Über Verbrecher und ihre Nationalitäten

Der TMB-Kommentar erschien in der Wiener Zeitung, 6. 2. 2019.

Die Ursache von Morden liegt nicht in der Herkunft der Täter, sondern in sozialen Faktoren – und somit auch in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung.

In manch einseitiger Betrachtung wurden die jüngsten Bluttaten auf patriarchale Gesinnungen in den Herkunftsländern von Aggressoren zurückgeführt. Explizit oder implizit ergibt sich daraus die Forderung: Schafft Migration ab, dann sinkt die Kriminalitätsrate! Aber kann das stimmen? → →

Museum. Die Aneignung der Welt in ihren Dingen

Der Text erschien in der Wiener Zeitung, 19. 1. 2019.

Während für immer mehr Menschen der afrikanische Kontinent unbewohnbar wird und Geflüchtete zu Tausenden im Mittelmeer sterben, horten europäische Staaten afrikanische Kunstschätze in den Museen und pflegen mit ihnen ihren Ruf als Kulturnation.

Die international geführten Debatten um Herkunft und Verbleib von Museumsobjekten aus Übersee, für deren Erwerb so mancher Sammler vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschreckte, lassen sich nicht länger ignorieren. In diesem politischen Klima werden vielerorts in Europa die einstigen Völkerkundemuseen umorganisiert, umbenannt und mit viel Trara und professioneller Öffentlichkeitsarbeit neu positioniert. Dabei greifen sie in Ästhetik und Ausstellungskonzepten auf uralte museologische Vorbilder zurück. → →

Zurück nach Afrika!

Der Text erschien in der Wiener Zeitung, 5. 12. 2018.

Dank Emmanuel Macrons überraschendem kulturpolitischen Vorstoß ist in ganz Europa die Debatte um geraubtes Museumsgut neu entbrannt.

Frankreich hat also beschlossen, ein paar Objekte an die westafrikanische Republik Benin zu überstellen – und zwar genau 26. Ob diese Rückgabe mehr ist als eine symbolische Geste, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist sie ein Signal für andere Länder, schleunigst ihre Kulturpolitik zu überdenken. Schon bangen ganze Museumsabteilungen um ihre Bestände und fragen sich, ob sie auch mit lauteren Mitteln in ihren Besitz gelangten.

Aber all die Fragen um Restitution verweisen nicht nur auf koloniale Schandtaten, sondern mehr noch auf artverwandte rezente Verbrechen. Es wird zwar nun über vergangenes Unrecht betulich herummoralisiert, aber gleichzeitig ist die neokoloniale Brutalität nicht geringer als die koloniale. Die museale Debatte verdeckt, dass die westlichen Maschinerien der Repression immer schneller Unglück produzieren. Nur die Methoden und die Waffen sind effizienter geworden. → →

Kopftuch, immer wieder Kopftuch

Der Kommentar erschien am 29. 11. 2018 mit anderem Titel in der Wiener Zeitung.

Wie man mittels Körperpolitiken gesellschaftliche Normierungen durchsetzt.

Es gibt hierzulande ein eingespieltes Ritual. Immer, wenn man die Bevölkerung von unangenehmen Sachverhalten ablenken will, werden Kopftücher ausgepackt – und schon ist das unbequeme Thema vom Tisch, aus den Medien und aus den Gedanken potenzieller Kritiker. → →

Verheiratet wider Willen?

Der Text erschien in der Wiener Zeitung, 20./21. 10. 2018.

Erzwungene Heiraten sind gemäß islamisch fundierten Rechtsauffassungen verboten und kommen seltener vor als eingeschworene Muslimfeinde gerne hätten.

Zwei Menschen entscheiden – nach Überlegungen, die sie für reiflich halten, und weil der Sex gerade passt – den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Mitunter nimmt einer der Partner den Namen des anderen an. So passieren Eheschließungen in westlich orientierten Gesellschaften.

