Videographische Erinnerungen - Die ungeschriebenen Lebensgeschichten

(in: Manfred Bobrowsky (Hg.), "Geschichte spüren - Österreichische Publizisten im Widerstand", 279 Seiten mit 30 Abbildungen, Picus Verlag, Wien 1991, ISBN 3-85452-216-9)

Individuelle Betreuung der Studierenden ist an den heutigen Massenuniversitäten fast unmöglich geworden. Das wirkt sich besonders auf die geisteswissenschaftlichen Fächer aus, in denen die interpersonelle Kommunikation - Wissens- und Meinungsaustausch - zwischen Lehrern und Studenten unabdingbare Voraussetzung für den Studienerfolg und auch für den Wissenschaftsfortschritt ist.

Die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat als relativ junge Disziplin, mit ihren Wurzeln in der europäischen historischen Zeitungswissenschaft und der empirischen Kommunikationsforschung aus Amerika, die schwierige Aufgabe erworben, gleich für eine Vielzahl von Berufsfeldern die Wissensvorbildung und den Diskurs übernehmen zu müssen. Die globalen Praxisfelder Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung sind die bekanntesten, die in Wien und Salzburg mit diesem Fach von Tausenden Studenten inskribiert werden; dazu kommen noch heterogenere Berufsfelder wie Information und Dokumentation, Medienpolitik, Medienforschung, Medienmanagement und Medienpädagogik. Der vermeintlich hohe Praxisbezug der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft stellt einen starken Anreiz für die Studierenden dar, bei dem gern die notwendigen theoretischen Ansätze übersehen werden. Diesen theoretischen Modellen stehen Forschungsmethoden zur Seite, deren traditionelle Techniken oft nur trockene empirische Daten liefern, die das Umfeld des Forschungsgegenstandes als ganzheitliches gesellschaftliches Phänomen nicht oder kaum beachten.

 

Biographische Forschung - Qualität versus Quantität

Zeitzeugen sind heute für den Geschichtsforschenden von immer größerem Interesse, sie sind die einzigen noch "lebenden" Quellen einer Epoche, die historische Emotionalität reproduzieren können; ihre subjektiven Erinnerungen und lebensgeschichtlichen Eindrücke ermöglichen damit ein besseres Verständnis der "objektiven" Geschichtsschreibung. Die Zeitzeugenforschung oder auch Biographische Forschung ist ein qualitativer Forschungsansatz, der versucht, gesellschaftliche Phänomene aus einer subjektiven und ganzheitlichen Perspektive zu betrachten.

Die weitere Überlegung, daß die Zweite Republik auf dem Weg ins 21. Jahrhundert vielleicht auf manche ihrer publizistischen Persönlichkeiten, die unter dem Nationalsozialismus emigrieren mußten und im Widerstand für ein neues, freies Österreich gearbeitet haben, vergessen könnte, führten zu dem Projekt "Oral History (Mündliche Geschichtsüberlieferung) - Österreichische Exilpublizisten im Widerstand 1933-1945", das ich seit 1988 mit Studenten gemeinsam durchführe.

Die erstmals in diesem Buch veröffentlichten zehn biographischen Einzelfallstudien mit Heinz Cleve, Karl Frick, Jenö Kostmann, Antonie Lehr, Wilma Lettner, Josef Meisel, Lucian O. Meysels, Ester Tencer, Willy Verkauf-Verlon und Arthur West stellen die Umstände, Bedingungen und Möglichkeiten ihrer publizistischen Arbeit in der Emigration dar. Die Oral Authors sind uns teilweise völlig unbekannt, ihre Leistungen in mündlicher, schriftlicher und künstlerischer Form im Widerstand sind unzugängliche Teile unserer Geschichte - Geschichte(n) im Kopf und im Herzen.

