einpacken, -mitkommen! "Die Frauen stürzten ganz verstört in das Nebenzimmer, holten warme Kleidung und stopften das Notwendigste eilig in einen Koffer. Für mehr war nicht Zeit. Dann ging es per Laster zum Bahnhof, wo sie mit anderen armen Deutschen in einen Viehwaggon hineingepfercht wurden, unter ständigem Gebrüll und Geschrei der serbischen Banditen! Die meisten von den Vertriebenen hatten - so wie Tante IDA- sogar die jugoslawische Staatsbürgerschaft! Das nützte ihnen überhaupt nichts!! Der Viehwaggon fuhr mit einem Transportzug bis zur Grenze, dann wurde er umgekoppelt und die Vertriebenen in ein Lager nach Fürnitz bei Villach in Kärnten gebracht. Es war eine lange Fahrt bei eisiger Kälte! Es war Feber, bitterkalt, -20 Grad. Die arme, alte Frau wurde dann mit den anderen in das Lager FEFFERNITZ, in der Nähe von SPITTAL an der Drau gebracht. Nach zwei Tagen Aufenthalt im Lager, wo ein großes Durchei­nander und viel Aufregung auf alle zukam, rief Tante Lili bei uns in Klagenfurt an, und wir holten die arme, alte Tante IDA zu uns, wo sie die Dachkammer als Wohnung bekam (denn unser Haus war 1945 von den Engländern beschlagnahmt worden, aber wir durften drei Zimmer weiterbenutzen). Tante IDA bekam Fieber und hustete stark. Sie erholte sich in ihrem hohen Alter nicht mehr von dieser argen Strapaze. Ich mußte sie ins Krankenhaus einliefern, wo sie an einer Lungenentzündung starb. Am Friedhof ist ihr Sterbejahr mit 1947 angegeben. Mutter erhielt die schreckliche Nachricht von der Vertreibung unserer Verwandten aus Hochenegg. Großtante Ida, Tante Lili und Onkel Alfie, die zu dieser Zeit in Hochenegg weilten, waren von den serbischen Banditen, trotz jugoslawischer Staatsbürgerschaft, um Mitternacht bei eiskaltem Februarwetter mit der Hundepeitsche aus der Villa vertrieben worden. Sie hatten nicht einmal 5 Minuten Zeit, etwas mitzunehmen. Dann wurden sie bei fast 20 Grad Kälte in einem Viehwaggon nach Kärnten abgeschoben. Ich nahm die arme 87jährige Großtante bei mir in Klagenfurt auf. Sie hatte sich auf dem Transport eine Lungenentzündung geholt. Wir mußten sie dann in Spitalspflege geben, wo sie an den Folgen der schweren Erkältung starb.

Ihre beiden Söhne BERNHARD und ALFIE waren untergetaucht und verschollen. So waren meine Mutter und ich die einzigen Trauernden hinter dem Sarg. Später ließ Onkel Alfie ein schönes eisernes Kreuz aufstellen. Mutti und ich betreuten jahrelang Tante IDAs letzte Ruhestätte.

Bernhard und Alfie WOKAUN,

die beiden Söhne von Tante IDA

Onkel BERNHARD war der ältere Sohn aus der Ehe Tante IDAs mit dem Juristen Dr. Emanuel Joseph Wokaun, die seit ihrer Verheiratung in Graz in der Glacistraße wohnten. Er wuchs in Graz auf und studierte dann Jus. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er dessen Kanzlei (?). Onkel Bernhard betätigte sich auch politisch. Als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, mußte er bald einrük­ken und kam dann in russische Gefangen­schaft. Nach seiner Heimkehr tauchte er einige Jahre unter, und arbeitete in einem klei­nen Ort, in den Bergen, über Völkermarkt in Kärnten, bis sich die Lage in unserer Heimat beruhigt hatte. Später eröffnete er in Eibiswald eine Notariatskanzlei. In den Jahren seines dortigen Aufenthaltes lernte er eine lustige, junge Bauerstochter kennen, Emily mit Namen, die er dann auch ehelichte.

Onkel Bernhard war in seinem Aussehen seinem Vater ähnlich, hatte eine gedrungene breite Gestalt, sehr buschige Augenbrauen und dunkle Augen. Er und Alfie sahen sich überhaupt nicht ähn­lich! Wir besuchten ihn zweimal in Eibiswald. Später ließ sich Bernhard wieder in Graz nieder, übersiedelte mit Kind und Kegel und Kanzlei in seine Heimatstadt, wo er bis an sein Lebensende wirkte. Emily schenkte ihm zwei Mädchen und zwei Buben, darunter einen Gottfried. Er hatte in einem Grazer Randbe­zirk ein nettes Haus mit

(Ing.) Gottfried Wokaun

Garten als Heimstätte.

Ich selbst habe ihn seit Eibiswald nicht mehr gesehen. Als seine Todesnachricht kam, fuhr ich mit Josefine STIPEK, der Frau meines Halbbruders RICHARD, nach Graz, um Onkel BERNHARD auf seinem letzten Wege zu begleiten. Ich glaube, er hat es im Leben gut getroffen: Er war ein fröhlicher, lebensbejahender Mensch, hatte ein harmonisches Familienleben und auch eine Arbeit, die ihn befriedigte.

Onkel ALFIE (Alfred Maria Johann, geb. 21.7.1894 in Cilli) bekam, nachdem er sein Jusstudium beendet hatte, im Jahre 1924 eine Anstellung beim LEYKAM-Verlag. Er war ein feingliedriger, zarter Mann, mit einem schmalen Kopf; ein Gegensatz zu seinem Bruder. Er war ganz blond und hatte blaue Augen. Er war auch sehr empfindsam und nicht immer leicht zu behandeln. Im Jahre 1930 erschien sein Buch „Der Brandhofer und seine Hausfrau“ über Erzherzog Johann und Anna Plochl. Dieser Umstand gewinnt zusätzlich an Bedeutung, als die DROSG-Familie, der ich nun angehöre, mit Anna Plochl verwandt ist.

Seit Dezember 1941 war er Hauptmann in der Wehrmacht und in Italien eingerückt. Nach seiner Trennung von Tante LILI, heiratete er die Krankenschwester ELSBETH, die er im Lazarett kennen gelernt hatte, eine reiche deutsche Fabrikantentochter. Ihr Vater be­saß in der Nähe von Heidelberg eine Stofffabrik. Der jungen Braut wurde ihr Fabriksanteil ausbezahlt und Onkel ALFIE kaufte das schöne Schloß EMSLIEB bei SALZBURG, wo er bis zu seinem Tode (5.3. 1977) lebte. In der Zeit seiner Pension lebte nur seinem Hobby: Sammeln von alten Kunstschätzen. Seine Frau Elsbeth, die bedeutend jünger war als er, schenkte ihm zwei Söhne, ALEXANDER und FLORIAN, die ihm viel Freude bereiteten!

Moriz STALLNER,

*>1859-<1863, - >1918

Von Großonkel „Moksch", der auf slowenisch Morriss genannt wurde, weiß ich nicht viel, obwohl er eine bekannte Persönlichkeit war. Im Rahmen der Wahlwerbung zur steirischen Landtagswahl 1896 legte er als Landtagswerber in den Orten Hochenegg, Lichtenwald und Rann sein Programm dar. Dabei wird er als ganz unabhängiger Mann, weiters aber als Gutsbesitzer, als Fabriksbesitzer und Bürgermeister von Hochenegg eingeführt, als würdiger Nachfolger für den verstorbenen hochgeschätzten Dr. Emanuel Josef Wokaun (seinen Schwager). Außerdem stamme er von Lichtenwald und sei ein Cillier Kind.

In der ersten Februarhälfte 1898 beherbergte er den Komponisten Hugo Wolf auf zwei Wochen, der Erholung suchte, nachdem er eben aus einer Nervenheilanstalt in Wien III als von Syphilis „geheilt“ entlassen worden war.
Im Jahre 1910 wurde er dann in den steirischen Landtag gewählt, wo er bis zum Zusammenbruch im Jahre 1918 die deutschen Interessen kraftvoll vertreten hat. Im Jahr 1914 war er Landesausschußbeisitzer.

Ihn lernte ich nie kennen, da er schon gestorben war, als ich das erste Mal nach HOCHENEGG kam. Tante DOROTHEA führte mich einmal, als ich in HOCHE-NEGG zu Besuch weilte, in die unbewohnte Wohnung über dem Preßhaus und erzählte mir, daß hier einmal ihr Onkel "Moksch" gewohnt habe. Er hatte die Papierfabrik nach dem Tode seines Großvaters (?)(1868) geerbt und betrieben. Sie lag östlich von der Villa und man mußte eine Weile den Bach entlang wandern, der direkt zur Fabrik führte. Als ich in Hochenegg zu Besuch war, gab es längst keine Fabrik und keinen Großonkel mehr.

Männer waren auf Hochenegg überhaupt "klein" geschrieben. Mein Vater mokierte sich immer über die Hochenegger Weiberwirtschaft!

TEIL IV: DIE HAUSER-KINDER

Die Hauserkinder sind alle in Wien zur Welt gekommen.

1888: Frieda, Lili, Licy, Nachbarin, T. Ida, Paul, Dorothea

Die vier Hauser-Mädchen:

Dorothea, Frieda, Lili und Renata

 

Tante Dorothea HAUSER

meine Lieblingstante (25.7.1877-8.1.1946)

wurde in Graz geboren und zeigte schon als Mädchen ihre künstlerische Veran­lagung, weshalb sie nach dem Elementarunterricht die Kunstakademie in Wien besuchen durfte. In Graz war sie Schülerin von Professor Alfred von Schrott, in Mün-

Geburtshaus, nach eigenem Stich

chen von Wilhelm von Debschitz und in Dresden vom Meister der Lithographie Karl Mediz. Sie verbrachte die meiste Zeit ihrer jungen Jahre in Wien. Sie wohnte in der HAUSER-Villa und hatte in Wien ihren Freundeskreis. In Hochenegg war sie nur selten. Da sie schon in ihrer Studienzeit Kinderporträts malte, wurde sie bald bekannt und fand Zugang zu adeligen Kreisen und reichen Familien.

      Kam sie einmal nach Hochenegg, wohnte sie meistens abgesondert im Dachgeschoß und unterwarf sich nicht dem "Weiberregiment", wie sich mein Vater immer ausdrückte.

Von Onkel Moksch erbte sie ein Stück Grund, und baute um 1920 ein leerstehende Holzhäuschen, das einmal zur Papierfabrik gehört hatte, als ihr Malerhäuschen in ländlichem Stil mit einem umlaufenden Balkon aus. Haus und Garten versorgte immer, auch wenn sie fort war, ein netter Nachbar,

Haus in Steyr, Stich

genannt „Major Domus“.

Innen gab es ein großes helles Atelier, wo sie ihre Scherenschnitte, Drucke und Miniaturanhän­ger in schwarz-gold anfertigte. Auch Kinderbilder wurden Bildergebnis für "dorothea Hauser" vojnikauf Wunsch gemalt.

Häuschen von Tante Dorothea

Tante Dorothea verfertigte auch Kupferstiche und machte schöne Miniaturarbeiten in Gold.

Einen Kupferstich machte sie einmal von mir, als ich 10 Jahre alt und ich mit

Nichte Hanna Stipek, 1920

Mutter in Hochenegg auf Besuch war und dabei auch ihr Häuschen und vor allem ihre Arbeitsstätte besichtigen konnte. Dieses Bild hatte Mutter, als sie alt war und bei uns im zweiten Stock wohnte, in ihrem Zimmer hängen. Nach Mutters Tod schenkte ich es einmal meinem Sohn Manfred zu Weihnachten.

Nach Anschluss der Untersteiermark an Jugoslawien wurde sie auch jugoslawischer Staatsbürger, weshalb sie in Slowenien als slowenische Malerin gefeiert wird, auch wenn sie nicht slowenisch sprach. Slowenisiert heißt sie Doroteja.

