Das virtuelle Klassenzimmer

Von Manfred Bobrowsky

Am 8. März 1995 um 18 Uhr konnte die erste gemeinsame und zeitgleiche Lehrveranstaltung auf zwei Kontinenten via Internet verwirklicht werden. Das - unabhängig von der räumlichen und zeitlichen Distanz - gemeinsame "Klassenzimmer" wurde damit zur Realität.

Studenten an der University of Southern California und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien hatten erstmals die Möglichkeit, via Datenhighway aktiv an einer Vorlesung teilzunehmen. Sie sollten den Eindruck bekommen, als säßen sie im gleichen Hörsaal. Fragen und Probleme sollten direkt und sofort über Tausende Kilometer hinweg gemeinsam diskutiert und erörtert werden.

Damit konnte für das Wiener Publizistik-Institut eine neue Dimension zur Nutzung des Internets hinaus über das bisherige reine Abrufen vorgespeicherter digitaler Informationen geschaffen und in Entwicklung begriffene Technologien und Softwareprogramme zum ersten Mal zu einer konkreten Anwendung gebracht werden.

Dr. Michael Mascha, gebürtiger Österreicher und Lektor für Interaktive Neue Medien sowie Direktor des E-Lab, einer neugegründeten Lehr- und Forschungseinrichtung für New Media am Center for Visual Anthropology an der USC (University of Southern California), präsentierte die neuesten Erkenntnisse und Entwicklungen seiner Forschungsarbeit.

Ihm und seinem Forscherteam, Kenneth Goldberg, Nick Rothenburg und Carl F. Sutter, ist erstmals gelungen, die Reichweite des Cyberspace über die bisherigen Anwendungsgebiete hinaus zu erweitern. Mit der Entwicklung des Mercury-Projekts ist es möglich geworden, den digitalen Bereich des Cyberspace zu verlassen und via Datennetz wieder mit der realen Welt zu kommunizieren.

Das Mercury-Projekt erlaubte im Zeitraum von 1. September 1994 bis 31. März 1995 Internet-Teilnehmern auf der ganzen Welt, über das World Wide Web (WWW) einen Roboterarm mit einer Videokamera zu bewegen. Die Kamera blickte in einen Sandkasten, in dem verschiedene Gegenstände selbstgesteuert zu entdecken waren. Diese scheinbare Spielerei ermöglicht künftig gerade im Kommunikationsbereich Anwendungen, die heute nur vage vorstellbar sind.
Institutionen, wie z. B. die NASA, sind von diesem Projekt fasziniert und verhandeln bereits mit dem Forscherteam über eine zukünftige Zusammenarbeit.


Idee und Planung

Eines Tages klopfte es an meiner Tür - ich wußte, es war sicher wieder eine Studentin oder ein Student, mit nur "einer kurzen Frage" an mich. Tatsächlich erschien ein junges Mädchen in Bergschuhen und mit einer riesigen Schultasche, das sich als Studentin des Hochschullehrganges für Europa-Journalismus [1] vorstellte. Tatjana Nikitsch heiße sie und habe eine Idee; sie kenne einen österreichischen Wissenschaftler namens Michael Mascha, der seit einigen Jahren an der University of Southern California in Los Angeles erfolgreich tätig ist.

Professor Mascha hat Anthropologie und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien studiert. Er ist seit 1992 als Forscher und Lektor für Neue Medien am Center for Visual Anthropology an der University of Southern California in Los Angeles tätig, seit 1993 ist er Direktor des Elektronik-Labors und seit 1994 Professor für interaktive Medien in den Bereichen Anthropologie und Kommunikationswissenschaft. Er ist Mitbegründer des Mercury-Projekt, der ersten robotischen Tele-Ausgrabungsmaschine im Internet.

Am Center for Visual Anthropology habe man interessante Experimente mit Live-Bild- und Tonübertragung von Computer zu Computer über das Internet gemacht. Mit Hilfe der Software CU-SeeMe könne man eine Videokonferenz auch über größere Distanzen hinweg betreiben.

Die Idee sei nun, daß Michael Mascha für die Studenten des Hochschullehrganges für Europajournalismus eine Vorlesung aus Los Angeles halten könnte und direkt an ihn Fragen gerichtet werden könnten.