Oral History ist eine Methode, die einen in mündlicher Form vermittelten Bestand an historischen Informationen einer bestimmten Person als stenographische Mitschrift, auf Tonband, Tonfilm oder Videoband sammelt. Endprodukt ist ein maschingeschriebenes, redigiertes, mit Register, Lebenslauf, Anmerkungen und Literaturhinweisen versehenes Transkript dessen, was ein Mensch im Laufe eines oder mehrerer Interviews einem anderen mit der Absicht erzählt, etwas von bleibendem Informationswert zu vermitteln. Dies kann die Lebensgeschichte des Interviewten oder auch nur ein Lebensausschnitt, eine Begebenheit oder eine Meinung zu einem bestimmten Thema sein, wobei der Konnex und die Relevanz zu historischen Ereignissen nicht unbedingt evident sein muß.

Oral History ist weder mündlicher Natur noch Geschichte per se, sie ist auch kein genaues mathematisch-empirisches Instrument zur exakten Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern eine Methode, die mit voller Absicht subjektive Einstellungen und Eindrücke, Daten, die mit den strengen Maßstäben der empirischen Forschung nicht "kodierbar", nicht greifbar sind, sichtbar machen will. Vorrangig ist dabei nicht, ob die im Interview gemachten Aussagen "richtig" oder "falsch" sind, sondern wie Menschen aus einem bestimmten Kulturkreis, mit dieser oder jener Bildung und politischen Einstellung, diese oder jene historischen Ereignisse und Prozesse subjektiv erlebt haben.

Oral History ist biographische Erinnerung, die alle Vorwürfe der entgegengesetzten quantitativen Forschung auf sich zieht: Die Ergebnisse seien nicht überprüfbar, nicht miteinander vergleichbar, zu wenig exakt und zuverlässig, überhaupt nicht repräsentativ und schon gar nicht objektiv. Dennoch wird heute die Erfassung und Interpretation von subjektivem Erleben in zunehmendem Maß zur Erforschung von historischen Abläufen herangezogen.

Oral History kann das intime und qualitative Vermittlungsmedium der Mächtigen wie der Sprachlosen sein. Die Erkenntnis, daß Geschichte sich nicht nur durch Entscheidungshandlungen einiger großer historischer Persönlichkeiten manifestiert, eröffnet den Zugang und das Interesse an einer "Geschichte von innen"; die persönliche Lebensgeschichte des einzelnen, die Lebensgeschichten von Randgruppen und Minderheiten prägen und formen das historische Schicksal einer Nation unsichtbar und undokumentiert. So ist die Erforschung der Geschichte der Betroffenen - Bauern und Arbeiter, der Angestellten, der Arbeits- und Obdachlosen - auch erklärtes Ziel der Oral History.

Historisch reicht die Entstehungsgeschichte der Oral History bis in die Antike zurück. Der griechische Schritsteller Plutarchos (ca. 50-120 n. Chr.) gilt als der Schöpfer der Biographischen Forschung. In seinen Parallelbiographien stellt er jeweils ausgezeichnete Männer Griechenlands jenen Roms gegenüber, um deren Charaktere, Schicksale und Taten im Kontrast besser hervorheben zu können. Biographien waren für den Griechen und sind für die moderne sozialhistorische Wissenschaft Ansatzpunkte, um die Verknüpfungen individueller Lebenswelten und sozialer Umwelt sichtbar zu machen. Im Laufe der Zeit wurden Biographien ein beliebtes Mittel, um herausragenden Persönlichkeiten, wie weltlichen und geistlichen Herrschern, Künstlern und Schriftstellern, einen Kranz zu flechten und ihre Taten zu überliefern.
Die methodische Anwendung Biographischer Forschung erfolgte erstmals am Beginn unseres Jahrhunderts in Amerika. Die Studie "The Polish Peasent in Europe and America" von William I. Thomas und Florian Znaniecki - ein "Klassiker" der qualitativen Sozialforschung - wurde zwischen 1918 und 1920 in Chicago durchgeführt und untersucht einerseits den Einfluß der Zeitungen auf die Bauern in Polen und andererseits die Wirkung auf die polnischen Auswanderer in Amerika.

