Humboldt – Universität zu Berlin

Philosophische Fakultät IV

Institut für Erziehungswissenschaften

Hauptseminar: Raum als pädagogische Dimension

Dozent: Henning Schluss

WS 2004/05

 

 

Hausarbeit

 

 

Der Comenius- Garten in Berlin-Rixdorf

 

 

Geeske Agneta Hurling                      Hella Spiess

 

 

7. Fachsemester                                                      7. Fachsemester

 

Der Comenius- Garten in Berlin- Rixdorf

1. Einleitung

In der folgenden Arbeit soll auf einige Stationen in Comenius´ persönlichem Leben eingegangen werden, die auch für seine pädagogische Arbeit von Bedeutung waren. Anschließend werden seine Ideen und Vorstellungen vom menschlichen Leben und die interpretatorische Verwirklichung durch die Eröffnung des Comenius- Gartens beschrieben.

Da es im Rahmen dieses Seminars um die Auswirkungen und Einflüsse von Raum auf die menschliche Entwicklung, insbesondere der Erziehung und Bildung geht, werden die Ergebnisse der Gruppendiskussion zum Abschluss noch einmal kurz zusammengefasst.

 

2. Stationen aus der Biographie des Comenius

Jan Komensky, auch Johann Amos Comenius genannt, wurde 1592 in Nivnice im östlichen Mähren geboren. Von 1608 bis 1611 besuchte er die Lateinschule in Prerau, an die sich ein Studium der Theologie in Herborn und später Heidelberg anschloss. Schon 1616 wurde Comenius Priester der Brüderunität, einer religiösen Gemeinschaft, die im politisch offenen Mähren viele Anhänger fand. Mit dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 wurde diese Gemeinschaft verfolgt, so dass schließlich auch Comenius 1628 nach Lissa in Polen auswandern musste. Sein Aufenthalt in Polen war für sein weiteres pädagogisches Handeln eine wichtige Zeit, da er hier viele seiner bekannten Werke verfasste, unter anderem die „Große Didaktik“, seine „Pansophie“, die „Gesamtschau der Physik“ und das „Informatorium der Mutterschul“.

Nachdem der Dreißigjährige Krieg 1648 beendet war, wurde Comenius leitender Bischof der Brüderunität.

Zwei weitere pädagogische Werke, die im Rahmen dieser Arbeit noch genannt werden sollen sind „Orbis sensualium pictus“ (Welt in Bildern) und seine „schola ludus“ (Schule als Spiel), auf die bei der Beschreibung der einzelnen Stationen des Comenius- Gartens noch näher eingegangen wird.

Johann Amos Comenius starb im Jahre 1670 in Amsterdam.

 

Comenius hat sich selbst immer als Theologe verstanden; erst die äußeren Umstände seiner Zeit und die Annahme einer Stelle als Hilfslehrer veranlassten ihn zu seiner intensiven pädagogischen Arbeit. Sein höchstes Ziel war auch hier immer die religiöse Erziehung des Menschen.

Aus diesem Grund soll vor der eigentlichen Beschreibung des Comenius- Gartens auf einige Aspekte von Comenius Weltsicht hingewiesen werden, die sich stark auf sein pädagogisches Verständnis auswirkten.

 

Comenius ging davon aus, dass alles von Gott erschaffen war. Deswegen sollte das höchste Ziel des Menschen das Ewige Leben sein. Das irdische Leben war gleichsam nur eine Vorbereitung darauf, in dem der Mensch seinen Glauben und seine Tugenden üben und festigen sollte.

Die Möglichkeit der Erziehung zu Religiosität, Sittlichkeit und Bildung ergab sich für ihn aus der Tatsache, dass der Mensch ein Abbild Gottes sei. Durch den Sündenfall wurde diese Anlage nach Comenius Verständnis verdorben, so dass eine Erziehung nicht nur möglich, sondern auch notwendig wurde. Diese Erziehung bzw. dieses Lernen erfolgte lebenslang. Comenius teilte deswegen das gesamte Leben des Menschen in acht Schulen ein: Die Schule des vorgeburtlichen Werdens, die Mutterschule, die Gemeine Schule, die Lateinschule, die Akademie, die Schule des Berufs, die Greisenschule und die Schule des Todes.