Von den Möglichkeiten und Einsatzgebieten von Videokonferenzsystemen und Bild-Telephonen hatte ich natürlich schon gelesen bzw. auch solche demonstriert gesehen; allerdings sind solche Systeme und die Verbindungskosten enorm kostspielig. Außerdem braucht man dazu eigene breitbandige Leitungen im Bereich von 512-Kbit bis 2 Mbit. Daß man aber nun mit Hilfe eines kleinen Programmes jederzeit selbst eine solche oder ähnliche Verbindung mit der bestehenden 128-Kbit-Leitung des Instituts von Schreibtisch zu Schreibtisch schaffen kann, war neu und faszinierend.

Während des Gesprächs mit Tatjana Nikitsch, die außerdem als freie Journalistin beim Österreichischen Rundfunk (ORF) mitarbeitet, merkte ich unsere wachsende Begeisterung für dieses Experiment, bei dem es natürlich abgesehen von möglichen technischen Hindernissen einige kommunikationswissenschaftlich äußerst interessante Perspektiven gab.

Also sagte ich "Ja" auf die Frage meiner schon Fast-Partnerin mit dem klingenden Namen, ob ich ihr bei der Realisierung dieser Idee behilflich sein wolle, bzw. für "das Institut" sei das sicher von Interesse.


Technische Aspekte

Das Internet - Zauberformel des ausklingenden 20. Jahrhunderts - ist nichts anderes als der weltweite Zusammenschluß von lokalen kleineren oder größeren Computer-Netzwerken (Local Area Network - LAN bzw. Wide Area Network - WAN). Erst die technische Realisierung des Zusammenschließens dieser lokalen Netze in den letzten fünf Jahren ergeben das "Internet". Derzeit sind ca. 45.000 Netze in etwa 84 Ländern zum Internet verbunden, Tendenz steigend; monatlich kommen weltweit etwa 1 Million Teilnehmer dazu.

Seit 1992 ist auch das Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft im 18. Wiener Gemeindebezirk mit einer 128-Kbit-Leitung über das EDV-Zentrum der Universität Wien an das Internet angeschlossen [2] .

Am Institut sind derzeit 45 Apple Macintosh in einem Netzwerk verbunden. Ungefähr 30 verschiedene Softwarelösungen sind am Institut in Verwendung, darunter auch Verknüpfungen mit dem audiovisuellen Bereich. Alle Computer haben über Mac TCP vollen Internet-Zugriff (Telnet, FTP, E-Mail, World Wide Web). Einige Maschinen sind mit einem Videodigitizer ausgerüstet, das und der Internet-Anschluß sind Voraussetzung für eine Internet-Videokonferenz. Weiters wird QuickTime von Apple und die Software CU-SeeMe (See you - See me) [3] von der Cornell University benötigt, die die Übertragung von Bewegtbildern und Tönen von Macintosh zu Macintosh ermöglicht.

Die ersten Proben zwischen Tatjana Nikitsch, mir und Michael Mascha wurden mit einem PowerMac 7100/66av auf Wiener Seite und einem PowerMac 8100/80av in Los Angeles durchgeführt. In Wien haben wir vorerst eine Amateurvideokamera an die Video-In-Karte angeschlossen und dann bei der eigentlichen Veranstaltung eine JVC 3-Chip S-VHS professional Kamera verwendet. Um den weiten Datenweg von Wien nach Los Angeles nicht noch mit zusätzlichen Datenpaketen zu belasten, haben wir die Tonverbindung über das normale Telephonnetz hergestellt. Der vom amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore geprägte Begriff "Information-Highway" oder Datenautobahn ist eine Fiktion, die vielleicht in zehn Jahren Realität werden wird, wenn wirklich "alle" Haushalte mit Glasfaserkabel und Multi-Media-Geräten, sogenannte "All-in-one-Computer", ausgestattet und damit audiovisuelle Informationsvermittlungen im Megabyte- oder sogar Gigabyte-Bereich möglich sein werden. Mitte der 90er Jahre sollte man also besser von einem "Daten-Feldweg-System" sprechen.