Zwei Anekdoten über die Entdeckung der Biographischen Methode sind so abenteuerlich, wie man sich die Praxis der Wissenschaft manchmal wünscht: Den Beginn seines Interesses an biographischen Dokumenten führt Thomas "auf einen langen Brief zurück, den ich eines regnerischen Tages auf dem Weg hinter meinem Haus aufsammelte; es war der Brief eines Mädchens, das an einem Ausbildungskurs in einem Krankenhaus teilnahm; er richtete sich an ihren Vater und drehte sich um die familiären Beziehungen und Mißstimmigkeiten. Mir schien es damals,als könnte man eine Menge lernen, wenn man im Besitz einer Reihe solcher Briefe wäre".[1]

Die zweite Geschichte erzählt, wie bei einem Spaziergang im polnischen Viertel Chicagos plötzlich jemand über den Kopf von Thomas einen Mülleimer ausleert. "Als Thomas zur Seite sprang, sah er ein Paket wohlgeordneter Briefe zur Erde fallen. Er nahm sie an sich und entdeckte beim Lesen (sie waren in polnischer Sprache), daß sie eine Fundgrube für den Forscher darstellten." [2]

Anfang der dreißiger Jahre kam Allan Nevins, Professor an der Columbia University, während der Arbeit an einer Cleveland-Biographie (1932)[3], zu der er die wenigen noch lebenden Mitglieder der Regierung Cleveland interviewte, auf die Idee, solche Interviews systematisch durchzuführen und zu sammeln. Das ständige Lesen der Nachrufe in der New Yorker Zeitung machte ihm den Gedanken unerträglich, daß die Verstorbenen ihre Erlebnisse und Erfahrungen mit ins Grab nehmen; ein enormer Schatz an Erinnerungen jedenfalls, der für immer restlos verloren ist. 1938 trat er zum ersten Mal mit dieser Idee an die Öffentlichkeit und machte den Vorschlag zu "einer Organisation, die den systematischen Versuch unternehmen soll, aus dem Munde und den Dokumenten noch lebender Amerikaner, die auf ein bedeutsames Leben zurückblicken können, eine vollständigere Beschreibung ihrer Teilnahme am politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben der letzten sechzig Jahre zu erhalten".[4]

Einige Jahre sollten aber noch vergehen, bis Allan Nevins das Oral History-Institut an der Columbia University/New York und die Zeitschrift "American Heritage" gründen konnte. Frederic Bancroft, ein Absolvent der Columbia University, der von seinem verstorbenen Bruder zwei Millionen Dollar geerbt hatte, war mit Nevins befreundet und vermachte nach seinem Tod sein gesamtes Vermögen der Columbia University zur Förderung der historischen Forschung.

Das erste Oral History-Interview fand am 18. Mai 1948 in der 75. Straße des 120. Bezirks von New York City in der Wohnung von George McAneny, einem führenden Kommunalpolitiker, statt. McAneny erzählte u.a. in diesem Interview über die verschiedenen Bürgermeister der Stadt, über die Bauordnungen, die den New Yorker Wolkenkratzer ihr Aussehen gaben, den Bau des Untergrundbahnsystems und über die Weltausstellung von 1939. Während des Interviews versuchte der Student Dean Albertson, jedes Wort auf Papier mit Bleistift festzuhalten. Nach dem Interview raste Albertson nach Hause, um diese Notizen so schnell wie möglich mit der Schreibmaschine zu transkribieren. "Von 1885 bis 1892 war ich Reporter bei der New York World",[5] lautete der erste Satz. Somit war der Grundstein für eine neuartige sozialhistorische Methode gelegt, die in der Folge in den USA große Tradition und Bedeutung erreichte. Die Columbia University gilt heute noch als das "Stammhaus" der Oral History.[6] Weniger wichtig waren George McAneny seine festgehaltenen Schilderungen; er verstarb 1953, ohne seine Interviewtranskripte überarbeitet zu haben.

