Finnische Frauengeschichte

Allgemeine Hintergründe

Landwirtschaft, stabile Agrargesellschaft bis zum späten 19. Jh.; deutliche kulturelle und sprachliche Unterschiede zwischen Westfinnland (viele westeuropäisch-skandinavische Einflüsse, Ackerbau → Dorf als Grundeinheit der Gesellschaft) und Ostfinnland (altertümliche Züge in der Kultur, Brandwirtschaft → von Großfamilien besiedelte verstreute Höfe, Großfamilie als Grundeinheit).

Kulturelle und politische Einflüsse v.a. aus dem Mutterland Schweden:

Autonomes Großfürstentum im russischen Imperium 1809–1917: konservative gesellschaftliche Strukturen (Ständetag usw.) mit neuen Perspektiven für die Industrialisierung (→ (noch mehr) Frauenarbeit außerhalb der Familie!) und die nationalistische Bewegung (Finnisch allmählich als Staatssprache etabliert, ab Mitte 19. Jh.; Finnisierung der nationalistischen Intelligenzia). Erste Bewegungen für Frauenrechte, nach skandinavischen Vorbildern, im späten 19. Jh.

Selbständigkeit 1917, Bürgerkrieg im Frühling 1918 zwischen den (von Deutschland unterstützten) ‘Weißen’ und den (von Sowjetrussland unterstützten) ‘Roten’ (unter den Roten kämpfen auch bewaffnete Frauentruppen!), Terror auf beiden Seiten, Sieg der ‘Weißen’. Konsolidierende Demokratie (Rechtsextremismus und der illegale Kommunismus erfolgreich marginalisiert).

Krieg gegen die Sowjetunion 1939–40 (»Winterkrieg») und 1941–44 (»Fortsetzungskrieg»), »Abwehrsieg» (weder Okkupation noch Sowjetisierung, trotz der Verluste).

Nachkriegszeit 1945–: politische Neutralität (unter Bedingungen der »Freundschaft» mit der Sowjetunion: »Finnlandisierung»), bewusste kulturelle Zusammengehörigkeit mit Skandinavien, Westeuropa und Nordamerika. Rasche Industrialisierung und Urbanisation; Thematisierung von Gleichberechtigungsfragen, Feminismus und Frauenbewegung nach skandinavischen Vorbildern.

Frauen in den Gesetzen und im öffentlichen Leben

»Landfriede für Frauen» erklärt 1316.

Mittelalterliche Gesetze: Frauen sind für ihre evtl. Verbrechen verantwortlich, trotzdem immer unter Vormundschaft (auch Witwen brauchen einen männlichen Vormund für ihre Kinder!), vor Gericht zeugnisunfähig:

Nämä on lailliset estehet käräiäst pois olla. Ensimäinen, Jos mies sairasna maka eli hawois. [...] Cwdheis ioldej hän ole taidhosans ia täydhes mielesäns. Seitzemäs Jos hän on neitzy eli taitamatoin. Ja heidhen syynsä sanoia ei ole maalla eli lakicwnnas [...]
[‘Diese sind die gesetzlichen Gründe, vor dem Gericht fernzubleiben. Erstens: Wenn ein Mann krank oder verwundet im Bett liegt. [...] Sechstens: Wenn er nicht zurechnungsfähig und bei vollem Verstand ist. Siebtens: Wenn es eine Jungfrau oder eine zurechnungs-unfähige Person ist, und ihr Vormund nicht in dem Land oder Bezirk verweilt [...]’]
Paras Kalu eli Tauara quin miehen Taloin Tarpeis on, se on henen laillisesti naitu Emändäns, Ioka sen warastapi häneldä, hän on corkein ia pahin waras, Sillä, se quin miehen Emännens haukuttele, ia iuoxe pois hänen cansans, Ios hän sen cansa käsitetän tuorelda työldä, nijn pitä hänen käreiän wietämän, Duomittaman ia ylöshirtettämän, ylitze caickia warkaita. Iollei mies suo hengiä Emännelläns, nijn wiedhen mös hän kärieiän ia duomitan eläuänä mahan kaiuetta.
[‘Das beste Gut und Ware im Hauseigentum eines Mannes ist seine gesetzlich angeheiratete Ehefrau. Wer ihm diese stiehlt, ist der höchste und schlimmste Dieb. Deshalb, wenn jemand die Ehefrau eines Mannes weglockt und mit ihr wegläuft, dabei auf frischer Tat ertappt wird, soll er vor Gericht gebracht, verurteilt und erhängt werden, hoch über alle Diebe. Wenn der Mann seiner Frau ihr Leben nicht vergönnt, wird auch sie vor Gericht gebracht und verurteilt, bei lebendigem Leibe begraben zu werden.’] (Landgesetz des Königs Christoffer, aus dem Schwed. ins Fi. übersetzt von »Herrn Martti» 1548)