Tante Dorothea stellte ihre Werke in Wien, 1921 in Agram (Zagreb) und Rotterdam, in Laibach und 1923 in Cilli aus. Sie hatte besonders in Agram viele Freunde und malte auch an der Kroatischen Küste Landschaftsbilder und machte Miniaturen. Ende 1927 bereitete sie eine Ausstellung in Split vor, die aus 50 Aquarellen, Silhouetten und Miniaturen bestand. In ihren Aquarellen stellte sie sich meist mit Meeresszenen in einer starken Color dar, und in den Miniaturen stellte sie zahlreiche heimische Menschen dar, unter denen sich auch der Bürgermeister Dr. Ivo Tartaglia befand.

Bildergebnis für "dorothea Hauser" vojnikBildergebnis für "dorothea Hauser" vojnik1927 in Split,

Eleonora Cicarelli Tartaglia und Bürgermeister Ivo Tartaglia

Tante Dorothea blieb ledig, hatte keine Kinder, und mich in ihr Herz geschlossen. Sie nannte mich immer "mein Mäuschen" und hat mir einmal ein bebildertes Notenheft mit Kinderliedern geschenkt, das ganz reizend war. Das erste Lied war: "Fuchs, du hast die Gans gestohlen". Ich konnte es gleich auf dem Klavier spielen. Leider ist das Liederbuch beim Siedeln verloren gegangen.

      Meine Tante hatte in Wien laufend Kontakt zur Familie WITTGENSTEIN, mit denen sie über ihre Tante Johanna verwandt war, und es verband sie eine tiefe Freundschaft mit Paul WITTGENSTEIN, des Bruders von Ludwig.

Obwohl Paul im Ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte, machte er als Pianist Karriere. Dessen Schwester lernte ich kennen, als ich wegen einer

Ludwig Wittgenstein

Mandeloperation in Wien war, und mich die Tante ins Palais führte, um mich ihrer Freundin vorzustellen. Leider habe ich den Namen vergessen. Das herrschaftliche Haus und dessen Herrin haben mich so beeindruckt, daß ich ganz verdattert war!

Bildergebnis für "dorothea Hauser" vojnik Bildergebnis für "dorothea Hauser" vojnik

Bei der Arbeit                                                                 1941

Ich hatte in meiner Jugend die Tante oft gesehen, da sie immer wieder meine Mutti besuchte. Nach meiner Heirat im Jahre 1936 habe ich den Kontakt mit ihr und Hochenegg überhaupt verloren.

      In der Nazizeit mußten die WITTGENSTEINs aus Wien fortziehen. Meine Tante lebte dann die meiste Zeit in Hochenegg und widmete sich ausschließlich ihrer Kunst. Dorothea war ein fortschrittlicher, ganz eigenartiger Mensch.

So ungewöhnlich wie ihr Leben war dann auch ihr Tod: Als nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg jugo­slawische Partisanen die deutschen Hochenegger, unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft, mit der Peitsche von daheim vertrieben, beging sie am 8.1.1946 Selbstmord, und ihr Häuschen verbrannte bis auf die Grundmauern. Viele ihrer Kunstwerke gingen verloren, und sie selbst fand dort ihre letzte Ruhestätte.

Tante Lili überbrachte uns diese entsetzliche Nachricht!!

Onkel Robert HAUSER

Da von ihm überhaupt nichts bekannt ist, ist er wohl noch als Kind gestorben. (Im Friedhof St. Leonhard in Graz wurde ein R.H., geb. und gest. 19.1.1879, begraben.)

Elisabeth Maria Anna WOKAUN-HAUSER

Tante Lili (6.4.1885-2.5.1952)

und meine Mutter ELFRIEDE hingen wie Kletten aneinander. Ihr Altersunterschied be­trug fünf Jahre, und sie waren ausgesprochene Gegensätze. LILI war etwas kleiner als meine

Lili als Walküre

Mutter und hatte schönes, gelocktes rotblondes Haar, das weit über die Knie reichte mit heller Haut und einem zarten Gesicht. Ich weiß dies von dem Foto, auf dem

Lili auf dem Weinbergl

sie als Walküre abgebildet ist. FRIEDL war ein ganz dunkler Typ, schwarzes Haar und dunkelbraune Augen. Sie unternahmen alles gemeinsam, waren immer lustig und voller Übermut, besonders im Fasching auf den Bällen in GRAZ und WIEN, und sie hatten zusammen immer eine fröhliche Zeit! (Es wird auch ihre Geburt am 1. 10. 1885 in Triest angeführt.)

Wenn die beiden jungen Damen in Graz bei Tante IDA zu Besuch waren, gab es immer eine große Hetz! Einmal verkleidete sich meine Mutter als Hauptmann von KÖPENICK und machte mit LILI Graz unsicher!

Die Hochenegger Mädchen hatten eine englische Erzieherin gehabt, die ihnen außer Englisch auch Sticken und Klavierspielen beigebracht hatte. Die damals übliche Erziehung junger Damen!

Aber das war den beiden fortschrittlichen Mädchen zu wenig. Nach der normalen Schulausbildung wollten sie eine landwirtschaftliche Schule in Amalienruh, in Deutschland, besuchen. Sie setzten ihren Willen durch und nach zwei Jahren Studiums der Landwirtschaft erhielten sie ihr Diplom. Beide konnten ihre Kenntnisse aus der Landwirtschaftsschule in ihrem späteren Leben sehr gut gebrauchen. Meine Mutter am Ranftlhof- Tante LILI in Hochenegg.

Amalienruh

Dann ging es wie üblich auf Urlaub ans Meer. Zuerst mit der Bahn nach Triest, wo beide bei der befreundeten Familie HENRIQUEZ Station machten. Ihre Freundin Jetty HENRIQUEZ schloß sich dann an, und alle drei fuhren mit der Kutsche nach Pola (heute Pula).

    Von da an begann ein neuer Lebensabschnitt für beide. Meine Mutter verliebte sich und heiratete den Kapitän Richard STIPEK, und Tante Lili blieb allein in Hochenegg zurück. Tante Lili verstand sich schon als ganz junges Mädchen mit ihrem Vetter Dr. Alfred WOKAUN, einem Sohn ihrer Tante Ida, sehr gut. Lili war die Starke, Beständige – Alfie ein sensibler, zarter Bursche. Da Tante LILI wenig anderen Kontakt hatte, und die jungen Damen mit ihren Vettern Bernhard und Alfie viel Freizeit verbrachten, verliebte sich Alfie in die leuchtende Walküre.

Am 27.2.1926 heirateten die beiden, obwohl Onkel ALFIE um 9 Jahre jünger war als seine Cousine. Sie lebten dann die meiste Zeit über in GRAZ, Glacisstraße 53 (oder 45?), wo auch Großtante IDA wohnte. Die Sommerzeit verbrachten sie oft in HOCHENEGG. Von Tante Lili hörte ich sehr lange nichts. Während des Zweiten Weltkrieges hatte ein jeder für sich selbst reichlich Probleme, beson­ders in der Bomben- und Endzeit. Zu Kriegsende kam dann aus dem Lager Feffernitz bei Feistritz der Anruf Tante Lilis. Mutter erhielt die schreckliche Nachricht von der Vertreibung unserer Verwandten aus Hochenegg. Großtante, Tante Lili und Onkel Alfie, die zu dieser Zeit in Hochenegg weilten, waren von den serbischen Banditen, trotz jugoslawischer Staatsbürgerschaft, um Mitternacht bei eiskaltem Winterwetter mit der Hundepeitsche aus der Villa vertrieben worden. Sie hatten nicht einmal 5 Minuten Zeit, etwas mitzunehmen. Dann wurden sie bei fast 20 Grad Kälte in einem Viehwaggon nach Kärnten abgeschoben. Ich nahm die arme 87jährige Großtante bei mir in Klagenfurt auf. Sie hatte sich auf dem Transport eine Lungenentzündung geholt. Wir mußten sie dann in Spitalspflege geben, wo sie an den Folgen der schweren Erkältung starb. Sie bekam nur ein Armengrab, das Mutter und ich lange Zeit pflegten. Ein eisernes Kreuz erinnerte an sie.

      Von Tante Lili und Onkel Alfie hörte ich lange Zeit nichts. Sie lebten dann in Graz, und Onkel Alfie arbeitete wieder beim LEYKAM-Verlag. Hochenegg war für alle für immer verloren!! Ich sah Tante Lili nie mehr wieder.

      Später erzählte mir Mutter, daß Alfie um die Scheidung gebeten hatte, da er seine Pflegerin aus dem Kriegslazarett heiraten wolle. Sie war viel jünger als Lili und sehr vermögend. Ihr Vater betrieb in der Nähe von HEIDELBERG eine Stoffabrik. Tante Lili willigte ein. Der jungen Braut wurde ihr Fabriksanteil ausbezahlt und Onkel Alfie kaufte das schöne Schloß Emslieb, Hellbrunner Allee 65 in Salzburg, wo ihm die junge Frau zwei Söhne schenkte, Alexander und Florian. Alfie war schon in Pension und lebte seinem Hobby, dem  Sammeln von alten Kunstschätzen.

Tante Lili wurde später sehr krank und starb 1952 im Krankenhaus in Graz. Mutter meinte: Wohl auch an gebrochenem Herzen. An sie erinnert eine Gedächtnisplakette in der Stallner-Gruft in Graz-St. Leonhard.

Onkel Dr. Paul HAUSER

(ca. 1884-1939)

war ein entzückendes kleines Kind mit großen dunklen Augen und einem blonden Lockenkopf.


Paul Hauser als Baby  -   als Kind

Bild Vorschau

 

Ex-Libris Dr. Paul Hauser
Stehender männlicher Akt mit Stab, zu Gebirge und Sonne am Horizont schauend
 132 x 84 mm
dreifarbige Lithographie (blau-gelb-gold-beige)
 im Druck signiert

 

    Er wurde als einziger überlebender männlicher Nachkomme von der ganzen Familie reichlich verwöhnt, mußte aber später schwere Schicksalsschläge überstehen. Bevor er sein Ius-Studium abschließen konnte, wurde er im Ersten Weltkrieg einberufen. Er wurde kriegsgetraut. Er wohnte in der Wiener Wohnung seines Vaters, der ja seit 1900 verschollen war, mit seiner jungen Frau, bis er nach Rußland einrücken mußte. Man hörte dann lange Zeit nichts von ihm, denn er geriet in russische Gefangenschaft. Nach Kriegsende kehrte er als Invalide zurück. Er hatte im Krieg (nahe der Stadt Sandomierz, Polen) das linke Auge verloren und war ein wortkarger, durch den Krieg gezeichneter Mann geworden. Onkel Paul war schon als Knabe ein eigenartiges, stilles Kind. Er soll nach Mutters Erzählung seiner Vorfahrin, der kleinen Albanerin, sehr ähnlich gesehen haben und war immer ein etwas schwieriger Charakter. Die Kriegsfolgen machten Onkel Paul zu einem stillen, vergrämten Menschen.

Die durch den Krieg so abrupt abgebrochene Ehe ging auseinander. Da er im Krieg ein Auge verloren hatte, konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Von der Invalidenrente allein konnte er auch nicht leben. Da half ihm sein Vetter ALFIE, der Sohn von Tante IDA liebevoll und verschaffte ihm bei der Verlagsfirma LEYKAM in Graz, in der Onkel ALFIE selbst eine gute Position hatte, im Außendienst eine Anstellung als Geldkassier. Die Wohnung in Wien wurde aufgelassen, und Onkel Paul zog ganz nach GRAZ, wo er einen Teil der Wokaunschen Wohnung für sich erhielt.

      Onkel Paul weilte einige Male zu Besuch auf dem Ranftlhof bei uns und ging dann die meiste Zeit mit meinem Vater auf die Jagd. Er tat mir sehr leid, aber als Kind konnte ich zu ihm keinen näheren Kontakt finden.