Es gibt jedoch in allen Regionen der Welt Heiratspraktiken, die mit diesen Gepflogenheiten nicht im Geringsten übereinstimmen. Sozialanthropologisch betrachtet ist die freie Partnerwahl eine Ausnahmeerscheinung, die sich in liberalen Industriegesellschaften durchgesetzt hat – in den letzten hundert Jahren. → →

Muslimen reicht’s.

Über eine abendliche Diskussionsrunde in Karls Garten

Das Magazin „biber“, das über die multiethnische und multireligiöse Gesellschaft Österreichs berichtet, zeichnet sich einmal aus durch diverse Durchmischung seiner Redaktion und zudem, weil es pikante transkulturelle Themen aufgreift (Selbstbezeichnung: „biber mit scharf“), die die örtliche Medienlandschaft enorm bereichern, aber keineswegs den niedrigen Instinkten huldigen wie die anderen Gratisblätter.

Unlängst war die Zeitschrift Veranstalterin eines sommerlichen Podiums- und Publikumsgesprächs im Karls Garten: „Muslimen reicht’s“. → →

Das afrikanische Österreich

Der Text erschien (in leicht veränderter Form) in der Wiener Zeitung, 5. 6. 2018.

Bezüglich der Akzeptanz von Schwarzen Menschen im Lande liegt vieles im Argen.

Unlängst fand ein kleines, aber feines Symposium statt – „Afrikaner und Afrikanerinnen in Wien“, veranstaltet am Institut für Österreichkunde, und die Vorträge und Diskussionen zeigten, dass es für Teile der alteingesessenen Bewohner Österreichs keine Selbstverständlichkeit ist, die Präsenz einer starken afrikanischen Diaspora zur Kenntnis zu nehmen. → →

Das islamische Europa

Der Text erschien in der Wiener Zeitung, 4. 4. 2018, S. 2 und auf oetz.org

Im 8. Jahrhundert betraten die ersten Muslime im heutigen Spanien europäischen Boden. Aber ihr Recht des Hierseins müssen sie 1300 Jahre später mehr denn je verteidigen.

In der aufgeheizten Stimmung um Europa und den Islam gilt nicht, was Historiker erforschen, sondern welche Ideologie Politiker und Medien vertreten. Als geschichtsvergessen erweist sich der Wunsch, dass nur die Muslime, aber nicht der Islam ein Teil Europas seien. → →

Wie viel Islam steckt in Europa?

Der Essay ist erschienen in der Taz, 26. 3. 2018, S. 12

Der Okzident hat seine so genannten Werte und Leistungen keineswegs alleine und in genialer Isolation erarbeitet, sondern hat den Orient geistig und kulturell ausgebeutet und aufgesogen, was brauchbar schien.

Ohne die intellektuellen Leistungen von Muslimen würden wir weder bequem wohnen, noch bequem liegen, noch könnten wir effizient rechnen. Im Laufe von 13 Jahrhunderten hinterließen Araber, Perser und Türken in Europa nicht nur ihr Genmaterial, sondern auch ihr Gedankengut. Ein Deutschland ohne Islam ist undenkbar. → →

Wider ein „Kopftuchverbot“ für Schülerinnen

Der Kommentar erschien am 22. 3. 2018 mit anderem Titel und Untertitel in der Presse.

Beratung wäre besser als Zwang und das Instrumentalisieren von Kindern für politische Zwecke.

Längst sind alle des Dauerbrenners Kopftuch überdrüssig, Musliminnen und Nicht-Muslime, und dennoch finden sich immer wieder Politikerinnen und Kommentatoren, die das Thema neu erfinden wollen. Ganzkörperverhüllungsverbote hat man schon hingekriegt, um die rechte Hälfte der Gesellschaft zufriedenzustellen. Jetzt geht es um Bedeckungsverbote in Schulen. Oder es geht fantasievoll nicht um Verbote, sondern um Forderungen nach kopftuchfreien Arealen, was in der gelebten Praxis auf das Gleiche hinausläuft. → →