Lehre

„Rassismus an Orten, die eigentlich ganz harmlos erscheinen“

Interview mit Karin Schneider über das Projekt „Strange Views. Ein Praterrundgang auf der Spurensuche ethnographischer Schaustellungen“

Strange Views wurde 1999 von Karin Pichlkastner, Karin Schneider, Marion Slunsky und Claudia Wulz konzipiert. Thema war der Wiener Prater als Ort der Populärkultur, an dem rassistische Stereotype und das „exotische Andere“ konstruiert wurden, insbesondere aber nicht nur durch die seit in etwa 1870 stattfindenden sogenannten “Völkerschauen“.

Ingo Pohn-Lauggas: In vielen linken Haushalten gibt es heute noch eine „Strange Box“, auch ich habe eine, die ich passenderweise zur Aufbewahrung von Bedienungsanleitungen nutze. Was aber war in einer Original Strange Box?

Karin Schneider: Die Strange Box hat man um 40 Schilling im Souvenirladen beim Wiener Riesenrad erworben und musste sie zunächst selber zusammenbasteln. Zusammen mit der Box erhielt man ein Gutscheinheft für ermäßigte Fahrten mit einigen Praterbahnen, wo man auch bestimmte Gimmicks verbilligt kaufen konnte. Beides, Bahnen und Gimmicks, hatten wir sehr genau ausgewählt. Eine Bodenmarkierung führte zu den Stationen und künstlerischen Interventionen, so wurde man durch den Wurstelprater gelotst. Die Tour begann beim Riesenrad und endete bei der Gebirgshochschaubahn gegenüber vom Schweizerhaus. Bei jeder Bahn erhielt man auch eine Broschüre, die sich mit jeweils einem Aspekt unseres Rahmenthemas auseinandersetzte: die ethnographischen Schaustellungen und die rassistischen Konstruktion des Anderen im Wiener Wurstelprater. Die Idee war, dass man sich in der Strange Box sein eigenes Pratermuseum zusammenbastelt. Die Broschüren waren sozusagen der Katalog, die Praterbahnen das Display, das man nur im Kopf mitnehmen konnte, und die erworbenen Gegenstände wurden zu Bestandteilen eines privaten Museums.

Was waren das für Gegenstände?

Eins war so ein Glupschauge, das man – warum auch immer – im Prater erwerben konnte (und wohl noch kann): ein Plastikauge, das rollt und glupscht. Der Blick und das Schauen waren für unser Projekt Strange Views (!) natürlich wesentlich: Der Blick auf die Anderen, der die Anderen als Andere überhaupt erst konstruiert. Man konnte auch kleine Plastikfernseher kaufen, die bei jedem Klick unterschiedliche Märchen zeigten oder Bilder von Wien. Uns interessierte die Konstruktion von rassistischen Stereotypen in der Populärkultur und an Orten, die als Teil der Kinderkultur oder des Tourismus eigentlich harmlos erscheinen.

Es waren also keine historischen Objekte, sondern solche, die man ganz normal auch heute im Prater erwerben kann?

Genau. Unser Ziel war, dass wir durch dieses Museumsspiels auch vermitteln, wie Museum funktioniert und wie die Konstruktion des Anderen durch die Verbindung von Blick und Text von statten geht – genau das ist ja in Völkerkundemuseen der Fall. Die Leute kauften gemäß unserer Anleitung ein ganz normales Ding des Alltags, das von uns in eine bestimmte Geschichte eingebunden wurde, nämlich jene des Rassismus in die Wiener Alltagskultur – und dadurch wurde dieses Ding zu etwas anderem. So konnte man auch begreiflich machen, wie im großen Stil Museen funktionieren.

Was hielten die Schausteller/innen im Wurstelprater von diesem Projekt?

Am Anfang waren sie aufgeschlossen und viel leichter zu gewinnen, als wir uns das vorgestellt hatten. Wir haben sie ja auch um weniger gebeten, als wir ursprünglich geplant hatten, denn eigentlich wollten wir gemeinsam mit Künstler/innen die Bahnen selbst verändern, Objekte darin anbringen usw. – das wären gewiss schwerere Verhandlungen gewesen (1). Aber als wir dann mit den Geister- und Grottenbahnen gefahren sind, waren wir richtiggehend begeistert, wie viele Readymade-Rassismuskonstruktionen darin zu finden sind, und es wurde klar, dass es unsere Intervention nicht brauchte. Die Besitzer/innen dieser Bahnen haben sich kaum für den politischen Kontext, den wir herstellten, interessiert. Sie waren so lange sehr offen, bis sie merkten, dass dieses Projekt nicht bewirkte, was sie sich erhofften, nämlich viele Leute, die das Geschäft ankurbeln, ein Feuerwerk im Prater oder dergleichen. Mit der Zeit begannen sie die Schrift am Boden zu stören, sie haben unsere Broschüren nicht mehr ausgegeben oder die Fahrpreisermäßigung nicht gewährt wie vereinbart.

Worin bestand Euer Anliegen?