Dessen ungeachtet war es uns bei Optimierung aller Parameter nicht möglich, mehr als 0.8 bis etwa 10 Bilder pro Sekunde in Graustufen gegenseitig zu übertragen (1 Sekunde Videobild besteht aus 25 Einzelbildern). Da CU-SeeMe als das derzeit fortgeschrittenste Internet-Videokonferenzsystem gilt, liegt die Ursache wohl an der zu geringen Bandbreite bzw. daran, daß einfach zuviele "Autos" also versendete Pakete auf dem "Highway" fahren. Dies trifft vor allem auf die Datenleitung von Wien nach Paris zu; ein Teilstück, über die der gesamte Verkehr nach USA abgewickelt wird.

In unserem Fall ging es wohl auch darum, zu zeigen, was technisch mit den bestehenden Ressourcen des Instituts zu verwirklichen ist, und damit tatsächlich eine sichtbare Verbindung zwischen zwei voneinander weit entfernten Computern hergestellt werden kann; Hochschullehrer können mit Studenten auf einem anderen Kontinent in eine virtuelle "face-to-face"-Kommunikation treten.


Inhalte

Die technischen Details und Probleme waren nun also gelöst. Immerhin auch eine interessante Erfahrung, wenn man bedenkt, daß in Österreich Anfang 1995 über Internet und Daten-Highway mehr geschrieben und diskutiert wurde als praktisch durchgeführt.

Welche Inhalte könnten die Studenten in Wien und Los Angeles unter der Transfomation dieses neuen Mediums also interessieren? Naheliegend war es natürlich, das Medium zum Inhalt zu machen. Wir gliederten die 60minütige Veranstaltung in drei Teile:

 

In der Einleitung stellte ich die beiden Institute, Tatjana Nikitsch, Professor Michael Mascha, die Technik und den Ablauf vor.
In seinem Vortrag über das Internet bzw. das World Wide Web gab Michael Mascha eine Einführung in die Welt der vernetzten Computer. Er erklärte kurz Wesen und Entwicklung des World Wide Web; eine eigens für diese Veranstaltung zusammengestellte WWW-Seite "Beyond the Web http://www.usc.edu/dept/v-lib/lectures/beyondw3.html)" am WWW-Server des Instituts für Anthropologie in Los Angeles erläuterte mit zahlreichen Hyperlinks "bildlich" die Zusammenhänge. Im Hörsaal in Wien haben wir die entsprechenden Seiten mit dem WWW-Clienten Netscape synchron zum Vortrag von Michael Mascha aufgerufen. Nach etwa 20 Minuten haben wir den Vortrag für Fragen unterbrochen.
Die erste Frage aus dem Wiener Auditorium stellte fest, daß "dies eine Veranstaltung sei, die ungefähr die Qualität habe wie die erste Mondlandung" und "man würde hier die Kirche um das Dorf herumtragen; vom Event her sei das zwar sehr spannend, aber technisch sei das Ganze steinzeitlich" (Herr Frank, Werbeakademie).

Answer  Michael Mascha (AIFF File, Macintosh)


Answer Michael Mascha (WAV File, DOS)

Meine Antwort darauf war, daß "wir uns hier nicht auf einem 'Daten-Highway' befinden, wie die Medien uns das glauben machen wollen, sondern lediglich auf einem 'Datenfeldweg' unterwegs sind. Sinn und Zweck dieser Veranstaltung ist es, mit den bestehenden technischen Ressourcen der beiden Institute zu zeigen, daß Bild- und Toninhalte von Computer zu Computer on-line transportiert werden können und damit eine einfache Möglichkeit offeriert wird, mit weit entfernten Menschen zu kommunizieren."

Answer  Michael Mascha (AIFF File, Macintosh)


Answer Michael Mascha (WAV File, DOS)

Weitere Fragen stellte Professor Bauer vom Wiener Publizistik-Institut:

"Wie kann man diese Computernetzwerke und die Neuen Medien für eine Weiterentwicklung und eine Mobilisierung einer internationalen Wissenschaftskommunikation nützen, so daß man diese Entwicklung nicht nur im didaktischen Bereich, sondern auch für die Kommunikation von Forschern in laufenden Forschungsprojekten einsetzen kann?"

