Fotos Verändern und das komplexe Bild einer Stadt

Die Fotografie, als weitgehend exakte Aufzeichnung unikaler, räumlicher und zeitlicher Situationen, besitzt viele, differenzierte Formen von visueller Präsenz und Anwendung und ist so ein guter Weg zur Annäherung an das vielschichtige urbane und soziale Phänomen Nowa Huta. 
Dieses Cross-Over-Projekt, das sich mit der ehemaligen, sozialistischen Idealstadt und ihrem Bezug zur Gegenwart beschäftigt, geht von den verschiedenen Möglichkeiten aus die dortigen Bauwerke fotografisch zu dokumentieren. 
Das gleiche Motiv in verschiedenen Techniken wiederzugeben, verweist auf die Vielzahl unterschiedlicher Aspekte dieses Themas: Farbfotos; die Architektur und Alltag dokumentieren, verändern ihr Aussehen, erscheinen in verschiedenen Verkleidungen, einmal als realistisch-romantisches Ölgemälde, dann als schattierte Bleistiftzeichnung, als ausdrucksstarker Linolschnitt oder als Cyanotypie - eine alte Reproduktionstechnik, die Fotos malerisch auflöst - auf weißem und rotem Papier. 
Bild bleibt Bild, auch wenn es anders aussieht: eine Stadt verändert sich, doch bleibt der Mensch Mittelpunkt. 
Die Fotografie, als Übersetzung einer einmaligen Realität in dauerhafte Bilder, erzeugt einen spezifischen Illusionismus, wenn sie räumliche Situationen auf die Fläche bannt. Die Raumdarstellung durch die Kamera weicht von den menschlichen Sehgewohnheiten ab, z.B.: entstehen bei Verwendung bestimmter Objektive (Weitwinkel) Verzerrungen im Bild. 
Die Komplexität des fotografischen Bildes wird auch vom menschlichen Auge nicht immer gleich und richtig entschlüsselt -es kann zu Verzögerzungen und Fehlern beim Lesen optischer Informationen kommen. 
„Die Freiheit des Pinselstrichs“ steht im Widerspruch zu: „sieht aus wie ein Foto“ Das Gegensatzpaar: „Originaltreue - Freiheit der Umsetzung“ ist auch beim Abbilden von Fotovorlagen in den traditionellen Bildtechniken (Malerei, Zeichnung, Druckgrafik) entscheidend. 
Das Fotovorbild ist wie eine Partitur nach der gemalt wird; seine Bildlogik dient als Leitfaden und als Korrektiv für die Abweichungen, die sich als unbewusste Neuinterpretationen bei, durch Menschenhand entstandenen Wiederholungen zwangsläufig ergeben. 
Das Übertragen einer Fotovorlage in eine andere Bildtechnik fügt zu den Charakteristiken der Fotografie auch jene des, jeweils dafür verwendeten, künstlerischen Mediums. Es entsteht ein „überlagertes“ Bild, das z.B.: zwar wie ein realistisch-romantisches Gemälde erscheint, doch neben dem „Blick durch das Kameraobjektiv“ noch viele andere Eigenschaften von Fotografie besitzt: Komplexität der Bildinformationen, exakte Dokumentation einer augenblicklichen Raum- und Lichtsituation. 
Das Spannungsverhältnis „Kamera Auge – menschliches Auge“ unterscheidet die, auf Fotogrundlage gemalten Stadtansichten wesentlich von herkömmlicher Vedutenmalerei. Durch das Objektiv bedingte Veränderungen bleiben im Bild als Referenz an die Fotografie erhalten, obwohl seine Oberfläche, wie die alter Gemälde aus vielen, übereinander gelegten Lasurschichten besteht. Diese Art des Bildaufbaus bezieht sich auch materiell auf das eigentliche Thema des Kunstprojekts, das vielschichtigen, urbane Phänomen Nowa Huta.
Die Gründung von Nowa Huta ist ein Teil der Geschichte geplanter Städte und Industrieanlagen, welche bis in die Zeit der französischen Revolution zurückgeht. Die literarisch-theoretische Suche nach einem ‚idealen Ort für den idealen Menschen’ ist dabei noch viel älter, sie begann bereits im 16 Jhdt., vielleicht mit  der ‚Utopia’ des Thomas Morus oder der ‚citta del sole’ des Tomaso Campanella 
Nowa Huta, von Anfang an für mehr als 100.000 Einwohner geplant und damit im Spitzenfeld stadtplanerischer Großprojekte des 20. Jhdts. wäre ohne die Geschichte der Planstadtkonzepte und ohne Einbindung in das internationale Planungsszenario undenkbar.
Die Übernahme von Gartenstadtideen oder der „neighbourhood-units“ - sie wurden um 1920 in New York entwickelt, sind dafür deutliche Beispiele. Auch die internationalen Kongresse des CIAM für Stadtplanung und Entwicklung beeinflussten die Entstehung von Nowa Huta.
Diese Offenheit für internationale Strömungen vertrug sich nicht ganz mit dem Anspruch einer ‚sozialistischen Idealstadt’ und dem politischen Klima im kommunistischen Polen der Nachkriegszeit, doch gibt diese Ambivalenz dem Stadt- und Industriegründungsprojekt aus der Mitte des 20. Jhdts. Spannungsmomente, die es noch heute lebendig und interessant erscheinen lassen.  

Überarbeitung des Textes:“ Nowa Huta und das Verändern von Fotos“ vom Dezember 2004. Nowa Huta 3-4-Nov. 2005                              

Tassilo Blittersdorff




Die Absicht auf die zahlreichen im Krieg zerstörten polnischen Städte mit dem positivem Signal mit einer Neugründung zu reagieren kam von den ‚tyrannischen Philanthropen’ des sozialistischen Regimes, war ideologisch und politisch bestimmt und wurde propagandistisch benutzt.  
Die politische Instrumentalisierung relativierte die utopistischen Planungsideen, ließ aber genügend Spielraum grünplanerisch und infrastrukturmäßig gut organisierten Lebensraum für viele Menschen schaffen, dessen architektonische  Gestaltung aestethische Ansprüche stellen konnte. 
Geht man heute durch Nowa Huta folgt der Faszination über die utopistischen Stadtplanungsideen nicht gleich die Enttäuschung über ihre Realisierung, oft kann man ein Gelingen dieses urbanen Experiments feststellen und immer neue, spannende Details in dieser Architektur entdecken. 
Nowa Huta ist kein Freilichtmuseum sozialistischer Vorstellungen vom  idealen Zusammenleben vieler Menschen sondern ein lebendiger Ort, der  als urbaner Organismus immer noch gut funktioniert. Es hat sich von seiner ursprünglichen, ideologischen und politischen Bestimmung längst befreit, ist als Solidarnosc-Hochburg im Widerstand gegen das Regime wichtig geworden, hat seine eigene Geschichte. Viele, bei der Gründung Nowa Hutas in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstandene Infrastrukturreinrichtungen bestehen noch heute, Die Grünplanung von damals sorgt auch heute für hohe Lebensqualität. Die Architektur  von Nowa Huta lockt gegenwärtig immer mehr Touristen an,