Trotz unserer umfangreichen Archivrecherchen ging es uns vor allem um Gegenwärtigkeit, um die Spuren, die geblieben sind und die wir alle im Hier und Jetzt sehen können. Es ging uns um die Sensibilisierung für Rassismus und die Konstruktion des Anderen, die Selbstverständlichkeit einer weißen, kolonialistischen, antisemitischen und rassistischen Wiener Populärkultur. Gerne wird vergessen, dass der Prater nicht nur ein Ort des Vergnügens, sondern immer auch als Ort des Lernens gedacht war. Man sollte etwas lernen über die Welt oder über „die Anderen“, die „anderen Völker“. Deshalb gab es in richtigen „Zoos“ oder in den Praterbuden selbst diese „Völkerschauen“, in denen Leute aus nicht-europäischen Kontexten zur Schau gestellt wurden. Dies hatte immer den Doppelcharakter von Sexappeal, Vergnügen, bürgerlicher Inszenierung, Schaulust – und Lerneffekt am „lebendigen Menschenobjekt“. So etwas kennt man eigentlich nur aus der Geschichte der großen Kolonialmächte, doch wir wollten zeigen, dass das auch Teil der österreichischen Geschichte ist.

Gab es auch Kritik an dem Projekt?

Die Idee zu „Strange Views“ hat sich aus einem Lese- und Theoriearbeitskreis heraus entwickelt; wir waren im Grunde eine „rein weiße“ Frauengruppe, wenn man das als politische Kategorie verwenden will („im Grunde“ sage ich deshalb, weil eine der beteiligten Künstlerinnen aus Argentinien kam und in ihrer Arbeit ständig unser Thema reflektierte, nämlich dass sie kein Teil dieser Wiener Geschichte ist). Als „weiße“ Frauengruppe wurden wir in einer Weise kritisiert, mit der wir nicht gut umgehen konnten. Bei der Sensibilität gegenüber identitären Sprecherinnenpositionen hat sich in den letzten 15 Jahren viel getan, wir aber reagierten damals mit einer typisch linken Abwehrgeste, indem wir sagten, das Wichtigste sei doch, dass es ein tolles Projekt ist. Doch gleichzeitig muss man auch sagen, dass wir einen guten Punkt getroffen hatten, wenn wir betonten, dass es nicht unser Anliegen war, „Schwarze Geschichte“ in Wien aufzuarbeiten. Uns ging es um den Umgang der „weißen“ Wiener Bevölkerung, darum zu sehen, wie sie ihren Alltagsrassismus aufbaute…

Insofern ist es „weiße Geschichte“…

Ja, so sahen wir das auch. Aber es war natürlich problematisch zu meinen, dass man das einfach so voraussetzungslos machen kann.

Welche Reaktionen gab es seitens einer breiteren Öffentlichkeit?

Wir hatten ein enormes Echo und jede Menge Presse, was in keinem Verhältnis zu der Zahl an Leuten stand, die tatsächlich gekommen sind und mitmachten. Der Umgang damit war eine Gratwanderung: Es gab zum einen eine Sondernummer der marxistischen Zeitschrift „Weg & Ziel“, wir waren in Radio Orange oder im „Augustin“, andererseits hatten wir auch einen Auftritt in „Willkommen Österreich“, was damals noch keine Satiresendung war! Auch dafür wurden wir kritisiert, aber es war Teil unseres Spiels mit unterschiedlichen Formen der Populärkultur. Wir haben die Populärkultur nicht einfach als rassistisch abgetan, sondern uns immer auch als ihr Teil begriffen und mit ihr gearbeitet.

Ihr seid also bewusst an diese Orte und somit nach außen gegangen – Ihr hättet ja auch an einem „linken Ort“ eine Ausstellung machen können…

Ja, damit haben wir für Sichtbarkeit gesorgt: nicht nur mit Schautafeln und Text wie in einer herkömmlichen Ausstellung, sondern indem wir in den Ort eintauchten und mit ihm arbeiteten. Die Leute sind mit diesen Geister- und Grottenbahnen gefahren und kamen so – auch – in den Genuss des Schauvergnügens.

Eine besondere Rolle spielte das Riesenrad: Es wurde in der Blütezeit der „Völkerschauen“ erbaut und markierte die Grenze zwischen dem Prater und „Venedig in Wien“, einem sehr bürgerlichen Themenpark, der ebenso ethnographische Schaustellungen beherbergte. Gleichzeitig gibt es zum Riesenrad eine heute weithin bekannte, damals aber noch völlig verschwiegene Arisierungsgeschichte. Die Verzahnung von jüdischer Pratergeschichte mit jener des Praters als Ort der Konstruktion des kolonial Anderen hätten wir noch viel intensiver bearbeiten können – doch haben wir das damals noch nicht so wahrgenommen, heute haben wir ja viel mehr Bewusstsein für diese Verzahnung und ihre Widersprüche. Anhand des Riesenrads haben wir das allerdings eingebaut, und zwar mit den „10-Minuten-Diskursen“, die für die Dauer einer Fahrt in den Gondeln gehalten wurden: Wir haben etwa Cecile Cordon oder Ruth Beckermann eingeladen, um über die jüdische Geschichte des 2. Bezirks und die spezifische Arisierungsgeschichte des Riesenrads zu sprechen; es sprach aber auch Anny Knapp von der Asylkoordination über den Prater als migrantischen Ort, der er heute ist; und wir hatten Vortragende aus dem Bereich der Identitäts-Theorie, wie etwa Gerburg Treusch-Dieter oder Katharina Zakravsky.

Unser Anliegen mit dem Ort zu arbeiten, ein Teil dieses Ortes zu werden, wurde uns aber auch zum Verhängnis: Wir hatten auch internationale Professor/innen zu Vorträgen eingeladen, und die erwarteten sich ein universitäres Setting; doch fanden unsere Veranstaltungen im „Gasthaus Rosengarten“ statt, einem aufgelassenen und ziemlich abgefuckten Schanigarten. Kaum wer hat dort hingefunden, und so saßen wir da mit unserem Gast aus Amerika, während die Leute, die kommen wollten, irgendwo im Prater herumirrten…


Erschienen 2015 in MALMOE

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