Answer  Michael Mascha (AIFF File, Macintosh)


Answer Michael Mascha (WAV File, DOS)

Frage: "Was ich mir vorstellen könnte, wäre, daß man eine internationale Wissenschaftlerkommunikation in einem laufenden Forschungsprojekt aufbauen könnte, so daß man zu Forschungfragen ziemlich aktuell und spontan unterschiedliche Meinungen weltweit einholen kann. Das könnte nicht nur zu einer quantitativen Ausweitung der wissenschaftlichen Kommunikation der Beteiligten führen, sondern auch ein neuer Weg sein."

Answer  Michael Mascha (AIFF File, Macintosh)


Answer Michael Mascha (WAV File, DOS)

Frage: "Ich sehe noch eine dritte Möglichkeit: Daß man nämlich so etwas wie ein Virtuel-Mobility-Programm für Studenten aufbauen könnte, d. h. es könnten Studenten aus verschiedenen Orten, die jeweils an ihren Orten bleiben, durchaus in eine wissenschaftliche Kommunikation eintreten und somit ein virtuelles Seminar zwischen verschiedenen Wissenschaftsinstitutionen durchführen. Das wäre im Grunde, wenn das technisch funktioniert, doch eine gute Möglichkeit, interkulturelles Lernen zu ermöglichen?"

Answer  Michael Mascha (AIFF File, Macintosh)


Answer Michael Mascha (WAV File, DOS)

Es folgten noch einige Fragen und Antworten, die sich mehr mit grundsätzlichen Themen zum Internet beschäftigten.
Anschließend präsentierte Michael Mascha das Mercury-Projekt, das er gemeinsam mit Kenneth Goldberg und Nick Rothenburg am Center for Visual Anthropology an der USC entwickelt hat.
Mit dem "Mercury Project - Robotic Teleexcavation" ist es erstmals gelungen, das System des "brain-eye"-Konzepts um die "arm"-Technologie zu erweitern. Internet-Teilnehmer auf der ganzen Welt können mit Clientenprogrammen, wie z.B. "Netscape Navigator", einen Roboterarm mit einer Videokamera steuern. Die Kamera blickt in einen Sandkasten, in dem verschiedene Gegenstände in einem bestimmten Zeitraum selbstgesteuert zu entdecken sind. Anmerkungen zum Projekt oder zu den gefundenen Gegenständen konnten via E-Mail sofort und für die Internet-Community einsehbar übermittelt werden. Im Projektzeitraum waren 2,5 Millionen Log-in zu verzeichnen.



