Humboldt-Universität zu Berlin                                                             Referenten:      

Institut für Erziehungswissenschaften                                                    Sina Schreck

Seminar: Raum als pädagogische Dimension                                         Katja Kaiser

Dozent: Henning Schluß                                                                      Cornelia Feige

Wintersemester 2004/2005

 

 

 


1. Die Geschichte der Phänomenta

 

Die Phänomenta ist kein gewöhnliches Museum. Sie versucht auf anschauliche Weise, physikalische Phänomene zu vermitteln. Dabei steht die Interaktion im Vordergrund. Hier kann der Besucher die Exponate selbst ausprobieren, die Objekte berühren und deren Rätsel lösen. Naturwissenschaftliche Zusammenhänge werden so auf spielerischer Weise durch selbständiges Experimentieren erlebt und kennengelernt. Die Phänomenta bietet für alle Altersklassen wertvolle Erkenntnisse und gibt neue Impulse. Sie gehört zu den Science- Zentren und beschäftigt sich mit wissenschaftlichen Versuchen, Ergebnissen und Resultaten.

Diese Konzeption stammt aus dem angloamerikanischen Raum. Der Physiker

Frank Oppenheimer realisierte die Idee einer interaktiven Teilnahme der Besucher als neues Konzept. 1969 entstand in San Francisco ein eigenständiges Museum dieser Art unter dem Namen „Exploratorium“ und wurde zum Vorbild anderer

Science- Zentren.

Die Geschichte der Phänomenta begann vor etwa 15 Jahren in Flensburg.

Prof. Dr. Lutz Fiesser von der Universität Flensburg griff diese Idee 1985 auf. Dieser Ansatz ersetzte nicht den Physikunterricht, sondern gibt dem Menschen einen anderen Zugang zu naturwissenschaftlichen Fragen. Er wollte versuchen, den dahinter stehenden pädagogischen Ansatz dieser Ausstellungen zu präzisieren. Dabei entwickelten er und seine Mitarbeiter etwa 100 Exponate, die erstmals in der Universität Flensburg der Öffentlichkeit zugänglich waren. Aus diesen Anfängen entstand die Ausstellung der Phänomenta, die seit 1995 in Flensburg ihr eigenes Gebäude hat.

Die Phänomenta der Stadt Templin befindet sich seit 1998 im Historischen Rathaus am Markt. Die Ausstellung kam nach Templin, weil die Stadt nach etwas suchte, um sie für die Besucher wieder attraktiver werden zu lassen. Ingrid Singer, die Vorsitzende der Phänomenta und die Gründerin des Entwicklungsvereins vom Kurort, stieß auf die Phänomenta in Flensburg. Sie organisierte im Rathaus eine zuerst  zweiwöchige Ausstellung mit 12 interaktiven Exponaten. Jedoch wurde sie zur Dauerausstellung und vergrößerte sich bis heute auf 35 Exponate.

Das pädagogische Konzept repräsentiert aber keinen neuen fachdidaktischen Ansatz. Schon Comenius¹ forderte einen direkten Zugang zu den Naturphänomenen und wollte einen erfahrensfördernden, auf konkreter Anschauung beruhenden Unterricht.

Darauf bezogen, sagte Comenius:

 „Nicht der Schatten der Dinge, sondern die Dinge selbst, welche auf dem Sinne und der Einbildungskraft Eindruck machen, sind der Jugend nahe zu bringen. Mit realer Anschauung, nicht mit verbaler Beschreibung der Dinge muss der Unterricht beginnen. Aus solcher Anschauung entwickelt sich ein sicheres Wissen.“[1]

Im Zusammenhang mit der Aufklärung war Comenius entscheidend wichtig.

 

2. Pädagogische Hintergründe

 

Im folgenden Teil geht es um die allgemeinen pädagogischen Grundlagen der Phänomenta. Der Bezug ist dabei nicht allein auf die Ausstellung in Templin gerichtet, sondern insbesondere auf die ursprüngliche Ausstellung in Flensburg. Zuerst möchte ich die Phänomenta zwischen klassischen Museen und Vergnügungsparks einordnen. Man kann die Phänomenta zu den Science-Zentren zählen. Sie entspricht weder den Merkmalen eines Museums im klassischen Sinn, noch denen eines Vergnügungsparks. Im Museum bleibt der Betrachter passiv und rezipierend. Texte und Ausstellungsstücke werden aus einer Distanz betrachtet, was eine gewisse Ehrfurcht hervorruft. Vergnügungsparks als Gegenstück, lösen diese Distanz auf, und stellen das Element des Erlebens in den Vordergrund. Die Bezüge zur Realität, wie im Museum vorhanden, fehlen. Es wird weder zum Nachdenken, noch zum Lernen angeregt. Ganz im Gegenteil betäubt das realitätsferne Erleben immer neuer Dinge eher. Science-Zentren liegen zwischen diesen Formen. Sie sind ebenso Felder des Erlebens. Jedoch wird Realität dargestellt, die Sinne sollen geschult werden und zum Nachdenken und Fragen wird angeregt. Belehrend wie ein klassisches Museum sollten Science-Zentren, eingeschlossen die Phänomenta, nicht sein.