Die stenographische Mitschrift wurde schon ein halbes Jahr später durch ein Webster-Drahttongerät ersetzt, das erste Interview damit wurde am 21. Jänner 1949 mit dem New Yorker Richter Learned Hand durchgeführt. Zumindest die technischen Probleme konnten mit dem Aufkommen elektronischer Hifi-Tonbandgeräte gelöst werden; Nevins und Albertson ersetzten die schwerfälligen Drahttongeräte nach wenigen Monaten durch Tonbandgeräte.

Die Methode selbst fand in Columbia anfangs wenig Anerkennung, Finanzierungs- und Personalprobleme beschäftigten Nevins ebenso wie mangelndes Interesse und Anerkennung in Wissenschaftskreisen. Das Erscheinen des ersten umfangreichen Kataloges mit dem Titel "The Oral History Collection" (Columbia University 1960) machte die Sammlung einer breiteren wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt, der Benutzerverkehr nahm daraufhin ständig zu, und seither erscheinen regelmäßig Supplementbände.

Von Anfang an etablierten sich auch an anderen Orten Oral History-Projekte, beispielsweise ein Projekt der Ford Motor Company über die Geschichte der Firma; Erinnerungen texanischer Ölpioniere sammelte 1952 die University of Texas. Über 80 Projekte konnte der Jahresbericht 1965 des Oral History-Instituts von Columbia aufweisen.
Der Idee eines regelmäßigen Zusammentreffens der Oral Historians wurde erstmals 1966 mit einem dreitägigen Oral History-Kolloquium in Lake Arrowhead/California Rechnung getragen. 78 Teilnehmer diskutierten ein breites Spektrum von Themen, an deren Ende der Entschluß zur Gründung einer Gesellschaft und die Absicht, regelmäßige Kolloquien abzuhalten, gefaßt wurden.

Diese Oral History Association gibt seither periodische Publikationen heraus, und die Konferenzen, an denen neben den aktiv Tätigen auch Bibliothekare, Historiker und Sozialwissenschafter teilnehmen, finden jedes Jahr im Herbst an verschiedenen Orten in den USA statt.

Eine methodologische Neuorientierung erreichte die Biographische Forschung in der Zwischenkriegszeit in Österreich mit der Studie über "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel.[7] Auf beispielhafte Weise wurden bei dieser Untersuchung 1933 die Wirkungen langanhaltender Arbeitslosigkeit mittels Methodenkombination empirischer, quantitativer und qualitativer Forschungsansätze untersucht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängten die Vertreter der "harten" quantitativen Prüfungen von Theorien die Biographische Methode im deutschsprachigen Raum, qualitative Forschungsschritte wurden nur noch als Vorstudien für quantitative Hauptstudien verwendet.

Seit den siebziger Jahren finden qualitative Methoden wieder vermehrt Anwendung vor allem in der Ethnologie, Psychologie, Volkskunde, Pädagogik, Linguistik, Literaturwissenschaft, der Medien- und Kommunikationsgeschichte und natürlich der Geschichtswissenschaft, wo die gegenstandsbezogene Erforschung des Alltags in der Familien-, Frauen- und Lokalgeschichtsschreibung die empirisch-deduktive Forschung verdrängt. "Wo Erklärungskraft und Lösungskompetenz des Zählens enden, muß die des Er-zählens beginnen." [8] Die verstärkte Aufarbeitung der Folgen von Nationalsozialismus und Krieg in den achtziger Jahren verlangte ein intensives Interesse und Verständnis für die betroffenen Personen, die als allerletzte Zeitzeugen ein empathisches Verstehen unserer Geschichtsschreibung ermöglichen.
Technische Innovationen - wie am Beginn der Bewegung - und die Erkenntnis, daß die Vermittlung von Wirklichkeit in zunehmendem Maß über audiovisuelle Medien erfolgt, eröffneten Durchbruch und Weiterentwicklung der Oral History zur "Oral Video History". Mit der Entwicklung des Videoaufzeichnungsverfahrens - also dem auf Magnetband elektronisch festgehaltenen Bild und Ton, im Gegensatz zum mechanisch bewegten und belichteten Film - und leicht bedienbarer Videokameras wurde es für jedermann möglich, schnell und billig die laufenden Bilder seiner eigenen Geschichte festzuhalten. Ebenso revolutionierten die Videoaufzeichnung und ihre digitalen Folgetechnologien die professionelle Technik der Fernsehanstalten und deren zunehmende Informationsangebote.