Mediendidaktische Überlegungen

Video-Conferencing, Tele-Learning (Distance-Learning) und Tele-Teaching (Distance-Teaching) sind die neuen medialen Highlights einer zukünftigen Multimedia-Gesellschaft. Das "virtuelle Klassenzimmer" wird fixer Bestandteil von Schulen, Universitäten, Verwaltungseinrichtungen und Fortbildungseinrichtungen werden. Bereits heute werden Video-Konferenzsysteme im Business-Bereich erfolgreich eingesetzt. Sinkende Hardware-, Errichtungs- und Leitungskosten werden solche Systeme in einer Gesellschaft mit steigendem Zeitdefizit noch attraktiver machen. Die seit Mitte der 80er Jahre rasante Technikentwicklung im Bereich der EDV und der audiovisuellen Systeme bzw. deren derzeit schnelle Verschmelzung, überrascht selbst technikgewöhnte Menschen. Obwohl die Hersteller von Hard- und Software ständig beteuern, daß ihre Produkte benutzerfreundlicher und damit schneller zu bedienen sind, muß für ständige Funktionserweiterungen und die Erhaltung der Systeme mehr Zeit aufgewendet werden, als Vorteile und Zeitersparnis durch Verbesserungen zu erwarten wären. Dies schafft ein permanentes Streßklima bzw. der Reizüberforderung, dem viele Anwender durch konsequente Verweigerung zu entgehen versuchen. Junge StudentInnen der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft verweigern bereits den Umgang mit modernen technischen Kommunikationsmitteln mit der Begründung, daß diese Maschinen "Zeit stehlen", "unnütze Informationen enthalten" bzw. die gebotene Informationsfülle "Angst" verursache. Dies sind Fakten, die beim Einsetzen solcher Technologien sorgfältig bedacht werden müssen, da sonst die soziale Wissenskluft unserer Gesellschaft noch weiter vergrößert wird. Der "tertiäre Analphabetismus", also die Unfähigkeit, technische Alltagsmaschinen - von modernen Küchengeräten bis zum Videorecorder und Computer - zu bedienen, trifft heute bereits viele Menschen ab dem 30. Lebensjahr. Erst die "intelligenten" Computer jenseits der Jahrtausendwende werden mit ihren "Agentenprogrammen" in der Lage sein, Technik und Bedienung völlig in den Hintergrund zu drängen. Frei programmierbare "All-in-one"-Computer werden zwanglos mit uns kommunizieren und selbsttätig Aufgaben für uns ausführen. Der Supercomputer HAL 9000 in Stanley Kubricks filmischem Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltraum" und "2010 - verschollen im Weltraum" von Peter Hyams, gibt eine ungefähre Ahnung der Möglichkeiten.
Die im Vergleich mit diesen Szenarien bescheiden wirkende "Videokonferenz" vom 8. März 1995 war für alle Beteiligten wohl einerseits eine Demonstration des technisch Machbaren ("Null-Budget" und Verwendung vorhandener Infrastruktur) und andererseits eine hochinteressante didaktische Erfahrung der Nutzung des vielgepriesenen "Daten-Highways" als neues Kommunikationsmedium. Da wir natürlich vor der Veranstaltung eine entsprechende PR-Aussendung an Vertreter der Medien, verschiedener Ministerien und öffentliche Bildungseinrichtungen verschickt hatten, war der Große Hörsaal des Instituts bis auf die letzten Reihen gefüllt, sogar der ORF war anwesend. Lehrveranstaltungen dauern an der Universität in der Regel 90 Minuten; allerdings war uns klar, daß wir höchstens 60 Minuten Aufmerksamkeit des Auditoriums erreichen konnten. Die für viele doch verwirrende Technik und die starke Wärmeentwicklung im nichtklimatisierten Hörsaal waren kleine aber bemerkbare Aspekte. Es stand auch fest, daß es unmöglich wäre, 60 Minuten lang einen unbekannten Wissenschaftler von der Leinwand (Großbildprojektion) einen Vortrag über etwas halten zu lassen, von dem ein Großteil der Zuhörer keine Ahnung haben, noch dazu in ruckelnden Graustufenbildern. Das Ganze mußte also in Form einer abwechslungsreichen "Show" präsentiert werden, um die Aufmerksamkeit über 60 Minuten zu erhalten.
Am Beginn stand also eine kurze Diashow mit dem Programm Aldus Persuasion, in dem der Titel der Veranstaltung und die Logos der beiden Institute gezeigt wurden. Akustisch begleitet wurde die Präsentation mit zwei Minuten aus der Dritten Symphonie, vierter Satz, von Aaron Copland. Copland ist ein zeitgenössischer amerikanischer Komponist, dessen Musik die Dimensionen Amerikas malerisch beschreibt. In der nachfolgenden Begrüßung stellte ich alle Beteiligten vor und erklärte den Programmablauf. Mit einer überleitenden Frage übergab ich das Wort an Michael Mascha in Los Angeles, der sodann mit seinem Vortrag über das Internet bzw. World Wide Web begann. Wie schon erwähnt, haben wir die Tonverbindung, um die Datenleitung zu "schonen", mit einer normalen Telephonverbindung hergestellt und in die Lautsprecheranlage des Hörsaals mit einem Funkmikrophon eingespeist. Zusätzlich zur relativ schlechten Tonqualität, die über die Datenleitung allerdings auch nicht viel besser gewesen wäre, kamen noch "Sprachprobleme", da die Zuhörer im Hörsaal in Los Angeles nicht Deutsch verstanden, der Vortrag von Michael Mascha erfolgte also nach einer kurzen deutschen Einleitung in Englisch. Dies sollte eigentlich kein Problem darstellen. In unserem Fall war allerdings das inhaltliche Vorwissen bei den beiden Auditorien in Wien und Los Angeles schon verschieden: Das Auditorium in Los Angeles bestand größtenteils aus Insidern, das Wiener Auditorium hatte teilweise nur geringfügiges Vorwissen zum Thema Internet und World Wide Web und keinerlei Vorwissen zum Mercury-Projekt. So wurde der Vortrag in Englisch über Internet und World Wide Web relativ gut verstanden, die Präsentation des Mercury-Projekts hingegen wurde, trotz live-Präsentation durch Tatjana Nikitsch mit Netscape, sehr schlecht verstanden. Dieses Manko konnte teilweise durch Zwischenfragen wieder ausgeglichen werden. Die Präsentation des Mercury-Projekts erfolgte über Anleitung von Michael Mascha, Tatjana Nikitsch steuerte den Roboter in Los Angeles über Netscape; die Fenster von CU SeeMe und Netscape standen nebeneinander auf der Projektionswand, was den Eindruck der "Gegenwärtigkeit" verstärkte. Gleichzeitig übertrug unsere Kamera das Geschehen auf der Projektionswand nach Los Angeles; im Hörsaal von Los Angeles konnten unsere Mausbewegungen genau beobachtet werden.