      Als ich im Alter von 19 Jahren (1929) einen zweijährigen Kurs für Säuglingspflege im Anna-Kinderspital unter Pfr. Hamburger in Graz absolvierte, holte er mich auch zu sich in seine Wohnung. Eines Abends schleppte er mich in ein Lokal, wo ich mit Todesverachtung meinen ersten Schnaps hinunterdrückte. Es war für mich ganz komisch, Musik im Hintergrund und eine Frau tanzte und zog sich langsam aus. Ich fühlte mich ganz fehl am Platze! Später, als ich noch nicht verheiratet war, besuchte ich ihn noch einmal. Er war sehr krank und wollte mich sprechen. Bei diesem Besuche erzählte mir die Lebensgeschichte der Albanerin, von seiner Hauser-Großmutter, die eine geborene albanische Adelige war. Er zeigte mir eine Ahnenrolle mit Wappen und las mir den Begleitbrief vor. Nach seinem Tode sollte ich als einzige Hausererbin die Ahnen­rolle von der ALBANERIN bekommen, die er von seinem Vater erhalten hatte. Damals lebte eine Frau Gusti Maier bei ihm, die ihn liebevoll versorgte. Sie pflegte ihn bis zu seinem Tode. Knapp vor seinem Tode 1939 hat er dann Frau Gusti Maier adoptiert, um ihr legal den Namen Hauser zu geben. Sie erbte dann Wohnung und Vermögen[2].

Als ich verheiratet und junge Mutter war, erhielt ich von ihm die zwei Meter lange Ahnenrolle, die bis ins Jahr 1274 zurückreicht, und erfuhr, daß Gusti MAIER eine Verwandte von Herrn Hofrat Alfred MAIER und dessen Frau Augusta war, der das arme Flüchtlingsmädchen aus Albanien Elisabeth LUSIGNAN - eine meiner Urgroßmütter mütterlicherseits - adoptiert hatte. So zieht das Schicksal seine Kreise! Was hatte der schreckliche Krieg aus dem fröhlichen kleinen Knaben gemacht!!

Tante Renata FABER-HAUSER

(ca. 1886 - ca.1950)

war die jüngste HAUSER-Tochter, das "Nesthäkchen". Sie kam zwei Jahre nach Onkel Paul auf die Welt, hatte die gleichen großen dunkelbraunen Augen wie ihr Bruder, war aber zart und klein wie die Mutter.

Tante Renata hatte eine große Vorliebe für Gartenkultur und betreute den großen Gemüsegarten mit den Aufzuchtbeeten und

Junge Renata mit Hund

das Glashaus. In meiner Erinnerung sehe ich sie stets in Gartenschürze und immer in Begleitung von zwei Spitz-Hunden. Sie wohnte im Oberstock des Nebenhauses.

Renata hatte sich in einen Vetter, Fritz KLEIN, aus einer entfernten NEISER-Familie stammend, unsterblich verliebt. Dieses Liebesverhältnis nahm aber kein gutes Ende, da dieser holde Jüngling sie sitzen ließ. Anscheinend konnte Renata dies nicht so leicht verkraften, denn sie blieb lange Zeit unvermählt.

      Nachdem sowohl Frieda als auch Lili geheiratet hatten und von Hochenegg weggezogen waren, blieb von der jüngeren Generation nur Renata übrig, um sich um das Anwesen und die alten Menschen in Hochenegg zu kümmern. So wurde das Geschäft in Cilli verpachtet.

Renata dürfte schon Mitte 40 gewesen sein, als sie den englischen Oberstleutnant Sidney O. Faber kennenlernte. Dieser war schon in

 

Schloß Sternstein

Pension. Er lebte zusammen mit seiner Mutter, einer strengen, stattlichen und trotz ihres Alters schönen Burgfrau auf Schloß STERNSTEIN (Frankolovo)

Oberstleutnant Faber[3] kam oft zu Besuch nach Hochenegg, und dann gab es so wie in früheren Zeiten Bridgepartien am Abend. Oberstleutnant FABER war ein Kavalier alter Schule und es entwickelte sich eine gute Freundschaft, bis er

 

Sidney und Renata 1933

dann, eines Tages um Renatas Hand anhielt. Mutter und ich wurden zur Hochzeit eingeladen. Meine Mutter sagte zu mir: "Du, Hannerl, wir sind zur Hochzeit von Tante Renata eingeladen!" Zwei Tage später fuhren wir nach Cilli und wurden dort abgeholt. Mutter erzählte mir auf der Fahrt, wie es zu dieser Hochzeit kam: Frau FABERs Sohn, Sidney O. FABER, hatte im Ersten Weltkrieg als Oberstleutnant in einem englischen Regiment gedient hatte. Mutter und Sohn lebten im Schloß Sternstein, und Sidney lernte die Hochenegger Familie kennen und spielte oft mit den alten Damen Bridge. So entwickelte sich eine Freundschaft zu Renata, die den Heiratsantrag zur Folge hatte.

SLOWENIEN , SCHLOß STERNSTEIN , STRACIZA , FRANKOLOVO 1907, image 1

Ich freute mich schon auf diese Abwechslung! Schloß Sternstein war schon damals ein altes Gebäude, ringsum mit Efeu bewachsen und zwei Türmchen, m Vordergrund  über eine lange Terrasse zu betreten. Durch eine breite Pergola gelangte man in den hinteren Eingang, der in die Küche führte. In dieser Pergola wurden dann die Tische für das

Renata mit Sidneys Hund

Hochzeitsessen aufgestellt. Ich half eifrigst beim Schmücken der Tafeln. Da es beginnender Sommer war, gab es reichlich Blumenschmuck. Die stattliche Schloßfrau gab strenge Anordnungen, und alle liefen eiligst hin und her. Auch ich hatte mit meinen 20 Jahren großen Respekt vor ihr. Nach der Trauung in der kleinen Kirche im Orte Hochenegg, kam dann das Festessen im Garten unter der Pergola. Das Brautpaar war schon im Reisekostüm, da die Frischvermählten gleich nach der Tafel nach Venedig fuhren.

Sidney war zwar bedeutend älter als Renata, aber ein reizender und gütiger Mensch. So ist Tante Renata endlich glücklich geworden. Sidney und Renata lebten dann zusammen in Hochenegg. Viel später, als ich schon verheiratet war und Kinder hatte, erfuhr ich zu meinem Entsetzen, daß Tante Renata in einer Grazer Irrenanstalt an einem Gehirntumor gestorben sei. Sidney soll nach dem Tod seiner Mutter nach England zu Verwandten gezogen sein.

Das stolze Schloß, einst hoch und hehr,

Steht als Gemäuer heut wohl leer?

Und in dem hohen Turmgehäuse

Da flattern dunkle Fledermäuse!

Elfriede Hermine Maria STIPEK-HAUSER

* 4. Sept. 1880, + 2. 4. 1969

meine Mutter kam am 4. 9. 1880 in Wien IV, Alleegasse 31 zur Welt, wurde am 15. September getauft (Taufpatin war ihre Tante Hermine) und starb am 2. April 1968 in unserem Hause in Klagenfurt. Sie wurde Frieda genannt.

i. Lebensabschnitt

Jugend.

Meine Mutter war für damalige Zeiten recht sportlich veranlagt und in ihrer Jugend ein fröhlicher Mensch. Vor allem war sie eine gute Schwimmerin und Wasserspringerin; letzteres war bei weiblichen Personen damals kaum üblich! Sie

 

Alfred und Frieda, ca, 1882

liebte das Meer sehr, und ein Teil der Familie STALLNER-HAUSER war jedes Jahr entweder in Triest oder Pola auf Badeurlaub.

Friedl war der Liebling ihres Vaters. Sie war groß, schlank und dunkel, wie die HAUSER-Ahnen. In ihrem Wesen war sie eher verschlossen und kühl, unnahbar und stolz.

So habe ich sie auch als Kind gesehen, und ich konnte mich ihr auch nicht anvertrauen, wenn mich etwas bewegte. Immer stand mein Vater wie eine eiserne Wand dazwischen.

      Nur zu Weihnachen, wenn die Tanne in der Hallennische stand und die Kerzen hell aufstrahlten, durfte ich bei ihr auf dem Schoße sitzen. An Umarmungen und Liebkosungen kann ich mich nicht mehr erinnern. Einmal hatte ich sie angelogen und bekam dafür eine kräftige Ohrfeige! Die einzige, aber die werde ich nie vergessen!

Meine Mutter erzählte mir als Einzige einiges von Großvater. FRIEDL, meine Mutter, war seine Lieblingstochter. Wenn er von einer Geschäftsreise nach Hochenegg kam, nahm er dann FRIEDL, unter großem Protest der Mutter, mit nach WIEN oder auf eine kleine Reise.

Nach der höheren Töchterschule in Graz lebte Frieda mit ihrer Schwester in Hochenegg. Zum 19. Geburtstag seiner Lieblingstochter Elfriede kam Alfred , wie immer -unangemeldet- auf Besuch nach Hochenegg. Er blieb ein paar Tage dort, um mit der Familie den Geburtstag meiner Mutter zu feiern. Nachdem dieser Tag, wie üblich, mit einer ganz großen Torte gefeiert worden war, kam die Überraschung: „Na, rate mal, Friedl", meinte ihr Vater. „Keine Ahnung, Papa", erwiderte Friedl. „Du wirst von Triest mit mir per Schiff nach Venedig fahren, ich hab' dort zu tun." „Fein!“ rief sie, sprang hoch und umarmte ihren Papa. Meine Mutter liebte das Meer sehr. Überdies war das Leben in Hochenegg für junge Damen ziemlich eintönig.

Maria HAUSER, meine Großmutter war natürlich überstimmt, und so ging am nächsten Tag die Reise los. Zuerst mit der Bahn bis Triest, dann kam die schöne Schiffsfahrt bis Venedig. Dort sah meine Mutter zum ersten Mal den berühmten Markus-Platz mit Dogenpalast und Markuskirche - und machte eine stimmungsvolle Gondelfahrt durch den Canale Grande mit ihrem geliebten Papa! Als ihr Vater sie zurückgebracht hatte, gab es viel zu erzählen.

Am liebsten war sie mit ihrer jüngeren Schwester LILI zusammen, mit der eine enge geschwisterliche Verbundenheit bestand. Die HOCHENEGGer Mädchen hatten zur Volkschulzeit eine englische Erzieherin namens Conny gehabt, die ihnen außer Englisch auch Sticken und Klavierspielen beigebracht hatte - die damals übliche Erziehung junger Damen! Anschließend besuchte Frieda die höhere Töchterschule in Graz. Wie ich mich erinnere, wurde bei Tisch von den Erwachsenen meist englisch gesprochen, was uns Kindern oft Ärger bereitete. Der Abend wurde vielfach mit Bridgespiel verbracht.

Das einfache Leben in Hochenegg war den beiden fortschrittlichen Mädchen zu wenig. Sie wollten die landwirtschaftliche Schule in AMALIENRUH, bei Meiningen in Deutschland, besuchen. Es kostete die beiden Mädchen eine große Durchsetzungskraft, um von ihrer Mutter hiefür die Erlaubnis zu bekommen, denn dieses Ansinnen von Frieda und Lili war gar nicht standesgemäß.

Aus dieser Zeit ist auch die Glückwunschkarte an Tante Ida, die Frieda mit ihrer Stoffpuppe Tschitsch zeigt.

Die Braut mit Trauzeugen

Nach zwei Jahren Studium der Landwirtschaft (1906-1908) erhielten sie ihr Diplom. Diese Kenntnisse konnte meine Mutter in ihrem späteren Leben, auf dem Ranftlhof, sehr gut gebrauchen. Zurück aus Amalienruh fuhren beide in den Urlaub ans Meer: zuerst mit der Bahn nach Triest, wo sie bei der befreundeten Familie Henriquez Station machten. Ihre Freundin Henriette (JETTY) HENRIQUEZ schloß sich dann an, und alle drei fuhren mit der Kutsche nach Pola. Dort lernte sie den jungen Linienschiffleut­nant (Kapitän) Richard

STIPEK kennen. Er war in ganz POLA als Sonderling bekannt und verliebte sich sofort in meine Mutter. Er machte ihr schon während des Urlaubes einen Heiratsantrag, Mutter sagte "Ja", und beide wollten bald heiraten.