In den Handwerkerzünften bis zum 19. Jh. waren keine Frauen erlaubt (Ausnahme: Witwen als Nachfolgerinnen ihrer Männer).

Erste Frauenvereine: Wiburger Damenverein 1836 (deutschsprachig und nach deutschen Vorbildern?; zuerst Wohltätigkeit »zum besten der Armen besseren Standes» aber auch für arme Waisenkinder usw.), weitere (schwedischspr.) Frauenvereine in den 1840er Jahren. Wohltätigkeit besonders zugunsten der Kinder und (armen, alten, arbeitslosen, verwitweten) Frauen.

Die langsame Finnisierung der oberen Gesellschaftsschichten:

»Die finnischsprachigen Schulen waren von Anfang an demokratisch, so waren auch die Mädchenschulen nicht nur für die Kinder von ‘gebildeten oder ständischen Eltern’ da, wie schon die Schulverordnung von 1843 festsetzt. -- Weil das Finnische seit dem Sprachmanifest von 1863 im Begriff war, die zweite Staatssprache zu werden, konnte eine finnischsprachige Schule günstiger für die Zukunft eines jungen Mannes sein, und ziemlich lange war es in vielen Familien [von Stand] üblich, die Söhne in eine finnischsprachige, die Töchter in eine schwedischsprachige Schule zu schicken. Diese Sitte hat natürlich die Finnisierung von Frauen verzögert. Man kann wohl mit Recht behaupten, dass die Familien [von Stand] nur durch den Willen des Mannes, des Familienoberhauptes – wenn überhaupt – finnisch geprägt wurden.» (Tuulio 1979)
 
»Den fennophilen Zeitgeist bringt [K. G. S.] Suomalainen [in seinem Handbuch zur Sprachrichtigkeit 1886] z.B. in das Gespräch ‘Neuer Stoff’ ein, wo Alma und Hilja, Schülerinnen der schwedischsprachigen Mädchenschule aber trotzdem eifrige Fennomaninnen, im Geschäft des Tuchhändlers Sofronow juussia [< schwed. ljus ‘hell’] oder mörkkiä [< schwed. mörk ‘dunkel’] tyykiä [< schwed. tyg ‘Stoff’] kaufen. ‘Aber wie ganz unwiderstehlich anmutig wären sie, würden sie sich nur ein kleines bisschen mehr um die finnische Sprache kümmern, die sie jedoch so unsagbar lieb haben!’ Die finnischen Wörter wären natürlich vaalea, tumma und kangas.» (Paula Sajavaara in Laitinen (Hg.) 1988.)

Die aktive Rolle der Frauen bei der Entstehung der modernen finnischen Sprache im 19. Jh. beschränkt sich fast gänzlich auf den Wortschatz der häuslichen Sphäre (Kodin sanasto von Ilmi HallstŽn und Lilli Lilius 1896 präsentiert Neologismen wie jäätelö ‘Speiseeis’, kyljys ‘Kotelett’, vuoka ‘Backform’ oder lautasliina ‘Serviette’).