 

Comenius pädagogisches Konzept sah vor, dass alle alles lernen sollten, wobei es ihm darum ging, dass seine Schüler den Sinnzusammenhang der Dinge erkannten. Außerdem sollten alle Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht oder ihrer persönlichen Vorgeschichte die selben Chancen erhalten, weshalb er den gemeinsamen Unterricht von Kindern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten sowie von Jungen und Mädchen vorsah. Eine weitere Erneuerung in der Pädagogik war die Einführung von Klassenstufen, damit auf den Entwicklungsstand der einzelnen Schüler eingegangen werden konnte.

 

3. Der Comenius- Garten in Berlin- Rixdorf

Die Entstehung des Comenius- Gartens ausgerechnet in Berlin- Rixdorf ist kein Zufall; vielmehr ist es die Weiterführung einer langen Geschichte.

In Böhmisch- Rixdorf wurden unter Friedrich Wilhelm I 1737 tschechische Religionsflüchtlinge angesiedelt, von denen die meisten Mitglieder der Brüderunität waren. Anlässlich des 400. Geburtstages von Comenius wurde an diesem historischen Ort 1987 mit der Planung des Gartens begonnen.

 

Der Garten, der von Cornelia Müller, Elmar Knippschild, Jan Wehberg und Henning Vierck entworfen wurde, stützt sich auf die Schriften von Comenius, der das Bild des Gartens oft als Metapher für das Leben verwendete. Der Garten selbst und die Umgebung mit ihren öffentlichen Einrichtungen wie einem Spielplatz, einer Schule, der Seniorentagesstätte und dem Friedhof, soll den  Lebensweg eines Menschen widerspiegeln.

Nach der Eröffnung des Gartens 1995 ist dieser nun der Schulgarten der angrenzenden Schule sowie eine öffentliche Grünanlage.

 

4. Die Darstellung der Schulen in der Pampaedia von Comenius

Die erste Station der Erziehung in der Pampedia, die Johann Amos Comenius im Jahr 1656 schrieb, ist die Schule des „vorgeburtlichen Werdens“. Während der Säugling im Mutterleib ist, wird er erzogen. „Der Mutterleib ist der Schulort, in dem sich Seele als Dialog, die Grundlage der Moral, ausbildet.“ (Schaller 1991, S. 155)

Vor der Geburt beginnt die Sorge der Eltern für das Kind. Diese Schule ist in drei Klassen eingeteilt. Die erste Klasse beinhaltet die Eheschließung der werdenden Eltern. Nach Comenius dürfen nur die Paare eine Ehe eingehen, die weder zu jung sind, noch zu alt bzw. alt und kränklich (ansteckend) sind noch die, die zu arm sind. In der zweiten Klasse sollen die Eheleute eine Lebensweise führen, die durch Arbeitsweise und Enthaltsamkeit gekennzeichnet ist. Die dritte Klasse ist die Zeit, in der die Frau schwanger ist. Während der Schwangerschaft sind für sie viele Dinge tabu. Zum Beispiel darf sie nicht leiden, keinen Alkohol trinken, nichts Ungesundes tun, nicht zornig, neidisch oder diebisch sein. Sie soll ihr Kind während der Schwangerschaft an Gegensätze gewöhnen. Dies tut sie, indem sie mal viel und mal wenig schläft, indem sie mal friert und dann wieder schwitzt und indem sie mal hungert und mal frisst. (Schaller 1991, S. 158 ff)

Die zweite Station ist „die Schule der frühen Kindheit, der Zeit der Kinder im Mutterschoß“. Dieser Zeitraum ist von der Geburt bis zum sechsten Lebensjahr. Jedes Kleinkind ist nach Comenius ungeformt und der Formung bedürftig. Die Ungeformtheit bezeichnet den Stoff, der in dieser Schule behandelt wird. Das, was allen Schulen zur Bearbeitung vorgegeben ist. Unter der Formung wird das Ziel der Führung und der Schularbeit verstanden.

Um die Wichtigkeit der frühen Erziehung zu unterstreichen hat Comenius einige Metaphern (Bilder) verfasst. Zum Beispiel, dass „[…] im Samenkorn ist das ganze Leben der Pflanze enthalten. Was demnach mit dem Samen geschieht, betrifft die ganze Pflanze.“[…] „Die Kindheit ist der Frühling des Lebens, man darf keine Gelegenheit versäumen, das Gütlein des Geistes gut vorzubereiten […] nichts darf er unbearbeitet lassen […], so muss auch der Samen eines guten Lebens bereits am Anfang des Lebens gelegt werden. “[…] „Ein schief der Wurzel entsprossener Stamm läßt nicht leicht von diesem Fehler, und schon gar nicht, wenn er ohne jegliche Begradigung vollends herangewachsen und hart geworden ist […].“(Schaller 1991, S. 166)

Die Schule der frühen Kindheit umfasst folgende sechs Klassen:

Die einleitende Klasse der Neugeborenen (bis 1,6 Monate). Durch Gebet und Taufe wird das Neugeborene Gott geweiht.