Mein Vater kam dann im Herbst zum ersten Mal nach Hochenegg, um seine Werbung vorzubringen, fand aber nur entsetzte Damen vor, als sie erfuhren, daß mein Vater aus der Kirche ausgetreten war und keine kirchliche Trauung stattfinden sollte. Überdies gefiel ihnen der zweifache Weltumsegler nicht sonderlich. Ich glaube, er war ihnen zu wenig "fein"!

      Friedas Vater Anton Alfred HAUSER war zu dieser Zeit schon seit Jahren verschollen – von einer Handelsreise in den Osten nicht zurückgekommen.

So heirateten die beiden ohne Zustimmung der Familie auf dem Standesamt. Trauzeugen waren zwei Vettern des Kapitäns: Dolar und Rickl STIPEK.

Von da an trennten sich die Wege der beiden jungen Frauen. Meine Mutter zog nach Pola, und Tante LILI blieb in HOCHENEGG.

Ii. Lebensabschnitt

Pola

      Die ersten zwei Ehejahre verbrachten meine Eltern in Pola, in der Villa Olga. Dort kam ich dann am Sonntag, dem 12. 3. 1910, vormittags auf die Welt. Leider konnte Mutter mich nicht stillen, und ich bekam von der Eselsmilch so einen Durchfall, daß mich der Arzt schon aufgab. Eine Istrianerin, die ihr Kind schon das zweite Jahr stillte, nahm mich dann an die Brust und rettete mir so das Leben. Es gab damals noch keine künstliche Babynahrung. Sicher war das eine schwere Zeit für Mutter!

Villa Olga in Pola, 1959

      Als Vater wieder einen Malariaanfall bekam - er hatte sich diese Krankheit auf einer seiner Weltumsegelungen geholt (diese Krankheit war damals nicht heilbar) und die Anfälle sich öfters wiederholten – beschloß er, bei der Admiralität um Frühpensionierung anzusuchen, die ihm dann gewährt wurde.

      Er war bei seinen Vorgesetzen ohnehin nicht gut angeschrieben. Erstens weil er konfessionslos war und sich weigerte, den Eid auf die Bibel zu leisten, und er überdies wegen Gehorsamsverweigerung schon einen Zimmerarrest von drei Monaten hinter sich hatte. In dieser Zeit stellte er eine ganze Zimmereinrichtung mit Brandmalerei fertig, die ich dann in meiner Jugendzeit bewundern konnte. Es waren Motive aus der Ritterzeit mit Burgfräulein und Falken. – Jetzt bin ich aber abgeschweift!

      Also Mutter, die ja Landwirtschaft studiert hatte, und ihr Kapitän kamen überein, die Villa zu verkaufen und sich ein passendes Landgut in der Steiermark oder in Kärnten zu suchen. Vater war damals sehr vermögend. Er hatte von seiner verstorbenen ersten Frau, einer sehr reichen Griechin, einige Häuser in Triest geerbt. So waren durch deren Verkauf genügend Geldmittel da.

      Nach einer kurzen Station in Radkersburg in der Steiermark kaufte Vater den Ranftlhof bei St. Veit an der Glan. Nun begann ein neuer Lebensabschnitt für meine Eltern. Für beide kein leichter.

IIi. Lebensabschnitt

Neubeginn auf dem Ranftlhof

      Da dort zwei alte Damen gehaust hatten, war alles im Haus in desolatem Zustand. Vor allem gab es nur ein Plumpsklo und eine ganz schlechte Wasserversorgung. Es mußte so viel gerichtet werden!

Dann kam das zweite Kind, der vom Vater so gewünschte Knabe Fritzi, der aber einen Herzfehler hatte und mit acht Monaten starb. Ein harter Schicksalsschlag für Mutter. Dazu gab es dann noch Schwierigkeiten mit der Bestattung, da er ein Heidenkind war. In einem Winkel des Friedhofes, der mit Thujen bewachsen war, habe ich als kleines Kind mit Mut-

 

Hanna auf dem Ranftlhof, 1912

ter dann das Gräblein gepflegt.

Iv. Lebensabschnitt

1914 – 1929

Erster Weltkrieg

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als der Landbriefträger die Post brachte. Die Eltern standen vor dem Haupteingang des Hauses im Hof, ich spielte in der Nähe. Da hörte ich die entsetzten Ausrufe der Eltern und sah ihre verzweifelten Antlitze. Ich fühlte auch als kleines Kind, es mußte etwas Schreckliches geschehen sein. Der Thronfolger, Erzherzog Franz Ferdinand, und seine Gattin Sophie sind in Sarajewo ermordet worden!

         Als als Folge der Erste Weltkrieg begann, mußte Vater einrücken. Bevor er sich in Pola zum Einsatz meldete, adoptierte er seinen sechsjährigen Sohn Richard, den er aus der Witwerzeit mit

 

Hanna 1914

einem Stubenmädchen hatte, und mit dem ich mich dann gut vertrug. Da Mutter nach einer Fehlgeburt keine Kinder mehr bekommen konnte, wollte er unbedingt für alle Fälle einen männlichen Nachkommen haben. Dieser Schritt löste größte Unstimmigkeiten bei Mutters Verwandten aus, und sie selbst litt sehr darunter, daß der persönliche Kontakt mit Hochenegg eine ganze Weile unterbunden war. So war sie lange auf sich allein gestellt und hatte die geamte Verantwortung für das ganze Gut.

      Als auch noch die beiden Knechte zum Kriegsdienst eingezogen wurden, hat sie sogar eigenhändig gepflügt und mit der Sämaschine das Getreide ausgesät. Vater kam ja nur selten auf Urlaub. Sie hat sich sehr geplagt und abgerackert!

      Erst nachdem uns zwei Kriegsgefangene aus Weißrußland zugewiesen worden waren, ging alles bedeutend besser. "Alexander" versorgte die Felder und "Friedrich" den Stall. Beide hatten daheim eine Landwirtschaft und waren sehr tüchtig und anständig. Wir Kinder liebten sie ganz besonders. Mutter atmete auf, und der Betrieb ging gut. Da wir alles selbst erzeugten, gab es nie einen Engpaß in der Ernährung. Viele Stadtmenschen dagegen wurden zu Ende des Krieges vom Hunger geplagt.

Der Zusammenbruch

      1918 ging der Erste Weltkrieg verloren und Vater kam heim. Als alles verloren und zusammengebrochen war, wankte eines Tages ein abgemagerter, zerlumpter Mann auf unserem Fahrweg dem großen Tore zu, das den Auslauf der Truthühner verschloß. Wir Kinder spielten dort. Richard und ich sahen ihn herankommen und liefen neugierig hinaus auf den Fahrweg, um zu sehen, wer da kommt! Wir starrten ihn an. "Was? Werdet ihr euren Vater nicht begrüßen?" meinte er. Der Mann war uns fremd, wir erkannten ihn nicht, so schrecklich sah er aus!!

      Da er durch seine Erlebnisse der letzten Zeit mit den Nerven vollkommen fertig war und sich von den Erlebnissen der letzten Kriegszeit (der Pöbel prügelte die heimkehrenden Soldaten) erst erholen mußte, verpachtete er den landwirtschaftlichen Betrieb zunächst an den Sohn eines Nachbarn, Max RUSSLING, bis 1925.

      Mutter hatte sich durch die Überarbeitung während des Krieges eine Herzmuskelvergrößerung geholt und bekam deshalb oft Herzanfälle. Vater war auch seelisch ganz zerstört und schwer zu behandeln. Mutter hatte es solange nicht leicht, bis sich Vater wieder erholt hatte.

Die Erste Republik

      Nach und nach kam im Lande alles wieder in Ordnung und meine Eltern erholten sich wieder. Da ich nach meiner Matura (Gymnasium und Lehrerbil­dungsanstalt) keine Anstel­lung erhielt (wohl wegen meiner Konfessionslosig­keit), absolvierte ich im

Hanna 1928

Kinderspital in Graz einen Säuglingspflegekurs und leb­te danach, bis zu meiner Eheschließung, zusammen mit meinen Eltern. Ich half mei­ner Mutter im Herrenhaus und Garten, die von der Pacht ausgenommen waren. Vater kaufte einen Kleinwagen aus Deutschland mit Namen DIXI, mit dem die Eltern Reisen unternahmen. So besuchte er auch seine Schwester Minka in Karlsruhe, Deutschland. Überdies seinen Bruder Theodor, der in Dresden in der Chlorodontfabrik eine gehobene Position hatte. In dieser Zeit erholte sich Mutter sichtlich. Sie besuchten auch die Verwandten in CILLI, und hatten auch Kontakt mit den Nachbarn, Kapitän STENNER und Major SCHREINER.

      Von 1925 – 1930 übernahm die Pacht der Landwirtschaft eine Familie KOHLWEISS. Außer dem Ehepaar gab es noch drei erwachsene Söhne, die neben der Landwirtschaft noch für eine Holzfirma "fuhrwerkten" und so ein gutes Auslangen hatten.

V. Lebensabschnitt

1930 - 1938

      1929 war mein Stiefbruder Richard aus Hamburg zurückgekehrt. Er hatte mit einigen Schwierigkeiten den kleinen Ingenieur geschafft und fuhr dann von Hamburg aus auf Handelsschiffen in der Welt herum. Er arbeitete als Maschinist im Maschinenraum.

      Richard kam heim, kurz bevor die Pacht mit KOHLWEISS auslief. Weil wir beide keine Beschäftigung hatten und das Landleben sehr liebten, beschlossen wir, die Pacht des Ranftlhofes zu übernehmen. Da die Eltern auch einverstanden waren, gingen wir mit Eifer daran, diese Aufgabe bestens zu erfüllen. Ich betrieb vor allem die Hühnerzucht im Großen (worüber Vater immer stichelte!). Beim Bestellen des Gartens ging mir Mutter an die Hand. Auch das Fleischeinpöckeln, Selchen und Brotbacken lernte ich von ihr. Die Aufsicht über den Pferde- und Rinderstall und die Bebauung der Felder hatte Richard über. Der Schweinestall und Hühnerstall waren mein Revier.

      Mir bereitete die Arbeit auf dem Landgut große Freude. Doch das Zusammenleben war etwas getrübt, da Vater an der Arbeit meines Bruders ständig etwas auszusetzen hatte. Es konnte keine Harmonie entstehen.

      So verließ ich 1936 den Ranftlhof und heiratete meinen Schulfreund Dr. Stefan DROSG in Klagenfurt, wo ich auch heute noch lebe.

VI. Lebensabschnitt

Nach meiner Verheiratung, 20.Juli 1936, führte Richard jun. mit einer Wirtschafterin den Betrieb eine Weile allein weiter. Er verließ den Hof im Jahre 1938. Er fand in seinem technischen Beruf eine gute Anstellung, heiratete später die Bauerstochter Josephine Stromberger aus Waggendorf bei Sörg, wo er sich dann ein Haus baute. Mein Stiefbruder erreichte ein hohes Alter, 85 Jahre. Er ist am

27.3.1993 gestorben. Seine Frau Josephine überlebte ihn um einige Jahre.

      So mußten sich die Eltern wieder allein um das Gut kümmern. Dies war beiden altersmäßig schon zu anstrengend, und Vater beschloß, den Hof zu verkaufen. Inzwischen war (in der Hitlerzeit) der Ranftlhof zum „Erbhof“ erklärt worden und nicht mein Bruder, sondern ich war die Erbin, wodurch die Entfremdung mit meinem Bruder vollständig wurde.

      Meine Mutter litt sehr darunter, daß sie mit ihrem einzigen Kind gar keinen Kontakt mehr hatte. So versuchte sie zwischen Vater und mir wieder Frieden zu stiften, denn er trug die Hauptschuld, daß ich den Ranftlhof 1936 fluchtartig für immer verlassen hatte. Überdies war im Februar 1938 mein erster Sohn zur Welt gekommen, und Mutter hatte ihren ersten Enkel nicht einmal gesehen.

      Wegen meiner Erbberechtigung brauchte Vater für den Verkauf des Ranftlhofs eine Verzichtserklärung von mir. Nachdem ich diese abgegeben hatte, verkaufte Vater den Ranftlhof an eine Klagenfurter Geschäftsfrau, später kam dieser in den Besitz von Herrn KNAUS – so auch der Kölnhof des Landesverwesers Dr. LEMISCH. Jetzt ist
wieder Leben auf ihm entstanden. Der Turnierreiter DÖRFLER hat ihn erworben und viele Pferde tummeln sich nun auf dem Ranftlhof.