»Im Laufe der gesamten Geschichte sind in den Einteilungen in Geschlechtsrollen diejenigen Objektivierungen, die über das Alltagsleben hinausreichen – Moral, Religion, Politik, Recht, Staat, Kunst, Wissenschaft, Philosophie – für die Männer reserviert worden. [...] An die Frauen appellierte man vor allem in der Eigenschaft der Verwirklicherinnen von festgesetzten sprachlichen Normen. [...] In welchem Grad können wir von der Muttersprache sprechen, wenn vom modernen Finnisch die Rede ist? Als eine schriftliche Ausdrucksmodalität entstand und entwickelte sich das Finnische größtenteils als eine von Männern geschaffene Sprachform, wobei die europäische, auf der gesamten lateinischsprachigen literarischen Tradition basierende Literatursprache als Hintergrundfaktor wirkte. Das gesprochene Standardfinnisch seinerseits entstand vor hundert Jahren auf der Grundlage der geschriebenen Sprache: Da es keine gemeinsame Umgangssprache gab, begannen die Gebildeten, in der Schriftsprache zu sprechen. Ist die Fremdheit, die die Frau als Verwenderin ihrer eigenen Sprache erlebt [...], vor diesem historischen Hintergrund zu verstehen? Können wir sagen, dass die Frauen, die zu Verwenderinnen des modernen Finnisch wurden, einen ähnlichen sprachlichen Akkulturationsprozess durchgemacht haben wie das gemeine Volk bei dem Entstehen der finnischen Hochsprache?» (Laitinen & Vartiainen in Laitinen (Hg.) 1988)

Meilensteine in der Entwicklung der Frauenrechte in Finnland:

Frauen in der Kultur- und Bildungsgeschichte Finnlands

Estnische Frauengeschichte

Allgemeine Hintergründe

Stabile Agrargesellschaft mit arealen kulturellen Unterschieden; wichtige Rolle der Frauenarbeit v.a. auf den Inseln.

>b 13. Jh. vom Deutschen Orden, Dänemark u.a. erobert: (zuerst nieder-, dann hoch)deutschsprachige Oberschicht: Gutsherren und Stadtbürger; ab 17. Jh. Teil des russischen Imperiums, die wichtigsten Kultureinflüsse doch aus dem deutschsprachigen Raum, Verwaltung und Rechtswesen nach den »baltischen Privilegien».

Im 19. Jh. das nationale Erwachen: Geburt der estnischsprachigen Presse und Schönliteratur, Sprach- und Orthographiereform. Erste estnischsprachige Kulturinstitutionen (z.B. Sängerfeste), erste estnische SchriftstellerInnen, KünstlerInnen usw.

1918 Selbständigkeit; Krieg gegen Sowjetrussland und die baltendeutsche Landeswehr, konsolidierende Demokratie, Landreform. Estnisch als Staatssprache, neue estnischsprachige Institutionen.

In den 1930er Jahren Gefahr des Rechtsextremismus (vapsid, »Freiheitskrieger»), autoritäres Regime (vaikiv olek, ‘schweigendes Dasein’) unter dem Präsidenten Konstantin Päts.

2. Weltkrieg: unter massivem Druck der Sowjetunion »freiwilliger» Anschluss 1940, dann die deutsche und wieder die sowjetische Okkupation, »demographische Katastrophe» (Terror, Zigtausende von Flüchtlingen v.a. 1944 nach dem Westen; Massendeportationen nach Russland).

Sowjetrepublik Estland: Gleichschaltung von Verwaltung, Wirtschaft, Bildung und Kultur, Kollektivisierung der Unternehmen und der Landwirtschaft, offiziell immer stärkere Position der russischen Sprache, viele russischsprachige MigrantInnen → passiver kultureller Widerstand.