Die Säuglingsklasse bis eineinhalb Jahre. Die Neugeborenen müssen von der Mutter gestillt werden. Eine Ausnahme ist die Erziehung durch züchtige und fromme Ammen, die es aber nur beim Tod der Mutter oder bei adeligen Damen geben darf. (Schaller 1991, S. 176)

Die Klasse des Plapperns und der ersten Schritte. Sobald die Kinder ihre Augen von Ding zu Ding schweifen lassen, sollen sie lernen, die Sachen zu benennen, indem sie auf die Dinge zeigen. Sie sollen mit größeren Dingen beginnen, und einfache Wörter benutzen. Wenn die Kinder beginnen, sich auf die Füße zu stellen und sich aufrecht zu halten, sollen sie sich mit ihren Gliedern bewegen. Selbsttun ist ein großes Geheimnis und der Schlüssel zu jeder Tüchtigkeit.“ (Schaller 1991, S. 179)

Die Klasse des Sprechens und Wahrnehmens. In dieser Klasse sollen die Sinne angeregt werden. Man sollte Kindern die Dinge nicht erklären, sondern vorführen, zeigen und benennen.

Die Klasse der Sitten und Frömmigkeit. Die Sittlichkeit sollte dann geformt werden, wenn die Kinder etwas begehren, es aber noch nicht aussprechen können. Man soll vermeiden, dass das Kind Schlechtes lernt. Es sollten positive Sitten vorgelebt werden. Die Kinder sollen in die Kirche mitgenommen werden.

Die Klasse der ersten gemeinsamen Schule oder die Klasse des Unterrichts. Vom vierten bis sechsten Lebensjahr sollen die Kinder in einer halböffentlichen Schule daran gewöhnt werden miteinander umzugehen, zu spielen, zu singen, zu rechnen, gute Sitten und die Frömmigkeit zu pflegen.

Die Sinne des Gedächtnisses sollen noch ohne Lesen und Schreiben geübt werden. (Schaller 1991, S. 175 ff)

Die dritte Station ist „die Schule des Knabenalters“. Sie geht vom sechsten bis zum zwölften Lebensjahr. Die Kinder sind in der Zeit junge Menschen und damit die künftigen Nachfahren derer, die heute die Welt –Staat, Kirche und Schule- darstellen. Sie sind trotzdem noch Kinder und müssen deshalb auch wie Kinder behandelt werden Je nach dem Vermögen ihres Alters sollen sie Lesen, Schreiben, Sprachen lernen und leichtere Fertigkeiten ausüben. Die Schüler sollen die Bewegungen des Körpers beherrschen, die der Augen zum Lesen, die der Zunge zur raschen Aussprache, die der Hände zum Schreiben und Zeichnen. Sie sollen die Vernunft gebrauchen, in dem sie mit der Arithmetik und mit Musik etc. in Berührung kommen. Zu diesen Zielen führen sechs Klassen. Jede Klasse ist ausgestattet mit ihrem eigenen Unterrichtspensum, welches in einem Büchlein zusammengefasst ist. Diese Bücher sind nach Namen aus dem Gartenbau benannt. Sie heißen:

Plantarium – Beet

Der Inhalt dieses Buches sind das Alphabet, ein Silben- und Wörterverzeichnis, sowie Ziffern und kleine Gebete. Es gibt eine Abteilung für die Anfänger, die erstmal nur buchstabieren. Die nächste Abteilung ist für die Fortgeschrittenen, die bereits lesen können. In der abschließenden Abteilung ist das Schreiben die Hauptaufgabe. (Schaller 1991, S. 198 ff)

Seminarium – Pflanzschule

Das Ziel ist eine grobe Zerlegung der Sachen, die man wissen muss. Für ein leichteres Verständnis soll alles mittels Bildern veranschaulicht werden. Ferner sollen praktische Übungen den Schülern das Begreifen der Dinge erleichtern. Durch ein Wörterbuch (Latein – Muttersprache) sind alle Wortwurzeln in ihre Zweige und Äste gegliedert. (Schaller 1991, S. 199)