Mascha

Auditorium Wien

Nikitsch, Bobrowsky

Projektion Wien

Projektion Los Angeles

Auditorium Los Angeles

Mascha

Kamera Wien, R. Winkler



In einer anderen Variante hätte Michael Mascha mit einem zusätzlichen Programm ("Timbuktu") unseren Macintosh im Hörsaal "fernsteuern" können. Mit diesem Programm kann man in die Mausführung auf einem anderen Macintosh eingreifen bzw. übernehmen. Diese Möglichkeit haben wir jedoch verworfen, da sie durch die erhöhte "Virtualität" zu noch zusätzlicher Verwirrung der Zuseher geführt hätte. Das "virtuelle Klassenzimmer" bildete den Auftakt zu einer Reihe von ähnlichen Veranstaltungen wie der Live-Vorlesung von Umberto Eco aus Bologna am 3. Mai 1995 und der Satellitenkonferenz Wien-Moskau, -New York, -Brüssel, -London am 19. Mai 1995. Diese beiden Veranstaltungen verfolgten mit größerem technischen Aufwand und besserer Übertragungsqualität das gleiche Ziel: die audiovisuelle Kontaktnahme mit Menschen an verschiedenen Orten dieser Welt.


Hinweise:

Es gibt bereits ein Nachfolgeprojekt zum Mercury-Projekt: The Tele-Garden. A Tele-Robotic Installation on the WWW. Das Tele-Garden-Projekt erlaubt dem Anwender, in einen lebenden Garten zu schauen und mit Hilfe des Roboters den Blickwinkel zu verändern. Eingetragene Mitglieder können sogar über das Internet Pflanzungen veranlassen und den Garten bewässern.


[1] Universitätsgang für Öffentlichkeitsarbeit ist - wie auch der Universitätslehrgang für Markt- und Meinungsforschung - eine fixe Einrichtung am Wiener Publizistik-Institut.

[2] In dem Aufsatz "Das Österreichische Akademische Computernetz (ACOnet) von Walter Kunft, Peter Rastl und Hermann Steinringer sind Entwicklung und Ausbau des österreichischen Datennetzes ausführlich beschrieben. Der Aufsatz kann als Postscript-Datei vom FTP-Server der Universität Wien unter "ftp.univie.ac.at /netinfo/aconet/aconet-doc.english.ps (englischer Text) und ftp.univie.ac.at/netinfo/aconet/aconet-doc.german.ps (deutscher Text) heruntergeladen werden. Weitere Informationen über Datennetze in Österreich und weltweit.

[3] CU-SeeMe ist Public Domain und kann mit umfangreichen Dokumentationen im WWW über http://goliath.wpine.com/cu-seeme.html bezogen werden.


Für den Inhalt verantwortlich: Manfred Bobrowsky