VII. Lebensabschnitt

Bodensee

      Vom Erlös des Ranftlhofes kaufte Vater eine Villa in Radolfszell am Bodensee und die Villa Jergitsch in Klagenfurt. Letztere stellte er mir und meinem Mann für unser Schülerheim zur Verfügung.

Villa in Radolfszell

      Mutter fühlte sich am Bodensee gar nicht wohl. Sie litt auch gesundheitlich, denn das Klima war nicht gut für sie, und auch sonst fand sie kaum Kontakt. Ich besuchte

sie zweimal mit meinem Sohn Otto, obwohl ich schwer vom Betrieb fernbleiben konnte, da wir auch Sommergäste beherbergten.

VIIi. Lebensabschnitt

Veldeser See

      Als die im Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete nach der Okkupation durch Hitler wieder an Österreich gekommen waren, konnte man über den Staat billige Villen am Veldeser See erwerben. Da schrieb mir Vater, ich solle für ihn eine nette Villa kaufen, die in der Nähe des Sees läge. Das klappte auch, und Mutter mußte noch einmal eine Übersiedlung mitmachen! Es sollte nicht die letzte sein! Wenn auch die Villa weniger Bequemlich-keiten als die in Radolfszell hatte, die Lage war einmalig, und ich konnte Mutter öfters mit den Kindern besuchen.

Zu Weihnachten kamen dann die Eltern zu uns. Es stand immer ein Zimmer für sie bereit.

Diese letzte Übersiedlung meiner Mutter glich dann einer Flucht. Der Zweite Weltkrieg schien verloren, alle Öster­reicher, die sich am Veldeser See angesiedelt hatten, verließen auf

Haus in Veldes

vollbepackten LKWs die Gegend, nur nicht Vater, der Sturschädel, obwohl er gewarnt worden war. So blieb alle Habe unten, bis auf Kleinigkeiten, die Mutter dann im letzten Moment bei einem Tieffliegerangriff in Koffern nach Klagenfurt schaffte.[4]


IX. Lebensabschnitt

Endstation

Mein Zuhause in Klagenfurt, Ferdinand-Jergitsch-Straße 9, wo ich auch jetzt mit meinen

 

Villa Jergitsch

bald 90 Jahren lebe, war die Endstation für Mutter und Vater geworden. In der Mansarde bewohnten sie ein mittelgroßes Zimmer, das zugleich auch als Schlafraum diente, und sie hatten gleich daneben ein eigenes WC. Beide hielten sich viel im Garten auf und gingen auch spazieren. Vater mied nach Möglichkeit ein Zusammentreffen mit meinem Mann, was nicht schwierig war, denn mein Mann war krankheitshalber ans Haus gefesselt. So war der Kontakt mit meiner Familie, die im ersten Stock hauste, sehr eingeschränkt.

      In der schlimmen Nachkriegszeit (1945-1948) hatten wir alle schwer um Verpflegung zu kämpfen. Fast das ganze Haus war von den Engländern beschlagnahmt, der Betrieb lahmgelegt. Mutter stahl einmal bei den Baracken der Besatzern Fleischreste für Vaters armen Hund Fixl und wurde dabei erwischt. Daraufhin mußte Fixl, da es gar nichts mehr zum Fressen gab, eingeschläfert werden. Ich arbeitete für die Besatzung, die hier wohnte und erhielt dafür Essen für die Kinder und alte Monturen zum Umarbeiten. Ich schaffte mir Hennen und Kaninchen an und baute auch in den verlassenen Gärten von zwei beschlagnahmten Nachbarvillen Gemüse an.

Die Eltern lebten zurückgezo­gen und sehr bescheiden. Eine der wenigen Unterhaltungen waren Tarockrunden, z. B. mit Kapitän Meusburger, der in der Nähe wohnte. Nach dessen Tod wurde diese Lücke dadurch gefüllt, daß die achtjährige Enkelin Dietlind und der neunjährige

 

Frieda mit Mann, ca. 1949

Enkel Manfred zum Tarockieren „abgerichtet“ wurden. Daraufhin gab es regelmäßige, mehrstündige „Königsrufer“-Runden, in denen Vater zum Mißfallen meiner Mutter den Kindern auch leicht anrüchige Aussprüche aus seiner Militärzeit beibrachte, wie „Mit vollen Hosen ist leicht Stinken“ anläßlich eines Valats.

In den ersten Stock „verirrte“ sich Mutter meistens nur an-läßlich von Krankheiten ihrer Enkel. Zu solchen Anlässen las sie aus einem besonderen schönen, blauen Grimmschen Märchenbuch vor. Auch half sie manchmal bei kleineren Näharbeiten aus.

Da die Eltern anspruchslos waren und durch Vaters Pension finanziell abgesichert waren, konnten sie in Notfällen einspringen, wie bei der Bezahlung der Blinddarmoperation des Enkels Manfred.

 

Frieda 1950

      Nach Abzug der Besatzungsmacht normalisierte sich nach und nach alles. In den 50iger Jahren ging es dann wieder aufwärts. Die Verpflegung der Eltern übernahm zum Teil ich, da ohnehin für die eigene Familie und die Kinder im Internat gekocht werden mußte. Mutter kümmerte sich nur um Vater.

      1954 erlitt mein Vater drei Schlaganfälle knapp hintereinander. Mutter pflegte ihn zuerst aufopfernd zuhause, dann wurde er im Sanatorium Maria HILF untergebracht. Mutter blieb die ganze letzte Zeit bei ihm, Tag und Nacht. Nach dem dritten Schlaganfall konnte er nicht mehr sprechen. Mutter verlangte mich am Telefon: die geistlichen Schwestern wünschten, der Pfarrer möge kommen. Was sollte sie tun? Ich rief den damaligen evangelischen Pfarrer Erich PECHEL an, den wir von St. Veit an der Glan her gut kannten – ich war mit seinem Sohn durch die Schulzeit befreundet. Er war so lieb und hat mir den Wunsch erfüllt und Vater den letzten Segen erteilt.

      Ich ging dann ins Sanatorium, um Mutter beizustehen und hielt Vaters Hand und sprach zu ihm, und er lächelte sogar. Ich saß dann solange bei ihm, bis ich keinen Pulsschlag mehr fühlte. Mutter lag erschöpft im Nebenbett. Ich erledigte später alles Nötige für sie. Bei der Bestattung der Urne waren Mutter und ich die einzigen Begleiter. Mein Vater starb im Sommer 1954.

      Nach Vaters Tod kam ich meiner Mutter etwas näher, und, mit der Zeit, sie auch meinem Mann. So willigte sie auch ein, als er einen Kredit aufnehmen wollte, um das Heim zu vergrößern. Das Jahr 1956/57 - vor allem der Sommer – ist für mich eine böse Erinnerung! Im Juni waren die Schüler noch im Haus. Das Haus ebenerdig aufgerissen, ohne Dach – bei Regen – und die Buben überall dabei! Der Schmutz und die große Verantwortung! Es war mir oft zu viel!! Ich flüchtete am Abend mit meinem Foxl Niki zum See, um von allem nichts mehr zu sehen!

      Mutter wurde, Gott sei Dank, vom Bau wenig betroffen. Mit Anfang des neuen Schuljahres war der ganze Zauber vorbei. Der um zwei Stockwerke vergrößerte Betrieb – wir kochten für insgesamt 60 Menschen aus – wuchs über meine Kräfte hinaus, denn zu den 40 Heimschülern waren 10 Tagesschüler hinzugekommen. Überdies mußte ich auch für unsere Kreditauskunftei arbeiten.

      Bei schönem Wetter frühstückte ich mit meiner Mutter auf ihrem Balkon, dem die riesige Bergulme in der heißen Zeit herrlichen Schatten spendete. Ich versorgte sie in der Früh und zu Mittag. Sie kam um 12 Uhr herunter und aß mit mir im Jausenraum. Am Abend versorgte sie sich selbst. Am Nachmittag, während ich die Schüler bei ihren Aufgaben betreute, schlich sich Niki, mein Foxl, hinauf in den 2. Stock und wartete auf Mutter, bis sie mit ihm spazieren ging. Die halbe Stunde "Frühstück" genoß ich immer sehr! Die Buben waren unterwegs zur Schule, und ich konnte ein wenig ausspannen!

Als meine Mutter schon recht betagt war, begleitete ich sie zweimal per Bahn nach Schloß Emslieb bei Salzburg, wo mein Onkel Alfie, ihr Vetter und Schwager, mit seiner zweiten Frau Liesbeth und seinen zwei Söhnen Alexander und Florian lebte. Alfie war damals schon

 

Frieda mit Florian 1955

in Pension und lebte nur seinem Hobby: Sammeln von alten Kunstschätzen. Ich, persönlich, konnte keine Sympathie für Liesbeth aufbringen. Zu Florian, der musisch sehr begabt war, entwickelte Mutter eine enge, vor allem briefliche Beziehung. - Onkel Alfie ist schon lange tot.

      Im Jahre 1964, am 8. Juli, wurde ich sehr krank. Ich bekam eine Zeckenmeningitis und war ein ganzes Jahr lang arbeitsunfähig. Als ich im Krankenhaus lag, besuchte mich meine Mutter täglich trotz ihres hohen Alters.

      Zu Weihnachten 1967 stürzte Mutter in ihrem Zimmer und brach sich den rechten Oberschenkel. Obwohl die Operation gut verlief, sah es zunächst wegen des Wundliegens und einer Lungenentzündung aussichtslos aus. Mutter überstand den Krankenhausaufenthalt wie durch ein Wunder und bezog das „Mädchenzimmer“ im ersten Stock, damit sie immer in meiner Nähe war. Doch trotz aller Bemühungen unsererseits und seitens des Hausarztes Dr. Ernst HELLER konnte sie nie mehr richtig gehen, da das linke Knie durch Arthrose zu sehr geschädigt war. Ende März 1969 stellte sich eine Darmlähmung ein. Alle ärztliche Kunst war vergebens. Als ich am 2. April abends an ihrem Bette saß und eine Näharbeit erledigte, schlief sie ganz sanft hinüber, ohne daß ich es merkte. Bescheiden und selbstlos, wie sie in ihrem Leben gewesen ist!


TEIL V: Autobiograhisches

Bis einschließlich Mutters V. LEBENSABSCHNITT habe ich im Schoße der Familie gelebt und gearbeitet. In diesem Abschnitt berichtete ich, wie ich mit meinem Halbbruder zusammen im landwirtschaftlichen Betrieb meines Vaters, am Ranftlhof, arbeitete. Am Ende dieser Zeit wurde ein Lebensabschnitt einschneidend beendet, weshalb ich jetzt dort anknüpfen möchte.

Im kurzen Rückblick auf diese 6 Jahre mochte ich. noch sagen; es war eine schöne, fröhliche und sorglose Zeit, vielfach verbracht in der frischen Luft und freien Natur und mit der Pflege von Tieren, die ich auch heute noch gerne um mich habe. Ich lernte damals das Einpökeln von Fleisch, das Konservieren von Obst und Ge­müse, Milchwirtschaft und Garten­bau. Meine besondere Vorliebe galt der Schweine- und Hühneraufzucht.

Aber jeder Mensch möchte einmal in einem bestimmten Alter sein eigenes Heim gründen, und. so entschloß ich mich im Sommer 1936 meinen Schul- und Jugendfreund zu ehelichen, der in Klagenfurt in einer, von einem Industriellem namens Moschner, gemieteten. Villa ein Mittelschülerheim aufgemacht hatte. Die wirtschaftliche Lage war damals sehr schlecht und Herr Kommerzialrat Moschner ge­zwungen seine große Villa mit Park zu vermieten, um sich über Wasser zu halten. Auch wir mußten finanziell sehr kämpfen. Ich. heiratete gegen den Willen meiner Eltern und erhielt so auch nichts. Getraut wurden wir in der Kapelle in. Maria Wörth und ich hieß von nun an Hanna D R O S G.