Ende der 80er Jahren: neues nationales Erwachen (Umweltschutzbewegung, Rehabilitation des »bürgerlichen» Nationalismus und der ersten Republik), die »singende Revolution» (laulev revolutsioon), neue Selbständigkeit.

»Die Frauengeschichte Estlands ist noch ungeschrieben, aber etliches wissen wir schon, z.B. von den Ansichten zur Frauenfrage, die der große Ideologe des estnischen Volkes in der ersten Hälfte des 20. Jh.s, der hervorragende Politiker und Staatsoberhaupt der Vorkriegszeit, Jaan Tõnisson, geäußert hat. Kinder, Kirche, Küche [...] Die estnische Frau ist, nach einem weitverbreiteten Mythos, nordisch, selbständig, trägt sogar den Mann auf ihrem Buckel, wenn nötig... [Jedoch] hat die Estin ihren ‘Platz’ gehabt, und dieser Platz ist nicht die Position einer nordischen Wikingerfrau, die das Hab und Gut der Familie verwaltet, während der Mann auf dem Kriegszug ist. Dieser ‘Platz’ befand sich eher auf einem schlammigen Kartoffelacker, neben den schuftenden männlichen Leibeigenen, außerdem in der Küche, bei den Kindern, bestenfalls in der Kirche [...] Laut Sirje Kivimäe hat sich die Position der estnischen Frau eher nach kleinbürgerlich-deutschen als nach skandinavischen Vorbildern gestaltet, natürlich infolge der baltendeutschen Einflüsse. Die Baltendeutschen hat man bei uns nicht geliebt, wohl aber bewundert und nachgeahmt. [...] Und stolz sind wir ja immer noch, wenn wir von den deutschen Einflüssen in unserer Küche, in den Weihnachtstraditionen sprechen dürfen, von unserer ‘deutschen Ehrlichkeit’. [...] Natürlich ist die ‘deutsche Sache’ mehr europäisch als die finnische, schwedische oder norwegische. Dadurch ist die Estin mehr europäisch als die Skandinavinnen, auch wenn das Europäischsein eine stärkere Verbindung mit den patriarchalen Werten bedeutet. (Diese Aussage soll man mit Ironie lesen.)» (Pilvre s.a.)

Frauen in der estnischen Gesellschaft

Fragestellungen zusammengefasst

Wesentliche Faktoren?

Die untergeordnete Rolle der Frauen – in der Geschichte »wie es geschehen ist» oder in der Geschichtsschreibung?

»Der Status der Männer kommt [in einem Schullehrbuch der Geschichte] durch viele Beispiele zum Ausdruck, von denen ich hier nur eines weitergebe: Der Widerstand der EstInnen [im Original natürlich geschlechtslos: eestlased] gegen die Eroberer hielt während einer ganzen Generation an. Die Knaben wurden geboren und wuchsen zu Männern auf, sahen ihre Väter fallen und wurden selbst geschlagen. Wenn man einheitlich über den Widerstand des gesamten estnischen Ethnosses spricht, hat man Anlass zu glauben, dass der Kampf auch die Großmütter, Mütter, Schwestern und Töchter der kämpfenden Männer betroffen hat, die an den Kampfhandlungen indirekt oder vielleicht sogar direkt teilnehmen konnten. So ein patriotischer Satz wie hier erwähnt trennt aber ein Geschlecht eindeutig vom organischen Ganzen der Nation ab. Man kann mit Recht annehmen, dass die menschlichen und militären Verluste für das weibliche Geschlecht eine ebenso große Tragödie darstellten. Getrennt betrachtet sind die beiden Beispielssätze einwandfrei: das männliche Geschlecht trägt ja beim Krieg die hauptsächliche Belastung. Etwas unangebracht und widersprüchlich klingen sie aber zusammen, wenn der Widerstand aller Esten quasi auf die Söhne reduziert wird.» (Riin Hiieväli in Mikk [Hg.] 2002.)

 

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Aktualisiert 12.01.2004.

johanna.laakso@univie.ac.at