Sind Bücher über Zeitzeugen heute lesenswert?

Einleitung aus dem Buch
Manfred Bobrowsky (Hg.), "Schreiben im Widerstand - Österreichische Publizisten 1933-1945", 295 Seiten mit 9 Abbildungen, Picus Verlag, Wien 1993, ISBN 3-85452-228-2

"Nur die Verdrängung der Geschichte macht die Geschichte harmlos,
ermöglicht ihren Mißbrauch als Stimulans und hilft beträchtlich bei
der Wiederholung alter, historisch verblaßter Fehler."
(Bert Engelmann: Wir hab'n ja den Kopf noch fest auf dem Hals, 1987)


Sind Bücher über Zeitzeugen heute lesenswert? Stellt eine solche Frage nicht die Würde von anerkannten Zeitzeugen in Abrede? Haben Zeitzeugen Würde, und vom wem sind sie anerkannt? Namentlich mit seinen Leistungen in einem Geschichtsbuch zu stehen, mag Anerkennung sein; das papierene Gedächtnis der Ewigkeit erreicht aber erst seinen Zweck, wenn historische Personen und Ereignisse dauerhaft in den Köpfen und Bäuchen der Lebenden verankert sind. Sind daraus Wirkungen möglich, die zur zukünftigen Vermeidung von Krieg, Unrecht, Antisemitismus, Rassismus, Haß, Selbstgefälligkeit und Entwürdigung führen? Die Kurzfristigkeit der Wirkungen historischer Erkenntnisprozesse in der Kulturgeschichte der Menschheit ist hinlänglich bekannt. Zentraler Punkt der Geschichte ist die Wahrung der Würde des einzelnen. Der Verdienst der Historienschreiber und der Wert ihrer Skripten steht außer Zweifel. Doch was nützen alle Geschichtsfakten, wenn keine dauerhaften Erkenntnisse daraus resultieren? Die westliche zivilisierte Welt scheint zumindest daraus gelernt zu haben, daß Kriege in den eigenen Regionen zu führen nicht sinnvoll, Waffenlieferungen in entfernte Länder zu exportieren hingegen zweckdienlich ist. Der Satz "Jede Generation braucht ihren Krieg!" ist für hochentwickelte Demokratien heute historische Abnormität. Im Streben nach Wohlstand und gesellschaftlicher Pseudoanerkennung übersehen wir jedoch, daß die Impfungen gegen die Volkskrankheit Nationalsozialismus längst ihre Wirkung verloren haben bzw. der Virus bereits mutiert ist und in neuer politischer Couleur die Köpfe der Menschen verwirrt.

Das seit 1988 von mir geleitete Projekt "Oral Video History - Österreichische Publizisten im Widerstand", an dem Studenten des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien laufend mitarbeiten, beschäftigt sich vor allem mit der Erfassung der subjektiven Erinnerungen von Österreicherinnen und Österreichern, die in innerer wie äußerer Emigration publizistischen Widerstand gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus geleistet haben.
Die qualitative Methode der "Oral History" zwingt den Anwender, sich exzessiv mit Persönlichkeit und historischer Vergangenheit seines Interviewpartners auseinanderzusetzen und so eine verdichtete Ereignis-Collage eines Zeitabschnittes zu dokumentieren. "Oral History" ist eine Methode, die einen in mündlicher Form vermittelten Bestand an historischen Informationen einer bestimmten Person als stenographische Mitschrift, auf Tonband, Tonfilm oder Videoband sammelt. Endprodukt ist ein maschingeschriebenes, redigiertes, mit Register, Lebenslauf, Anmerkungen und Literaturhinweisen versehenes Transkript dessen, was ein Mensch im Laufe eines oder mehrerer Interviews einem anderen mit der Absicht erzählt, etwas von bleibendem Informationswert zu vermitteln. Dies kann die Lebensgeschichte des Interviewten oder auch nur ein Lebensausschnitt, eine Begebenheit oder eine Meinung zu einem bestimmten Thema sein, wobei der Konnex und die Relevanz zu historischen Ereignissen nicht unbedingt evident sein muß.

Oral History ist weder mündlicher Natur noch Geschichte per se, sie ist auch kein genaues mathematisch-empirisches Instrument zur exakten Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern eine Methode, die mit voller Absicht subjektive Einstellungen und Eindrücke, Daten, die mit den strengen Maßstäben der empirischen Forschung nicht "kodierbar", nicht greifbar sind, sichtbar machen will. Vorrangig ist dabei nicht, ob die im Interview gemachten Aussagen "richtig" oder "falsch" sind, sondern wie Menschen aus einem bestimmten Kulturkreis, mit dieser oder jener Bildung und politischen Einstellung, diese oder jene historischen Ereignisse und Prozesse subjektiv erlebt haben. [Videographische Erinnerungen. Die ungeschriebenen Lebensgeschichten. In: Manfred Bobrowsky (Hg.): Geschichte spüren. Österreichische Publizisten im Widerstand, Wien 1990, S. 7-22.]

Besondere Verdeutlichung können die Aussagen der Interviewpartner durch Gestik, Mimik und sprachliche Intonation erreichen. Die Wiedergabe dieser nonverbalen Informationen ist bei schriftlicher Aufzeichnung natürlich nur bedingt möglich. Da jedoch nonverbales Verhalten viermal so informativ ist wie verbales Verhalten, und Köpersprache außerdem nicht so bewußt gesteuert werden kann, sind solche Tiefeninterviews nur unter Einbeziehung audiovisueller Medien sinnvoll. Geschriebene Worte erzeugen jedenfalls Bilder in unseren Vorstellungen, die durch Darstellung nonverbalen Verhaltens verstärkt bzw. korrigiert werden können.

Über den objektiven Wert und die Richtigkeit der gewonnenen Aufzeichnungen läßt sich diskutieren, unbestreitbar ist jedoch die Authentizität des Erlebten, das in der Geschichtswelt des Faktischen eben diese Fakten zumindest bestätigen kann.

Bis jetzt liegen 25 Originalvideofilme bzw. geschnittene Dokumentationen über Heinz Altschul, Georg Auer, Richard Berczeller, Egon Blaschka, Robert Breuer, Antonia Bruha, Heinz Cleve, Karl Frick, Wilhelm Gründorfer, Otto Horn, Alfred Jenauth, Fritzi Kodicek, Jenö Kostmann, Antonie Lehr, Wilma Lettner, Josef Meisel, Lucian O. Meysels, Fritz Molden, Gertrud Obzyna-Vogl, Leopold Spira, Ester Tencer, Willy Verkauf-Verlon, Arthur West, Leon Zelman und Clementine Zernik am Institut vor. 43 Studentinnen und Studenten haben daran bisher mitgewirkt. Zehn dieser Interviews wurden bereits in "Geschichte spüren. Österreichische Publizisten im Widerstand" im Picus Verlag 1990 von mir herausgegeben, weitere acht sind nun in diesem Buch veröffentlicht und mögen zur Immunisierung gegen Nationalsozialismus, Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit beitragen, denn "es ist die Erregung in dieser Zeit, die uns mittreibt und mitlaufen läßt" (Karl E. Trauttmansdorff: Kampfläufer oder Charly und die Mödlinger, Wien 1991).


Für den Inhalt verantwortlich: Manfred Bobrowsky