Für eine Hochzeitsreise reichte es natürlich nicht. Die Einrichtung für die Villa mußten wir auf Ratenzahlung erwerben.

Zunächst mußten wir nur im Kleinen anfangen. Für die Küche hatte ich eine sehr verläßliche ältere Frau, die schon in zweiter Generation in. der Familie war, also gleichsam zur Familie gehörte. Das war gut, denn ich mußte mich erst einleben. Ein halbes Jahr lag ich im Kampfe mit den Stadthäusern und dem Leben in der Stadt; mir ging die große Freiheit ab und die Sonne, besonders im Winter.

Als dann im Feber 1938 mein erster Sohn zur Welt kam, änderte sich viel, auch um uns.; es kam ein Umbruch in eine andere Zeit. Ich hatte mich für die Entbindung in Maria Hilf angemeldet. Am 21. Feber am Abend meldete. sich der. kleine Mann zum ersten Mal und ich machte mich, begleitet von Schwägerin und Schwager, vom anderen Stadtende aus zu Fuß auf, um zur Entbindung. ins Sanatorium Maria Hilf zu gehen. Ich war gut aufgelegt, und als wir den Heiligen Geistplatz passierten, meinte ich. zur Schwester meines Mannes:. Was glaubst, Rosl, wenn i jetzt laut Heil Hitler schrei, was können’s mir da jetzt schon machen?! Die beiden lachten darüber. Es dauerte dann nicht lange und ganz Klagenfurt war in Aufregung: Hitler sollte nach Klagenfurt kommen und beim Sandwirt Quartier nehmen. Auch ich. war in höchster Erwartung und wollte den Führer sehn! Da ich meinen Buben stillte, war das nicht so einfach. Es gelang mir dennoch, nahe an den Balkon des Sandwirtes heranzukommen. Da trat er heraus, ernst und sehr bleich und hob seinen Arm unter lautem Jubel der herumstehenden und sich drängenden Leute. Zuhause brüllte das Kind nach seiner Milch!

Es begann ein wirtschaftlicher Aufschwung, die Arbeitslosigkeit hörte auf und aus dem niedergegangenen Betriebe Moschners wurde ein Rüstungsbetrieb. So wurde unser Mietvertrag gelöst und wir mußten uns um eine andere Unterkunft für unser Schülerheim und für uns umsehen.

Unser Heim umfaßte damals einen Stand von 24 Schülern. Es war nun gar nicht leicht, ein passendes Haus zu finden.

Unser Landgut war in der nationalsozialistischen Zeit zum Erbhof erklärt worden und ich als einziger legitimer Nachkomme Erbhofbäurin. Da der Hof so nur mit meiner Zustimmung verkauft werden durfte und Vater, der Kapitän langer Fahrt war, unbedingt wieder ans Wasser wollte, verlangte er von mir, auf den Erbhof zu verzichten und versprach, uns dafür eine Villa in KLAGENFURT zu erwerben.

So übersiedelten wir Anfang Juli 1939 in die Jergitschvilla beim Kreuzbergl, die aber grundbücherlich auf den Namen der Eltern eingetragen war. Vater verkaufte und zog an den Bodensee und wir lebten in Miete. Kurz nach der Übersiedlung war mein zweites Kind, ein Mädchen auf die Welt gekommen. Da mein Mann bei der Partei war, hätten wir leicht günstige Baukredite erhalten, aber dies scheiterte an der Einstellung meines Vaters. Es dauerte auch nicht lange, da war die friedliche Zeit vorbei. Mit 1. September begann der zweite Weltkrieg. Hitler marschierte in Polen ein. Mein Vater verkaufte die Villa am Bodensee, da Mutter das Klima nicht vertrug, und erwarb über die Ansiedlungsgesellschaft der NSDAP, Zweigstelle Klagenfurt, eine Villa am Veldeser See, wo die Deutschen die slowenischen Eigentümer enteignet hatten. Im Zuge dieser Ansiedlung geschah viel Unfug, denn die Angestellten dieser Gesellschaft eigneten sich das Mobilar dieser Häuser an und führten es auf Lastwagen nach Kärnten.

Es verging ein Kriegsjahr nach dem anderen. Die Lebensmittelversorgung war besonders für das kinderreiche Heim sehr gut und die Berichte über den guten Verlauf des Krieges ermutigend. Erst als mein Vetter, Theodor Stipek, der als Panzermajor am Schwarzen Meer stationiert war, uns bei seinem Urlaub hier erzählte, wie jeder Nachschub sabotiert werde und sie an der Front wohl genug Einsatzfahrzeuge, aber keinen Treibstoff hätten, begann unsere Hoffnung auf ein gutes Ende zu sinken. 1944 wurde dann der Bau der Stollen für einen Luftschutzbunker im Kreuzberglfels begonnen - heute befindet sich dort ein Bergbaumuseum, das sehenswert ist. Immer wieder flogen amerikanische Bomber morgens über uns hinweg und kehrten dann gegen Mittag zurück. Wir sahen sie hoch über uns fliegen, aber niemand nahm sie ernst, auch ich nicht. Die Sirenen der Vorwarnungen kamen überdies reichlich spät!

Es war ein schöner Wintermorgen am Stefanietag des Jahres 1944, Manfred, mein Drittgeborener war mit Mali, unserer lieben alten Hausmutter, spazieren, ich selbst unterwegs aufs Kreuzbergl, an einer Hand Otto, den Ältesten, an der anderen Rotraut, als die Sirene aufheulte. Ich nahm es kaum zur Kenntnis und wollte den Weg hinauf in den Wald nehmen, als Otto meinte: “Mutti, laß uns den Bunker anschauen, wie weit sie schon sind.“ So gingen wir durch die verwilderte Mulde, an den Baracken vorbei bis zum Stolleneingang. Kaum hatten wir den Eingang betreten, als uns ein gewaltiger Luftstoß hineinwarf. Drauf hin erfolgte eine gewaltige Detonation, und ich sah Rauchwolken aufsteigen. Das Inferno ging weiter. Mir ging es durch und durch und ich rief immer wieder: “Kinder, tuts beten!“ Wußte ich doch meinen Mann und das Jüngste daheim und den kleinen Manfred unterwegs. Nach der Entwarnung liefen wir heim. Alles war in Ordnung. Der Kleine hatte schon vor der Warnung sich geweigert zur evangelischen Kirche zu gehen und nach Hause verlangt, als ob ihn ein Schutzengel dazu veranlaßt hatte, denn eine Bombe war schräg heruntergegangen und hatte den Kirchturm geköpft und das Pfarrhaus zerstört. Einige Menschen wurden getötet, darunter auch die Gattin unseres Primars vom Sanatorium Maria Hilf. Ich fuhr dann den Ring hinunter bis zum Bahnhof und sah mir vom Rad aus die Verwüstung an. Gleich bei der Bergwerksunion hatte eine Bombe das Haus von H. Stefan Kleinszig gestreift, und diesen im Bade getötet; seine Frau, eine alte Freundin von mir, hatte mit den Kindern den Keller aufgesucht. Die Wohnung brannte aus. In der Rosentalerstr., St. Ruprechterstr., Messegelände und Bahnhofstraße standen viele Häuser in Flammen und waren Schuttruinen. Auch die Moschnervilla in der Lastenstraße hatte eine Bombe halb zerstört und ich war froh, daß wir umgezogen waren. Hunderte von Menschen mußten ihr Leben einbüßen. Es gab nun öfters Fliegeralarm, auch bei Nacht, da mußte ich alle vier schlafenden Kinder allein in der Luftschutzkeller schleppen, da mein Mann wegen seines Fußleidens mir nicht helfen konnte.

Die Unterstufe der Mittelschulen war inzwischen nach Millstatt übersiedelt und die Oberstufe bei der Luftabwehr auf dem Messegelände eingesetzt. Viele Familien hatten für ihre kleinen Kinder Ausweichquartiere auf dem Lande. Ich mußte des Betriebes wegen in Klagenfurt bleiben. Die Volkschule wurde nach St. Martin verlegt, wo Otto sein erstes Schuljahr verbrachte. Nachdem die Lage auch in Veldes immer kritischer geworden war und die Eltern schon angefeindet wurden, kamen sie über die Weihnachtsferien zu uns. Wegen der Überstellung der Untermittelschule hatten wir ja genug Platz. Am 20. Jänner erlebten wir dann den zweiten großen Angriff. Eine Bombe, die der Waisenhauskaserne gegolten hatte, fiel schräg in den Garten vom Haus 1, in unserer Straße. Es waren die halben Dächer abgedeckt, die Haustüren herausgerissen und bei uns allein 64 Fensterscheiben kaputt. Wir alle befanden uns im Luftschutzkeller unseres Hauses. Den Bunker im Kreuzbergl suchte ich nicht mehr auf, da die vielen Leute so drängten und rannten, daß die Kinder in Gefahr kamen, zerdrückt zu werden. Als wir an diesem 20ten - es war um die Mittagszeit - nach der Entwarnung heraufkamen, war die Küche tief in Ruß gedeckt, in den fertiggekochten Speisen, die auf dem Herd standen, schwammen Ruß und Glasscherben. Von dieser Zeit an besuchten uns auch täglich die Tiefflieger und beschossen das Bahngelände und vor allem auf die aus dem Bunker strömenden Menschen. Die Moschnervilla hatte auch noch einmal etwas abbekommen, so daß nur mehr das Portal mit der Jahreszahl stehen blieb. Meinen Kindern hatte ich eine kleine Hühnerleiter in den Luftschutzkeller errichtet, so daß sie beim Alarm sofort vom Sandhaufen vor dem Hause in den Keller klettern konnten.

So ging es von einem Alarm zum andern (es gab insgesamt 57 Angriffe auf Klagenfurt, die in etwa die Hälfte der Stadt zerstörten), in stumpfen Leben dahin, wobei nur die notwendigste Arbeit verrichtet wurde, bis dann im Mai der Zusammenbruch kam, und mit ihm über die Berge von Ju


goslawien die Partisanen[5]  nach Klagenfurt stürmten. Es waren unheimliche dunkle Gestalten. Wir hatten Angst und schlossen uns drei Tage im Hause ein. Bald kam die englische Besatzungstruppe her, und es war kein Wunder, daß sie von der Bevölkerung freudig begrüßt wurde, nach der Bekanntschaft mit den Partisanen. Bei uns quartierte sich zunächst die britische Militärpolizei ein und zu unserem Glück durften wir die drei Zimmer im ersten Stock weiter benutzen, für eine sechsköpfige Familie recht wenig Platz. Ein Glück war es auch, daß mein Mann an beiden Beinen spastisch gelähmt war. So bekam er von der Besatzungsmacht nur Hausarrest und mußte in kein Lager.

Meine Eltern konnten fast nichts mehr aus Veldes retten. Sie wohnten bis zu ihrem Tode bei uns. Vater mußte damals sogar seinen Hund Fixl einschläfern lassen, weil er

nichts für ihn zu fressen bekam. Mutter schlich sich öfters
im Finstern zu den englischen Baracken, um aus den Abfallkübeln Futter für den Hund zu fischen,
bis sie einmal erwischt und verwarnt wurde. So mußte Fixl dann sterben; es tat Vater sehr weh! Ich schaffte mir Kaninchen und Hühner an, bebaute jedes Fleckchen meines Gartens mit Gemüse und verschaffte mir in von den Engländern beschlagnahmten Liegenschaften die Erlaubnis, das Gras zu ernten und den Garten zu nutzen. Überdies kochte und wusch ich für die in unserem Hause untergebrachten Engländer, und erhielt dafür von ihnen Lebensmittel und alte Uniformen, aus denen ich den Kindern Anziehsachen nähte. Ganz schlecht ging es uns aber, als die Engländer uns verlassen hatten und wir neu anfangen mußten. Mein Mann hielt anfangs Abendkurse in Englisch, die gut besucht waren und ich tauschte oft bei den mir bekannten Bauern Kleidung gegen Butter und Mehl ein. Im Jahre 1954 starb mein Vater, und im Mai 55 kam der Staatvertrag zustande und es ging wieder aufwärts. Das Heim wurde wieder aufgemacht und im Sommer 56 bauten wir den zweiten und dritten Stock mit Hilfe von zwei Krediten aus und konnten nun 50 Schüler unterbringen.