Die Phänomenta stützt sich im Besonderen auf Hugo Kükelhaus (1900-1984), der individuelle, sowie gesellschaftliche Probleme auf eine unmenschliche Schule, unmenschliche Wohnung, unmenschliche Stadt und eine unmenschliche Welt

zurückführt. Seiner Meinung nach, lässt solch eine reizarme Umwelt, die die Sinne des Menschen nicht anregt, eben diese verkümmern. Kükelhaus schließt daraus, dass auch die Individuen selbst dadurch verkümmern. So entsprang seine Idee zu

Erfahrungsfeldern, um die Sinne anzuregen. Schon 1967 bei der Weltausstellung in Montreal richtete er Stationen zu naturkundlichen Geräten ein, später gestaltete er auf ähnliche Weise eine Wanderausstellung in München  (Exempla). Beim späteren Aufbau der Phänomenta in Flensburg war dann auch er einer der Mitwirkenden.

Ein Unterstützer von Kükelhaus war Martin Wagenschein (1896-1988). Er war der Ansicht besonders außerschulisches Wirken sei wichtig, da gerade die Schule die Verbindung der Schüler zu Naturphänomenen und der Wahrnehmung zerstöre. Die Sensibilität für Phänomene würde zunichte gemacht.

Auf diesen Grundlagen wurde die Phänomenta für alle Altergruppen, besonders aber für Kinder, aufgebaut. Spielerisches Lernen und ein Anregen der Sinne, wie Tasten, Sehen und Hören soll erreicht werden. Alle Exponate dürfen berührt und bewegt werden. Dies ist nicht nur erlaubt, sondern auch erwünscht. Experimentieren und eigenes Erleben soll im Vordergrund stehen, wobei die natürliche Neugier und der Spieltrieb ausgenutzt wird. Wenn das Interesse geweckt wird, die vorgestellten Rätsel zu lösen, ist ein Ziel der Phänomenta bereits erreicht. So gibt es in den Ausstellungen keine Texttafeln, sondern lediglich kurze Fragestellungen und Hinweise zu den Exponaten. Außerdem gibt es keine Messinstrumente. So wird die eigene Wahrnehmung geschult und Vertrauen in sie aufgebaut. Die Besucher sollen den Phänomenen auf die Spur kommen und die Umwelt mit ihren physikalischen und naturwissenschaftlichen Zusammenhängen verstehen lernen. Emotionale Erlebnisse durch das Experimentieren, die später erinnert werden, sollen geschaffen werden. Nachfolgend kann daran neues Wissen angeknüpft werden. So kann der Unterricht in Schulen unterstützt werden. Exkursionen und Wandertage in Zusammenarbeit zwischen Schulen und Phänomenta sind daher sehr willkommen. Ein Zitat von John Locke macht noch mal die Bedeutung der Sinne deutlich: „Nichts dringt bis zu unserem Verstand vor, was nicht zuvor von unseren Sinnen wahrgenommen worden ist“[2].

3. Die Phänomenta in Templin

 

Seit 1998 besteht die Phaenomenta nun in Templin. Im Gegensatz zu anderen Zweigstellen der Phänomenta, wie in Lüdenscheid, Bremerhaven und Peenemünde, wurde die Phänomenta nicht in neugebauten oder umgebauten Gebäuden untergebracht, sondern bekam eine noch unrenovierte Etage im Rathaus kostenfrei von der Stadt zur Verfügung gestellt, was aber gleichzeitig auch die Gestaltungsmöglichkeiten begrenzte. Das Museum wird allerdings im Sommer umziehen und dann auch etwas an ihrem Konzept ändern. So soll zusätzlich ein Schülerlabor eingerichtet werden und eine verstärkte Zusammenarbeit mit Schulen stattfinden, die die Phänomenta zur Zeit mehr im Rahmen eines Wandertages als zur Veranschaulichung ihres Physikunterrichtes nutzen.

Die Phänomenta in Templin ist ein eingetragener Verein, dessen Finanzierung über Eintrittsgelder und Spenden läuft. Die Finanzierung von zwei Stellen trägt der Zweckverband Bildung. Die Satzung des „Phänomenta e.V.“ in Flensburg gilt teilweise auch für den Verein in Templin; dieser hat sich die Förderung und Verbreitung europäischer Kultur mit besonderem Schwerpunkt auf Naturwissenschaft und Technik zum Ziel gesetzt, sowie die Betreibung ein auf wissenschaftlicher Grundlage konzipiertes Erfahrungsfeld (Phänomenta), das besondere Aufgaben hat: erstens die Entwicklung von Stationen, die Menschen durch sinnliche Wahrnehmung grundlegende Erfahrungen ermöglichen und damit eine Basis für Rationalität und Kreativität bilden; zweitens die Qualifizierung von Menschen durch die Förderung von Kooperationsfähigkeit, Einsatzbereitschaft und sozialer Kompetenz und drittens die Bereitstellung von Bildungsangeboten, die Forschungsdrang, Wissen um zukunftsweisende Technologien und problemlösendes Verhalten fördern.