Violarium – Veilchenbeet

Dieses Buch gibt einen umfassenden und vollkommenen Überblick über die kindgemäße Sittenlehre. Durch Beispiele aus der Natur soll das Gute gelehrt werden und das Schlechte verworfen. Diese Beispiele werden auf das menschliche Handeln übertragen. Z.B.:

„ein Baum blüht, bevor er Früchte trägt. Der Mensch soll erst lernen, bevor er selber andere belehrt oder sonstige Dienste der menschlichen Gesellschaft leistet.“

„Die Rose duftet schön, aber sie wächst unter Dornen. So sind auch Vollkommenheit und Tugend etwas Schönes, aber die dazu nötigen Übungen - Arbeit und Zucht - kommen uns dornig vor.“

Die Sammlung der Sittenregeln beinhaltet zehn Regeln. Die ersten vier lauten:

}

 

 
Verlange nicht alles, was du siehst,

Glaube nicht alles, was du hörst,                               

Sage nicht alles, was du weißt,                                  

Tue nicht alles, was du kannst

 

und du wirst weise sein

(Schaller 1991, S. 199 ff)

Rosarium – Rosenhag

In diesem Buch findet eine Zergliederung der Welt, der natürlichen Dinge, verbunden mit der Praxis statt. Es beinhaltet szenische Übungen zur Erkenntnis der göttlichen Offenbarung. Ferner sollen hier Gebete erlernt werden. (Schaller 1991, S. 203 ff)

Viridarium – Ziergarten

In diesem Buch findet eine Zergliederung des Geistes statt. Es beinhaltet eine Sammlung von biblischen Kernsprüchen. Mit diesem Buch sollte sich jetzt ernsthaft um die Frömmigkeit der Kinder bemüht werden.

(Schaller 1991, S. 205 ff)

Paradisus

Dieses Buch beinhaltet religiöse und moralische Rätsel, Fabeln, Gleichnisse und mannigfache Vergleiche. Vor allem biblische Rätsel und Rätsel aus der weiten Welt z.B. physikalische, astronomische oder geografische Rätsel.

Z.B.: Welches Land ist sehr fruchtbar, obwohl es dort keinen Regen gibt? Die Antwort lautet Ägypten. (Schaller 1991, S. 209 ff)

 

5.Die Darstellung der Schulen im Comeniusgarten

Die erste Station, „die Schule des vorgeburtlichen Werdens“, wird im Comenius- Garten mit einem Walnussbaum an der Ecke Karl-Marx-/Richardplatz dargestellt. Die Tradition, in Rixdorf zur Geburt eines Kindes einen Walnussbaum zu pflanzen, macht den Walnussbaum zu einem „Lebensbaum“. Eine Tafel neben dem Walnussbaum weist auf die nahe gelegenen Familien- und Schwangerschaftsberatungsstellen hin.

Die zweite Station, „die Schule der frühen Kindheit bzw. der Mutterschulbereich“, wird durch einen großen Kinderspielplatz und die Kindertagesstätte an der Ecke Karl-Marx-/Richardplatz dargestellt. Der Spielplatz ist öffentlich, so dass er von allen Kindern genutzt werden kann. In der Kindertagesstätte befindet sich neben den Ganztagskindergruppen auch ein Hort für die Schulkinder.

Die dritte Station, „die Schule des Knabenalters bzw. die gemeine Schule“ werden in verschiedene Teile untergliedert, und vorwiegend durch unter­schiedliche Beete dargestellt.

Als erstes das „Veilchenbeet“. Durch den Geruch der Veilchen sollen die Schüler in die erste Klasse der Schule gelockt werden. Durch das Lernen soll der Schüler zu Erkenntnis kommen. Als Erkenntnis versteht Comenius die Tätigkeit.

An das Veilchenbeet schließt sich der „Rosenhain“ an. Auch in die zweite Klasse sollen die Schüler durch Geruch gelockt werden. Mit dem Begriff Rosenhain könnte Comenius die Geheimbünde meinen, wie z.B. die Rosenkreuzer. In der zweiten Klasse wirken die Individuen der ersten Klasse als Gemeinschaft, wie der Rosenstrauß, der aus einzelnen Blüten besteht.

Die nächste Station ist der „Wiesenteppich“. Daran schließt sich der Lustgarten (Viridarium) an. Hier soll die Natur beschaut werden. Der Naturkunde dient das „Weltenmeer“, ein kleiner Teich. Comenius fasst Geist als Leben auf. Die mosaischen Prinzipien Stoff, Geist und Licht wirken in der Natur zusammen und von Anfang an, keines kommt ohne das andere aus. Der Stoff ist erfüllend, der Geist gestaltend und das Licht durchdringend.