Verschiedene Kulturinitativen und Alternativgruppen verwendeten in der Folge die Videotechnologie als Medium, um Gegenöffentlichkeit herzustellen, die der herrschenden Medienindustrie ein kritisches Medienverständnis entgegenbringen sollte. Zahlreiche unabhängige Videoproduktionen in Österreich beschäftigten sich im wissenschaftlichen Bereich auch mit historischen Themen, wie zum Beispiel zum Februar 1934: "Auf der Suche nach dem verlorenen Februar" von Hans Safrian und Hans Witek (1984) und "Tränen statt Gewehre" von Karin Berger u. a. (1984); zu Verfolgung und Widerstand im Gebiet Bad Aussee: "Der Igel" (History Workshop Salzburg, 1985); zum antifaschistischen Widerstand von Frauen: "Küchengespräche mit Rebellinnen" von Karin Berger u. a. (1984); und der Videofilm Hermann Peseckas u. a.: "Die Zeit heilt keine Wunden. Über Zigeunerdasein im nationalsozialistischen Salzburg" (1986).[9]

Mit der Idee, daß man der Vermittlung von historischer Wirklichkeit mit audiovisuellen Originalmaterialien und Zeitzeugenaussagen viel näher kommen kann als mit Geschichtsbüchern, wurde im Österreichischen Rundfunk die Geschichte der Zweiten Republik in der Serie "Österreich II" von Hugo Portisch und Sepp Riff dargestellt. Die neue Vermittlungsmethode und die dabei zahlreich verwendeten Oral Video History-Interviews haben erst kleinste und allerkleinste Wirkungsmechanismen der österreichischen Kriegs-, Politik-, Wirtschafts-, Kultur-, Sozial- und Alltagsgeschichte deutlich und für ein breites Fernsehpublikum verstehbar gemacht.

Diese und die Folgeserie "Österreich I" des ORF, sowie zahlreiche andere historische Dokumentationen der verschiedenen Fernsehanstalten verwenden Oral Video History-Interviews als Quelle, um zu bestimmten historischen Ereignissen Antworten und Bestätigungen zu finden. "Zeitzeugen"-Sendungen hingegen beschäftigen sich ausschließlich mit der Lebensbiographie meist prominenter Persönlichkeiten. Diese "Elite-Interviews" sind wegen ihrer hohen Produktionskosten und des begrenzten Zeitbudgets nur einer kleinen Schicht von in Frage kommenden Oral Authors vorbehalten.

 

 

Das Projekt

Der universitäre Betrieb bietet der Oral History-Forschung hingegen immer noch den experimentellen und zeitlichen Freiraum, wie es der Umgang mit der komplexen Lebensgeschichte älterer Menschen und der Kommunikation mit ihnen verlangt. Die Erkenntnis, daß nonverbales Verhalten viermal so informativ ist wie verbales Verhalten [10], machen die Vorteile der Oral Video History deutlich. Neben den akustischen Informationen, wie Pausen, Intonation, Stimmelodie und Rhythmus bei Tonbandinterviews, kann bei Videoaufzeichnungen auch die Fülle der körpersprachlichen Signale, Mimik und Gestik, festgehalten und zur Information herangezogen werden.