Das bedeutet also, dass neben der regulären Ausstellung noch andere Projekte zu finden sind. So finden seit 2003 alle 14 Tage Wochenendveranstaltungen statt, die sogenannten „Kabinette der unterhaltsamen physikalischen Experimente“, in denen interessante physikalischen Phänomene vorgestellt und anschaulich erklärt werden. Ebenso werden Wissenschaft - Shows und Workshops angeboten, die allerdings eher für Gruppen geeignet sind und vorher angemeldet werden müssen. Hier werden z.B. Experimente zum Thema Wasser oder Sinne durchgeführt oder der Bau einer Lochkamera angeboten.

In den Ferien gibt es Angebote, sogenannte Forscher-Camps und auch dieses Jahr soll Ostern ein Ferienlager stattfinden, in dem sich alles um das Wetter dreht.

 

Die reguläre Ausstellung ist in acht Räumen der ersten Etage des Rathauses untergebracht, wo sich etwa 40 einzelne Stationen in sieben Zimmern befinden. sowie ein großer Saal, in dem die Kabinette stattfinden. Die Räume lassen sich größtenteils in thematische Kategorien einteilen; in Räume der Knobel- und Denkspiele (auch haptische Wahrnehmung), in Räume mit akustischer Wahrnehmung, Räume zur Optik und optischen Täuschung, zu physikalischen Experimenten und zur Bewegung. Da die Experimente nicht mit Erklärungen und Lösungen versehen sind, befindet sich an der Kasse ein Ordner dazu oder man befragt den jeweiligen Mitarbeiter.

Nach unserem Rundgang stellten viele der Studenten fest, dass ihnen das Ausprobieren der Experimente Spaß gemacht hat und auch die einzelnen Räume dazu einluden, weil man sich relativ ungestört den Gegenständen widmen konnte und seine Ruhe hatte. Andere wiederum haben gerade die kleinen Räume abgestoßen, sie fühlten sich eingeengt und ohne genügenden Platz zum Ausprobieren. Sie wiesen darauf hin, dass gerade kleine Kinder Platz zum Toben und Experimentieren bräuchten, der nicht durch die nächste Zimmerwand begrenzt werden darf. Ebenso scheint es schwierig mit größeren Gruppen oder z. B. auch behinderten Menschen durch die Räumlichkeiten zu gehen, weil sie dafür zu klein sind.

Was vielleicht eher Erwachsenen als Kindern, die sicherlich mehr auf die Experimente konzentriert sind, aufstoßen könnte, ist der Zustand der Räumlichkeiten, der doch teilweise einen etwas vernachlässigten Eindruck macht. Würden nicht die Experimente sowohl räumlich als auch geistig den Kopf der Besucher füllen, könnte sich schon eine kleine Enttäuschung angesichts der Räumlichkeiten einstellen. Aber natürlich muss man auch hier die Frage stellen, ob das nicht auch der finanziellen Lage oder der personalen Unterbesetzung zuschulden kommt. Aber vielleicht ändert sich das beim Umzug in ein neues Gebäude im Sommer.

Trotz dieser Kritikpunkte ist die Phänomenta in Templin eine interessante Ausstellung, in der sich die Besucher physikalischen Phänomenen nähern können, um sie zu erforschen oder einfach nur um zu staunen.

Durch ein sehr reichhaltiges zusätzliches Angebot an Projekten hat sich die Phänomenta sowohl ein Stammpublikum als auch einen guten Stand in der Stadt aufgebaut.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur:

 

Fiesser, Lutz: Anstiften zum Denken- Die Phänomene. Flensburg 1990.

 

Phänomenta – Schriftenreihe zum interaktiven Lernen:

Kiupel, Michael: Natur und Technik erleben und begreifen: Phänomenta. .

Fiesser, Lutz/Kiupel, Michael: Interaktive Exponate – mehr als eine Attraktion für Kids.

Fiesser, Lutz: Science-Zentren. Interaktive Erfahrungsfelder mit naturwissenschaftlich-technischer Grundlage.

 

http:// www. phaenomenta.com

http:// www. phaenomenta-templin.de

 



[1] Comenius,J.A. (1592- 1670, Philosoph, Theologe, Pädagoge): Didactica Magna, zitiert nach W. 

  Schöler: Geschichte des naturwissenschaftlichen Unterrichts. Berlin 1970.

 

[2] John Locke, S.11. In: Fiesser, Lutz: Anstiften zum Denken- Die Phänomene. Flensburg 1990.