An den „Wiesenteppich“ schließt sich der „Irrgarten“ an. Hier ist die Erkenntnis nicht mehr nur Tätigkeit, sondern Arbeit. Durch Rätsel sollen Frage-Antwort-Spiele angeboten werden. Die Arbeit durch den Irrgarten führt entweder zum „Wiesenteppich“ zurück, oder zum „Arzneigärtlein“.

Das „Arzneigärtlein“ ist eine weitere Station. Die Natur gibt dem Körper Mittel für den Magen. Nahrungsmittel dienen der Erneuerung der Lebenssäfte und Lebensgeister. Die Kräuter des Arzneigärtleins wirken heilend.

Als letzte Station des Grundschulbereichs steht das „Seelenparadies“. In ihm wird die Zwiegeschlechtlichkeit des Menschen deutlich, die Mutter wird als „Stoff“ und der Vater als „Geist“ betrachtet. Das Licht ist die Liebe beider, aus der das Werkzeug für neue Dinge hergestellt wird.

(Vierck 1992, S 20 ff)

 

6. Die Lateinschule

Die Lateinschule schließt an den Bereich der Knabenschule an und ist für den Lebensabschnitt vom zwölften bis zum achtzehnten Lebensjahr gedacht.

„Das Ziel dieser Schule der Reifezeit [Lateinschule] besteht darin, das durch die Sinne gesammelte Material <silva> der Veredelung bei den Jugendlichen in eine feste Form zu bringen, dem Vermögen des Verstandes zu vollem und klarem Nutzen; denn die Würde des Menschen gegenüber den Tieren beruht auf seinem Verstande <ratio>.“ (Schaller S. 126)

Die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen sind Philosophie, Politik und Theologie.

 

Im Comenius- Garten ist die Schule der Reifezeit dargestellt durch eine Bühne und durch eine Galerie an der Gartenmauer, in der Besucher des Gartens und der Lernwerkstatt, die sich ebenfalls hier befindet, ihre eigenen Bilder ausstellen können.

Die Bühne bezieht sich auf das Buch „Schola ludus“ (Schule als Spiel), in dem Comenius kleine Theaterstücke und Dialoge für seine Schüler verfasst hat, mit denen sie sich im Spiel und in der Diskussion üben können. Auf dieser Bühne wurden 1999 auch Teile aus dem „Labyrinth“ vorgeführt, das Comenius ebenfalls verfasst hat.

Die Galerie entstand durch die Anregung des „orbis sensualium pictus“ (Die Welt in Bildern), einem Schulbuch für alle Altersstufen, das die Schüler durch  Bilder und Texte in der Muttersprache und in Latein an das Wissen der Welt heranführen soll. Comenius Buch lehnt sich wiederum an das Werk „Sonnenstaat“ von Campanella an, in dem die Welt anhand von Bildern an der Stadtmauer erlernt wird.

 

7. Die Akademie

In der Akademie „wird also die bisher durch die Sinne, durch die Verstandeserwägungen und durch Zeugnisse der Hlg. Schrift erworbene Veredelung <collecta eruditio> zu einem geschlossenen <unus> Wissen vom Ganzen gemacht, einem [aus der Wurzel gewachsenen] Baum ähnlich, wie es dem Menschen angemessen ist.“ (Schaller  S.130)

Dieses Ziel soll nun nicht mehr nur durch Diskussionen erreicht werden, sondern es kommen Untersuchungen, Beweisführungen und eigene Erfindungen hinzu.

Die Akademie ist die Schule der Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen.

 

Im Garten selbst wird der Bereich der Akademie symbolisiert durch das so genannte Auge Gottes, ein dreieckiges Steinpodest, in deren Ecken sich optische Geräte befinden. Das Mikroskop soll aufmerksam machen auf die synthetische Methode, bei der jedes Ding in seinen einzelnen Komponenten betrachtet werden kann, während das Teleskop mit der analytischen Methode einen Blick auf die Zusammenhänge der Dinge ermöglicht. Als drittes Instrument kommt der Spiegel hinzu, der die Eigenschaft des Reflektierens symbolisiert, und in unterschiedlichen Stellungen das Licht der Weisheit auch unterschiedlich  wiederspiegelt. Er soll anregen zur Betrachtung aus möglichst vielen Blickwinkeln.