Betroffenheit und Freude, Unsicherheit und Widersprüche werden veranschaulicht und können jederzeit auch von anderen Forschern interpretiert werden. Nur mit Videoaufzeichnung ist beispielsweise erfaßbar, was sich während einer Frage im Gesicht des Interviewten abspielt. Körpersprache ist nicht so bewußt steuerbar wie verbale Aussagen, Körperhaltung schafft Interpretationszugänge zu inneren Einstellungen. Festgehalten werden kann auch die Wohnung des Interviewpartners, die dem Betrachter einen zusätzlichen Eindruck der Rahmenbedingungen eines Interviews geben kann.

Zur Entscheidung, die Lebensbiographien teilweise weniger bekannter österreichischer Exilpublizisten auf Videofilm festzuhalten, führte - neben der Nähe zum Fach und dem Versuch des praktischen Auslotens einer Methode - die Überlegung, die Studierenden einen Ausschnitt der Kommunikationsgeschichte selbst "hautnah" erleben und dabei eine neue Geschichtsquelle originär entstehen zu lassen. Mit der anschließenden Umsetzung der geschnittenen Videofilme in schriftliche Fassungen und weiter in die hier vorliegende Publikation, wurden Schwierigkeiten und Möglichkeiten der "Kompatibilität" und der unterschiedlichen Zielsetzungen zwischen den "Medien" Video und Transkription ersichtlich.

Vorliegendes Projekt, das Ende1988 begonnen wurde und insgesamt eineinhalb Jahre dauerte, vereinigt die Lebensbiographien von zehn Publizisten, die - zwischen 1906 und 1922 geboren - als Vertriebene des Nationalsozialismus alle ein Ziel mit unterschiedlichen Mitteln verfolgten: die Konstituierung Österreichs als unabhängiger Staat und die Rückkehr in die Heimat.
Ihr Einsatz im Widerstand, in Österreich und im Ausland, reichte vom Schreiben antifaschistischer Texte, vom Schmuggeln der Flugschriften unter der Bluse, von der Arbeit im englischen Rundfunk, von Gedichten und Kunstwerken, vom Verschleudern von Flugblättern mit Katapulten unter Sonneneinwirkung, vom Erstellen von Lagerzeitungen bis zur Herausgabe illegaler Zeitungen und Zeitschriften.

Journalisten als Zeitzeugen sind für die Kommunikationsforschung von besonderem Interesse, weil ihre journalistischen Erinnerungen Gegenstand der ständigen Selbst- und Verhältnisreflexion sind; ihre Aufgabe und illusionistische Berufung zur objektiven Informationsvermittlung einerseits und die Notwendigkeit andererseits, eine politische Idee oder ein Programm zu transportieren, weisen auf ihre Bedeutung und Wichtigkeit innerhalb gesellschaftlicher Prozesse hin.
Manche Lebenswege der Interviewpartner kreuzten sich erst in der Emigration im gemeinsamen Schicksal, einige von ihnen haben einander bereits von ihrer gemeinsamen politischen Tätigkeit in der Sozialdemokratischen oder Kommunistischen Partei gekannt oder sind später in der Nachkriegszeit in Wien oder auch erst bei der Vorführung ihrer Videofilme zusammengekommen.

So waren am Beginn des Projekts das Aufspüren geeigneter Personen für ein solches Interview, die Kontaktaufnahme mit ihnen, das Studium ihrer Lebensläufe und der darin für das Thema wichtigen Punkte, das historische Umfeld dazu und die Erarbeitung des Interviewkonzeptes, Umstände, die dieser Methode besonderes Einfühlungsvermögen, Ausdauer und Zeitaufwand abverlangten.
Ebenso setzte die Durchführung mancher Interviews Geduld und Entgegenkommen der Oral Authors voraus. Die oft umständlichen technischen Vorbereitungen auf dem engen Raum eines Wohnzimmers komplizierten die Situation zusätzlich. So konnte das Interview mit Ester Tencer in ihrer Wohnung erst nach drei Stunden Vorbereitung begonnen werden. Die leistungshungrigen Scheinwerfer brachten mehrmals das Stromnetz zum Zusammenbruch.