Die Zeit des Baues war sehr nervenaufreibend für mich, da wir schon im Mai mit dem Bau beginnen mußten , um bis zum Herbste fertig zu sein und nebenbei bis 8. Juli der Schulunterricht noch lief. Obgleich ich von nun an drei Angestellte hatte, war ich sehr beschäftigt, denn ich nahm es mit der Betreuung meiner vielen Kinder sehr ernst. Neben der Lernaufsicht , dem Nachmittagsunterricht , kümmerte ich mich um das körperliche Wohl, das Essen, die Körperpflege, und inszenierte drei lustige Veranstaltungen im Schuljahr. Den Sommer über hatten wir Sommergäste so daß der Betrieb nie abriß. Die Lebensverhältnisse wurden von Jahr zu Jahr besser. Leider verschlangen die Rückzahlungen viel Geld, so daß wir nichts zur Seite legen konnten. Aber die Kinder, Otto, Manfred, Rotraut und Dietlinde lernten brav und studierten dann. Otto und Manfred sind jetzt Assistent und Dozent am I. Physikalischen Institut in Wien, Rotraut Professorin in Deutsch und Englisch am Mädchengymnasium und Dietlinde, die Jüngste, arbeitet als Sekretärin bei einer deutschen Bank in London. Da die sozialen Abgaben und die Lohnansprüche infolge des wachsenden Fremdenverkehrs immer höher wurden, konnten wir uns nicht mehr drei Angestellte leisten und so wurde mein Arbeitspensum größer. lm Jahre 1964 wurde ich zu Schulschluß ernstlich krank (Hirnhautentzündung) und mußte ein ganzes Jahr ausspannen. Da die Erzieher, die wir aufnahmen, nur Geld kosteten und ihre Pflichten nur schlecht erfüllten, schlossen wir 1966 das Heim und vermieteten von da an die Zimmer an junge berufstätige Leute. 1969 starb meine Mutter und nun sind mein Mann und ich je zur Hälfte Eigentümer der Liegenschaft.

Mein Mann ist in Pension und arbeitet wissenschaftlich in seinen Fächern. Ich bin reichlich versorgt mit Haus und Garten und der Betreuung meines Mannes. Was mir an Zeit bleibt widme ich meinen vier Enkelkindern und meinem Hobby, der Malerei!

Auch wenn die Zeit mit den vielen Heimkindern mich in jeder Hinsicht sehr beansprucht hat, so brachte sie mir auch viel Freude. Jetzt ist mein Leben bedeutend geruh­samer, aber dennoch ganz ausgefüllt.

Rückblickend auf die geschichtlichen Geschehnisse in der Zeit meiner Generation, muß ich sagen: ich habe große umwälzende Epochen erlebt:

Als ich 1910 in Pola in Istrien auf die Welt kam, da besaß mein Vater eines der ersten Benzautos, die noch wie eine Pferdekutsche aussahen und relativ langsam fuhren, trotzdem waren die primitiven Istrianer außer Rand und Band, bewarfen das Auto mit Steinen nach und riefen: il diabolo! Mein Vater hatte den Spitznamen :il capitano matto und die älteren Leute in Pola erinnern sich noch an ihn, wie ich selbst feststellte. Er war Offizier durch und durch, sehr national, fortschrittlich, ein Freidenker und eine Herrschernatur, was ihm auch zweimal Arrest wegen Ungehorsam einbrachte. Später am Ranftlhof bei St.Veit führte er das erste Gaslicht ein, das ich als kleines Kind selbst bestaunen konnte, dann einen eigenen elektrischen Transformator, und betrieb die Maschinen für die Landwirtschaft zuerst mit dem alten Motor seines ersten Benzautos, dann elektrisch , bevor noch irgend ein Bauer die Elektrizität kannte.

Ich erlebte noch die Zeit von Kaiser Franz Josef, gesehen hat ihn allerdings nur meine Mutter, die öfters in Wien war. Ich lernte den Bruder der Frau Schratt kennen, einen netten, sehr betagten Herrn, der am Längsee einen Besitz hatte und den ich oft mit Vater besuchte. Er erzählte viel von seiner Schwester und zeigte mir Bilder.

Als ich vier Jahre alt war, wurde der Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Frau in Sarajewo erschossen. Ich erinnere mich noch, wie meine Eltern, als die Post kam, ganz aufgeregt neben mir im Hofe davon sprachen und auch von Krieg, was ich ja gar nicht begriff.

Bald erhielt Vater die Einberufung zur Kriegsmarine in Pola.

Nun mußte meine Mutter den landwirtschaftlichen Betrieb ganz allein führen. Für mich hatte sie wenig Zeit.

Als die Kriegslage schlechter wurde, sandte sie oft gemästete Gänse und Truthühner an die Messe der Marine in Pola, denn die Versorgung wurde immer schlechter. Doch wir am Lande litten keine Not. Zur Hilfe in der Landwirtschaft hatten wir zwei russische Kriegsgefangene zugewiesen bekommen, die daheim selbst eine Landwirtschaft hatten und sehr tüchtig waren. Nach dem Eingreifen der Amerikaner war der Zusammenbruch für Österreich und Deutschland besiegelt. Vater brachte alle seine Matrosen noch gut heim, obwohl sie bespukt und angepöbelt wurden und man ihnen die Dienstgrade von den Uniformen riß, und so erschien auch er eines Tages, als ich mit meinem Halbbruder vor dem Haupttore spielte. Wir erkannten ihn aber nicht, da er derart abgemagert war; wir riefen aus: “Was, Du sollst unser Vater sein?” Bald wimmelte es von herumstreunenden Soldaten und verlassenen Pferden. Drei Pferde kaufte mein Vater vom Ärar. 70 Kronen für eines mußte er nur zahlen. Bald erschienen Italiener in Kärnten. Sie streiften einmal äpfelpflückend und schmausend durch unsere Obstgärten. Da ergriff Vater die Schrotflinte und jagte einem von diesen italienischen Soldaten eine Ladung ins Hinterteil. Tags darauf erschien ein italienischer Major bei uns. Beinahe hätten sie ihn eingesperrt.

ln Wien hatte nach dem Tode von Kaiser Franz Josef, sein Nachfolger Kaiser Karl abgedankt und es wurde im Jahre 1918 die Republik unter Führung der Sozialdemokraten ausgerufen. Später kam die Gegenpartei an die Macht, es begann die Systemzeit. Der national-sozialistische Putsch im Juli 1934, bei dem Dollfuß in Wien ermordet worden war, wurde niedergeschlagen Die Systemzeit fand dann durch den Einmarsch Hitlers im März 1938 ihr Ende. Leider ließ uns Hitler nicht ganz zwei friedliche Jahre. Der zweite Weltkrieg, mit all seinen Schrecken und Untaten auf beiden Seiten, wurde wiederum durch das Eingreifen der Amerikaner entschieden. Auf uns Verlierer wurde alle Schuld und Elend abgewälzt; aber wir ließen uns nicht niederkriegen, denn die Österreicher sind ein fleißiges Volk und brachten es in der zweiten Republik zu gleichem Wohlstande wie die Sieger.

TEIL VI: Hochenegg heute

Als mein Mann mit seinem VW Käfer noch lange Autoausflüge unternahm, fragte er mich einmal: " Sag, magst Du nicht mitfahren? Ich fahre durch Jugoslawien. Wenn Du willst, können wir über Hochenegg fahren. Magst Du es nicht einmal wiedersehen?“ Ich war sofort einverstanden und machte den Ausflug mit. Auf der Heimfahrt fuhren wir dann über CILLI. Je näher wir zu Hochenegg kamen, umso neugieriger wurde ich. Ich hatte diese Gegend viele, viele Jahre nicht mehr gesehen. Es waren ja aus dem ganzen Gebiet 1945 alle Deutschen vertrieben worden; es herrschte ein kommunistisches Regime.

Nun war es so weit. Der Wagen bog von der Hauptstraße nach Hochenegg ab. Da begrüßte mich das alte hölzerne Hopfenhaus wie einst. Es stand da in seinem dunklen Holz, mit seinen Raufen, unversehrt - und in Erwartung! Ich grüßte erfreut hinüber zur Altbekannten! Dann ging es weiter den sanften Hügel hinan, auf einmal fühlte ich die große Veränderung! Weithin, rechter Hand erstreckte sich eine Obstplantage mit vielen kleinen Arbei­terhäusern. Meine Augen suchten vergeblich den schönen Park auf halber Höhe mit den hochge­wachsenen alten Bäumen. Zwei nackte Häuser schauten mir entgegen. Wo war der Park, wo die gestutzten Hecken, die die Auffahrt säumten?? Als wir näher kamen, sah ich das alte Stallgebäude, und stellt Euch vor—die marmorweißen Pferdeköpfe über dem großen Tor sahen unversehrt auf mich herab!

Aber, wo blieb die riesige alte Fichte, die ihre weiten Äste schützend über die Terrasse

 

Villa Stallner um 2000

der Villa streckte? Eine Öde schrie mich an und beklemmte mein Herz. Alles war leer, abrasiert! Dann schritt ich über die Stiegen hinauf zum Eingang des Hauses.

Ein paar ungepflegte Frauen kamen mir entgegen. Ein Arbeitervolk wohnte nun in der Villa, schritt über die schönen Parketten und stellte die Schüsseln auf die Biedermeiertische! Mich packte das Grauen! Oh hätt' ich HOCHENEGG doch nie SOO wiedergesehen !!!

Und die Menschen, die hier lebten,

die sich freuten und sich pflegten,

flieh’n als Schatten durch die Räume -

sie sind fort - so wie die Bäume !!

TEIL VII: GEDANKEN

Aus meinen Ausführungen ist leicht zu ersehen, daß – was auch die Historiker bestätigen – der Balkan Jahrhunderte hindurch ein Unruheherd war und auch bleiben wird, wenn nicht ein kluger Kopf imstande ist, einen vernünftigen und länger andauernden Frieden zu schaffen.

Durch die Zusammenballung so vieler Völker mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen auf einem so geringen Raum wird immer ein Funke für Unruhen irgendwo versteckt bleiben, der nur darauf wartet, Flammen auszulösen.

Tito war der einzige, der mit harter Hand über längere Zeit für Stabilität sorgte.

Immer wieder kommt es durch Verursachung von Kriegen in den Randländern zu Vertreibungen und Morden. Die armen unschuldigen Menschen werden dann hin und her gejagt!

Schon im 18. Jahrhundert war Österreich das gelobte Land, wo vertriebene und verfolgte Menschen Zuflucht suchten und auch fanden, wie heute. So ARAINITIS und Anna KASTRIOTA im 18. und Elisabeta LUSIGNAN im 19. Jahrhundert.

Das 20.Jahrhundert, in dem ich lebe, kommt überhaupt nicht zur Ruhe.

Zuerst, als ich 4 Jahre alt war, wurde durch die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand durch den Serben Gabriel Princip der ERSTE Weltkrieg ausgelöst (1914 bis 1918), mit seinen blutigen Kämpfen in Oberitalien, in denen der ältere Bruder meines Mannes, RUDOLF DROSG, sein Leben für die Heimat ließ, dann der Abwehrkampf in Kärnten, bei dem viele von unseren besten Männern fielen.

Der ZWEITE Weltkrieg, der HILTER-KRIEG, der in Polen entflammte und in den wir Österreicher mit hineingezogen wurden, entartete zu einem Vernichtungskrieg gegen das JÜDISCHE VOLK und kostete Millionen Menschen das Leben. Eine Tante von mir hat in diesem Vernichtungskrieg 5 fesche Söhne verloren!!!

Nach dem Zusammenbruch mordeten die Jugoslawen in Kärnten und haben viele Menschen verschleppt, auch aus KLAGENFURT und ST. VEIT, die ich gut kannte. Meine Verwandten in der Untersteiermark haben alles verloren!