Die Akademie bildet den letzten Bereich des Gartens, die weiteren Schulen liegen außerhalb im alten böhmischen Dorf.

 

 

 

8. Die Schule des Berufs

„(...) Die vorhergehenden Altersstufen und Schulen, die Zeit der frühen Kindheit, des Knabenalters usw., waren nur Stufen auf dem Weg hierher. Wer hier nicht vorwärtsschreitet, geht zurück, zumal vieles noch zu lernen übrig ist. Hier gilt es nun, nicht durch bloße Vorspiele, sondern durch ernsthaftes Tun zu lernen. (...) Hier lernt er nämlich die ernsthafte Verwendung der Dinge selbst und den vielfältigen Umgang mit den Menschen für das ganze übrige Leben. (...) Jetzt seid ihr euch selbst Lehrer und Schüler zugleich.“ (Schaller S.253)

Nach der Schule des Knabenalters, der Lateinschule und der Akademie ist die Schule des Berufs nun nicht mehr institutionalisiert, deswegen ist auch jeder sein eigener Lehrer und Schüler. In dieser Zeit sieht Comenius vor, dass die Bücher der heiligen Schrift im Original gelesen werden.

 

9. Die Greisenschule

Für die Greisenschule steht die Seniorentagesstätte, die sich in der unmittelbaren Umgebung des Gartens befindet. In ihr soll nach Comenius Vorstellungen die Vorbereitung und die Beschäftigung mit dem Tod im Vordergrund stehen:

„Das Greisenalter ist der letzte, der abnehmende Teil des Lebens, der Nachbar des Todes. (...) Die Greise haben nun einmal, wenn sie nicht von Sinnen sind, den Tod deutlich vor Augen. Worüber sollten sie lieber nachdenken als darüber, wie sie ihn, auch wenn er unverhofft kommt, empfangen können? Hier ist die Definition von Platon am Platze: die Philosophie ist das Nachdenken <meditatio> über den Tod. Denn es ist gewiß der beste Teil des Philosophierens, sterben gelernt zu haben. Sei verständig genug, gut zu sterben! Sterben ist keine Kunst. Der Tod kommt von selbst. Aber gut zu sterben, das ist die Kunst der Künste.“ (Schaller S. 280)

 

 

In der Seniorentagesstätte werden von Zeit zu Zeit künstlerische Projekte angeboten, die in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Neukölln und der HdK (UdK) stattfinden. 1998 kam es so zum „dritten Frühling“, einem Workshop zu dem Thema der Farbe Blau.

 

10. Die Schule des Todes

Die letzte Schule des Lebens ist die Schule des Todes, das Sterben selbst. Da nach Comenius Weltauffassung das irdische Leben eine Vorbereitung auf das Ewige Leben ist, sieht er diese Schule gleichzeitig als den eigentlichen Anfang an.

 

Im böhmischen Dorf symbolisiert der Gottesacker, der Friedhof am Richardplatz, diesen letzten Lebensabschnitt. Vom Friedhof aus sieht man den Walnussbaum, den Anfang des irdischen Lebens und die Schule des Vorgeburtlichen Werdens.

 

11. Abschlussdiskussion

In der Diskussion am Ende unseres Referates kam zum Ausdruck, dass die Seminarteilnehmer den Comeniusgarten als pädagogischen Raum empfinden. Einerseits deswegen, weil die Initiatoren die pädagogischen Ideen von Comenius als Grundlage für die Stationen des Gartens genommen haben, und so alle Stationen mit der Erziehung von Menschen in verschiedenen Lebensabschnitten zu tun haben. Andererseits, weil im Comeniusgarten viele praktische pädagogische Übungen mit Kindern durchgeführt werden. Unter anderen Theateraufführungen auf der Bühne im Lateinschulbereich, Forschungsseminare für Kinder etc. Die theore­tischen Grundüberlegungen für die Konstruktion und die praktischen Akti­vitäten für Kinder in jedem Alter, ganz nach Comenius Ansichten von Erziehung machen den Comeniusgarten zu einem Raum mit pädagogischer Dimension.

12. Literatur

Schaller, Klaus: Pampaedia Allerziehung, Sankt Augustin, Academia, 1991.

Veit-Jakobus, Dietrich: Johann Amos Comenius, Reinbek, Rowohlt, 1999.

Vierck, Henning (Hrsg) : Der Comenius-Garten, eine Leseprobe aus dem Buch der Natur, Berlin, 1992.