Die Original-Videoaufnahmen der Interviews als eigentliche Oral History-Ergebnisse waren Ausgangsmaterial zur Gestaltung einer Dokumentation über jeden der zehn Interviewten. Dramaturgische und gestalterische Stilmittel, wie Nahaufnahmen, Zoomfahrten, Schnitte, Zwischentitel, Insertschnitte und Nachvertonungen mit Tonkulisse, sind bewußt eingesetzt, um die Beiträge, die teilweise mit unprofessionellen Mitteln durchgeführt wurden, "vorführbar" zu machen. Zwischenschnitte mit Aufnahmen von Orten und Gegenden, die in Bezug zum Interviewpartner stehen, wie auch Großaufnahmen von persönlichen Dokumenten, verstärken den Augenreiz der Oral Video-Interviews, deren Länge zwischen 40 und 130 Minuten liegt.

Die von den Originalen und Dokumentationen verfertigten Niederschriften zeigten, daß die gesprochene Interviewsprache für eine Publikation teilweise völlig ungeeignet ist. Das plötzliche Fehlen der bewegten Bilder nahm den Interviews Aussage und Lebendigkeit. Außerdem wurden "Fehler", wie Auslassungen, unbewußtes Vergessen, bewußtes Verdrängen und Ungenauigkeiten durch sprachliche Stilblüten, bemerkbar. Die gemeinsame Überarbeitung und Nachrecherche mit den Interviewpartnern brachten die notwendigen Korrekturen und Ergänzungen im Sinne der journalistischen Sorgfalt. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mußte ein Kompromiß zwischen gesprochener Sprache und lesbar geschriebenem Wort gefunden werden, wobei die Aussagen weder verfälscht noch verzerrt werden durften.


Anmerkungen:
[1] Baker, Paul J.: Die Lebensgeschichten von W. I. Thomas und Robert E. Park. In: Lepenies, Wolf (Hg.) Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin. Frankfurt/Main 1981, Bd. 1, S. 254f.

[2] Paul, Sigried: Begegnungen. Zur Geschichte persönlicher Dokumente in Ethnologie, Soziologie und Psychologie. 2 Bde., München 1979, Bd. 1, S. 168.

[3] Nevins, Allan: Grover Cleveland: A Study in Courage. Dodd, Mead. New York 1932.

[4] Starr, Louis M.: Oral History in den USA. Probleme und Perspektiven. In: Niethammer, Lutz (Hg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der "Oral History". Frankfurt/Main, 1985, S. 39f.

[5] ebenda, S. 41.

[6] Columbia University in the City of New York. Oral History Research Office. Box 20 Butler Library. New York, N. Y. 10027.

[7] Jahoda, Marie/Lazarsfeld, Paul F./Zeisel, Hans: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Frankfurt/Main 1975.

[8] Haas, Hannes: Qualitative Methoden historischer Publikumsforschung. Vom Zählen zum Er-zählen. In: Bobrowsky, Manfred/Langenbucher, Wolfgang R. (Hg.): Wege zur Kommunikationsgeschichte. Wien 1987, S. 347.

[9] vgl. Berger, Karin: Video-History - vor den Grenzen die Möglichkeiten. Zu Enstehungsbedingungen und Verwendung von Video-History als Methode in der Geschichtswissenschaft. In: Botz, Gerhard/Fleck, Christian/Müller, Albert/Thaller, Manfred (Hg.): "Qualität und Quantität". Zur Praxis der Methoden der Historischen Sozialwissenschaft. Frankfurt/New York 1988. (Studien zur Historischen Sozialwissenschaft, Band 10). S. 253ff. Siehe dazu auch: Videokatalog der Medienwerkstatt Wien, Wien o. J.

[10] Trömel-Plötz, Senta (Hg.): Gewalt durch Sprache. Frankfurt 1984, S. 40.


Für den Inhalt verantwortlich: Manfred Bobrowsky