Da nach dem Zusammenbruch des jugoslawischen Reiches die Friedensbedingungen für den KOSOVO nicht gerecht waren, haben wir durch das Einschreiten SERBIENS wieder einen Brand auf dem Balkan, einen Völkermord gemeinster Art!!

Eigentlich haben mir "zwei Weltkriege" schon gereicht. Ich glaube nicht, daß es zu einem Dritten Weltkrieg kommen wird, zumindest in Europa nicht. Alle fürchten sich gegenseitig vor den Atombomben und Giftraketen.

Die latscherte NATO wird kaum etwas erreichen. Die USA dürften zu wenig Interesse haben, aber der Russe, der zweizüngige Russe, ist vielleicht der richtige Mann, der wird sich dort festsetzen, um Zugang zum Mittelmeer zu haben. Vielleicht bändigt er die ganze Bande!

Vitaldaten von Hanna Drosg:

Geboren am 12. 3. 1910 um 2:15 Uhr in Pola, Istrien in der Via Sissano 87 (Villa Olga) lt. Italienischsprachiger Urkunde mit Namen Hanna Maria

Eltern: Richard Stipek (* 29.3.1870) und Frieda Hauser (*4.9.1881), verh. seit 24. 9. 1908

Formale Ausbildung:

1. Abschluß- und Reifezeugnis des Bundesrealgymnasiums in Klagenfurt vom 19. Juni 1928, der 8. B. (vierstufige Notenskala)

Hausarbeit in Französisch: Racine et la tragedie francaise

Mathematik und D.G. genügend, 7 sehr gut,  7 gut

2. Zeugnis der Reife für Volksschulen der Bundes-Lehrerinnenbildungsanstalt in Klagenfurt vom 19. Juni 1929 auf Grund von 1.und Prüfung in 8 Fächern: 5 gut, 3 genügend

3. zweijähriger Kurs für Säuglingspflege im ANNA-Kinderspital von Pfr. HAMBURGER in GRAZ, 1930

1936: Taufe, evang. AB

Hochzeit am 20. 7. 1936 in der Rosenkranzkirche in Maria Wörth

(Zeugen: Andreas Stissen, Beamter und Rudolf Kerbetz, Beamter)

 

22.2.1938 Sohn Otto Adolf wird geboren

14.7.1939 Tochter Rotraut Hedwig wird geboren

5.3.1941 Sohn Manfred wird geboren

7.5.1942 Tochter Dietlind wird geboren

 

1990: verzichtet auf Erbteil nach ihrem Mann zugunsten des Fruchtgenusses an der ganzen Liegenschaft. Schwiegersohn Georg Schenkenberger erhält 5/64 an der Liegenschaft.

1. 9. 1991: Erste Vernissage in der Bank für Kärnten und Steiermark

12. 3. 1992: Zweite Vernissage in der Bank für Kärnten und Steiermark

 

Gestorben: 1. 3. 2003 in Wien

EPILOG

Am 1. März 2003 ging nach fast 93 Jahren das Leben meiner Mutter, Hanna DROSG-STIPEK (12.3. 1910 – 1.3. 2003), ganz überraschend zu Ende. Wie sie selbst sagte, war sie insoweit privilegiert, als während ihres Lebens größere Änderungen eingetreten sind, als während irgendeines Lebens zuvor, wie z. B. im Verkehr von der Kutsche zur Space Shuttle, oder in der Beleuchtung, von der Petroleumlampe zur elektrischen Sparlampe.

Obwohl meine Mutter schwerpunktmäßig ein musischer Mensch war (sie spielte Klavier, malte mit Leidenschaft und schuf viele Gedichte und auch angewandte Prosa), war sie gezwungen, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realität zu stehen, um in schweren Kriegs- und Nachkriegsjahren für ihre vier Kinder und ihren gehbehinderten Mann zu sorgen. Dies brachte mit sich, daß sie sich ein gutes Gespür für das Wesentliche zulegte und sich angewöhnte, ihren Willen fast immer, eher kompromißlos, durchzusetzen. Als in den letzten Tagen ihres Lebens ihr starker Wille wieder erwachte, dachten wir alle, daß die Krise überwunden sei, und sie ihr Ziel, 100 Jahre alt zu werden, erreichen könnte.

Das sollte aber nicht sein.

Wien, am 2. März 2003                                          Manfred Drosg

Anmerkung zur zweiten Auflage.

Diese Version ist durch die Vereinigung zweier Vorlagen entstanden. Außerdem wurden einige unabhängige Informationen eingearbeitet und die Daten, soweit es möglich war, überprüft und notfalls korrigiert.

 

Wien, am 14. Januar 2020



[1] Am 5. Juni 1936 verschied im 83. Lebensjahre Frau Marie Hauser geb. Stallner Die Beerdigung findet am 7. Juni um 3 Uhr nachmittag am städtischen Friedhof in Celje (Cilli) statt. Die hl. Seelenmesse wird am 8. Juni um 7 Uhr morgens in der Pfarrkirche zu Vojnik (Hochenegg) gelesen. Vojnik pri Celju, St. Veit a./Glan, Graz. Hermine Stallner, Ida Wokaun geb. Stallner, Dorothea Hauser, Frieda Stipek, Elisabeth Wokaun, Dr. Paul Hauser. Renata Faber, Korvettenkapitän Richard Stipek, Oberstleutnant S. 0. Faber, Dr. Alfred Wokaun, Hanna Stipek

 

[2] Begriffserläuterungen von Paul Hauser zur Ahnenrolle:

Die ALBANESEN sind eines der ältesten Völker, direkte Nachkommen der alten Pelasger, deren Sprache sie bewahrt haben; sie weist mit keiner anderen, in der Welt gesprochenen, die geringste Ähnlichkeit auf. Albanesen sind kriegerisch und tapfer, daher bildeten sie die Blüte des türkischen Heeres. Die Pelasger wurden von Griechenland und dann von Rom beherrscht. Zu Beginn des Mittelalters kam Albanien unter byzantinische Herrschaft, von 1288-1356 unter serbische, dann unter türkische, bis es Georg Kastriota 1443 gelang Ober-Albanien davon, solange er lebte, zu befreien.

In Albanien werden private Unbilden, nicht vom Staate, sondern durch Blutrache, die in vollem Maasse besteht, bestraft.

Georg KASTRIOTA (1403-1468), (von den Türken) Skanderbeg genannt, war der Held von Albanien. Er war nämlich der letzte siegreiche Verteidiger christlicher und nationaler Interessen auf dem Balkan gegen das vordringende Osmanentum. Er stammt aus einer serbischen Dynastenfamilie, verteidigte die Festung Kroja zweimal (1449 & 1464) erfolgreich gegen je 100,000 Türken und behauptete sich im Besitz von Albanien. Bald nach seinem Tode unterwarf sich Albanien im Jahre 1479.

Guido von LUSIGNAN, aus altem Dynastengeschlecht in Poiton, heiratete 1180 die Markgräfin von MONFERRAT. Er war König von Jerusalem 1185-1190, vertauschte mit Richard Löwenherz dieses Königreich gegen Cypern, wo er ein neues Königreich gründete, das 1192-1473 in seiner Familie verblieb.

Ein Markgraf von MONFERRAT, Kreuzfahrer(?), verkaufte cca. 1204 die Insel Kreta an die Venetianer.

GHIKA ist ein aus Albanien stammendes Fürstengeschlecht. Der Ahnherr, Georg Ghika, stammt aus Köprili in Albanien. Er wurde durch seinen Landsmann, dem Grossvezier Mehemed Köprili, im Jahre 1658 auf den Thron der Moldau berufen, den er 1660 mit der Walachei vertauschte. Ihm folgte sein Sohn Gregor I, der 1661-65 und 1672-73 regierte und sich grosse Verdienste um das erschöpfte Land erwarb. Er wurde 1685 vom Kaiser Leopold I in den Fürstenstand des Deutschen Reichs erhoben. Seine Nachkommen regierten in der Moldau und Walachei, ab und zu, zwischen 1733 und 1856. Andre wurden (a) Fürst von Samos und Muschir, (b) Ministerpräsident in Bukarest und (c) rumänische Gesandte in London, Konstantinopel und Petersburg zwischen 1871 und 1881. Helene GHIKA wurde 1849 Gattin des Fürsten Kolzow-Massalsky und dann geistvolle Schriftstellerin unter dem Pseudonym Dora d’Istria. Sie wurde zur Grossbürgerin Griechenlands ernannt und viele gelehrte Gesellschaften Italiens, Amerikas und des griechischen Orients erteilten ihr die Ehrenmitgliedschaft.

Matthias I CORVINUS wurde 1448 als Sohn des Johann Hunyadis, geboren, wurde König von Ungarn 1458 und starb 1490. Er vertrieb die Türken, eroberte Schlesien, Mähren, Böhmen und Oesterreich, schlug seine Residenz in Wien auf und besiegte Polen. Er zeigte Liebe für Wissenschaft und gründete die „Corvina“, die weltberühmte Büchersammlung, die prachtvollste Bibliothek der Renaissance.

MOREA ist seit dem 13. Jahrhundert der Name des früheren Peleponnesien, dem südlichen Teil des griechischen Festlandes.

Die KOMNENEN waren eine byzantinische Kaiserfamilie, welche 1081-1185 in Konstantinopel und 1294-1461 in Trapezunt herrschte. Anna Komnena, Tochter des Kaisers Alexius I (1081-1118) war literarisch-historisch verdient. David Komnenos, „der Grosse Komnene“, letzter Kaiser zu Trapezunt, wurde auf Befehl des Sultans Mohammed II zu Konstantinopel 1465 hingerichtet.

Die MIRDITEN waren der mächtigste albanische Stamm. Sie beherrschten Ober-Albanien.

BALSHA war eine montenegrinische Fürstenfamilie.

[3] Aus: ”The Life of Captain Sir Richard F. Burton” by Lady Isabel Burton, 1893:" In May (1887?), my wife and I had a pleasant change, being invited by our colleague, Mr. Georg Louis Faber, H.R.M.’s Consul for the Austrian Fiume, to visit his castle Schloss Sternstein, near Cilli, in Steiermark. We found a modern building, which had superseded the ancient feudal chateau, whence the old legend of a Styrian Romeo and Juliet has not wholly faded. We enjoyed the society of Mr. and Mrs. Alice (Fanny) Faber, geb. Krupp, who are hospitality itself, (“Begeistert unterstützt von ihren zahlreichen Kindern verstand die ebenso witzige wie herzensgute Dame eine glänzende Atmosphäre von Geselligkeit zu verbreiten.”) and amused ourselves with their numerous and beautiful children; and last, but not least, the simple German life and perfect rest and liberty were exceedingly refreshing. "

[4]Aus dem Tagebuch (Log-Buch) von Korvetten-.Kapitän Richard Stipek:

Mittwoch,15.3.1944: Dieses ewige Siegen nach rückwärts ist schon nicht tragbar. Die Russen schicken schon unausgerüstete Kinder und Greise an die Front und der unvergleichliche

deutsche Soldat muß vor diesen weichen. Wie reimt sich das?

Freitag, 28. 7.: Wir gingen an allen Fronten zurück. Der Teufel weiß, woher man den Glauben an H’s Feldherrngenie nehmen soll? Seit zwei Jahren gehen wir zurück.

Mittwoch, 2. 8. 44: Jedenfalls scheint niemand mehr an unseren Sieg zu glauben.

Samstag, 26. VIII. 44: Wenn der deutsche Soldat, der beste der Welt ist, muß die Führung

miserabel sein!

 

[5] Tito wollte das Ergebnis der Volksabstimmung von 1920, bei der sich 60% für den Verbleib bei Österreich ausgesprochen hatten, dadurch annullieren, dass er das beanspruchte Gebiet von seinen Truppen besetzte. Beim symbolträchtigen Marsch nach Klagenfurt schlu­gen die britischen Truppen die jugoslawischen um ein paar Stunden. Da Stalin Tito die Unterstützung verweigerte, mußten die jugoslawischen Truppen auf Verlangen der Briten Kärnten räumen( nicht ohne etwa 600 Kärntner zu verschleppen und dann zu ermorden).